Interhaltungsvi Nr. 172. Donnerstag. (Nachdruck verboten.) soz Die Fanfare. Noman von Fritz Mauthner. Nichard erschrak vor dem Ungestüin des Vaters, das er noch niemals so schrankenlos hatte walten sehen; nur unklar erinnerte er sich aus seiner 5linderzcit, daß der Vater alle Freuden und Leiden des Hauses zu vergrößern liebte und sich leicht und gern in eine wilde Stimmung hineinredete. Der Alte ließ ihn nicht zur Besinnung konimen: er faßte ihn unter den Arm, ging mit ihm etwas ruhiger auf und nieder und ließ sich die Schriftsteller und Gelehrten nennen, die Politiker und die Dichter, welche nach Richards Meinung dem Blatt zur Zierde gereicheil würden. Nichard war völlig bezwungen, als er diese Wirkung seiner heftigen Worte wahrnahm. So gingen denn Vater und Sohn diesmal noch in Eintracht auseinander. Der alte Mettniann bildete sich ein. durch die vornehmen Ansprüche seines Sohns plötzlich auch einer von den aristokratischen Verlegern geworden zu sein, die er zu verachten vorgab und denen er sich fürs Leben gern gleichgesetzt hätte. Nichard aber hatte die erste ruhige Stunde seit seiner Rückkehr. Wenn ein Gefühl tiefer in ihm wurzelte als seine Neigung zu Johanna, so war es der alte, unklare Knabenwunsch, das Verhältnis zu seinem Vater freundlich zu ordnen. Und wenn ein Schmerz schwerer auf ihm lastete als das schändliche Elend Johannas, so war es die Ucberzengung ge- Wesen, daß sein Vater ihm durch sein ganzes Wesen jetzt ferner stand als je. Und nun hatte seine Empörung ihm den Mund geöffnet, er hatte gegen den Vater ein befreiendes Wort gesprochen und statt einer weiteren Entfremdung, statt eines unnatürlichen Bruchs war ein Einvernehmen daraus gefolgt. Das mußte noch besser werden; Richard wollte seinen reineren Geschmack, seine höhere Bildung dem Vater znr Verfügung stellen und ehrlich an der Veredelung der Zeitung mitwirken, anstatt trotzig zur Seite zu stehen und dem Vater unrecht zll thun: er wollte ihn und das Blatt schnell zu sich emporheben und sich so am eignen Vater einen Freund erobern. Frischer als je eilte er noch in derselben Stunde zu Frau Leoutine: er machte nur den Umweg über die nächste Blumen- Handlung, unc der schönen Freundin am Neujahrstage nicht ohne einen Strauß entgegenzutreten. Die AuSlvahl war nicht mehr groß; die beiden hübschesten Stücke waren noch ein großer Büschen von langstieligen Parmaveilchen und ein Spiegel, dessen einfacher Nietallrahmen mit einem dichten Kranz von Marschall- Niel- Rosen umwunden war; er liebte diese Eintagsspiegel nicht und nicht Leontinens Lieblingsblume, aber er mochte ihr auch nicht die Veilchen bringen, er wußte den Grund im Augenblicke selber nicht. So kaufte er den Spiegel und gab Aufttag, ihn sofort an die Adresse bringen zu lassen; er selbst nahm als Vorläufer seiner Neujahrsgabe eine einzelne, faustgroße Marschall-Niel-Rose, die ihr schweres Haupt, wie übersättigt von Saft und Duft, am Stengel niederhängen ließ. Frau Leonttne lächelte dankbar, als er ihr die gelbe Blume überreichte, eine gleiche Rose steckte schon an ihrem Gürtel; Graf Trienitz, der sich neben ihr so langsam erhoben hatte, als wäre seine Mattigkeit Hochmut, hatte diese Rose gebracht. Leontine steckte Richards Blume ins Haar. „Dieses Schwefelgelb," sagte sie,„ist doch eigentlich gar keine Farbe; es paßt so gut zu Schwarz, daß ich es gern als Trauerbouquet eingeführt wüßte." Nichard mußte hoch in des Grafen Achtung stehen, denn dieser reichte ihm bei seinem Eintritt drei Finger, ohne daß das Einbiegen der beiden andern fühlbar war, und blieb noch fünf Minuten in der Stube; er sprach fast allein, nicht ohne Belesenheit und nicht ohne Anmut über die Bedeutung der Farben/ über die Symbolik der Blumen im Orient, ver- wechselte nur einmal das alte Troja mit Konstantinopel, und später, als er sich berichtigen wollte, mit Athen, dann flüsterte er kaum hörbar et>vas Boshaftes über die. modernen Finanz- leute. die Blumen verschenkten, deren Namen sie nicht wüßten, weil sie als Kinder noch kernen Park betteten 6 September. 19 00 hätten; endlich gab er sowohl der Hausfrau als dem andern Gaste Gelegenheit, ein Wort zu sagen, und erljob sich zum zweitenmal mit drei schweren Bewegungen gemächlich von seinem Stuhl. Er hatte sich noch nicht verabschiedet, als der Diener den Blumenspiegel mit der Karte Richard Mettmanus hereinbrachte. Nun gab es noch ein allgemeines Lachen, das nicht ganz frei von Verlegenheit war, denn Graf Trienitz hatte heute morgen genau denselben Rosenbau hergeschickt, nur daß Richards Ge- schenk jetzt frischer war. Diese Bemerkung war nach einigem Schweigen das erste Wort Leontinens, nachdem der Graf sich mit einem leisen Handkuß empfohlen hatte. Nichard»var seit der Aufführung seiner„Fata Morgana" mit der schönen Frau zum erstenmal allein und ahnte, daß diese Stunde für sie beide entscheidend werden könnte. Ter glückliche Verlauf seiner Unterredung mit dem Vater hatte ihn mitteilsam und weich gestimmt; und er hatte so viel