Anterhaltmigsvlatt des Horwäris Nr. 181� Mittwoch, den ZN September. 1900 89] Machdruck verboten.) Die Lsanfnre. Roinan von Fritz Mauthner. Vöde hotte den Nebcrzieher mit festen Griffen zugeknöpft und nahm seinen Hut von der Wand. Richard trat ihm in den Weg. „Herr Doktor Bode?" rief er mit genmgencn Händen, „jetzt handelt es sich um die Ehre meines Vaters! Ich bin nicht mehr so wie vor einem halben Jahre; wenn Sie diesen ganzen Wucher bisher ertragen haben und heute so fortgehen, so muß sich etwas Entsetzliches ereignet haben. Ich fordere Rechenschaft von Ihnen! Was haben Sie meinem Vater vorzuweisen? Schauen Sie mich nicht so trotzig an, ich drohe nicht. Ich stehe auf Ihrer Seite, wenn Sie im Rechte find?" Bode überlegte. Die Schuld Mettmamis gegen Käthe ging den Sohil nichts an; aber Bode war ja schon ent« schlössen gewesen, um Johannas willen zu gehen. Für Iohamia hätte dieser Richard Mettmann eintreten sollen; Bode wurde heiß vor Zorn, er mußt« seineu Ucberrock wieder aufknöpfen und tief Atem holen, dann rief er mit er- �wuugener Ruhe: „Sie kennen Fräulein Johanna von Havenolv, wir haben uns ja in ihrem Hanse wiedergefunden! Diese Dame ist in der„Fanfare" Ihres Herrn Papas in der bübischsten Weise verleumdet worden, man hat sie fast mit voller Nennung ihres Namens in Zusammenhang gebracht mit geineinen Dirnen. Man hat sie öffentlich ein Malennodell genannt.' Das hätte jedem Freunde des Fräuleins v. Havenow genügen müssen, um sich ihrer anznnehmen; es wundert mich sehr, daß der Verfasser dieser Notiz und ihr Verbreiter noch nicht gepnigclt worden sind!" Herr Bode, diese Sache ist mir sehr ernst; auch ich habe den Aufsatz mit Stupöning gelesen, aber ich habe gemeint, es— es sei eine gutgemeinte Nngeschicklichkeit..." „Und Sie haben sich gesagt: wer wird für ein Maler- modell die Hand aufheben? Ich aber sage Ihnen, es war eine Büberei und von langer Hand vorbereitet! Man hat es gewagt, ein schutzloses Mädchen zu beschimpfen, welches dorn Morgen bis tief in die Nacht heimlich arbeitet, um einen leichtsinnigen Bruder nicht zu Grunde gehen zu lassen. Bis Sonnenuntergang Pinselt dieses Malennodell für einen Hungerlohn in der Fabrik eines Diffelhof. Vielleicht hat er sie dort heimlich portraitiert! Und nach Sonnenuntergang schreibt dieses Malennodell für noch schlechteren Lohn den Unsiim ab. den verdrehte Gelehrte und erbärmliche Novellisten ihr ins Hans schicken. Die langweiligsten Ab- Handlungen über römische Litteratur hat Fräulein Johanna von Havenow-Trienitz abgeschrieben, zehn Pfennig für den Bogen. Und Sie wissen, ivoriiber dieses Malermodell noch gestern abend seine schönen, feuchten Augen gebeugt hielt! Sie kopiert die langweilige Oper des Herrn Richard Mett- mann!" „Das ist nicht wahr, das habe ich nicht gethanl" rief Richard außer sich. „So haben es dieselben Leute gethan, welche die Büberei für die Zeitung verfaßt haben. O. fragen Sie doch Frau Kornmerzienrat Pitersen, ob sie weiß, wie man ein junges Sfficib zum Selbstmord treibt! Sie versteht sich darauf!" Richard wurde totenblaß, er rief: „Wollen Sie das Unrecht gegen das Fräulein von Habe- now dadurch gut niachen, daß Sie die andre Dame be- schimpfen?" Bode sah plötzlich Johanna vor sich, wie sie ihn be- schworen hatte, Richard nicht zu verdammen, der gewiß von allen den häßlichen Geschichten nichts wisse, und hart sagte er: «Nur ein Verblendeter kann Fräulein Johanna und die andre in einem Atem nennen!" Und hochaufgcrichtet ging er feinen Weg. XVI. Richard blieb eine Weile allein in der Schreibstube, bevor er den Vater aufsuchte. Drei Dinge hatte ihm Bode gesagt, von denen ihm schon lange sein eignes Herz schüchtern sprach. Johanna war