Nr. 3 90 Dienstag, den 2. Oktober 1900 (NaÄdruil verboleii.) 1] TtttZev Mollren. Roman voil Kurt Ära m. I. Es war morgens fiiuf Uhr. Au ciuein Fenster ihres Schlafzili, inerS in der grostcii, giaucn Villa stand Frau Magda iilid spähte hinaus. Die Nebel lagen faul ailf dem kleinen Flust, kröche,» schlvcrfällig über die abgemähten Wiese», hlugeu trüg ai, den Bergen, die das enge Thal einschlössen. Stilliipf, verschlafen, grämlich sahen die Wolken zu. Die dicke, schwarze in der Mitte ganz besonders. Sie kannte die Gegend, sie wiiszte, wenn sie im Herbst hierher kam, was ihrer wartete. Die Wolken kamen ans Frankreich. Da war es„nruhig gewesen wie immer. Wie harten die Wiilde sie dort durch- einander gclvorfcn! Von Frankreich gelangten sie an den Rhein. Die Wein- ernte begann gerade. Mit Böllerschüsjelr Ware» sie empfangen worden. Alle Menschen waren guter Dinge, Schiffe fuhren. Tücher wehten. Hier war es ihnen wohl. Dicht saßen sie bei einander, so daß die Sonne noch reichlich Platz hatte, freundlich auf das fröhliche Treiben da nuten hinabzulächcln. Am Rhern wollteii sie bleiben. Sie sollten zlvar nicht. aber sie Ivollten. Unruhe gab es hier ia auch, aber sie that nieinaildeni weh, so wenig wie die Böllerschüsse. Sie hatte einen rein vergnügten Anstrich. Da ließ cS sich gut sem. Der Wind gönnte ihnen die angenehme Abwechslung lind ließ sie eine Woche verschnanfen. Dann aber wurde er ungeduldig. Sic müssen weiter, sagte er sich, und Hub an zu blasen. Erst nur wenig und mit Maßen, nur nin sie an ihre Wanderpflicht zu erinnern, und daß ihnen das Fortgehen leichter würde. Aber die Wolken stellten sich dumm. Sie beschauten nihig weiter das lustige Treiben da unten an und auf dem Rhein. Nun wurde der Wind ärgerlich und nahm den Mund ein lvcnig voller. Es half ihm immer noch nichts, die Wolken hielten sich nnr fester an einander rmd rückten nicht von der Stelle. Da hört doch alles auf! dachte der Wind und hielt ganz crstannt den Atem an. Wollen selbst die Wolken nicht mehr gehorchen, greift der Umsturz schon so weit-f Die dicke, schwarze in der Mitte, die schon gar manch- mal diesen Weg gemacht hatte, wußte, was jetzt kommen würde.„Lieber in den Rhein als über den Rhein!" sagte sie und begann kurz entschlossen ihr Wasser auszuschütten. Da wurde der Wind wild und blies mit vollen Backen, daß die dicke, schwarze erschrocken einhielt und sich widerwillig gen Osten fortbewegte. Die andern folgten traurig hinterdrein. Aber noch gab sie den Stampf nicht auf. Da waren die Berge. Sie stemmte sich mit aller Macht dagegen. Sie wollte freiwillig nicht hinüber, und die andern auch nicht. Sie schaukelten wie Schiffe im Strmn. Nun nahm der Wind alle Kraft zusammen, und mit einem iilächtigen, minutenlangen Pnster hob er sie endlich wie auf starken Annen über die Höhen. Alle drängten sich entsetzt auf die Alte. Aber es war nichts mehr zu ändern. Langsam, sehr langsam ging sie weiter. Langsam, sehr langsam folgten die andern. Sie seufzte, denn sie sah scholl von weitem das Thal mit den abgemähten Wiesen, zwischen denen der kleine Fluß eilig davon lief, als schäme er sich, hier gesehen zu werden. Seit acht Tagen hockten sie nun iir diesem Thal. Schließ- lich waren sie müde geworben. Stumpf, verschlafen, grämlich sahen sie dem Nebel zu. Nnr ein kleines, weißes Wölkchen wollte sich noch immer nicht filiden. Von Zeit zu Zeit trat es ein wenig abseits und schnellte sich, so hoch es nur konnte, um über die Berge z» sehen. Da drüben ging's ja doch nach Berlin, und da sollte es so fidel sei». Das arme Kind wußte nicht, wie weit das»och war. Es machte zrinr erstenmal diese Reise. Die Nebel wurden uiirnhigcr. Sie witterten die auf- gehende Sonne und waren noch nicht recht einig, öd sie sich vor ihr unten in die Erde oder in die grämlichen Wolken da oben Verstecken sollten. Als niln dre ersten Strählen der Sonne über die Berge. kamen, die gelblich, zerfließend, wie dirrch Milchglas. i>r die kalte, feuchte Luft schwammen, begamien sie doch, schon um der Vcrwandschaft willen, bei den Wolken unterzukriechen. Die Erde, die sie jetzt eiir wenig sehen konnten, war auch gar zu wenig verlockend, gar zu schmutzig. Die junge Frau am Fenster fröstelte vor iimcrcrn und äußerem Unbehagen. Aber sie hielt an ihrem Platze aus. Sie wartete wieder einmal auf ihren Mamr, dem das Eisenwerk gehörte, das rechts von ihr jenseits des Flüßchens im Dämmer lag. Nicht aus Liebe wartete sie. Das war längst vorbei, trotzdem sie erst drei Jahre verheiratet waren, sondern weil sie es für ihre Pflicht hielt, bei der Hand zu sein, wenn der Heimkehrende vor Trrrnkenhcit, wie schon so oft, das Schlüssel- loch nicht finden konnte. Sie trat einen Augenblick in das Zimmer zurück, um