Zlnterhaltmlgsblatt des Uorwäris N-r. 173 Freitcig, den 7. Septeinber� 1900 Machdruck verbotene viz Die FÄnfsilee. Roman von Fritz Mauihne r. Mit einem raschen, bösen Blick entzog Leontine dem Verlobten die rechte Hand, sie fühlte plötzlich, daß sie die Aeltere von beiden war, aber mich die Kältere und Klügere; es mar kein Zweifel, Richards Liebe su ihr war noch nicht ganz frei von der Er- innernng an die andre. Leoniine galt seine Leidenschaft, aber der andeni seine Erinnening nnd seine Thrnncn. Uni so besser, wenn er nun endlich zil sprechen begairn und die letzten Zuckungen der vernichtenden Jugendliebe vor Leon- tinens Augen erstarben; sie wollte die Erbin dieser Liebe sein, darum mußte sie den Mut haben, der Toten, ihrem Opfer, die Augen zuzudrücken. Die Seligkeit, in der sie eben noch geatmet hatte, war entschlnpft; sie mußte ganz ruhig sein, um sie wieder ein- fangen zu können. Sic legte die Linke um seine Schulter. „Nicht Ivahr," sagte sie mit Iveicher Stimme,„ich kenne Dich genau? Ich bin nicht Deine erste Liebe, ich habe lange mit einer unwürdigen Nebenbuhlerin zu kämpfen gehabt? Du hast Dich eben jetzt, als wir glücklich sein wollten. Deiner großen Jngendthorhcit erinnert? Deine Thränen galten nicht unsrcm Glücke, sondern irgend einein selbstverschuldeten Elend der andren'?" Richard nickte mit dem Kopfe; er glaubte, daß Leontine die Wahrheit sprach, er wniiderte sich nicht einmal darüber, daß sie seine Gedanken ins kleinste erriet, eher»vollte er au- nehmen, daß seine eigenen Gefühle ihn betrogen, als daß dieses schöne Weib irrte. „Di« kennst mich besser, als ich mich selbst kenne." sagte er und lehnte seinen Kopf ans ihre Schulter;„noch einmal— habe Geduld mit mir. Nur bei Dir kann ich Nnhe und Glück finden; ich hätte es nicht geglaubt, als ich Dich zum erstenmale sah." Und er erzählte ihr, � wie sie ihm zuerst hart und un- nahbar in ihrem Prunkzimmer und im Parke neben dem Rollstuhle ihres Gatten erschienen war. „Du siehst. Liebster," sagte sie>md streichelte dabei seine Hand,„auch ich habe Trübes genug erfahren; bin nicht unwürdig, Deine Bekenntnisse anzuhören. Sprich zil nür von Deiner Jugendthorheit, sprich zu mir von der andern; ich w ill mit Dir trauern, damit ich init Dir glücklich sein kann." Näher und näher zog sie ihn an sich heran, bis Richard wieder ihren Leib umschlungen hatte und wieder zu ihren Füßen aus dem weichen Tcppich kniete; diesmal aber mußte er sie anschauen und in ihre glücklichen Augen sehen und tapfer seine Beichte ablegen. Richard war ihr noch dankbar fiir ihren Anteil; zum erstenmal in seinem Leben durfte er offen von seiner Liebe sprechen, und daß er es zu dem Weibe that, welches ihn von seiner unseligen Neigung befreite, das machte ihn nur noch nnttcilsamer. Den Namen des geliebten Mädchens nannte er nicht, er verriet nur, daß er sie als Kind im Garten des Hanfes nebenan kennen gelernt habe. Leontine litt schwer, aber sie wollte Richard nicht frei- geben, bevor er nicht alles ausgesprochen, und so fragte sie immer weiter, sobald er perstummte. Allmählich schwand seine Befangenheit, in seinem Knnimer war es ihm ein lieber Trost, daß er endlich die Last des Schweigens, die er jähre- lang getragen, von sich werfen und einem Freunde sein Herz öffnen konnte. In Leontine wollte er darum jetzt nichts sehen als einen guten Kameraden, der an seiner Er- Zählung warmen Anteil nahm; das Weib, dem er sich so nahe fühlte, das tvar. nicht Leontine, die weichen Finger, die seine Haare nnd seine Wangen liebkosten, gc- hörten nicht ihr. Was seine Sinne gefangen nahm, das mußte zu Johanna gehören, der er sich niemals so nahe gefühlt hatte wie jetzt, da er mit einem-Berichte seiner un- glücklichen Liebe von ihr Abschied nahm. Nur die Augen, die ihn klug und freundlich anschauten, gehörten der schönen Leontine, der guten Freundin, die ihm heute seine Beichte abnahm nnd neben der er dafür zeitlebens ein ruhiges Dasein finden würde. . Richard verschwieg keines der kleinen Erlebnisse, aus denen seine Liebesgcschichte mit Johanna bestand. Leontine erfuhr� Ivie das' Mädchen nebenan im Garten einmal mit Richards Hilfe einen toten kleinen Sperling, der noch nicht flügge ans dem Neste gefallen tvar nnd den sie durch drei volle Tage am Leben erhielt, vergraben hatte nnd wie sie trauernd jeden Abend an dem kleinen Leichenhügel zusammenkamen, um zuerst über den verstorbenen Liebling und dann über die nnerfüllten Wünsche ihres Lebens zu klagen. Johannas Mutter liebte ihren kleinen Achim so sehr, daß sie für das Töchterchen keine Zärtlichkeit übrig hatte, und Richards Vater tvar wohl ohne Zärtlichkeit ans die Welt gekommen; so meinte wenigstens danials sein vierzehnjähriges Söhnchen. Johanna vermißte einen Vater, der Knabe eine Mutter, und so hattet! Richard und das kaum zehnjährige Mädchen sich eines Abends am halbzerst'etenen Hügel des toten Sperlings ans das Rasengcländer gesetzt