InkerhaltMgsblalt des Wrivärts Nr. ige. Mittwoch, den 10 Oktober 1900 (Nachdruck verboten.) ?] Antcv HVolKen. R o n: a n von Kurt Aram. Es war eins der kjannloseren Vergnügen von Magdas Mann, durch den Ring zu fahren und über ihn seine Witze zu machen. Der Kutscher wußte das schon und bog immer gleich in den Ring ein. Selbstverständlich wohnten nun aste Honoratioren stier und alle wohlhabenden Bürger, die auf daS neunzehnte Jahrhundert um keinen Preis etwas kommen ließen. Der Kutscher, dieser altmodische Bauer, schinipfte freilich inuncr, wenn er irgendwo auf dem Ring vorfahren sollte, denn da ein Hans aussah wie das andre, war es keine Kleinig- keit, immer gleich das rechte zu treffen. Heute ging es ja nun glücklicherweise zu Obeilörsters. Deren Haus war leicht zu finden. Es war das einzige, das grüne Fensterläden besaß. Bei allen andern Hänsern waren sie grau. Wegen dieser grünen Fensterläden war seiner Zeit ein heftiger Krieg im Städtchen ausgebrochen, der noch immer nicht völlig ausgetobt hatte. Die Forstbehörde billigte zwar für die neue Oberförsterwohnung den allgemeinen Bauriß und Plan, aber die Fensterläden sollten grün werden, während nach Stadtverordnetenbeschluß alle grau sein sollten. War das ein Krieg I Der Herausgeber, Besitzer und Drucker des„Tagblatt" statte fiir Monate den schönsten Stoff in nächster Nähe. Und was ließen sich mit dem Grün für ausgezeichnete Witze machen nach dem Muster von: Grüner Junge, wenn das am grünen Holz geschieht, und noch bessere. Es war einfach großartig. Immer wilder wurde der Kampf. Der Gerichtsvollzieher mußte um seine Versetzung einkommen, nur weil er Grün stieß. Der Stadtverordnete Grau wurde einstimmig zum stellvertretenden Vorsitzenden dieser Körperschaft gewählt, als der bisherige mit Tod abging. Die„Erholung"— das war die zweite Garnitur, die erste nannte sich„Klub"— ernannte den Grau gar einstimmig zum Ehrenmitglied. Selbst ans die Rcichstagswahlen hatte es Einfluß. Der Kandidat der Regierung, der hier wenn auch nie viel, so doch immerhin zwanzig bis dreißig Stimmen bekam, erhielt dies- mal nur eine, die des Oberförsters. Aber die Forstbehörde blieb har-tnäckig, die Läden mußten wirklich grün gestrichen werden und verschimpficrten so die ganze schöne Straße. Trotzdem das Schändliche nun geschehen war, gab es doch noch keine Ruhe. Einige besonders cholerische Gemüter suchten sogar staatsrechtliche Anskunft, ob man jetzt nicht gleich preußisch werden könne, denn schlimmer ivürde das auch nicht sein. Als die Allen so snngen, schlichen sich die Jungen eines Nachts zur Oberförsterei und strichen ein fahlcS Grau über das grelle Grün. Da sich das wiederholte, ohne daß die liebclthäter gefaßt»virrden, war der Oberförster gezwungen, sich zu seinen Jaghnndcn noch eine grimmige Dogge und einen besonders hohen und spitzigen Zaun um Vor- und Rück- garten anzuschaffen. Jeder Fremde bekam sofort die empörende, unglaubliche Geschichte zu hören, rmd wehe ihm, wenn er sich am Schluß derselben nicht eifrig zu Grau bekannte. War es noch vor Mitternacht, so wnrde er nur heinilich und leise Reaktionär und Streber titrilieA, der auch Regierungsrat werden will. War aber Mitternacht schon vorüber, dann geschah das laut »nid artete nicht selten in eine Prügelei ans. In jedem Fall aber stand in zwei Tagen Vorname und Zuname des Unglück- seligen im„Tagblatt", daß jedermaim ihn kenne und fortan dementsprechend behandle. Ein Handlungsreisender, der auch Tirol bereiste und in einem grünen Hütchen erschien, seine Kunden zu besuchen, machte überhaupt keinen Abschluß und mußte schleunigst flüchten. Wer klug war und ctlväs an den Krämern verdienen wollte, trug am besten einen grauen Anzug, so lange er sich hier aufhielt. Nur der Oberförster blieb grün. Der mußte ja aber und war dadurch entschuldigt. Er that überhaupt, als iväre er im Geheimen immer noch für grau und nie fiir grün ge- Wesen. Daß er bei der Reichstagswahl für den„Grünen" gestimmt, wußte man nicht von lvegen des allgemeinen, ge- heinlen, direkten Wahlrechts. Auch hätte es niemand dem alten jovialen Herrn zugetraut, zumal er ein„Hiesiger" war. Man hätte in der Beziehung einen Metzger in Verdacht, der manchmal so dumme Witze machte und nicht von hier stammte. Da er aber Kalb- und Ochsenfleisch fast nur nach auswärts in verschiedene Großstädte lieferte, konnte er es aushalten. als seine wenigen hiesigen Kunden ihn verließen.