ein Tuch»nrzunehmen, da es ihr in dem leichten Nachtgewand zu kühl wurde. Als sie wieder an den früheren Platz ging, waren in den Häusern ringsum einige Fenster hell geworden. Müde blinzelten die Lichter durch die alten Scheiben. Die Leute machten sich fertig, auf die Arbeit zu gehn. „Mein Gott, er kommt immer noch nicht", seufzte Frau Magda und zog sich einen Stuhl ans Fenster. Im Bett hatte sie nun doch keine Ruhe mehr, bis sie ihren Mann im Hause wußte. Sie sah ans zu den Wolken. Die kanrcn von Westen, aus ihrer Heimat, vonr Rhein. Dort hatte sie bis zu ihrer Per- heiratnng gelebt bei einem alte» Onkel und seinen zwei blinden Schwestern. Die Eltcrrr waren ihr früh weggestorben. Sie erinnerte sich ihrer so gut wie gar nicht. Wie schön war es dort getvesen! Wenn das Haus ihrer Verwandten auch noch älter, stiller und gebrechlicher aussah, als diese selbst; ringsum gab es doch Sonne und Leben. Und wenn sie auch nie an diesem Leben teilnahm, so durfte sie ihm doch aus dem alten Hause zusehen und sich von weitem daran freuen. Sie verlangte ja nicht viel vonr Leben. Hier aber, wo sie jetzt schon drei Jahre lebte, gab es überhaupt nichts zu sehen. Diese graue, neue Villa, wie nüchtern und nichtssagend war sie I Keine geheimen Winkel, keine ge- wundcnen Gänge, alles rechteckig, geräumig und kalt wie die vielen Möbel, die noch vor Neuheit glänzten. Wie sehnte sie sich oft nach dem alten Haus. Nur in ihm sein dürfen, mehr verlangte sie gar rricht, und das lvar doch gewiß nicht zu viel verlangt. Uebcrall standen dort große, kupferbcschlagene, vom Alter dunkel gewordene Truhen. An allen Wänden hingen alte Bilder. Durch das ganze Haus ging ein leichter, ein bißchen wehnrütiger Lavendelgeruch. Bläffe. alte Tapeten sahen auf sie herab, altersgebleichte Teppiche ruhten auf allen Gängen, in allen Zinrmern und dämpften jedes Geräusch. Nur wenig Licht, nicht mehr als unbedingt nötig war, drang am Tage in die Räume; und abends hingen überall alt- modische Oellämpchen und warfen ihren Dämmerschein auf die Gänge, an die Wände. Dann saßen sie alle im ge- täfelten Wohnzimmer um den alten Tisch, auf dem eine lang- beinige Lampe stand, die leise, ganz leise im Brennen vor sich hin sang und nicht nnehr sehr viel Licht' gab.' Das war ja auch nicht nötig, denn die beiden Tauten sahen schon lange überhaupt nichts mehr, nnd der Onkel, ein pensionierter Offizier, arbeitete doch nichts. Er rauchte, die beiden blinden Damen und das Kind strickten. Leise sang die Lampe, leise klirrten die Nadein. ?t»r jeden Frcrtag gab es eine Abwechslrnrg. Da kam nach Tisch ein alter Freund vom Onkel. Wenn sich die Thüre vor ihm öffnete, erhoben sich die blmdeu Damen von ihren hohen Lehnstühlen rmd machten einen tiefen Hofdiencr. Hatte ihnen der alte Freund die alten, welken Hände geküßt, dann setzten sie sich alle wieder. Der Onkel aber schob den blanken Spieltisch näher, um Patience zu legen. Sowie die bunte Porzellauuhr, aus der sich zwei Rokoko- — 758— figi'irchcn gar zierlich in einer Schaukel wiegten, mit ihrem zarten Silberton zehn schlug, erhoben sie sich. Dieselben feierlichen Verbeugungen wurden gemacht, und dann ging man zu Bett. Wie friedlich das gewesen war! Aber hier? Sie schauderte. Hier war es freilich auch still, aber still wie auf einem Kirchhof." ~ So wuchs sie heran. Auch die Schuljahre änderten ihr Leben nicht viel. Sie war so schüchtern und durch das Leben in dem stillen Hause selbst so still geworden, daß sie keine näheren Freundinnen fand. Sie erhielt lange Kleider, und immer noch saß sie still bei den alten Leuten in dem alten Haus. Auf Bälle kam sie nicht. Das hätte auch keinen Zweck gehabt, da sie schon als Kind mit einem entfernten Vetter verlobt worden war. Ob ihr das paßte, danach wurde sie nie gefragt. Es war nicht Mode bei den alten Leuten. Als sie siebzehnJahre geworden, präsentierte sich derBräuttgam. Er war ein großer, schöner Mann, mit schwarzen Augen und schwarzem Schnurrbart. Am andern Tag reiste er wieder ab. Viel gesprochen hatten sie nicht mit einander. Sie war so schüchtern und er offenbar auch nicht sonderlich aufgelegt. Sie merkte wohl, daß er sie gar manchmal prüfend von der Seite angesehen und gerade nicht allzu freundlich. Aber sie verstand damals nicht weshalb. Jetzt wußte sie's freilich. Sie war ihm schon damals zu mager, zu zart gewesen. Er liebte nur das Kräfttge und Derbe, auch bei Frauen. Der Mund der jungen Frau bekam bittere Falten bei diesen Gedanken. Aber sie hatte ja Geld, und das brauchte er für das Eisenwerk. Das war für alle die Hauptsache. Kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag war die Hochzeit. Als sie an dem Tag aufgewacht, hatte sie erleichtert auf- geattnet. Zum