Hlntcrhaltmigsblatt des vorwärts Nr. 184. Sonntag, den 23. September. 1900 (Nachdruck verboten.) &2] Vre Fsrnfsree. Noman von Fritz Mauthner. Lcontine hatte jetzt beinahe ihre Freude an Richards Ver- zwciflnng. „Dein Vater erfuhr die Sachen in sehr aufgetragener Weise durch Pitcrscn selbst, der einigemale bei der Erinnerung an seine Tochter schlimme Wutanfälle bekam und mich dann verleumdete. Der Rechtsanwalt und später Dein Vater sind die einzigen Zeugen solcher Ausbrüche gewesen. O, es war kein vergnügtes Leben an der Seite des Kommerzienrats Pitersen!" „Und was sagte mein Vater zu solchen Enthüllungen?" Richard fragte es mit heiserer Stimme. Leontine kam mit ihren leichten großen Schritten auf ihn zn und nahm ihm lächelnd die Porzellanfigur aus der Hand. „Mein verliebter Schäfer ist vennchtct, wie ich sehe; ich möchte nicht auch noch das Fräulein verlieren. Ja, Dein Vater brachte den Kommcrzienrat mit derben Worten zum Schweigen, und als wir nachher ollein waren, sagte er zu mir: Wenn wir von altem Adel wären, Sie»ind ich, wir würden denselben Wahlspruch im Wappen führen!" „Welchen Wahlspruch meinte mein Vater?" „Ueber Leichen! Und damals zuerst hatte er den Ein- fall, so gleichgesinnte Geschlechter mit einander zu verbinden. Du wurdest aus England zurückerwartet und solltest dort die praktische Ucbung unsres Spruchs lernen." Leontine kreuzte die Arme über die Bmst und blickte spöttisch auf Richard. So hoch hatte sie sich aufgerichtet und so tief gebeugt stand er ani 5lainin, daß sie auf ihn nieder- schauen konnte. An der Thür entstand ein Geräusch, dann schlüpfte der Diener unhörbar herein und meldete den Grafen Tricnitz. Ob gnädige Frau den Herrn Grasen empfangen wollten? Leontine biß sich auf die Lippen. Die Witterung eines ungewohnten Ereignisses mußte für ihre Dienerschaft in der Luft liegen; sonst fragte Ulan nicht, sonst folgte der Graf dem Diener auf dem Fuße. „Ist schon seine Zeit?" fragte sie gelassen.„Wahrhaftig, wir haben die Essenszeit verplaudert. Ich lasse bitten I Du gehst, lieber Richard?" „Ich habe nicht so viel Selbstbeherrschung, um jetzt ein leeres Gespräch zu führen," und mit einer stummen Verbeugung eilte er hinaus. Im Vorzimmer traf er auf den Grafen, der mit Hilfe beider Diener mühsam aus seinenl Pelze schlüpfte; bei Richards Erscheinen raffte er sich zusammen, richtete sich in den Hüften und sagte geläufig: „Ich vertreibe Sie doch nicht, lieber Mettmann?" Und er streckte taktmäßig fast seine ganze Hand dem Bräutigam Leontinens entgegen. Richard aber ging, ohne die Hand zu bemerken, mit cincnl kurzen:„Guten Abend, Herr Graf; ich bin sehr eilig!" vorüber. Der Graf schlich mit seinen weichen Schritten durch den langen Korridor bis zum gelben Zinimer, dort richtete er sich zuckend wieder empor und trat mit unverändertem Lächeln ein; er fand die Hausfrau in der größten Arifregung, sie hatte die heile Porzcllanfigur in der Hand und pochte mit ihr auf den Kaminsims. Es war ein Wunder, daß das Stück nicht entzwei brach. „Setzen Sie sich, lieber Graf, machen Sie sich's bequem; ich will Ihnen gleich zu Gebote stehen, nur lassen Sie mir Zeit, mich zu beruhigen. Der Graf war sofort auf einen Lehnstuhl zugegangen und hatte sich mit seinen drei regelmäßigen Bewegungen darauf niedergelassen; dann streckte er mit unmerklichem Zucken seine Beine aus, legte die Hände in den Schoß und sagte mit den einschmeichelndsten Tönen seiner Stimme: „Also nmß ich Ihnen heute Adieu sagen, liebe Freundin?" Lcontine drehte sich scharf um und eilte zu ihm. „Nicht doch, ich will nicht wieder heftig sein!" rief sie schnell. „Ich muß bitten." sagte der Graf mit unverändertem Lächeln;„Sie wissen, ich bin ein wenig nervös. Wenn ein Mann zu hastig vorüberläuft, so habe ich davon Schmerzen; wenn eine schöne Frau mit Porzellan auf Marmor klopft, so thut mir das weh; wenn meine schöne Freundin sich aufregt und ich mich darüber echauffiere, so spüre ich es auch. Ich fühlte seit meinein Eintritt in diese Wohnung viermal meine Nerven." Der Graf sagte das so gütig lächelnd, so ganz ohne jeden Vorwurf, als erzähle er eine heitere Geschichte, aber Leontine kannte den grenzenlosen Egoismus dieses Manns und hoffte kaum nichr, ihn halten zu können. „Bleiben Sic nur iinmcr hier," sagte sie dennoch mit der ruhigen Kälte, die der Graf an ihr so hoch schätzte,„ich will nie wieder Marmor klopfen und niemals schneller sprechen als eben jetzt." „Nun werden Sie gar bitter", sagte der Graf freundlich. „Hüten Sie sich vor Unordnung, liebe Freundin. Sie haben noch nicht diniert, und dieser junge, gesunde Herr Mcttmann ist böse fortgegangen; das thut Ihnen nicht gut, auch wenn ich es