Mterhaltmgsblatl des'Vorwürts 199 Sonntag, den 14� Oktober. 1900 (Nachdruck verboten.) io] Mnkev LvoMen. Roma n von Kurt A r a nr. Mngda war ganz ermattet von all dem Gerede und immer noch entsetzt über den Inhalt desselben. Und doch wußte sie genau, daß es so ähnlich stets war; nur daß sie jetzt fast ein halbes Jahr nicht mehr dabeigewesen. Unter diesen Frauen hatte sie sich eine Freundin suchen w ollen? Tas war rein unnwglich. Die würden sie einfach auslachen oder bestenfalls sagen: das ist nun mal nicht anders, darein muß sich eine ordentliche Frau finden, ülMmier sind eben keine Engel, und dergleichen. Sie würden wohl auch gleich mit ihren Erlebnissen kommen und zeigen, daß sie noch viel ärger wären als die ihrigen, sie also gar keinen Grund hätte, sich zu beschweren. Aber vielleicht die Frau Oberförster? Auch das ging nicht. Dieser gesunden, robusten Frau gegenüber würde sie wahrscheinlich den Mund garnicht austhnn können. b So mußte es denn doch ohne das lveiter gehn. Sie lächelte müde. Ter Doktor Schäfer, der morgen kani? Das gäbe gewiß auch nur eine Enttäuschung. Ilbcr lange konnte es so nicht mehr iveiter gehn, es konnte nicht!! Ihre Gedanken flatterten unruhig hin und her. Sie waren wie junge Vögel, die aus dem warmen, sicheren Nest gefallen sind, frieren, in ihrer Hilflosigkeit sich fürchten und zugleich aus Selbsterhaltungstrieb suchen, wo sie sich jetzt niederlassen können und wieder warm und zufrieden lverden. Für sie aber gab es, wie es schien, nur noch eins, ein letztes, allerletztes Niettnngsmittel. Sie schloß die Augen und suchte sich dies eine auszumalen. Ihre Gedanken wurden dabei ein wenig ruhiger. Sic ließen sich gleichsam fiir einige Minuten in der Nähe des einen nieder und betrachteten es einstweilen neugierig, aber noch unsicher. „Husch!" Da flogen sie wieder ans und flatterten ängst- lich.„Nein, nein, noch nicht, ich bin ja noch so jung!" sagte sie laut. Der Wagen hielt am Ringhotel. Jean, der Oberkellner, stand schon bereit. Otto ließ sagen, er könne eben nicht mitfahren, er habe eine dringende Abhaltung. Der Kutscher solle gegen Mitternacht wieder kommen. Seufzend fuhr der wieder ab. Magda lehnte sich erleichtert in die Kissen zurück. Ihr war es bedeutend lieber so. Die Gedanken flatterten wieder um das eine, derweil der Kutscher im schärfsten Trab zufuhr, denn jetzt war es egal, jetzt würde der Wagen doch so schmutzig »verde, t, daß er zwei Tage daran putzen mußte. Schnell ging es durch die dunkle Nacht. Ein wilder Sturm hatte sich aufgemacht und fegte durch das enge Thal. Otto hatte nach seiner Ansicht in der That eine dringende Abhaltung, denn eben war Amtsrichter Roth gekommen, mit dem er ja über Scheiduugsgründe reden wollte. Der Amtsrichter merkte natürlich sofort, wohinaus das sollte, denn er»vußte wie jeder der Honoratioren um Ottos Verhältnis nüt Frau Schmidt. Aber er that ganz harmlos und ließ sich ausfragen. Da Otto auf diese Weise nicht zu rechter Klarheit konuuen konnte, legte er schließlich den ganzen „Fall" offen dar. Er lei glücklich verheiratet, log er, selbstverständlich. Um so was handle es sich