Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 203. Freitag, den 19. Oktober. 1300 (Nachdruck verboten.) 1�1 Antev TVolKen. Roman von Kurt Aram. Marie Jung hatte vor wenigen Wochen ihren Vater verloren, der auf elende Weife zu Grunde gegangen. Sie hing sehr an dem Vater, mit dem sie viel Aehnlichkeit hatte. während die andern Geschwister mehr der Mutter nachschlugen. Schon der Vater war ein sinniger Mensch ge- Wesen, der sich mehr an Blumen und an Bienen freute, als am Wirtshaus. Während seiner schweren Krankheit war oft Wilhelm Säger, der fromme Bauer, der Magda kürzlich noch so freund- lich gegrüßt, zu ihm gekommen. Zuerst hatte er nur so nebenbei einmal über religiöse Dinge mit dem Kranken ge- sprachen, um das Terrain zu sondieren. Als er merkte, daß es dem Kranken nicht unangenehm war, sprach er häufiger über Religion. Aber nie zudringlich. Dabei machte sich Säger nützlich, wie er nur konnte. Er ging in die Stadt, Arznei zu besorgen, wenn Marie und die Mutter keine Zeit hatten, er stand bei mit Rat und That, wenn immer er gewünscht wurde; kurz, er half in den schweren Wochen in jeder Weise. Das erwarb ihm inimer mehr das Vertrauen von Marie und ihrem Vater. Die ganze schlichte, nie zudringliche, immer freundliche, stets hilfsbereite Art that es den beiden an. Auch lag so etwas ungeheuer Beruhigendes in der Sicherheit, mit der Säger von den: redete, was nach dem Tode sein würde. Wie denn eine geschlossene Weltanschauung, mag sie auch noch so handfest sein, immer Eindruck macht auf Leute, die nichts dergleichen besitzen. Und zu derselben Gewißheit und inneren Ruhe und Weltunabhängigkeit konnte jeder gelangen, wie Säger immer wieder versicherte, „wann de nur glauben willst." Die beiden sahen hier zum erstenmal einen Menschen ihres Schlags, der durch den „Glauben" doch ganz anders war, als sie, so ruhig, still und geborgen für Gegenwart und Zukunft, dabei freundlich und hilfsbereit wie kein andrer im Dorf. Da regte sich in ihnen die Sehnsucht, auch so zu werden wie Säger. Der Geistliche hätte nie solchen Eindruck gemacht, denn erstens wurde er ja für das Frommsein bezahlt, dann stammte er aus ganz andern Verhältnissen, wo es gewiß viel leichter war. fromnr zu sein, und schließlich hätten sie ihn auch nicht so leicht verstanden wie den Wilhelm Säger, der auf dem- selben geistigen Niveau mit ihnen stand, all ihre Sorgen, all ihre Gedanken genau kannte. Den allergrößten Eindruck aber machte es, wenn er mit ihnen betete. Im Dialekt, der ihnen alwertraut war, in Worten, die sie sofort verstanden, um Dinge, die ihnen wirklich am Herzen lagen. Und doch war es zugleich so ganz anders, als wie man sonst redete. So kain denn schließlich kurz vor seinem Tod Mariens Vater auch noch„zum Glauben". Da fürchtete er sich nicht mehr vor dem Sterben und machte sich auch keine so schreck- lichen Sorgen mehr um die Zukunft der Seinen, die ihn bis- her geschmerzt hatten lvie eine zweite schwere Krankheit. Auf seinem Gesicht lag die letzten Stunden eine helle Freude, ein süller Friede. Bevor der letzte schwere Kanipf anging, den der Tod mit dem zähen Leben dieses von Natur so kräfttgen Manns ausfocht, bat er seine Marie noch ganz besonders, doch ja dem Zuspruch Sägers nicht aus dem Wege zu gehen, sondern sich ihm und seiner Versammlung anzuschließen, die Säger jeden Freitag- und Sonntagabend in seinem Hause abhielt, daß sie auch zu solchem Frieden käme, wie er ihn jetzt verspüre. Und dann womöglich auch die Mutter und die andern Kinder. Marie hielt dies Versprechen nach dem Tode ihres Vaters. Da ihre Geschwister sie verspotteten, daß sie zu den Bet- brüdern ging, da ihre Mutter ihr auch Vorwürfe inachte, daß sie sich die ganze Jugend verderbe, so hielt sie erst recht zu der Versammlung und dem, was ihr da geboten wurde. Das war natürlich für