vertragen könnte." Leontine hatte sich vollkommen gefaßt. „Befehlen Sie, verehrter Meister", sagte sie,„Ihre Schülerin horcht den Worten der Weisheit!" „Nein, nein", erwiderte der Graf und tippte ihr lächelnd auf die Finger,„ich würde jedesmal Schmerzen haben, wenn ich diesem Herrn Mcttmann begegnete, der so schnell an einem vorüberlaufen kann; wenn Sie sich mit ihm gezankt haben, so muß es für mich oder für Sie das letzte Mal ge- Wesen sein, daß er hier über den Korridor läuft. Man kann doch nicht mit Leuten verkehren, welche laut sprechen, so oft sie wollen!" Leontine blickte aus ruhigen Augen ins Leere. Der Graf sollte mit ihrer Haltung zufrieden sein, aber in ihrem Innern stürmte es. Sie ivollte die Unterstützung des Grafen nicht einbüßen, aber sie wollte auch Richard nicht loslassen, bevor sie nicht die Rache an ihm nnd Johanna vollendet hatte; der Graf konnte keine Ahnung von ihren Gedanken haben, und er lächelte auch ganz kindlich, als er jetzt zufällig sagte: „Ich habe mir erst heute mittag wegen eines unbesonnenen Burschen von Sccondelicutenant Nervenschmerzen zugezogen, ich habe für heute genug." Leontine verhielt sich still; sie kannte den Grafen genug, um zu wissen, daß der Auftritt, von dein er sprach, auch zu ihr in irgend welcher Beziehung stehen mußte, aber sie wartete geduldig, daß der Graf ihr von selber eine Andeutung machte. Dieser betrachtete seine Stiefelspitzcn und überlegte dabei, wie viel er der Freundin mitteilen mußte, um sie von diesen lauten Leuten, den Mettmanns, loszumachen. Achim ivar bei ihm gewesen und hatte eine große Summe verlangt. Eine Ehrensache. Entweder müßte er seinen Gläubiger mit seiner Schwester verloben, oder er müßte sich mit ihm schlagen; jedenfalls müßte er ihn vorher bezahlen. Der Graf hatte die Summe schließlich bewilligt, trotzdem Achim auf die alte Bedingung fast mit einer Forderung ant- wartete. Der Lieutenant benahm sich sehr schneidig, aber die Sache sah doch inchr nach Verlobung als nach Duell aus. Der Graf blickte mit freundlicher Bosheit immer noch nach seinen Stiefeln. Leontine sah ihm mit äußerster Spannung ins Gesicht; endlich sagte er wie beiläufig: „Und ich habe heute doch auch eine augenehme Nachricht erhalten, eine entfernte Verwandte von mir, ein schönes, armes Mädchen, eine Havenow— doch das interessiert Sie Wohl nicht? Ja? Also die Kleine macht ihr Glück. Sie ver- lobt sich heute abend, vielleicht schon jetzt, mit einem reichen Mann; sein Adel fft freilich nicht sehr alt, dafür ist er selbst etwas älter als sein Adel." Leontine mußte an sich halten, um nicht aufzujubeln; dann konnte sie Richard freigeben, dann ivar ihre Rache vollendet. Der Graf liebte es nicht, wenn man ihm schmeichelte. Leontine begnügte sich damit, ihn mit strahlenden Augen an- zusehen und mit voller Eitelkeit zu sagen: „Sie werden dem Herrn Mettmann hier nicht wieder begegnen; ich werde nicht ein zlveiteS Mal mit ihn» zu streiten haben.".. „Dann, bitte, schreiben Sie ihm noch heute, aber- gewiß noch heute den nötigen Brief. Sehen Sie, liebe Freundin, der Haß ist etwaK recht Thörichtes, es thut ja sofort weh,»venn man zornig wird? ich habe früher die Gesellschaft t gehaßt, ich nicine nicht, was Sie Gesellschaft nennen, die Leute mit geliehenem Pferden und teuren Mietwohnungen, ich meine die Gesellschaft, uns. Tanials hat die Gesellschaft mich geärgert und niir weh gethan, weil ich sie haßte? jetzt kann ich die Gesellschaft meinerseits ärgern, und Sie wissen ja. liebe Jmmdin, Sie sollen nur dabei helfen." „Meister." sprach Leontine,„ich unterwerfe mich Ahnen, ich schreibe den Brief, den Sie verlangen; Sie siild der einzige, der uns alle durchschaut I" „Machen Sie mir nicht zu viel Freude auf einmal," sagte der Graf lächelnd,„das thut den Nerven auch nicht Richard vermochte nicht unmittelbar von Leontine nach Hause zurückzukehren; er scheute den Anblick seines Vaters, mit dem die nächste Begegnung eine endgültige Abrechnung herbeiführen mußte. Lange d»lrchstreifte er die fiiistern Teile des Tiergartens und fragte sich, ob es nicht besser war, keinen Schlag mehr auszuhalten, sondern allen auf einmal in diesem Dunkel aus dem Wege zu gehen. Er wühlte sich so tief in seine Selbstmordgedanken ein, daß es ihn am Ende ärgerlich machte, keinen Revolver in der Tasche zu haben. Matt an. Geist und Körper kehrte er nach Hause zurück. Der Vater hätte, verdrossen seine Mahlzeit eingeilominen, berichtete nian ihm, war dann ins'Geschäft zurückgefahren und hatte hinterlasseit, daß Richard unter allen Umständen recht früh bei dem Feste erscheinen müsse. Aber, eine fremde ältere Dame warte a»lf bei» jungen Herrn; sie habe in der