erstcumal kam es ihr da recht zum Bewußt- sein, wie sehr sie bisher in einem Käfig gesessen und noch gar nicht gelebt hatte. Nun mußte das Leben kommen! Die Sonne funkelte schon so früh und fröhlich in ihr Zimmer. sie hörte die Dampfer auf deni Rhein. Sie sah ordentlich all die frohen Menschen, die sich da draußen in das Leben, in die Freude fahren ließen. Heute nachmittag würde sie auch auf so einem Dampfer hineinfahren in das Leben, in die Freude l Wie freute sie sich I Wie dankbar war sie dem, der ihr dazu verhalf I Alles wollte sie ihur zum Dank da- für thun! Als er dann kam. war sie wieder so schüchtern und ver- legen, daß sie nichts von ihrer Freude und Dankbarkeit zeigen konnte. Nur in den großen Augen, die so weit geöffnet waren, sehnte es sich und wartete und freute sich schon im Voraus. Sie weigerte sich standhaft, ihm einen Kuß zu geben. Ihm war es schließlich auch so recht. Er lachte ein wenig laut und meinte, das würde er ihr schon bald abgewöhnen, dies zimperliche Gethue. Als sie dann wirklich auf dem Dampfer fuhren und er sie unten im Salon, wo niemand war, wieder küssen wollte, sprang sie weit von ihm fort und rief:»Nein, nein, noch keinen Kuß! Ich will noch keine Kinder, ich will leben. leben l" Er hatte sie verständnislos angeschen und nur zwischen den Zähnen gemurmelt:..Warte nur!" Frau Magda sprang auf und schritt erregt durchs Zimmer. „Wie ist er mit mir umgegangen! Wie ein wildes Tier!" Sie sank wieder in den Stuhl. Ein trocknes Schluchzen würgte ihre Kehle. Manchmal war sie drauf und dran, ein- fach fortzulaufen. Aber wohin? Sie hatte ja niemand mehr. Der Onkel und die beiden Blinden waren inzwischen gestorben. Und dann.... ja. sie hatte Angst, sie war feig, sie war so fremd im Leben. Magda stand auf und lauschte. Das Gartenthor war heftig zugeschlagen worden. Ob er endlich kam? Sie hörte, wie jemand mit unsicheren Schritten durch den Garten ging. Mit angehaltenem Atem stand sie, die Hand unwillkürlich am Herzen, das wild pochte. Ja. er war es. und mit viel Lärm versuchte er sich an der Hausthür., Aber ohne Erfolg. Er begann zu schimpfen. Sie ging schnell aus dem Zimmer die Treppe hin- unter, ibm aufzumachen. Daß nur die Dienstboten nichts merkten! Da stand er, ein wenig schwankend, leicht an die Wand gelehnt, den Hut tief in den Kopf, mit heißen Auge»» und Wangen. Auf einmal aber sah er sie an. Sein Blick bekam etwas stechendes, um die vollen Lippen zuckte es brutal. Frau Magda fuhr zurück. Dies Gesicht kannte sie nur zu gut. Sie floh ins Haus zurück, in ihr Zimmer, das sie hastig von innen zuriegelte. Hinter ihr her klang höhnisch das Lachen ihres Manns. Schwerfällig tastete er sich in sein Schlafzimmer, das unten lag. Tie Thür fiel schmetternd ins Schloß, und bald darauf schlugen die Sttefel laut auf den Boden. Sie schüttelte sich. Ihr Mann kam von der Geburtstags- feier des Landeshcrrn aus dem kleinen Städtchen, das eine Stunde vom Eisenwerk entfernt lag. In diesem Städtchen gab es zwei Amtsrichter, zwei Aerzte, einen Apotheker, einen Oberförster, einen Chemiker, einen Real- schuldirettor, zwei Hüttenbesitzer, Vetteril ihres Manns, und noch ein Paar Honorattoren„niederer Art". Jedes Jahr be- gingen sie auf diese Weise diesen Geburtstag. Die junge Frau strich sich erregt über das bleiche Gesicht. Wie ekelte sie das ganze Treiben. Düster schaute sie wieder zum Fenster hinaus. (Fonsetzuilg folgt.) Sirn? DovfkirchmvLh cutt Vlzrin» in der Weingegend zwischen Speyer»nd Bingen schildert ein Mitarbeiter der„Franks. Ztg." folgcnderniahen: Schon wochenlang vorher ivcrden die Vorbereitnngcn zum prunkvollsten Fest des Jahres begonnen. Die Handiverkslciite haben alle Hände voll zu thun. In keiner Zeit ist der Bauer so ver- schwendcrisch lvie vor und während einer Kirchwcih. Eilt es doch, den geladenen Gästen zu zeigen, was das Haus vermag, was man sich leisten kann. Die Wohnräume vor allem müssen ein festliches Gepräge erhalten: Die Slubeuböden werden neu geölt, die Wände frisch getüncht. Zimmer-, Küchen- und Kcllergcräte ausgebesicrt und durch neue ergänzt; die Betten werde»„au§- gebrochen", die Strohsäcke mit frischein Stroh„gestopft" und die„Püllve" mit reiner Wäsche überzogen. Und kurz vor der „Kerb"— wie wird da gescheuert»ud geputzt und gefegt, zum Leidwesen aller Männer, die zur Mittags- und Abendzeit vergebens ein stilles Plätzchen suchen, wo sie ungestört Siesta halten oder das Kreisblättchcn studieren können! Glücklicherlvcisc gehen sie schnell vorüber, die schweren Tage der häuslichen Drangsal. Das groste Kuchenbacken ist das letzte, was die Geduld des MannS auf eine hatte Probe stellt. Dann ist's zu Ende. Ein schöner Sonntagmorgcir graut. Die Sonne kämpft die düstcnl Herbstnebel