MnteHaMngsblatt des Worwäris Nr. 193. Freitag, den 5. Oktober. 1900 (Nachdruck otrSoten.) 4] Mntev LVolKvn. Roman von Kurt Aram. „Nimm' Dich wenigstens vor den Dienstboten zusammen. Auf Deinem Zimmer wein', so viel Du willst!" Magda fuhr sich über die Augen, denn das Mädchen kain mit der Suppe. „Darf ich Dir ein GlaS Wein einschenken?" fragte er sehr höflich, als das Mädchen ins Zimmer trat. Sie wollte eigentlich nein sagen, aber dann würde er so zornig werden, daß er sich vor dem Mädchen vergäße. Also sagte sie ja. Als das Mädchen draußen war, während sie die Suppe aufschöpfte, sagte er:„Ja, ja, weiter weißt Du nichts! Wenn Du doch mal nein sagtest I Wenn Du Dich doch mal wehren wolltest! Ja, ja. das ist ja zum verrückt werden I" Sie schwieg. Das hätte sie einmal wagen sollen. Er würde sie geschlagen haben. Nicht aus Schlechtigkeit, einfach aus Jähzorn. Aber schlagen ließ sie sich nicht, lieber... lieber...! „Was niachst Du denn wieder für Augen? Möchtest mich wohl am liebste» vergiften?" Er aß mit großem Eifer. Sie nippte nur. Ihr war aller Appetit vergangen. „So iß doch wenigstens, daß Du dicker wirst! Meinst Du, es wäre ein Vergnügen, so ne magre Frau zu haben?!" Sie erhob sich. Er sprang auf und griff sie am Handgelenk. Er preßte sie auf ihren Sitz zurück. „Wenn Tu ivagst, wenn Du Dich unterstehst, mir vom Tisch fortzulaufen, dann sollst Du was erleben 1 1" Er setzte sich wieder und wurde ein wenig ruhiger. Erfühlte selbst, daß er zu heftig geworden war. Aber warum reizte sie ihn auch immer so unsäglich durch ihre ganze. passive Art. Schweigend aßen sie die Suppe, schweigend ließen sie den Braten kommen, schweigend tranchierte er ihn, schweigend begannen sie zu essen. „So sag doch endlich mal was, so sprich doch was!" Sie suchte krampfhaft nach einem Gesprächsthema und würgte an ihrem Bratenstück. Endlich fiel ihr etlvas ein. „Kennst Du die Frau Schmidt vorn im Dorf?" „Waaa.. s?" „Sie hat nicht den besten Ruf." „Ach die! Was ist mit der?" Er war fast ein bißchen verlegen. Sie achtete nicht darauf. „Ich wollte vorhin an ihr vorbei, sie sah mich aber so unverschämt an, daß ich es ließ." „Läßt Dich von der ins Boxhom jagen?" „Das nicht, aber es ist auch gar zu dreist von ihr." „So hör' doch endlich auf damit!" „Ich soll doch reden." „Weißt Du denn nichts andres, nichts befferes?" Sie schwieg wieder. Diesmal ließ er sie in Ruhe. Als der Nachtisch kam, fragte er noch einmal:„Also, Du gehst morgen zu Oberförsters?" „Ja", entgegnete sie zum dritten Mal. „Sei auch vergnügt, geh aus Dir heraus, lach, amüsier Dich\" „Als wenn man das so auf Kommando könnte." Er blieb wirklich immer noch ruhig. „Gieb Dir ein wenig Müh', dann geht's schon. Du bist doch jung, so was macht doch allen Frauen Spaß." Sie antwortete darauf nicht. Endlich war die Mahlzeit fertig. Sie sah ihn heimlich von der Seite an, aber er merkte es doch. „Kannst ruhig gehen, wenn Du willst, ich halte Dich nicht." Sie stand auf. „Hast's ja sehr eilig!" Es klang ärgerlich.„Daß Du gerade viel Rücksicht ans niich nimmst, kann kein Mensch sagen!" Sie verließ schnell das Zimnier. Er machte erst eine Bewegung, als wollte er sie zurückrufen, dann ließ er es aber. Er schenkte sich noch ein Glas Wein ein, trank und lief auf und ab. Ihn genierten die knarrenden Stiefel nicht im Geringsten. So recht angenehm war es ihm freilich auch nicht zu Sinn. „Kater von gestern Nacht," brummte er. Und dann, ja. er ärgerte sich auch über sich selbst, daß er sich wieder einmal so hatte hinreißen lassen. Wenn er irgend konnte, behandelte er Magda kühl-höflich oder ironisch, aber es gelang ihm leider selten. Heute nun schon gar nicht, wo noch der Alkohol von gestern in seinem Kopf rumorte. Plötzlich stand er still. Was hatte sie nach der Frau Schmidt gefragt? War das absichtlich geschehen, sollte sie etwas wissen, sollte ihn jemand verklatscht haben? Jedenfalls würde er der dummen Person sagen, daß sie sich anständig gegen seine Frau zu benehmen habe. Sonst soll's ihr schlecht geh»! Sonst sollte sie ihn kennen lernen! I So ein Schaf I Wenn Magda nun etwas wüßte? Halt, konnte das nicht vielleicht einen Scheidungsgrund geben? Dessen mußte er sich vor allem vergewissern. Noch heute abend würde er den Amtsrichter fragen. Das konnte er noch nicht brauchen. Ihr Kapital mußte er noch eine Weile haben. Sonst, er knirschte grimmig mit den Zähnen, sonst,... er ließ sie lieber heut als morgen laufen. Was hatte er denn von ihr? Er machte doch wahrhaftig keine zu großen Ansprüche an eine Frau. Ein bißchen Unter- Haltung, ein bißchen Liebe, ein bißchen Oberaufsicht über den Haushalt, das war alles. Und nicht mal das leistete sie. Doch nein, er wollte nicht ungerecht sein, die Oberaufsicht führte sie gut, aber in den zwei andern Punkten fehlte es sehr. Er war jung und kräftig. Konnte es ihm da einer ver- denken, wenn er sich anderswo schadlos hielt?