auf dem Herzen, was sein Vater schwerlich verstand, was er nur in ein fein empfindendes. ihm innig zugethanes Frauengemüt ausströmen lassen konnte. Was ihn von Leontine fern hielt, sobald der Zauber ihrer Nähe nicht mehr wirkte, das vergaß er jetzt völlig und das wollte er vergessen; dos schöne Weib war seine einzige und beste Freundin, an ihrer Brust wünschte er die traurig beendigte Geschichte seiner armen, jungen Liebe zu vergraben, und von ihren Lippen wollte er ewiges Vergessen trinken, wenn es für ihn ein Vergessen gab. Leonttne fühlte Richards Wunsch ans dem Zittern seiner Stimme und ans seinen unruhigen Bewegungen. Hattej sie eine Stunde vorher vielleicht noch geschwankt, jetzt war sie ent- schlössen, diesen leidenschaftlich.bewegten, ehrlichen Menschen zu fesseln und zu behalten. Sie gab dem eintretenden Diener, der wieder ein Neujahrsgeschenk, einen hohen Aufsatz von Mai- glöckchen hereinbrachte, den Befehl, für heute niemand mehr vorzulassen: sie wolle ungestört bleiben. Der Diener stellte die Blumen zu den andern und entfernte sich geräuschlos. Richard war mit Leontine allein, und sie hatte eben gesagt, sie wolle mit ihm ungestört bleiben; er wußte es. daß es nun in seiner Macht lag. dieses köstliche Weib, das ihn berauschte, zu umfassen, zu küssen, und daß er es erreichen konnte, von Stunde an neben ihm, seinem Weibe, ein beneidenswertes Dasein zu führen. Auf eine stumme Handbewegung Leontinens hatte er sich neben sie ans das kleine Sofa gesetzt; so �ruhten sie. jeder in seiner Ecke, dicht neben einander, beide befangen, beide schwer atmend. Leontine fühlte mit Behagen, wie das Blut ihr die schönen bleichen Wangen färbte. Nur ein leiser Seufzer Leontinens war es, der plötzlich die Stille unterbrach, aber er reichte hin. um Richard aus den Träumen zu erwecken; Plötzlich ergriff er ihre beiden Hände und im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen, seinen Kopf in ihren Schoß gedrückt; die Hände hatte er dann schon wieder losgelassen und ihren Leib stürmisch um- fangen. Leontine wehrte sich nicht; mit halbgeöffnetem Munde. mit geschlossenen Augen warf sie den Kops nach rückwärts. und während ihr ein kalter Schauer vom Herzen bis zu den Haarwurzeln lief und ihre Wangen blasser als je erbleichten. bewegte sie die Lippen zu Worten, die sie unhörbar lispelte: „Endlich l Das Glück I" Und als plötzlich Richard seine rechte Hand fortzog und mit ungestümer Bewegung die Rose von ihrem Gürtel fort- riß und mitten in die Stube warf, dann Leontine noch fester umschlang und sein Gesicht schwer in ihren Schoß legte, da ließ sie ihre kühlen Finger alle auf seinem Kopse ruhen, und weich mit seinen Haaren spielend, sprach sie leise: „So liebst Du mich, Richard?" Er schüttette heftig den Kopf, als wollte er sagen: sie solle jetzt nicht sprechen. Da rief Leontine laut, mit höhnischen Lippen und sieg- reichen Blitzen der Augen, als hätte sie das feindliche Schicksal besiegt: „Endlich! Das Glück!" Und sie wühlte mit Lust in den braunen Haaren des liebsten Menschen. Nichard hörte ihren Ruf nicht und Mite ihre Hände nicht; mit ihm war ettvas Außerordentliches vorgegangen. Johanna war ihm wieder erschienen, und er konnte sich vor dem sehnsüchtigen Glanz ihrer klaren Augen nicht anders retten, als indem er das schöne, verführerische Weib an sich preßte und in der Umarmung das Bild der Versucherin aus- löschte. Während er aber die Arme um das blühende Leben Leontinens geschlungen hatte und seine heißen Augen in den Falten ihrer Seide barg, da sah und hörte er nichts mehr als Johanna: Johanna hielt er umschlungen, zu Johannas Füßen lag er, und Johanna beugte ihn, verzeihend und lächelnd, das schöne Haupt, und glück- berauscht, in einem Taumel, aus welchem niemand ihn erwecken sollte, bewegte auch er unhörbar die Lippen und flüsterte ein einziges Wort: „Johanna l" Er wollte nicht zurückgerisien werden in daS wache Leben, darum schüttelte er heftig den Kopf, als er plötzlich, wie aus weiter Ferne, eine feindliche, fremde Stimme vernahm, darum schleuderte er die Blume fort, die einen feindlichen, fremden Duft ausströmte, und fester und fester zog er Jo- hanna an sich. Es war eine lange glückliche Zeit, die Minuten, welche dem Paare so entschwanden. Während Leontine wie in fugend- licher Seligkeit lächelte und dabei schon flüchtige Pläne für die Form der Eheschließung entwarf, fühlte sie langsam, wie Richards Umschließung immer enger wurde, dann plötzlich nachließ, wie ein jäher Thränenschauer den Körper des Manns erschütterte, wie er dann ihre Hände suchte und eine um die andre an seine Lippen zog. Nun war es bald Zeit, vernünftig zu sprechen. Sie beugte ihren Kopf nieder, hob mit beiden Händen Richards Haupt empor und flüsterte: „Steh auf, Du lieber Narr, setze Dich wieder ordentlich neben mich; wir müssen uns wie zwei erwachsene Menschen benebmen und haben uns viel zu erzählen." Sie blickte erschreckt in seine Augen; daraus war jede Spur von Glück entflohn, und wie