InterhaltnngsSlatt des Vorwärts Nr. 198 Freitag, den 12 Oktober 1900 «Naclldrurt verboten.) o] ttnfcv Roman von Kurt Aram. Frau Schuldircktor Walter aber ließ sich nicht stören. ..Wir unterhalten uns ruhig weiter. Mir fällt es auch nicht auf. daß mein Manu inimer noch fort ist. Da merke ich, wie die Menschen ringsum aufstehen, an die Mauer treten, die den Garten vom Rhein trennt, und lachen. Ich Vierde auch neugierig, stehe auf und trete auch an die Mauer. Und denken Sic,>vas sehe ich? Natürlich nieincn Mann. Unten am Rhein hockt er. wo es so ganz langsam und allmählich in ihn hinein geht. Plötzlich kriecht er auf allen Vieren iuS Wasser. Die Leute ringsum lachen und machen ihre Witze. Ich kann mich nicht rühren im ersten Schreck, wie ich sehe, daß er wahrhaftig ins Wasser kriecht und weint und weint. Wenns ihm aber bis an den Mund kommt, kriecht er immer wieder ein Stück zurück. Endlich komme ich zu mir und stürze aus dem Garten zum Wasser..Laß mich, laß mich', murmelte er. und die dicken Thränen laufen ihm Über die Backen,.ich will sterben, ich will sterben'. Ich reiße ihn an den Beinen zurück, seine Freunde kommen auch und helfen. Lachend haben sie ihn dann in ein Bett gebracht. Mit Wiesbaden war es an dem Tag nichts mehr. Damals Hab' ich nicht gelacht. Was ich in der Nacht unglücklich war, was ich in der Nacht geweint habe!!" Sie machte eine kleine Paiise. „Es war ja dumm, aber ich kannte die Männer noch so wenig. Jetzt Iveiß ich natürlich Bescheid. Wenn er jetzt spät nach Haus kommt und sich so recht trübselig aufs Bett setzt, nehm ich ihm einfach die Kleider weg. Dann be- ruhigt er sich bald wieder. Es schadet auch nichts, wenn er noch ein bißchen weint, es kann ihm wenigstens nichts zustoßen. Vorgestern Hab ichs auch wieder thun müssen. Nach dem Tag ist's bei seinem Patriotismus imnier besonders schlimm." Frau Magda war ganz entsetzt. Frau Schuldircktor Walter lachte und lachte. Sie konnte gar nicht wieder zu sich kommen. „Mein Mann." erklang jetzt die scharfe Stimme von Frau Doktor Horst,„wenn der so ist, ruft er immer: Ein Bein, ein Bein, ein Königreich für ein Bein, daß ich abschneiden kann!" Es sollte lustig klingen, kam aber ganz anders heraus. Nicht weil Frau Horst ihrem Mann wegen des Trinkens zürnte, sondern weil ihr ,der Aergcr noch zu sehr in der Kehle saß, daß sie den ganzen Nachmittag neben Frau Doktor Schreiber sitzen mußte. „Mein Mann," rief die Frau des Chemikers— sie war eine kleine, nette Person und immer in Schwarz. Einmal fand sie es vornehm und zlveitens hatte sie gehört, daß ge- wisse Damen in Berlin immer so gingen, deshalb fand sie es auch pikant; beides vereint war ihr aber das höchste.— „Mein Mann ist auch gar zu komisch. Er hält mir immer die Hand vor's Gesicht und ruft: Sch'n Sie diese große, starke Männerhand? Ich bin nämlich Chemiker, müssen Sie wissen, Chemiker!" Damit war man beim zweiten unerschöpflichen Thema: Die Männer. Eine wußte immer wunderbarere Sachen von ihrem zu berichten als die andre, und fast alle beteiligten sich mit Genuß an dem Gespräch, ohne im geringsteil ein Blatt Vörden Mund zu nehmen. Frau Amtsrichter Blau schwieg, ihr war das zu ungebildet. Auch Frau Roth sagte zunächst nichts. Sie träumte nur mit rotem Kopf ein wenig vor sich hin. Wie ihr Mann dann war? So zärtlich! Nein, das konnte sie doch nicht zum besten geben! Wenn sie es auch gern gethan hätte, um die andern auf ihr Glück neidisch zu machen. Auch Frau Doktor Schreiber- beteiligte sich nicht anl Gespräch. Ihr Mann war gar nicht freundlich zu ihr, weil sie nur dies eine Kind, das Unglück- liche Fienchen, geboren hatte, das der gesunde und starke Manu nicht lieben koirnte, weil es so armselig und häß- lieh war. Sie sah Fienchen unfreundlich von der Seite an und raunte ihr ins Ohr:„So sitz doch grade! Brust heraus!" Das arme Fienchen reckte sich und suchte die Brust heraus- zustrecken, obwohl es keine hatte. Frau Doktor Schreiber lächelte trüb auf das Kind. Es würde lvohl nie einen Manu bekommen. Dabei schien das dumme Ding selbst gar nicht zu wissen, wie arm es aussah. Es hatte ihnen noch heute früh so eine komische Scenc ge- macht. Fienchen war nämlich mit einem besonders feierlichen Gesicht zum Frühstück erschienen. Der Vater fragte gleich: „Schieß los! Was hast Du denn?" Da war das Fienchen rot geworden und wollte nicht heraus mit der Sprache. Frau Schreiber wurde ganz aufgeregt. Sollte der Bauunter- nehmer ihr vielleicht doch einen Antrag gemacht haben?„Wollt Ihr mir auch nicht böse sein?" fragte Fienchen ängstlich. Was sie nur hatte? Beide Eltern versicherten feierlich, daß sie nicht böse sein tvollten.