Nnterhaltungsblall des'Vorwärts Nr. 195. Dienstag, den 9� Oktober 1900 (Nachdruck verboten.) 6] Ankev ZVolKen. R o nr a n von Kurt A r a m. Kam da nicht schon wieder jemand? Man stand still, lauschte, starrte angestrengt in den Dunst. Es mußte aber tuohl nichts gewesen sein. Vorsichtig tastet nian sich voran. Dabei reißt man die Augen möglichst auf. ob man so nicht doch vielleicht etwas erkennen kann. Aber es nützt nichts. Die Augen beginnen nur zu thränen in dem naßkalten Dunst. Unwillkürlich schaut man über sich, als müßte doch von da etwas Licht kommen. Aber da ist es gerade so milchig, grau- weiß wie vorn und rückwärts, rechts und links. Man vergißt, daß da drüben Berge sind, daß dort Häuser sein müssen, da oben Wolken und hier rechts Wiesen. Es ist alles wie von einem schmutzigen Schwamni fortgewischt. Frau Magda öffnete ein Fenster. Sofort kroch der übel- riechende Nebel in dicken Schwaden in das Zimmer. Sie schloß es schnell wieder. Nur der Fluß ließ sich nicht stören. Man hörte ihn auch durch den Dunst. Auch drüben das Eisenwerk nicht. Aber alle Geräusche hatten etwas Gedämpftes und zugleich Schweres, als kämen sie von weit her und aus irgend einer Gefahr. Magda versuchte immer wieder, cttvas Bestimmtes zu erkennen da draußen, aber es gelang nicht. Als hätte man dickbeschlagene Brillengläser vor den Augen und wollte lesen. Endlich setzte sie sich, das Gesicht ins Zimmer gerichtet. Sonst war es nicht zum aushalten. In vierzehn Tagen würde ihr Geburtstag sein. Wieder einmal l Sie dachte sonst nie daran, weil sie fürchtete, ganz zu verzweifeln, wenn sie es sich so recht deutlich niachte, daß dies Leben noch zwanzig, dreißig Jahre so weiter gehen könnte. Aber heute mußte sie daran denken. Sah nicht ihr Lebenaus wie der Nebel ringsum? Plötzlich... was war das?... Sie erschrak heftig. Hatte nicht jemand laut geschrieen?... Da hinten im Nebel?... Oder war es nur eine Katze, die miaute?... Man konnte ja nichts sehen. Da draußen konnte im Augenblick geschehen, was wollte, niemand würde etwas Bestimmtes darüber sagen können. Wie unheinilich das war. Ging jetzt nicht jemand vorbei? Sie mußte wieder den Atem abhalten. Aber sie konnte es ja doch nicht erfahren. Auch war es Ivohl eine Täuschung. Doch, jetzt trat jemand in das Haus. Es war ihr Mann. Er brachte ein Telegramm, daß der „Federfuchser" morgen abend kommen würde. „Wie heißt er eigentlich?" „Gerade kein italienischer Name. Dr. Schäfer." „Ach so," sagte sie enttäuscht. Dr. Schäfer, das war gerade so unbestimmt und nichtssagend wie der Nebel, wie alles. Sie seufzte. „Was hast Du denn?" „Dieser entsetzliche Nebel! Er legt sich wie Blei ans alles!" „Ein Schweiucwettcr," fiel er sofort ein.„Ein Dreck und eine Schmiere! Unglaublich. Sei froh, daß Du hier so ge- mütlich sitzen kannst. Vorhin wollt ich ausreiten, aber der Gaul rührte sich nicht von der Stelle. Er schnubberte nur in die Luft, er hatte förmlich Angst, das dumme, nervöse Biest!" „Wie wird es denn da heute nachmittag?" fragte sie. „Wie?" Er dachte offenbar nicht gleich daran. „Werden wir überhaupt in die Stadt können?" Er lachte laut:„Aha. da hättest Du ja schon die Ausrede. Aber sie gilt nicht/ Bis Mittag ist's mit dem Nebel vorbei. Ich kenne das, hab's oft genug mitgemacht." So. wurde es auch. Gegen Mittag zerfloß der Nebel und hinterließ nur. eiue dicke, feuchte Luft, die viel zu warm war für die Jahreszeit und die Gegend. Als um halb sechs der Wagen angespannt war, dunkelte es schon sehr. Durch das Dorf nmßtc langsam, Schritt gefahren werden, weil ein dicker, zäher Schlamm auf der Straße lag, der unter den Wagenrädern sich dehnte und stöhnte. Bei schnellerem Fahren wäre alles über und über mit Schlamin bedeckt worden. Die Pferde glitten aus und schnauften aufgeregt. Ihnen behagte das auch nicht. Endlich war man auf der Chaussee. Nun ging es etivas Keffer. Am liebsten wären die Pferde galoppiert, um möglichst schnell aus dem Schniutz zu kommen, aber sie durften nicht. sie wurden zu einem langsamen Trab angehalten. Sonst hätte der Kutscher zwei Tage an dem neuen Wagen reinigen können. Dafür dankte er bestens. Links lagen die kleinen Acckcr, Kartoffel- und Gemüse- äckcr, die meist die Arbeiterfrauen allein bearbeiteten. Etwas anders wurde kaum noch gezogen. Sonst sah man nur Wiesen, die bis an die Berge gingen, die finster an ihnen entlang standen. In gerader Linie lief der Fluß zu Thal. In ebenso geraden Linien neben ihm die Eisenbahnschienen. Parallel dazu die Chaussee. Wer es zum erstenmal sah, mußte laut gähnen. Die Chaussee ging unmittelbar an den Bergen her, die rechts von ihr sich steil in die Höhe hoben. Einer dicht am andren, einer wie der andre, daß es auch nicht die geringste Abwechselung gab. Die kleinen Berge auf dieser Thalseite sahen so schablonen» hast