nieder und bestrahlt ein glückliches Völkchen. Welch ein Rennen und Wandern der Menschen hebt nun an l Schneider und Schnster tragen behutsam die sehnsüchtig erwarteten KIcidnngsstücke zu ihren Kunden, Bäcker und Metzger vcttorgcn die Küche mit frischer Ware, die Haarkünstler und Rasierer lauten von HauS zu Haus und üben ihre verschönernde Kunst. Dazwischen kommen die auswärtigen Gäste. Wagen auf Wagen rollt ins Dorf; schlvere Bauermvagen sind es, von kräftigen Ackcrgänle» gezogen. Es mag eine recht unbehagliche Fahtt auf solch polterndem Geschirr sein; aber die Alten und Jungen darauf haben nicht acht auf die Unbequemlichkeit ihres Gefährts. Lachend und scherzend halten sie ihren Einzug. Geputzte Kinder, die meistens ganz neu heraus» staffictt sind, beleben die freien Plätze, Ivo die Karussell- und Buden- besitzer die letzte ordnende Hand an den Aufbau ihrer Siebensachen legen. Indessen ist die emsige Hausfrau mit der Zubereitung des Mahles beschäftigt: der Bauer führt seine Gäste sin Hanse herum, in den Pferde- und Kuhstall, den Garten, in den Keller; denn er ist stolz auf seinen Reichtum und will, dast auch andre wissen, wie gut er's„machen" kann. Zum Mittagesien ist bei weitem die Mehr- zahl der Besucher eingetroffen. Die Gastgeberin hat sich nicht „lumpen" lassen. Es nrnst schon ein in kulinarischen Genüssen sehr verwöhnter Gaumen sein, der nicht auf seine Rechnung käme. Noch ist die Mahlzeit nicht ganz beendet, da künden auch schon schmetternde Trompetenklänge und dumpfe Paukcnschläge das Herannahen der„Kcriveburfche" an, die unter Vorantritt einer Musikkapelle das Dorf durchziehen, um die„Kcriveflasche" zu suchen. Diese ist am Abend vorher von einen, der Beteiligten in einer Wasierrinne oder hinter einem unbenutzten Fenstcr« laden versteckt ivorden und soll nun in sehr umstäiidlichcr Weise mit Benutzung von Landkarten, Meldereitern und dergleichen wie ein zu suchender Feind auskundschaftet iverden. Bei dieser Ge- legenheit wird in den gröberen Bauernhöfen Einkehr gehalten, und eine Tanzlveise aufgespielt. Zum Dank für die dargebrachte Ovation fühlt sich der Hofbesitzer natürlich verpflichtet— und darum dreht sich ja hauptsächlich der ganze Aufzug— den voluminösen Weinkrug der huldigenden Schar mit dem edelsten Naß seine» Kellers zu füllen und die durstigen Kehlen der Musikanten - 7t noch extra zu laben. Endlich ist auch die gesuchte Kcrlveflasche ge- funden. Jubelnd wird sie mit einem Blumenstrauß gekrönt und einein Kranz umwunden und im Triumph ans einer Heugabel im Dorf herumgetragen. Nun drängt alles zum Aufbruch. Die hübschen Bauemdinien brennen vor Begierde, im tolle» Wirbel des TanzeS sich zu drehen. Auf denn zur Kirchweih l Hinaus.auf die Musil" I Die Jahrmarktsfreuden, die unS unterwegs von den Zmker- und Schaubuden und dem Karussell winken, überlassen wir jetzt den Kindern; für unS Erwachsene bekomme» sie erst am Abend den nötigen Reiz. Wir folgen dem unwiderstehlichen Klang der Geigen und Trompeten, die zum Tanz einladen. Wie sie jubeln, die fröh- lichen Menschen! Wie sie sich drängen iu dem weiten, niedrigen Saal, wo des Wirtes Töchterlei» mit aufgekremptc» Aermeln das Spritzblech schwingt, um mit dem Wasserstrahl den Auge und Hals belästigenden Staub zu dämpfen; Ivo die Auf- Wärter, mit weißer Schürze angethan, in großer Gemütsnihe ihren Dienst verrichten; wo der.Zopper" prüfend die Reihen der Tänzer durchmustert, damit keiner das Tanzgeld.schinde". ES ist gerade Tanzpause. Ein Stimmengewirr durchbraust den Raum. Jetzt greifen die Musikanten nach ihren Instrumenten. Rasch wird das volle Weinglas noch einmal herumgereicht, den rastlosen Tänzer» die durstige Zunge zu lühlen. Schon läßt der Baß von der Orchcstra ein paar brummende Töne hören; das Quietschen einer alten Klarinette trifft unangenehm empfindsame Ohren; kratzende Biolinkläuge künden an. daß zum Spiel gestimmt wird. Ein Jauchzen der Menge erhebt sich. Hei, wie die Gläser klirren I Wie die jungen Burschen dahin stürmen, Tänzerinnen suchend l Und wie die Wangen der Mädchen in hellem Purpur erglühen! Der Brummbaß streicht grimmig den Walzertakt a» Die Flöten und Geigen, die Bratschen, Trompete», Sie ordnen willig dem Rhythmus sich ein.— Und der kühne Knabe saßt stürmisch die Maid. Schon dreh» sich in» Wirbel die fröhlichen Paare, Und sie drchn sich und walzen und jauchzen vor Lust. Ganz erschöpft kehren sie endlich zu ihren Plätzen zurück. Der Schweiß steht in Perlen ans ihrer Stini. Doch was achten die Tollen der Anstrengung l Jmnier von ucnem wieder fliegen sie zum Tanz. Zur Abwechslung führt der Bursche sein Mädchen nach dein Karuffel, zur Schießbude oder kauft ihr am Stand irgend ein Flitter, um ihre Gunst zu gewinnen. Erst beim Grauen des Morgens nimmt die Ausgelassenheit ein Ende. Drei Tage währt der Fcstcstrubcl. Am letzten. Tage ergreift auch die Alten der Taumel. Der Vater nimmt die Mutter beim Arm, selbst der noch rüstige Großvater umfaßt sein EhegesponS und stürzt sich mit in den Strudel. Und wie sie die.Tanzbeine" noch flink schwingen, die Alten, sie, die sonst übers Zipperlein klagen. Es ist Ivahrhaflig eine Lust, sie tanzen zu sehen.