„Auch wirklich nicht?" fragte Fienchen nochmals.„Wirklich nicht," versicherte der Vater ein wenig spöttisch.„Ich... ich"... begann das Fienchen stotternd.„Nun?" „Ich... möchte nie heiraten, ich möchte immer bei Eltch bleiben," hatte es schließlich erklärt, sich zärtlich an die Mutter geschmiegt und ein Gesicht gemacht, daß Doktor Schreiber aus dem Lachen garnicht herauskam. „Noch grader, Fienchen," sprach Frau Doktor Schreiber wieder. Und Fienchen setzte sich noch grader. „Da Hab ich's mit meinem Alten noch am besten." sagte jetzt die Frau Oberförster.„Es muß schon arg kommen, wenn ich ihm überhaupt was anmerken soll. Er pfeift sich dann ganz leise eins: Ich jog den Hirsch im wilden Forst, im tiefen Wald das Reh. Wenn es ganz schlimm wird, singt er. Das klingt zwar nicht schön, ist aber auch noch sehr harmlos: Und dennoch hat das kalte Herz die Liebe auch gefühlt." Von den Männern kam man auf die Kinder. Auch hier gab Frau Walter den Ton an:„Was»nsre Jüngste ist, das Mielchen, morgen wird sie sechs, die hätten Sie mal voriges Jahr in der See sehen sollen, als wir in Norderney waren. Ich sage Ihnen, ein Anblick, wenn sie so im Wasser war I All das schöne, lachsfarbene Fleisch I Man hätt am liebsten hineinbeißen mögen." Inzwischen war Wein und kalter Aufschnitt gebracht worden. Die Damen griffen tüchtig zu, während das Gespräch über die Kinder weiter ging. Frau Amtsrichter Blau, die keine Kinder hatte, wurde ungeduldig und fuhr mit ihrer harten Stimme dazwischen: „Ich denke, es wäre Zeit, daß wir uns schlüssig würden, was wir den Winter im Kränzchen lesen wollen. Ich schlage Tasso vor.„Von Goethe", setzte sie ein wenig spitz hinzu, um die andern zu ärgern durch die Annahme, sie wüßten das nicht. Die Damen merkten es wohl und waren alle gegen Tasso. Am Ende einigte man sich auf Wilhelm Tcll. Das sei doch innner noch das schönste und poetischte, meinte Frau Walter, die es ja wissen mußte, da ihr Mann den Unterricht in der Litteratur erteilte. „Also Tell. Aber oben drauf noch was Lustiges," meinte die Frau Oberförster,„was zum lachen". Man war ein- verstanden und wählte„das weiße Rößl", daS ja so sehr komisch sein sollte und doch auch anständig, wie es in den Zeitungen hieß. „Giebt's denn das bei Ncclam?" fragte Frau Amts» lichter Rot. „Nein," sagte Frau Amtsrichter Blau,„das Wohl nicht." „Was wird das weiße Rößl denn kosten?" „Ich denke etwa zwei Mark," meinte die litteratnrkundige Frau Blau. Es entstand eine kleine, bedrückte Pause. Zwei Mark. das war viel Geld. Frau Schuldirektor Walter sagte:„Können wir uns nicht ielleicht die nötigen Exemplare leihen? Es gicbt doch solche Anstalten." Die Frau Oberförster aber schlug vor, jede der Damen solle jede Woche zehn Pfennige in eine dafür bestimmte Büchse zahlen, dann würde nian das Geld bald haben. Die Frau Schuldirektor hätte diese unnötige Ausgabe zwar gern vermieden, aber die andren stimmten der Frau Oberförster zu. So war man denn doch nicht. Man that auch einmal etwas für die moderne Litteratur. Man wollte sich jetzt nicht lunipen lassen. Man brach auf. „Es war reizend l" „Ganz entzückend, Frau Oberförster I" „Wirklich, Frau Oberförsterl" „Süß war's", erklärte Frau Roth und machte wieder einmal ihre größten Augen. Bettchen wurde nochmals mit ihren Dienern vorgeführt, dann trennte man sich. Im Hausgang mußte Lieschen noch einmal Hihi sagen und Fienchen Schreiber hing sich eng an den Arm der Mama und fragte schon wieder:„Seid Ihr mir auch ivirklich nicht böse?" „Nein", entgegnete die Frau Doktor etwas unwirsch. Frau Anitsrichter Blau wartete unten auf Magda, als sie sah, daß diese ihren Wagen da hatte. Aber Magda dachte einfach nicht daran, die Frau Amtsrichter zum mitfahren auf- zufordern. So mußte sie denn durch den Schmutz heimtappen. Immer wieder murmelte sie dabei zornig:„Dies Geld, dies elende, gemeine Geld I" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Von Paul H. Hartwig. Blaugrauer Nauch hüllt die Giebelhäuser der kleiucu Stadt iu einen durchsichtigen, feinen Schleier. Er bleibt haften, und es sieht 'so aus, als ob er immer vorhanden wäre. Die Luft hindert sein Ausbreiten, die Luft, die so unbewegt ist und wie ein bleifarbenes, schweres Tuch hcrabhäugt, in das die beiden Türme der alten Der- witterten Kirche Löcher hineinzustoßen scheinen. Von den Linden lösen sich laugsam welke, frosterstarrte Blätter — in ihren, müden Fallen liegt so viel Hoffnungslosigkeit. Und mm bleiben sie auf den feuchten Steinen der stillen Straße liegen und harren des Junkers Sturm, der sie zu tollem jTanze in die Lüste entführt. Au dem Eckfenster eines altertümlichen Hauses steht ein Mann, in dessen Haar und Bart bereits viel Staub von der Landstraße des Lebens gefallen ist. Er ist der Stürme und steinige» Pfade herzlich müde gewesen und hat in dieser kleinen Stadt einen sicheren Hafen zum Ausruhen gefunden. Er beobachtet nur noch das Getriebe, das im Kleinen die große Welt da draußen wiederspiegelt und fühlt sich in dieser Rolle wohl.