aus, als kämen sie aus der Fabrik und nicht aus der Hand der Natur. Wie die Mlometcrsteine, wie die Basalt- Haufen an der Chaussee, gerade so akkurat, langweilig, ordent» lich saßen die kleinen Berge neben einander. Die Forstbchörde hatte noch das Ihre zur allgemeinen Verlangweiluiig beigetragen. Buchen standen in Reih und Glied an den Bergen i» die Höhe. Jeder Stamm hielt genau Richtung. Keiner wagte sich auch nur einen Schritt vor oder zurück. Es war wie beim Militär. Der Wald ge- hörte natürlich dem Fiskus. Selbst die Abwechselung, die auch der begabteste Unter- offizier nicht verhindern kann,»venn er es wohl auch gerne möchte, daß nämlich der eine Mann seiner Compagnie größer oder kleines dicker oder dünner ist als der andre, selbst diese Abwechselung gab es hier nicht. Ein Baum war genau so groß und dick wie der andre. Darüber wurde ängstlich gewacht. Das war ja gerade des Oberförsters Stolz. Er führte seine Vorgesetzten inuner bald diese Chaussee. Sie lobten ihn dann auch sehr, wenn auch ein wenig unter Gähnen. Alles war noch gleichmäßig, grauschnmtzig überzogen von dem toten Grau des sterbenden Herbsttags. Kein Wunder, daß die Beiden im Wage»» schiviegen, bis sie zum Städtchen kamen. Das Städtchen lag am Fuß eines der kleinen Berge und teilweise auch au ihm in die Höhe. Es war schon sehr alt. Die es augelegt, hatten noch Geschmack gehabt, der ja damals nicht selten war. Die Er- bauer hatten gethan, was sie konnten. Oben auf dem Berg saß die alte Kirche und das alte Schloß. Niederwärts viele, schmalbrüstige Häuser, aber mit verwegenen Giebeln, bei denen jeder seinem persönlicheil Geschmack Rechnung getragen, ohne sich lange um den Nachbar zu kümmern; was sehr hübsch aussah, wenn man von oben hinunterblickte. Dicht am Berge her als Fortsetzung der Chaussee die Hauptstraße, sehr schmal und dunkel durch die verivegenen Giebel, aber originell und traulich. Selbst das Pflaster bot reichlich Abwechslung durch viele unfreiwillige Erhöhungen und Vertiefungen, so daß alles Schritt fahren mußte, ob es wollte oder nicht, und die Tafeln zu Eingang und Ausgang der Hauptstraße ganz überflüffig waren mit ihrem: Achtung l Schritt fahren I In dieser Straße lvohnten vor allem die Händler, Krämer und Handwerker des' Städtchens. Jeder hatte noch sein eigenes Haus, wenn es nuch meist in jedem der drei -Stockwerke nur ein, höchstens zwei Zinmier gab. Den ganzen Tag standen»latürlich alle Thüren offen, auch bei den an- rüchigsten Gewerbetreibenden wie Schuster, Metzger und Käse- Händler. Das brachte ein recht artiges Geruchspotpourri zu Wege. Dem Bürgenneister, der nicht zu den Honoratioren ge- hörte, sondern sich nur„raufgeschrieben" hatte, war es sehr — 7' cnipfmdlich. daß seine Stadt feine„schönere" Hauptstraße besaß. Sein Ehrgeiz ruhte nicht eher, als bis es auch hier nach berühmten Mustern eine Ringstraße gab. Da die Bürger frei gesinnt waren, tauften sie diese Straße, trotzdem sie in dem Jahr angelegt wurde, da Bismarck das Wort von den Deutschen sprach, die nur Gott fürchten, nicht Bismarck- straße oder Bismarckring, sondern Friedensringstraße, 1870 zu lieb. So weit war das ja ganz gut. Aber der Bürgermeister war auch ein moderner Mensch, der mit seiner Zeit fortschritt, und seine Stadtverordneten nicht minder. So muß es denn eine moderne Straße werden. Zu- gleich aber sollte das Geld dafür auch hübsch in der Stadt bleiben. Ein„Hiesiger" entwarf also den Stratzenplan und durfte ihn dann auch ausführen.„Hiesige" Maurermeister bauten die Häuser, überhaupt lauter„Hiesige" waren thätig. So wurde denn alles modern und nach dem„hiesigen" Geschmack zugleich. Statt auf die alten Häuser, ihre Bauart, ihr Material Rücksicht zu nehmen, ging man hochmodern vor und baute die langweiligsten Steinkasten. Eins wie das andre, alle nach ein und demselben Riß, denn so war es billiger und schöner. Zweistöckig, so und so viel Fenster vorn, auf den Seiten und rückwärts, und so und so viel Quadratmeter Vorder- und Rückgarten für jedes einzelne. So wurde dem alten, schönen Städtchen, bei dem die Voreltern, Sonne, Wind und Regen das Ihre gethan, um etwas Ansehbares daraus zu machen, ein backsteinern, hell- grau Mäntelcheu umgehängt, genannt Friedensringstraße, Friedensstraße, Friedensring oder ganz kurz und vornehm „Ring". Seitdem sah das Städtchen aus wie eine alte, würdige Bürgersfran, die sich ein hellgraues, modernes Jackett unigehängt hat, aber von einem Dorfschneider fabriziert. (Fortsetzung folgt.) Ausdehnung und Susuurmruhang dev dcuthlheu Skeinlrohleu � Felder. (Nach dem auf der 72. Naturforscher- Versaniniluug in Aachen von Prof. Holzapfel gehaltenen Vortrag.) Der Reichtum und die Macht ciucS Landes find heute nicht von seiner Landwirtschaft, sondern in erster Linie von seiner Industrie abhängig; diese wiederum