„In der Not frißt der Teufel Fliegen," murmelte er. Eine jüngere als die Frau Schmidt wäre ihm auch lieber gewesen. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Die Fabrikmädels kamen nicht in Betracht. Daß die dann frech würden! Nein, so dumm war er nicht. Er ballte die Fäuste zum Fenster hinaus:„Elendes Nest!" Wie er es haßte, wie es oft in ihm zuckte, dem ganzen Kram einen Tritt zu geben und sich fort zu machen nach Berlin, München, Wien oder so und genießen, genießen l Er hatte ja den Körper dazu. Und wenn es nicht mehr ging, eine Kugel in den Kopf und ab I Nur erst leben und genießen, was es gab. In zwei Jahren war es so weit. Keine zehn Pferde sollten ihn dann hier zurückhalten... Da konnte sein jüngerer Bruder das Werk übernehmen. Und scheiden würde er sich dann auch lassen, sofort. Aber nicht früher. Um keinen Preis. Bis dahin würde das Werk florieren. Sechs Jahre waren es jetzt, daß er ans die Universität gegangen, um Jura zu studieren, angeblich wenigstens. Gerade trank er mit vollen Zügen aus allen Genüssen Berlins, da starb sein älterer Bruder, der bis dahin hier ge- lebt und geleitet hatte, weil der Vater alt und schwach geworden. Nun sollte er wieder zurück. Er sträubte sich auf das heftigste. Es dünkte ihm unmöglich, wieder hier zu leben, wo alles so eng und dnnipf war, wo man selbst die Natur nur drei Monate einigermaßen ertragen konnte, denn sonst war es inuner nebelig, bewölkt, regnerisch, oder Schnee und Eis. Schließlich kehrte er doch zurück, als ihm der Vater ver- sprach, es solle nur für so lange sein, bis der jüngste der drei Brüder fertig wäre. Daneben aber bestinimte ihn noch dies: Uebernahm er das Werk nicht, so war es nicht ausgeschlossen, daß es mit der Zeit ernstliche Geldverlegenheiten gab. und dann würde er vielleicht nie mehr etwas vom Leben haben können. So kehrte er denn zurück in den Nebel. in die Enge� Sein Ucberschnß an physischer Kraft, nun er nicht mehr im Genießen ausgegeben werden konnte, suchte sich zuerst den Ausweg, daß Otto mit aller Macht das Wert vergrößerte. mehr als die augenblicklichen Mittel erlaubten, zumal un- günstige Zeiten waren. — 7" Da erinnerte ihn der Vater an die Braüt, an die er bis dahin so gut wie nie gedacht hatte. Persönlich kannte er sie überhaupt noch nicht. Auf einer Photographie, die er besaß, sah sie zwar nicht„schön" aus nach seinen Begriffen, aber das Bild war schon alt, sie konnte inzwischen immerhin noch „schön" geivorden sein. Vor allem aber hatte sie Geld, und alle Beteiligten wünschten, daß es in der Familie bliebe, daß es kein Fremder erheirate. Er reiste hin, er sah die Braut an. Er war sehr ent- täuscht. Am liebsten hätte er sie nun doch nicht geheiratet. Aber das Geld! Er brauchte es nötig und kam so am billigsten dazu. Er mußte die Fabrik durch die ungünstigen Zeiten durchbringen, schon wegen später, wenn er„frei" war. Er wußte ganz gut, daß es keine angenehme Ehe werden würde, aber er heiratete Magda doch, er mußte ja. Es ging freilich noch viel schlechter, als er gedacht. Hätte er das zuvor gewußt, entschuldigte er sich vor sich selbst, Würde er doch nicht so leicht auf den Handel eingegangen sein. Da er keine Schwestern besaß, kannte er bis dahin so gut wie kein Mädchen aus den„besseren" Ständen, diese meist bleichsüchtigen, oft so schwächlichen Geschöpfe, die nicht mehr genug Blut in den Adern fhaben, weil die Väter es schon auf Generationen im voraus für sich verbraucht. Er hatte bis dahin nur mit„andren" Mädchen verkehrt, die waren wie er und das Leben kannten. Jetzt wurde ihm auf einmal ein Wesen in die Arme geworfen, das von garnichts wußte. Mein Gott, sie that ihm ja auch leid, oft sogar sehr, er war ja garuicht so schlimm, wie es leicht aussah, wenn er gereizt wurde. Er hatte zu Zeiten auch die allerbesten Vor- sätze. Aber was half es! Wenn er dies schmächtige Geschöpf nur sah, packte ihn, den Lebensvollen, schon eine stille Wut, daß er au so etwas gebunden war. Aber das Geld, das Geld I Da hieß es aushalten, bis der jüngere Bruder einspringen konnte. lFortsetzung folgt.) HÄlvklevens„Nosenmottkag�. fDeutsches Theater.) In Hartleben kämpft offenbar ein feiner Poet mit einen»— nun, mit einem nicht feinen Theatralikaler. Hier und da fällt ein Wort von feinstem, satirischen Reiz: Man freut sich an den» Humor und an der Sprachkunst, die das Werk geschaffen haben, um nach einiger Zeit wieder durch brutale Theatermachc gepeinigt zu werden. Gaiiz rein und ganz fein ist künstlerisch eigentlich nur die„Sittliche Forderung". In dieser kleinen, aber köstlichen Arbeit finden wir den Hartleben wieder, dessen Grazie und decente Sprachbehandlung wir in seinen Humoresken bewundert haben. Ich kann das Stück nie sehen, ohne daß wieder die alte Hoffnung