— Manchmal freilich-- Gerade hat er die Fensterflügel geöffnet, da dringt rtlvas von dem scharfen Dust des blaugrauen Rauchs herein. Kartostclfcuerrauch... Und jäh ivird ihm ein Erinnerungsbild lebendig. Gerüche ver- mittein so leicht Erimiernngen. Er ist wieder ein Schuljunge in einem grauen Anzug, aus deffen zu kurzen Aermeln die stets leicht geröteten Hände abenteuerlich lang hervorschcu. Und nun erst, Ivo sie rissig, geschwärzt, mit kleinen Brandwunden bedeckt sind und sich unter den Fingernägeln gehörige Portionen vaterländischen Bodens befinden I Im engeren Sinne ist dieser Boden ein Feld— ein Kartoffelfeld von ungeheuerer Ausdehnung. Und an dieses Feld stoßen neue und immer neue Felder, soweit der Blick reicht. Ab und zu tauchen wohl die unscharf umrisscncn Silhouetten knorriger, nackter Weiden auf. die einen melancholischen Teich einrahmen. Die Stadt liegt weit hinten, in Nebelschleiern versteckt, in die sich der scharfe, blaue Qualm der Kartoffelfeuer hineinstichlt. Der Kartoffelfeuer!— Es ist eine Sckwr lustiger unbändiger Jungen gewesen und einige Mädel waren auch dabei. Es gab welche, die sich voni Strickstrnmpf hinwegstahlen und mittobtcn, stünnifcher fast wie die Jungen selber. Nun sind sie brave Hausmütter— und die Locken, die ihnen einst wild und kraus um die hübschen Köpfe flogen, sind in ehrsame, glatte Scheitel gebändigt. Damals sind sie zur Zeit der Kartoffelfeuer immer dabei gewesen. Und mit welchem Eifer sie das dürre Kraut zu Haufen schichten — ein Reisigbündel, die Glut zu verstärken, wird sorgsam verteilt. Eins— zwei— drei— ein schwälender Rauch, züngelnde Flammen — hei, wie das brennt I Die Vorbereitungen zum Festmahl nehmen geraume Zeit in Anspruch. Von den gesammelten Kartoffeln werden die schönsten ausgewählt, und diese mit Aepfeln— harte Mntersortcn— in die glühende Asche geworfen. Augenblicke erwartungsvoller Spannung. Scharfe Ohren ver- nehmen ein leises Zischen. Ist's wohl schon so weit? Richtig, Kartoffeln und Aepfel haben sich allmählich mit einer dicken schwarzen Kruste bedeckt und werden mühsam aus dem heißen Bade herausgefischt. Das giebt ein delikates Mahl. Das Lottchcn hat zu den köstlichen, wie Nnßkcrn schmeckenden Erdäpfeln frische Butter ans der heimischen Speisekammer gehamstert; sie denkt auch an alles. Ja, ja, das Lottchen.-- Dem alternden Manne an« Fenster des Eckhauses in der kleinen Stadt greift die Erinnerung plötzlich leise ans Herz, und mitten in den blaue» Rauchschwade» steht das schönste Stück seiner Jugend. Wie viel übermiitige Lustigkeit— wie viel köstlicher Reiz in den gemeinsamen Heimlichkeiten. Wie ibre schönen braunen Zöpfe flogen, wenn sie mittollte wie ein echter Junge. Sie hätte die braunen Zöpfe am liebsten radikal abgeschnitten,«in den Jungens nur ähnlicher zn«verde». Sie konnte ordentlich in Wehmut verfallen, wenn man ihr klar machte, daß sie nun einmal kein Junge fei. Ein lieber Kamerad war sie. stets bereit, übermütige Streiche auszuführen, und vorn dran,«venu es galt, für eine cutdeckte Frevel- that einzustehen.-- Die Kartoffelfeuer brennen immer noch, und die glücklichen Kinder, deren Lebensfreude nicht durch falsche Erziehung nieder- gehalten wird, versuchen, durch die brennenden, schwälcnden Haufen zu springen. Dabei schreien sie laut ihre liebsten Wünsche. Wer durch den Qualm gelaugt, ohne daß ihm die Augen thräuen, dem gehe» sie in Erfüllung! Kinderwnnsche... Wieder flammen die Feuer auf. Eine andre Generation, nicht mehr so spielfroh und lustig,«vie es scheinen«vill, übt auf den weiten, in Dunst verfchwimmcnden Feldern die alten Freuden. Zwei junge Menschen, in deren Augen noch die ganze, durch nichts getrübte Lebenshoffnung funkelt, gehen fein sittsam den schmalen Feldweg hinauf. Die braunen Zöpfe des Mädchens sind tief im Nacken zu einem Nest zusammengesteckt, und das blaue Kleid von feinem Wollstoff reicht bis auf die Füße. Sie unterhalten sich ehrbar von der Zukunft, die in der Bälde ein andres Gesicht annehmen wird, wie die Gegenwart, derer sie müde sind, weil sie vielleicht zu schön ist. Nun lachte in ihren Augen der Schalk. „Du, die Feuer brennen,—«vollen«vir noch mal durchspringen und uns«vas dabei wünschen?" „Aber—" „Die Kinder sehen's ja bloß, oder genierst D» Dich etwa „Gewiß nicht. Lotte." „Na, also—" Sie schürzt ihre Röcke. Eins— zwei— drei-- wie die Funken stieben I „Aber Du hast Dir ja nichts geivüuscht." „Von Dir Hab' ich auch nichts gehört, Lotte." „Bitte, mir«vor Rauch in die Kehle gekommen � gewünscht Hab' ich mir schon ivas." „Ich auch, und es muß in Erfüllung gehen—«msre Augen thräuen ja nicht." Das Orakel war diesmal trügerisch— die Erfüllung der stummen Bitten ist ausgeblieben. Mit den liebsten Wünschen Pflegt's ja stets so zu gehen.