ist eng mit dem Reübtnm an Kohle und Eisen verbunden, und zwar mehr noch mit der Kohle als mit dem Eisen. Um eine Tonne Eisen herzustellen, ivcrdcn etwa zwei Tonnen Eisenerze und drei Tonnen Kohle verbraucht i daher wandern die Eisenerze heutzutage zu den Kohlen, nicht umgekehrt. Deshalb beherrscht die Kohle die Industrie. Schwarze Diamanten hat nian die Stein- kohle genannt: in diesem Vergleich liegt aber jedenfalls eine Ueber- schätzung der Diamanten, die in wirtschaftlicher Beziehung von einein ganz minimalen Werte sind. Deutschland gehört zu den kohlciireichsten Ländern der Erde; in Europa tvird es imr von England übcrtroffen, das seine führende Stellung in den letzten Jahren an die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika abgegeben hat. Bei der Bildung der Steinkohlen scheinen specifische Bakterien eine große Rolle gespielt zu haben. Heute treffen wir nirgends Verhältnisse an, unter denen sich ausgedehnte Kohlenlager bilden können. Wollen wir daher die Bildung der Kohlenflöze erklären, so müssen wir in ihnen selbst nach Fingerzeigen suchen. Die sorgfältigsten Beobachtungen haben nun ergeben, daß die Kohlen nichts andres sind, als veränderte Pflanzen, deren Struktur sich noch deutlich unter dem Mikroskop erkennen läßt. Und zwar sind sie aus Landpflanzen entstanden, die im Boden wurzeln; die Gesteine, auf welchen sie ruhen, sind vom Land abgeschwemmte Massen; die tierischen Reste, die in ihnen gefunden werden, bestehen entweder ans luftatmcnden Landbewohnern, wie Schnecke», Lurche, Insekten, oder aus kiemen-atmenden Sumpf- bewohnern, wie Muscheln, Fische, Krebse. Eigentliche Meerestiere fehlen vollständig. Ein flacher, weit ausgedehnter Landsaum mit zahlreichen Lagunen muß daher der Schauplatz der Kohlenbildung geivesen sein. Auch herrscht über diesen Punkt eine ganz allgemeine Ueber- einstimmung. Der Ziveifel und Zwiespalt tritt erst bei der Frage auf, unter welchen besonderen Bedingungen das Material für die Kohlen abgelagert worden ist. Zwei Ansichten stehen sich hier einander schroff gegenüber: Nach der einen befinden sich die Kohlenlager an den Stellen, wo auch die Pflanzen, aus denen sie entstanden, gelvachscn sind, sie haben also autochthonen Ursprung, nach der andern Ansicht sind sie aus zusammengeschwemmten Pflanzen ent- 8— standen, sie hätten also a l I o ch t h o n e n Ursprung. Wie den, auch sei, jedenfalls müssen überall, wo sich Kohlen bildeten, ganz eigen- artige Bedingungen geherrscht haben, und es ist sehr merkwürdig, daß diese Bedingungen in allgemeiner Verbreitung nur einmal auf der Erde eingetreten sind. Abgesehen von einigen kleineren Stellen sind sämtliche Kohlenlager ans der Erde gleich alt. Das Alter selbst können wir freilich nach nnsren gewöhnlichen Zeitbestiinmnngen nicht messen. Der Kohlcnpcriode vorher geht die sogenannte devonische Formation. Da sehen wir fast das ganze heutige Europa vom Meere bedeckt. Landtiere finden wir in den Gesteinen dieser Periode gar nicht, ebenso wenig Süßwaffertiere. Aber das ändert sich alles in der Steinkohlenzcit. Auf weiten Strecken steigt das Land aus den, Meere auf und es bildet sich eine große eigentümliche Flora. In Europa entstanden gegen das Ende der devonischen Periode zwei gewaltige Kettengebirge, von deren äußerer Form heute nichts mehr zu erkennen ist. Das Meer hat die Ketten abgelvaschcn, so daß nur ein Plateau übrig geblieben ist. Wir sehen von de», alten Hochgebirge»ur noch einige Schollen wie Inseln hervor- ragen. Die eine der beiden Ketten bestand ans de», rheinischen Schiefer- gebirge, de», Schwnrzwald, den Vogesen, weiter gehörte der Spessart, der Harz, kleine Teile des Thüringer Gebirges dazu, sowie das Erz- gebirge und das ganze System der Sudeten; die Karpathen bilden bereits den Anfang der Alpen, unter denen aber vielleicht auch Teile jener alten Kette liegen, deren höchste Spitzen in den Vogesen und im sächsischen Vogtland vermutet werden. Zu diesem Gebirge nun stehen unsre Kohlcngebiete in engster Beziehung. Viele der vorhandenen Kohlenbecken sind nur ,»,- bedeutend; bei einigen lohnt der Abbau der Flöze überhaupt nicht, andre haben nur lokale Bedeutung. Die bedeutenden Becken ge- hören sämtlich der zweiten Hälfte der karbonische» Zeit(Stein- kohlenzeit) an. Doch hat die Erforschung der kleineren gerade für die Erklärung eine große Bedeutung gewoimen. Die Steinkohlen führenden Schichten liegen da ungleichförmig anf älterem Gestein auf; zu», Beispiel die Becken in den Vogesen und in Baden gehören dahin. Auck die sächsischen Becken. wie die von Chemnitz und Zwickau sind wichtig in dieser Beziehung; auch das niederschlesischc Kohlensystcm liegi ersichtlich in den Falten jenes alten Gebirges. Bei allen diesen Becken, in denen die Steinkohlen von einer mächtigen Decke jüngeren Gesteins