und hatten einander mit cincin feierlichen Schwur, nach Art der alten Römer— Richard las in der Schule eben den Titus Livius— gelobt, einander niemals zu verlassen und sich gegenseitig Vater und Mutter zu sein u>id nebenbei wohl auch Bruder und Schwester, ivie das bei Homer, wenn Hektar von Adromachc Abschied nnimit, so schön ausgeführt ist. Da- mals hatten sie den ersten Kuß getauscht, ein.Kuß, von dem die Sinne nichts wußten nnd von dem er keine andre Er- innernng hatte als von dem ersten verlorenen Schneestern des Winters, der etiva auf seine Lippen fiel und dort von der warmen Berührung zerging. Richard fand es ganz natürlich, daß Leontine aus Anlaß dieser Geschichte seinen Mund suchte, daß ein langer, inniger Kuß, der durchaus nicht an eine zerfließende Schneeflocke gemahnte, zu einer Bergleichnng herausforderte. Ihm war so wohl mit der lebendigen Frau im Arm und den Erinne- rungen iin Herzen, daß er es sich nie besser gewünscht hätte; er veränderte ganz nnbefangen seine unbegncme Stellung, schob eines der dünnbeinigen Stühlchen ganz dicht an Leontine heran, nahm darauf Platz, umfaßte ihre geschmeidig nach- gebenden Schultern, lehnte sich über das Sofa zu ihr hinüber und sprach weiter, ohne ihre Frage abzuwarten. Die Kinder vergaßen ihren Schwur viele Jahre nicht. imnier wieder fanden sie sich zusannnen, um einander die teuren Verstorbenen zn ersetzen; und als das heranblühcnde Mädchen zuerst über die Narretei zu lächeln begann und dem Jüngling ihr Lächeln mitteilte, da trat ganz sachte an Stelle ihres thörichten Gelöbnisses ein ernsteres Gefühl, welches dein Jünglinge wenigstens viel zu schaffen machte. Daß eS Liebe sei, was er fiir Johanna empfand, hätte er vielleicht. immer noch sticht erfahren, wenn Achim nicht dazwischen getreten wäre. Der kleine Kadett, der nur selten auf Urlaub zur Mntter käin, dann aber allerdings täglich mit Richard zusammentraf, war ein lustiger und un- ermüdlicher Spielgenoffe, trotzdem er noch um ein Jahr jünger war als das Mädchen; aber ab und zu schwoll ihm der Kamm von seüicm Standcsbcwußtsein, und einmal, im Garten, am Grabe des vergessenen Sperlings, das sie jetzt ihr Hünengrab nannten, schwur er bei den Gebeinen seines hier unten ruhenden Vorfahren, daß Johanna niemals die Frau eines Bürgerlichen werden dürfe.1; Johanna lachte den Bruder zwar aus, und Richard wagte, ihn einen dummen Jungen zu nennen, aber beide hatten ihre Unbefangenheit verloren, ihr Zusammensein ge- wann, einen andern Inhalt, die Menschen und die Natur der« änderte ihr Ansehen. Der Frühling und der Herbst wurden die toten Jahres- zeiteu, aber zur Sommerszeit im Garten und von Weih» nachten ab beim Schlittschuhlaufen auf dem Neuen See da setzte die junge Liebe sröhlich immer neue Wurzeln und zwar erstarkte sie im Winter immer am schnellsten. Im großen Park hinter dem Hause waren sie zu viel allein gelassen, da schämten sie sich und plandcrten noch am unbefangensten von ihrem deutschen Anffatz und andern gelehrten Dingen; doch ans dem Eise, beim Schmettern der Militärmusik, beim' Durcheinander der Schlittschuhläufer, da zogen sie unzertrennlich ihre Bogeulinien, da flogen sie in Schlangenwindungeu durch — 690— da§ dichteste Gewühl, da fanden sie durch alle Schwierig- leiten ihren Weg, da wagten sie, mitten unter dem Menschenhaufen es einander mit den Augen zuzulachen, daß sie sich liebten: S» einer Erklärung kani es nicht. Seltener, immer seltener bekam er dann das schöne Fräulein Johanna zu sehen, scheuer und scheuer betrachtete Richard seine zukünftige Braut, nur noch einmal wechselten sie einen Kuß, am Abend vor seiner Abreise nach England.-- Diesmal brauchte Leontine seine Lippen nicht zu suchen; das Spiel hatte ihm eingeleuchtet, und ganz tapfer wendete er mit seinen beiden Händen das schöne Haupt sich zu, um sich die alte Liebe aus der Seele küssen zu lassen, und auch jener letzte Verlobungskuß Johanuas hielt den Vergleich mit dieser wilden Glut nicht aus; nun erfuhr er, wie thöricht seine Andacht zu Müdchenlippen gewesen war. Das waren endlich jtüsse, die berauschten. Er war so hingerisicn von der Wirkung seiner Beichte, daß er seine Absicht ganz darüber vergaß; so mußte jetzt Leontine, als sie, beide müde vom Küssen, lächelnd neben einander saßen, wieder zu fragen anfangen, und schnell, mit schmerzlichem Zorn, erzählte Richard, was sich seit seiner Rückkehr ereignet hatte: Johannas beleidigen� den Empfang, seine Entdeckung, daß sie den Malern Modell stehe, sein Mitleid mit dem annen Kinde, das ihm vor wenigen Tagen Schreiberdienste angeboten hatte, sein End setzen vor dem frechen Bilde Disselhofs und den Tod aller seiner Hoffnungen, als er heute das arme Mädchen zum zweitenmale vor aller Welt bloßgestellt sah in dem gut ge meinten Auffatz der„Fanfare". Nur das eine verschwieg er, baß er selbst Johannas Bildnis gekauft und dem Maler mit einem Austrage zurück- gegeben hatte. Leontine