Droschke die Kiste wiedergebracht, die so lange unter dem Schreibtisch lag. Richard trat rasch ein und stand der alten Malerin gegen über, welche an ihrem schief geknöpften Regcnnia'ntel hin und her riß und sich mit ihrer tiefen, unweiblichen Stimme als Abgesandten Disselhofs vorstellte. Sie brachte das bestellte Bild und einige Zeile»» von Dissclhöf. Der Maler habe es keinem Dienstmani» anvertrauen »vollen, so begeistert sei pr jetzt von seinem Werk und er lasse dem Herrn Mettmann für den Auftrag danken. Richard erwiderte nichts, er wollte allein sein und das Bild enthüllen; da sagte Fräuleii» Betty: „Ich bin nämlich auch so'ne höhere Anstreicherii» in der Fabrik bei Tisselhof. Wir arbeiten dort zlvei � Damen, Fräulein von� Havenow und ich;»vir sind recht gut mit cinänder." Sie schtmte. Richard so vertraut an, als hätte, sie ihm chiel zu erzählen; aber sein Leben schien ihm abgeschlossen, er reichte ihr als einer Freundin' AbHannas die Htnid und ließ sie fortgehen. � Dann schickte er den Dienet nach Werkzeug zum Leffubir der Kiste. Inzwischen las er Disselhofs Schreiben. Dissclhöf sandte das Bild," trotzdem einige Klciiiigkeiten vielleicht nicht ganz entsprächen; aber der Maler reifte noch heute abciid plötzlich nach Italien ab" und bat, man möge ihm die aüsbedungene Sumnic sofort bei einem römischen Bank- hause aytveisen. Bald waren Hammer und Zange zur Hand und Richard schlug ungeduldig den Deckel los; als er das Bild von der inneren Umhüllung befteit hatte, konnte er einen Ruf des Entzückens nicht unterdrücken. Disselhof hatte ein Meister- stück' vollendet;»vas an der Bekleidung jetzt noch unfertig sein sollte, das konnte Richards Laienauge nicht ent- decke»»..* Nun sah man erst recht, daß der Maler das Mädchen nur so in dein bescheidenen Hausklcidc geschaut hatte. Hemd und Korset»varen auf diesen» Bild auch ein künstlerisches Ver- brechen gewesen. Jetzt blickte Johanna niit reiner Sehnsticht hinaus..Richard konnte sich nicht satt sehen. Da' klingelte' es draußen. Richard.. trug das Bild schi»cll in sein Arbcitszmliuer und stellte es dort' vorläufig auf den Schreibtisch; als er zurückkain, überreichte ihn» der Diener die Karte von Achim von Havenow- Trienitz. Richard hatte über Johanns Bild alles- andre ver- gessen und rief freudig: „Herein, nur herein 1"(Fortsetzung folgt.) »Nackdruck verbot»».) AVns ihv Uicblkcv umut Von Alfred af Hedanstjerna. Deutsch von E. Vrausewetter. .Das liebe Töchterchcu und die Mama hatten vereinbart, daß sie während des Sonnners ein wenig ins Ausland gehen Irwltten, und da sie nicht für iveite Reisen»varen, suchten sie nur einen stillen Badeort auf der Insel Rügen ans. Das liebe Tvchtcrchen hieß Frmilein Eline Brand, und des lieben Töchterchens Mama hieß Witive Hanna Brand. Das lieb« Töchterchcu konnte ziemlich viel Deutsch; aber doch nicht so viel, daß sie sich nicht gern an einen jungen Mann anschloß, der sich bei näherer Untersnchung als gedorner Schwede entpuppte und nach dieser Entdeckung mit den Damen nur in ihrer liebe» Muttersprache redete. Er sprach sie gut»nid sprach sich in beider Herz hinein, und sie »varteten nur darauf, daß er, nach befriedigenden Ausschlüssen über sich selbst, beginnen»vücde, Liebcsivorte iii der genannten Muttersprache zu reden. Er»vor ein feiner,»vohlgeklcideter junger Mann, ohne größere Mängel und mit treuherzigem Wesen. In seinen» Plätthemde trug er einen Diamantknopf, der, im Fall der Echtheit, für tausend Mark versetzt»Verden konnte, in seinem Wesen hatte er etlvas Anziehendes.' 'Da»varen auch einige dicke deutsche Studenten mit Mensurnmben und ein dänischer Ackerban-Fngenieur; aber Blut ist dicker als Wasser, und das liebe Tvchtcrchen, das auch ein ganz niedliches Mädchen »var, liebte am meisten ihre» kosmopolitischen Landsmann, der Axel Smith hieß, die meisten lebenden Sprache»» konnte, kurze, lehrreiche Sentenzci» in sinnigen Worten vorbrachte und sprach, als iveui» er überall ein Ivenig geivohnt hätte und die ganze Welt etlva so genau kannte, wie seinen AlltagSu»antcl. Aber- ein Mann mag noch so kosmopolitisch sein, früher oder später kommt doch der psychologische Augenblick, da er die Augen hin- nild herrollt»nid sagt:„Ach mein Fräulein" uslv. � 3ch, mein Fräulein," sagte eines Abends auch Axel Smith, als er. mit dem lieben Töchterchcn ans der Strandpromenade aNein »var.»vare nicht das düstre Geheimnis meines Lebens,»väre ich nicht an einen gefährlichen, schrecklichen Beruf gebunden, ich»vürde nicht von Ihnen scheiden, ohne anszusprechen,»vas mein Herz entzückt, schinerzt, verzehrt, niid in ihm brennt I" Fräulein Eline fragte Iii cht,»vas Herr Snnth in seinem Herzen hätte; sie ahnte es fast, denn ein Provisor in Engelholn, hatte in» Frühling ctiva dieselben Worte zu ihr gesprochen. Sie sagte nur in, allgemeinen, daß Gefahren und Schrecken sie besonders angriffen. »venu sie vorüber»väreii. Aber der Mann seufzte nur und sah sie mit Blicken an, in denen sich Liebx und Verzivciflung in glücklicher Weise paarten. Ihre Seele»var rein,»vic ein frisch geivaschenes Heind, und sie teilte ihrer Mutter alles mit. Sie erschöpften sich ii» gemeinsämei» Bermutinigcn betreffs des diistrrcn GeheininisseS im Leben de» netten jungen Manns.