jeder Liebe würdig, das war das schönste und wichtigste. Leontine war ein unheimliches Wesen mit einer un- aufgehellten Vergangenheit; das war entsetzlich für den Bräutigam dieser Dame, aber es war doch gut, wenn man sich beizeiten vorsehen konnte. Und zum dritten hatte Bode es ausgesprochen, daß er als ehrliebender Mensch das Ge- schäst von Mettmanns Vater verlassen mußte; auch diese Ent- decknng war keine allzu große lleberraschung, wenn auch der Sohn die Verurteilung nicht so leicht nehmen durfte wie der fremde Mann. Alle diese Mitteilungen hielten seine Seele nicht allein in Spannung; noch lagen die Erklärungen vertrauenerweckender Männer in seiner Hand, und da stand Schwarz auf Weiß, daß Richard Mettmann in seiner Kunst ein Pfuscher war. Das war eine wirkliche Ueberraschung. Hatten diese Herren recht, so mußte der junge Komponist einen raschen Entschluß fassen, nm Herz und Kopf von eitlen Wünschen zu befreien und für die großen Entscheidungen stark zu machen, die ihm bald bevorstanden. Er las die Briefe der Mnsikverständigen noch einmal auf- merksam durch. Die harte Verurteilung, die kalten Worte er- innerten ihn plötzlich an die Probc-Aufführung bei Leontine; dort hatten die Herren eigentlich dieselbe Meinung aus- gesprochen, er hatte nur unter dem Banne der Hausfrau gestanden und die höfliche Sprache ihrer Gäste nicht ver» standen. Er steckte die Briefe in die Tasche und begab sich zu seinem Vater. Gottlieb Mettinann ging zornig auf ihn zu. „Du hast mich lange warten lassen! Hat der Doktor Bode mich bei Dir verklagt?" „Ich bitte, Papa, nicht diesen Ton!" sagte Richard ziemlich kalt.»Du hast Herrn Bode nicht zu halten gewußt. Ich werde mich niemals wieder in Deine geschäftliche Gebahrung mengen, aber ich wollte der Redaktion eine Bitte vortragen, die mir Herr Doktor Bode herzlich gern er- füllt hätte; die Lage der Dinge hat sich inzwischen für mich geändert, ich habe jetzt eine Forderung zu stellen!" „Hoho I" rief Gottlieb Mettmann, der sich kaum noch be- zähmen konnte.„Warum verkehrst Du mit Deinem Vater nicht gleich durch einen Rechtsanwalt?" „Ich bitte Dich, Papa, noch einmal: nicht diesen Ton; ich verlange, daß mein Name und der Name meiner Oper in der Fanfare nicht mehr genannt wird, in keinerlei Weise. Es schickt sich nicht, daß der Vater der Welt die Vorzüge des Sohns verkündet." Nun brach der Zorn Gottlieb Mettinanns los; was ihn seit dem Morgen gereizt hatte, war durch den Auftritt mit Bode und endlich durch jenen Schlag ins Gesicht zu einer grausamen Wut verdichtet worden. Wenn es nun sein Sohn war, der dem Ausbruch begegnete, um so schlimmer, oder vielleicht um sv besser; es war Zeit zu der großen Abrechnung zwischen dem rastlosen Vater, der sich zu Schanden arbeitete, um für seinen Sohn die Welt zu erobern, und diesem Sohne, der in der feindlichen Welt umherging wie ein Schulknabe, der sorglos seine Lieder sang, wie eine Lerche, die über einem Schlachtfeld ruhig in die Höhe schwebt; und gerade heute, wo der Knabe plötzlich eine Miene aufsetzte, als sei er der Schule entwachsen, gerade heute sollte er die Wahrheit zu kosten fühlen. Und in einem Strom von Worten warf der Verleger dem Sohn Unverstand und Unersahrenheit vor; alles übertreibend, alles vergröbernd, schilderte er das Verhältnis des Komponisten zu den Geldleuten. Man habe plötzlich alles Vertrauen in die Fata Morgana verloren, weil Richard keine Besuche genlacht habe. Die Aktionäre seien zugleich die Gründer der Fanfare und darum die Herren der öffentlichen Meinung, die Herren über Kunst und Wissenschaft; er selbst aber. Gottlieb Mettmann, habe sich mühsam zum Letter der großen und der kleinen Fanfare emporgeschwungen, er allein