mußte die ganze Gewalt aufwenden, die sie über sich selbst besaß, um den Sturm nicht zu verraten, der sie während dieser Stunde bewegte; nur in einem durste sie wahr sein» in der wachsenden Leidenschaft, mit der sie Richard zu immer wilderen Küssen verführte und mit der sie ihn, als er geendet, fast weinend vor Liebe und Wut, mit ihren Armen um schlang; immer begehrenswerter erschien ihr diese reine Seele, dieser thörichte Mensch, der mit seinen Gefühlen spielen ließ wie ein Knabe. Vergessen waren ihre klugen Vorsätze, nur dem be rühmten Künstler anzugehören; in den Umarmungen dieses lenksamen Mannjünglings wollte sie sich selbst wieder jung und rein herzen, in ihm wollte sie das Glück an ihre Seite zwingen und die Welt verlachen, nicht mehr mit dem alten, bösen Hohn ihrer überlegenen, gemeinen Klugheit, nein, mit der neugeborenen Heiterkeit eines fernen, fernen Kinder sinnes; und sie ftagte sich gar nicht, warum dieses Glück ihr immer nur als Zukunftsbild erschienen, warum sie sich nicht hier, jetzt, an seiner Gegenwart erfreute. Auch daran war wieder nur die andre schuld, diese andre, die sie schon längst gehaßt zu haben glaubte, gegen die sich aber in dieser Stunde eine ungeahnte Rachelust in ihr ansammelte. Leontine begriff, daß sie das Glück der Zukunft teuer erkaufen niußte; aber die andre sollte es bezahlen. Dreimal hätte man, seitdem sie allein waren, ein leises Klingeln vernommen, und jedesmal war Richard erschreckt von der Hausfrau zurückgewichen. Immer wieder hatte Leontinens Lächeln daran erinnern müssen, daß kein Gast und kein Diener sie stören dürfe. Jetzt klingelte es zweimal rasch nach einander in scharfen, kurzen Schlägen. „Das ist Dein Vater," sagte Leontine, sich aufrichtend, „den wollen wir herein lassen, unsre Vereinigung wird ihn glücklich machen." Und sie that einige Schritte, um die Klingel neben ihrem Schreibtische zu berühren. Heftig sprang Richard auf und hielt sie zurück. „Nur jetzt nicht," rief er und faßte ihre Hände;„ich will mit Dir allein bleiben!" „Es ist Dein Vater!" rief Leontine. Sie„war ihrer Macht wohl sicher; dennoch wünschte sie, Richards Vater zum Zeugen einer förmlichen Verlobung hier zu haben. „Nein, ich will niemand sehen," sagte Richard heftig, „ich will in dieser Stunde kein Wort vernehmen von der Welt da draußen!" Leontine stand mit gekreuzten Armen vor ihm. „Und doch," sagte sie mit ruhigem Ernst,„wird die Welt, wenn die Zeit um ist, erfahren müssen, was wir ein- ander geworden sind, und Dein Vater sollte schon jetzt darum wissen." � Eortsetzung folgt.) Ans dcL NluZtltAliMen Lvorho. Nun werden die sommerlichen Musilspielereien von dem ernsteren Spiel der Winterszeit, die leichtere Ware von der schwereren, das zur Nachsicht berechtigte Urteil von dein strengeren abgelöst. Das Beste der Sommersasion, die M o r w i tz» O p'e r, hatte sich noch für ihren letzten Abend etwas Besonderes geleistet, eine einmalige Ailffiihrlmg von Beethovens„ F i d e l i o die. wie ich höre, mit einer echt künstlerischen Leistung von Henny Borchers in der Titelrolle schlechtweg als gut bezeichnet werden konnte. Unmittelbar daran schloß sich der Wiederbeginn der Thätig« keit der zweiten von unfern zwei eigentlichen Opern- biihiieir des Winters, des„Theaters des Westens". Hier hat man ganz besondere Anläufe genommen, um das immerhin noch beschränkte Gute der ersten zwei Spieljahre zu erweitern, ins- besondere durch neuengagierte Gcsangskräfte. Soweit wir nach ein paar Aufführungen alter Stücke urteilen konnten, ist denn auch in der That eine Hebung zu verzeichnen. Sie betrifft freilich zumeist das,� was ohnehin schon ziemlich gut war: die Regie des Herrn Ober- regiffenrs F e l i x E h r l. Hier ist ein noch frischerer und harmonischerer Ton angeschlagen, wenngleich von einer ideale» Dramatik begreiflicher- Iveise auch hier nicht gesprochen werden kann; derChoristnochbeweglicher als früher und singt nun auch etivas sicherer als vordem— der Jägerchor im„Freischütz" könnte allerdings besser sein. Anch dem Orchester ist ein neues Aufraffen anzumerken; die Ausstattung hat jedenfalls in der„Wolfsschlucht" weder etwas besonderes Neues noch etwas besonderes Dämonisches ergebe»; eine Balletteinlage unter Führung Frl. E. N a d i n a s war recht hübsch. Mit dein neuen und dein alten Gesangspersonal steht es min »ach unsre» ersten Erfahrungen folgendermäßen. Vor allem hat sich als„Agathe" i,n„Freischütz" eine' jugendlich dramatische Sängerin eingeführt, Elsa Salvi. Sie besitzt eine der schönsten und synipathischten Stimmen, die wir von heute kennen. Die Stimme ist nicht auf besondere Höhe angelegt, bringt aber die hohen Töne viel milder heraus, als es sonst bei Stimmen geschieht, die dein Umfang nach höher liegen. Dazu tragen denn auch ihre volle sonore, geradezu dunkle Klangfarbe, die doch den Soprancharalter nicht aufhebt, und eine vorzügliche Vokalisierung bei. Schade