Interhaltungsblatt des Horwärts Nr. 180. Dienstag, den 18. September 1900 (Nachdruck verboten.) Die Noman von Fritz M a u t h n e r. Um dieser Stelle willen war der ganze Aufsatz ge- schrieben, das war ihm sogleich klar: was Herr Pinkus über die Winterausstellung geschrieben hatte, das verriet un- geschickt genug eine ähnliche Gereiztheit gegen das Modell von Dissclhoss Bild; es konnte kein Zweifel sein, daß hier eine geheime Verschwörung bestand, uin einem armen, schutzlosen Mädchen aus ihrer Not ein Verbrechen zu machen. Bode nmßte für seine Freundin eintreten; aber ebenso rasch mußte er den Schritt thun, der ihn allein von der Bahn des Herrn Mettmann abbringen konnte, er mußte jede Beziehung zur „Fanfare" abbrechen. Er nahm die Nummern des Blatts in die Hand und trat so wieder bei Herrn Mettmann ein. Der Aufsatz über die armen Mädchen lag aufgeschlagen zu ob erst. ES war denr Verleger niemals ganz wohl zu Mute gewesen, wenn er an sein Geschäft mit Frau Doktor Bode dachte; wenn ihr Glaube an die italienische Reise des Manns echt lvar und auch der Zustand, indem er sie vcr- lassen, dann hatte er eine böse Geschichte angerichtet und konnte sich auf eine große Abrechnung mit dein leiden- schaftlichen Manne gefaßt machen. Nicht, als ob Gottlieb Mettmaun besonders ängstlich geiveseu lväre. Doktor Bode war bei alledem von ihm bezahlt, und von seinem Brotherrn läßt mau sich ein unbedachtes Wort gefallen, aber der Ver- leger war seinen Untergebenen gegenüber nicht gern im Uu- recht; deshalb zuckte er ordentlich zusammen, als Bode, die Blätter in der Hand, zum zweitenmal erschien mit dem zornigen Blick in dem entschlossenen Auge. „Ich bitte, nehmen Sie Platz, lieber Bode," sagte er rasch.„Sie haben noch einige Worte niit mir zu reden?" „Ich denke, Herr Mettmann, es werden ivohl die letzten sein!" Mettmann spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß; nichts konnte ihn mehr aufbringen, als wenn ihn einer seiner Angestellten freiwillig verließ; daß seine Leute un- bedingt von ihm abhängig waren, daß sie vor seiner Plötz- licheu Kündigung zitterten, das war vorläufig das sicherste Zeichen einer Macht, die er über die Menschen besitzen ivollte. Das sollte jetzt auch Doktor Bode erfahren; wegen der Frau wollte er klein beigeben, nur damit Bode seine Kündigung zurücknahm; dann war bald die Reihe an Mettmann, den nnbotmäßigcn Journalisten auf die Straße zu jagen. „Sie kommen wegen Ihrer italienischen Briefe aus Plötzensee? Sie haben also wirklich erst hier davon er- fahren? Ich habe es nicht glauben wollen, daß Sie so glänzende Aufsätze nur für Ihre Frau Gemahlin geschrieben hätten. Hat sich Frau Doktor von ihrem Schrecken wieder ganz erholt?" Bode blickte verwirrt auf das Blatt in seiner Hand, da stand unter dem Strich das Ende des italienischen Briefes, den er vorhin kaum beachtet hatte; er erkannte plötzlich an den Schlußworte»! einen seiner Gefäugnisbriefe. Ein großes lateinisches B. war darunter gesetzt. Er verstand den Zusainmenhang nicht gleich. War seine Käthe schlauer, als er gedacht hatte? Hatte sie den Spaß durchschaut und die Briefe darum der Oeffentlichkeit über- geben? Das sah ihr nicht ähnlich! Käthe hatte ein zu feines Empfinden, n»n solche Dinge drucken zu lassen! Plötzlich fiel ihm das Geld ein. das er vorgefunden; und veilvirrt rief er: „Sie haben meiner Frau alle diese Briefe abgekauft?" Mettmann lächelte zufrieden; der Gedanke an das hohe Honorar schien ja den Herrn Doktor Bode ganz gemütlich zu stimmen! Und mit einem leisen Vorwurf in der Stimnie sagte er: „Ich habe für jedes Stück fünfzig Mark auf den Tisch gezahlt. Ich bedaure es nicht, sie haben Aufsehen erregt; und wie Ihre werte Frau Gemahlin den einen Brief nicht herausgeben wollte, heute vor drei Tagen, na, da habe ich mich eben in der Aufiegung verplappert. Frau Doktor hat also»virklich daran geglaubt, daß Sie in Italien..." Entsetzt hielt Mettmann inne. Bode stand, ain ganzen Leibe zitternd, da, die Zeitungs- blätter, die langsain seiner Hand entglitten, faßte er mit beiden Händen und schlug sie plötzlich mit einen» undeutlichen Schrei dem Besitzer ins Gesicht. Flammend rot sprang Mett- mann auf. schon rief aber Bode: „Ich warne Sie, reizen Sie mich mit keinem Worte »nchr, mit keiner Beivegung! Ich komme vom Friedhof,»vo niau mein Kind begraben hat, und Ihre Habsucht hat es ge- mordet. Als das Unglück geschah, hielt mich Ihr Geld im Gefängnis fest, und»venu Sie etwas vor mir rettet, so ist es das Gefühl meiner eigenen Schande, daß ich»nonatelang so verblendet»var, meinen Namen unter diesen Schinutz mischen zu lassen!" Und in heftiger Beivegung hielt er dem Verleger ein paar znsanlmeugeraffte Bogen seines Blatts unter die Augen. Mettniaun war in seinen Lehustuhl Zurückgesunken lind sah sich verstört nach Hilfe