bedeckt sind, ist die Ans- dehnung gering und durch die Umgrenzmig mit alte», Gestein gegeben. Die Kohlen lagern hier ungleichförmig auf ihrer Unterlage und zeigen niemals Reste von Meerestieren, wohl aber solche von Süßwasser« tieren. Diese Kohlen bildeten sich also in abflußlosen und deshalb sce« beckcnartigcn Gebieten zu jener Zeit, als die Faltungen, aus denen jenes Gebirge entstand, stattfanden. Einige weitere Kohlenbecken treten nicht in Berührung mit dem älteren Gestein; das sind die Becken von Wettin und Saarbrücken. Bei beiden ist die Unterlage nicht bekannt. Auch bei ihnen fehlen Reste von Meerestieren, wohl aber sind Land- und Süßwaffertiere vorhanden. Auch die Kohlen dieser Becken, die ebenfalls innerhalb jenes Gebirgslands liegen, sind also aus Binnenseen entstanden. Unsre bedeutendsten Kohlcngebiete sind das oberschlesische und das rbcinisch-wcstfälische. Beide zeigen gegenüber den andren sehr wesentliche Unterschiede, namentlich ist der Umstand bemerkenswert, daß in den tieferen Partien McercStiere auftreten, in den oberen dagegen finden wir wieder Sumpf- und Süßwaffertiere. Hier be- gann also die Kohlenbildnng bereits zu einer Zeit, als das Meer noch Zutritt hatte; später dagegen wurde der Zugang znin Meere abgeschnitten. In, oberschlesischen Gebiet hat sich die merkwürdige Thatsache ergeben, daß die Reste der Meercsbcwohner in dünnen Lagen von Land- und Sumpftieren bedeckt Ivcrden, und zwar wiederholt sich das mehrmals hinter einander. Das Meer- Wasser hat also mehrmals Zutritt gefunden und ist immer wieder abgesperrt worden, bis schließlich eine dauenide Absperrung statt- gcfttiiden hat. Merkwürdig ist der Umstand, daß die schließlichc und dauernde Absperrung vom Meere in beiden Gebieten nicht gleich- zeitig vor sich gegangen ist; in Westfalen war die Verbindung mit den, Meere länger offen als in Oberschlesien. Durch welche Vorgänge diese Scheidung der Kohlengebiete vom Meere bewirkt wurde, können wir mit Sicherheit nicht angeben, und doch hängt gerade davon die Entscheidung über die Ausdehnnng und Begrenzung dieser Gebiete ab. Im westfälischen Kohlengebiet ruhen die Stein- kohlen gleichmäßig auf ihrer Unterlage. Nach Norden steigt die Mächtigleit der Flöze, bei Dortmund haben wir bereits eine Dicke von 400 Meter, und weiter nach Norden werden die Flöze noch mächtiger. An zwei Stellen im Nordosten des Teutoburger Walds treten sie an die Oberfläche, weiter hinauf tauchen sie dagegen wieder unter dieselbe hinab. Dieses Becken des Münsterlands steht, wie man wohl annehmen darf, mit den, westfälischen in Zusammenhang. Nach Westen hin senkt sich das Kohlengebirge und zieht unter dem Rhein nach dem andren Ufer hin- über; bei Aachen tritt es wieder z» Tage und hat hier die Ver- anlasimig zu dem ältesten Steinkohlenabbau in Deutschland gegeben. Schon lange hat man versucht, durch Bohrungen festzustellen, ob ein Zusammhang zwischen dem Aachener und dem Ruhr- Kohlengebiet besteht. Da das Aachener Becken sich»ach Norden und Nordosten weiter erstreckt, so kann man einen solchen Zusammenhang, eine Verbindung zwischen den Aachener und den Ruhrkohlen. wohl mit Sicherheit annehmen. Die nördliche Begrenzung des Aachener 83fcfcii§ ist unbclmmt; gebt man dagegen nach Westen wcilcr, so wird air der Maas wohl der Nordrand der Kohlen geiroffen. Nach Siidlvestcn zn werden die Aachener Kohlen, also bei Liitlich, Nanmr nnd tief bis in das französische Deparienient Pas de Calais hineiir fortgesetzt. Nach Norden z» erscheint hier altes Gestein bis nach Ostende hin den Untergrund bildend. Ucber- blickt man dieses ganze znsammenhängende Kohlengebict, so erkennt nian deutlich, ivie hier in das Gebiet jenes alten Kettengebirges ein ungeheurer Meerbusen sich hinein erstrecktes' in welchem die Kohlen sich bildeten. Aber in den oberen Schichten der Kohlen finden wir auch hier wieder nur Süsiwassertiere; der Meerbusen muß also später boin Meere abgesperrt ivordcn sein. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Obcrschlcsien. Allerdings lehneil sich hier die Kohlemunlden nicht uinnittelbar an den Rand der Sudeten an, sondern liegen weiter hinaus im vorgelagerten Lande. An der Oberfläche zeigen sich die Kohlen mehrfach unterbrochen; in der Tiefe dagegen hat man überall durch Bohrungen einen Znsammenhailg nachweisen können. Freilich sind solche Boh- rnngen anhcrordcntlich kostspielig nnd werden daher nur mit großer Vorsicht borgenommen. Eine üble Folge dieses Unistands ist, daß wir von der Begrenzung dieses Gebiets noch gar nichts wissen. Gehen wir aber lvcitcr nach dem polnischen Mittelgebirge, so finden wir auch da Schichten, die offenbar dem System jenes alten Ketten- gebirgs angcbörc». Es zeigt sich also, daß auch das ganze ober- schlesische Kvhlengebiet in einer weiten Bucht jenes