— Frau Magda stieg aus. Otto, ihr Mann, ließ sich zum „Ringhotel" fahren. Der Kutscher sollte sie zwischen Halbacht und acht abholen und dann beim Ringhotel vorsprechen. Vielleicht würde er-mit nach Hanse konnnen, wenn im Klub nichts los war. An den Hüten, Mänteln und Ueberschnhen auf dem Flur sah Magda, daß ziemlich viele Damen da sein niußten. Fast bereute sie es schon jetzt, hierber gekommen zu sein. So viele Menschen, das bedrückte sie schon im voraus, war ihr ungewohnt. Aber Oberförsters Dienstmädchen, eine dralle Dirn vom Lande, hatte sie schon freundlich begrüßt und ihren Mantel- kragen gefaßt, um ihr beim Ablegen behilflich zu sein. Da gab es kein Entrinnen mehr. Während sie vor dem kleinen Stehspiegel die Frisur ordnete, hörte sie deutlich, wie drinnen viel und laut ge- sprachen tvurde. Die iinmer freundliche, kardial lächelnde Dirne machte die Thür weit auf, nachdem sie erst vorher ein paarmal mit ihren Nagelschuhen dawider gedonnert hatte, daß da drin schon alles auf den neuen Gast vorbereitet war. Die Frau Oberförster kam Magda entgegen. Sie war eine derbe, runde, gesunde Frau, Ende der Vierzig, mit rotem Gesicht und noch tiefschwarzem, glattem Haar. Sie schüttelte Magda kräfttg die Hand und sagte:„Wie schön, daß Sie kommen. Ich meine, so'ne Abwechselung müßte Ihnen auf Ihrem Dorf auch ganz gut thun." Eigentlich ein sonderbarer Empfang, dachte Magda bei sich und schritt neben der Frau Oberförster zum langaus- gezogenen Theetisch. Wie ein feiner Heller Scidenfadcn und dickes Strickgarn für Herren-Wintersocken sahen die beiden neben einander aus. Magda war noch nicht weit gekommen, da kam ihr die älteste Tochter des Haufes entgegen, das Bcttchen. Sie machte einen gewaltig tiefen Hofdicner. Sie hatte ihn erst kürzlich beim Tanzlehrer gelernt und war noch sehr stolz auf diese Kunst. Der Tanzlehrer Wagner kam jeden Herbst einen Monat hierher und ließ sich nachher seine erfolgreiche Thätigkeit im ..Tagblatt" folgendermaßen bescheinigen: Wir sprechen hier- durch Herrn Tanzlehrer Wagner unfern herzlichsten Dank aus sowohl fiir den guten Tanzunterricht, wie auch für den Unter- richt in der Höslichkcits- und Anstandslehre. Hochachtungs- voll das Tanzkränzchen. Wagner war seines Zeichens Schneider. Da er aber nicht sehr seßhafter Natur, so hatte er auf diese Weise um- gesattelt und bereiste das Jahr über die meisten kleinen Städte des Ländchens. Die Frau Mama war ebenfalls sehr stolz ans Bcttchens Kunst und sagte: „Nicht wahr, das hat sie gut gelernt? Und billig, sehr billig." Ein zivcites junges Mädchen näherte sich, machte denselben Diener und Hihi dazu. Es war die älteste Tochter vom Realschuldirektor, Lieschen. Sie lebte bei allen Gesell- schaften ausschließlich von diesem Diener und diesem: Hihi. Als dritte kam Meuchen Schreiber, ein körperlich etwas sehr zurückgebliebenes Wesen, das einzige Kind von Doktor Schreiber, eines Arztes im Städtchen. Die Begrüßung wnrde allgeineiner. Einige Damen mußten Magda überhaupt erst vorgestellt werden, da sie dieselben noch gar nicht kannte,»vas willkommenen Anlaß gab, Frau Magda mehr oder Iveniger freundliche Vorhaltungen zu machen, daß sie sich nie sehen ließe. Endlich hatte sie den Platz im Sosa eingenommen, der fiir sie bestimmt war. Sie wollte zwar nicht, aber sie mußte; denn auch die Damen saßen stets genau nach der Rangordnung, und den obersten Rang nahm ganz selbstverständlich das Geld ein, daher Magda den ersten Ehren- Platz erhielt. Neben ihr auf dem Sofa thronte die Frau des ersten Amtsrichters, Frau Blau. Neben ihr auf dem ersten Stuhl links Frau Amtsrichter Roth. Denn nach dem Geld kommen die Juristen. Es folgten die Frauen der beiden Aerzte, Frau Dr. Horst und Frau Dr. Schreiber nebst Fienchen Schreiber. Dann die Frau Nealschuldirektor Walter und ihr Hihilieschen. Darauf die Frau des Chemikers Weber und Bettchen. Die Damen der beiden andern Fabrikbesitzer hatten abgesagt. Die beiden Pfarrfrauen gingen überhaupt nicht auf so rein weltliche Vergnügungen. Die Frau des Apothekers stand wieder einmal dicht vor den Wochen. Mithin war so ziemlich die ganze weibliche Hautevolee versammelt. Geradezu unfreundlich wurde Magda nur von Frau Amtsrichter Blau aufgenommen, so daß die Frau Oberförster ganz rot wurde vor Unwillen, da sie Magda sehr zugethan war. Frau Blau war ausschließlich fiir die Bildung und haßte„die moderne Geldsackverehruug". Sie hatte näm- lich nichts. Nach der allgemeinen Begrüßung regte sich zunächst das dringende Bedürfnis, Frau Magda ein wenig anzusehen, wozu man ja selten Gelegenheit hatte. Deshalb begann nicht so- fort wieder ein allgemeines Gespräch, sondern es bildeten sich kleine Gesprächsgruppen, die sich scheinbar sehr angelegentlich unterhielten, in Wirklichkeit aber vor allem Frau Magda musterten. Frau Amtsrichter Roth that sich da besonders hervor. Sie war die anerkannte Schönheit des Städtchens und daher immer ein wenig besorgt, es könne ihr jemand diese Stellung streitig machen. Sie war auch gut gewachsen und gut an- gezogen. Ihr Gesicht ein„schönes" Gesicht, das heißt ein Puppengesicht, rot und weiß, porzellanern. Dagegen besaß sie wirklich schöne, große, blaue Augen. Leider waren sie aber der Frau Amtsrichter nie groß genug, weshalb sie die- selben immer noch mit aller Macht aufriß, so weit es irgend ging, wodurch die schönen Augen sehr kälbern wurden. In der That, Frau Magda war feiner gekleidet als sie. Das mußte Frau Roth zugeben. Aber sie war doch gar zu mager, konnte sie sich gleich selbst beruhigen. Gar keine Figur, dachte Frau Roth, und meinte Brust, denn das heißt