um; er»vollte nach dein Diener klingeln, aber er»vagte es nicht, er wollte sich nicht vor Zeugen schlagen lassen. Doktor Bode war in dieser Aufregung unberechenbar. Zum Teufel mit dieser Frau und dein Ktnde! Noch ungeschickter hätte die Sache gar nicht aus- fallen können, und er, der Schlaue, hatte sich selbst verraten müssen! Endlich schien sich Bodes Jähzorn zu legen; er richtete sich empor und trat zum Fenster, Ivo er heftig auf eine große Scheibe trommelte. Er mußte völlig vergessen haben,»vo er sich befand. Mettmaun ivartcte. Bode hörte allmählich auf zu tronimeln, faßte die Klinke des Fensters und lehnte die Stirn auf den Handrücken. Nun»var ivohl das«rste Aufbrausen vorüber'und Mett- »nann durfte vielleicht wieder den Herrn zeigen; eben»vollte er vorsichtig das Wort der Entlassung aussprechen, als Bode sich scharf herumdrehte und sagte: „Ich mache von der Vergünstigung unfrcs Vertrags Ge- brauch und verlasse noch heute Ihre Redaktion!" „Ich wollte Ihnen eben kündigen," rief Mettmaun heftig, „Sie passen nicht in den Rahmen meines Blatts!" „Wirklich nicht?" sagte Bode mit trübem Lächeln und verließ, ohne sich»»mzulvenden, das Zimincr des Zeitungs- besitzcrs. In seiner besonderen Schreibstube angelangt, ließ er nun seinen Stellvertreter zu sich bitten, um ihm mitzuteilen, daß er ans dein Verband der Zeitung anstretc. „Ich passe nicht in den Rahmen des Blatts," sagte er stolz statt jeder Erklärung; dann ging er sofort daran, die wenigen unerledigten Sachen übersichtlich zusammenzustellen. Da er vor dem Antritt seiner Strafe das Wichtigste erledigt hatte, so hatte er nur einige eigne Briefe auszuscheiden und über größere, lange schon lagernde' Beiträge zu bestimmen; eben»vollte er sich erheben, um einzelnen Hcrreir der Redak- tion und seinen Freunden in der Druckerei Lebewohl zusagen, als Richard Mettmaun bewegt zu ihm hereintrat. „Seien Sie mir bestens»villkommen, lieber Bode; ich wußte nicht, daß Ihre Strafzeit schon um ist. Sie müssen mir viel von Plötzensee erzählen; ich»vollte Sie immer be- suchen!" Richard»var»virklich erfreut, als er den Rcdactcur wieder sah; immer»vieder ergriff ihn der alte Wunsch, mit diesem Manne in Freuudschaft zu leben. Doch noch zur rechten Zeit fiel eS ihm ein,»vie sehr ihm Bode entfremdet war; unsicher silhr Richard fort, er habe ein Anliegen an die Redactcure des Blatts, und niemand»verde es lieber erfüllen, als gerade Doktor Bode. „Seit ungefähr vierzehn Tagen wird die Reklame für meine Oper gar zu schamlos betrieben; mein Vater sagt mir, es sei notwendig, um eine Verschivörung der Opernhaus- Aktionäre zunichte zu machen, ich aber empfinde diese Väter- liche Unterstützung wie eine Lächerlichkeit, die all mir haftet. Heute früh ist ein braver Komponist nur deshalb angegriffen »vorden,»veil seine Oper denselben Titel führt wie die mcinige. Das ist nichtsivürdig! Ich bitte Sic, die Fata Morgana in Ihrem Blatte nicht mehr zu nennen. Sie »Verden mir darin gern»villfahren!" Auch Bode fühlte sich durch die Offenheit des jungen Mannes entwaffnet. Er gab den Menschen dreis, der Johanna nan Lcontinc verlassen konnte; aber als ehrlicher Knnstsrennd war er vielleicht»och zu retten, wenn ihn beizeiten ein rauhes Wort aus seinen Lügentraumen zur Besinnung rief. Seine Entrüstung über die Reklame versprach das beste, und Bode war just in der Stimmung, rücksichtslos zu sei». „Sie sind nicht der einzige, dem die Reklame zu viel wird," sagte er ernst, und ausführlich berichtete er, was er von der Stimmung der Aktionäre ivnßte. Mit düstereu Blicken hörte Richard zu; das sei sehr nn� angenehm, meinte er endlich, aber er könne sich doch unmöglich dem Urteil dieser Geldleute unterwerfen. Was verstünden die von der Kunst. Bode erwiderte ruhig: „Diese Geldleute sind selber zu schlau, um ihr eignes Urteil geltend zu machen. Sie haben Ihre Oper einem hohen Gerichtshofe vorgelegt und dessen Ausspruch ist un- günstig ausgefallen!" Richard erbleichte. „Sagen Sie mir die volle Wahrheit, ich bitte Sie darum." Da reichte ihm Bode den Brief mit den Beilagen; Richard las eine nach der andern aufmerksam durch, er hatte Mühe, seiue.Fassung zu bewahren; müde setzte er sich auf einen Stuhl iiud sagte leise: „Ich bitte Sie, lieber Bode, arbeiten Sie ruhig weiter, kümmern Sie sich nicht um mich, lassen Sie mich zur Be- sinnnng kommen." Bode that, als hätte er mit seinen Papieren noch viel zu thun. Dieser junge Mettmann benahm sich ganz wacker; wenn er als Künstler sich dem Urteil der Fachleute unter- warf, so war er ein ganzer Mann. „Sie müssen nicht über mich lächeln, lieber Bode," fing Richard nach einer Weile wieder an.