--- Der Träumer am Fenster fröstelt. Von den Bergen, die sich inr Osten des Städtchens auftürmen. macht sich ein rauher Wind auf. Er«virbelt die toten gelben Blätter der Linde empor und treibt den blauen schweren Ranch durch- einander, daß er bald nicht»«ehr von dem grauen Herbstgewölk zu unterscheiden ist.— Die EefoeMxung dev Akttrosplziiee , Nittels Tnftbnllon nnv Den che». Mit diesem Thema begannen die Vorträge, die«vährcnd des Winters an jedem Mittwochabend in der Urania gehalten werdcir sollen. Prof. A ß m a n n, der Vortragende, gehört zu den Männern, welche selbst in hervorragender Weise an der Entwicklung der modernen wissenschaftlichen Luftschiffahrt zur Erforschung der Atmosphäre bei- getragen haben. In seinem Vortrag kam das allerdings nicht zum Ausdruck, da sein Name überhaupt nicht erwähnt wnrde. Die wesentlichsten Daten, um deren Feststellung es sich beim Aufsteigen in die Höhe handelt, sind die Temperatur und der Druck, wozu als drittes noch der Feuchtigkeitsgehalt kommt. Der Luftdruck läßt sich verhältnismäßig am einfachsten feststellen, dagegen macht eine genaue Beobachtung der Temperatur sehr erhebliche Schwierigkeiten. Jedermann weiß, daß ein Thermometer, welches die Temperatur der umgebenden Lust anzeigen soll, nicht den un- mittelbaren Strahlen der Sonne ausgesetzt«Verden darf: das Glas sowie das Quecksilber»vücden in hohem Maße Wärme ver- Miickeil und sich linf eine viel höhere Teiiipernhir erwärmen, als es der Nnigebung entspricht. Deshalb hängen unsre Thermometer stets im Schatten, was sich in Luft- schiffen schließlich wohl auch erreichen ließe. Aber etwas andres ist in Luftschiffe» ganz undurchführbar, nämlich die Bestrahlung von feiten des schntten'gebenden Körpers auszuschließen. Auch auf der Erde strahlen ja alle ertvännten Körper beständig Wärme aus und ein Thermometer empfängt daher andauernd Wärniestrahlen aus seiner Umgebung; aber das stört hier nicht sehr. Denn im Freien herrscht stets eine ununterbrochene Bewegung der Atmosphäre, so daß beständig neue Luftmassen niit dem Thermometer in Berührung kommen! Durch diese andauernde Ventilation wird das Quecksilber vor Erivärmnng geschützt, so daß es in der Thnt die Temperatur der Luft anzeigt. Ganz anders ist das im Luftballon. Dieser geht ja mit dem Wind, und zivar mit der Geschivindigkeit des Winds, so daß von einem Luftzug, von einer Ventilation im Ballon gar nichts zu spüren ist. Daher ist das Thermometer, wenn es auch nicht unmittelbar in der Sonne hängt, doch einer andauernden Bestrahlung ausgesetzt; selbst wenn es sich in einem Gefäß befindet, dessen Wände sorg« fältig poliert sind und deshalb die Wärmcstrahlen in hohem Maße zurückwerfen, läßt sich der Einfluß dieser Strahlung nicht so völlig vermeiden, daß die Angaben des Tbcrmouictcrs uicht um niehrere Grade zu hoch ausfallen, wodurch ihr Wert erheblich sinkt. Daher haben denn auch bedauerlicherweise die zahlreichen älteren Luftfahrten, die zu wissenschaftlichen Zwecke» unternomme» Ivorden sind, fast gar keinen Wert; die von den betreffenden Forschern mitgeteilten Zahlen über die von ihnen beobachteten Teniperaturen erlauben gar keine Schlußfolgerungen, da die Zahle» zu ungenau sind. Eine neue Epoche der wissenschaftlichen Erforschung der Atmo- sphäre mittels Luftfahrten trat mit der Benutzung der von Aßmann konstruierten As Pirations-Thermo meter ein. In demselben befindet sich das Thermometer im Innern ziveier gleichachsiger vernickelter Messingröhren, die innen und außen glänzend poliert und außerdem durch einen schlechten Wärmeleiter getrennt sind. Außerdem aber befindet sich im oberen Teil des Apparats ein Ventilator, der durch ein Uhrwerk in Bewegung gesetzt wird; die zwischen zwei schnell rotierenden Scheiben befindliche Luft tvird an deren Peripherie ansgeschlcndert und dadurch ein andauernder Luftstrom erzeugt, der beständig frische Luft am Thermonictcr vorbeiführt. Um nicht Lust, die durch Bestrahlung vonr Korbe aus erwärmt ist. sondern freie Luft zu erhalte», wird das Justrnmcnt außerhalb des Korbs an einer