wolle künstig entscheiden, ob eine Oper gut oder schlecht sei. — 7i Hub mit grbcilltcr Faust aus den Schreibtisch schlagend, schrie er so laut, als wäre er berauscht: „Du sollst mein Erbe sein. Tu sollst an die Spitze der Fanfare treten und selbst der Herr werdcir über die Reklame aller Länder. Wenn Du eineu Künstler gern hast, so sollst Du ihn berühmt machen können, und wäre er so ein Hallunke wie Pinkus, so ungeschickt wie Du und so unwissend wie ich l In Deiner Hand soll die Entscheidung liegen. ob Euereiner unsterblich wird und ein Denkmal gesetzt kriegt oder nicht; wen Du gern hast oder wer Dir in barem Gelde den Zehnten von seiner Unsterblichkeit vorausbezahlt, dessen Namen sollst Tu groß machen können bei Lebzeiten; und wenn er Lehmann hieße, der Name soll täglich in allen Schriften und in allen Farben überall hin gedruckt und gemalt werden.>vo eine Fläche vorhanden ist, vom Asphaltpslaster bis zum Giebel der Feuermauer, von den Fensterscheiben der Pscrdebahnwagen, bis zur Felsenwand hinter den großen Wasserfällen, nnd wie diesen Lehmann. so sollst Du Dich selber berühmt machen können. Das soll Deine Macht sein, wenn Du zu Verstand gekommen bist und ctwas�von mir gelernt hast. Weist Du aber auch, was Du jetzt bist, wenn ich Dich nicht als meinen Sohn an- erkennen will? Ob Du Talent hast oder nicht, ob Du ehrlich bist oder nicht. Du bleibst bis an Dein Lebensende einer der tausend Hungerleider, deren Namen in keinem Inserat vor- kommen und in keiner Zeitung stehen und darum von den Leuten nicht gekannt werden. Und wenn der Herrgott selber Deine Musik machte. Du kommst nicht auf ohne die Fanfare!" Richard hatte stumm den Sturm über sich ergehen lassen, jetzt sagte er mit zitternder Stimme: „Ich habe meine Oper noch nicht an die Fanfare der- kaust; ich werde sie nicht aufführen lassen, wenn sie den Be- sitzern des Opernhauses nicht gefällt." „Tie Oper ist unser, Herr Richard Mcttmann!" schrie der Verleger außer sich.„Ich sehe, wir werden doch durch den Rechtsanwalt mit einander reden müssen; ich will Dich davor bewahren,' daß Tu als ein armseliger Musikant, möglicherweise als ein Klavierlehrer durch die Stadt läufst: das sage ich Dir, arme Musikanten mag Frau Leoutine nicht zu Männern!" Inmitten seiner Wut bereute Mettniann das Wort. Richard war blaß geworden; der Verleger versuchte schnell in einen andern Ton überzugehen. „Daß ich's gut mit Dir nieine. Junge, brauche ick. Dir nicht erst zu sagen," versicherte er treuherzig;„Du wirst doch nicht als Ingenieur in einer fremden Maschinenfabrik Dein Leben beschließen wollen?" „Vielleicht! Davon sprechen wir ein andermal, wenn es Dir recht ist. Du hast Lcontine genannt. Es ist Dein Werk. wenn ich mich als ihren Verlobten betrachten muß; ich hoffe, Du weißt nichts von ihr, was meine Ehre nicht vertragen könnte." „Nein," sagte Mettmann niit ruhigem Blick:„frage sie selbst nach ihrer Vergangenheit. Sie hat viel Unglück in» Leben gehabt, weiter ist es nichts: sie müßte sich von einem Vagabunden trennen und dann aus Mitleid einem Wohlthäter die Hand reiche»; frage sie selbst l" „Gut, ich werde sie selbst fragen. Bevor ich gehe, Papa, noch eine Bitte: vor kurzem stand in Deiner Zeitung ein ab- scheulicher Aussatz mit einer Bosheit gegen Fräulein Johanna von Havenow; Du hast mir das Zeug selbst zu lesen gegeben, weil Du die böse Absicht nicht verstehen konntest. Wenn Du willst, daß Dein Sohn Dein Blatt je wieder in die Hand ninnnt, so wirst Tu den Verfasser dieser Zeilen sofort entlassen I" Nun verlor Gottlieb Mettmann vollends seine Geduld: wenn zu allen seinen Widersachern auch noch Frau Pitersen ihn ärgerte, so nrochte sie selber sehen, wie sie niit Richard