„der Schlag ist sehr hart für mich. Sie, werde» mich nicht verstehen können, Sie kommen eben aus dem Gefängnis in die Freiheit und haben von Ihrem großen Erfolg erfahren." Bode lachte bitter auf. „War cS ein Erfolg, als man meine Privatbriefe schamlos veröffentlichte? Uebrigens bin ich noch nicht frei; ich habe nur Urlaub genommen, weil ich mein Kind begraben ninßte und weil meine Frau mit dem Tode rang." Richard ergriff mit beiden Händen Bodes Arm, und die Männer blickten einander lange tief bewegt an; endlich fuhr Bode fort: „Und ich bin im Begriffe, das Geschäft Ihres Herrn Vaters für immer zu verlassen." In diesem Augenblick wurde eine Thür heftig auf- gerissen und Gottlieb Mettmann setzte seinen Fug über die Schwelle. „Komm zu mir, Richard I Du hast bei diesem Herrn nichts zu. suchen!" Ohne ein Wort zu sprechen, wies Bode den Verleger mit seinen Blicken hinaus; Richard hatte nur noch Zeit, zu rufen:„Ach komnie gleich, Vater I"— dann war er wieder nnt Bode allein. „Was ist gcsckichen?" rief er erregt.„Vertrauen Sie sich mir an, vielleicht läßt sich noch alles ordnen; Sie sind der einzige Mann, der diese verdammte Zeitung noch ehrlich Inachen kann!" Bode langte nach seinem Ucbcrrock. „Lieber Herr Mettmann," sagte er mit gerunzelter Stirn. „wenn diese Meinung Ihr Ernst ist, so können Sie sich nur darüber wundern, wie ich so lange hier aushalten konnte; ich habe Ahnen damals nicht verschwiegen, daß ich nicht ohne Widerwillen und mit recht schlechtem Gewissen diese Stellung angenommen habe; ich glaubte, einen Kompromiß schließen zu können zwischen meinen Idealen und dieser Wirklichkeit hier. Lieber Herr Mettmann, jeder Kompromiß zieht herunter, ich habe es gefühlt, und habe zu meiner Schande geschiviegcn, und es bedurfte einer ganz ungewöhnlichen Schurkenthat, um mich zum Sprechen zu. bringen; vor einer halben Stunde habe ich's hier erfahren, und jetzt gehe ich und schüttle den Staub von den Sohlen.(Fortsetzung folgt.) Die Soceflrousbttszltc. („Komödie der Liebe.") Die Eröffiunigsvorstellupg hatte unter allerlei Ungeschicklichkeiten z» leiden, ans die ivir nicht näher eingehen r olle», da sie in der Praxis sicherlich von selbst schwinden werde». Die Ausstattung tc-Z Hauses ist geschmackvoll, wenn sie auf mich auch etwas kalt und kahl wirkt. Ich halte es für keinen Fort- schritt, daß man der Bühne den bunten Vorhang genomnicn und durch eine vierte Wand ersetzt hat. Ein Kritiker hat darauf anfnierksam gemacht, daß der gewöhnliche Tbeatcr- Vorhang mit seinen allegorischen Figuren die Bühne gleichjain an-. kündige und so die Illusion störe. Das ist nicht richtig: er ruft sie' hervor. Ein Theatervorhang muß Farben haben, am liebsten glnt- volle und phantastische, er soll die Bühne ankündigen und die Welt des bunten Scheins shmbolisicrcn. In meinen Knabenjahre»- war für mich der Theatervorhang der Inbegriff aller Mystik und Pracht. Die„vierte Wand" der SccesstouLbühne wirkt kalt. Auch sonst ließe sich gegen die Ausstattung des Theaters mmichcs einwenden. Wenn man aber in Betracht zieht, daß mit gegebenen Naumverhältniffcn gerechnet werden mußte, ist doch sehr viel erreicht. Daß unter den Zuschauern einige kluge Köpfe ihren Witz an Neben- dinge» übten, braucht die Leitung nicht zu kümmern. Es hat noch nie eine Sccession gegeben, die nicht ähnliche Erscheinungen auf- wies. Für die Rebenräunie des Theaters Hab' ich ganz und gar kein Verständnis. Es ist nur völlig unerfindlich, welchen Sinn in einen- Theater ein Lesezimmer haben soch Die Pausen sind doch zur geisfige» Ausspannung da. nicht zur erneuten Anspannung. Bor allem eine Bühne, die an den Verstand der Zuschauer einige Ansprüche stellen will, nmß ihrem. Publikum die Ruhe der Pausen unverkürzt lassen. Am Alexanderplatz aber hat man nicht nur ein Lesezimmer, sondern auch Bilder- ansstellinigcn eingerichtet. Ein Mensch. der gleichzeitig Theater genieße», Zeitschriften lesen und Bilder besehen kann,»nag für manche ein Ideal bedeuten. Ans mich wirkt er nur wie jene Jahrmarktsmnsilantcn, die 4—5 Jnstrmnentc zu gleicher Zeit spielen. Der Begriff des GcsamlkrmstwcrkS hm bereits manches gegen sich. Der Begriff des Knnstjüngers, der alle Künste auf einmal genießt und daneben ivomöglich noch Skat spielt, hat einen heiteren Bei- geschmack. Ein Büffett, an dem ninn ein Glas Bier trinken kann ohne von dein ganzen Jammer der irdischen Vergänglichkeit gepackt zn Ivcrden, wäre für die Pansen die beste und vielleicht auch die ein- träglichfte Reform. Das alles sind indes nur Acnßerlichkciten. die uns die Bühne nicht verleiden sollen, sofern sie sonst Mut und Willen hat. Bedenk- sicher stinnnt die Frage, ob in Berlin eine Secesfionsbühne »otivendig war. Wir wagen die Frage nicht ohne weiteres zn bejahen und wage» sie ebensowenig zu verneinen. Die Zukunft ivird lehren müssen, ob der Bühne ernsthafte, künstlerische Bedeutung zukonnnt, oder ob sie in allerlei Experimenten für die Knnstgigerl stecken bleibt. In Bezug auf ihr Progranun hat sie