besonderen Vorrichtung aufgehängt. Die höchsten Schichten, welche von Mensche» in Ballons erreicht werden können, durften auf 10 000 Bieter zu schätzen sei»; bis jetzt ist die größte Höhe, SlöO Meter, von Berson erreicht worden. Um größere Höhen zu erreichen, hat man seit einigen Jahren begonnen, leichte Ballons mit selbstregistrierenden Instrumenten anfzulassen. Dieselben steigen rasch in die Höhe, bis sie ihre Gleichgewichtslage erreicht haben, in ivelcher sie längere Zeit schwebend verharren. Wenn dann das Gas durch Diffusion sich zu cntlecrc» beginnt, sinke» sie erst langsam und da»» ziemlich rasch herab. Auf diese Weise hat man Höhen bis zu 18 000 Meter bei einer Temperatur Von 08 Grad Kälte erreicht. Das ivesentlichste an diesen Untersuchungen ist, daß sie möglichst zahlreich nnd an möglichst vielen Orten gleichzeitig vorgenommen werden; denn mir dann, wenn Daten ans vielen Orten vorliegen, läßt sich der Zustand in den oberen Schichten der Atmosphäre niit dem in de» unteren Schichten vergleichen. Diese Ballons führe» bezeichnenderweise den Namen Sondier- b a l l o n s. Eigentlich hat jede Ballonfahrt mehr oder weniger den Charakter einer Sondierung, einer Stichprobe in die Atmosphäre hinein, uni über den augenblicklichen Zustand einige Daten zu erhalten. Auch bei den bemannten, mit Beobachtern besetzten Ballons ist eine Dauerfahrt bei dem gegenwärtigen Stande der Luft« schiffahrt nicht möglich. Um ein Öbscrvatörium längere Zeit in großen Höhen schwebend zu erhalte», ist man in neuerer Zeit wieder auf die Drachen verfallen, die ja in ihrem Princip jedem aus seiner Jugend bekannt sind. Wie den Sondierbnllons, so gicbt man auch den Drachen Registricrapparnte mit; indem man mehrere Drache» hinter einander an demselben Drahtkabel auf- steigen ließ, ist eS gelungen, Höhen bis zu 4000 Meter z» er- reichen. Durch allgenieiucre Benutzung dieser Methoden tvird es sicherlich gelingen, die Beobachtungen sehr zn häufen und in Zusammenhang zu bringen. Freilich ist hierzu das iuternationale'Znsammenarbcite» nötig. Wie die Luftströmungen sich an keine Grenzpfähle kehren, so muß auch ihre Untersuchung über die Grenzen hinweggehen; sie trägt somit auch zur kultnrföpderiiden Vereniignug der Menschen in fried- licher Arbeit bei.— Lt. Kleines �euillekon» clr. Bilder vom amerikanischen Wahlkampf. Man berichtet aus Nelv Dork:«Gesucht: Junge Künstlerinnen für eine Tournee in Vandcvillcs und junge Leute für das holländische Lustspiel nnd Negerlieder. Erstklassige Gehälter für eine Fahrt nach Westen und Garantie für eine längere Zeit.*... Diese sonderbare Annonce in New Aorker Blättern zog vor kurzem viele«Schmieren*-Künstlcr an, die auf ein Winterengagement hofften. Sie fanden Mr. Skinner, einen großen Mann mit kräftigem Schnurrbart, einem„rougli-ricker". Hut, einer wildledernen Uhrschnnr, schweren kalbsledernen Stiefeln und einer Stimme, die alle Cowboys in einem Umkreis von fünf Meilen kommandieren könnte.„Es handelt sich nicht um eine eigent- liche dramatische Thätigkeit, sondern um— Politik*, erklärte er„und zwar um die Wahl W. A. Clarks zum Senat von Montana und Bryans zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wir bereisen den Staat Montana vom 1. Oktober' bis zum Wahltag im November, und jedes Lied, jeder Tanz, jeder Witz, der da zum besten gegeben werden soll, ist für Clark nnd Bryan." Die von Skinner in Nelv Uork organisierte Gesellschaft macht jetzt thatsächlich eine politische Wahlreise durch Montana. Der Text nnd die Musik der Lieder sowie die im Dialog vorkommenden Scherze sind von Autoren von anerkanntem Ruf zu dem Zweck geschrieben, Begeisterung für Bryan und den mehrfachen Millionär und Kupferkönig zu wecken, der von der letzten Tagung des Senats ausgeschlossen war. Da die Vorstellnugen frei sind, müssen in jeder Stadt, in de» die Gesellschaft spielt. Hunderte wegen Raummangels von den Thüre» des.Opernhauses" abgelviesen werden. Clarks„slro-w" wird ihm 100 000 Dollar kosten, den» er braucht dreißig Leute mit einem wöchentlichen Gehalt von durchschnittlich 000 M. einen Monat lang, bezahlt sämtliche Reisespesen und bewirtet sie reichlich. Nach jeder Vorstellung wird„gestimmt*; natürlich ist das Publikum einstimmig für Clark nnd Bryan, und ziveifellos wird durch solche Manöver ein Teil der Stimmen wirklich gewonnen werden. Dann hat Bryan selbst Mitte September die Mode eingeführt, die Landbezirke in einem Automobil zu bereisen. Dieser Gedanke ist natürlich sofort allgemein aufgenommen worden. Tansende solcher Gefährte sind bis �»ii Ende des Wahlkampfs gemietet, und die Redner befahren in