jedoch, daß die Sängerin diese Vorzüge zum Teil übel verlvertet: vor allem durch ei» so umständlich hinauf- Ziehendes Ansetzen vieler Töne, daß man lange nicht weiß, ob sie alsch oder richtig sind; dann durch einen Mangel an ruhigem Fort- spinnen längerer Töne, die vielmehr meist zu unruhig an- und ab- geschwellt werden; endlich durch ein merklich mühsames Atemholen, in Verbindung mit einem unnötigen Zerreißen von Phrasen. Bei- spielsweise wurde der bekannte, in einem Zug zu singende Vers zweifach zerteilt:„Und ob— die Wolke— sie verhülle." Neben ihr zeigte Hedwig Hübsch als Acnnchcn eine weniger bc- deutende, doch auch weniger mangelhaft verivendcte Stimme mit einem sympathisch nietallischen Klang. Unter den drei Brautjungfern waren, glaub' ich. neu die zwei ebenfalls gut ans- fallenden Sängerinnen Clara Jaffa und Anna Waschow- Kunst l er. Im„Zigeunerbaron" debütierte als erste Opern- soubrctte in der Rolle der Saffi Vilnra von Szeghcö; auch ihre Tongebmig ist nicht recht zuverlässig, etwas unrein und schrill, ihr Spiel' anziehend, wenn auch auf die Dauer etwas einförmig. Unter den bewährten weiblichen Gesangskräften von früher ist wieder die tüchttge Altistin Johanna Bracken Hammer mit allen Ehren zu nennen. Unter de» neuen männlichen GesangSkräftcu fehlt eS bisher lvieder an einem rechten Hcldentenor. Herr Otto N o w a ck fiel in kleineren und mehr nach der drollige» Seite liegenden Rollen durch seine klangvolle Stinime und durch sein zum Teil recht bewegliches Spiel gut auf; er scheint einer größeren Nolle zu be- dürfen, die sein Können noch mehr zur Entfaltung brächte. W i l- Helm Meyer ivar als Max im„Freischütz" nicht übel; manches Ungleichmäßige ist wohl auf Befangenheit zu setzen; jedenfalls be- darf seine Tongebmig»och mehr des Freie», voll Klingenden. In starken» Maße fehlt dies dein ans der früheren Spielzeit herüber- genommenen Tenor Emerich Walter; es ist dies anch nicht zu verwunder», so lange er sein schiefes Verziehen des Mundes und sein Versperren der Mundhöhle durch die Zunge nicht überwindet. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, daß nnn gar das Sieghafte im Klange gmiz fehlt, das bei der Rolle des ZigennerbaronS nicht fehlen darf, soll diese überhaupt etwas bedeuten. Das Baryton- fach wurde bereichert durch Herrn G n st a v Waschow, den wir in der kleinen Fürstenrolle im„Freischütz", soivcit dies möglich war, als einen den Sprechton gut beherrschenden klangvollen Sänger von vornehiner Haltung kennen lernten. Unter den fünf jetzt im Engagement befindlichen Bässen ist die inerkwürdigste Erwerbung die ünsres bckaimten Lokalkomikers R e i n h o l d Wellhof,»nit dem Titel eines ersten Gesangskomikers und des Regisseurs der Operette sdoch ivar er als solckier beim„Zigeunerbaron" noch nicht in Thätigkeit). ES scheint, Direktor Hofpaucr habe diese Eriverbung. die ihm jedenfalls nützen ivird, nicht aus künstlerischen, sondern aus Nützlichkeitsgründen gemacht. Wellhof ist einer der routiniertesten Schau- spieler, die»vir kennen, ei» Beherrscher des Augenblicks, ein Herr über alle seine Mittel, der es versteht, eine Rolle aus ferner Welt in die Sphäre des gemütlichen Verkehrs init dein Piiblikun, zu übertragen. Ob diese Vorzüge ihn für das Feld eines Opernhauses ebenso geeignet mache» wie für das eines Posseu-Theaters; ob hier für seinen — 69 Mlinqel nu kiinstlerischem Gescmgskvimen seine Späbe der richtige Ersatz sind; nnd ob wir es vielleicht niit eincnr Künstler zu thun bekomnic», der sich noch umzubilden versteht: das alles scheint doch etwas zweifelhaft zu sein. Als Zsnpän im„Zigeniierbarou* war er lebhafter als sei» Vorgänger Hermann Steffens nnd verriet nichts von der Mühe, die sich dieser geben mußte; als Kunstsänger ist ihm Steffens jedenfalls über. Eben dieser vorzügliche dramatische Sänger scheint zu sehr als Baß für alles verwendet zu werden; er ist als.Baßbuffo" gezeichnet, würde aber vielleicht besser ganz ins ernste Fach hinüber zu leiten sein. Ein andrer, niehr barytonaler Baß, der neuengagierte.Spielbaß" Alb in Günther, machte sich als Kaspar im»Freischütz" gesanglich nnd schauspielerisch sehr gut; er hat eine Mischung von moderner Natür- lichkcit nnd italieniichem Theatcrpathos, aus der hoffentlich unter einer richtigen lünstlerischeu Opernleitung eine einheitlichere Dramatik werden wird. Noch ein, von früher hcrübergenominener, Baß: Dt a x G i l l m a n n. verdient ivenigstens Wege» der Geschicklichkeit gerühmt zu werden, mit der er eine für einen erkrankten Kollegen rasch über- nonnncne zweite Rolle im selben Stück(Eremit im.Freischütz", in welchem er bereits den Sanriel zu sprechen hatte) durchführte. Noch einige neue Kräfte brachte eine Auffühnmg von Rossinis »Barbier von Sevilla", über die ich jedoch wegen einer Berhiudennig mir von zuverlässiger Seite mußte Bericht erstatten lassen. Nach diesem Bericht machte diese ganze Auffühnmg einen sehr