sich an keine bestimmte Richtung gebunden, lvas man nur billigen kann. Sic huldigt in dieser Beziehung demselben Gnmdsatz, zn dem auch die Maler der Sccession sich bekennen— Kunst ist das, lvns die großen Künstler geinacht haben. Als erste Vorstellung brachte sie Ibsens„Komödie der Liebe", die in guter Besetzung»ach unsrcr Meinung einen vollen Thcatcrcrfolg erringen kann. Das Stück hat neben seiner eigentlichen Bedeutung für jeden Freund Ibsens ein besonderes Interesse. Ibsen schwört hier der bürgerlichen Ehe seinen Haß zn und man wird einräumen müssen, daß er diesen Schwur gehalten hat. Alles, was der Schriftsteller Falk in dem Stück sagt, bekommt, einen eigenartigen Reiz, iveil wir in Falk de» jungen Ibsen sehen. Die Komödie an und für sich gelangt zu einem negativen Resultat. Ibsen verspottet und verhöhnt die bürgerliche Ehe. ohne doch den Weg zu einem neuen und bessere» Znstand zu finden. Er bekennt sich, tvie mir scheinen will, zu dem Grundsatz, daß die Liebe. ei» Zigeunerkind ist, zieht aber nicht die letzten Konsequenzen. Sein Held resigniert schließsich und somit weicht der Dichter im Grunde seinem Problem aus. Ernegiert dir bürgerliche Ehe, setztabcr, wenigstens soweit die Frau in Frage kommt, mm die lllesignation an ihre. Stelle. Trotzdem ist die Dichtniig ein tapferes Stück, wenigstens für die Zeit, in der sie geschrieben wurde. Daß sie uns heute nicht mehr ganz so tapfer erscheint, ist zum wenigsten das Verdienst des Dichters selbst, der inzwischen die schwersten Hiebe gegen die bürgerliche Che geführt hat. Unsren Dank verdient die„Komödie der Liebe" aber doch, der Kultus, der von einer gewissen Presse mit der bürgerlichen Ehe getrieben wird, ist einfach grotesk. Das öffentliche Bewußtsein hat sich nachgerade einen sittlichen Grundsatz aufhalsen lasse», der erbarmungslosen Hohn verdient. Wer ernstlich die Möglichkeit der freien Liebe erwägt, muß notwendig ein Wüstling sein, wenn auch diese freie Liebe bereits in allen möglichen Formen blüht. Ter unsittliche Mensch an sich ist ein Individuum, das sich mit der bürgerliche» Ehe nicht abzufinden weiß. Die Moral gilt nachgerade nur noch für das sexuelle Ge- biet, wo sie dafür mit tantenhafter Engherzigkeit angewandt wird. Man legt den sexuellen Dingen eine Bedeutung bei, hie ihnen in keiner Weise zukommt. Es ivcrden an jedem Tag im Jahr Sünden begangen, die für das Gemeinwohls gefährlicher sind, als sexuelle Sünden jemals sein könnten. Nichts destowcniger duldet man sie schweigend, um sofort ein Wetzcgeschrci anzustinimen, wen» eiunial jemand auf erotischem Gebiet einige deutliche Worte braucht. Eben darunr ist jede Dichtimg doppelt dmikeuswcrt, die sich in ernsthafter Weise mit diese» ernsthasteu Dingen beschäftigt. Der Abend litt am meisten unter der Darstellung. Es ivnrde nicht gut gespielt. Das mutz der junge» Direktion offen gesagt lvelde». Der Darsteller des Fall war monoton und verstand sich nicht nn geringste« nuf renlisiischc VerSbehandinng. Die DnrsteNer, die natürlich zu sprechen wilsjten. fielen vollständig ans dem Nahmen des EnscmlilcS heraus. Man kann einer Bühne, die vor allem tittcrarische Aufgaben erfüllen will, nianches nachsehen, etlvas mehr mich sie aber trotzdem bieten.— Erich echloiljer. Aachen, IG. September 1000. bt. Alljährlich treten die deutschen Naturforscher und Aerzte zu einer Bersanmrlung zusammen, in der ein Rückblick auf die Ivissen- schafllichcn Leistungen des vergangenen Jahres soivie größerer Zeit- abschnitte gcivorfen wird. Als Ott der Tagung, der mit jedem Jahre Wechsel t, ist diesmal Aachen gewählt worden. Die Lage der Stadt an der äußersten Grenze des Reichs gegen Frankreich hin gab den Grund für ihre Wahl; zahlreiche Teilnehmer habe» natürlich die Absicht, unmittelbar nach dem Schluß der Sitzungen, für welche ein Zeitraum von acht Tagen vorgesehen ist, nach Paris z» reisen, um an den zahlreiche» dort stattfindenden internationalen Kongressen teilzunehmen. Aus Rückficht ans diese Mitglieder ist ein Ort auf halbem Wege nach Paris gewählt worden. Ob die Wahl dieses Ortes auf den Besuch der Vcr- samnilung günslig einwirken wird, läßt sich jetzt»och nicht übersehen. Die Anzahl der Versammlungsteilnehmer ist seit der Begründung dieser Versammlungen vor achtzig Jahren beständig gewachsen. Damals, am 18. September 1822, traten in Leipzig etiva 100 Personen zu de» Sitzungen der Gesell- schaft znsaninien; im vorigen Jahre, als der Kongreß in München stattfand, war die Zahl der Teilnehmer auf mehr als 3000 gestiegen. So viel sich bis jetzt übersehen läßt, werden es Heuer in Aachen nicht weniger werden. Allerdings läßt sich erst heute abend, wo die aus- wärtigen Teilnehmer als Gäste im Kurhause empfangen werden, ein einigermaße» zutreffendes Bild gewinnen. Den Bcrhaudlnngcn der Naturforscher und Aerzte