ihnen die ziveifelhaften Staaten. Auch die Frauen, die diesmal mehr Anteil an den Wahlen nehmen, kommen auf die sonderbarsten Einfälle. Alice Wilson, die für die Republikaner Indiana bereist, reitet auf einem milchweißen Pferd und sie singt und spricht vom Sattel aus. In Kansas behauptet Jane Brown, eine zweite „Jnngfran von Orleans* zu sein; sie beschreibt ihre Visionen vor begeisterten Populisten. Eine Frau aus Kolorado hat einem Bären gelehrt, aus einem ganzen Alphabet mit einem Stab die Buch- stabcn von Bryans Namen zu bezeichnen, sie bezieht dafür von dem demokratischen Komitee ein anständiges Gehalt. In Greeley, Colorado, überreichte MrS. Downey als Vertreterin aller republikanischen Hausfrauen Noosevclt einen selbstgebackenen Kuchen, zu dem jede etwas gegeben hatte, ein Stück Zucker, einen Löffel Melasse, etivas Mehl, Speck, Butter oder Ge- würz. Fast tausend Fr'aucn hatten dazu beigesteuert,— der Kuchen Ivog fünfzehn Pfund. Dabei passierte jedoch der Dame, die im mittleren Alter steht nnd sich eines ansehnlichen Körpergewichts er- freut, das Mißgeschick, beim Betreten der Plattform des Waggons — Roosevelt hielt sich nur auf der Durchreise auf— jfz» fallen und sich ein ganzes Stück im Sande zu wälzen, so daß der Gouverneur über de» Anblick lachen mußte. Mrs. Downey aber richtete sich auf nnd wehte mit dem Taschentuch, bis der Zug außer Sicht war. Auch die Temperenzler tragen ihrerseits ihr Scherflein zu den Neber- spanntheitcn des Wahlkampfs bei. Mrs. Spragne, eine Beamtin der Indiana»Womans Christian Temperanee Union", regte vor kurzem eine.Gebetskette" gegen Mc Kinlcy an, und zlvar in der Form, daß jede Person, die betete, daß er unterliegen möchte, zwei weitere dazu bringen sollte, dies auch ihrerseits zn thnn. Darauf regte Mrs. Short, die demselben Verein in Illinois angehört, eine andre Gebetskette f ü r Mc Kinley an I I. G. Woolley reist im Lande in einem sogenannte»„Kalt>vasscr"-Z»ge umher. Er bezahlt den Zug und hat Leute für ihn gemietet, von denen nicht einer, vom Zug- sührer bis zum Bremser, je in seinem Leben Alkohol in irgend einer Form getrunken hat oder haben soll.— — Nene Gradmeffnng in Afrika. Auf dem in den letzten Tagen in Paris abgehaltenen Gcodäten-Kongrcß hat der Leiter der Kap-Sterulvarte, Sir David Gill, die Mitteilung gemacht, daß unter seiner Leitung mit der AnSführung einer neuen afrikanischen Grad- Messung begonnen worden ist. Der zu messende Meridianbogen Ivird nicht weniger als 00 Breitengrade umspannen und vom Kap der Gute» Hoffnung bis nach Alexandria sich erstrecken, also ganz Afrika der Länge nach durchqueren. Mit Ausnahme einer kurzen, inner- halb Dcutsch-OstasrikaS liegenden Strecke verläuft dieser ganze, rund 7000 Kilometer lange Meridianbogcn auf englischem Besitz oder Schutz- gebiet(Kapland, Betschnanaland, Britisch- Ostafrika, Kordofan, Aegypten). Von seilen des Deutschen Reichs ist die Ansführnng der notwendige» Messungen im Gebiete von Deutsch- Ostnfrika bereit- willigst gestattet worden. Im Süden von Afrika sind die Arbeiten trotz des Kriegs bereits beträchtlich vorgeschritten. Der Pariser Kongreß hat die Vertreter Englands zn diesem großartigen Unter- nehmen auf das ivärmste beglückwünscht und er hat gleichzeitig den Wunsch ausgesprochen, daß zwischen Frankreich, dem Kongostaat und dem Dentschen Reich ein Abkommen getroffen werden möge, ans Grund dessen eine das englische Unternehmen ergänzende Breitengrad- Messung, die sich von Fraiizöstsch-Kongo bis nach Deutsch- Ostafrika erstrecken soll, zur Ausführung gelangen könnte.— Musik. Die Bemühungen, den lange zurückgesetzten Komponisten Hector Berlioz(1803—1869), den Meister der Instrumentation und der dichterisch ausdrucksvollen Jnstruincntalkoinpositio», der vielberufenen.Prograininmusik", vollauf zur Geltung zu bringen, sind noch Iniitie nicht am Ziel. Vor allem richteten sie sich bisher Haupt- sächlich nur ans seine Orchester- und Gesanqskompositioueii. Unter jenen ist die so iippiq charakteristische Ouvertüre..Nöinischer Karnelial" ein län-ist beliebtes Konzertstück. Dagegen gilt Vcrlioz als dramatischer Komponist noch immer Ivenig und insbesondre sein Versuch von 1838(in Paris), mit der Oper„ B e n v e n u t o C c l l ini" festen Fuss zu fassen, al§ mißlungen. Doch hat F. Mottl in Karls- ruhe seit längerem für Berlioz als Opernkomponistcn gesorgt, und ein interessantes Bruchstück aus einer der Trojaner-Opern bekamen wir vor einiger Zeit hier in einein Konzert, ich glaube der Wagner- Vereine, zu hören. Nun hat unsre königliche Oper, nach einem flüchtigen Anlauf vor mehreren Jahren, eine neue