nicht. Aber er habe nun mal so heißes Blut und seine Frau sei etwaS frigid, da habe er halt diesen Ausweg gesunden. „Selbstverständlich, das läßt sich denken," fiel der Amts- richter sofort ein,„ist mir sehr begreiflich." Er sagte, was er über den Fall dachte. Er war aller» dings nicht so ganz einfach nach der Meinung des Amts- richters, und das wichtigste sei, daß eben die Frau Gemahlin nichts merke. Die Frau Schmidt Ivürde wohl reinen Mund halten? Otto nickte zustimmend. „Sind Sie denn des Mannes sicher? Oder weiß der gar nichts?" Der Amtsrichter machte ein sehr neugieriges Gesicht, denn das war ihm das eigentlich Interessante an dein ganzen Fall. Otto sah das wohl und ain liebsten hätte er Roth eine grobe oder gar keine Antivort gegeben. Nicht»veil er sich doch ein bißchen schämte, sondern weil er den Amtsrichter gern ein»venig geärgert hätte, dadurch, daß er dessen Neugier nicht befriedigte. Aber nun er so viel gesagt, nmßte er auch alles sagen. „Der Frau Schmidt bin ich ganz sicher, die frißt mir aus der Hand; und �des Mannes auch. Er»vciß natürlich Ve- scheid, aber er wird sich hüten, etwas merken zu lassen, denn er ist in meiner Hand. Ich Vcrlvende ihn seitdem auf dem Comptoir, habe ihm auch ziemlich viel gepunlpt, so daß er an den Vettelstab käme, wenn er muckste. „Tas ist ja prächtig," sagte Roth, aufrichtig erfreut,„da haben Sie ja eigentlich»virklich nichts zu fürchten. Es müßte doch ganz wunderbar zugehen, wenn Sie doch noch Un- anuehinlichkeiten haben sollten." F„FreiIich," setzte er nach kurzer Pause hinzu, aber nur, uin sich»vichtig zu machen,„der Zu- fall spielt oft»vundcrbar. Aber ich glaube doch nicht, daß Sie sich Sorge zu machen brauchen, zuinal Ihre Frau Ge- mahlin ja so völlig zurückgezogen lebt. Das erleichtert die Sache sehr." Die beiden sprachen noch eine ganze Weile über den Fall, ganz objektiv und kühl»vie über eine durchaus mindeNvcrtige Angelegenheit. Keiner schämte sich auch nur im geringsten vor dem andern, nun das Eis einnial gebrochen»var. Sie wären höchst erstaunt, ja beleidigt gewesen, wenn sich jcinand über ihre Art und Anschauung hätte entrüsten»vollen. Denn »virklich schlecht handelte ihres Erachtens bei dein ganzen Fall nur der Mann Schmidt. Es war allerdings ein starkes Stück, daß er sich das so ruhig gefallen ließ. Da sieht man wieder, »vas diese Leute für sonderbare Anschauungen haben. Wenn sie dächten, so was könnte ihnen zustoßen? Donnerwetter I würden sie aber eklig werden, sehr eklig!! Ein Duell unter den schwersten Bedingungen»väre das mindeste. Aber diese Menschen haben ja kein Ehrgefühl, da geschah es ihnen nur recht, wenn sie so behandelt»vurden, denn„»vas der Mensch wert ist, fährt widder'n". Man war ja einer solchen Ver- konnnenheit gegenüber schon fast dazu verpflichtet. Das so interessante Gespräch wurde abgebrochen und der bleiche, schlanke, nervöse Amtsrichter Roth, der ein schöner Mann»var, lehnte sich etwas gelangweilt in seinen Stuhl zurück, weil Amtsrichter Blau und Nealsch»»ldirektor Walter im Klubzimmer erschienen. Aintsrichter Blau hatte das richtige Nußknackergesicht. Quer über die