bringt auch die nicht gelehrte Bevölkerung ein reges Jntcressc entgegen; wirke» doch die Arbeiten auf ärztlichem Gebiet, die Errungenschaften der Hygiene z. B. ganz unmittelbar auf die gesamte Gestaltung des Lebens ein, eine Einwirkung, welche bei dem rasch pulsierenden Leben nnsrcrZcit dem Einzelnen auch immer mehr zum Bewußtsein koinmt. Und gar die Bezichungen der Naturwissenschaften zum modernen Leben sind so zahlreiche, unser Leben wird von de» Errungenschaften der Wissenschast und der mit ihr in» engsten Zusammenhang stehenden Technik so mmlittelbar nnd augenfällig beeinflußt, daß das allgeineine Interesse an der Ivisscnschaftlichcn Entwickelinig naturgemäß immer stärker wird. Auch unsre herrschenden Mächte haben sich mit dieser Entwicklung abgefunden nnd fühlen sich vielfach als Begünstiger und Förderer derselben. Soivcit es sich hierbei um die große Bourgeoisie handelt, »»» die Vertreter der Groß-Jndnstrie, müssen wir ein Verständnis für die wissenschaftliche nnd technische Entlvicklung voraussetzen: die Glück- wünschc, welche von dieser Seite den Naturforschern entgegengebracht, die Festlichkeiten, die ihnen geboten ivcrden, sind jedenfalls anfrichtig gcnieint. Die Naturforscher ihrerseits lassen sich die Huldigungen gern gefallen und thnn in ihren Erwiderungen oftmals als höfliche Leute so, als ob die ganze wisscnschaftiichc Entwicklung mir unter dein vortrefflichen Schutze der deutschen Fürsten gedeihe» konnte. Wenn das auch nichts weiter als unverbindliche und nichtssagende Phrasen sind, so verdirbt ihre häufige Wieder« Holling doch durchaus den gesunden Sinn dessen, der sie so häufig im Mimde führt. Doch glauben wir nicht, daß die gesunde ivissenschaft- liche Entwicklnng wahrhaft darunter leiden wird. So kann uns z. B. auch die Wahl von Aachen als VerfamnilungSort, und die freundliche Auf- nähme der Teilnehmer hier als ein kleines Zeichen dafür gelte»: Von niemand ist der mit dem Namen Darwins verbundene Ent- wicklnngsgedanke leidenschaftlicher bekämpft ivordc», als von der katholischen Kirche, lind heilte nimmt kein Katholik an der freund- lichen Aufnahme der Männer Anstoß, die sämtlich auf dem Boden dieses Gedankens stehen. In den wirklich ivichiigen Dingen giobt rs für die Nolnrforfcher kein.Zurück", sondern nur ein„Vorwärts", deshalb begrüßen auch wir ihre Vcrsanunlung mit freudiger Genug- thnnng.— Kleines Feuillekon. -- Z»r Geschichte der Tahlia. Der„Frankfurter Zeitung" wird geschrieben: Um 1784 sandte Vincent Cervantes, Professor und Direktor des Botanische» Gartens in Mexiko, eine zur 19. Linnsschen Klasse sKorbblätter) gehörige Pflanze an den Professor der Botanik und Oberaufseher des Botanischen Gartens zu Madrid, Anton Josef EavanillcS. Die ftemde sparrige Pflanze mit den an langen Stielen etlvas hängenden, ziemlich kleinen Blumen mit gelber Scheibe und b— 6 roten oder orangefarbenen Randblnten ivar den Botanikern durchaus unbekannt. Cavanilles beschrieb sie zuerst 1791 als Dablia pinnata;„Dahlia" nannte er sie»ach dem schwedischen Botaniker Dr. Dahl, der 1787 zu Abo gestorben ivar. Weil aber der Name Dahlia schon von Thnnberg an eine andre Pflanze vergeben war, wurde sie von dem Berliner Botaniker Wildenow in Georgina(G. variabitis) umgetauft. Sie erhielt diesen neuen Namen nicht zu Ehren des Königs Georg III. von England, wie die Engländer behaupteten, sondern»ach dem be- rühmten Reisenden Georgi in St. Petersburg. Der Name Dahlia verschwand hierauf gänzlich nnd iveufffftens in Deutschland ist die neue Pflanze allein' mit dem Namen Georgine populär geworden. Erst in nnsrcr Zeit, in den letzten 30 Jahren etwa, kamen Handels» gärtner und, ihnen folgend, allmählich auch Botaniker auf den un- gewöhnlichen Einfall, den untadelhafte», allgeniein üblich gewordene» Namen durch den alte», längst vergessenen zu ersetze», und»nn inüsicn wir uns abmühen, die gut eingebürgerte Pflanze Dahlie statt Georgine zu nennen. Von Spanien aus kam die neue Pflanze 1787 nach England, gegen Ende des Jahrhunderts nach Deutschland (denn schon nm 1800 kannte man die Georginen in Dresden), 1802 nach Frankreich; aber sie scheint überall nur eine Rarität gewesen zu sein. Erst als Alexander v. Humboldt und Bonpland, die auf ihrer Reise in Mexiko„die Wiesen um Santiago de Arto mit Georginen geschmückt fanden", Samen der Pflanze nach Europa ge- bracht hatten, begann hier ihr Siegeszng. Humboldt sandte Samen auch an den Direktor deS Botanischen GartcnS in Berlin. Am meisten wurden Botaniker und Gärtner überrascht, als sie bemerkten, wie außerordentlich leicht die Farben der Blüten sich verändern und in de» verschiedensten Abstufungen erzeugen ließen. Mit Recht hatte darum Wildenow dem Namen Georgina das Bei- wort„variadilis" zugefügt. Das Interesse steigerte sich, als es 1308 dem Garten-Jnspektor Harttvig in Karlsruhe gelang, die erste ge- füllte Georgine zu ziehen. Ein Ivahrer Wetteifer entstand nun unter den intelligenten Gärtnern in Berlin, Leipzig. Weimar, Erfurt, Karlsruhe»und andren Orten. besonders auch in England: überall bemühte man sich, in Farben und Formen neue Spielarten zu gewinnen. Mau setzte Preise von 100 bis 1000 Thaler auf die besten nnd schönsten neuen Spielarte». In Deutschland bezahlte man noch in den siebziger Jahren einzelne Knollen mit 3 bis 5 Thalern. Mit größtem Eifer und Erfolg arbeitete namentlich der junge Gärtner Christian Deegen in Köstritz. 