in mir lebendig wird— Hartleben wird uns noch einmal das seltene Glück einer Komödie bc- scheren, die diesen Namen verdient. In seinen»„wahrhaft g n t c n Menschen" hat er es offenbar versucht. Er hat hier auch ein goldenes Motiv gefunden, ein Motiv, das in seiner hmno- ristischcn Tiefe ganz allein beweist, das; hier ein Dichter am Schreib- tisch sah. Nicht sowohl einige unmögliche Episoden— das sind schlichlich Einzelheiten— als vielmehr die Führung der Handlung vernichtet das Stück. Die Arbeiterepisode ist beispielsweise im Sinne eines äußerlichen Realismus gewih unmöglich und der äußer- liche Realismus ist ja heute vielfach Trumpf. Hartlebcn kann aber doch einwenden, daß der tiefere dichterische Gedanke der Scene durchaus zutreffend ist. Daß dieArbeiterdem unklaren Helden ihrklaresundhartes Kampfprogramm entgegensetzen, ist glücklicherweise durchaus realistisch gedacht, und Hartleben will ja schließlich auch nicht die Arbeiter, fondern die charakterlose Güte des Helden ins Unrecht setzen. Wie sehr er sich dabei auch in der äußerlichen Gestaltung vergriffen haben mag, eine wie unmögliche Situation er auch für die Scene geschaffen hat— vernichtet wird eine Dichtung durch so etwas nicht. Dazu muß ein Grundfehler vorhanden sein, und der ist aller- dings vorhanden, indem die Handlung schließlich in Ernst umschlägt, nicht in den Ernst des Humors, sondern in den pathetischen Eriist, in den reinen Ernst, der mit der Komödie nichts mehr zn thuii hat. Wir haben etwas länger bei dem Stück der- weilt, einmal weil eS ein Schmerzenskind des Dichters ist, und dann um auszusprechen, daß wir in dieser erfolglosen Arbeit immer noch mehr Kunst finden, als in dem erfolgreichen„Rosenmontag". Wenn jemand daraus den Schluß ziehen sollte, daß uns der äußere Erfolg für die ästhetische Wertschätzung gleichgültig erscheint, würden»vir nicht zu opponieren wagen. Die theatralischen Wirkungen im„Rosenmontag" erklären sich am Ende aus den» Umstand, daß Hartlebens feines Talent im Grunde epischer Natur ist. Er weiß sehr wohl, daß man mit Keinheitei» keinen Theaterabend bestreiten kann, und greift 0 so zu gewaltsamen Mitteln, nni wenigstens Spannung und Effekt zu erzielen, da ihn» die dramatischen Wirkungen nun einnial nicht zwanglos zuwachsen. Es ist nicht schwer zu begreifen und auch sehr leicht zu entschuldigen, daß er trotzdem für die Bühne schreiben will. Die Bühne steht im Mittel« Punkt des ästhetischen Interesses, was an und für sich gar kein schlechtes Zeichen zu sein brauchte. Wem» aber die Leute, die für teures Geld ins Theater laufen, für den Buchhandel verloren sind, wenn sie es nicht mehr fertig bringen, in ihrer stillen Stube ein Buch zu lesen und so das Bücherschreiben zu einem melancholischen Gewerbe machen— dann haben sie allerdings den Verdacht gegen sich, daß sie nur Amüsement. Foyergeschwätz und Zerstreuung suchen. Das zweifellose Aufblühen ünsrer Theater ist soinit eine Medaille, die eine recht bedenkliche Kehrseite hat. Diese Er« wägung kann natürlich nichts daran ändern, daß nnsre jungen Talente zum Theater strömen, und man müßte ein sonderbarer Mensch sein, um nicht zu begreifen, daß Hartleben dasselbe thut. Für seine Kunst freilich U'äre es besser, wenn er es nicht thäte. Das beste am„ R o s e n m o n t a g" ist die getreue Wiedergabe des Milieus. Es ist im allgemeinen ein verdächtiges Lob, wenn man an einem Drama in erster Linie das Milieu loben»nnß. Das Drania kann nie und wird nie Milieu-Dichtung sein, ivenn aus keinem andren Grunde, so aus dem einfachen, aber durchschlagenden, daß es auf diesem Gebiet dem Roman gegenüber immer roh bleiben muß. Der Roman kann die Stimmung eines Hauses, eines Standes, einer Stadt viel feiner geben, als selbst das rnffi» nierteste Bühnenstück. Wenn der kritische Protest gegen die Milieu« dramen ungehört verhallen sollte, werden schließlich die Schauspieler rebellieren, die mit vollem Recht— ich bitte um Verzeihung I— nach Rollen, nach großen menschlichen Aufgaben verlangen. Bei Hartleben hat nun freilich die breite Wiedergabe des Milien's einen guten ästhetischen Grund. In seinem Fall steckt die Tragik eben im Milien und so giebt er mit dem Milieu zugleich die tragische Motivierung. Innerhalb dieser Grenzen ist sein Stück gut, von frischen und echten Farben. Seine Offiziere unterscheiden sich sehr vorteilhaft von den Backfischidealen, die man im Theater der Frau Bntze und anders wo genießen kann. Ganz schlimm erdächt und durchgeführt ist der eigentliche dra- mattsche Konflikt. Hartlebens Phantasie ist hier wirklich in bedenk« licher Weise von der Hintertreppenromantik angesteckt worden. Vcr- gegenwärtigen wir uns die Fabel: ein junger Offizier, der nebenher auch ein wenig Mensch ist, hat ein Verhältnis mit einem Mädel, das er wirklich von Herzen liebt. Um diese