Stirn eine Falte»vie einen dicken Strich, je eine eben solche rechts und links an dein großen, schmal- lippigen Mund her, und einen völlig viereckigen Schädel, was stets deutlich zu sehen war, da er das Haupthaar immer sehr kurz geschoren trug. Nur wenig Schnurrbart, und den Backen» bart rechteckig zugeschnitten. Auf den hervorragenden Backen» l, lochen zwei gleich große, gleich rote Gesundheitsflecken und in den kleinen hellgrünen Augen einen gradlinigen, starren Blick, »vas auf die Dauer ctivas beschränkt aussah, zunial Wimpern und Augenbrauen kaum vorhanden waren. Es sah aber nur beschränkt aus, denn er war es keineswegs. Der eckige Kopf saß auf einem ebenso eckigen, gedrungenen Körper, der noch gar keinen Fettansatz zeigte, obivohl ihn der Amtsrichter schon sechsundsünfzig Jahre besaß. Es»var das fleischgewordene Gesetzbuch, meist auch dunkelgrau eingebunden. Er sprach langsam, korrekt und sehr»venig und beivegte sich langsam und deutlich auf dicken, harten Sohlen. Der Schuldirektor Walter war ganz andrer Art. Zwar auch untersetzt, aber mit ziemlich viel Embonpoint. Er hatte auffallend kräftige O-Bcine, von einem sehr ausgeprägten O» das auch die weitesten Beinkleider nicht verbergen konnten« Am liebsten staken diese Beine, auch wenn es schon empfind- lich kalt»vurde, in hellleinenen Hosen, und der Oberkörper in Jägerhemd und Lüstcrröckchcn. Auf den stets unruhigen Beinen und dem ebenso unruhigen Oberkörper saß ein gewaltiges Lockcnhaupt, von braunen Locken umwallt, viel zu mächtig für das Untergestell. Die berühmte Katharina hatte gemeint, als sie zum ersten- mal das Arbeitszimmer des Herrn Schuldirektor betreten, wo auf einem Tannengestell das Haupt des Zeus von Otricoli in riesigen Dimensionen thronte;„Ach Herrje, is das aber e gut Bild vom Herr Tcrekter." Außcr dem Haupt war auch noch der Zeigefingkr der rechte» Hand eigenartig wegen seiner intgcwöhnlichen Länge und Starrheit. Vom Gesicht sah man so gut wie nichts vor lauter Haar, wie denn der ganze Mensch einen schon mehr affenartigen Haarwuchs sein eigen nannte. Ans dem ans- fallend lleinen ZwiebelnäSchcn hockte eine große, goldene Brille, hinter der die großen glänzenden braune» Augen immer interessiert, neugierig und enthusiasmiert hervorsahen. Nur i» der Schule verlor sich dieser Ausdruck. Da lag etwas Unruhiges und Gespanntes in ihnen. Ob nämlich niemand einen' schlechten Mtz über ihn mache, worauf er leider bei den BengclS immer gefaßt sein mußte. Unter solchen Witzen litt er sehr, denn er war stolz ans seinen feste», behaarte» Körper und sein Lockenhaupt. Außer für das Wahre, Gute, Schöne trat er noch voll und ganz ei» für das: Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei. Ei» guter Schwimmer, Turner und Bergsteiger. „Geradezu wnnderbar, wie Sic hier sitzen," rief er sofort. „Da draußen der Sturm, hier drinnen still wie in einer sternenhellen SominermondeSnacht. Geradezu eine Idylle! Was ich sage! Während der Amtsrichter Blau seilt stcrotypes: Guten Abend vorbrachte, langsam zum Tisch ging und sich langsam, steif, rechtwinklig auf seinen Platz in dem ledernen, schivarzen