ja in der guten Gesellschaft„Figur". Schöne, graue Augen hat sie auch. Aber doch nicht so große wie die Frau Amts- richter. Und wie bleich sie war. wenn sie sich der Frau Ober- sörster zuwandte, die so eifrig auf sie einsprach. Jedenfalls lein hiesiger Männergeschmack. Das war die Hauptsache. lFortsetjung folgt.) Klus den Vorlinev MuttMlusous. Die beiden großen Berliner Kunstausstellungen des Sommers, die im Glaspalast am Lehrter Bahnhof und die„Secession", waren kaum geschlossen, als die Salons, in denen das Kunstbedürfnis der Berliner im Winter seine Befriedigung finden kann, mit„Herbst- ansstellungen" aus den Plan erschienen. Die furchtbare„Ucber- produltion", die auch auf dem Gebiete der Malerei und der Bild- hancrkunst herrscht, wird durch dieses Zusammendrängen von Aus- stellungen scharf beleuchtet. Wer all die Bilder, die ihm im Laufe eines Jahrs in Berlin vorgcstihrt werden, sehen wollte, der hätte sich mit vielen Tausenden abzufinden. Die Beschränkung auf das Wertvolle oder das Aufsallende ist da von selbst geboten. Den verschiedenen Salons hat sich im Lauf der Zeit eine ganz bestimmte Phhsiognoinie aufgeprägt. Seineu Charakter am nicisten geivahrt hat der Salon Fritz Gnrlitt. Man findet in seinen Sammlungen immer Namen bewährter, meist älterer Künstler und Hon diesen erlesene Stücke, sehr Verschiedenartiges nebeneinander, in der Hauptsache Arbeiten, die der gebildete Kunstliebhaber gern kanft. So ist auch die jetzige Ausstellung dieses Salons, von Böcklin bis Liebermann eine Fülle von Namen aus der Reihe der bekannteren älteren deutschen Maler. Es ist an dieser Stelle unmöglich, sie auf- zuzählen. Von Leibi fällt ein prächtiges Stück in seiner früheren breiten dunklen Art, ein.Savoyardeukuabe", auf. Von Anselm F e u e r b a ch sieht man neben einer kleinen Landschaft„Felsen- schlucht" und einem Selbstbildnis von 1378 vor allem ein sehr schönes Bildnis der Mutter Feucrbachs aus derselben Zeit. Ein ivcicher träumerischer Ausdruck liegt auf dem großzügigen edlen Gesicht der Matrone; das dunkele Gewand giebt mit dem rötlichen Grunde einen köstlichen Farbeuaccord. L e n b a ch ist mit drei Porträts vertreten, die wegen der Dargestellten interessieren. Em Bildnis Böcklins ist merkwürdig glatt in der Behandlung, und von einem größeren Porträt der Schauspielerin Marie Barkauy empfängt man denselben Eindruck wie von fast allen Darstellungen von Frauen, die Leubach gegeben hat: was lebendig tvirlen sollte, sieht nur gezwungen aus, der Ausdruck dieses Gesichts mit den hoch- gezogenen feinen Brauen und dem„sprechend" geöffneten Mund ist erkünstelt. Wer die Dveite Guilbcrt gesehen und beobachtet bat, wie auf ihrem Gesicht der leiseste Wechsel der Empfindungen sich spiegelt, so daß es in jeder Minute als ein andres erscheint, der wird bor der starren Maske, als die Lenbach ihre Züge wiedergiebt, fast erschreckt zurückweichen. Die eigentümliche Haltung des Kopfs, der in den Nacken zurückgeworfen wird, ist da, aber was bei der Lebenden im Affekt natürlich wirkte, erscheint im Bilde gezwungen, und wie hat sich Lenbach an dein schönen Halse der Dvctte versündigt! Nur wie der Blick unter den weit gesenkten schweren Lider» wie ein zuckender Blitz hervorbricht, darin ist ein Moment, der bei der Künstlerin öfter erschien, festgehalten. Der Salon Schulte, der sich bei dem Publikum ans Berlin W. einer besonderen Beliebtheit erfreut, wird moderner, nachdem im vorige» Jahre eine Aeuderung in seiner Leitung eingetreten ist. War früher feiten einmal etlvas von ihm zu erwähnen, so hat er in seinen letzten Ausstellungen viel Bcachtcnslvertcs geboten. Gegen- wärtig erregt in seiner Sammlung eine Reihe von sielien Gemälden eines bisher in Berlin noch unbekannten Spaniers, I g n a c i o Z u I o a g a, berechtigtes Aufsehen. Die Spanier zählten bis beute in der modernen Kunstbewegung noch nicht mit. Ans den Effekt berechnete Bilder ans Stierkämpfen und glanzvolle Hochzeiten in prunkenden Kirchen, das waren ihre Licdlingsmotive. Nur in Barcelona hatten sich, nach den letztjährigen Großen Berliner Kunst- Ausstellungen zu urteilen, eine Anzahl jüngerer Maler zusanimengcfunden, die moderne Probleme mit den Mitteilt der Freilichtmalerei zu lösen suchten; aber sie cntbebrtcn jeden eigenartigen Charakters, sie ivareir in Paris zu Hause. Zuloaga ist vielleicht bestimmt, die spanische Malerei auf andre Bahnen zu lenken, die der großen Ver- gaugenheit würdiger wären als das, was sie heute bieten. Es sind, abgesehen von einem„Sticrgefecht", fast lebensgroß dargestellte Sceuen, die von Zuloaga gezeigt iverden. Der Maler Ivohnt in Eibar, einem Orte im Baskenlande; diese Gegend giebt ihm die Hintergründe seiner Bilder. Die Motive sind dem spanischen Volksleben entnommen. Da sieht man eine„Straßenscene". Vor dem Stadtthore, durch dessen Bogcnöfinnng man eine Straße und darüber den blauen Himmel sieht, versammeln sich gegen Abend die Burschen und Mädel der Stadt. Die eine steckt sich noch schnell eine Rose an, die