— Z�lvines FeuMekon. lc. Die Sitten im englische» Wahlkampf weisen manche uns unbekannte nnd direkt komisch erscheinende Züge auf. Vor allem kommen für den Kandidaten zwei Tinge in Betracht, die»cauvsss» nnd die„rneetinAf!". Unter„canvass* versteht man den persön- lichen Besuch, den jeder Kandidat jedem Wähler machen muß. Dieser Brauch besteht schon länger als ein Jahrhundert, er wird bereits vom Dichter Cowper in' einem anS dem Jahre 1784 stammenden Brief genau beschrieben:„Nach dem Diner", heißt es da,„saß ich mit zwei Damen nihig zusammen, als zu unsrem größten Erstaunen eine Menge Leute aus dem Volke vor unsrem Fenster erschien. Es wurde an nnsre Thür geklopft, die Straßenjungen schrien, nnd das Mädchen kündigte Mr. Greuville an. Mein zahmer Hase Pussy war gerade ans seiner Hütte gegangen, so daß der Kandidat durch die kleine, statt durch die große Thür eintreten mußte. Zum Glück sind die Kandidaten nicht sehr empfindlich gegen Beleidigungen und würden lieber durch die Fenster herein- kommen als gar nicht. In einer Minute waren der Hof, die Küche und der Salon voll. Grcnville näherte sich mir und schüttelte mir mit besonderer Herzlichkeit die Hand; dann sprach er vom Zweck seines Besuchs. Ich versicherte ihm, daß ich keinen Einfluß hätte, was er nicht glauben wollte, um so weniger, als der Schneider Ashburne versicherte, daß ich großen Einfluß hätte. So endete nnsre Unterredung; Grenville drückte mir die Hand, umarmte die Damen und zog sich zurück. Er umarmte auch das Mädchen in der Küche. Die Straßenjunge» schrien, die Hunde bellten, und die große Menge, die dem Kandidaten folgte, verschwand." Heute geht es noch ebenso zu. eö ist fast nur die Umarnnmg des Mädchens vom Progranim gestrichen. Mehr als je sucht der Kandidat bei seinen Wählern einzudringen, zu einer Zeit, wo er sicher ist. sie zu treffen. Er kommt immer und»nacht einen Besuch von 5 Minuten bis zu •/« Stunden. Ist der Wähler sehr alt oder sehr jung, so schickt der Kandidat seine Frau, die ihm unter holdem Lächeln im Namen ihres Gatten Zettel in die Hand drückt. Das Lächeln besonders muß sich recht oft als wirksam erwiesen haben, denn häufig bekommt nian folgende Warnung zu lesen:.Wähler von... Ich weiß, daß Ihr jedem männlichen Druck, der auf Euch ausgeübt wird, widerstehen könnt. Aber hütet Euch vor dem Druck, den Mitglieder des schwachen Geschlechts auf Euer Gewissen auszuüben versuchen". Je nach dem Vermögen des Kandidaten nimmt der.canv»»»" verschiedene Forme» an. So hielten sowohl der Lordmayor wie seine Gattin vor der Thür ihrer Wähler in Southwark in den vergoldeten Karosse» des Mansion Honse, die mit sechs Pferden bespannt und von» von einem Postillo» nnd hinten von gepuderten Lakaien besetzt waren. John Burns ging meist zu Fuß/ aber seit einigen Tagen hat ihn, em socialistischer Berniieter ans Battersea Park eine alte Droschke zur Verfügung gestellt. Winston Churchill steigt in die Bergwerke OldhnmS hinunter, uni die Bergleute ja sicher zu treffen. In diesem Jahr leiste» die Automobile den Kandidaten hervorragende Dienste. So hat Leicester Harmsworth, der Bruder des bekannten Herausgebers, nicht weniger als sechs zu seiner Verfügung. In Irland haben sich O'Brie» nnd Hcaly, die geschworene Feinde sind und sich beide nin denselben Sitz in Rorth-Lonth bemühen, zum„canvass" gemeinschaftlich einen Wagen gemietet. Sie kommen also zusammen in dasselbe Dorf nnd halten vor demselben Hanse. Erst steigt O'Brie» ab nnd Healy wartet in» Wagen, dann, wenn O'Brie» fertig ist, kommt Healy an die Reihe. Beide Gegner haben auch gemeinsame Wahlversammlungen in den Dörfern organisiert. Die Pferde werden ausgespannt, O'Brien steigt auf den vorderen Sitz, um den sich seine Anhänger scharen, nnd Hcaly steigt aufl de» Hinterfitz. Vorn hört man dann O'Brien seinen Gegner als Lügner bezeichnen, und hinten qualifiziert Healy den sciuigc» als Renegaten. Bei den„Meetings" ist besonders Joe Chamberlain ein äußerst populärer Redner; der Grund setner Beliebtheit liegt zum große» Teil darin, daß er die Angewohnheit hat, seine Phrasen durch Faust- schlüge zu interpunktieren, was ihm den Beiname»„Boxcr-Redner" verschafft hat. Diese Eigenschaft gefällt den Engländeni. denen selbst die Politik als Sport dient, anSnehinend, und als Chamberlain jüngst in Birmingham auf der Rednertribüne erschien, begrüßten ihn seine Anhänger mit dem Ruf:„Gieb es ihnen, Joe I Schlage zu!" Und auch während der ganze» Rede wurde er durch Ausrufe, wie: ,6» od, Drücke sie wie im Schraubstock! Brich ihnen die Rippen!" unterbrochen; als ein Anwesender dann zum Schluß noch in den be- geisterten Zunif:„Heute ist Joe in glänzender Form", ausbrach, hätte man wirklich glauben können, man wohne einein Boxer» kämpf bei.