Vorführung des „Benvcimto Ccllini" seit längcrem versprochen und am Mitlivoch ausgeführt. Das Opernwerl beruht ans einem sehr mäßigen Text, den Aug u st e Barbier, der Satiriker(nicht der allbekannte Librettist Jules Barbier), in Gemeinschaft mit Leon d e W a i l l y geschrieben hat. Es handelt sich um eine Verflechtung persönlicher und knustlerischer Schicksale des großen kunstgewerblichen Meisters und Bildhauers der Renaissance, allerdings mit einei» sehr freien Verfügen über die Historie; so soll im Jahre 1S32, zwei Menschenalter vor Entstehung der Oper, von der Aufführung einer solchen die Rede sein. Das Interessanteste am Text ist ivoh'l seine Uebersetzung ins Deutsche durch Peter Cornelius: eine kräftige, ctlvas herbe' Sprache, die sich durch das Legen der sprachlichen Accente auf die musikalischen Accente hoch über die gelvöhnlichen Wortschindcrcien der Opernübersetzungen er- hebt. Cornelius' eignes Hauptwerk.„Der Barbier von Bagdad", soll uns durch seine demnächstige endliche Aufführung hier diesen ebenfalls noch verdunkelten dramatischen Komponisten und Dichter neudentscher Art direkt kennen lehren. Der„Beuvenuto Cellini" ist von vornherein um die Aussicht einer künstlerisch vollkommenen Wirkung gebracht durch die Natur seines Textes, der fast ganz episch, ja beinahe ein Episodenstück- werk ist. Nur gegen Ende nimmt er einen dramatische» EM- wicklungsgang[durch die Bewährung der Kiiustlerpersönlichleit des Helden,' zu der aber fast jegliche charakterisierende Vorbereitung fehlt. Um so interessanter ist es, zu sehen, mit welcher Sorge nm richtigen Ausdruck sich die Musik damit abzufinden sucht, obschon sie die„alten Opernformen" nicht zerbricht, sondern möglichst natürlich zu verwerte» sucht. Wie verständlich wird uns jetzt jeuer„Römische Karneval" als Zwischenaktsmusik mit der daraus musikalisch hervor- wachsenden wirklichen Karnevalsscenel Und nun achte nran auf die Zurückhaltung der Komposition überhaupt, lvie insbesondere in ihren orchestralen Bestandteilen l Die Meisterschaft dieser Zurückhaltung bedenket zugleich eine Ehrenforderung an die Regie, die Kunst, die ihr der Komponist frei gelassen hat, zu entfalten. Von unsrer Königlichen mag man manches ver- langen, nnr nicht hohe Leistungen der Regie. Es hieße verschwenden, Ivoilten wir alle die einzelnen Unklarheiten und Unmöglichkeiten der scenische» Ausgestaltung aufzählen. Zudem fehlt in jenem Haus er- sichtlich eine künstlerische Gcsamtleitung, die den Reichtum an ein- zelnen Kräften zu großem einheitlichem Wirken führte. Schade um die aufopfernde Arbeit der Einzelnen; ivir ehren sie ivohl am besten, indem wir sie alle namenlos anerkennen. Nur die eine dieser Kräfte zeichnete sich, insbesondere durch die musterhaft deutliche Stimme, die hell und klar das Haus durchdrang, so sehr aus, daß wir sie als den Ersatz der vermißten Oberleitung und wohl als den teilweise» Retter künstlerischer Ehre begrüßen können: der Souffle» r. Hoffentlich wird er uns an keine Konkurrenzbühne in Blieskastel oder onstivo wegbernfeu werden.— sz. Völkerkunde. n. Vamphrglanbe ans C e l e b e s. Bei sehr vielen Vollem der Erde findet sich der Glaube an Werwölfe. Mmi versteht darunter Menschen, welche ihre Mitmenschen töten, um ihnen das Blut auszutrinken oder sonst Teile ihre? Körpers zu verspeisen. Dabei treiben die Wertvölfe ihre schlimme Hantierung nicht etlva aus bösem Willen, sondem sie unterliegen einem unwiderstehlichen Trieb. In Celebcs herrscht nun die ganz eigentümliche Anschauung. daß das Werwolftum von einem' Menschen ans den andern durch Ansteckung übertragen wird, und zwar nicht unmittelbar, sondern mittels Gebrauchsgegenständen, also genau so, wie wir uns jetzt die Verbreitung ansteckender Krankheiten denken. Ein Kind z. B. kann Werwolf werden, wenn eS von dem Reis ißt, den sein Vater, der ein Wertvolf ist, übrig gelassen hat; ein Mensch wird Werwolf, wenn er den Trinknapf benutzt, ans dem ein Werwolf getrunken hat, oder wenn er beim Betelkaucn von demselben Kalk nimmt(Kalk gehört ja zum Betelgenuß), von dem ei» Werwolf etwa? benutzt hat. Nun sollte man meinen, daß diese Art der Werwolfübcrtragnug die Einwohner von Celebcs gegen die Werwölfe, die ja nichts dafür können, daß sie es geworden sind, milde stimmt: aber nein, wer nach ihrer Meinung überwiesen ist, ein Wertvolf zu sein, wird erbarmungslos hingerichtet, und solche Werwolfsprozesse kommen bis in die»cncste Zeit häufig vor.