«- Er»var vielleicht in einein Geschäft in Stellung, hatte ein Manko in der Kasse gehabt und muß das nun abzahlen?" „Er ist vielleicht einer der hervorragendsten Detektivs Europas und schänit sich seines Berufs?"•, „Ach; Mama, sahst Du, mit»velcher Eleganz er den alten Bor- deanx-beim Mittag aufzog? Vielleicht ist er gar Kellner?" Ho� rieten zlvei zärtliche Fraucnherzei» hin und her und stellten unter, vielen Thränen»vährend. der ganzen Nacht um die Wette alle moglichcil Vermutungen� auf; denn die Mciischcn sind nun einmal so,, daß ein Kassenmanko am liebsten uneptdeckt bleiben, ein Schutz- minin mindestens Gchcnnlommissar und ein Kellner der Besitzer eines fiir seine Trinkgelder erbauten.Millionenpalastes sein muß, Iveui» man ihnen verzeihen und sie wirklich von Herzen lieben soll. � Am Nächsten Tage betrachteten die Brandschcn Damen den Herrn Smith, als»väre er ein Preis-RebnS oder verivickeltcr Logogryph in einem Familienblatt. Sie bemerkten dabei mehr, als bisher; daß die beiden änßerstcn Glieder der zlvei äußersten Finger der linken Hand fehlten, und daß er obeit beim Beginn des Haarbodens einige eigentümliche,»veiße Narben hatte. „Wie lange tragen Sie schon einen Vollbart, Herr Smith?" ftagte Frau Brandt überaus Ivohlivollend. „Nur zlvei Jahre, seitdem ein paar schlverc Wunden es mir »vüiischenslvert erscheinen ließen, die Narben zu verdecken," sagte der Geliebte- einfach. „Wunden? Sind Sie den»» im Krieg gelvesen?" rief Fräulein Eline stolz und hoffnungsvoll. „O»»ein," sagte er'düster, und blickte traurig auf seine Stiefel- spitzen hinab..■ Am Abend sanken Mutter und Tochter einander in die Arme und schluchzten die Vermutung hervor, daß der so hochgeschätzte Mann sn freien Stunden als Räuber in Süd-Europa lebte. „Wie- interessant!" rief das liebe Töchterchcn schlvärmcrisch aus. „Aber ach,»vie unheilbar,»nein Kind{" sagte mahnend die Mutter. Diese Idee»vuchs in den Damen zu einer an Geivißheit grenzenden Stärke, und da Hern» Smiths Gefühle einen Liebes- ausbruch in Worten innerhalb hundert Stunden ertvarten ließen, und Frau Brand einen Bruder hatte, der StaatSmilvnlt war, schrieb sie alles an ihn und bat um telegraphischen Rat. »Hat die Neigung zum Räubertum aufgehört, ist die Strafe verjährt und der Baulbetrug in andrem Lande deponiert, ist die Partie gut," telegraphierte der Staatsanwalt. Keine Güte und Frenndlichkeit. keine Andeutungen, dast ja nie- mand ohne Fehl sei, daß es menschlich sei, zu fehlen, aber göttlich zu verzeihen, dah einen Menschen verstehen, auch ihm vergeben bedeutet, daß wir alle Schwächlinge seien, vermochte Herrn Smiths Zunge zu lösen oder ihm das düstere Geheimnis seines Lebens zu entlocken. Aber in der Abschiedsstunde bat er Fräulein Eline: wenn ihr Herz nächsten Sommer noch von andren Gentlemen frei iväre und eiu wenig zu seinen Gunsten sprechen sollte, möchten sie wieder hierherkommen, und dann würde er vielleicht wagen, auszusprechen, tvas er nun tief in seinem warmen Herzen verbarg. Und Eline sagte, da das Bad für Mamas Gicht gut gewesen sei, wäre es nicht unmöglich, daß sie wiederkämen, und es würde sie dann freuen, Herrn Smith wiederzusehen. Aber da sie ein wohlerzogenes Mädchen war, that sie. als wenn sie das vom Herzen und vom Verbergen und dem Geheimnis nicht hörte. Und als das Boot abging, stand er mit schwimmenden Auge» und wischte die Thränen mit seinem seidenen Taschentuch und einer Hand ab, der vier Fingerglieder fehlten. In diesem Winter wurde kein Räuber in Griechenland ergriffen. nichts Furchtbares geschah irgendwo in der Welt, ohne daß die Braudsche» Damen zitterten und nach den Zügen ihres Lieblings im Verbrecheralbum suchten. Die Liebe ist einmal so. Im April kamen ein paar kurze Zeilen,„was noch von Axel Smith übrig ist, erwartet Sie aus Rügen im Juni." Die Gefühle des lieben Töchterchens hatten nun jene Höhe erreicht, daß sie den Menschen genommen, wenn er ihr auch mit- geteilt hätte, daß er Schornsteinfeger in einem kleinen Städtchen Iväre. Er stand an Germaniens Küste in neuem, elegantem Sommer- anzug und sah, bei flüchtigem Hinsehen, ganz wie im