be- friedigendc» Eindruck. Die Sängerm der.Rosine", Sophie H e h m a n ii, wirkte am Anfang etwas störend durch ihr flaches Singen, durch ihr Hinüberziehe» der einzelnen Töne und Worte und durch ihr lautes Atemhole». I» kurzem wurde dies viel besser nnd die Sängerin zeigte, daß sie über scl)r schöne Stimmmittel nnd über viel Können verfügt; sie hatte mehrmals bei offener Sccne starken Beifall. Die Hauptperson des Abends und überhaupt der Stolz der neuen Saison war der Sänger des Grafen Almaviva, D e s i d e r A r a n y i. Eine so schöne, bis ins kleinste ausgebildete Tenorstimme, verbunden mit temperamentvoller Darstellung, ist nicht häufig zu finden; der Sänger verdiente reichlich den ihm eben- falls bei offener Scene gespendeten Beifall. Eduard Walter. der Vertreter der Barytourolle des Figaro(nicht zu verioechscln mit dem oben erwähnten Emcrich Walter), ist in gleich lobender Weise hervorzuheben. Die Klage, daß Hermann Steffens, als Dr. Bartolo, manchmal ctivas gar fanle Witze improvisierte, ist wohl eine Verstärkung des oben ausgesprochenen Wunsches, daß dieser Künstler dem erustcir Fach erhalten bleibe.— Der Dirigent, B c r t r a n d Sänger, und das Orchester thatcn auch diesmal ihr Bestes.-_ sz. Kleines Feuilleton. w. In der Gcnicindckasse. Er trat leise, vorsichtig ein. Draußen batte er schon seinen Hut abgenommen. Die Helle, die durch die drei großen Fenster hcreinblcndete, wenig gedämpst von den dünnen Vorhängen, flimmcrte ihn» so vor den Äugen, daß er nicht deutlich sehen könnte. Rur eine dichte Reihe von Menschen sah er dunkel vor sich. Das plötzliche Hercintreten ans dem dunklen Korridor ins Licht hinderte ihn am Sehen nnd machte ihn noch schüchterner, als er schon war. Mit den» Hut in der Hand blieb er an der Thür stehen. Er hörte das Kritzeln der Federn auf dem Papier nnd das Klappern der Geldstücke auf den Zahlbretterir. Ah— mni sollte er auch bald niit der Hand über so ein Brettchcn streichen nnd dann das Geld in seine Tasche stecken.... Nach nnd nach gctvöhntcn sich seine alten Augen wieder an die Helle. Er sah vor den Frenstern die Schreiber an ihren Pulten -stehen. Und da links— da wurde das Geld ausgezahlt. Da ging der dicke Kassierer fortwährend zwischen Geldschrank und dem langen Tisch, der die Beamten von dem Publikum trennte, bin nnd her. Ein ganzer Schivanir von Frauen, Kindern, alten Männern und Gc- sckäftslenten drängte sich dort. Da mußte er also noch eine ganze Weile warten. Bescheiden, den Hut zwischen den Händen, trat er .zur Seite an die Rückwand des Zimmers. Wenn seine Zeit da ivar, wurde er gewiß aufgerufen. Der Kassierer, der ihn schon lange kannte, lächelte ihm freundlich zu. Vor ihm standen zwei Geschäftsleute: ein dicker Schlächter- meister und ein hagerer Kaufmann. Der Schlächter Ivar ganz er- lbost und streckte dem ander» einen Stenerschein hin: „IS et«ich doll? I Wieder zehn Mark mehr nfft Jahr!... Un det soll»in Rücksicht nff't Geschäft, uffn Mittelstand sind?... Jawoll— wenn det so weiter seht, denn können wir man ver- Hunger». Vor lauter Sorjcir kann man schon kerne Nacht nich schlafen. Mir will schon nischt mehr schmecken I" Der Kaufinann sah die feisten, glänzenden Fettpolster des Schlächters lächelnd an. Mit einer leise traurigen, zustimmenden Haudbewegung drehte er sich resigniert nach dem Kassierer um, der ihm eine Quittung reichte. Während der Kaufmann hinausging, trat der Alte an den Kassierer heran und hielt ihn» seine Anweisung hin. Der nickte noch freundlich, aber etwas gereizt:„Einen Augen- blick— bloß'n Happen"— Der Alte trat still zurück nnd sah dem Kassierer zu, der herzhaft in ein dickbelegtes Brötchen biß. Ihm lief das Wasser im Munde zusanimen. Unwillkürlich machte auch er eine Kau- und Schluckbewcgung. Na— so n Wurstbrötchen wollte er ja gar nicht. Rur eine Semmel, eine trockne Semmel. Wenn 1— man schon seit acht Tagen nichts weiter gehabt hatte, als Kartoffeln, Pellkartoffeln niit Salz nnd Cichoricnanfgutz... Er fühlte, wie ihm die Knie zitterten. Im ganzen Raum war kein Stuhl, auf dem er sich hätte ausruhen können. Mit aller An- strengnng das Schwanken vermeidend, ging er au die Wand zurück und lehnte sich gegen dieselbe.— Inzwischen war die Lücke bor dem Kassierer wieder gefüllt. Da stand auch ein hochgewachsener Mann, de» Bart spitz verschnitten, den Schnurrbart straff hochgebürstet und die Haare an den Ohren vor- gekämnit. In der behandschuhten Rechten hielt er ein großes Formular. Sobald der Kassierer ihn sah, legte er sein Brötchen fort, würgte den abgebissenen Happen himmter und kam auf ihn zu: .Darf ich bitten, Herr Oberstlmltenant?" Mit den» Formular ging er zun» Schrai»! zurück und kramte drin herum. Aus allen Fächen» suchte er das Geld zusammen und zählte und zählte. Dann untersuchte er. mit rotem Kopf,»och einmal nnd noch einmal sämtliche Fächer. Kopfschüttelnd sah er sich um nach den Zahlbrettern, ans denen die Steuerzahler ihr Geld ge- reicht hatten— aber eS mußte noch nicht stimmen. Verlegen trat er auf den Oberstlieutenant zu: .Sie entschuldigen— eine» Angenblick— ich habe gerade nicht soviel beisammen...