Sofa niederließ, hüpfte der Schnldirektor erst noch eine Weile in seinen hellleincncu O Hosen durch das Zimmer. Ter Kellner Jean kam, und brachte für den Herrn Amtsrichter Blau einen Krug Münchcner Bier und für den Herrn Schnldirektor einen Schoppen Rotwein mit Selterwasser. Dies Gemisch stand auch vor Otto und Rot. Es hatte seinen tiefen Sinn. Es beruhte ans einem sehr guten Witz, Ivenil man es erst wußte. Als vor kurzem die Prozeßverhandlungen über den Klub der Harmlosen in Berlin auch hier eifrig diskutiert worden, hatte der Ehemiker Weber, der Klubwitzbold, vorgeschlagen, sofort zu Anfang jederSitzung am Abend zur Erinnerung an dieHarnilosen erst Rotwein mit Seiter zil trinken, was ja bekanntlich das Leib getränk der Harmlosen gewesen. Ter Vorschlag wurde mit Jubel angenommen, und Jean lächelte jeden Abend ganz verschmitzt. wenn er vor jeden der Herren dies Gemisch hinstellte, ohne erst lange zu fragen. Nur Herr Blau ließ sich nicht von seinem Bier abbringen, von dem er jeden Abend in anderthalb Stunden s eines Hierseins drei Krüge vertilgte, ivas jeden Abend sechzig Pfennige und fünf Pfennige Trinkgeld für Jean an-ö machte. Die jünfundsechzig Pfennige steckten immer parat in seiner Westentasche. Ter Geburtstag des Landeshcrrn bildete die cnizrge Ausnahme im Trinklcbcn von Blau. Da trank er Jahr für Jahr erst eine Flasche Mosel und dann eine Flasche Sekt.,(Fortsetzung folgt.) SotttttÄgsplÄttdeuei. Ich kehre zerknirscht zur Prosa des Lebens zurück I Ich hatte mir so viele redliche Mühe gegeben, recht schlechte Verse zu vcr- fasse», indem ich mir als anspornendes Symbol kommimaler Dicht- knnft teils das Spandauer Strajzciipflaster teils einen über Weichen stiirinenden Grotzcn-Berliner-Ztnallivagen vor das geistige Auge schleppte —»nd jetzt schilt man mich von allen Seiten, ivie ein Jndividnnin sich erdreiste» kömie, so schlechte Verse zu mache». Man hat mir höhnischerlveise drei alte, zahnlose Leierkästen ins Hans geschickt, und ein guter Freund sandte an die Redaktion ein Exemplar des Unterhaltnngsblatts mit dem energischen handschriftliche» Randverincrk: Diese Verse sind zum K--; als Parteigenosse, Mitglied des WahlvcrcinS und Mensch an der Wende ziveicr Jahr- hunderte lvagc ich nicht, das Wort anszuschreiben, es ist zu demütigend für mich. Eigentlich sollte ich ja»n» stolz sein, daß mir meine Absicht so wohl gelungen sei. � Aber das Nebel ist: man glaubt mir nicht die Absicht. Vergebens versichere ich, ivie ich Verse zn solcher Glätte zu poliercir vermöchte, daß beim Lesen jeglicher ausgleiten und zum mindesten sich einen Rnöchelbrnch zuziehen ivürde. Man lacht spöttisch und besteht auf der Ansicht, niemand werde mit Fleiß schlecht reime», wenn es. ihm sein gottbegnadeter Grips gestattete, einen, Laufs oder einem sonstigen Offizier der Poesie nachzueifern. Slriner ckoo— Du hast Deinen mühsam crschricbenen Ruf leichtfertig geopfert: Deine Verse sind zum ito--—! Ueberhanpt es war eine Woche der Trübsal und der Eni- täuschnilg. Manchmal war cS geradezu zum Verzivcifcln. Ich fürchte deiirahe. ich leide an Versolgnngswah» Gehe ich auf die