Gebirgssysteins liegt: auch diese Kohlen habe« sich in einem Meerbusen gebildet, der später vom Meere getrennt wurde. Zn gclvissen Zeiten mögen diese weiten Buchten eine starke Achnlichkeit mit den Haffs unsrer Ostsee gehabt baben. Fassen ivir also zusammen, so sehen wir nach der Debonzeit geivaltige Bewegnngcn der Erdrinde vor sich gehen, und allmählich erheben sich gewaltige Landm äffen. Daß dieses nur sehr allmählich geschah, erkeinicil wir daraus, daß wir in den unteren Schichten überall Mmestiere antreffen. Auch war die Erhebung nicht ganz gleichförmig; so geschah sie im Osten früher als im Westen. Während der Karboiizeit wirkte die gcbirgsbildcnde Kraft immer weiter. Im Lmier» der Gebirge entstanden nun große abflußlose Becken; zu- nächst bildeten sich zlvei geivaltige Meerbusen, einer im Osten, einer im Westen. An de» Rändern derselbe» entstand eine mächtige, wenn auch nicht sehr reichhaltige Flora und Fauna. Allmählich Ivnrden diese Buchten vom Meere abgetrennt; vielleicht geschah das lediglich durch die vom Lande angeschwemmten Massen wodurch auch das mehrfache Wiederhcreinbrcchcn des Meers ver- ständlich würde. Jedenfalls vollzog sich schließlich eine dauernde Trennung vom Meer, und die zu Binnenseen gewordenen Becken wurden allmählich ausgefüllt. Unterdessen ging die Gebirgsbildnng stetig weiter, und zwar finden wir die Schichten im westlichen Gebiet stärker gefaltet als in, östlichen. Neben den Hebungen müssen wir in dieser Zeit auch Senkungen an- nehmen. Wenn wir die Steinkohlen zwischen Schichten von mehreren tausend Metern finden, so ist das ohne Senkung nicht möglich; denn die Kohle jedes Flözes muß einmal den Boden ge- bildet haben, ans den» ehemals die Flora blühte und gedieh, welche heute die Kohle bildet.» Von einem eigentlichen Zusammenhang unsrer Kohlenbecken kann also gar keine Rede sein. Die kleineren Becken sind überhaupt nur lokaler Natur. Aber auch unsre beiden hauptsächlichsten Kohlen- decken, das oberschlesische und das westfälische, zeigen sich voll- ständig vom Meere getrennt und in Binnengewässern gebildet, und eine Verbindung zwischen ihnen wird man nicht annehmen können. Nach Ablauf der Karboiizeit war die Gebirgs- bildnng beendet, und nnr das Wasser mit seiner niemals rastenden Wirkung arbeitete emsig weiter. Es traten'Senknngen ein. und jüngere Gesteine lagerten sich über die Kohlen. Die Geologie allein kann die Dicke dieser auflagernden Schichten und die der Kohlenflöze nicht angeben; vielmehr ist die Wissenschaft hier auf die thätige Hilfe der Industrie nnd der Technik angewiesen. Die Industrie allein verfügt über die großen Mittel, welche zu den Bohrungen, die allein über diese Fragen entscheiden können, erforderlich sind. Deshalb wissen wir, trotzdem bereits Millionen für Bohrungen ausgegeben sind, über die wirkliche Ausdehnung unsrer beiden große» Kohlenbecken noch gar nichts. Nur das können wir bereits mit voller Sicherheit behaupten, daß sie viel lvcitcr reichen, als wir heute wissen. In einigen Gebieten mögen die Kohlen viel tiefer liegen, als wir überhaupt mit nnsren heutigen Bohrungen zu kommen im stände sind, in«ndren Gebieten wieder mögen sie un- erivartet hoch liegen. Solveit die Kohlcnvorräte bis jetzt bekannt sind, reichen die westfälischen Kohlen für mindestens 200 Jahre ans, ivobei der gesteigerte Bedarf bereits in Rechnung gestellt ist. Die Gesamtzahl und Mächtigkeit der oberschlesischen Kohlenflöze ist ebenso wenig be- kannt, wie die der westfälischen; doch das kann man mit Sicherheit behaupten, daß Oberschlcsien Westfalen nicht nachsteht, sondern eher noch überragt. So ist denn für absehbare Zeit, auf Jahrhunderte dinaus, der Bedarf an Kohlen für Deutschland ein völlig gesicherter. Wir haben also noch eine lange Zeit vor uns, um zu lernen, wie ivir uns von der Kohle unabhängig machen.— Lt. Kleines �emllekott. — Vom Thcaterdircktor Tanucnbcrg erzählt jetzt auch der alte Schuttes in der„Gegemvart". Einmal kam Schnltcs zn» sannucn niit dem berühmten H. Marr an der„Schmiere" des Hain» burger Theaterdirektors vorbei. Danneuberg(„Mattier") staud selbst vor' seinem Museutcmpel und lud mit seiner Trompetenstimme„alle vernünftigen Mensche»»" ein, sich das berühmte Zauberstück„Der Verschlveüder" anzusehen, in dem ein„labendiger Elver stvirk» sicher Kahn) vorkommt.„Ha, das müssen ivir uns ansehen, daS Blech dauert ja»nr eine halbe Stunde," sagte Marr.„Ich kenne Dannenberg schon lange,»nid wenn Kollegen komme»», dann schmeißt er die Personen, die in der sogenannten Fremdenloge links vorne an der Bühne sitzen, einfach hinaus mit den Worten:„In een halve Stiinil' ivedderkomen!"