* Der Oberstlieutenant nickte halb herablassend, halb ärgerlich. Hastig ging der Kassierer die Reihe hinunter, unterschrieb die Quittungen und strich das Geld ein. Da standen ein paar Frauen in Fächern, sie steuerten zwei Mark. Neben ihnen legte ein junger. dürftig gekleideter Ehemann eine» Thaler hin. Dan» kam eine alte Frau, deren verblichenem Umhang und vergrautem Hütchen nian bessere Tage ansah. Ergeben reichte sie acht Mark in einzelnen Stücken. Eine verarbeitete, gebeugte und vergrämte Wasch- frau zählte mit ihren Fingern wenige Groschen hin. Leise flehte sie:.Ist das denn gar nicht möglich, daß es mir noch mal gestundet wird? Ich habe reklamiert— und noch immer keine Antwort. Heute früh habe ich mir das Geld geben lassen, für das ich heute noch waschen muß— bloß um nicht wieder den Gerichtsvollzieher zu bekommen. .Nun geben Sie schon her— da? wird schon noch zur Zeit geregelt werden I" Damit wandte sich der Kassierer zu einem Back- fisch.' Das Mädchen legte das Geld hin, steckte seine Quittung ei» und wollte gehen. .Hier— zwei Pfennige!" rief der Kassierer. Ganz beschämt drehte sich das Mädchen um, nahm lächelnd daS Kupferstück niit de» Fingerspitzen und schob eS achtlos in die Jackett- tasche. Wie komisch— daß man hier zwei Pfennige herausbekam— zwei Pfennige, daß man die noch einstecken muhte! Dann winkte der Kassierer den Alten heran:.Und Sie?� Zitternd kam der näher und streckte seine Anweisung hin. „Ach Gott, schon wieder!— das will ich doch gar nicht. Sie sehe» doch, daß ich einziehe, daß ich Geld haben will," sagte der Kassierer verdrießlich, ihn hinterher milder anblickend. Entschuldigungen konnte der Alte nicht stammeln. Die Zunge war ihm vor Schreck ganz schwer. Wenn er die Leute noch ver- ärgerte— schließlich bekam er überhaupt nichts mehr. Mit den Augen bittend, zog er sich wieder an die Wand zurück. Wohl eine halbe Stunde stand er so. Eine von den Frauen war an ihn herangekonnncn:„Lassen Sie sich das doch nicht gefallen. Haben Sie nicht auch Ihr Geld zu bekommen? So viel ist ja dal" Ganz erschreckt starrte er sie an. Nicht ein Wort fand er, das er ihr hätte erwidern können. Sie ging lächelnd hinaus. Inzwischen kamen innner wieder Leute herein und zahlten ihre Steuern. Wohl au vierzig hatten ihr Geld hingegeben. Endlich schob der Kassierer dem Oberstlieutenant ein Brcttcheu hin: .So, bitte, Herr Oberstlieutenant, fiebenhundertundfünfund- zwanzig Marli" Der Oberstlieutenant unterschrieb gelassen und packte die Geld- rollen schweigend in eine kleine Ledertasche.... Dem Alten schwindelte. Der Glanz des Metalls flirrte ihm vor den Auge». Wenn er erst unterschreiben konute. Na. bald rief ihn ja der Kassierer! Immer leerer war das Zimmer geworden. Die Thür hatte fortwährend geklappt. Da rief ihm der Kassierer erstaunt zu: „Aber was wollen Sie denn noch hier?... Die Auszahlung ist doch längst vorbei I" Und ganz ärgerlich meinte der Beamte: „Warum haben Sic sich nicht zur rechten Zeit gemeldet?... Heute giebfs nu nichts mehr. Kommen Sie morgen wieder!"—■ 8s. Wie der Telegraph nach China kam. Es war am 3. März 1870, als das Nieseuschiff„Great Eastern", daS zu einer hervorragenden Rolle in der Geschichte der überseeischen Kabel bc- rufen war, indem es das erste Kabel durch den Atlantischen Occan legte, ein zweites Schiff„Cella" und die Korvette„Tordenskjöld" Europa verließen, um mit 2400 Meilen Kabel an Bord nach Ostasien abzugehen. Es sollten 300 Meilen Kabel zwischen China und Japan, 900 zwischen Shanghai nnd Hongkong gelegt werden. Als die Schiffe in die heiße Zone des Weltmeers gekommen waren, begann die Guttaperchannihüllnng der Kabel unter dem Einfluß der Hitze zu schmelzen. Die Ausbesserung der auf diese Weise entstandenen Be- schädigungen machte die größte Mühe nnd nahm nicht weniger alS 6 Monate in Anspruch. Nach Verlauf dieser Zeit konnte man daran denken, die Punkte für die Landung des Kabels auszusuchen, und ging dann ohne weitere Formalitäten daran, an diese» Plätzen bciter auszuschiffen und die Apparate aufzustellen. Die Japaner er- hoben mir der Form ivcgen Einspruch, da sie sich von dein Nutzen der Absicht bald nberzcujsien, in China aber entstanden die probten Schwierigkeiten. Nur die Kanonen des„Tordenskjöld" verhinderten einen Angriff seitens der Bevölkerung, der den Pionieren der Tele- graphie hätte verderblich werden können. Besonders reizte das Kupfer der 5kabel die Neugierde und die Begehrlichkeit der Chinesen, und es kam mehr als einmal vor. daß das Kabel von ihnen während der Nacht aufgenommen, zerschnitten und fortgeschleppt wurde, worauf sie' den Raub untereinander verteilten. Dann hieß es eben wieder das Werk von neuem beginnen. Erst nach Drohungen und diplomatischen