fatale Sache— das Herz ist an der Sache das fatale— ans der Welt zu schaffen, schmieden zwei Betten» des Verliebten einen Plan, der wenig bewundernngswert, aber doch verständlich wäre, wenn er wirklich so ausschaute, wie Hartlebcn uns anfangs glauben läßt. Danach verkuppeln sie das kleine Mädel an einen Kameraden, während der Verliebte auf einige Wochen abwesend ist. Das ist eine Handlungsweise, ganz würdig jener Damen, die Ehemänner verführen, um eine Ehescheidung herbeizuführen. Aber immerhin: wenn sich das Mädel verkuppeln läßt, bleibt es menschenverständlich, daß sie dem Liebhaber seine Thorheit zu Gemüt führen wollen— sei es auch durch eine grausame Gewaltkur. Aber Spaß— das Mädel läßt sich gar nicht verkuppeln. Hartleben läßt uns das einige Akte hin- durch glauben, um dann schließlich kalt lächelnd zn erklären, daß er uns genasführt hat. Das ist ein gewöhnliches Taschenspielerkimststück und nicht einmal ein schönes. Die Offiziere haben das Mädchen in die Wohnung eines Kameraden gebracht, haben ihr vorgelogen, daß ihr Liebhaber heimlich verlobt sei, und als sie darüber nach einem Weinkrampf ohnmächtig zusammenbricht— setzen sie sich, roh wie Zuhälter, an den Spieltisch und lassen das Gerücht in Umlauf kommen, daß sie in jener Nacht die Treue gebrochen habe. Das ist eine Gemeinheit, die— man nimmt uns das hoffentlich nicht übel— im Milieu des Offizierstands wirklich nicht so ohne weiteres begründet ist. Die beiden Vettern mögen noch hin- gehen— sie sind schließlich an der Sache direkt beteiligt. Daß aber ei» ganz unbeteiligter Offizier sich ohne triftigen Grund zur Haupt- rolle dieses Schurkenstreichs hergeben sollte— das lehnen wir höflich ab. Mit der Schuld des Mädchens fällt eigentlich das ganze Stück und sinkt zu einem bedauerlichen Irrtum herab. Wenn das Mädel unschuldig und gnt ist— warum hätte sich nicht ein Modus finden sollen, bei dem er Offizier und sie seine Geliebte bleiben könnte? Wie ihre Schuld eine erfundene Geschichte ist, so ist auch Hartlebcns Tragödie eine erfundene Geschichte. Wir haben eine kompliziert er- sonncne Theatcrintrigne vor uns, die sofort auseinander fällt, wenn man einen Stich auftrennt. Maschinenarbeit, sagt Frau Alving. Es sei mir gestattet, an Othello zu erinnern. Auch DeSdemona ist unschuldig, auch Othello befindet sich im Irrtum— aber dafür macht Shakespeare auch den Irrtum zur Tragödie. In dem Handel ztvischen Othello und Jago liegt die Tragödie. Daß jene große Natur von einem kalten Schurken betrogen und verraten werden konnte, der Irrtum einer leidenschaftlichen Seele— das eben ist die Tragödie. Hartleben macht nicht den Jrrtnn» des Offiziers zur Tragödie— er motiviert mit dem Irrtum eine ganz andre Tragödie, und das ist freilich ein etwas lufttges Fundament. Im Vordergrund der Darstellung standen R i t t n e r, B a s s e r« mann und Else Lehmann. Wir müssen uns heute leider mit dieser kurzen Bemerkung begnügen.— Erich Schlaikjer. Kleines Feuillekon. n. Giftige Ziegenmilch. Bekanntlich sind Gifte, besonders Pflanzengifte, nicht allen Tieren in gleicher Weife schädlich, sondern eine Tierart kann ohne Schaden Pflanzen gcni'.eszen, die andren Tieren Erkrankung oder gar den Tod bringen. Man hat z. B. die Beobachtung gemacht, daß die sonst so Harm- lose und bei uns als Sudpenkraut geschälte Petersilie bei Papageien schwere Vergiftung hervorruft. Ganz besonders gift- fest sind nun Ziegen, sie geniesten straflos Pflanzen, die dem Rind- dich schädlich sind. Diese Giftfestigkeit der Ziegen hat aber eine sehr bedenkliche Seite. Das Gist der von ihnen genossenen Pflanzen ge- langt nämlich sehr oft in die Ziegenmilch und wirkt dann auf Menschen, welche diese Milch trinken, gerade so. wie wenn sie das Gist direkt zu sich genommen hätten. Es kamen Fälle vor, in denen Menschen an Vergiftung durch Herbstzeitlose litten; man konnte sich gar nicht erklären, bei welcher Gelegcnbcit diese Leute Colchiknm zu sich genommen hätten, bis man endlich dahinter kam, daß Ziegen, deren Milch von den später Erkrankten getrunken war, ganz gemiit- kich Colchiknm gefressen hatte». Man sollte deshalb sehr vorsichtig sein bei der Auswahl des Futters, das man Ziegen zukommen läßt.