1824 begann er hier mit etiva 20 aus Weimar bezogenen Exem- plnrc» die Kultur der Georginen und 1826 konnte er bereits sei» erstes Verzeichnis eigner Züchtungen herausgeben. Bis Mitte der, dreißiger Jahre Ivaren die Engländer Meister in der Anzucht. Von dieser Zeit ab machten ihnen die Deutschen erfolgreiche Konkurrenz. 1836 wurde für die in Jena tagende Ge-. sellschaft deutscher Naturforscher und Aerzte die erste größere deutsche Ausstellung abgeschnittener Georginenblume» veranstaltet, zu der Christian Deegen schon über 200 Sorten meist eigner Züchtung vorlegen konnte. A. v. Humboldt, der alles genau betrachtete, war nicht wenig erstaunt über die reizenden Ber- änderunge», zu denen die mexikanische Wiescnpflanze in kaum mehr als 30 Jahren gebracht worden. In den siebziger Jahren wurde in de» Katalogen bereits über 2000 Spielarten berichtet, und heute schätzt man sie auf ö— 6000. Vorhanden sind sie ivohl nicht, den» die meisten Spielarten, auch sehr berühmte, verschwinden nach gar nicht langer Zeit.— Theater. Berliner Theater. Die lieben Kinder, von Victor Leon.— Der Verfasser bleibt hinter seinen„Gebildeten Menschen" iveit zurück. Er arbeitet mit denselben Mitteln, mit den Mitteln des alten Volksstücks, es fehlt dem neuen Stück indessen das Zeit- gemäße. In den„Gebildeten Menschen" hat er den Typus eines durchaus ehrenwerten Parvenüs geschaffen. Dem Mann fehlt zwar jede Bildung, dafür aber hat er Geld, während sein Bruder sich in der umgekehrten Lage befindet. Die Situation des Stücks ist gerade für unsre Tage charakteristisch, während „Die lieben Kinder" auch zu jeder andren Zeit spielen könnten. Dieser allgemeine Charakter macht sie matt und farblos. ES interessiert uns wcnig, daß ein Arzt sich seiner alten Eltern schämt. schließlich aber doch sein Sohnesherz entdeckt. DaS Volksstück braucht eine wirksamere Pointe, eine- intensiver« Färbung, wenn cS nnS interessieren soll. Möglicherweise hat Lindau trotzdem ein Kaffenstiick gesunden. Das' Publikum nahm die hannlose Arbeit freundlich auf. Gespielt wurde gut.— E. S. Musik. Wie wir neulich die Premiere im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater trotz ihrer eleganten Außenseite als künstlerisch unecht be- handeln mußte», so können wir jetzt die Novität des Central- Theaters, die„Ansstaftungs-Operette"„Der griechische Sklave" von Sidncy Jones, trotz aller unaufzählbarer Minderwertigkeiten dennoch als ein mnsikisch-dramatisches Kunstwerk und als eine Fortschrittostation in der Entwicklung der heiteren Thcatermusik rühmen. Man mißverstehe uns nicht dahin, daß jetzt far der„Richard Wagner der Operette" gekomnien sei. Selbst ortschritte, die schon' in sonst nicht vorzüglichsten Operetten — u. a. in Henbergers„Kleiner Excellenz"— erreicht waren, wie namentlich die musikalische Gestaltung. dramatischer, zumal dialogischer, Wendungen, trete» hier wieder mehr zurück. Allein sowohl im ganzen wie in vielem einzelne» ist das neue Werk so voll von künstlerisch Echtem, daß wir uns durch massenhafte Nichtig- leiten ebenso wenig brauchen beirren lasse», wie wir uns bei jenem andren Werk durch äußeren Glanz und selbst durch eine beträchtliche Gewandtheit der Textmache brauchten bestechen lassen. Sidney Jones ist der Komponist der»Geisha", deren teilweise Bcrdicnsle fiit die Geschichte der Operette l-crcits reichlich zur Gelt»»g gelmnnien sind. Sein fniherer Textdichter Owe» H n l l stand ihm anch diesmal znr Seite? und auch der hauptsächlichste Uebersetzer ist diesmal Ivieder der nämliche: C. M. R o e h r. Der Text gehört freilich im ganzen zu den typischen Operettentexten. Doch er hat, kurz gesagt, etwas Menschliches, Menschenwürdiges: der Fortgang der Handlung entfaltet greisbare Personen und beruht vorwiegend ans natürlichen innere» Vorgängen in ihnen und arbeitet Wim Teil jenseits der abstrakten Opercttcnschablonen. Die Fabel dreht sich um einen Sklaven, der einer verliebt zu machenden Prinzessin als Statue des Gotts der Liebe hingestellt wird, und um einen Zauberer, dem seine Tochter aus der Patsche hilft. Dabei geht es nun freilich nicht ohne die Tranchierung des Ganzen i» Gesprochenes und in Gc- sangsnummern und nicht ohne sehr gewöhnliche Couplets ab? die K omiker