entsetzt blickte er sie an; er erhob sich müde, ohne ihre Hände loszulassen, setzte sich neben sie und sagte mit trübem Lächeln: „Ich bin noch gar nicht so alt. wie Du mich haben willst; Du mußt Geduld mit mir haben!" tFortsevung folgt.) Das Dttchsgemerve dev TVeltAuspellung. In der Heimat haben sich die deutschen Jünger der„schwarzen Kunst" nicht immer des besten Wohlwollens der Behörden zu er- freuen. Aber in Paris, wo man auf der Weltausstellung zeigen will, was Deutschland kann, ist dem Buchgewerbe der vornehmste Platz eingeräumt worden, der zu vergeben war. Das mit großer Pracht in der Rue des Nations, dicht am Ufer der Seine, errichtete„Dentsche HanS", das ja schon früher hier beschrieben wurde, birgt in seinem Innern eine stattliche Reihe von Llusstellungssalen, und mit Aus- nähme eines der Photographie und eines den sogenannteil.Wohl- fahrtsbestrebnngen" gewidmeten ZinimerS sind sie alle dem Buch- gewerbe zur Perfügung gestellt worden. Alle unsre alten Verlagshänser finden wir hier mit ihren besten Leistungen vertreten, ihren Prachtwerlcn, ihrer wissenschaftlichen Litte- ratur, ihren populären Schriften. Und würde auch gewiß der Inhalt vieler dieser Bücher zu begründeten Ausstellungen Veranlasinng geben: in technischer und künstlerischer Beziehmig sind es vielfach Musterwerke. In England ist man vielleicht weiter in der Knust, ein Buch in Inhalt, Schrift., Illustration, Einband als einheitliches Ganzes zu behandeln, die einzelnen Verlagsartilel individuell und eigenartig auszustatten. In Frankreich steht die Luxnsbnchbindcrci hoher als bei uns, weil eS dort seit Jahrhunderten zahlungsfähige Bücher- licbhabcr gegeben hat, die große Sunimen ans die Ausstattung ihrer Bücher verwenden. Die Buchbinder hatten also inehr Gelegenheit, �Eechnik und Kunstgeschmack zu bilden, als bei uns, wo auch die reichen stLeute für ihre Bücher nicht viel übrig zu haben pflegen. Aber alles in allem genommen, steht unser Buchgewerbe sehr hoch. Fehlt es an Aufträgen für die Luxusbinderei, so ist die Großbuchbinderei dafür um so entwickelter. Das was mau auf diesem Gebiet vor allein in Leipzig leistet, wird vielleicht in seiner Leichtigkeit und Eleganz auf der ganzen Welt zu demselben Preise Nicht nachgemacht. Ebenso zeigt die Ausstellnng der eigentlichen Drnckproben, in der die bekanntesten deutschen Druckereien vertreten sind, daß das Land, von dem die Buchdruckerkuuft ausgegangen ist, auch heute mit seinen typographischen Leistungen Noch in der' vordersten Reihe steht. Be- achtenswert ist die große Aufmerksamkeit, die in den deutschen Druckereien jetzt den neuen Jllu st rationstech niken gc- widmet wird. Besonders die verschiedenen photomechauischeu Druck- verfahren werden noch immer verbessert, wie ja auch die Autotypie, das nächtigste dieser neueren Verfahren, eine deutsche Erfindung ge» Wesen ist. Für die schwierigeren, künstlerischen Aufgaben allerdiiigS behauptet sich nach wie vor der Holzschnitt. Eine sehr hübsche Einrichtung im Deutschen Hanse ist es, daß die ausgestellten Bücher nicht nur von außen besehen, sondern auch an Ort und Stelle benutzt werden dürfen, was vielfach geschieht! Ebenso wie Deutschland haben auch verschiedene andre Staaten Sonderausstellungen ihrer Bücher und dergleichen veranstaltet. Oestreich zum Beispiel hat in seinem geschmackvollen Repräsentations- gebäude, das vielleicht das schönste auf der ganzen Ausstellung ist, eine Ausstellung seiner Zeitungen znsainmengebracht. Die östreichische socialistische und sonstige Arbeiterpresse genießt dabei den Vorzug, in Gestalt von 23 politischen und Fachblätteru räumlich ver» einigt zu sein und eine besondere Wand des östreickischen Hauses durch ihr Dasein zu verschönern. Allerdings hat Oestreich für die Bildung der Ansstellungsbesucher genug zu thim geglaubt, wenn es ihnen die abgeschnittene».Köpfe" der Zeitungen zeigt. Amerika ist toleranter. Sein großes Haus ist an sich schon ein Stückchen Zuknnftsstaat. denn die zahlreichen, luxuriös und bequem ausgestattete» Zimmer desselben stehen tagsüber den emnideten Ausstellungswanderern ohne weiteres zur Benutzung frei. Und um auch für Zerstreuung zu sorgen, werden mehrere hundert Zeitungen, die täglich aus allen amerikanischen Staaten neu einlaufe», den Be- sucheru zur Verfügung gestellt.