— Kaum sah Dannenberg Heinrich Marr»nit uns Glattgesichtcrn ankommen, lief er an die Kasse, kam mit einer langen Trompete zurück, der er erst einige greuliche Töne entlockte, und rief dann:„Tusch für den grote»r, berühmten Minschcndarstcllcr Heinrich Marr, minen olcn Friiud un Landsmann I" Während Marr, der die Gelegenheit kannte, einen Thaler in die Schicblade der Kasse praktizierte— Dannenberg hätte nicht das kleinste Geldstück von.Kollege»»" genommen— begrüßte der Direktor, den Thcatereingang mit seinen, Leibe deckend, das herandrängende Publikum:„Mnlapen, immer rin int Vergnäugen I Een labendiger Elver is to sehn, und de grote Heinrich Marr kost keci» Extra-Ängtrce!" Was wir da zu sehen und zu höre» be» kamen,»var der nnglanblichste Auszug aus Raimunds„Ver- schivcndcr", aber das Publikum amüsierte sich»vie toll.„De Elvert de Elver I" schrie es jedoch in jeden Applaus hinein. Als nun der Elver endlich erschien, tobte der mit Matrosen vollgestopfte Heu- bodcn— die Galerie im Hintergründe des kleinen Thcatersaals— in furchtbarstem Grade und übte vernichtende Kritik an dem gemalten Kahn nnd seiner Takelage. Im letzten Akt humpelte der Schurke Wolff an Krücken und unter ohrenzerreißendem Pfeifen über die Bühne. Dann kam Verlvandlung, aber sie zeigte Valentins Wohnung mit weggenonnnener Rückwand. In einer Laube stand ein Tisch, um den Flotlivell sich mit der ganzen Tischlcrfamilie gruppiert hatte. Auf dem Tische aber lagen hochanfgetürrnt mit Gold- und Silberpapier beklebte Holzklötze, die die Schatze vorstellten, die der Geist Azur als Bettler für Flottivell aufgespeichert hatte. Valentin rief:„Unser gnädiger Herr hat zn», Lohn für meine Treue die ganze Holzlvnrm- fainilie als Kinder angenommen nnd teilt seine Millionen mit>mS. Er lebe hoch! Hurra I" Bengalische Beleuchtinig der Gruppe und ... nein zu Ende ivar die Komödie nicht; denn' in den Beifall, den wir in»msrer Loge losließen nnd den» das Parterre mit Freuden zustimmte, mischten sich aus den hinteren Reihen des Saals und vom Heuboden her wilde Zornesrufe und Pfiffe und man verlangte, daß Direktor Dannenberg sich des miserablen ElverS wegen entschuldigen sollte. Der Vorhang hob sich. Dannenberg erschien, und während»vir ihm„begeistert" ein„Bravo um das andre" zuriefen und»ms die Hände wund klatschten, begrüßte ihn aus den» Fond des Saals ein Jndianer-W»>tgehcul, daS aber sofort verstummte, als er mit Stentorstimme rief:„Hol't Mnl, Bagagl" Dann verneigte sich der große Kunstfördercr vor»ms, den Kollegen, und rief uns zu:„Für den Beifall, den Sie, die was von die Kunst verstehen, mich spenden, bedanke ich mir np bat allerschännstc!„Iii oabcrs," lvcndcte er sich mit aller Kraft seiner Lungen ai» die Gegner im Hintergnmde,„mit den Elver könnt mi alltosam...* nun folgt im urivüchstgstci» Hamburger Platt Götz von BerlichmgenS Zuruf an den Rcichsherold. und rasch fiel der Vorhang.— Daß das Theaterchen nicht demoliert wurde, ist mir heute noch ein Rätsel, so Ivild tobte der Aufruhr, der nun folgte. Direktor Danneuberg aber geleitete uns über die Bühne ins Freie und sagte»nit Lachen:„Lat se man rebell'n! Et is»ich bat erste Mal, dat ik se so schänn ton» W e d d e r- kommen i n l a d e n h e f f I"— Theater. Berliner Theater:„Die st reu gen Herren" voi» Blumenthal und Kadelbtirg.— Um die lex Heinze aus der Welt zu schaffen, griff man in» Reichstag zun» letzten und gewalt» samsten Mittel: zur Obstruktion. Warum that»»»an das? Vermutlich, weil man wußte, daß hinter diesem Anschlag auf die Freiheit der Kirnst eine Macht stand, die nicht nlit sich spaßen läßt. Eine Macht, die eine in ihrer Art geschlossene und furchtbare Weltanschauung vertritt, eine Weltanschauung, die»vicderun» von fanatisiertci» Priestern getragen»vird, deren Klugheit oder wenn man»vill: deren Verschlagenheit fast sprichlvörtlich gelvordei» ist. Wenn hinter der lex keine Macht stand, wozu dann die ungewöhnlich harte Ver- teidigung? Herr Blumenthal und sein geschäftlicher Freund wissen es besser. Anders als sonst in Mcnschenköpfen malt sich die Welt in diesen Geistern. Die Leute, die uns mit der lex Heinze beglücken Ivollten, »varei» eine Bande von Narren und Heuchlern. Der Reichstags- Abgeordnete, den die beiden Kumpane in den Mittelpunkt der Hand- lung gestellt haben, ist halb ein Geck und halb ein Schurke. Dem gegenüber ist ästhetisch und menschlich nnr ein ehrliches„Pfui, Teufel I" am Platz. Der„Frohsinn", den sie gegen die finsteren Mächte verteidigen, verkörpert sich an» ehesten»n den Balllokalen und den Dirnen der nächtlichen Fricdrichstadt. Dem gegenüber ist »viedernn, ästhetisch»n»d menschlich nur ein ehrliches„Pfu», Teufel I" am Platz. Wir haben uns gegen die lex gewehrt, aber wahrscheinlich nicht au? Vegeisteniiift für die Vnlllokle, die sich Frohsinn etwa verholten ivie ein korrupter Schivonk von Blliinenthol �»r jungen Freude des Frühlings. Wir Hoven uns gewehrt, iveil wir jede Bevorinmiduttg eines uiündigen Volks hosje» und— vor ollem!