Straße, so grinst mir von allen Wänden das scheußlich fletschende Gespenst entgegen. Lese ich eine Zeitung, so hebt derselbe Dämon des Blödsinns sei» verzerrtes Mumiengesicht empor.. Lüftet ein siebzehnjähriges Mädchen ihre» Schleier, öffnet die rosigen Lippen »nd säuselt keusch ein honigsüßes Geflüster— nichts andres crlansche ich als daS Wort des Schreckens. Ich sehe, schmecke, taste, höre, rieche unablässig das Entsetzliche, wen» ich wache; ich träume von ihm die ganze Nacht, indem ich von einem Schwitz- bad des GrnncnS in das andre falle, und wen» ich ein GlaS Bier bestellen will, schreit willenlos der hypnotisch gebannte Sprechappamt:„Kellner, ivir treffen miS bei der Sodafontainc!" Wir treffe» uns bei- der Sodasontainc— wir treffen uns bei der Sodafontmnc wir treffe» nns bei der Sodafontaine! s- Gnade! Ich will mich nie und nirgends ircffc», es fällt mir gar nicht ei»— ich protestiere gegen diese Zinnntnng— ich lueiß nicht einmal. was eine Sodasontainc ist. Ich habe als ein Staatsbürger im vollen Besiv der Ehrenrechte einen Anspruch darauf, gegen die zivangs- weise Borführmig zur Sodafontaine geschützt;» werde». Ich appelliere an den Schiitzummi, den Eensor, de» Staatsanwalt— ich will nicht zur Sodafontaine, ich will»ick». ich ivill nicht. Lieber Tegel oder Mcmctwcgc» Sibirien, wenn es sein»mß, mir nicht diese furchtbare Sodafontaine. Gnade, Hilfe! Ist denn kein Erbarmen mehr in dieser Menschheit? Höllisches Gelächter. Vergebens wehre ich mich. Eben versichert mir vertrauensvoll meine Frau, sie habe nichts anzuziehen und lädt mich mit liebreizendem Lächeln ein: Schatz, wir treffen nns bei der Sodafonlainc! Ich muß Siadlhagc» fragen, ob das kein Scheidnngsgnmd ist. Aber, haha!, ich ahne, er lvird mir antworten: Wir treffen uns bei der Sodafontaine... Nim gut, ich ivill ein Mann sein, ich ivcrdc komme», ich werde die Sodafontaine sehen n»d— dann sterben... Ich schreibe Verse, die zu», Kot--- sind, ich muß mich an der Sodasontainc treffen, man sollte meinen, das sei schon genug der Qual für einen schwachen Sterbliche». Aber noch ein weiterer Schicksalschlag hat mich init grausamer Wucht getroffen. Man muß nämlich ivissc»: Ich bin der glückliche Besitzer eines Ziergartens, das heißt eines Gartens, der sich ziert, ein Garte» zu sein. Dieser Garteil besteht nun in leinen Hauptbestandteilen a«S einem eisernen Gitter und Sonne, sosern eS nicht regnet. Ich babc des ivcitercn— ich kam, cS nicht leugnen— Kinder, die einen Hang fürs Landschaftliche haben. Natürlich haben sie also die aus Gilter und Sonne bestehende Ziergartenfläche mit großem Fleiß ins Gebirgartige mnziiwandclii sicki bemüht. Das war gar leine lcichlc Arbeit: denn der Ziergarten war eine geradezu sanaiische Ebene, ein Utzindervolles Modell snr die derzeitige Franenmode vegetarischer, ivill sagen: fleischloser Kleidung. Aver sie haben es doch fertig gebracht. Sic haben die ivüsto Ebene in eine schöne Gegend voll romantischer Schluchten und � ragender Bergkuppc» umgezanbert, so daß der erwähnte Ziergarten in der näheren Nachbarschasr den Namen Teltow- Becsloiv- Slorkoiver Schweiz erhalten