— Auch niedrere südeuropäische und exotische Staaten haben Sonderausstellungen ihrer allerdings iveniger bedeutenden litterariscken Erzengnisse veranstaltet. ES sieht ja auch gleich so hübsch nach Bildung und Kultur aus, wo Bücher stehen! Vielleicht� noch besser, als die eigentlichen AusstclluugS» objckle, zeigen uns die Druckarbeiten, die für die praktischen Zwecke der Ausstellung geliefert worden sind, was die einzelnen Völker auf dem Gebiete der scknvarzen Kunst leiste» können. Was hat der Weltjahrmarkt in Paris nicht alles an Büchenr, Kataloge», Prackitwcrken, Broschüre» hervorgerufen I Keiner der Tausende von Ausstellern hat ohne die Druckerprcsse fertig werden können. Ungezählt sind die Millionen von illustrierte» und nichtillustrierten, gesetzten, lithographierten, geatzten Prospekte», Katalogen und Broschüren, mit denen die Ausstelluugsbesuchcr über- schüttet werden. Wer das sammeln wollte, könnte jeden Abend schwer beladen nach Hause gehen. Meistens ist dabei aber Wert auf die beste typographische Ausstattung gelegt worden, so daß man auf diese Weise einen guten Ueberblick über die Leistungsfähigkeit der einzelnen Länder gewinnt. Das Vorhandensein der oben erwähnten Sonderausstellungen der einzelnen Staaten hat zur Folge, daß in den» der Buchdruckerei eigentlich zugewiesenen Palast rechts vom Eiffelturm Frankreich gänz- lich dominiert. Dies allerdings nur hinsichtlich der hier ausgestellte» Druckerzeugnisse, keineswegs aber hinsichtlich der Druckmaschinen. In den diese» letzteren zugewiesenen großen Sälen hat Frankreich etwa zwei Drittel des Raumes mit Beschlag belegt. Aber die Menge allein thut's doch nicht I Freilich werden in einer Reihe großer französischer Fabriken gute Schnellpressen gebaut. Aber man findet dort kaum etwas andres als brauchbare Nachbildungen dessen, was die Engländer und die Deutschen vorgemacht haben. Der.Figaro" und das„Petit Jonnial" haben ein paar Rotationsmaschincn aufgestellt, um einen Teil ihrer Auflage in der Ausstellung drucken zu lassen. Aber das ist ja am Ende auch nicht überwältigend neu. In technischer Beziehung kann sich das französische Zeitlingswesen mit dem englischen und deutschen überhaupt nicht messen. Giebt es doch in Paris, der Dreimillioneustadt, noch keine Zeitung mit zwei Ausgaben am Tage l Dabei erscheinen die nieisten Blätter nur einen Bogen, also vier Seiten stark. Und als der.Figaro" vor einigen Jahren begann, einen halben Bogen zuzulegen, da kam dies einer Revolution gleich, und nur ganz wenig Blätter sind bisher auf der gefährlichen Bahn gefolgt. Die übrigen Länder sind ziemlich schwach durch Druckmaschinen vertreten. Nur Deutschland macht eine Ausnahme. Feiert doch der deutsche Maschinenbau überhaupt Triumphe in Paris, und wieder» holt hat der Schreiber dieses auf der Straße oder am Wirtshaus- tisch aus dem Munde von Franzosen begeisterte Schilderungen der „rnaclunes allemandes" gehört. So stammt denn auch in der Druckerei- Abteilung der„Clou" aus Deutschland. Es ist ein wahres Monstrum von einer elektrisch angetriebenen Sechsfarbendrnck-Notations- ninschiue, von den vereinigten Fabriken in Augsburg und Nürnberg ausgestellt. In den Nebensälen finden wir eine kleine h ist arische Aus- st e l I u n g zur Geschichte des Buchs. Jnteresiant sind in rolcs Leder gebundene Bücher aus der Zeit der französische» Revolutio» mit dem in Gold aufgeprägten damaligen Symbol der Revolution, dem aufrecht stehenden Säbel mit der phrygischen Mütze auf der Spitze. Groß � und sehenswert ist die Ausstellung moderner französischer Drucklverke. Es ist ja bekannt genug, daß Frankreich auf dem Gebiet des Buch- und besonders des Kunst- dnicks Hervorragendes leistet. Der gute Geschmack ist hier von jeher zu Hause gewesen, und Entartungen, die ja auf das Strebe» nach Forlschritt zurückzuführen sein' mögen, finden sich nicht so häufig wie anderivärts. Aber die alten Kunsttraditionen haben auch ihre Gefahren. Das zeigt sich gerade im französischen Kunstgewerbe. Man kommt dort viel schi»erer los von den historischen Stilformen, als bei uns, wo sich besonders auch in der Vuchdruckerei das Bestreben zeigt. Neues, Modernes zu schaffen. Bei uns hat sich' die Vuchdnickerci fast überall der«modernen Richtung" angeschloffen, ja sie wirkt infolge der Lciöbtigkeit, mit der sie die modernen, frei erfundenen dekorativen Forme» verwenden und in die Menge werfen kaim, besonders werbend und popu- larisierend. Den modernen Bestrebungen hat sich auch die Reichs- druckerei in Berlin angeschloffen, von der es ja bekannt ist, daß sie auf allen graphischen Gebieten durchaus Hervorrageudes leistet. Auch so ein kleines Beispiel zur Widerlegung der Manchesterlehre, wonach ernstes Fortschrittsstreben nur in von der Konkurrenz ge- peitschten Privatbetrieben zu erivarten sei. Die Arbeiten der könig- iichen Porzellan-Manufaktur und der Reichsdruckerei beweisen das Gegenteil I Von all dem Schönen, womit die Neichsdruckerei in Paris vertreteil ist, wollen wir nur eins erivähneu: den amtlichen deutschen Katalog der Weltausstellung. Daß' es eine typographiiche Leistung ersten NangeS ist, kann nicht bestritte» Iverdcin Tie Schrift dazu ist spccicll für diesen Ziveck in der Neichsdruckerei angefertigt worden. Sie lehnt sich, wie mitgeteilt wird, an Typen von rundlichem Schnitt an. die bei den deutschen Druckern der gothischcn Epoche für verschiedene Sprachen üblich waren. Die. eigentümlich deutsche" Schrift habe daher auch für die französische und englische Ausgabe des Katalogs verwendet werden können. Sie soll, entgegen dem sonstigen Princiv der Reichs- druckerei, durch Abgabe der Matern au Privatgießcreieu der All- geineiuhcit zugänglich