sie nicht leicht, aber grade darin, daß es nicht leicht war, lag immer wieder ein neuer Antrieb. daran festzuhalten. Ihr Leben, das ihr manchmal bisher recht öde erschienen, bekam nun einen Inhalt; und daß sie darum kämpfen mußte, machte ihr Freude. Sie war immer etwas anders gewesen als ihre Altersgenossinnen; woran die Genüge fanden, hatte ihr nie genügen wollen. Jetzt besaß sie etwas, das sie ausfüllte, wodurch sie erst recht anders ivurde als die andern; wozu sie ihre ganze Kraft aufwenden mußte, um es siegreich durchzuführen allem Spott und Hohn des ganzen Dorfs gegenüber. Man fand es unerhört, daß so ein junges, hübsches Mädchen, die außerdem'nen guten Kopf hatte, bisher eine ausgezeichnete Tänzerin gewesen war, aus solche Abwege geriet. Als Franz Kranz heute gegen vier Uhr zum Wirtshaus bei der Kapelle hinaufsteigen wollte, sah er, daß Mariens Mutter ihr Haus verließ, um ein wenig dem Gesang der „Harmonie" zuhören, der meist so rührend war, was sie als Witwe ganz besonders liebte. Es machte auch einen guten Eindruck, wenn sie bei all den rührenden Liedern weinen mußte, und die Leute das sahen. Man bedauerte sie dann um so mehr und bemitleidete sie. Das that ihr außerordent- lich wohl und war ihr Trost. Franz Kranz wollte erst, als die Mutter verschwand, in das Haus eindringen. Aber einmal wußte er nicht, ob die Marie überhaupt zu Hause war, und zweitens war es ihm zu seinem Unternehmen noch zu hell. Er verschob es also lieber, bis es dunkel geworden. So süeg er denn zunächst zun« gewohnten Wirtshaus und wartete dort die Zeit ab. bis es Nacht wurde. Aber auch jetzt ging er noch nicht gleich, weil er sich erst einen Plan zurechtlegen wollte, nach dem er operieren konnte. Das siel ihm aber hier nicht ganz leicht, da so viel gelärmt wurde, daß man sein eigen Wort nicht verstehen konnte, geschweige denn einen Plan überlegen. Er spazierte deshalb schließlich hinaus in die Dunkelheit, um sich darüber klar zu werden, wie er die Sache am geschicktesten anfassen würde. Jedenfalls müßte er sie zunächst aus der Frömmigkeit herausbringen, am besten dadurch, daß er sie wieder ins Wirtshaus brächte, dann fände sich das weitere schon bedeutend leichter. Er schlich sich zu dem Haus, in dem Marie wohnte. Wenn nur die Mutter noch fort, wenn nur Marie da war! Er stellte sich auf den Eckstein, der am Haus stand, und sah ins Zimmer, das keine Vorhänge besaß, wie alle die Arbeiter- Häuser, die nur am Schlafzimmer Vorhänge hatten, und auch nur dann, wenn sie nach vorn hinaus, nach der Straße gingen und Parterre lagen. An den andren Fenstern brachte nian nur oben einige Fetzchen an. aber nur zur Verschönerung. denn man konnte dabei bequem in die Stube sehen, zumal wenn Licht in ihr ivar. Marie saß allein am Tisch, auf dem die Lampe brannte, und las. Das Licht stand rechts vom Buch, beleuchtete also ihre rechte Gesichtshälste; und da es nicht sehr weit leuchtete, hob sich zugleich das Profil sehr klar aus der Dämmerung ab. in der das Zimmer links von der Lesenden lag. Welch eine weiche Linie von der Stirn zum Halse ging: Wie sie sich nur im Frühling des Lebens und auch da nur bei hübschen Mädchen findet. Wie von zärtlicher Künstlerhand gezogen, die verliebt ist in ihr eignes Werk. Da Marie eine schivarze Taille an hatte, trat der volle, weiße Hals und das ganze Gesicht um so leuchtender hervor. Wie eifrig sie las l Man konnte das Blut kommen und gehen sehen unter der jungen, zarten Haut. Was für große, schwere Wimpern die Augen beschatteten! Und oben an der Sttrn krausten sich die Haare, daß sie im Lichtscheiil ganz golden aussahen. Jetzt hob sie die Hände, die bisher im Schoß geruht, weil sie beim eifrigen Lesen den Oberkörper etwas fest an den harten Tannenttsch gepreßt hatte, was sie offenbar schmerzte, da sie kein Mieder trug. Immer eifrig