hat. Man hätte aiinchnicn sollen, daß der Besitzer des Grundstücks eine solche Brrschöncrnug seines Eigentums mit einer zch»prozc»tigcii Mietssteigernng beantworten würde. Nichts von alledem. Der Man» opser'e ganz im Gegenteil dreißig Pfennige»nd ließ mich durch einen„eigenhändigen Einschreibebrief" ans dem von der Sodafontaine üppig getränkten Schlaf wecken. Joe, Joe— was hast D» für Kinder I In diesem Einschreibcbrics mußtest Tu lesen, daß diese Rangen den Ziergarten verwüstet, daß sie de» Rasen zertreten und die Sträncher geknickt, in den Wegen große Löcher gewühlt und das Erdreich ans de» Rase» geschüttet hätten, ja sie sollen sogar einmal jeinaiid„du alter Ochse" geschimpft haben. Es ist immer erfreulich, wenn man sei» Wissen bereichert; so war ich auch dem Verfasser des eingeschriebenen Briefs aufrichtig dankbar, daß er mein Wissen über den Ziergarten vermehrte: denn ich nahm jetzt, mit dein durch das Schreiben geschulten Auge wahr, was ich bisher nicht gesehen hatte, daß der Ziergarten in der That auch Rasen mid Sträncher andcntimgSivene berge Andrerseits aber verdroß es Mich lebhaft, daß ich gehalten sein sollte, die Arbeit meiner Kinder zu zerstören und„binnen 14 Tagen" den Ziergarten„wiederherzustellen". Sollte ich zur llnterdrnckimg meiner eignen Kinder beitragen, die Wirkungen ihres romantische» Schön- hcilssinns zerstören, die Früchte ihres Fleißes der Wiederherstcllnng ins Platte schonungslos opfern.? In diesem Augenblick des Nach- siunens criuachte in mir ein nencr Lcbciisplan, eine große Aufgabe, der ich mich hinfort weihen werde: Ich Ivill die Stadtkinder, diese UnterdrÜcktcstcu der Unterdrückte», organisieren, sie zum Kampfe gegen ihre Feinde führen und ihnen das heilige Menschenrecht der Üngezogenheit erstreiten. Wenn ein Baby füns Stockwerke abwärts auf einen Porzellanschutt Hanfe» stürzt und, statt zerschmettert zu sein, lächelnd sich a» bebt, geistig und körperlich wunderbar gekräftigt. so sprechen die Zeitungsschreiber von dem„Engel des Kinds". E-s gicbt aber auch einen Teufel des Kinds— und das ist der Hauswirt, das ist der Unmensch, der für kinderlose Familien und ruhige Mieter inseriert, der die Pfänder der Liebe am liebsten ins Pfandhaus anSliesern möchte, der das Ausleben der jungen Lebewesen als eine» einzige» schweren Verstoß gegen die Hausordnung betrachtet und an� linder- reiche Leute„seine" Wohnungen nicht einmal um Wnchcrzinse» ver- mietet, das sind die Drachen der Ziergärten und die Henker der kindliche» ttnversckämthcir. lebe.» zu tvolleit. I» der gute» allen Zeit soll es einmal einen Hauslvirt gehebeu. Ijnbcn, bei* sich von der 5iiiid«scheu zur Kinderliebe bekehrt Hot. Friedrich Stoltzc. der Fraiitfiirter Dialektdichlcr, hat die Geschichte dieses edlen MeiischeiisreuiideS erzählt. Kam zu ihm jemand, der die Wohnung mieten wollte, so schrie er ihn an: ..Ihr Lent hobt doch kää Kinncr»et? IIii krieht ääch kää? Denn iveiin crr kricht, So bricht deß äägeblicks die Mieth." Eines Tags kam eine Frau und wollte das Logis mieten. Der Wirt fragt sofort, od sie keine Krndcr hätte: llnd's sägt die Früä:.Ach, leider, nää!