— Medizinisches. en. A n g e n- K o p f s ch m e r z c n. Es ist eine bekannte That- fache, daß ein großer Tel! der Kopfschmerzen, an denen die Mensch- heit zu leiden hat, von den Augen ausgeht. Es sind aber merk- würdigerweise nicht die schlechten Augen, also die sehr kurzsichtigen Verantwortlicher Redacteur � Heinrich Wetzker in Groh-L! oder sehr Weitsichligen, deren Anpassungsfähigkeit für die Betrachtung eines Gegenstands gering ist, sondern gerade diejenigen, die mit Bezug auf ihre Sehkraft nnr ganz wenig zu wünschen librig lassen. Dieser Umstand erscheint auch erklärlich, denn ein sehr Weitsichtiger oder sehr Kurzsichtiger giebt es bald auf, ohne weitere Hilfsmittel sein Auge zur Erfüllung seiner Aufgabe zu zwingen, sondern er schafft sich einfach ein zweckmäßiges Glas an, das die nötige Anpassung besorgt. Ist aber die Anpassungsfähigkeit des Auges nur wenig be- einträchtigl, so wird sein Besitzer versuchen, ohne andre Hilfsmittel auszukommen, er wird daher die betreffenden Muskel» häufig an- strengen, sie dadurch rebellisch und zum Erreger von Kopfschmerzen machen. Die sogenannte Alterssichtigkeit, d. h'. diejenige Veränderung der Sehkraft, die sich niit dem Alter einstellt, wird iiur selten zum Anlaß von Kopfschmerzen, außer beim Beginn ihrer EntWickelung. Ferner ist es festgestellt worden, daß die äußeren Augeinnuskein weniger oft zu Kopfschmerzen reizen, als die Anpassun'gsmuskeln. obgleich jene wieder häufiger Migräne, Schwindel und allgemeines Uebelbefindeu verursachen.— Ouuioriktislkies. — Respektsperson. Schneider Tupfer!(welcher als Gemeindediener gewählt ivurde, zu seiner Frau):„...Und döst's weißt, Bärbel, wennst Dich von jetzt ab noch ainal an mi' vergreifst, is dös a' B e a m t e n b e l e i d i g u n g I"— — SB i» l. Fräulein(zu ihrem schüchternen Verehrer); „Sagen Sie, Herr Adolf, giebt's eigentlich bloß in den Romane u Küsse?"— — K i n d e r m n n d. Der kleine Hans sollte nach Ostern als ABC- Schütze in eine Vorllasie eintreten. Einige Tage vor Beginn der Schule kam er zu seinem Vater in dessen Schreibzimmer und sagte ernst: „Vater, ich muß Dir was sagen." »Na, was denn, mein Junge?" »Ich will Dir man bloß sagen, in die Schule gehe ich nicht." „So, warum denn nicht? Du mußt doch'lernen und klug werden." „Nein, in die Schule geh' ich nicht," wiederholte der Kleine fest und entschlossen,„eine ganze Stunde st i l l sitzen, das kann ja kein Mensch aushalte n." Notizen. — Von Hermann Bahr ist im Wiener Verlag„Der Franzi", fünf Bilder eine? guten Manns, erschienen.— — Der dänische Schriftsteller Hermann Bang, der Ver- fasser von„Am Wege", liegt in Kopenhagen todkrank danieder.— — G er h a r t Hauptmann hat zwei neue Stücke: „Michael Krämer" und„Der arme Heinrich" nahezu vollendet: eines dieser Stücke wird noch in dieser Saison aufgeführt werden.— — E l s b e th M e y e r- F ö r'st e r s Drama„ K ä t b e" wird am 20. Oktober als Sondervorstellung im Berliner Theater in Scene gehe».— —„Seeluft", ein dreiaktigcS Lustspiel von S t o b i tz e r, ist vom Schauspielhaus zur Aufsührnng nngenommeu worden.— — I o s e p h i n e Glöckner, bisher Soubrette am Carl- Theater in Wien, wird im Februar im Apollo-Theater in Berlin aufretcn.— — E i n internationales Preisansschreiben für einen modernen Salon für die internationale Kuilstausstelluug zu Dresden im Jahre 1001 hat Robert Hoffmann in Dresden, Falkeustraße 7, erlassen. Die ausgesetzten Preise betragen 1000, 500 und 300 M.— — Pflanze»leben in großen Höhen. Der höchste Punkt, wo bisher mit Sicherheit blühende Pflanzen gefunden worden sind, lag in den Anden in einer Meercshöhe von etwa 5170 Meter, wiewohl der botanische Garten von Kew Pflanzen aufweist, die in noch etwas größerer Höhe angetroffen sein sollen. Sir Martin Conwny hat nun von seiner letzten Expedition in die bolivianischen Slude»(vgl.„Globus" Bd. 78, S. 114) ein halbes Dutzend Pflanzen- arten heimgebracht, die in einer Höhe von über 5490 Meter blühten, eine gar in 5025 Meter Höhe. Es sind eine Steinbrechart, eine Malve, eine Baldrianart und mehrere Compositae. Diese erreichen die äußerste Höhe der Phaneroganien in Tibet, wo Dr. Thorold einer Slrt in 5770 Meter Höhe begegnete.— — M ii I l e r contra„Nora". Im Görlitzer Stadt-Theater wurde dieser Tage Ibsens„Nora" gegeben. Als bis zur Hälfte des ersten Akts gespielt worden war, erhob sich plötzlich ein Zuschauer und sprach nach einigen unverständlichen Worten:„Das Stück paßt mir nicht. Ich heiße August Müller." Der anscheinend ans der Kneipe Gekommene halte gewiß noch weiter laut kritisiert, wenn man ihn nicht ans den heiligen Hallen hinaus„gewinkt" hätte.— Die nächste Nummer des UnterhaltungSblatts erscheint am Sonntag, den 14. Oktober. hterfrlde. Druck uui> Verlag von Max Badiug in Berlin.