— Theater. SecessionSbühne:.Der gnädige Herr" von ElSbeth Meher-Förster.— Man muß bedauern, daß die junge Bühne vom Publikum nicht ausreichend unterstützt wird. Der ernste Wille, den sie bisher in jeder Vorstellung gezeigt hat. ver- diente Befferes. Auch ihr letztes Stück muß mit Achtung behandelt werden, selbst wenn man eS ablehnen will. Es ist meines Erachten®! nicht für die Bühne geschrieben und nicht für die Bühne geeignek) stammt aber doch von einer Dichterin. Das Milieu eines großen Guts ist sehr anschaulich geschildert— vielleicht zu anschaulicht' Eigentlich ist in dem Stück alles Milien. Wir haben es mit einer nalnralistischen Zustandsschildernng zu thnn, der jeder dramatische Nerv fehlt. Die Verfasserin kann sich allerdings ans TolstojS„Macht der Finsternis' berufen, die auch durchaus episch gedacht unds gearbeitet ist. Nur daß ihrem Stück die Bedeutung fehlt, die der russischen Arbeit einen so großen Reiz verleiht. Handlung und Charaktere interessieren uns zu wenig. Die JnspektorStochter, die sich dem„gnädigen Herrn" opfern muß, damit ihr alter Vater nicht entlnffc» wird, ist eine gute Novellenfignr— für ein Drama reicht sie nicht aus. UeberdieS glaubt nun» ihr nicht recht, daß sie sich wirklich opfert. Jnnnerhin hätte der Abend ein« größere Anteil- nähme verdient. Hoffentlich findet die Bühne in andren Kreisen daS Jntereffe, das sie beim Premicrenpublikuni nicht gefunden hat. In der Darstellung trat vor allem H o f in e i st e r hervor, der einen verkommenen Schulmeister prachtvoll spielte.— E. S. Völkerkunde. — Vergnügungen der Chinesen. Die Chinesen haben eine große Abneigung gegen jede starke körperliche Bewegung. Sie sind der Ansicht, ein wohlerzogener Mann müsse stets würdig und gemessen auftreten. Hieraus folgt schon von fclbst, daß alle solche rte» der Erholung, wobei ein gemessenes Benehmen unmöglich ist, wie Turnen, Schwimme». Rudern nnd die verschiedenen englische» Spiele, nicht ihren Beifall finden. Recht gemächlich durch die Straßen zu schlendern, besonders wenn eS etwas zu sehen giebt, ist in den Augen jedes Chinesen, der etwaS auf sich hält, die allein ange- mefsene Erholung. An den Festtagen für die verschiedenen Götter werden die Straßen einer Stadt oft in prächtigster Weise beleuchtet. Den Hauptanziehungspunkt aber bildet der Tempel des GottS, dessen Fest man gerade feiert. Dort ist gewöhnlich ein alle um- liegenden Gebäude überragendes gewaltiges Gestell errichtet, worauf ein Bildnis des Gotts in glänzender Beleuchtung thront. Hier drängt sich stets ein dichter Haufen bezopfter Menschen, die alle mit offenem Munde nach Herzenslust gaffen und sich an der für europäische Ohren nicht gerade melodischen Musik von dröhendc» Cymbeln, schwirrenden Guitarren, gellenden Flöten nnd rauh klin- genden Querpfeifen erfreuen. Während der nllgeineine Lärm bei solchen Gelegenheiten allerdings meistens ohrenbetäubend ist, wird doch jeder Westländer, der sich einmal ei» derartiges Schauspiel angesehen hat, zugeben müssen, daß sich die einzelnen Chinese» dabei im Durchschnitt viel bester benehmen, als es Europäer oder Amerikaner unter gleichen Verhältnissen zu thnn Pflegen. Als im Jahre 189» das fünfzigjährige Bestehen des Vertragshafens Shanghai flcfiicrt wurde, bewegten sich dort Hmiderttmiseude von Chmesrn durch die festlich geschniiickte» Slmsieu. ohne sich irgendwie»»gebühr« lich /,u betragen. Die bei solche» Gelegenheiten niassenhaft der- brauchte» Lalcrue» verdienen eine besondere Erivähttnug, da die Chinesen in ihrer Herstellung alle andren Aölker übertreffen. In, nNgeineinen ist nach»usren B.'grisfen die Ausstattung chinesischer Wohimugeii recht dürftig, selbst iveu» es sich um keinestvegs ärmliche Leute handelt. Diese Dürftigteit tvürde noch weil mehr hervortreten, wenn malt sie iiicht häufig dilrch eine geschickte Anordnung der meisteiis recht knnstreickl raid geschmackvoll gearbeitete» Laternen zu verdecken verstünde. Diese bilden, anch Iveim sie nicht für ihren eigentlichen Ziveck ge- braucht lverden, einen Schmuck vieler Wohnungen. Man verfertigt sie aus Papier. Seide, andrem Zeug. Glas. Horn. Korbgrflecht oder Bambus, und man tveiß ihnen eine tmendliche Mannigfaltigkeit der Forme» und Berzicrungcu zn geben. Gröge und Preis sind dem- nach