— weil wir den deutschen Geist nicht wollten in Fesseln schlogen losscn. Man greift sich o» den Kopf, wenn mon hört, doh die Censur dieses Schondstück verboten bot. Worum denn eigentlich? Sofern das ohnmüchtige Zeug überhaupt schndcn konn, kon» es nur der Freiheit schade», die es kompromittiert. Daun ober sollte die Censur doch ruhig ihren Gegnern übetlossen, damit fertig zu werden. Es versteht sich. von selbst, dos; Herr Blumcnthal mit den idealen Gütern, um die bei der lex Hciuze gcsochten tvurde, nicht das mindeste zil thnn hat. Der Kampf gegen die lox Heinze ivar populär, er hoffte durch gewissenlose Ausbeutung dieses Stoffs ein Geschäft zu machen— lind so begann er sein Handiverk. Geschäftsleute giebt's überall.— E. S. Kulturgeschichtliches. — D i e„Kette". Der frauzöfische Akademiker Maxime du Camp schildert im ersten Band der„Souvenirs litteraires" seine Jugendeindrilcke. Einer derselben, ein sehr trauriger, prägte sich ihm tief ein. Seine Mutter hatte mit ihm von Vilteneuve-Saiut Georges aus, wo die Familie im Sonuncr wohnte, eine Spazierfahrt gc- macht. Als sie znrütlkamen, stiesteu sie auf eine seltsame Schar, an deren Spitze ein Gendarm hoch zu Rosse trabte. Der Kutscher hielt an, waiidte sich und sagte:„Madame, das ist die Kette!" Männer mit wollenen Mützen auf dem Kopf und in grauen Kleidern steckend marschierten in zwei parallelen Reihen daher, alle durch kleine, von ihrem Hals ausgehende Ketten an eine graste gefesselt. Der Anblick erinnerte an dös Skelett eines Fisches. Man nannte das einfach die„Kette". Alle diese Menschen bildeten zusammen ein Kollektivwesen! jede Einzelbetvegung war gehemmt. Neben dieser SträflingSkolonne schritt eine' kleine Zahl blau uniformierter, mit Degen und Stock bewaffneter Gendarmen; ihnen folgte» einige Bulldoggen. DaS war die Eskorte der zum Ba'gno Verurteilten, welche»ach Rochefort, Brest oder Toülon verschickt wurden. Die Burschen lachten frech, als sie an unsrem Wagen vorbeikamen, und einer rief meiner Mutter ein Scherzwort zu, so dast sie sich ablvandte. Sofort eilte cinec der Wächter herbei und schlug den Mann, dast er laut anfschrie. Jetzt tvurde das Marschtempo beschleunigter; unheimlich klirrte das Eisen. Bon Mitleid crfastt, Ivarf ihnen meine Mutter eine Handvoll Geld- münzen zu. Das setzte eine ivilde Scene ab. Jeder bückte sich da- nach, rist den andern mit oder fiel und verwickelte sich in die Ketten. Die Wächter stürzten sich auf die Leute los n»d prügelten sie durch.„Macht s nicht zu arg!" mahnte ein Unter- offizier und sagte alsdann, die Hand an den Dreispitz legend, z» tneincr Mutter:„Es ist verboten, etwas zn geben." Ich zitterte, die Mama lveinte. Ter Zug formierte sich lvieder und verschwand bald in einer Wolke von Staub. Zwei Wagen nnt Ketten und Blcchgcschirr fuhren hintcndrei»! sie brachten auch einige Marode. Die Leute sangen, als sie Villeneuve-Saint Georges passierten, im Chor ein lustiges Lied, aber den Vewohncm Ivar gar nicht lustig zu Mute. Kaum nahte sich der Zug, wurde» die Läden geschlofsen, die Fenster verriegelt i die Frauen flohen mit ihren Kindern, und die Männer hielten die Messer in der Faust. Nach dem Abendessen führte nnsre Kammcrjungfer mich und einen zweiten Knaben nach einem austerhalb des Orts am Wege liegenden Schuppen, an dessen Eingang Wachtposten standen. Sie liesten uns eintreten. Da lagen den Wänden entlang die armen Teufel, die Füße gegen die Mitte, wo die Kette hinlief. Beim Schein einer Laterne spielten vier Polizisten in einer Ecke Karten, die Stöcke über die Beine gelegt, die Hunde neben sich. Offenbar war nutcr den Gefaugcnc» ein Berühmter, für de» nnsre Kammerfrau sich interessierte. Sie flüsterte einem der Wächter einige Worte zn, worauf dieser einen Namen brüllte und beifügte:„Zeig' Deine Fratze; man lvill sie sehen I" ES erhob sich im Halbdunkel eine Gestalt und ich hörte, wie linsre Begleiterin sagte:„Wie jnng er noch ist!" Bei nnsrer Rückkehr nach Hause war alles lebendig; hinter dem Gitter, im Vestibüle, bei allen Zugängen waren Knechte mit Jagdflinten postiert, ebenso im Hofe und im Garten. Niemand schlief in dieser Nacht. Erst am folgenden Morgen, als man vernahm, die„Kette" sei bei Tagesanbruch weitergereist, ward man wieder ruhig. Diese dreistig bis vierzig Tage dauernde barbarische Wanderung der Sträflinge wurde erst 1836 aufgehoben.— Geographisches. — Die geographische Verbreitung des Zucker- r o h r s erörtert W. Suck. Die nördliche und die südliche Grenz- linie zeigen eine üitcressante Ausgleichung an die Jahresisorherme von 20°.' Wie die Isothermen, so liegt auch die Grenze auf der kaudärmercu Südhalbkugel dem Aeguator näher; i» Südamerika erreicht das Zuckerrohr an der La Plata-Mündimg gegen 35" süd- licher Breite. Ihren Pol überhaupt bat die Pflanze iin südlichen Spanien bei 39� 30' nördlicher Breite. Auf der Nordhalbkugel lehnt sie sich ungefähr an die 18 Grad-Jahresisotherme an, nach Norden wesentlich nur in Japan darüber hinausgehend. In Süd- nmcrika und Spanien fällt sie etwa mit der 17 Grad-Jahres- isotherme zusammen, erreicht aber in Afrika nur die von 20 Grad. Selbst die Sinnme der begünstigenden Einflüsse bei Lenkoran (38° gg- nördl. Br.