andre stolziert kokettierend und ivartend einher. stämmige Burschen treten eben hinzu, ein Paar hat sich schon ge- funden. Ein andres zeigt„Lola, die Zigeunerin". Ans dem Markt- platz rauscht eben„Lola" in schtvarzem Seidenkleide, ein weißes Spitzcntuch über der Schulter, vorüber; verächtlich wendet sie sich von der alten Kartenlegerin ab, deren Miene jedoch verrät, daß in der Vergangenheit wohl Beziehungen ztvischen ihnen bestanden haben müssen. Auf diesem Bilde tritt'eine„Zigenner-Schanspielerin" auf nnd tupft schnell noch ein Ivenig Puder auf die Backe; auf jenem zieht der„Nachtwächter" durch die im Mondesglanz liegende Straße; ans einem dritten—„Versuchung"— bieten zwei alte Weiber einer Schönen den Sündensold; den Dichter„Don Miguel de Segovie" sieht man mit seiner neuen Mannskriptrolle über die Berge in die Stadt wandern, und das letzte Bild, mit kleinen vielen Figuren, zeigt ein„Stiergefecht in meinem Dorfe": eben wird der Stier in die dürftige Arena, die am Fnße eines Berges aufgeschlagen ist, getrieben; Zuschauer nnd Zuschanerinncn sitzen allenthalben umher. All diese Sceuen sind mit ausgezeichneter Technik gemalt. Keine Spur von den spitzpinseligen Kniiststückchen der Landsleute Zuloagas, sondern Pinselhiebe, kräftige Striche mit sicherer Wirkung breit hingesetzt. Augenscheinlich ist Zuloaga bei seinem großen Landsmann Lelasqnez in die Schule gegangen, vielleicht auch niir durch die Vermittelung der Franzosen, namentlich Manets. Von den alten Spaniern stammt auch eine gewisse Vorliebe für dunkle braune, selbst schlvarze Töne. Aber seine Farbengebung hat im ganzen trotzdem etlvas Weiches, ein öfter tviedcrkehrender rosa Ton sogar Weichliches,„Zucker", wie der Maler sagen toiirde. Zuloaga bringt eine Fülle von Farbcntönen, die oft auch iveit ans einander liegen, in seine Bilder, die bunte Tracht seiner Modelle, die frische» ge- blümten Kleider und die Rosen, die farbigen Hintergründe geben ihm Farbcnvariationen genug, aber er eint sie z» einer vollen Harmonie; besonders in Bildern wie der„Versuchung", einem Interieur, über das ein rotes Licht fällt, ist die farbliche Gesamt- ftimmnng von großem Reiz, während sie in anderen, wie der „Straßenscene" nnd der„Zigeuner- Schauspielerin" trotz reizvoller Einzelheiten kühler und nüchtenier wirkt. Zuloagas Charakteristik der Volkstype» ist schlagend. Seine Spanierinnen wirken echt. Geschmeichelt hat er nicht, mit ihren vor« stehenden Backenknochen, der stumpfen Nase und dem vollen Mund haben ihre Gesichter etlvas Brutales, Sinnliches, aber ihre feurigen Augen, ihr schweres schlvarzes Haar, ans dem dunkelrote Nofen hervorglüben, macht diesen kraftvollen Typus bestrickend. Die Männer sind knochige feste Gestalten, aber sie erscheinen stumpfsinniger. Eine große Kunst entfaltet Zuloaga darin, lvie er seine Figuren so gruppiert, daß sie zwanglos beisammen stehen, und lvie er sie schon durch ihre Haltung charakterisiert. Weniger ist auf seinen Bilder» von echter Naturstimmung zu spüren. Selbst da wo er den Beschauer ganz in die freie Natur führt, fehlt in dieser gleichsam die Lust nnd auch das Licht, sie erscheint trocken und kalt. Nur in dem„Nacht? ivnchter" hat et eine NaturMmniMig zu erzielen versucht, aber über- zeugend wirkt auch diese nicht, sondern übertrieben. Daß Zuloagas Kunst jetzt schon zu den Höhen führe, in denen ein Millet steht, von den alten Spaniern ganz zn schweigen, vermag ich nicht zu glauben. Seine Bilder sind groß im Format, aber es fehlt ihnen die monumentale Größe. Er sagt in den lebensgroßen Figuren nicht mehr als in den kleinen aus dem Stierkampf-Bild; auch in den letzteren erscheint die charakteristische Haltung. Nur in einem Ge- mälde wächst eine Silhouette zu monumentaler Wirkung empor: in dem Bilde des Dichters, der über die Berge schreitet. Mit ganzer Figur steht dieser gegen den Himmel, das Vergland des Hintergrunds liegt ganz ties; weit greift die Rechte mit dem Bergstock ans, während die Linke die Papierrolle an die Brust drückt, und die Augen des greisen Volksmanus gehen sinnend in die Ferne, der Sonne nach. die im Versinken ist und ihren letzten Abglanz ans sein Gesicht wirft. Die Umrisse dieser in einen Mantel gehüllten Gestalt sind zu großen Linien vereinfacht. Manches auf den Bildern des Künstlers, wie er z. B. die Häuser des Hintergrundes auf dem Bilde der„Lola" oder das Steinthor und die Siraße auf der„Straßenscene" behandelt, scheint flüchtig hingestrichen, rein auf dekorative Wirkung angesehen; wie ihm über- Haupt das entscheidende Merkmal der Große», der tiefe Ernst und die geistige Größe der Auffassung fehlt. Zuloaga ist ein glänzendes Talent. Er ist noch jung und man wird seiner Eutlvicklnng mit lebhaftem Interesse folgen.