Dazwischenkünften der europäischen Mächte ließ sich die chinesische Regierung dazu herbei, der Lcgung von Kabeln an der chinesischeil Küste und der Schaffiuig einiger Ueberlandlmien ihre Znstiinmnng zu erteilen. In keinem Lande der Welt haben die Telegraphenlinien einen so merkwürdigen Verlauf wie in China. Es mnßte nämlich bei ihrer Anlage sorg- fältig Bedacht darauf genommen werden, daß niemals der Schatten einer Telegraphenstange mit ihren Isolatoren oder der Schatten der Drähte auf ein Grab falle» durfte, da dieses in den Augen der Nach- komnien des Verstorbenen entweiht gewesen wäre. Dadurch wurde eS nötig, die Telegraphen in den wunderbarsten Zickzaiklinien dmch das Land zu führen, da Gräber fast überall mit Regellosigkeit Zerstreut waren. Trotz aller Vorficht ivnrde der Telegraph im Reich der Mitte noch lange als eine höllische Macht angesehen, und es bedurste emes ganz besonderen Umstandcs, um ihn auch dort populär zn machen. Erst das Lottericspiel, dem die Chinesen Ivie allen andren Spielen mit Leidenschaft an- hängen, führte sie ans den Niitzcn der europäischen Einrichtung hm.' Die Chinesen veranstalten bei jeder Gelegenheit und überall Lotterien, deren Lose bis in die entferntesten Dörfer verbreitet werden, der Ausfall wird durch Läufer angezeigt. Run können die Chinesen ebensowenig wie andre Leute auf den Ausgang des Glücks- fpiels mit gleichgültiger Geduld warten, und daher war es für sie eine freudige llcbcrraschung. ihre Lotteriegewinne verinittclst des lTelegraphei! mit der größten Schnelligkeit zu crfnhrei«. Seit dieser Zeit hat man in China gegen de» Telegraphen inchtS mehr einzu- svendcn und bedient sich seiner in allen andern nötigen Fällen. Welche Schnsierigkeit ferner die Eigenart der chinesischen Sprache, der die LZnchstabcn gänzlich fehlen, dem telegraphischeu Dienst in China che- weitete, ist zu oft beschrieben, inn eS nochmals zu wiederholen. ipebrigenS ist die Benntznng der 200 durch Zahlen bezeichneten Chinesischen Worte in der Telegraphie in merklichem Rückgang be- griffen, da sich der gebildete Chinese, der für die Benntznng des Tele- grapheil allein in Betracht kommt, neuerdings gewöhnlich europäischer Worte zur Zusammenstellung von Depeschen bedient.— Sprachwissenschaft. &— Ein fra nzosi scher Sp rachenatlas. Der.Mnncheuer Allgemeinen Zeitung' wird geschrieben: Wie in Deutschland schon feit längerer Zeit an einem AllaS der Mundarten gearbeitet wird, so ist nun auch in Fnmkrcich ein äbnliches Unternehmen in Angriff genommew worden. Es trägt den Name» Atlas linguistique de la France und wird von I. Gillidron und E. Edmont geleitet. Die Arbeit des Sammeins hat Edmont übernommen. Das stanzösische 'Sprachgebiet in Europa, wozu fast ganz Frankreich. Teile der Schweiz, von Belgien und von Elsaß-Lothringen, die norulanuischeu Inseln und einige hohe Thälcr Piemonts gerechnet find, ist in etwa 6öO Bezirke eingeteilt, in jedem Bezirk werden gegen 2000 Wortformen untersucht. Der Umstand, daß man es verschmäht hat, Mitteilungen ancrer zil benutzen, und daß man vielmehr alles durch eigne Sammelarbcit zu beschaffen sich beinüht. wird dem Unternehmen einen gleichmäßigen Wert sichern müssen. Die Umschreibung der Laute ähnelt ziemlich der von den Sprachforschern jetzt allgemein angenommenen Weise. Bei den Vokalen z. B. scheidet man zwischen offenen und geschlossenen, zwischen langen und kurzen, zwischen nasalen und halbnasalen Vokalen, os=- franz. eu, u---- franz. ou. Die beiden Probeblätter, ivelchc der Ankündigung beigegeben sind, enthalten die Worte aiguille und abeille oder was in einzelnen Gegenden an die Stelle dieser Begriffe gesetzt wird. Jede Lieferung soll 50 Blätter enthalten, das ganze Werk Ivird etwa 1700 bis 19�0 Blätter enthalte» und gegen 450 Fr. koste». Im Herbst 1901. z» welcher Zeit alle Vorarbeiten voraus- sichtlich beendet sein werden, soll der Druck beginnen, und zwar wird jeder Tafel ein erläuternder Begleittcxt angeschlossen.— Kulturgeschichtliches. — Die Fahrt zur Leipziger Messe. Die«Leipziger Neuesten Nachrichten" schreiben: Was würden die heutigen Besucher her Leipziger Messe sagen, wenn ihnen eine hohe Obrigkeit genan die Wege vorschriebe, auf denen sie Leipzig erreichen müßten! Und doch war dies früher, als Deutschland noch mit einer llnniasse von Zollstätten gesegnet war, die zu umgehen ein«Verbrechen" gewesen tvärc, der Fall. Wer von Frankfurt ain Mai» oder vpm Rheine kam. hatte die«Hohe und Obcrslraße" zu ziehen; wenn er Neben- Wnßeu benutzte, war er des fürstlichen Schutzes verlustig, während Pferde, Wagen und sonstige fahrende Habe dem Gericht verfielen. Die von Plauen über Mylau, Reichenbach und Zwickau nach Leipzig reisenden Kanflcnte durften das«Zwickische Behgleit" nicht dadurch umfahren, daß sie einen Umweg über Schlciz machten. Die Breslancr Kauflente Ivaren auf die Route Nenmarkt Liegnitz, Bnnzlan, Lanban, Görlitz. Bautzen, Kamcnz, Königsbrück, Großenhain, Grinnna