Vorjahre, aus. Als sie aber genauer zusahen, bemerkten sie. daß der linke Arm vom Ellbogen ab und das halbe rechte Ohr fehlten. Er erwähnt« auch »och so ganz nebenbei, daß das eine halbe Fußblatt aus Kork wäre. Was übrig war, legte er»och am selben Abend seiner Eline zu Füßen, wicS Papiere vor, daß er über hunderttausend Krone» Ber- Mögen besäße, und erbot sich, durch tausend Zeugen und Zeugnisse vieler Behörden zu beweisen, daß er ein„ehrenwerter, untadelhafter Mann" sei. Außerdem sagte er, er hätte einen aiigenehinen und ge- achteten Beruf, der bedeutend zur Erhaltung deS HauShaltsbeitragen könnte. Eline fiel ihm. jubelnd in den Arm und flüsterte in sein Ohr: -„Ich bin Dein für ewig; aber Geliebker, was in aller Welt hast Du nur angestellt?" Ein halb wehmütiges Lächeln spielte in seinem braunen, wallenden Bart, er seufzte, leicht und erwiderte: »Ich habe fünfjährigen überaus günstigen Kontrakt als Tierarzt an Mjster Jonathans Menagerie ans Philadelphia gehabt. Ich habe orientalische» Schlangen Giflzähne ausgebrochen, Geschivülste in dem Rachen des lybischen Wüstenlöwe» operiert und Cementplombe» in der Größe von Billardkugeln in die Hauzähne alter Elephanteii- O.nkel gethan. Dabei habe ich Einiges von meinem eigne» Ich hie und da zugesetzt, und Stücke meiner Persönlich- keit sind, über beide Hemisphären verstreut. Tie Launen der Patienten sind ja so«»gleich, mein Liebchen. Aber das Gehalt war ein großes, und die llnfnllversicheruugs-Gesellschaften prozessieren nicht gern mit Leuten von einer. Menagerie, sodaß es ja schließlich eine ganz hübsche Summe geworden ist. Ein wenig defekt bin ich npn ja; aber daS.Herz ist doch ganz und gehört Dir ungeteilt".. Während dessen hatte Mama sich über den Champagner her- gemacht und sagte: „Ja, in jedem Fall ist es besser, seine» Mann mit wilden Tieren, als mit andren Frauen zu teilen, und wenn Du auch einen Mann mit einigen„Abzügen" bekommst, Eline, so wirst Du wohl behalten, was übrig ist. Ich glaube auch nicht, daß ein Mann mit Axels bisherigem Umgang sich vor einer armen Schwiegermutter fürchten sollte. i. Prosit! Kinderl"— Kleines Feuillekon» er. Das Geschenk.„Schenken müssen wir ihr entschieden waS." Die Mutter rührte mit dem Löffel in der Kaffeetasse:„Wenn ich nur bloß erst wüßte was. lieberlege doch mal ein bißchen. Du sitzt da und liest und kümmerst Dich um gar nichts." „Na, ich hör' ja schon."— Die Tochter machte ein übellauniges Gesicht.„Ich will ja nur bloß die Geschichte nuS— so. der Doktor war der Mörder,- dacht' ich mir doch! Na also, was ist denn nun kos?" Sie schob das Zeitnngsblatt beiseite undl lehnte sich in den Stuhl zurück. «Ich sage, was wir Marie zur Einsegmmg schenken?' «Ach so, Marie... ja... Marie." „Schenken müssen wir ihr doch'was, wo sie nun ein Jahr die Aufwartung bei uns hat, und'was Anständiges muß eS auch sein, sonst skandaliert die ganze Nachbarschaft darüber I" Die Tochter gähnte:„Ich habe ja neulich'mal ihre Mutter gefragt, was sie sich wohl zur Einsegnung wünscht. Weißt Du, was sie mir geantwortet hat?'ne kleine silberne Broche, die möchte fie gar zu gern haben." „'ne Broche?"— die Mutter nickte—„na. das könnte man ja am Ende. Das war' ja nicht teuer. Für drei Mark bekommt man ganz niedliche Sachen. Vielleicht solche kleine Taube mit einem Zweig im Schnabel oder'» Edelweiß. Aber sieh mal an.... also 'ne Broche?"— Sie richtete sich plötzlich lebhaft auf.„Was zu putzen I Es ist»»glaublich I Solch' eine einfache Arbeitertochter. Der Vater ist Steinsetzer und die Mutter geht waschen, zu brocken und zu beißen haben sie nichts mit ihren fünf Kindern, aber'ne Broche. Eine putzsüchtige Gesellschaft!" „Und die Mutter bestärkt sie noch darin. Kannst Du Dir denken k Sie war ordentlich Unglücklich. Nun hätten sie alles ausgegeben für das Kleid und die Schuh— und nun könnte sie Miezeken nicht einmal ein kleines Andenken schenken, und es wäre ihr so schrecklich, da? Kind so ganz ohne Schmuck zu lassen, gerade an dem Tage, und Miezeken hatte so fleißig mitverdient, wünschte es sich auch so sehr■— na, solch' ein Wink mit dem Zaunpfahl, verstehst Du." „Jawohl eS ist ein Skandal— die Mutter wurde ordentlich heftig—„Statt„Miezeken" einfach zu sagen, hör mal, du bist ein einfaches Arbeiterkind, du darfst nicht solche Ansprüche machen. Aber ich kann mich ja hineindenken, oh sehr gut. Da ist nun die Rektorstochter, und die vom Apotheker und vom Rechnnngsrat drüben, und all die andren, die es können, die kommen mit goldnen Ketten und Kreuzen und haben womöglich auch schon ihre Uhren, da muß man ja natürlich dasselbe haben. Alle wollen sie über ihren Stand hinaus. Ich schenke ihr keine Broche, »ein, fällt