—— hl. Kleines Feuilleton» k. Mangelhaftes Sehvermögen bei Londoner Schulkindern. Die Londoner Schulbehörde hat vor kurzein eine Untersuchung des Sehvennögens der Kinder anstellen lassen und ist dabei zu einein erschreckenden Ergebnis gekommen. Von 333 SLv Kinder», deren Gesichtssinn untersucht wurde, hatten nicht weniger als 79, IL? Proz. ein mangelhaftes Sehvermögen I Die durch dieses Nefnltat hervor- gerufene Beunruhigung ivird durch die Aussagen der Sachverständigen iioch bestärkt. Die ersten Sanitätsoffiziere der Schnlbehörde er- klärten, daß die allgemeine Schwäche des Sehvermögens, die in diesen Zahleir ausgedrückt ist, gar nicht erust genug genounnen werden kann. Ein Punkt bedarf dabei aber noch der Aufklärung. Man Iveiß jetzt, daß eine so große Zahl Kinder, mehr als drei Viertel der Gesamtheit, an fehlerhaftem Sehvermögen leiden. Man weiß aber nicht, ob die Kinder früher i» deiiiselben Maße mit diesem Fehler behaftet waren. Nächste Ostern soll daher eine zweite entsprechende Untersnchniig vorgenoinmen werden; iiizwischeii sollen Berichte von den ersten Londoner Augenärzten über das Sehverinögen der Kinder im allgemeinen geliefert werden.— Chinesische Malerei. Was einem Enropäer beim Betrachten heutiger chinesischer Gemälde sogleich auffällt, ist der Umstand, daß selbst die besten Künstler eineir sehr geringen Begriff von richtiger Perfpektive und fast gar keinen von ordentlicher Berteilnng von Licht und Schatte� haben. Hier fehlt die Schulung, die eine innigere Berührung mit dem Abendlande vielleicht hätte geben können. Bei der Abgeschlossenheit des chinesischen Volks war es sich fortdauernd selbst' überlassen. Dieser Umstand hat, wie ans andren Gebieten, so auch auf dem der Malerei sehr schädlich ge- wirkt. Durch eine häufig wiederholte Anregung von außen hätten die Maler zuletzt ans die erwähnten beiden Grundfehler aufmerksam machen müssen; aber eine derartige Anregung fehlte völlig. Machen wir uns den Unterschied zwischen der chinesischen Kultur nnd der nnsrigen auf de» verschiedensten Gebieten klar, so werden wir nnS erst ganz des großen Segens bewußt, den der geistige Verkehr der Völker des Abendlandes untereinander für alle gehabt hat und noch hat. Die Chinesen wolle» nichts von Schatten auf ihren Gemälden wissen. Nach Williams treffender Bemerkung ist es, als ob diese alle von einem Luftballon ans angefertigt feien, während die Sonne im Zenit stand. Zur Zeit der Tangdhnastie ltU8— 990) gab es indessen einige Landschaftsmaler, die den jetzigen Künstlern weit voraus- waren und Licht nnd Schatten sehr wohl zu verteilen wußten. Dem chinesischen Maler konnnt eS weit weniger darauf an, die Gegenstände und die Personen auf seinen Bildern i» natürlicher Weise zu gruppieren, als auf möglichste Synimetrie. Die nebensächliche» Partien behandelt er daher mit derselben Sorgfalt wie die Haupt- teile, und die unbedeutendsten Kleinigkeiten führt er mit ebensolcher Genauigkeit aus ivie die wichtigsten Punkte. Es giebt eben für ihn gar keine Unterscheidung, da nach seiner Auffassung alles gleich wichtig ist. Wenn er überhaupt einen Unterschied macht, so ist dieser rein äußerlich. Fragt nian einen chinesischen Künstler, worauf es ihm bei der Ansführnng eines Gemäldes ain meisten ankomme, so wird seine Antivort lauten: Darauf, daß man den Rang eines Mandarinen, oder den litterarischen Grad eines Gelehrten, öder die soeiale Stellung eines Kaufmanns gut erkennen könne. Im Ver- gleich mit diesen in seinen Augen höchst wichtigen Umständen ist das, Ivoranf es uns am meisten ankommt, der' seelische Ausdruck eines Gesichts, für ihn durchaus nebensächlich. Die Gesichter, die selten im Profil, sondern fast immer in Vorderansicht gemalt werden, sind daher durchweg recht ausdruckslos. Der Kopf ist oft stark vorwärts geneigt, was andeuten soll, daß der Mann fleißig seine Klassiker liest. In der Darstellung menschlicher Leidenschaften, die bei uns eine so große Rolle spielt, sind die Chinesen noch sehr zurück. Vorzügliches und teilweise Unübertreffliches leisten sie dagegegen in der Detailmalerei. Die Geschichten, die darüber im Umlauf sind, erinnern lebhaft an die übrigens von völliger Verkennnng wahrer Kunst zeugenden Anekdoten von Zeuxis und Parrhafius. So wird von Tsaofuhing, einem bedeutenden, im dritten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung lebenden Maler berichtet, er habe einmal für seinen Kaiser einen Wandschirm malen müssen, nnd darauf sei eine Fliege so natürlich dargestellt gewesen», daß der Kaiser sie»üt der Hand habe verscheuchen wolle». Auch jetzt ist diese Kunst noch nicht ausgestorben. Ther Ball erwähnt in seinem Buch„Things Chinese", er selbst habe gesehen, wie eine Katze an einen gemalten Vogel herangeschlichen fei, der in wunderbarer Natürlichkeit auf einem Zweig gesessen habe. Insekten, Vögel, Blumen, Bäume, nnd besonders die zierlichen Zweige des Bambus werden bis in die kleinsten Einzelheiten mit anerkennenswerter Geduld behandelt. Aber während auf einem Gemälde mancher einzelne Gegenstand vielleicht eine erstaunliche Naturwahrheit zeigt, so hat dabei doch das Ganze selten einigermaßen richtige Pro- Portionen. Alles Lob verdient dagegen wieder das Kolorit, das man den Geinälden zn gebe» weiß. Dabei sind die Farbstoffe