fertig wurde: der war heute gewiß von einer schönen Frau leichter zu lenken als von seinem alten Vater. Richard ver- stummte sicherlich, wenn er die halbe Wahrheit erfuhr. Polternd rief der Verleger: „Ich kann doch Frau Leontiue nicht entlassen, die steckt, glaube ich, dahinter! Sie war eifersüchtig, was weiß ich. Sei froh, daß sie so verliebt ist, sie hat Dir sogar verziehen. daß Du kein inusikalisches Genie bist! Wohin auf einmal? Und ohne mir die Hand zu geben?" „Wir sprechen uns heute noch einmal," sagte Richard ernst. »Natürlich, aus dem Fest des hundertjährigen Jubiläums, 2— des Dingsda. Pinkus hat das Fest der zehnten Jnseratenscils gaiiz gut umgetauft. Du bist doch fuih da?" „Ich weiß nicht," sagte Richard und verließ die Stube. Ans der Straße blieb er unschlüssig stehen, es war viel aus einmal über ihn gekommen; er wandte sich der inneren Stadt zu,»vi zuerst von einem seiner Richter mündlich die Bestätigung des Urteils zu haben. Er ging zu Jakubowski, dem Schlvager LeontincnS. Es war ihm bänglich zu Mute: von seiner Oper, seinem verhätschelten Kinde sich zu trennen, sein Werk für immer � zu begraben, das schien ihm plötzlich leichter, aber an Leontine band ihn sein Wort, und wenn es ihn noch so heftig von ihr fortzog, tvenn er den kurzen Rausch noch so bitter beklagte, wenn er in Johannas letztem Kusse ein noch viel heiligeres Verlöbnis sah, es Ivar alles umsonst, sein Ehrenwort zwang ihn zum Bunde mit der Frau, deren Leben vielleicht in seinen Augen ehrlos war. sobald er es. kannte. Laugsam stieg er die drei Treppen zu JakubowskiS Wohnung empor: der Börsenmakler>var zu Hause und empfing den Gast mit kühler Artigkeit. Er erwartete Vor- würfe wegen seines schriftlich abgegebenen Urteils, er fürchtete noch mehr, daß Richard Mettmann sich auf eine Art Verwandt- schaft berufen und einen Widerruf verlangen würde. Diesen Leuten von der Fanfare war alles zuzutrauen, und Jakn- bowski stürzte mit seinen langen Beinen nach dem Schreib- tisch, um eine Abschrift seiner Aeußerung hervorzuholen; sein Vogelköpfchen lag mürrisch auf der linken Seite. Um so angenehmer war er enttäuscht, als Richard in be- scheidenster Weise seinen Wunsch aussprach: Herr Jakubowski habe ihn, Vertrauen eingeflößt, und er bitte darum, daß man ihm die Gründe der Kenner ausführlicher und überzeugender darlege. Er sei vielleicht ein unbegabter, sicherlich aber ein ehrlicher Musiker und werde ein schlechtes Werk dem Publlsinn nicht aufzwingen. iFortsetzung folgt.) (Nachdruck v«rdot«!.> Das Ltebelmcev. Die Ivasserreichen Thälce der Schweiz und die große ober- schwäbische Hochebene zlvischcn Ulm n»d dem Bodcnsee senden schon Do» Anfang des Herbstes und bis tief in das Frühjahr hinein ge- wattige dichte Nebel cinpor, so daß der Wanderer oft kaum wenige Schritte weit sehen kann. Im Thale. namentlich in großen Städten, lvie Zürich, Lnzcrn u. a., iverden dann Depeschen hermngetrage» oder ausgerufen:„Uetliberg halb!"„Pilatus halb I" Hnndcrle ivaudeni hierauf zu Fuß oder mit der Bergbahn auf die Höhen, um das seltene Schauspiel eines NebelmecrS zu genießen. Aber so großartig auch der Anblick von den höchsten Alpe»- spitzen sein. mag, er läßt sich nimmer vergleichen mit dein lvnnder- vollen, zaubcrhasten Bilde. das wir von den Höhen des alten Schwabcnbcrgs, von dem Bussen, ans erschauen. Auf dem rechten Ufer der Donau, zwischen Ulm und Signiaringen. kaum eine Stunde von der Bahnlinie entfernt, erhebt sich der Bussen 762 Meter über dem Spiegel des Meers und 37t Meter über den Bodensce, in früheren Zeiten ein einsanier Wächter und Hüter habsburgischer Macht in Süddentschland, niit unnbcrwindlich scheinender Bing gekrönt. heute nur noch mit