mir ja gar nicht ein l Solche Putzsucht, die bestärke ich nichts Solch einfaches Mädchen, die soll gehen, wie es sich für ihresgleichen gehört." „Ja. das finde ich ja auch, natürlich, aber was denn dann?" Die Tochter schielte schon wieder nach der Zeitung. „Schenk' ihr doch das Gesangbuch." „Das bekommt sie schon vom Pastor. Sie hat es mir wenigstens gesagt, Es ist da solch eine Stiftung zur Unterstützung für arme Konfinnanden, daraus kriegen alljährlich zwanzig Kinder Gesang- bücher, und da bekommt sie auch eins, der Pastor hat es ihr vcr- mittelt." „Sieh mal an, das ist ja nett! Na wie wäre denn das Ein- segnungstaschentnch?" „Daran habe ich auch schon gedacht",— die Mutter rührte wieder im Kaffee—„Aber das geht nicht... nein, nein... daS können wir nicht. Damit es � morgen beim Schlächter und beim Bäcker und überall heißt: Ein Jahr hat sie bei ihnen gearbeitet und dann schenken sie ihr ein Taschentuch für sieben Groschen? Und wo sie schon so drüber reden, daß wir uns bloß so'n billiges Schul- mädchen zur Hilfe nehmen. Rein, weißt Du, darin bin ich nun komisch, so bor den Leuten zeige ich mich bei solchen Gelegenheiten immer lieber ein bißchen großartig, wenigstens muß es so aussehen, dann imponiert man mehr!" „Na dann' schenke ihr doch meinetwegen gleich ein ganzes Kleid." Die Tochter griff von neuem nach der Zeitung. Die Mutter zog ein Gesicht:„Nein wie Du bist, ob man mit Dir wohl etwas vernünftig besprechen kann I Ein Kleid, ich werde doch nicht soviel Geld,"ausgebe»! Das hätte ich doch nicht nuter sechs oder sieben Mark. Billigen Stoff könnt ich doch nicht nehinen— etwa Wurp, oder ah"— sie brach ab, wie eine plötzliche Erkenntnis flog- es über ihr Geficht.„Ach, nein, weißt Du— Deine Idee lvar doch gut. Ja, ich schenke ihr Stoff zum Kleid, so eüien rechten derben Arbeitsrbck. Der ist nicht teuer, den Hab ich schon für zwei, drei Mark, das ist ein prachtvolles Geschenl für solch einfaches Mädchen, das braucht sie viel nötiger, als'ne Broche. Du kannst ihr'ja denn noch ein Lesezeichen fürs Gesang- buch zulegen! Ja, da wären wir also heraus aus der Klemme, ein Lesezeichen und n ArbeitSrock."-- — Ei» Vorkomme» vo» Kohlcnwafferstoffe» i» Druckluft behandelt Klette in der Zeitschrift„Glückauf". Auf einer schlag- wetterarmen Magerkohlenzeche, deren ausziehender Wetterstrom in den letzten Jahren nur 0,02 bis 0.04 Proz. Kohlenwasserstoffe ent- hielt,»ahm die amtliche Kommission für Kohlenstaubberieselung auS einer durch eine direkt ausblasende Druckluftleitung mit frischer Luft versehenen Strecke eine Luftprobe. Die Untersuchung dieser Probe ergab einen Gehalt von 3,43 Proz. au Kohlen- Wasserstoffen berechnet als Grubengas. Enie Wiederholung der Analhse führte zum selben Resultat. Der hohe Kohlenwasserstoff- Gehalt fand keine Erklärung in einem plötzlichen Gasaustritt auS der Kohle. Der Prozentsatz der Grubenluft an Kohlenwasserstoffen blieb fortgesetzt gering— unter 0,04 Proz; dagegen wiesen sechs Lnftprobeii ans der betreffenden Strecke bei frei ausblasender Druck- luft 0,4 bis 0,6 Proz. Kohlenwasserstoffe. Dies führte endlich dazu, die Druckluft zu untersuchen. Eine aus der Druckleitmig über Tage ent- nommene Luftprobe zejgte einen Kohlenwasserstoff- Gehalt von 0,10 Proz., der allein aus den infolge der Erhitzung der konipri- mierten Luft vergasten Schmierölen stammen konnte. Da der die beiden Kompressoren der Grube bedienende Maschinist bisweilen Petroleum, das sehr leicht vergast, zum Lösen des verharzten Schmier- öls verwandte, und die beiden Kompressoren an dem Tage, an dem die Kommission die Luftprobe entnahm, in vollem Betriebe waren, so findet der hohe Gehalt an Kohlenwasserstoffen in der betreffend�« Strecke in der Anhäufiing der Kohlenwasserstoffe in der Druckluft eine Erlläruug. Dies steht i»l Einllaug mit der bekannteii That« fache, dag schon häufiger in den Luftkompressorcn, naiueutlich in den Schieberlästeu, Explosionen infolge des Lcrdaiupfeus der Schmieröle stattgestuideu haben.