— Musik. Seit 1. Oktober ist denn die ganze wilde Jagd der Konzerte mit ihren wohlbekannten Typen losgelassen. In jedem Herbst wird sie von den Entsetzensrnfen der Betroffenen begleitet; doch die all- jährlichen Drohivorte der zum Streiken geneigten Musikkritiker gehen bald in dem Alltagsgetriebe unter. Zum Teil mag hier ein gut Stück Mitleid spielen mit der Unzahl der kleinen Künstler, die Opfer über Opfer bringen, uni sich in Berlin mit dem nötigen Tribut an die Konzertagenturcn den für ein Wirken in der Provinz nötigen Effekt zu holen. Das sind keine Konzerte, die dem großen Publikum oder dem kleinen der Kenner etlvas Neues zn sagen, ja selbst nur den Genuß von Wertvollem überhaupt zu bieten pflegen. An solchen fehlt es, zumal im Verhältnis zur Größe Berlins, so sehr, daß in- mitten der Ueberzahl von Konzerten und zwar von teilweise recht guten Konzerten das unglaubliche Wort ansgernfen werden kann: »Es fehlt in Velin noch innner an genügend vielen guten Konzerten". Weniger nnglanblich ist das ebenfalls richtige Wort, daß es zn wenig Konzertsäle rein künstlerischer Art in Berlin giebt; hier ivürde Wagenden noch ein gutes Geschäft winken. Einstweilen kann man sich besonders freuen über die paar be- schcidcn-vornehmen Veranstaltungen, die abseits von dem gläsernen Gcsellschaftsglanz ihr stilles, echtcS Licht leuchten lassen. So die Abende des„Ausschusses zur Veranstaltung von Volks- aufführinigen", spcciell mit seinem Bestreben, die größeren Werke der Chor- Litteratur den Arbeitern zugänglich zn machen, lvofür zumal Herr Musikdirektor C. M e n g e w e i n seine Kräfte einsetzt; so andrerseits Konzerte für Kämniermusik, sofern sie sich bestreben, für diesen Zweig der Musik durch ein über Alt- gewohntes hinausgchcndcs Repertoire und durch eine nur dem Ganzen dienende künstlerische Spielart einzunehmen. In diesem Sinn hat»Iis nicht bald ein Konzert so viel Freude bereitet wie das vorgestrige der„Berliner K a in>n c r m u s i k- V e r- e i n i g u n g". Hier war namentlich die aus Klavier, Streichern und Bläsern zusammengesetzte Kannnermusik ver- treten. Es ist keine Uebcrtreibung, daß dabei ein Mozartschcs Werk als„Novität" bezeichnet war. Mozart bat gerade an solchen Kompositionen sehr vieles tvenig Gehörte von höchstem Wert produziert; sein Adagio und Rondo für Klavier, Flöte, Oboe, Bratsche, Cello und Baß war in dieser Wiedergabe ein erlesener Genuß. Noch mehr darf dieses Wort gelten von dem hier tvieder einmal gehörten Sextett Hümmels für Klavier, drei Bläser und drei(tiefere) Streicher. Ein Werk älteren Stils, von einer Erfindungskraft und Klaiigwirkung, wie nicht bald ein zweites! Die Reproduktion war, zumal Iva's das Jueinandcrspiel betrifft, so meisterhaft, daß der Wunsch nach kräftigerer Gestaltung und Accentuieruug und nach einer etivaS minderen Zurückhaltung einzelner Jiistriimeiitc gegenüber jenem schönen Eindriick nicht viel besagte. Wieder aber wurden wir gemahnt an die schwierige Rolle, die heutzutage die Holzblasinstrumente sowohl auderSwo, als auch hier neben dem moderneu Klavierklaug spielen; Flöte und Oboö waren größtenteils entschieden zu schwach. Das Wagnis einer doppelten Besetzung dieser Stimmen wäre nicht eben eine Willkür.— August 5klnghardtS Schilfliedcr nach Lenanschen Gedichten(op. 28) für Klavier, Oboe und Bratsche sind Lieder mit nur unterlegten Worten. Sic geben in sehr geschickter Weise die Stimmungen, sind aber ini allgemeinen— höchstens ausgenommen das fünfte— von einer trostlosen Armut der Erfindung und lasten dainit u»i so schwerer auf dem Zuhörer, als sie sich in eine red- selige Breite ergehen, wo eine pointierte Kürze wohl glücklich hin- liberhelfen würde. Die Seele dieser Kanimerniusik-Vereinigung scheint die Klavierspielerin Martha Hornig zn sein. Ihrem gediegenen Spiel— das später noch(am 3t). November) in einem eigenen Klavierabend zu hören sein wird— und ihrem anscheinend' ausschlaggebenden Verdienst um das Ganze gebührt mehr Anerkennung, als so mancher glänzenderen Effektarbeit.—' sz. Völkerkunde. — ll e b e r d a S Erscheinen der S l a v e n in Deutsch- l a n d sprach V i r ch o iv in der 31. Versammlung der deutschen 1.«n— anthropologischen Gesellschaft zn Halle. Fragt man, wie denn die Slave'n früher waren, so versucht man darauf auS der Betrachtung der Haut- und der Haarfarbe und der Beschaffen- heit der Schädel eine Antwort zu erhalten. Hierbei ergiebt sich nun folgendes: Je weiter tvir von Berlin aus südlich nach Sachsen und dem Erzgebirge zn gelangen. desto größer wird die Zahl der Brünetten und der Menschen mit dunklen, feurigen Augen, die bei den Südslaven, den Croaten und Serben heute vorherrschen. Diese Thatsache ist schon für das 12. Jahrhundert durch den Reisebericht eines arabischen Arztes belegt, der von Cordova nach Nord- dentschland reiste. Bei den Finnen besteht das umgekehrte Verhältnis. Die nördlichen Finnen und Lappen sind dunkel, während die Südfinnen blond sind. Auch bei den Slaven in Hinter- Pommern und Nordposen überwiegen die Blonden. Danach scheint der rein physische Standpunkt eine Klassifiziernng der Slaven und deren Abgrenzung nicht möglich zu machen, den» die Untersuchung der Schädel führt zn einem ähnlichen negativen Resultat. Der Referent faßte seine Darlegungen dahin zusammen, daß es kein einziges Merkmal gebe, auch nicht zwei, die ausreichend wären, um mit Bestimmtheit zu sagen, seit dieser Zeit sind die Slaven in diese» bestimmten