wenigen. Mauerstücken ge- schmückt,, welche zeugen von verwichener Größe des heiligen römischen Reichs deutscher Ration, von eitler Ver- gänglichkeit alles von Menschenhand Geschaffenen. Schon die äußere Gestalt dieses BergS verdient alle Beachtung. Seine Höhe gestattet, ganz Oberschwaben zu überschauen, seine Lage nnd der Charakter der von ihm beherrschten Gegend zaubern ein i» seiner Art einzig grandioses Bild zu Füßen des Beschauers. Er wurzelt mit breitem, riesenhaftem Fuß i» der Ebene, von Molasse umschüttet, während der obere Teil sei» stolzcS Haupt, tertiäres Gebilde-, edel und schlank geformt, frei und kühn gen Himmel strebt. Ei» Dorado, ein feenhaftes Reich, ist über daS Gesichtsfeld hingegossen, gleichviel, ob es im lichten Morgensonnen- scheine oder unter den letzten feurigen Strahle» des»icdersinkciidcn Gestirns in unsrcrt» Auge sich spiegelt. Freudetrunken aufjubeln mag der Ratursrennd, wenn er von dem bestcigbaren, massig«! Vurgfried, der einstigen Hinterburg, das halbe Tausend von Städtchen und Dörfern, Schlössern, Klöstern und Höfen, in jedem Spiel von Grün blinkende Auen, goldene Saale», mcilenweite gelbe Rapsfelder, dnnlle Taniicnforste, hellere Laub- Wälder und unzählige Waldparzellcn erschaut. Doch nicht Oberschwaben allein liegt zu nnsren Füßen. Weit über Ulm hinaus reicht der Blick nnd gen Sonnenaufgang hinein in den unbegrenzten Horizont der bayrischen Hochebene donauabwärtS. Und im Süden erblicken wir die ungeheure, gegen achtzig deutsche Meilen lange, in ihren oberen Regionen mit ewigem Schnee be- deckte Alpenkette, vom massigen Pilatus am Vierwaldstädtersce bis zur Briledilteliwcmd. Die fernen imposanten Berge sind so neckisch. dc>b flc bei klarem Hinunel. iwmemlich� imch einem Gelvitjer, dicht hinter dem Federsee, kaum zwei Stunde» von u»S getrennt, er- scheinen. Ei» geheimnisvoll waltender Riesengeist scheint die Berge uns abwechselnd näher und ferner zu rücken. Da und dort silberblitzende Teppiche erinnern nnS an den Spiegel des BodenseeS. Einen jähen Wechsel der Pracht bildet im Norden die schwäbische Rlb, ein smaragdsarbenes Waldgebirge, von einem Perlenkranz von Dörfern umrahmt. Romantische Seiten- thäler öffnen sich dein Auge blos; schüchtern und lassen ihre Schön- heit spröde ahnen.. Wir nennen nur das herrliche Aachthal. Der spiegelrcinc. forcllenrrichc Klus; dnrchrauscht in unterirdischem Lauf die Friedrichshöhle, in die wir uns bei Minsen durch ein manns- hohes Felsenthor 170 Meter tief init einem Nachen hineinwagen können. Der Fluß zeigt eine Tiefe bis zu zehn, eine Breite bis zu vier Metern. Einen nie gesehenen Anblick gewährt dem unter der Erde schwimmenden Schiffer das durch das Felsenthor herein- schimmernde Tageslicht. Aber wenn die großen Nebel kommen, dann ist von dieser Herr- lichcn Natur nichts mehr zu schauen. Wir sehen weniger als zwischen den vier Wänden eines düstere», kahlen Gefängnisses. Da zieht es uns erst recht mächtig und unwiderstehlich hinauf aus des BnffcnS steile Höhen. Nur langsam gelangen wir vorwärts. Je weiter wir aber bergan kommen, desto lichter wird die Atmosphäre. und immer mehr schwindet der beengende Druck auf Brust und Sinne. Da, unmittelbar am Waldcssaimic sind tvir befreit nicht allein, wir sind erlöst. Lichtblauer Himmel über uns, die im Golde der Morgensonne erstrahlende Bergesspitze vor uns. In wnnderbaren Farben prangt der herbstliche Wald, und hinweg sehen wir über ein wcchselivcise spiegelglattes und gewaltig ivogcndes Nebelmeer, das über die ganze unermeßliche Ebene hinivnllt. Aus dein in allen Tönen lenchteiidcn Ocean tauchen allinählich einige Bergknppen, wie Riesenschisse oder kleine Inseln ailzuschen, empor, und