—(.Prometheus".) Musik. Das„Theater des Westens' fährt rüstig fort, sich zu einer unsrem alte» Opernhaus gleichwertigen oder teilweise sogar überlegenen Opernbiihue zu entwickeln. Schwer, auf absehbare Zeit wohl unmöglich tvird es ihm, mit den reicheren Mitteln, den individuell meist höher stehenden Einzelkräften und besonders dem gewaltigen Orchester des älteren Hauses zu rivalisieren. In der Art und Weise aber, ivie es seine geringeren Besitztümer beuützt, in dem ernst künstlerischen Strebe», das hier zum großen Teil, namentlich in der Regie, lvaltet, dürfte es bereits der Kollegin über sein. Das bewies wieder die vorgestrige Aufführung von BoicldicuS .W e ister D a m e", eine Neueinstudierung_ vorwiegend mit den jüugstengägierteu Kräften. Eine Wiedergabe dieses Werls, die seiner großen Bedeutung in der Geschichte des künstlerischen Schaffens gerecht werden soll, dürfte überaus schwer sein, und richtig gelungen ist sie ja auch diesmal nicht. Der eine Hauptrciz der„Weistcn Dame", die tiefgehende Stimmung, kam verhältuismästig recht gut heraus, abgesehen von kleineren Störungen und von dem. was gleich im folgenden zu besprechen ist. Minder gelungen war daS Treffen der eigentümlichen Mischung, die dieser(im weiteren Sinn des Worts„komischen") Oper eigen ist. Sie verbindet die hocheruste, paihetische Atmosphäre eines alten Adclsschlosses und den Zauber der Geisterwclt oder des Geisterglaubens einerseits mit derhöchsteuNatürlich- keit und dem gemütlichsten Lebcusgenust andrerseits. Die letzteren Faktoren traten denn in der Aufführung zu einseitig herbor. Da müßten die Regie und die Vertreter der beiden Hauptrollen zusammerwirken und vor allem das Erscheinen des klugen Mädchens in der Ge- speusteskleidung geisterhafter machen, sowie(im dritten Akt) einen Eindruck dieser Erscheinung auf die aiuvesendc Gesellschaft merken lassen. Herr Desider'Arauyi müßte nicht bloß den lustigen Offizier, sondern auch den Adelssprossen und den von einer gc- heiinnisvollen Erscheinung Betroffenen hervorkehren uslv. Der ge- nannte Säuger ist, rein als lyrischer Tenor genommen, eine vor- zügliche Erwerbung des Theaters: sein Ausdruck und seine Haltung bleiben hinter seiner so weichen und schmiegsamen Stimme noch zurück. Elsa S a l v i zeigte sich, in der Titelrolle, diesmal gesanglich noch bester als neulich; uur ihre Atemführuug blieb so ungünstig wie sie ivär. In diesem Punkt hilft gutes Streben nud glückliche Disposition wenig— hier handelt es sich um die ein- für allemal wirkende technische Schulung. Der neue Bassist Albin Günther konnte seine Vorzüge, vor allem die machtvolle Stimme, noch besser zeigen als letzthin. Die übrigen Leistungen waren so. wie bei jedem der uns schon bekannten Einzelnen zu erwarten war. Fräulein Hedwig Hübsch würde eine wohl noch bessere Opernsoubrctte fein, wenn sie einen reineren Sprechton hätte, und der nun recht tüchtige Chor sollte noch manche Lokale richtiger singen(„Erteenct, erteeuet" usw.). Sehr lohnen würde sich eine vorsichtige Umarbeitung� des deutschen Textes, der manche falsche Accente enthält. Dabei könnte auch ein sorgfältiges Nctouchicren der vielen Unklarheiten und Un- Wahrscheinlichkeiten gewagt iverden, die jetzt das Verständnis dieses sonst so kunstvoll durchgeführten und echt menschlichen DramaS beeinträchtigen.— sz. Geographisches. — Der höchste Punkt Spitzbergens. Für die höchste Erhebung Spitzbergens wurde bisher der 1390 Meter hohe Horusuud- stind angesehen; es scheint indessen, daß es dort noch größere Er- Hebungen giebt. Nach einer Mitteilung au die Stockholmer Akademie der Wissenschaften hat von Carlheim-Gylleusköld von der schlvedischeu Gradmcssuiigs-Expcdition vom Gipfel des Lovenbergs(bei der Treurenbergbai) etwa 43 Kilometer weiter südlich mit dem Fern- rohr Gipfel gesehen, die sich bis zur Höhe von 1700 Meter erheben. Diese Gipfel gehören einem Gebirge an. das die Fortsetzung der Chydeninskelte zu sein icheint. Die meisten sind kuppelförmig und bestehen an? hellrotem Gestein. Andre dagegen weisen die in Spitzbergen häufige Radelform auf. Drei der nenentdeckten hohen Berge hat GyllenSköld, wie der„Globus" mit- teilt, mit Laplace-, Jacöbi- und Poincarsspitze benannt. Es fragt sich immerhin, ob die trigonometrische Messung der doch immerhin nur niedrigen Objekte bei der großen Entfernung genau genng ausgefallen ist. Es sei bei der' Gelegenheit»och bemerkt, daß die schwedischen Geodäten mich in andren Teilen Spitzbergens unerwartet große Höhen festgestellt haben: so erreichen die Berge am Ende der Wijdabai 1000 Meter, einer von ihnen, der Gyldenberg im Südwesten des Ostarms der Bai. sogar 1190 Meter.