gemacht iverden. Als gänzlich verfehlt muß jedenfalls der Versuch betrachtet Werden, durch llebernahme der Schrift in die französische und eng- lische Ausgabe den Antiqua druckenden Ländern(Antiqua heißt in der Buchdruckersprache, was die Laien„lateinische Schrift" nennen) diese für sie nur schwer lesbare deutsche Schrift aufdrängen zu wollen, die übrigens nichts andres ist, als eine Antiqua mit an- gebogenen„deutschen" Ecken und Kanten. Verfehlt ist es ferner mid erschwert die Ilebcrsicht, bei den Zcilenanfängen der Absätze keinen Einzug zu maciien. Der Buchschmuck rührt von dem Maler P a n k o k in München her, der auch die ganze Drucklegnng nach künstlerischen Gesichts- punkten geleitet hat. Seine Vignetten werden manchem zu „sccejsiouistisch" sein. Aber es sind durchaus originelle Arl»eite>l, alle im Flächenstil, wie es sich für die Verzierung eines Buchs ge- ziemt, und vielfach von den geschmackvollsten Farben- zusammenstellungen. Manche siitd sehr plump sivir rechneu dazu das den einzelnen Abteilungen des Buchs vorgeklcbte Kartonblatt), andre aufs äußerste zierUch und elegant. Ueberall zeigt sich jeden- falls Erfindungskraft und das rege Bestreben, mitzuwirken an der Ausbildung eines nwdernen„Stils". Und es ist uns lieber, die Reichsdrnckerei auf solchen Bahnen zu sehen, als in den ausgefahrenen Geleisen. Max Pfund. Kleines Feuillekon. en. Eine rätselhafte und bisher unbekannte optische Täuschung hat ei» Gelehrter des Amherst-College in Amerika, Namens Piere e. entdeckt, und in der letzten Ausgabe der„Science" ausführlich beschrieben. Da jeder, der sich für derartige Dinge inieressiert, die Erscheinung mit geringen Mitteln selbst hervorbringen und prüfen kann, so wird ihre Schilderuug am Platze sein. Der einzige„Apparat", der unbedingt nötig ist, ist ein System von dicht- gedrängten schwarzen und weißen Linien und ein in der Nähe be- fiudlichec völlig dunkler Hintergrund, Am besten besorgt man sich ein Stück gcivöhnlichen schwarzen Tuchs von der Größe einer Elle im Quadrat, auf dem schmale iveiße Linien im Abstand von nicht mehr ais 2 Millimeter eingewirkt sind! solches Tuch wird man in großen Warenlagern meist vorrätig finden. Das Stuck wird an die Wand ge- güngt, so daß es vom hellen Lichte getroffen ivird, und dann darüber oder daneben ein quadratisches Stück aus schivarzeni Karton befestigt, Nun ist alles zur Beobachtung bereit. Man hefte das Auge ans einen Punkt in der Nähe der Mitte des Tuchstücks und halte es wenigstens 2V Sekunden fest darauf gerichtet. Daun Ivende man den Blick schnell ans den schivarzen Karton, und die Augentänschung wird sofort erscheinen. Sie besteht in einer dünnen Wolke von Staub, der sich durch das Gesichtsfeld hindurch beivegt. Die winzigen Teilchen darin gleichen etwa den Stäubchen, die man in einem einzelnen Sonneustrahl tanzen sieht, und sind auch etwa in derselben Dichte zusammengedrängt. Die merkivürdige Erscheinung scheint bei jedem Menschen auszutreten, nur ist nicht jedes Auge dafür gleich empfindlich, iveil der eine nur 5. der andre bis zu 80 Sekmideir das Tuch mit den weißen Linien fixieren muß, ehe der iveißliche Staub wahrzunehmen ist. Ist die Täuschung einmal erschienen, so kann sie durch eine ganz kurze Fixierung des Liniensystems ivicdcr erneuert werden. Auch die Dauer der Erscheinung ist individuellen Schivnnknngen unterivorfen, sie dauert bei verschiedenen Personen verschieden lange, zivischen 4 und 30 Sekunden. Das eigentlich Sonderbare, tvas allein zu einer Er« klärung des Phänomeiis benutzt werden kann, kommt aber erst. Es fällt nämlich dem einigermaßen aufmerksamen Beobachter auf, daß dieser scheinbare Staub sich immer in einer ganz bestinunte» Rich- tuiig bewegt und daß diese Richtung stets senkrecht zu der Richtnng der weißei! Linien auf dem fixierten Tuchstück verläuft. Gelegentlich vollzieht sich die Bewegung der Iveißen Staubköinchen freilich auch in gebogenen Linien, einem Wirbel ans feinem Schnee ähnlich, oder es entstehen untergeordnete Strömungen innerhalb des Haupt- stroms. Dennoch ist eine Richtnng in der Beivegnng stets vor- herrschend, und diese stellt sich ivie gesagt senkrecht zu jenen weißen Linien. Der Beweis dafür ist auf die einfachste Weise zu erbringen. Wenn das Stück Tuch so aufgehängt Ivird, daß die weißen Linien von oben nach unten verlaufen, so bewegt sich der Stanbstrom ge- wöhnlich von rechts nach links, für manche Person freilich auch umgekehrt von links nach rechts. Wird das Tuch nun so umgehängt, daß die Linien horizontal gerichtet find, so erfolgt die Bewegung des Staub- stroms von oben nach unten oder ebenso häufig auch von unten nach oben. Es kommt sogar vor. daß die vorgetäuschten Staubteilchen teils von oben nach unten, teils von unten nach oben zu strömen scheinen. Schneidet man nun das Tuch durch und hängt die Teile so auf, daß in dem einen die Linien wagerecht, in dem andren senkrecht gerichtet find, so treten auch in dem eigentümlichen Nachbilde zwei deutlich unterscheidbare Strömungen in horizontaler und vertikaler Richtung auf. Es mag jedem überlassen bleiben, weitere Aendeningen an dem Versuch vorzunehmen und weitere Beobachtungen bezüglich der optischen Täuschung zu unternehmen. Das Unerklärliche, Rätselhafte an der Erscheinung beruht darauf, daß aus der Beobachtung eines feststehenden unveränderlichen Gegenstands ein Nachbild entsteht, dessen Teile eine Beivegnng vollführen. Wo kommt die Bewegung her?