auch sehr verschieden. Die billigste» kleinen Handlaternen aus Papier koste» nur wenige Pfennige, lvogegcir mächtige Kandelaber, bislvcilen von b Bieter im Durchmesser, einen Wert von mehreren Hnudcrt Dollars habe». Einige Laternen sind ivürfclsörmig, andre ganz rnnd wie ein Ball, wieder andre flach und rund ivie ein Kreis, oder flach und verschiedenartig eckig. Besonders beliebt sind solche aus rotem Papier mit grossen anSgeschnittcncn Schriftzeichen für Glück, Langlebigkeit oder Zufriedenheit. Zündet man diese Laterne» ai», so sind die genannten Schriflzcichcn deutlich zu lesen, lvas auch erwachsenen Chinesen ein wahrhaft kindliches Vergnügen bereitet. Sehr originell sind ferner die Laternen in Tierform, die Pferde, Hähne, Drachen, Fische, mächtige Tanseudfusze nnd andre Tiere darstellen. Wen» sie zu gros; find, sich noch bequem in der Hand oder air Stangen tragen zu lassen, seht man sie auf Näder. Noch andre Laternen sind mit viel Geschicklichkeit fo gemacht, dah die von der Kerze aufsteigende heiste Luft sie in Bewegung seht. Eine» der hübschesten Latenienaufzüge kann man au der südlichen Küste deS Reiches in» Frühling«nd Herbst sehen, wenn die Wasser- götter gnädig gestimmt lverden sollen. Der ivichtigstc Teil der Prozession ist ei!» ungeheurer Drache von mehr alö 15 Meter Länge. der ans leichtem Bambus angefertigt und mit buntem Banmlvolleu« oder Seidenstoff überzogen- ist. DaS llntier stellt den obersten Herrscher der feuchte» Tiefe dar. Männer mit Stangen, die oben in eine, flgche Gabel auslaufen, tragen den Drachen durch die Strasjc». A» den Gabeln hängen die'verschiedenartigstei« Laternen, die beim Gehen der Männer hin nnd her schlvanlcn, lvas von weite»» in der Dunkelheit cinen sehr phnntastischen Anblick gewährt. Riesige Fische, die ähnlich beleuchtet sind, gehen den» Drachen vor« aus, während laute Musik und das nie fehlende Geknatter von Schwärmern alle mißgünstigen Geister vertreiben solle». Ebenso lvie in der Anfertigung von Laternen zeichnen sich die Chinesen in der Herstelluiig von Papierdrachen aus. Während in Enropa daS Spielen hiermit de» Kinder» überlassen ist, beteilige» sich im Reich der Mitte auch Erlvachscne n»it groben, Vergnügen daran. Für das Gerippe der Drachen ciglieu sich vortrefflich die in ganz Mittel- nnd Südchina vorhandeiieu Banlbuszlveige, da sie hart und doch biegsam sind. Als Ucberzug nimnlt»na» Papier oder Seide. Keinem Chinesen würde es aber einfallen, altes ZeitnugZ- papicr dazu zu berivendcn, ivcil jedermanu eine viel zn hohe Achlung vor den Schriftzeicheu seiner Sprache hat. scieu sie geschrieben oder gedruckt. Die Drachen Habel» die verschiedensten Forineu. Vor allem an» neunten Tage des nclintcn Monats kann iiin» Schmetterlinge, Eidechsen, Tausendfübe. Brillen. Geldstücke, Fische und andres Getier in der Luft schlvobcn sehen. Besonders geschickt werden Railbvogel nachgemacht, so daß sich Fremde nicht selten dadurch täusche» lassen. ZlUveilcn Ivundert sich ein Ausländer, daß ihn ein großer Bussard oder mehrere Habichte ganz nahe herankounncn lassen, bis er erkennt, daß' es lailtcr Drachen' sind. An vielen Drachen ist eine Vorrichtung befestigt, worin der Wind. ein klingendes Sunnnen hervorbringt, lvas für die Chinesen ein großer Ohrenschmaus ist. Ihre Taube» versehe» sie gleichfalls»nauchnlal mit diesem kleinen Instrument.— (.Köln. Ztg.") Aus dem Ticrleben. — lieber die Mauser der Kanarienvögel schreibt I o h s. S ch e r f ii» der Wochenschrift„NerthnS": Mauser nemit man den regelmäßig lviedcrkehrende» Federwechsel der Vogel. Die Mauser ist zwar keüre Kraulhcit. sonder» nur ein Natur- Vorgang, in de»»» jedoch der Organismus inchr als sonst ängcstreugt»ind dadurch der Vogel gegen Witterungs- cinflüssc»veüigcr widerstandsfähig»vird. Der Gesang unterbleibt sechs bis acht Woche»», oder ist bei gut gckräftigtcn Vögeln nur sehr gering. Häufig gicbt die nicht naturgemäß sich abivickelnde Mauser Anlaß ziin» Ausbruch mancherlei Krankheiten, bcsoichcrS der Lungen- schlviudsucht. nnd deshalb heißt es doppelt vorsichtig bei der Pflege seiner Lieblinge sei»». Besonders Zugluft ist den» niauscruden Vogel sehr gefährlich, es kommt dadurch oft zu der sogenaiuite».stockenden Mauser." Ist der Vogel daiuit behaftet, so verliert er fort- tvährcnd einige Federn und kommt fast das ganze Jahr nicht mehr znn» Singen. Ebenso ist Schreck»nid jede Erregung dem Kanarien- »ogel ivahrend der Mauser zn ersparen. Man vcrn»cidc ferner, ihn mniötigerlvcisc oder gar auf rauhe Art anzufassen, denn die hervorsprießenden neuen Federkiele sind»uit Blut gefüllt, Nerautivortlicher Nedaetenr! Heinrich Zitröbel in der Vogel kann dadurch eine bedeutende Blutung oder sonstige Gefiederverlevmig