verschiviiiden rasch wieder. Ein furchtbarer Kampf der Sonne mit dem Nebel entbrennt. Wildromantische Gebilde, schauerlichen klugehenern aus sagenhasten Welten gleich, dem Drachen und Lind- wiirnr ähnlich, bäumen auf n»d zerreißen schließlich vor den, sieg- reichen Gestirn, in Todeszuckungen sich windend und krümmend. Immer heftiger und wilder ivird der Kampf. Der düstere Dunst, die Finsternis können der Macht deS Lichts ans die Dauer nimmer widerstehen. Wie mit enicm Znubcrschlng ist der Nebel verschwunden, und unser ganzes iveites� Gesichtsfeld verwandelt sich in jene andre unvergleichliche Pracht, die der Leser oben erschaut. In besonders feurigem Glüh- und Purpurrot erglänzt mnuittel- bar unter uns der Fcdersee. Wir si»d nicht in weltabgeschiedenem Hiuterlande. Jeder Gebildete aller Nationalitäten hat von unsrer Gegend schon gehört. Im lustigen und tollen Lager des alten Fried- länders fragt der Wavenstcüiische Wachtmeister den Rrkebnfier: „Und Du bist auch nicht aus der Näh'?" und erhält die Antwvrt: »Ich bin von Buchau am Fcdersee."— Ed», und Miller. Meines Feuillekon. — Ein Reise Abcutciicr. Nach dein„Magy. Szä* gicbt der „Pesler Lloyd" den Bericht des Schauspielers iljhäzy über dir Abentener zum besten, das der Künstler ans der Reise'nach Rozsuyö erlebte, wohin er z» einem Gastspiel berufe» worden.„Als ich im Coupe Platz nahm," erzählte iljija.zl),„fühlte ich etwas unter mir knisterit. Ich sehe nach: es war ein Eylindcrhut. Den habe ich nun gründlich zerdrückt, dachte ich. Er glich ewer Harmonika. Inder Ecke aber sprang ein HandlmigSreisender janiincnid empor."—„Ach, mein Hut! Mein schöner, ncner Hut ist. hin I" Und doch trug er die Schuld: weshalb hatte er ihn auf den Sitz gelegt— der Dinnm- kopf. Trotzdem entschuldigte ich mich gebührend. Der Reisende gab jedoch nicht nach und rief unablässig, ich müsse ihm seinen Schaden ersetzen. „Nun gut." sagte ich,„ich bezahle Ihnen das Ausbügeln; lassen Sie mich nur schlafen." „Oho, so geht das nicht l" war die Antlvort.„Ich brauche keinen alten aiisaebügeltcn Hut. Ich will eine» neuen. Bezahlen Sie die Kosten. Sechs Gulden l" Ich sah bald, daß ich mit dem Mann nicht fertig werde. Ich bezahlte ihm also sechs Gnldcn und legte mir den Cylinder wieder iinlcr. Wenn er mich schon sechs Gulden tostet, so will ich wenig- strns auf ihm sitze». Ich kann sagen, es ließ sich wunderbar auf ihm schlafen. Ich erlvachte erst, als wir in Rvzsuyö anlaiigten. Der Rege» strömte in dichten Strähnen herab. Ich betrachtete den Reisenden. Er zog den Ueberziehcr an, nahm die Reisetasche unter de» Arm und griff ruhig nach dem Eyltnder. .Hoho I" rief ick ihm zu.„Was ivollciiJSie von diesem Hnt?" „Ihn auffetzen l" «Meinen Hnt? Das giebt's nicht 1" „Aber ich bitte, ich kann doch nicht ohne Hnt im strömenden Regen in die Stadt gehen!" „Meinetwegen gehen Sie nicht l Was kümmert's mich? Aber dieser Hut gehört mir; ich habe ihn für sechs Gulden gekauft." Damit brachte ich den Hut unter meinem Rock in Sicherheit. Der Reisende begann zu betteln. »Um Gottes willen, geben Sie mir meinen Hut zurück." „Ich bin doch nicht verrückt: kostet er mich doch sechs Gulden." „Ich nehme ihn lieber für sechs Gulden zurück. Nur her damit!" „Na. hören Siel Ich bin kein Trödler, um mit von Herr- schaften abgelegten KIciduiigsstiickeu zu handeln. Ich gebe ihn nicht her. Damit Punktum!" „Aber ich bitte, ich muß unbedingt in die Stadt gehen." „Wohlan,>ve»» Sie durchaus wollen, daß ich ein Trödler sei, so geben Sie mir mindestens einen guten Nutzen. Um acht Gnldcn gehört er Ihnen!" Der Reisende suchte zuerst zu feilschen: ich erklärte jedoch, daß es bei mir nur fixe Preise gebe. Schließlich trenute er sich mit einem schlveren Seufzer von den acht Gulden. So sind die Rozsnyoer Armen unverhofft zu zwei Gulden gekommen.