—" Doch fragt crr gleich:„Un kriehn ääch tää?" Da oddcr ward die Frää ganz rot II» sagt:„Mei lieivcr Mann is doht!" Doch erst als sie dem Hauswirt belenert, daß sie keinen zweiten Man» freien würde, hielt er die Kindergefahr für ausgeschlossen und vermietete die Wohnung. Als dann der Umzngstag kam, lag der Hausherr im Fcnsicr und pagte auf, Ob merr ins Haus nix schmuggle dhat, Was seine Aäge lveer e Grenl: Kää Trommel und kää Tchockelgänl. Nichts von solchem verdächtigen Gerät wird abgeladen, der Wirt schmunzelt:.Die Frää scheint wcrklich kinnerloS." Aber bald kommt ein zweiter Möbelwagen NN. Doch kam e Meivel da eravs. Des; sah euch höchst verdächtig ans, Da gab's kää Känncbee. lään stuhl, Doch Disch un Bänk, Ivic for c«chnl. An dreiszig lange Disch im Bänk I Uli auch Reale, viele Schränk, Un ääch e Dafcl ivor dabei. Am nächsten Morgen kam ein großer Kindcrschwnrm heran- gcriirki, an 200. Un zornig krisch der Mann cnab: .Ihr Ecjer, kräht die Schuh doch ab!" Die odder achte gar»et drnss Un bollern seine Trepp cnnsi. T-a stürzt der Hansivirt wütend znr Frau hinauf: llnd's krisch der Mann:„Ich Vitt' merrsch auS l WaS geht denn vor hie in niei'm Hau§? Nää, so war döß nct abgercddt! Sie hcivwe ja kää Kinncr»et? Kää Kinncr»et? Sie Lignern, Sie? Sein deß vielleicht l ä ä Kinncr hie? Zu erscht net Aä»s, es is je doli! Un jcv cn ganze Deiwel voll!" Ilnd'S krisch die Frää:„II» nää, im nää I Ilti dreimal nää, ich hob' ääh kää! „Kää äänzig Kind, seid doch gescheit I Die Kinner hie sein anncr» Leit." Die Frau'wird saint der Schule an die Lust geseht. Der Hans- Herr vermietet seine Wohnung schließlich an einen sronnncu ältlichen Herrn, der l>ei Gott schivnr, leine Kinder zu haben, keine Kinder zn kriegen und auch keine Schule zn halle». Als es jedoch Abend ivar, „sein euch c alt Weiwerspiel in das Haus geströmt im Männer, die den Kopp gehengt hawwe, als wär cn hinne der Halswcrivcl ab- gesanlt, odder aivwer, als hätte sc das Genick gcbrochc. II» gleich drnss hat die sorchtbar Hausorjel ze brumme aangefnnge, daß das ganze Hans geschlittert hat,»n die alte Weiwer hawwe dorch die NaS gesiittge: Wunden, Wunden, Wunden, Wmldcn, O ihr Wunden, o ihr Wunden." Da hat der Hauswirt die Hände über den Kopf zusannncn- geschlagen, hat sich nach den 200 Kindern zurückgesehnt und ist in sich gegangen, lind er hat seine Wohnungen hinfort nur an Ehepärchcn vermietet, die cine ganze Mandel Kinder hatte» und immer»och frische dazu kriegte». Heute giebt eS solche Hauswirte nicht mehr, deren böses Gc- wissen aufwacht, lind darnm ist es notwendig, einen Kinderkrcuzzng gegen diese Feinde jungen LebenSübermulS z» unternehmen. Rottet Euch znsanrine», Kinder, stellt Eure Förderungen, kündigt den Krieg den Ziergärten und den stnmmen Wohnungen, proklamiert daS Recht aufs Buddeln, Lärmen, Singen, Trampeln und Trommeln. Ich will Euer Führer sein.... Wir treffe» uns an der Soda- fontaiiie.