leisteten denn auch in der Bermehrung dieser um alltägliibe Dacapo- Strophen Sckireckliches, sogar dlirch eine Chinastrophe:„Ter Klügere schiebt nach." Die Musik ist in der Hauptsache von einem prächtigen Reichtum sowohl der melodischen Erfindung(meist ohne Wiener Nachahmung) als anch der Instrumentation? alö znni Teil auch der inhaltlichen Charakteristik. Hervorzuheben wäre da vieles: zuvörderst die zwei ersten der drei Finales; das erste ei» saturnnlisch taumelnder Tanz— wie denn auch in dieser englischen Operette das tanzende Wiegen eine wichtige Rolle spielt— und das zweite ein kunstvoller Aufbau, von einem EinzngSinarsch au durch eine in wagncrisch-romantischenl Ton gehaltene Aunifung hindurch bis zn einer hoch wirkungsvollen Scene enttäuschter Liebe. Neben Stückchen von wirklich genintswarmer Musik(Nr. 7 und 10) steht z. B. ein Stückchen von richtiger Tonkoniik(„Froschduett")— alles ziemlich gut ans der Siluntio» herausgearbeitet. Freilich steht dann neben Graziösestem und Feinstein auch so Ordinäres ivic das Konplct vom „schönen Archivs" und so höchst llroriginelleS wie die Stelle der „Bin ein lustig Ding," die leider auch dem ohnehin sehr matte» Schlnst zu Grunde liegt. Den köstliche» Besitz, den die moderne Operette an Fräulein M i a Werber besitzt, konnte mau ivieder in erfreulichster Weise schätzen lernen. Weit erhaben über das,>vas der Name „Soubrette" besagt, versteht sie, jede Rolle und Nolleneinzclhcit so ganz menschlich warm zu gestalten. Kein Csscktsnche», keine ilebertreibnng, kein Schölltreiben verdirbt das echt persöu- liche und technisch durchgearbeitete Spiel dieser Künstlerin? »md selbst ans ihrer Unschönen Stimme iveist sie— vornehmlich bei so blühenden Melodien, Ivie sie ihr hier(besonders in Nr. V und 17) zur Verfügung stehen— eine» fesscludcu Ausdruck herauszubringen. Sie hat auch von Gerda Walde keine Kon- kurrenz zu fürchten, lvie schön und geschmeidig auch deren Stimme. tvie geschickt auch ihr Tanzen und wie berückend auch ihre Soubretten- knnst'ist. Diese anscheinend neue Erwerbung des Ccutralthcaters dürfte eine der wenigen guten deutschen Bertreterinnen des neuen Komödien- tbpuS sein: des der englischen Burleskkoniikcriu. Allerdings: dasAbstrakte dieses Typus und dieser seiner Vertreterin, der kondensierte Fröh- lichkeitstamuel, wird in Deutschland schtverlich wie in England eine höhere Bedeutung getvinnen als konkret menschliche Personen und ihre e»tsprecheudeil schauspielerischen Vertreter. Herr Emil Sondermann tvar Ivieder als der Darsteller des Typus eines Schwindelkünstlcrs»amcntlich durch seine Herrschaft über jede Augenblicksbewegnng vorzüglich. Ter Sänger der Titelrolle, Siegm. Kunstadt, müszte einen noch freier gebildeten Ton, einen viel kräftigeren Schwung des Ausdrucks(z. V. in„Die Freiheit ist das höchste Gut") und hinwieder als Statue lveit mehr Ruhe entfalten, um nicht geradezu störend zu wirken. Besser tvar Karl Schulz als der andre Sklave? doch er und alle übrigen— ganz besonders der Possentreiber Rudolf Ander— haben es allzu schtver, sich neben einer Meisterschaft tvie der Mia Werbers zu belvährcn.— sz. Gesundheitspflege. ie. Kaffee trinke» und Kaffeeesscu. Wie so manche Genusjmittel enthält auch der Kaffee ein Gift, das Cofföi»,»ud »vegeii dieser Thatsacke wird nur die Schädlichkeit des Kaffees hin und hec gestritten. Die einen halten ihn für unschädlich, wenn er nicht im Uebermab und unvernünftig stark genossen wird, jedenfalls für Iveinger schädlich als den gerbstöffhaltigen Thee, die andern behaupten, daß Bergiftungserscheiiningen schon nach vier Tassen starken Kaffees unanSbleiblich seien. Die Folgen bestehe» dann in Stö- rungen des Blutkreislaufes, in MuSkelerschlaff»m> und in nervösen Störungen. Weitaus die meisten Menschen nehme» de» Kaffee im AufAnv als Getränk zu sich, aber es giebt auch noch andre Ver- Wendungen. G roste Femschmecker haben erklärt, dast das Aroma des Kaffees am stärksten zur Geltung käme, lvenn eine einzelne gebrannte Bohne zerkaut wird. DaS Kaffcebohiiencsien ist aber durchaus keine Erfindung eines überfeinerten Geschmacks, sondern es findet sich als allgemein verbreitete Gewohnheit bei den Galla-Bölken« NubienS, die sich aus zerstampften Kaffeebohnen einen stärkenden Brei bereiten. Endlich wird der Giftstoff des Kaffees, das Coffein selbst, rein oder in Verbindungen von den Acrztc» als Medikament verschrieben. Alle diese Arten des Kaffecgcnnsses iüttpen zur Vergiftung führen, die sich in Kopfschmerz, Schwindel, ransch- ühnlichcn Zuständen, Delirien, Angstgefühlen, Erbrechen, Zittern der Hände usw. äustert. Selbstverständlich ist von solchen Er- scheimmgen bei dem gewöhnlichen Kaffeetrinlen nicht die Rede, sie Verantwortlicher Nedacteur: Heinrich Ttrobel in Be sind aber schon»ach dem Geuust von niir zivei Tassen