Grenzen in Deutschland. Man muß vielmehr erst die Chronologie feststellen und dann die Stämme begrenzen. Die Untersuchung ergiebt. daß eine Aufeinanderfolge von Ein- Wanderungen anzunehmen ist. Von Cetinje bis nach Moskau sitzen die Slaven aber in zum Teil parallel, zuni Teil fächerartig angeordneten Zonen. An einzelnen Stellen nun sind diese Zonen durchbrockien worden. Ivie im hannoverschen Wendland, wo jetzt noch slavische Dörfer zwischen germanischen Distrikten vorkommen. Die Slaven sind vom Osten über die Elbe gekommen und haben Zeugnis dafür sind die Gräberfelder bei Naumburg— längs der Saale bei Halle einen Vorstoß bis an den Harz hin gemacht. Auch vom Fichtelgebirge sind sie in den Maingau und nach Mittelfranken und in zerstreuten Zügen»ach Schtvaben vorgedrungen. Noch heute ist die Verschiedenheit der Dorfaulagen beider Stämme deutlich er- kennbar. Dagegen hat Redner bisher nicht erkannt, was ein slavischer oder was ein germanischer Schädel ist. Es scheint zu einer Zeit schon eine Vennischung eingetreten zn sei», für die wir sonst keine» Anhalt besitzen.— Geographisches.; — Neue Nachrichten von Sven Hedin. Am 27. Juni befand sich der Reisende an dem Orte Abdal, der am Fluffe Tarim, nicht weit von der Stelle gelegen ist, wo dieser Fluß in der Wüste in einer Menge flacher Seebecken verschwindet, die alle zum System Lobnor gehören. Der Tarinifluß, den Hcdin als den größten im Innern Asiens bezeichnet, versieht alle einzelnen Seen dieses Systems mit Wasser und entleert auf diese Weise seine große Wasser« niasse. Der Ort Arghan, von Ivo Hedius vorletzter Brief vom IE. Juni abgesandt wurde, liegt auch am Tarim, aber etivas nördlicher. Hcdin hatte von da an mit seiner Fähre den Fluh und dessen nächste Umgebung untersucht. Der Fluß bildet aus dieser Strecke mehrere große,' höchst eigentümliche Seen, die alle kartiert wurden. Als er den Ort Tjeggelik- nj erreicht hatte, löst, sich der Fluß in eine Menge kleinerer Seen auf, die alle zu flack waren, als daß die Reise mit der Fähre hätte fortgesetzt Werder können. Dieses Fahrzeug, mit dem Hedin so viele Meilen auf den Flusse zurückgelegt und das ihm viele Anstrengungen erspart hatte, mußte er jetzt verlassen. Der Rest der Reise mußte auf eineni weniger tief gehenden Fahrzeuge vorgenommen werden, nämlich einer Art Pontonfahre, die aus drei zusammengebundenen KanoeS angefertigt wurde, worauf ein Deck augebracht und ein Filzzelt errichtet wurde. Um die engeren Verzweigungen des FlnffeS oder seine Zuflüsse zu untersuchen, wurde ein einzelnes Kanoe und ein kleines englisches Segelboot benutzt, das Hedin zu diesem Zweck mit« genommen hatte. In seinem letzten Schreiben berichtet Hedin Näheres über seinen Ausflug, den er Anfang März mit einem kleineren Teil der Karatvane vom Winterlager am Aangi- köl nach Nordosten zu bis zu dem südlichen Abhang der Bergkette Karrultag unternahm, und auf dem er ein früheres, jetzt aus- getrocknetes Flußbett des Tarim, Kum-darya, untersuchte. Hier in der Nähe entdeckte er auch den Boden eines großen, ausgetrockneten Sees, vielleicht den älteren Lobnor; dieser liegt östlich von dem jetzigen Lobnor oder richtiger von den vier Seen, die Hcdin im Jahre 1396 entdeckte. Der Sccboden war mit einer dicken Schicht Salz und mit Millionen von Muschelschalen bedeckt. An den Ufern tvarcn große Strecken mit vertrockneten Binsen und Rohr bedeckt. Ucberreste von abgestorbenen Wäldern, ausschließlich aus Pappeln bestehend, sowie zahlreiche Ruinen von Hänsern, Befestigungswerken, Tempeln, Herbergen, Wegpyramiden und Wachttllrmen, oft verziert mit knustvoNen Holzschnitzereien, fanden sich überall. Dies« Gegend will Hedin im Herbst sorgfältig untersuchen, und er verspricht sich hier eine interessante und reiche Ausbeute. Mitten in der Wüste fand Hedin auch einen großen neugebildeten See nüt Salzwasser, der von ihm genau untersucht wurde. Auf bisher un- bekannten Wegen ging Hcdin dann nach seinem Winterlager am Uangi-köl zurück. Während seines Aufenthalts in Abdal hatte er auch mehrere der Gesäuge aufgezeichnet, welche die Lobnorleute viele Generationen hindurch gesungen haben, wenn sie draußen auf Fischerei waren, die de» Hauptertverb der längs des Tarimflusses und an den Lobnorscen wohnenden Bevölkerung bildet. Am 28. Juni beabsichtigte Hedin südwärts zn reisen, um mit der Karatvane in den Hochthälcrn am Tjimentag zusammen zu treffen.