— Sie deutet darauf hin, daß rnr menschlichen Auge unfreiwillig, auch wenn der Blick nnverrückt auf einen Punkt geheftet werden soll, gewisse Bewegungen stattfinden, und es ist anzunehmen, daß z, B. in den, Fall nnsres Versuchs das Auge untvillkiirlich zwischen den einzelnen weißen Linien des beobachteten Tuchs hin und her gleitet. Danach Ivürde die Bewegung der venneiutlichen Staubteilchen eine Nachwirkung unwillkürlicher A u g e n b e w e g u n g e n während der vorausgegangenen Beobachtung sein. Es geht auS diesem Experiment hervor, daß man auf ganz einfachem Wege zu der Erkenntnis gewisser Vorgänge in den menschlichen Organen ge» langen kann, die uns sonst ganz unbekannt bleiben würden. Unsre interessante Sitzung ist noch nicht ganz beendet. Wir sehen noch ein- mal auf das Iveiß'liniierte Tuch, dieses Mal aber nur mit einem Auge, indem wir das andre zwanglos ablenken. Wenn wir dann das freie Auge wieder auf die schwarze Stelle an der Wand werfe», so bleibt die optische Täuschung aus, auch wenn die Bcobachtnug eine volle Minute gedauert hat, und sogar auch, tvenn nachher beide Augen ans die schwarze Stelle gerichtet werden. Dafür treten aber andre Erscheinungen auf, die bei dein Gebrauch beider Augen nicht zu finden sind. Die illusorischen Staubmaffen vor dem Auge stellen sich nämlich schon während der Fixierung des weißliniierten TnchS ein, sind aber den vorher beschriebenen' nicht völlig gleich, sonden, stellen eher ein Netziverk ans feinen Maschen dar, das wie auS Hellgranen Spinnweben zusammengesetzt erscheint. Auch in diesem wunderlichen Gebilde vollziehen sich gewisse Be- wegungen, die auch senkrecht zu den Linien der Tuchs gerichtet sind, aber von Zeit zn Zett durch einen Stillstand unterbrochen werden. Es würde zu weit führen, diese Täuschungen bis in ihre Einzelheiten hinein zn verfolgen, es wird schon aus den bisherigen Angaben deutlich geworden fein, daß es sich nicht um leere Gebilde der Phantasie handeln kann, sondern um Vorgänge, die ans rätsel- hasten, bisher nicht erkundeten Bewegungen im menschlichen Auge beruhen.— — Die Einführung von Moschnsochsc» nach Europa. Der„Vossischen Zeitung" wird aus Kopenhagen geschrieben: Mit M o s ch u s o ch s e l, werden die zoologischen Gärten Europas allen, Auscheiu nach bald überschwemmt werden, da die europäischen Fangschiffer. die nach der Ostküste Grönlands gehen, jetzt auch diesen seltenen Tieren, die man bisher noch nicht in Europa lebend gesehen hat, nachstellen. Einer norwegische» Fangcxpedition, die dieser Tage aus Ostgrönland heimkehrte, ist es geglückt, außer Eisbären auch drei Moschusochse» lebend zu fangen. Diese Tiere, bekanntlich die einzigen lleberresto einer entschtvundenen Erdperiode, führen außer i», arktischen Archipel Nordamerikas in Nord- und Ostgrönland ihr zurückgezogenes Dasein. In Ostgrönland ivurden sie von der deutschen Nordpol-Expedition von 18ög/70 entdeckt. und seitdem waren es wesentlich Polar-Expeditioncn, die einige Moschusochse» schösse», um Abivechteluug in ihre Mahlzeiten zu bringen, sowie wissenschaftliche Präparate zn gewinnen. Wenn sich aber jetzt auch die Fangschiffer aus den Fang der Moschusochsen legen, dürfte bald gründlich mit diesen Tieren aufgeräumt werden, dem, der Eifer, mit dem diese Leute der arktischen Jagd ob- liegen, ist bekannt genug. Glücklicherweise ist Ostgrönland den Touristen verschlossen, sonst würde die Ausrottung der Moschus- ochsen einen schnellen Verlans nehmen. Dem Unverstand der Spitzbergen besuchenden Tonristen ist es hauptsächlich zuzuschreiben. daß die Rentiere dort schon fast gänzlich ausgerottet sind. Man ist in de» hiesigen Kreisen, die sich für die arktischen Gebiete intcressicren, besonders empört über das rücksichtslose Vorgehen, das seiner Zeit das italienische Kronprinzenpaar bei seinem Besuche an der Westküste Spitzbergens an den Tag legte. indem gegen hundert Renntiere und Hunderte von Scevögeln ganz nutz- los. man möchte sagen, hingcmordet Ivurden. Was die Moschus- ochse» betrifft, so scheint eS sehr zweifelhaft sein, ob diese Tiere längere Zeit im europäischen Klima lebe» lönuen. Der Bedarf würde also sehr groß werden, wenn Zoologische Gärten, die sich damit der- sehen wollen, immer eine» Bestand an Moschusochscn zu halten ge- denken. Einen andren seltenen Gast i» Europa, den Eskimo- Hund, sieht man schon häufiger in Europa. Einige prächtige Exemplare befinden sich ini hiesigen Zoologischen Garten, die, wie der Direktor dieses Instituts erklärt, sehr gut fortkommen— allerdings muß man ihnen auch hier die Delikatessen, an die sie hauptsächlich gewöhnt sind, Fische und ab zu etwas Thran geben.