> vermag die Entfernung des spanischen Pols vom Aeguator nicht zu erreichen, die hier durch den unmittelbaren Einflust des Golfstroms erzielt wurde. In den vom 5turo Schiwo gemilderten Osten Asiens hebt Verfasser ebenfalls das bedeutende Ansteigen der Polargrenze gegen Norden hervor. Während warme und kalte Meeresströmungen jenen Parallclismns begünstigen, rufen die Gebirge nattirgemäst die wesentlichste Abweichung hervor: der Steigung-Ger auf dem Meeresspiegel berechneten 20 Grad-Jahresisolherme über Kafchimirs Hochthälcr hinaus konnte das Zuckerrohr nicht folgen. Charakteristisch schneiden sich im west- lichen Nordamerika beide Linien in einem Winkel von etwa 600. Was die Ansprüche unsres Knlturgewächses an die Gleichmästigkeit der Temperatur betrifft, so wendet sich da, wo im Innern von Südafrika am Wendekreise die Temperaturmittel des wärmsten und kälteste» Monats um volle 20° von einander abweichen, das Rohr, diesem extremen Landklima ausweichend, stracks dem Gleicher zn. erst weiter gegen Westen sich etwas senkend. Noch deutlicher tritt die hemmende Wirkung der jährlichen 20 Grad-Wärmeschwankungs« zonc in Argentinien hervor.— („Globus".) Humoristisches — Der Grund. Schorschl:„Jetzt, warum san denn die Kinesen so gölb?" Pepi: Woastt, dö san halt so viel neidig z'wegen der höheren K u l t u r, die mir haben I"— — Verleger-Weisheit. A.: Sagen Sie, lieber Kollege, Ihre neue Zeitung, die Sie nächstens gründen, was soll die eigentlich für'ne Richtung haben?" B.:„Stramm regierungsfreundlich: wissen Sie so— Kronen- o r d e n."— — Schlagfertig. Fräulein:„Ich habe gehört, junger Mann, Sie dichten. Ist den» von Ihren Sachen schon mal was ge- druckt worden?" Herr:„Ich habe gehört, liebes Fräulein, dast Sie hin und wieder im Hause ihrer Mutter kochen. Ist denn von Ihren Sachen schon mal was gegessen worden?"—(„Lust. Bl.") Notizen. — Die Ebner-Es che Ubach wurde zum Ehrenmitglied der Genossenschaft der Uhrmacher in Wien ernannt. Wieder Genosseuschafts- Ausfchuh sagt. von wegen der vielen Bctveise der Sympathie, welche dieselbe'(die Dichterin) unsrem Kunstgewerbe gegenüber stets bekundete und voll und ganz in der Novelle:„Lotte, die Uhrmachcrin", zum Ausdruck gebracht hat.— — Fxitz Sie n Harbs Trauerspiel„König Arthur" gc- laiigt im Oktober im Neuen Theater in Leipzig, seine Komödie „ M ü n ch h n u s e n" und das Schclmenspiel„Der Fremde" im Hofthcater in Dresden zur ersten Darstellung.„Der Fremde" ist auch vom hiesigen Schanspiclhnnse zur Aufführung angenommen.— — Olga W o h l b r ü ck geht wieder aus Wiener Burg- t h e a t e r zurück.— — DaS erste r n t h e n i s ch e N a t i o n a l- T h e a t e r soll in Lemberg eröffnet werde». Bis jetzt besasten die in Ostgalizien sehr zahlreichen Lluthenen mir eine wandernde Theatcrgcsellschaft.— — Marcella S e m b r i ch eröffnet am 20. Oktober bei Kroll die Reihe ihrer Vorstellungen mit dem„Puritaner".— — Während des letzten Sommers haben die beiden Brüder Körte an der Stelle des alten Gordian in Klcinasien Aus- grabnngen veranstaltet. Verslbicdene Tnmuli wurden geöffnet, von denen sich einer als ein phrygischeS Königsgrab des 8. Jahrhunderts erwies und reiche Bronzefunde von einfacher Form, aber vorzüglicher Technik enthielt, austerdem gegen 60 Vasen zum Teil von ans- gezeichneter Buccherotechnik. Ferner wurden aufgedeckt eine Reihe von architektonischen Terrakotte», die griechischen Einflust zeigen, Thongefäste aus Athen und Korinth, Elfenbeininkrustatioiien eincS Holzsarkophags, ein Salbgefäst aus orientalischem Alabaster, soivie phrygische Inschriften als Graffiti, alles aus dem 6. Jahrhundert. Für die Erkcnutnis des gegenseitige» Einflusses des phrygische» und griechischen Kultus sind die Funde sehr bedeutsam. Dast das 7. Jahrhundert nicht vertreten ist, erklärt sich aus dem Kimcricrstnrm, der damals Kleinasien überflutete.— — Kakteen, welche im Sonnner im Freien, am Fenster oder im Garten gestanden, müssen jetzt, wie der„Praktische Wegweiser" schreibt, allmählich eingewintert werden. Man stellt sie vor Regen geschützt au einen zugfreie« Ort auf und begiestt sie immer seltener. Vom November ab brauchen sie überhaupt kein Wasser mehr. Ein frostfreies Helles Zimmer genügt für die harten Arten vollständig zur Urberwintennig.—_____ Verantwortlicher Redactenr: Heinrich Wcilkcr in Grob-Lichtcrfelde. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.