— Physikalisches. ie. HttS der Welt der gewaltigsten elektrischen Ströme teilt Professor Trowbridge von der Harvard-Universität einiges Wunderbare im„Scientific American" mit. Das Phhsilalische Laboratorium dieser Hochschule verfügt gegenwärtig über die mächtigste Batterie elektrischer Eleniente, die irgendwo in der Welt zu finden ist. Sie besteht aus 20000 Accumulatorenzelle», und der von ihnen abgegebene elektrische Strom kann durch Umformung auf die im- gehenre Spannung von ü Millionen Volt gebracht werden. Mit solchen Strömen ist bisher überhaupt noch nie experimentiert worden. Professor Trowbridge versichert zwar, daß er die Spannung noch weiter er- höhen könne, aber es hat sich der merkwürdige Umstand heraus- gestellt, daß in einem geschlossenen Raum die Erhöhung der Spannung über drei Millionen Volt hinaus keine Verlängerung der Funken erzielt. Um die bisherigen Ergebnisse noch zu übertreffen, müßte der Apparat in freier Luft und wenigstens zehn Meter über dem Erdboden aufgestellt werden. Zur Erzeugung der Funken be- nutzt Trowbridge riesige Leydener Flaschen, die aus 300 mit Staniol belegten Glasplatten zusammengesetzt sind. Wenn ein solcher Apparat mit Elektricität nur bis zu 20 000 Volt Spannung geladen tvird, so erfolgt die Entladung in einer Reihe von Funken z» zwei Meter Länge, die längsten überhaupt erzeugten Funken hatten die Länge von über 3 Meter. Solche Funke» können schrw als künstliche Blitze von achtbarer Gewalt betrachtet werden, und Trowbridge hat zunächst versucht, einige Eigenschaften der natürlichen Blitze durch die Ver- suche mit diesen gelvaltigen Funken zu ermitteln. So Ivollte er wissen, ob eS einem Blitz'möglich wäre, durch ein ganz kleines Loch hindurch von einem Räume in den andren zu dringen, wenn beide durch eine GlaStvand voneinander getrennt wären. Zu diesem Zwecke bohrte er in eine große Glasplatte ein Loch, füllte es ganz mit Wachs aiis und durchbohrte dann das Wachs mit einer Nadel. Wenn er nun den starken elektrischen Funken auf die Glasplatte richtete, so schlug der elektrische Blitz in der That durch das winzige Loch aiif die andre Seite hindurch. War jedoch gar keine Oeffnimg in der Glasplatte vorhanden, so verbreitete sich die Elektricität auf deren einer Seite in ein leuchtendes Netzwerk kleinerer Blitze, während auf der andern Seite überhaupt kein Funken auf- trat. Trowbridge hat auch ein Mittel geftinden, die in de» Leydciicr Flasche» aufgespeicherte Elektricität bis zu ihrer ganzen Spannung auf einmal zu entladen, allerdings war dies, wie man sich denken kann, ein höchst gefährliches Wagnis, nicht nur wegen der gelvaltigen tlraftäußernng des auf einmal gelösten elektrischen Stroms, sondern auch wegen' der durch die Entladung verursachten Temperatur. Der Gelehrte hält es für wahrscheinlich, daß so ungeheure elektrische Entladungen in einem geschlossenen Raum die höchsten Tcinpcraturen hervorbringen, die bisher überhaupt jemals auf künstlichem Wege erzeugt worden sind. Ein ziemlich dicker Eiscndraht wird durch einen solche« Funken geradezu verbrannt. Ter wichtigste Fund von Trowbridge aber bezieht sich darauf, daß man mit einer derart»nächtigen Batterie Röntgen- Strahlen ans neuem Wege erzeugen kann. Bisher wurden die Röntgen-Strahlei« in der bekannten Glasröhre iimner nur durch eine» unterbrochenen elektrischen Strom hervorgebracht, während Trowbridge sie zum erstenmal in größter Stärke durch einen gleich- mäßigen elektrischen Strom erhalten hat. Allerdings waren dazu so außerordenlliche Mittel notwendig, wie sie eben bisher nur jenes amerikanische Laboratorium rnit seinem Strom von mehreren Millioneil Volt zur Verfügung hat.— Geologisches. — Die Wärmetiefenstufen im r h e i n i s ch- w e st- fnlischen Kohlenbecken. Dein„Prometheus" tvird ge- schrieben: Eine hochwichtige Thatsache, die von allen geologischen Theorien respektiert iverdei» muß, ist die allerwärtS vorhandene Zu- nähme der Wärine nach dem Erdinncrn zu, d. h. von einer der Oberfläche naheliegenden Zone konstanter oder neutraler Wärine ab. Die Tiefcnlage dieser neutralen Wännczonc hat man bislang nur in sehr seltciien Fällen durch besondere Beobachtungen zu be- stimme» gesucht,»na» folgt vielmehr gewöhnlich älteren Angaben und rechnet ihr im allgemeinen 2S Meter zu. Von hier ans nimmt also die Wärme nach der Tiefe stetig zu, und bezeichnet man diejenige(m Maßeinheiten ausgedrückte) Tiefenzunahme als eine Tiefenstufe, in welcher die Gesteinstemperatur um 1 Grad Celsius wächst. So läßt sich für jedes Ticfvohrloch und jeden Grubenbau aus der erreichten Tiefe und der dort vorgcfnndenen Gesteinstenipcratnr die durchschnittliche Größe der Tiefenstnfe be- rechnen und es wurden für sie z. B. gefunden in dem '1273 Meter tiefen Bohrloch von Sperenberg.. 32,00 Meter 1743.... Schladebach.. 36,37„ 2003,5„„„, Parnschowitz.. 