nicht besonders gut, mit alleiniger Ausnahme der berühmte» chinesischen Tusche. Diese wird am vorzüglichsten in der Provinz Anhni am Jangtsekiang hergestellt. Gelvisse Pflanzenöle eignen sich am besten dazii, z. 83. das ans Sesamsamen gewonnene Oel. Wer sich mit der Anfertigung von Tusche befaßt, läßt sich in de» Wänden seines Hanfes eine ganze Reihe von kleinen Nischen anbringen. In diese stellt er die Lampen, um möglichst allen Zug von ihnen fernzuhalte». Ueber jeder Lampe ist ein Stück Porzellan befestigt, wovon der Nuß von Zeit zn Zeit sorgfältig abgeschabt wird. Nun kommt es darauf an, de» Ruß mit Fischleim oder einer ähnlichen Snbstanz zu versetzen, und die Kunst dabei ist, möglichst wenig Leim zn ver- wenden, ohne daß doch die in die bekannte Form gebrachten Stücke leicht zerbrechen oder zerbröckeln. Je weniger Leim die Tusche ent- hält, je teurer ist sie gewöhnlich. Die meisten Chinesen haben große Freude an den Erzeugnissen der emheimische» Malkunst, iveil ihnen deren Mängel nicht zum Bewußtsein kommen. Die Häuser Wohl- habender Leute sind gewöhnlich voll von Papierrollen mit Gemälden — auf Leinwand malen die Chinesen nicht—. und auch die ärmeren Klassen schmücken ihre bescheidenen Wohnungen gern mit billigere» Bilden:.—-(„Köln. Ztg.") Erziehrnig und Unterricht. — Ueber die neueren Methoden, die g e i st i g e Ermüdung bei S ch ii lern experimentell z n b e« st i m m e n, sprach unlängst im natiirwissenschaftlichen Verein zu Hainburg Dr. L. K o t e l in a n n. Der erste, der die? versucht hat. >var Sikörski in Kiew. Er ließ Schüler morgens bei Beginn des Unterrichts nnd nachmittags am Schluß desselben zwei gleich lange und gleich schivere Diktate schreiben und fand dabei eine Exaktheits- differenz von 33 Proz., d. h. die Schüler hatten nach vier- bis fünf- stiuidigein Unterricht ein Drittel mehr Fehler als vorher gemacht.— Einen andern Weg hat Burgerstein in Wien eingeschlagen. Bei ihm mußten elf- bis dreizehnjährige Schulkinder rechnen, und zwar je zehn AdditionS- und Mliltiplikationsexenipel. Das Rechnen währte genau 10 Mimiten, dann folgte eine Pause von fünf Minuten. So wechselte viermaliges Rechnen mit viermaligen Pausen ab. Als Resultat er- gab sich,' daß die Zahl der berechneten Ziffern von Viertelstunde zn Viertelstinide zugenommen hatte, am wenigsten in der dritte» Viertel- ftlnide, dagegen ivaren die Fehler in der dritten Viertelstinide am meisten gewachsen und Korrekturen der Fehler in dieser Zeit am seltensten vorgenonmien worden. Aus alle dem schließt Burgerstein, daß Knaben nnd Mädchen in dem genannten Alter schon nach halb- stündigein Unterricht stark zu enn'üden beginnen.— Von Laser in Königsberg wurde Burgerstein zum Vorwurf gemacht, daß die von ihm benntzte Methode von dem Verlaufe einer gewöhnlichen Schnlstmide stark abiveiche. Denn in dieser wechsele Frage nnd Antwort, während das fortwährende Addieren und Multiplizieren ebenso langweilig wie ermüdend und abspannend sei. Er ließ daher Schüler nicht in einer Stunde viermal zehn Minuten lang rechnen, sondern in den fünf Stunden eines Schultags jedesmal zn Anfang derselben zehn Minnten lang. Trotzdei» ist er zn ganz ähnlichen Resnltaten wie Burgerstein gelangt.— Höpfner in Halle diktierte ivieder wie SikorSki, und zivär 19 Sätze von durchschnittlich 30 Buch- stoben. In den ersten 4 Sätzen, d. h. während der ersten halben Stunde sanken die Fehler von 1 pCt. bis auf Va pCt. Dann aber nahmen sie plötzlich zu bis auf L�/a pCt. und von da an langsam weiter bis auf 6 Proz. Auch hier zeigte sich also eine auf- fallende Ermiidmig nach der ersten halbe» Stunde.— Originell ist das Verfahren, das Keller anwandte. Er ging dabei � von dem Grundsatz aus, daß sich in dem ermüdeten Organ Milchsäure bilde, die in das Blut übergehe und mit diesem an alle Stellen des Kör- pers gelange. Ist diese Anschauung richtig, so muß sich die Er- müdmig nicht nur an denjenigen Körperteilen zeigen, durch deren Thätigkeit sie hervorgerufen wurde, sonder» auch an den übrigen, die nicht gearbeitet habe». Die durch psychische Arbeit entstandene Ermüdung des Gehirn« muß sich also an der Ermiidungskurve� der Muskeln nachweise» lassen. Um letztere zu gewinnen, bediente sich Keller des Ergographen von Mosso. Vermittelst desselben stellte er fest, daß ein vierzehnjähriger Knabe nach einviertel- stündigem Lese» mit seinem rechten Zeigefinger bis zur Erschöpfung eine Arbeit von einem Kilogrammeter leistete. Nach einer zweiten Leseprobe betrug die geleistete Arbeit 1,5, nach einer dritten 1,9,»ach einer vierten aber mir 1,3 Kilogramnieter. Die Ermiidniig trat denniach bei der vierten Leseprobe, d, h, nach 45 Minuten ei». Durch eine weitere Versuchsreihe ergab sich, das; anbaltend«, ivenii auch nur kur�c Arbeit des Gehirns de» Zustand der Ermndrmg viel schneller herbeiführt, als die gleiche'Arbeit von gleicher Dauer, sobald sie durch kurze Momente der Ruhe unterbrochen wird. Als besonders ermüdend stellleii sich Singen und Turnen heraus.