lEilenburg) verivicsen. Das kurfürstliche Patent vom 29. Mai 1668 tadelte nach- drücklich, daß die böhmischen Fuhrleute sich unterstanden,«die ordcnt- liche Straffe bey der Böhmischen Mühle(bei Ober-Wiescnthal) vorbeyznfahren und sich in dem an dem Schlößgen neu erbauten Gleits- Hause weder anzumelden,»och viel weniger das gcivöhnliche Gleite Accis und Liccntcn abzustatten, sonder» andre Beywcge zu suchen, insonderheit auf die alzo genannte Bancrsche Mühle zuzugehen." Die Präger und Wiener Kauflente mußten die böhmische Landstraße ein- halten, die über Rcitzeiihain. Maricnberg, Zschopau, Chemnitz. Rohrs- dorf, Altcnmörbitz und Borna lief; verboten war ihnen der Weg über den„großen Bcrg-Teich zwischen Maricnberg und Nickers- walda, durch Moßheide und andre Oerter". Wer von Wien oder Prag kommend Dresden berühren wollte, nmßte Pirna oder Dohna passieren und durfte sich nicht nach Neustadt oder Stolpen wenden.— Technisches. — Ein rahmenloses F e n st e r für Eisenbahn- wagen hat. nach dem„Prometheus", der Maschinenmeister Kühn in Rorschach hergestellt, das wohl geeignet scheint, die lästigen Mängel der gebräuchlichen Schiebefenster mit Holzrahme» zu beseitigen. Weil der die Glasscheiben umschließende Holzrahmen für Witternngscinflüsse— Nässe, Frost, Hitze— so empfänglich ist, daß dadurch die leichte Gangbarkcit des Fensters nicht selten zum Verdruß der Reisenden bis zur Nnbcweglichkeit gestört wird, so mußte dieser Störenfried, der Holzrahme», beseitigt werden, um diese Hebel- stände ans der Welt zu schaffen. Das rahmenlose Wagenfenster besteht aus einer 8 Millimeter dicken Glasscheibe, deren Kanten an drei Seiten abgerundet sind, während die vierte, die untere Seite, eine Schienenfnssnng trägt, die mit einer Gnnnni-Einlagc versehen ist. Sie vermittelt ein cinstisches Aufstoßen des Fensters beim Herunter- lasse» desselben. Das Fenster gleitet hierbei in Fühnmgsmite» der Wagenthür, die zur elastischen Abdichtung mit Filz oder Tuch aus- gekleidet sind. Ein in der Glasscheibe unterhalb der Oberkmite an- gebrachter Metallgriff dient zum Äufziehen und Niederschieben, zum Schließe» und Ocffucn des Fensters. Ilm auch dieses Bewegen der fchtveren Glasscheibe zu erleichtern, sind an der Metallschicnc Gurte oder Schnüre befestigt, die über Rollen laufen und an ihre» freie» Enden Bleigetvichte tragen, Ivelche das Glasfrnster nahezu im Gleich- gctvicht halten, so daß eS nur einer geringen Kraft zum Bewege» desselben bedarf. Nachdem derartige rahmenlose Schiebefenster auf einigen schweizerischen Bahnen sich betvährt hatten, haben sie auch ans' bayrischen, sächsischen und preußischen Bahnen Eingang ge- fundem— Lnlnioristischcs. — Der boshafte Tierbändiger. Tierbändiger (erklärend):«Hier der Tiger, meine Herrschaften, eines der gefähr- lichsten und stärksten Raubtiere: mit seinem furchtbaren Gebiß zerreißt er sogar... die B e e f st e a k S, die drüben iin Restaurant serviert werden l"— — E s lohnt sich nicht.«Wann» find Sie denn so sehr gegen die lsttcrarischcn Neigungen Ihres Herrn Sohnes?" Geadelter Börsianer:«Weil für de» bei der ganzen Dichterei nichts heraushängt. Was ist der Schiller geworden? Herr von Schiller, lind der Goethe? Herr von Goethe. Und»nein Moritz? Der ist heule schon der junge Herr von Koh n."— Notizen. — DaS Schauspielhaus bereitet« T n r a n d o t" und „Semele" als Festauffnhruügcn für Schillers Geburtstag vor.— — Von der C c n s n r verboten wurde die Aufführung der naturalistischen Ltomödie»Das neue Geschlecht" von Peter Petrie.— — Drei Einakter von Theodor Herzl, Marx Möller und Julius S t i n d e werden an, 15. September im S ch a« s p i e l h a u s e zum erstenmal in Scene gehen.— e. Für die b e st e d r a m a t i s ch e A r b e i t. die in, Laufe dieses JahreS von einer italienischen Bühne zur Aufführung gebracht tverden wird, hat der italienische Ilnterrichtsminister einen Preis von 3000 Lire bestimmt. Das Urteil soll von der permanenten Kounnisfioa für dramatische Kunst abgegeben werden.— — Der Niedcrö streichische G e w e r b e v e r e i n schreibt zwei Preise, einen von 25 Dnkaten und einen von 10 Dukaten anS für die beste» und ziveckentsprechcndsteu Entwürfe eines Knüpf» t e p p i ch s für ein Damenzimmer, und zwar eines Musters moderner Richtung in der Größe von 3: 4 Metern. Die Konknrrenzarbcitcn (im Maßstäbe von 1: 10 ausgeführt) sind bis längstens 30. d. M. in der Kaitzlei des Niederöstreichischeu Gewerbevereins, I., Eschenbach« gaffe 11, abzuliefern.—• — Der deutsche F r ö b e l v e r b a n d. der sich auch auf die dcntschredenden Teile der Schweiz und Oestreichs erstreckt, wird seine diesjährige Versammlung vom 5. bis 3. Oktober in Dresden abhalten.— Die nächste Nummer des Unterhalwirgsblatts erscheint am Sonntag, den 9. September. Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Ttröbel in Berlin. Druck und Verlag von Ä)tax Babing i» Berlin.