erleiden. Badewasser ist ihm in den» Zustand sehr»üblich, dem» gerade feuchte, möglichst hohe Wärme befördert die Mauser wesentlich, doch vermeide»»an jedes gewaltsame Bade», denn»inn verseht de» Vogel dadurch in eine Erregung, die die Wohlthat des Badens»vieder aushebt. Ebenso unterlasse man das Bespritzen; sS verursacht dem Tier ein unangeuehines Gefiihh das gleichfalls während der Mauser schädlich auf sei»» gcjauttcs Befinden eimvirke» kann. Hält man es aber aus irgend einen» Grunde für nötig. daß er zur Beschleunigung der Mauser Feuchtigkeit erhält, und ver- schmäht er Padeivasser, so umhülle man den Käfig mit feuchte» (nicht nassen) Tüchern. Auch kann»»an den» in» Käfig l>efi„dliche» Vogel ein leichtes Dmnpfbad gebe», iiidem man de» Käfig in ein Tuch einschlügt nud darunter eine»»uit kochendem Wasser gefüllte» Topf stellt. Eine Seite muß offen bleiben, damit der Vogel sehe» kann, sonst würde er ängstlich lverden. anch muß niair ihn stets in angeincsscuer Entfernung vom dampfenden Topf halten. Mai» lasse aber nie ans den Augen, daß verdunstendes Wasser der Lust Wärme entzieht, infolgedessen diejenige i» aller- nächster Nähe des lvieder trocknenden Bogels iiiiiner um einige Grade kühler sein»vird, als die aiidre ihn inngebende Luft. Das Futter ist beim mansernden Bogel von großer Wichtigkeit. Es bestehe in der Zeit ans hartgekochtem, geriebenen» Ei und ge- riebener Semmel, z» gleichen Teilen z»sa»»i, engenlischt, darunter aber auch einen» Teil trockener, doch zwiichcn Löschpapier angequellter Anieisenplippc». die man zuerst mit Semmel vermischen soll. Kalt- stosfe, wie Sepia und Mörtel, dürfen gleichfalls nicht fehlen.— Hnmoristisches — Er lveiß Bescheid.„Was giebt's denn zu cssci», Leni?" „Gansbraten, SchiveinSbraten»nd Niereubrateul' „Was kvnuen Sie»nir besonders empfehlen?" „O, der Gansbraten ist vorzüglich ,»nd der SchivelnSbraten zart wie ein jimges Huhn I" „Gut, dann bringen Sic mir einen Nieren brate nl"— — I in Eifer. Besitzer einer Menagerie(zu»,» Wärter, der den Tod eines Nilpferds infolge seiner Nachlässigkeit auf dem Geivisse» hat):„Sie sind ein ganz uuvcrautlvortlich leicht- süiuiger Meilsch I Oder glaube»» Sie, ich schüttle die Nil» pferde n n r so aus den A e r m e l n?" Notizen. — H e r m a n n B a ch n» a n n ist an Stelle Friedrich Stephanys Chefredaclenr der„Vossischen Zeitnng" gelvordcn.— — In den Monaten Oktober bis Dezeniber d. I. finden in» Hör- saale des K n n st g e>v e r b e- M u s c n n, s n n e n t g e l t l i ch e Vorträge statt. Dr. Alfred Gotthold Meyer hält sechs Vorträge über Barock und Rokoko Montag, abends tzVe— Otze Uhr. Begiiiu Montag, 8. Oktober.— Professor' Richard Bvrrmauu hält 10 Vorträge über die dekorative Malerei Dienstag, abends S'/s bis O1/* Uht. Beginn Dienstag, 9. Oktober.— Dr. JohaimeS Luther hält zehn Vorträge über den Buchdruck und den Buchschmuck der alten Meister Douuerslag, abends B'/e—O'/ä Uhr. Beginn Donnerstag, 11. Oltober. — Georg Engels„A n s f l u g i u S Sittliche' hat am Thalia-Töeater in Hamburg einen starken äußere» Erfolg er- runge».— — Das Schauspiel„L e b e» s e I e>» d" von Helene Bühlau soll Ende Oltober an der Hofbühne in M ü n ch e»» zur Aufliihrung gelangen.— r. Die diesjährige Ansstellnng der Berliner S e c e s s i o i» hat cinen aujchnlichcn U e b e r s ch u ß ergeben.— — In verschiedenen Strömen der Bereinigte» Staaten Nord- amerikaS hat sich der Karpfen seit seiner Einführung ans Europa so»ngeineii» n» a s s e n h a f t vermehrt, daß er nicht nur die heimischen Fische vertrieben hat, sonder» daß durch sein»nasscnhasteS Vorkounne» auch die Wasserversorgung einzelner an diesen Flnsim liegenden Städte, welche ihren Waflerbedarf ans denselbeu ent- iichnien, bedroht wird, indem durch die ivühlende Thätigleit so großer Karpscumeiigen das Wasser beständig getrübt nnd schmutzig gefärbt Ivird, so daß sich die Bevölkerung der betreffende» Städte gegen die Wasscreutuahme anS diesen schmutzig aussehcudeu Flüsse« auflehnt.— — Der bekannte Pflanzeichhhsiokoge Dr. B. Frank, Vor- steher der biologischen Abteilung am Rcichs-GesundheilSaint und Ordinarius an der la>»dwirtschasllichen Hochschule zu Berlin, ist ge- storbcn.— — Der größte Nußbann, in ganz Europa wurde kürzlich im Kcmton Waadt in der Schiveiz gefällt. Sem Alter wurde auf 370 Jahre geschätzt. Er hielt 80 Kubikmeter Holz: der Stamn» hatte 7 Meter Länge und durchschuittlich ö Meter Umfang.— — Die zur Erforschung des K a t a»» g a- G e b i e t s vor zivci« eiuhalb Jahre» ausgezogene Eypcditiou kehrte mit reichen»vissen- schaftlicheu Ergebnissen»ach Brüssel zurück. Gold, daS mau im Kataiiga-Gcbiet zu finden hoffte, wurde jedoch nicht gcfuudcu.— cliit. Druck und Verlag von Max Babing ü» Berlin.