— Auch Fannschka i» Tesche» fand, dad verschiedene Lehrgegenstände einen verschiedene» Grad der Ermüdung erzeugen. Er bestimmte freilich die Ermüdung nicht direkt, sondern statt derselben die Schtvierigkeit, die das Lernen machte. Die durchschnittliche Zeit, die ein mitteiguter Schüler brauchte, rnn sich eine Seite von 40 Zeilen in verschiedenen Schulbüchern ein- zuprägen, betrug für katholische Religionslehre 40—50 Minuten, für Geographie 40, für Geschichte 20, für Zoologie nur 10.— Eine neue Methode, die geistige Ermüdung bei Schülern zu messen, hat wieder Griesbach zu'Mülhausen i. E. angewandt. Er sehte zivei au einem Mabstab verschiebbare Nadelspitzen auf die Haut und näherte sie ein- ander so lange, bis sie nicht mehr als zwei, sondern nur noch als eine empfunden tvurden. Die so gefundene Entfernung sah er als Durch- messer eines sogen. Enipfindungskreiscs an. Da nun geistige Er- «nüdniig nach ihm die Empfindlichkeit der Haut herabsetzt, so müssen, sobald sie sich einstellt, die EmpfindnngSkreise größer werden. Griesbach bestimmte deshalb zunächst ihre uormalc Größe au Sonn- rmd Feiertagen, an denen die Schüler nicht gearbeitet hatten, und dann die Veränderung dieser Größe an den Schnltagen, soivohl vor Be- ginn des Unterrichts als nach jeder Lehrstnnde. Dabei ergab sich, daß der Anfang des Unterrichts im Sommer morgens um 7 Uhr nicht zu billigen ist. Die normalen Enipfindungskreise waren vom vorhergehenden Tage her noch nicht wiederhergestellt. Auch die Pausen zlvische» den einzelnen Schulstunden ertviescn sich als zu kurz. Besonders verderblich aber erschien der Nachmittagsunterricht, da die Herabsetzung der Hantsensibilität hier ihren höchsten Grad erreichte. Von den verschiedenen Unterrichtsgegenständen ermüdeten an» meisten Latein, Griechisch, Matheniathik, Geschichte und Turnen. Die Versuche Griesbachs sind übrigens, wie E. Kröpelin gezeigt hat, mit Vorsicht anfznnehnten, insofern die Scnsibilitntsabnnhnie der Haut außer von Ermüdung auch voit andren Ursachen, tvie langein Stillsitzen, Verschlechterung der Schulluft, Hunger und dergleichen herrühren kann.— Physiologisches. is. Eine verschiedene Fär b n»g der beiden Augen bei dcinselben Menschen ist ungewöhiilich— viele werden überhaupt keinen Fall dieser Art beobachtet haben— aber auch nicht allzuselten. Ei» Arzt berichtet von einer Familie seines Paticutenkreises, Ivo drei Kinder Ware». Bei den» ältesten und dein jüngsten. beides Knaben, Ivar das rechte Auge hellbraun, das linke blau, bei den» zivciten Kinde, einem Mädchen, das rechte Auge blau und das linke hell- braun. Bei den Eltern hatten beide Augen die gleiche Farbe, und zwar beim Vater eine blaue, und bei der Mutter eine hellbraune. Die Augenärzte kennen im allgemeinen zivei Arten solcher Bcr- schiedenfärbigkeiten der Augen: Bei der einen ist nur ein Auge an sich verschieden gefärbt, indem ein Teil der JriS eine andre Farbe zeigt als der übrige Teil, ein Zustand, der als„einseitige Verschiedcnfarbigkcit" bezeichnet Ivird. Bei der andere» Form ist jedes der Augen gleichfarbig, aber die Farbe ist bei beiden verschiede», mid' diese Beschaffenheit nennt die Wissenschaft„zweiseitige Verschiedenfarbigkeit". Um diese Eigcntiim- lichkeiten besser zu verstehen, muß man Iviffcn, ivovon die Färbung der Regenbogenhant überhaupt abhängt. Die dunkle Augenfarbc, tvie sie' bekauntlich bei den südlichen Nationen und bei der gelben Rasse, also z. B. den Chinese» gewöhnlich ist, wird durch einen Färb- stoff hervorgernfcn, der in den oberflächlichen Zellen der Haut ein- gelagert ist. Die blaue Iris, die hauptsächlich bei den nördlichen Völkern vorhanden ist, tvird durch das Fehlen eines solchen Färb- stoffs bedingt. Es kommen aber auch Ansnahmen von dieser gco- graphischen Verteilung der Angenfarbe vor. So besitzen die Nach- kommen der Inten' ans der Insel Wight, ferner die Bewohner der Gegend von Bristol und des' Heimegans in Belgien sehr dunkle Augen, während blaue Augen gar nicht selten auch in Oberitalieu, in dein Volksstann» der Basken und ausnahmsweise sogar auch in Tunis und Marokko vorkommcii. In Frankreich sind zivei Zonen nach der Angcnfärbnng zu unter- scheiden, eine nordöstliche mit hellen oder blauen Augen«nd eine südwestliche mit braunen Augen. Die hnnfig aufgestellte Behauptung, daß die Augen der nengeborcueu Kinder stets grau seien, ist nicht zutreffend. Es kommen auch solche von sehr dunkler Farbe vor. Man ist zu der Annahme gelangt, daß eine ungleiche Färbung ein und desselben Auges darauf h'indeuiet, daß das Organ nicht vollkommen entwickelt ist, und daß dabei jede Operation mit besonderer Vorsicht unter- nommcn Iverden müßte, jedoch fehlt es zur Bestätigung dieser An- nähme an hinreichenden Erfahrungen. Der Einfluß der Vererbung ist in der Farbe der Augen sehr bcinerlbar, wie wohl jeder innerhalb de-Z Kreises seiner Bekannten und Verwandten hat feststellen können. Wenn beide Eltern blaue oder beide dunlle Augen haben, so wird die Nachkommenschaft in etlva 95 Proz. aller Fälle dieselbe Augen- färbe aufweisen, wen» dagegen von den Eltern der eine Teil blaue und der andre dunkle Augen besessen hat, so pflegt die Zahl der hell- und dnnkcläugigcn Kinder gleich auszufallen.