— Theater. L e s s i n g-Theater.„Traum eines Friihlingsinorgens". Von d' A n n n n z i o.— Es Ivar ein Stück. das italienisch gc- sprvcheu ivurde— das Publikum hätte sich sonst die Sache nicht bieten lassen. Wir überschätzen damit keineswegs das Publikum: Wir wissen, daß es sich von den Italienern so ziemlich, alles bieten läßt, um dann bei Halbe einen Theaterskaudal zu machen. Das neue Stück von d'Aununzio aber hätte es sich in deutscher Sprache nicht bieten lassen. Niemand läßt sich ohne Not verhöhnen. Nicht eiimial das Publikum der Duse. Es fällt sehr schwer, ruhig zu bleiben. Wir haben durch nusren sinnlosen Dusekultns viel verdient— das neueste Stück von d' Aiu'uinzio haben wir nicht verdient. Fran Duse darf in ihrer Heimat getrost erzählen, daß wir UNS viel bieten lassen; aber lvir lassen uns nickt alles bieten. DaS Stück wäre in der fröhlichsten Weise ausgepfiffen worden, wenn man auf der Bühne Deutsch gesprochen hätte. So sprach nian italienisch— und rettete die Situation. Was ist das Stück? Eine höfliche Antlvort giebt es auf diese Frage leider nicht. Wir haben all den ohnmächtigen Worten gegenüber nur eine Empfindung gehabt— die delirierende Eitelkeit einer schalen Natur. Das prahlt und prunkt und putzt sich heraus, ohne daß auch niir ein Wort von Kraft und Bedeutung fiele. Schwäche, Schwäche, nichts als Schwäche, Schiväche in jedem Wort! Sollte vielleicht eben das die Duse gereizt habe»? E. S. Musik.''.... Bei all' dem. waS wir an den Darbictinigeii der vcrschiedeiit- lichen privale» Opern- und Operettentheater zu kriiisierc» habe», dürfen wir uicht vergessen, daß es sich hier stets um Institute mit schiverem Daseinsringen und insbesondere mit dein Zwang des fort- während Neuen handelt. Ganz anders eine Hosbühne wie unser altes Opernhaus. Hier gilt es allermeistcuS uicht das Neue, sondern die Wiederholung und etwaige Nnanciernng des Alten, mit der Sicherheit, daß Altes und Neues' ein zahlreiches Publiknni anzieht und daß außerdem noch draußen äusRnnnner zivei mit einem Operetten» geleicr die Iveiteren Geschäfte gemacht iverden können. Kommt also alles darauf an, aus diesen günstigen Verhältnissen und mit erst» rangigen Kräften das höchstmögliche zu machen. Je seltener man nun ein solches Theater besucht, desto deutlicher merkt man den Fluch einer ANtägö-Operubühiie. In unsrer Königlichen ist das Orchester an Spielcrzahl und Tüchtigkeit den Orchestern der Privat- bühnen so über, daß man sein llebertöuen des Gesangs— zumal cS kaum irgcndtvo so frei liegt wie in diesem Theater viel widriger empfindet als anderswo. Die Aufführnng von WagnerS „Meistersinger»" am letzten Montag zeigte dies wieder recht deutlich. Allerdings wirkten auf der Bühne fast lauter erste Künstler. Eine so herrliche Tenorstimme wie die von Ernst K raus jWalther) giebt es nicht bald wieder, Gesamtleistungen>vie die von Herrn S o m m e r �Davids und von Frau Götze sMagdalena) sind ebenfalls nicht häufig, und die allermeisten Meistersinger»lachten ihre Sache vortrefflich., Doch wo bleibt das darstclleriiche Herausarbeiten der so lebensvollen, einzigartigen Menschengestalten Wagners? Herr Kraus und Fräulein Hie dl er var, einen Besuch ab. DoZ Depot erivics sich als unberührt, ei» Zeiche», daß Slvcrdrup nicht bis dahin gekommen war. Im Plan der Swerdrupscheu Expedition, die 1898 zum Smithsund fuhr und sich im vorigen Sommer bis zum August vergeblich bemühte, die nördlichere» Teile Grönlands zu erreichen, lag es, bis zur Ostküste vorzudringen— entweder zu Schiff oder zu Schlitten— und den bis zum Kap Bismarck hinab- reichenden