beobachtet tvorde». zu denen mau freilich in nnsinnigcr Ilebertreibnng je eine ganze Hand voll Bohnen genommen hatte. Der bekannte Berliner Psychiater Professor Mendel hat darauf anstncrksm» gemacht. dast linier der Arbcitcrbevölkermig der Stadt Essen häufig eine chronische Kaffeevergiftimg festzustellen gewesen sei, wo die Leute den Kaffee beinahe als Hanptnahrmigsmittel und jedenfalls als Lebenströster ansehen. Interessant ist' anch der Fall cinck. Kaffcekoches. der nach ävjährigcr Thäfigkeil an einer bedenklichen Nervenschivächc litt. Das reine Coffein führt begreiflicherweise noch viel heftigere Störungen herbei: Fmikcnsehen, Delirien, Schwindel. Zittern, ja sogar Krampfanfälle von solcher Heftigkeit, tvie sie sonst mir beim eigentlichen Starrkrampf eintreten. Schwerlich aber ist jemals ein merkwürdigerer Fall von Kaffeevcrgistnng beobachtet worden tvie der von O. Marburg in der„Wiener Klinischen Rundschau" bc- schricbcne. Eine 44jnhrige Frau suchte die Hilfe des Nervenarztes. weil sie seit zwei Jahren an Krämpfen, scheinbar epileptischer Natnr litt. Da sie früher ganz gesund gewesen, anch eine erbliche Ve- lastnng nicht in Betracht kam, so tvar dieser Znstand unerklärlich, bis schließlich ein eingehendes Bekenntnis der Kranken die Aufklärung brachte. Sie hatte sich als Besitzerin eines KaffechanscS allmählich daran gewöhnt, täglich 30—40 gebrannte Bohnen zu essen, und machte sich ein Vergnügen daraus, die Feinheit ihres Geschmacks durch sichere lliiterschctdung der Sorten zu üben. Zunächst schadete ihr diese wunderbare Liebhaberei nichts, es stellte sich nur eine inittbcrwindliche Abneigung gegen fette Speisen ein, die der Magen nicht mehr annehmen ivollte. Nach vier Jahren aber bekam die Frau plötzlich einen fürchterlichen Anfall von Krämpfen mit völligem Verlust des Beivnsttseins, nnd von da an ereignete» sich die Anfälle häufiger und unter immer schlimmeren Er- scheinungen, und sie ivichen anch nicht, nachdem die Patientiii ihre Leidenschaft des BohncncsscnS aufgegeben hatte. Als der Arzt sie untersuchte, stellte er nocki Narben auf der Zunge fest von den Bist- wunden, die sie sich im Krampf beigebracht hatte. Als Heilmittel gegen Kaffcevcrgiftinig weiden Cognäc, Bromkali, Chloral und ver- schicdcne andre Gegengifte empfohlen.— HumorifiiscpeS. — Kleiner Irrtum. Bauer(dem in einer städtischen Wirtschaft ein anSgcsvrnngener Billardball ans den Teller fällt): „Höllasakra, is dös a Wirtschaft! Könnts denn de K n ö d e l u»et a n st ä n d i g a n s' u Tisch bringen?"— — Naive Warnungstafel. Das Betreten dieses Weges ist bei zivei Mark Strafe verboten. Es wird gebeten, den Betrag in die unten befindliche Blechbüchse z» werfen.' Der Magistrat. („Lust. Bl.") — Die Hauptsache.„Nim, meine Gnädigste. Ivie hat Ihnen die Kinfflausstellmig gefallen?" „Ganz ausgezeichnet!... Ich bin sehr bemerkt worden I"— Notizen. — Um„Den Schleier der B e a t r i c c" hat sich ein eigenartiger Kampf ciitspvimcn.„Der Schleier zc." ist ein Stück von S ch n i tz l c r. Schien ther hatte es im Februar'halb und halb angenommen, wies es aber im September endgültig zurück. Darüber schrie Schnitzler. Einige Wiener Kritiker, darunter selbstverständlich Hcnnaun Bahr, schrien mit. in Berliner Redaktionen wird weiter gc- trommelt. Als Ablchnungsgruud wird das und jenes angegeben. Vielleicht war's gar ein Buch, ein verschenktes Buch.— — Unter dem Titel„Dreiunddreistig Jahre inOst- a s i e n" wird Ende Oktober bei Georg Wigand in Leipzig der erste Band eines Werks erscheinen, in dem der frühere deuische Gesandte in China, M. v. Brandt, seine Erinnerungen an seine» Anfeilt- halt in Peking wicdcrgiebt; zwei andre Bände, die das Werk ab- schlicstcn werden, sollen im Laufe der nächsten zwei Jahre er- scheinen.— — Georg Engels Lustspiel„Ein Ausflug ins Sittliche", das im Lessing-Thcater aufgeführt werden sollte, ist vom Polizeipräsidium als nicht geeignet zur öffentlichen Aufführung bezeichnet worden.— Drei satirische Einakter von Max Dreier, die im Deutschen Theater zur Aiiffnhnmg kommen sollten, sind gleichfalls Verbote» worden.— — Das in Berlin verbotene Lustspiel«Die st r e n g e n Herren" von Blnnienthal nnd Kadcldnrg wird am Wiener Bolkstheater die Erstausiührung erleben.— —„Zivei Mütter." ein dreiaktigcs Drama von Fritz Skowronnck, ist für das L u i s e n- T h e a t e r zur Aufführung an- genonune» worden.— — Die Wagner-Vorstellungen im Co nv entGarden-Theater zu London habe» einen völlige» Mist- ersolg gehabt.— — Gegen Nasenbluten Hilst, wie der„Praktische Weg- weiser" schreibt, am sichersten das tuiederholte Anhalten des Atems bei hochgehaltenen Armen, ferner ein lauwarmer Halsnmschlag, ein warmes Fnstbad und im schlimmsten Falle das Einziehen von heistcm Wasser in die Nase.—_ rliu. Druck uilT Verlag von Max Babing in Berlin.