—____ Joe. Kleines Feuilleton. >1,. Taö Warenhans. Groß und geivalljg, ein schinnncrndcr Glaspalasi, funkelnd jm tausendfachen Glanz des Glühlichts, inr Widerschein seiner' mächtigen Spiegelwändc steht es da, das Warenhaus. Ich liebe das Warenhaus I Wenn ich Zeit hätte, würde ich den ganzen Tag darin sei». Es ist eil» herrlicher Anfcnthalt. SRaii findet dort so viel Zerstreuung. Elvig dasselbe und doch ewig wechseliid, gleicht es dein Meere, jede Sekunde bietet es dem A»ge ein andres Bild. Bilder ans dem Leben, Knlturbildcr, moderne Kultnrbilder. ..Mama," rief das kleine Mädchen, und klatschte jubelnd in die Hände:„Ach Mama, die Treppengeländer und die großen Bärmie mit den viele» Lichtern, und die dicken Blumen an den Wänden, sieh doch, Mama, alles von Gold und Marmor!" Aber die Mutter legte ihr entrüstet die Hand ans den Mund:> „Hin Gottes willen, Kind, blamier Dich nicht, das ist doch bloß alles so angestrichen I" „Alles bloß angestrichen!" kostbares Wort. Der Mannor, das Gold, die ganze blendende Herrlichkeit, alles bloß Tünche. Aber die Menschen von heute»vollen die Tünche. Falscher Marmor, falsches Gold—»vas thnt'S? Wenn eS mir glänzt und gleißt I Wcnn'S mir die Augen blendet,»venu es nur tauscht! Es ist so bequem, sich täuschen zn lassen I Wenn'S mir nach etwas aussteht! lind schließlich sind immer noch die Kinder da, die auch das Un-- echte für echt halten. Und sie klatschen in die Hände, die lieben Kinderchen, und jubeln und freuen sich: Ach, unsre goldige Moral! Ach. unsre kluge Politik, unser mächtiges Deutschland! Kinder, Kinder, blamiert Euch nicht— es ist ja bloß allcS so angestrichen I Aber das Warenhaus? Ja so, das Warenhaus, bitte inn Entschuldigung für die Ab«' schwcifung, es kommen einem aber wirklich schnurrige Gedanken im Warenhaus. Der Ailftrich hat übrigens sehr viel für sich, es crlveckt so köst- liche Hoffnungen. Da ist zum Beispiel die Sodafontaine. Was denkt man sich nicht bei den, Wort. Einen zierlichen Brunnen anS dem die Wasser plätschern: köstlicheiWasser. labende Wasser. Kühlung und Frische geht von ihnen ans. Alles spricht von der Sodafontaine. Alles fragt nach der Sodafontainc.... „Aber— dies is ja man'nc janz jemeine Seltcrbude," sagt ein junger Bengel nebe» mir. „Und ich dacht«, hier iväre'»» richtiger Springbrunnen"— lacht eine junge Frau—„nein, bezahle» soll man hier auch noch?" „Was ivollcn Sie haben?" fragt die kohlensaure Jungfran: „Himbecr— Erdbcer, Cola— Stachclbeer, Grenadine?" Der elegante Herr mit dem Monocle wirst seine Zahlmarke auf den Marmortisch:„Zcbcn Se doch man, wat zunächst steht, is ja alles derselbe Soff!" Ja ja, die Sodafontaine— es geht nichts über den Anstrich, ans den Anstrich koimnt alles an. Die Menschen sind das Jiitcrcssantcste inr Warenhaus. Mittags konunt daS voniehmc Publiknni. Es komint in Taxanieter und Equipage, cine ganze Wagenburg baut sich auf vor dem Hauptportal. Seidene Schleppen ranjchen über das Parkett. Eine Wolke von Parfüm schivebt durch die Säle. Schreckliche Luft überall. Aber ivas man da so hört nnd sieht! Am Stand für Unterröcke— JnponS sagt der gebildete Deutsche. Er, Sie nnd die Verkäuferin. Die Berläuferin hält de» gelben Seidcnrock noch einmal in die Höhe:„Und er ist so billig, gnädige Frau, bloß fünfzig Mark. Es ist reine Seide und echte Spitze, poiut