34,10, Schon diese Zahlen lehre», daß die Tiefcnstnfcn an ver- schiedcnen Orten sehr von einander abweichende Werte besitzen; im allgemeiue» rechnet man die Ticfenstufe zu 33 Meter. Als Ursachen der beobachteten örtlichen Ungleichheiten gelten hauptsächlich die Einwirkungen abkühlender oder erwärmender Wasseradern und Gasströine auf die Gesteine oder die von innerhalb der Schicktstnfen verlaufenden chemischen Umsetzungen; letztere darf nian besonders in auS organischem Materiale entstandenen Schichten voraussetzen, Verantwortlicher Redarleur: Heinrich Wetzl« w Grvv-B nämlich im Kohlengebirge. Für die Gewinnung der Kohlen hat aber gerade die Kenntnis der Wärmesiefenstufe einen sehr großen praktischen Wert, denn da wir beabsichtigen, den Kohlenbergbau bis zu Tiefen von 1500 oder gar 2000 Meter auszudehnen, fragt es sich, ob es dort trotz der Zuhilfenahme abkühlender Luftströme dem Men- scheu zu arbeiten möglich sein ivird. Wohl schon aus dieser Rücksicht ist eine große Anzahl rheinisch- westfälischer Kohlenzeche» dem Wunsche des Bergassessors Kette nachgekommen und hat in den letztvergangcnei, Jahren möglichst eimvandsfreie Temperaturmessungen ausführen lassen; nicht in die Kohle selbst, sondern in die ihr vergesellschafteten Sandsteine>md Schiefer; soweit solche nicht schon lange Zeit der Einwirkung des Wetterzugs ausgesetzt waren, wurden die Thermometer zwei Meter tief hineingebracht. Aus den znsannnengcstcllten Bcobachsinigen folgert nun Kette(in, Essener„Glückauf"), daß die Zechen des Ruhr- kohlenbeckens unter normalen Verhältnissen mit einem Anwachsen der Gebirgswärme von 1 Grad Celsius auf durchschnittlich je 28 Meter zu rechnen haben; bei solcher Wärmezunahme liegt also die Gcsteinsteinperatur von 60 Grad schon bei etwa 1170 Meter Tiefe. Die Größe der Tiefenstnfe ist aber auch innerhalb dieses beschränkten Gebiets nicht überall die gleiche, sondern wird ersichtlich durch das Lagcrnngsverhalten(Schichtcnentfalten und Ueberschiebungen) beeinflußt und ist wahrscheinlich mich, ohne daß dies jedoch sicher zu enuittelu gewesen wäre, von der Art der vom Kohlengebirge um» schlvssencn Kohlen, ob Mager- oder gasreichere Kohle», abhängig; ferner ist der Ilmstand von Wichsigkeit(allerdings nicht von so großer, als man in gewissen Lireisen annimmt), ob die Schichten des Kuhlen- gebirgs bis zu Tage streichen oder von der Oberfläche durch ans- gelagertes Deckgebirge(ans Kreidestnfc») getrennt werden; wenigstens meint Kette, daß für diejenigen Kohlengruben, die unter sehr mächtigem Deckgebirge bauen müssen, eine noch etwas schnellere Tempcratnrzunahnie nach der Tiefe, in Wärmcstnfeu von vielleicht nur 26 Meter, zu erwarten sei.— Humoristisches. — 23ie man e s ansieht. Optimist:.Sag' was Du willst: die Ehe ist«nd bleibt eine der hervorragendste» Einrichtungen in der Weltordmmg." P e s s i m i st:„Natürlich I Sie giebt zwei Leuten Gelegenheit. sich gegenseitig als die Ursache ihres Unglücks zu bezeichnen."— — Eine neue Gattring.„Ei, ei,— wer ist denn die reizende junge Dame, die Sie da eben geküßt haben?" „Das— das ist meine Knfsinc."— — Heiratsgesuch. Ein flotter, vorwärtsslrebender junger Man», der bereits 60 000 Kilometer zurückgelegt hat, sucht eine Lebens- und Tonrengeflihrtin mit ebenso viel Mark.— („Jugend.") Notiz««. — Angekündigte Bücher. Im„Litt/ Echo" lesen wir: Wilhelm von Polenz hat einen neuen Roman Vollender („Liebe ist elvig"), der im Winter erscheint.— Ein zweibändiger Roman von Klara V i c b i g,„Das tägliche Brot", wird im No- vember als Buch vorliegen.— Nicolaus Krauß arbeitet an einen, Roman-Cyklus, der den Titel„Heimat" führt und in drei Teile zerfällt:„Land",„Wald"»nd„Stadt". Der erste Teil ist unter dem Titel„Lene" bereits erschienen; die Ausgabe des„Wald"- Romans unter dem Titel„Der Förster von Konradsreuth" steht unmittelbar bevor; der Schlußband wird voransjichilich im nächsten Jahre folgen.— — Der bisherige englische Marincminister Goschen will sich nach seinem Rücktritt' von, Amte l it t e r a r i s ch e» Arbeiten widmen. Er wird die Korrespondenz, die sein Großvater, der be- rühmte dentsche Verleger Göschen in Leipzig, mit litterarischen»nd politische»» Größen in allen Teilen Europas»nitcrhielt, zilsamnic», mit einer Biographie seines Großvaters veröffentlichen.— — Im Münch euer Schanspielhanse scheint Hartlebens „ R o s e iun o„ t a g" keine besonders gute Anfnahnie geftinden zu haben.— — Hermann V a h r' s neues Stück„DieWiencrinne n", da" am Mittivoch im Wiener Volksthcaicr zum erstenmal gegeben wurde, brachte es nur zu einem geteilte»» Erfolg.— — Georg S ch» m an», der in den letzten Jahre» die Philharmonische» Chor- und Orchesterkonzcrte in Bremen leitete, wurde zum Direktor der Singakademie gewählt.— — Der Berliner Bildhauer Hugo R h c i n h o l d ist gestorben, Die Nationalgalcric besitzt eine Plastik von ihm:„An, Wege".— — Den, Leipziger Museum für Völkerkunde hat Dr. Rlphons Ssiibcl iii Dresden rund 10 000 Gesteinprobe» aus den viilkaniichen Gebieten Südamerikas, darunter aus 40 Vulkanen Ecuadors, überlviesen.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am So», mag. den 7. Oktober. tchterfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berti,».