mibckamcken Teil der Oftküste zn erforschen. Von der Walroß-Jnsel begab sich die Kolthoffsche Expedition in den Kaiser Franz Joscph-Fjord, wo sich gleichfalls viele Moschnsochse» befanden, von denen man eine Anzahl für Ivijscnschastliche Zwecke erlegte. Ferner gelang es, zwei junge Tiere durch Einzäunen mit Netzen lebend zu fangen. Aeltere Tiere zu bekommen, gelang nicht, da sie zu wild und kräftig waren. Die beiden gefangenen Tiere, ein Männchen und ein Weibchen, sollen' in Lappland, das einigennaßen ähnliche klimatische Naturbcrhältmffe wie Grön- land bietet» ausgesetzt werde», und es bleibt nun abzuwarten, ob dieser intercssaicke Versuch. Moschnsochse» in Schweden heimisch zu mache», gelingt. Außer den zoologischen Forschungen wurden von der Kolthoffsche» Expedition auch botanische Sammlungen zn Wege gebracht, und einer der Teilnehmer, der Arzt Dr. Lcvin, führte eine Anzahl bakteriologischer llickcrsnchuiigen ans. Die an toten Tieren vorgenommcucu Itntcrsncknngen haben nach Meinung des Dr. Leviu den entickicidcndeu Nachweis gebracht, daß die iin Darmkanal befindlichen Bakterien nicht, wie früher an- genommen wurde, bei der Verdauung eine Rolle spielen. Die Kosten dieser äußerst erfolgreich verlaufenen Expedition, die mit einem eignen Fahrzeug, dem ehemaligen norwegischen Fangschiff„Futhjos". ansgernstet ist und außer den wisjeiiichaftlichen Teilnehmern Dr.' Ocstergrcn, Dr. Odhner, Dr. Lcvin und Kjeld Kotthoff eine Anzahl Präparatcure zählt, trug ein Privatmann.— Humoristisches. — Auffallend. Der kleine Fritz:„Du, Onkel, was ißt Du den» für abscheuliches Zeug, Iveil Du alle Tage die Zähne putzen mußt?"— — Leichter Tod.„Hat er doch au keichim Tod gehabt, der Herr Meier?" „O inei, da kiuua'S eahna gar nix denka; sitzt er a so stad do, auf oamal fallt rahm d' Conpouscheer aus da Hand, und aus is g'weu."—(„Simpl.") — In der Verlegenheit. Regierungspräsident (beim Besuch eines kkciucn Laudstädtcheus zum Fenerwehr-Komman- dante»):«Nun, ü b t Ihr Verein auch recht fleißig?" K o in Mandant:„O ja, Excellenz,— e s brennt nur a' b i s l z' Iv e u' g l"— Notrzc». o. Pierre Lonhs Roman„Aphrodite" ist in Ne w V o r k verboten worden. Die Zollverwaituug hat bereits über 100 Exemplare verbrannt.«Aphrodite" ist vor vier Jahren er- schienen.— — Hi er manu©nb ermann#«Johannis f e n er" wird am 4. Ottober im Lessing-Theater seine Erstansführung erleben.— — Von der C e n s n r verboten wurde die Aufführung der Komödie„Susanne im Bade" von Hugo Salus am Kieler Schiller-Theatcr.— — Otto Erich Hartlcbens Schauspiel«Rosen- montag" wird am 3. Oktober am Deutschen Theater zum erftciimal in Scene gehen.— — Bei den Baireu ther Fe st spielen im nächsten Jahre kommen zur Aufführimg: Der Ring der Nibelnngen(zweimal), Parsisal(siebenmal) und Der fliegende Holländer(fünfmal). Die scenischen Vorbereitnngeu sind im ganzen beendet; für den Holländer sind zwei vollständig aufgetakelte Schiffe gebaut. Für den Parsisal ist die Dekoration des Rosengartens vollständig erneuert. Der fliegende Holländer erscheint zum erstenmal im Rahmen der Fest- spiele. Unter den Mitivirkenden werden sich Herr Erich Schmedes- Wien als Parsisal und Siegfried, Herr v. Roy und die Damen Gnlbraiison und Schnmann-Heink solvie Frau Wittig-Dresden be» finden; den Erik im Holländer singt Herr Kraus-Berlin. Die Oberleitung der Festspiele fuhrt Siegfried Wagner; auch HanS Richter uiid Dr. Mnck-Berlin werden an der musikalischen Leitung beteiligt sei».— — Ei« Spiriti st en-Kongreß wurde am Sonntag unter dem Vorsitz Victorien Sardons in Paris eröffnet.—_ Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Ströbel in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.