— Theater. Berliner Theater: Die arme Lölvin. Schauspiel von A u g i e r. Deutsch von P a u l L i n d a u,— Das französische Knnsthandwerk, zu dem auch die„arme Löwin" gehört, ist an dieser Stelle oft genug geschildert und gewürdigt worden. Für die ernst- hafte deutsche Kunst ist es ohne Bedeutung, bestenfalls läßt sich in Bezug auf Bühnentechnik etwas davon lernen, wobei immer zu be- achten ist. daß eine Kunst um so höher steht, je mehr sie technisches Raffinement verachten darf. Als Unterhaltungslitteratur steht das Genre der„armen Löwin" im allgemeinen höher als das entsprechende deutsche. Neuerdings stelle» sich allerdings auch in Deutschland Amllseure ein, mit denen sich leben läßt, wie beijpiels- weise Dreher. Wie dem aber auch sein mag: so lauge unsre Bühnen Unterhaltungslitteratilr brauchen— und da? wird leider noch lange der Fall sein— kann man nur mit Freuden begrüßen, daß sie sich den espritvollen französischen Plaudereien zutuenden und zwar wird der Zustand um so erträglicher, je weiter sie zurück- greifen. In der„armen Lötvin" handelt es sich beispielStveise um Dinge, die so oft beklagt, so oft verurteilt, so oft gegeißelt worden sind, daß man sie ruhig als abgcthan betrachten darf, wie munter sie auch immer in der Gegenwart existieren mögen. In der preußischen Gegen- wart existiert ja zum Exempel ganz munter die Bevorzugung der Näsel- aristokratie des ostelbischeir Junkertums. Nichtsdestowemger sind die Vorrechte des Adels historisch abgethau und in einem Schauspiel, das diese Vorrechte in ihr Nichts auflöst, sitzen wir als unbeteiligte Zu- schauer. Aehnlich liegen die Dinge in der„armen Löwin", in der es sich um den Ehebruch handelt, über den nachgerade auch alles gesagt worden ist, was sich vom Standpunkt der bestehendeu Orb- imiig darüber sagen läßt. Eben dieser Umstand aber ist es, der einein normal begabten Menschen gestattet, sich in dem Stück zu amüsieren. Handelte es sich um Probleme, die uns beschäftigen, um Konflikte, die unsre Kraft verzehren, um Aufgaben, für die wir das bißchen Leben dransetzen: wir würde» uns ebenso höflich als dringend die feuilletonijtische Behandlung verbitten. Je abgethaner die Konflikte sind, um so besser. Die abgethaneu Konflikte sind das eigentliche Gebiet der Dilettanten und Auuiseure. Daß man in einem mecklenburgische» Gymnasium unter einem orthodoxen Ministerium keine Darivinistische Weltanschauung ver- tragen kann, das ist ein Konflikt für de»„Probekandidaten" und Max Dreher. Je weiter darum die Direktoren zurückgreifen, sinn so besser. Wir brauchen Konflikte, die uns völlig kalt lassen, wenn wir »ms an der blendenden Technik, den bescheidenen Ansätzen zur Charakteristik und dem gelegentlichen Funkeln des Dialogs erfreuen sollen. Unter diesem Gesichtspimlt hat Lindau klug gehandelt, al» er den alten biederen Ehebruch aufs neue in seiner ganzen Ab- scheulichkeit zeigte. I» der Darstellung fiel zunächst der sichere Zug, der durch das Ganze ging, angenehm auf. Ma rie F r a n e n d o r f e r fand in der Rolle der tugendhaften, aber leider betrogenen Frau starke und ivahre Accente. Das lasterhafte, aber lebenslustige Gegeubild wurde von Fräulein Tauma deceut. sicher und mit seine», Talent gespielt. Die Dame war meines Wissens bisher am Schauspielhaus, wo bekanntlich die Unfähigkeit der Leitung so sehr hervortritt, daß nichts andres hervortreten kann. Das„Berliner Theater" hat ganz recht gethan, die junge Künstlerin in den Vorder- gnmd zu rücken. Wenn man dem glänzenden Debüt trauen darf, ivird sie ihren Platz zn behaupten tvifieix. Ueber- dies sieht sie sehr gut aus. Ivas das Publikum nie zu ver- stimmen pflegt. Herr Roland wußte sich in der Rolle— des düpierten Gatten mit Würde zu fassen, während Herr Tauber als Salonphilosoph eine plumpe Behäbigkeit zeigte, die in den eleganten Stil des Stücks ganz und gar nicht hineinpaßte. Er fiel auch sonst nicht eben auf, weuigsteus nicht durch seine Vorzüge. Er genoß den Vorzug, in seiner Rolle die meisten und besten Pointe» zu haben, so daß er— dem Publikum gegenüber— sozusagen von seinen Reuten leben konnte. Schauspielerisch wurde er von Herrn W e h r l i n völlig in Grund und Boden gespielt. W e h r l i» spielte seine Rolle im leichtesten Kouvcrsationsstil, ohne doch künstlerisch das geringst« schuldig zu bleiben. Er gab sogar etivas darauf. E. S, Technische?. — D i e Entfernung von Beulen ans Blechhohl- k ö r p e r n. Bekanntlich ist es eine schwierige Sache, aus Blechhohl- körpern>vie Badeöfen, Kannen 2c.. ivelche nur von außen zugänglich sind. Beulen zn entfernen. Gewöhnlich wird eine Oeffuuug des Gegenstands durch Auflöten nötig, iveun mau nicht überhaupt auf die Entfernung der Beulen verzichten Ivill. Ein Versahreu, welches fast immer leicht auszuführen ist, und gut zum Ziele führt, ohne den Gegenstand zu öffneu. ist nach der„Technischci« Rundschau" folgendes: Ein Stück ans Messing oder Weißblech, etwa 10 bis 20 Centimeter lang, dessen Durchmesser etwa ein Viertel des Durchniessers der Beule beträgt, Ivird, nachdem ein Rand angebördelt ist, auf die Mitte der Beule rechtwinklich aufgelötet. An dem andren Ende des Rohres wird ein Handgriff, am einfachsten ebenfalls ans einem Stück Blechrohr, aufgelötet. Wenn man jetzt versucht, durch kräftiges Ziehen die Beule nach außen zu bringen, so Ivird das nur in den seltensten Fällen gelingen, klopft man aber mit einem Holzhammer auf die Ränder der Beule, so ist es leicht möglich, allerdings nur, wenn der Gegenstand nicht feststeht, sondern selbst elastisch befestigt ist. Dieses ist am einfachsten zu erreichen, wenn eine zweite Person den Gegenstand festhält, bezw. in der entgegengsetztcn Richtung zieht wie der Arbeiter, Ivelcher an dem Handgriff zieht. Bei sehr großen Gegenständen wird mau mehrere Personen brauchen, um den uotiveudigen elastischen Zug zwischen dem Handgriff des Werkzeugs und dem Gegenstand zu schaffen, und ein andrer Arbeiter wird nun die Schläge mit dein Holzhammer führen. Man wird aber beobachten, Ivie jeder Schlag des Holzhammers die ursprüngliche Form mehr wiederhergestellt und bei einigennaßen geschickten Arbeiten wird die Wirkung dieselbe sein, als ob sich unter dem Blech ein fester Gegenstand befände. Findet man nach Los- lösung des Werkzeugs, daß die Fläche unter demselben noch auf- fällt, oder daß einzelne andre Stellen zu flach geblieben oder ge- worden sind, so kann man durch Auflöten eines neuen Werkzeugs aus entsprechend dünnerem Blcchrohr auch diese entfernen, gerade so, als ob man an derselben Stelle innen einen festen Widerstand von gleicher Fläche ivie der Querschnitt des Rohres zur Verfügung hätte.— Humoristisches. — Litterat urhi st arisches. Bei einer Wohlthätigkeits- Akademie wird unter andrem auch„Der Erlkönig" zum Vortrag ge- bracht; in den Programmen sind durch einen Druckfehler bei' den Worten:„Er hält in den Armen das ächzende Kind" die Gänsefüßchen über dem a weggeblieben. Als der Sänger zu dieser Stelle kommt, sagt Herr Mikosch zn seinem Nachbar«:„Hat, dos ist sehr merk- würdig, der Hot gesungen„er hält in den Armen dos sächzcnde Kind" und bei mir steht das„ächzende"?"—„Kerem!" antwortet Herr JanoS,„do wird halt Dein Zettel später gedruckt worden seiiy wie er schon um zwei Kinder mehr gehabt h o t I"— — Boshaft. Gast:„Machen Sie, daß Sie fortkommen; ich kann von Ihre», Schlviudel nichts gebrauchen!" Colporteur:„Auch nicht e' Strafgesetzbuch?"— — Mißverstanden.„Lieben Sie'stilisierte Blumen, Herr Kommerzienrat?" «Natürlich! WaS soll ich machen mit'ner Blume ohne Stil?" („Meggcnd. hm». Bl."s > Notizen. — Der zweite Teil der Faust dichtnng wird im Schiller-Theater etiva erst im Dezember zum erstenmal in Sccue gehe». Der ganz:„Fanst" wird dann mehrmals in einem geschlossenen Chklns an je vier auf einander folgenden Abenden zur Aufführung gelange».— — Die Aufführung des Schauspiels„Saint G e r m a i n" von Adolf Rosöe am Berliner Theater wurde verboten. Grund: Der Held des Stücks ist der große Kurfürst.— — Die bestrafte» Elberfelder. Richard Wagners Erben hatten kürzlich einen Prozeß gegen den Direktor der ver- einigten Stadttheater Elberfeld-Banncn wegen der konzertmäßige« Aufführung ci»es Aktes aus„Parfisal" angestrengt; dieser Prozeß war vom Gericht zu Gunsten des Verklagten entschiede» worden. Den trotzdem in ihren Augen Schnldigen bestrast nun die Familie Wagner dadurch, daß sie die Ansfühnmg sämtlicher Bühnen- werke Richard Wagners in Elberfeld-Barmen für die bevorstehende Spielzeit verbietet.— — Das Preisgericht für das Goethe-Denkmal hat folgende Preise znerkaimt: 3000 M. Waegeuer- Berlin, 2000 M. B e y re r- München, 1000 M. Taschner- München. Außerdem wurden vier vierte Preise verliehen. Der erste Sieger, Waegeuer, ist Mitglied der Berliner Secessiou und ein ehemaliger Schüler von Reinhold Begas.— t. Ein großes Meteor fiel neulich in Süd-Spanien im Grenzgebiet der Provinzen Grauada, Cordoba und Jaen. Während des Falls erfolgten eine Reihe lauter Detonationen in der Atmosphäre, die die Explosion des Himmelskörpers in der Lust in beträchtlicher Höhe anzeigte». In der That sind nur Teile davon aufzufinden gewesen. Das Merkwürdigste wurde bei Val in der Provinz Jaen von einem Feld aufgelesen, es wog etwa ein Pfund, hatte die Form eines Würfels, äußerlich eine graue und auf der Innenseite eine grünliche Färbnug.— c, Ei» Riesenbau wird wieder in New AoH geplant, der an Höhe alle Gebäude übertreffen soll, die bisher zu GeschäftSzweckcn aufgeführt wurden. Die dortige„Real Estate Company" macht be- kaunt, daß sie an der Ecke des Broadway und der 33. Straße ein Gebäude errichten will, das dreißig Stock hoch werden und eine Fläche von 100 Fuß im Geviert bedecke» soll; der Gnmd und Boden allein wird 10 Millionen Mark kosten.— Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Zträbel in Berliu. Druck und Verlag von Max Babing tu Berlin.