— Technisches. gr. Eisenbahnwagen amerikanischer Fabrikation auf d e» t s ch e n B a h n e n. Wie die Berliner elektrische Straßenbahn seit längerer Zeit mehrere Wagen benutzt, die in Amerika erbaut worden sind, so hat jetzt auch die bahrische Eisen- bahnverlvaltnng zwei Waggons amerikanischer Fabrikation über- nouinien. Die in einer großen Waggonfabrik Chikagos hergestellten Wagen wurde», nachdem die einzelnen Teile in einer großen Anzahl Kisten verpackt waren, nach Deutschland gesandt und in Nürnberg unter Aussicht eines amerikanischen Jiigenicnrs zusammcngebant. Einzig und allein die Achsen, Achsbuchsen und Räder, wurden in Nürnberg selbst fabriziert. Der jetzt von der Miinchener Eisenbahn-Dircktion zu Probe- fahrten in Benntznng genommene Waggon ist— entsprechend den in Amerika üblichen Längenabmeffnngen der Eisenbahnwagen— länger als nnsre Schlafwagen. Ein Vorbau vermittelt� den Eintritt in das Vorzimmer, an demselben liegen Wasch- und Toilette- Räume sowie ein Wasserspül-Klosett. Die cinzeliien Coupes liege» an der Längsseite des Korridors, in welchen man von dem Vor- raun» aus gelangt. Die sechs luxuriösen Coupes sind zur Hälfte I. und zur andern Hälfte II. Klasse. Die Abteile I. Klasse haben Sofas mit grünem Scidenplüsch, grüne Teppiche und ebenso gefärbte Vorhänge; die Ansstatiung' der Coupes II. Klasse ist in blauen Farben gehalten. Die Wände in beiden Coupes bestehen anS poliertem Holz von rötlicher Farbe; in jedem Raum ist ein schöner Krystallspiegel angebracht. Ilm möglichst wenig Geräusch während der Fahrt zn entwickeln, sind die Waggons hauptsächlich anS Holz erbaut. Das Dach iveift Oberlicht auf."Der Korridor hat sehr große Bogenfenster ans starkem Glase. Dampfheizung und Westinghonse- Bremse sind selbstverständlich vorhanden: die Beleuchtung dagegen besteht aus der gewöhnlichen elektrischen Anlage und einer Ersatz- Beleuchtung durch Gas. Die sehr ruhig fahrenden vicrachsigen Wage» haben schön gemalte gewölbte Decken und die von den V-Zügen her bekannte» Verbindungsgebälge zwecks nngchinderten Durchgangs durch den ganzen Zug.— Humoristisches — Die Hauptsache.„Gestern hob i an Herrn Bezirks- aiNtmo g'fragt, woS den» cigcntli mit dem chinesischen Kriag is. Was geht denn Euch die Politik an, hat er g'sagt, cS Ivird Euch schon-mitgeteilt werden, sagt er, Ivas Ihr zahlen iniißt, hat er g'sagt.-— — Die II n b e s i e g l i ch e n. O b c r st:„So, den Feind hätten wir in der Klemme!" Adjutant:„Verzeihen, Herr Oberst, der Gegner Ivird vom Prinzen geführt." Oberst:„Was? Hcrrgottsakramcnt, is schon wahr! DnS Ganze kehrt t Laufschritt, marsch! marsch!"—(„Siiichl.") — Beim Abschied. Ein Schriftstellerpaar hat seine Ehe gelöst. Er kzn ihr):„Apropos, da fällt mir ein, unser Verhältnis gab' ja einen famosen Stoff für einen R o in a n! Oder willst Du vielleicht einen d'rauS machen?"— Notizen. — T o l st o j arbeitet an einem neuen Roman„Vater S e r g i u s". Der Titelheld ist ein früherer Kavalier, der»ach einein bewegten Lebe» Mönch geworden ist.— — T o l st o j s„ M acht der Finsternis" ist dem Deutsche u Theater freigegeben worden. Die Auf- sührnng tvird noch im Laufe dieses Monats erfolgen.— — Der h i st o r i s ch e L n st j p i c l- Cy l l n s der S c e e s s i o n s- b ü h n e beginnt am 13. d. M. nachmittags mit„P e t e r S g u c n z" und„Geliebte D o r n r o s e" von Andreas G r y p h i u s. Die Leitung der Bühne plant auch„l i t t e r a r i s ch e Variete- Abend e."— — Im Opern Hans wird Ende dieses Monats„Der Barbier von Bagdad" von Peter Cornelius zum erstenmal gegeben Iverden.— — Auf Grund des bekannten K ü n d i g u n g s p a r a g r a p h c n soll der Direktor eines Theaters einer Oslseestadt nicht weniger als dreizehn Schauspielern und Sängern in den ersten acht Tagen der Saffon gekündigt haben.— — Ein großes f r n h r o m a u i s ch e S Wandgemälde ist mit andren alten Waiidinalereien in der Kirche von Nieder- zeit auf der Insel Reichenau entdeckt worden. Es soll das best- erhaltene und größte derartige Werk aus jener Zeit in Deutsch- land fein.— — Amtsdeutsch. Folgende Bekanntmachung hat unlängst im Amtsblatt-Anzcigcr der Regierung zu Kassel gestanden: Der Bärenführer Lnigi Sozzi aus Bcdonia. Italien, sechsmiddreißig Jahre alt, imbekanuten Aufenthalts, welchem zur Last gelegt wird am... ans der Dorfstraße zn Vergshausen bei Kassel, außerhalb seines Wohnorts, ohne Begründung einer gewerblichen Niederlaffung und ohne vorg. Bestellung Schaustellungen mit einem Bären u n d c i n i g e n A f f e u, bei denen k e i» h v h c r e s I n t e r e s s e der Kunst und Wissenschaft obwaltete, ohne Erlaubnis der Ortspolizcibehörde. dargeboten zu haben usw._ Beravtivortlichcr Redactcnr: Heinrich Wetzker in Grob-Lichtersclde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.