— Medizinisches. KZ. Die Suppe des Physiologen. Der Pariser Physiologe Laborde hat neulich vor der dortigen Gesellschaft für Biologie einen Vortrag gehalten, dessen Inhalt eigentlich nur in einem Rezept zur Herstellung einer Suppe bestand. Es ist allerdings letzthin auf die Notwendigkeit hingewiesen worden, daß der Arzt auch etwas von der Zubereitung der Speisen verstehen müsse, um Lermitioorilicher Nedacteur: Heinrich Itröbel in Bl die geeignete Ernährung seiner Kranken nherwachen zu können, und aus dieser Ueberlegnug heraus sind au manchen Universitäten bereits Kochschulen für junge Mediziner entstanden. Andrerseits muß es etlvas Besonderes auf sich haben, wenn ein Gelehrter Ivie Laborde ein Snppcnrezept zum Gegenstand der Erörterung vor einer fachmännischen Gesellschaft macht. In der That soll die Labordesche Suppe einen ungewöhnlich hohen Nährwert bei leichter Verdaulichkeit besitzen und daher bei Krankheiten dcSMagenS und des Darms sowie bei ander» Zuständen, die eine kräftige' Er- nährung stören, besonders bei Schwindsucht, von bester Wirkung sein, weil sie den Kranken vor einem weiteren Krästeverlust bewahrt. Da das Rezept so klar und einfach ist, daß es für jede Hausfrau ohne Ivistenschaftliche Vorbildung verständlich fein dürfte, so wollen wir durch seine Wiedergabe daS Mittel anzeigen, Schwer- kranken diese unerreicht kräftige Kost zuzubereiten und zu gute kommen zu lassen. Also: Man nehme— so fängt ja wohl jedes Rezept an— eine genügend dicke längliche Scheibe Ochsen- oder Hammelfleisch, am besten das Lendenstück(Rumpsteak), halte sie in der mit einem Tuch überdeckten linken Hand am einen Ende, während das andre auf dem Rand eines Tellers oder Hackbretts ruht. Dann schabt man mit einem sehr guten Messer die Oberfläche des Fleisches derart, daß sich ganz kleine Teilchen wie Flocken loslösen, die mau in der Schüssel zur Snppcnbereitnng sammelt, bis zu 60 oder im Höchstfalle 130 Gramm. Die beschriebene Art des Schabens hat den Vorteil, daß trotz der feinen Zerkleinerung nichts vom Saft verloren geht. Das Häufchen feinsten Schabefleisches wird mm mit einer gewöhnlichen, vorher bereiteten Bouillon gut angerührt, die Fleifchbrühe muß aber— das ist der springende Punkt des Ganzen— k a l t sein. Es entsteht durch das Anrühren mit der kalten Brühe ein Fleischbrei, der ganz gleichmäßig sein muß und weder gerinnen noch Krümel bilden darf, weil das Fleisch roh bleibt und daS Gerächt vor allein den Kranken nicht anwidert: es wird daher nötig sein, beim Anrühren etwaige Nerven- und Muskelfasern herauszu- nehmen. Zuletzt wird dann diese Püree oder Fleischcrsme langsam und bei beständigem Umrühren(wie bei der Bereitung einer Crkme) in warme Fleischbrühe gegasten, so daß die Suppe schließlich ein angenehme Wärme befitzt, ohne jedoch zu kochen. Statt der zweiten Bouillon kann auch eine leichte Tapioka-Brühe genommen werden, auch kann man nach Belieben zur besseren Bindimg zwei Eigelb hinzugeben, endlich zur ferneren Verbestcrnng des Geschmacks noch Gewürz hin- einthnn.— Das ist also die„gelehrte" Suppe: eine rohe Fleisch- stippe, die den Nährwert des Fleisches in einem Grade in sich birgt, wie er durch gewöhnliche Fleischstippen nicht im entferntesten erreicht wird. Professor Laborde hat bei seinen Versuchen vorzügliche Erfolge in der Krankencrnährnng, besonders bei Schwindsüchtigen, gehabt.— Humorifiisches. — Entschuldigt. Bäuerin(zum heimkehrenden Mann): „Schön spät kommst aus der Stadt, schön spät!" Bauer:„Kann nix dafür I Da war ich in ei'm Kaffeehaus und da hat mir der Kellner immer wieder Zeitungen h i n g' l e g t und die Hab' ich doch alle lesen müssenl"— — Im Seebad. Herr(zu einer Gesellschaft, die in einen Lachkrampf verfallen):„Darf ich frage», was die Herrschasten so heiter stimmt?" „Ach Herr Doktor, sehen Sie doch nur dort den Baron Mncki. Er geht ins Bad und vergaß sich die Wadeln abzn- schnallen.— — Der Backfisch. Backfisch(zur Freundin):„Denk Dir, wie entsetzlich— ich habe ein H ü h n e r a u g e I Du glaubst nicht, wie das an meinem Herzen zehrt!"— („Meggend. hum. Vl.") Notizen. — Die Stärke der spanischen Presse betrug am 31. Mai 1900 nach ministerieller Zählung 1347 periodisch erscheiiieiide Blätter gegen 1136 im Jahre 1892. Politische Zeitungen giebt eS jetzt im ganzen 471, davon entfallen 60 auf die republikanische und 17 auf die socialistische Partei. Die meisten erscheinen in Madrid(328), dann in Barcelona(133), am wenigsten besitzen die Provinze» von Alava(3), Toledo(3) und Avila(3). Auf den Kanarischen Inseln giebt es 30 Blätter: auf den Balearen 31.— — Hebbels„Agnes Bernau er" wird am Schauspielhaus vorbereitet.— — Die höchstenTantiöme n von allen in- und ausländischen Bühnendichtern erhält in Deutschland Gabriele d'Annuuzio von den Aufführungen seiner Werke durch die Dnse im Lessing-Thcater: er bekommt 12 Proz. von der ganzen Einnahme, aber nicht nur für seine abeiidfüllende„Giocouda", sondern auch für den Einakter„Der Traum ei»cs Frühliiigsinorgens", bei dem ein dreiaktiges Stuck„La Locandiera" von Gozzi zur Ausfüllung des Abends mitanfgefnhrt wird.— — Wegen Beleidigung der Schauspielerin Maria Pospischil wurde der Musikreferent der„Neuen Hamburger Zeitung" zu 100 M. Geldstrafe verurteilt. Die Beleidiginig wurde in einet Kritik gefunden.— rlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.