lesend legte sie unwillkürlich die rechte Hand wie schützend unter die rechte Brust. Franz Kranz klopfte leise an das Fenster. Er mußte ihre Augen sehn l Sie blickte auch einen Augenblick lauschend auf. Wie die großen, blauen Augen sörmlich eingetaucht waren in eine tiefe, stille Freude l Franz Kranz stieg leise wieder von dem Stein zur Erde. Er wollte nicht, daß sie ihn jetzt grade sah. Er merkte zu deutlich ein chvem ganzen GesichtSanSdruck, daß für feine Wünsche die Stunde noch nicht da war. Aber sie sollte, sie mutzte sein werden! I Wie schön sie war!! Gewitz ein frommes Buch, bei dem sie sich die Augen verdarb. Nicht weit davon hatte eine dicke Bibel gelegen, daraus folgerte er es. Ins Wirtshaus mutzte er sie bringen, das stand fest. Sonst konnte er alt und grau werden und würde doch nichts bei ihr erreichen. Ins Wirtshaus! Aber wie? Da schätz ihm ein Plan durch den Kops. Er lachte leise vor sich hin, als er sich jetzt dem inneren Dorf zuwandte. So würde es gelingen. Wenn sie nur erst mal wieder im Wirtshans war, würde es ihr schon gefallen. Es war ja undenkbar, datz es da einem hübschen, jungen Mädchen nicht besser gefiel, als hinter alten, frommen Büchern. Als Marie Jung sich längst wieder in ihr Buch vertieft hatte, trat Franz Kranz in das fünfte Wirtshaus des Dorfs, das der Witwe gehörte. Hier ging es laut zu. Fast die ganze männliche und weibliche Jugend saß an den langen, gelb- gestrichenen Tischen aus den langen Bänken. Trotzdem das Zimmer groß war, hing eine undurchdringlich schwere Lust in ihm, die sogar den Lampen zu schaffen machte, so datz sie recht trübselig dreinsahen, da selbst ihnen der Atem auszugehen drohte wegen Mangel an Sauerstoff. Franz Kranz, der etwas vertragen konnte, fuhr doch im ersten Augenblick, da er aus der frischen Luft kam, zurück vor dieser Atmosphäre, durch die man nur schwer die einzelnen Menschen auf den Bänken unterscheiden konnte. Er wurde mit Schreien und Gröhlen begrützt, denn andre Freuden- äutzerungen standen den angetrunkenen, jungen Leuten nicht mehr zur Verfügung. Da sie auf kräftiges Essen keinen Wert legten, waren sie sehr schnell dem Alkohol widerstandslos preisgegeben, auch wenn sie für„gebildete" Verhältnisse erst lächerlich wenig getrunken hatten. Der leere Magen konnte nichts vertragen. Jetzt traten aus der kleinen Nebenstube die beiden Musi- kanten, die die Jugend für heute engagiert hatte, denn dafür mutz sie sorgen, die Witwe kümmert sich darum nicht. Zwei Kerle, deren wässerige, rotumränderte Aeuglein, deren kupfer- rote Nasen und hängende, feuchte Schnurrbärte genug sagten. Sie stellten sich mitten in die grotze Stube mit den Rücken gegeneinander, was lautes Gelächter hervorrief. Sie mar- Äerten die Betrunkenen, denn sie waren es nicht. Ihrem Ge- Hirn konnte Alkohol so leicht nichts mehr anhaben. Aber sie wutzten, daß es der Jugend gefiel, wenn sie recht betrunken thaten. Sie hoben die beiden Geigen und geigten los. Die Paare drängten sich zwischen den Bänken durch, um zu tanzen. Das ging natürlich nicht ohne viel Drücken und Stolpern ab, was immer wieder neuen, willkommenen Anlaß zu neuem Gelächter und Gejohle bot. Diese Jugend tanzte nicht mehr, wie noch ihre Großväter getanzt hatten: langsam, gemessen, mit ernsten Gesichtern, sondern es war ein wildes, rohes Springen und sich Anrennen nach der Melodie eines der neuen Gassenhauer, die sich Walzer nennen. Franz Kranz hatte derweil einen Platz in der Nähe des Bürgermeisters gefunden, der sogar von Amtswegen hier war. Der Kreisrat wünschte es, damit es anständig zuginge in diesem auch bei den Behörden etwas anrüchigen Wirtshaus. Früher war er nie hierhergekommen. Es galt bei den ver- heirateten Leuten nicht recht für passend, dies Wirtshaus auf- zusuchen. Man überließ es der Jugend und den noch un- verheirateten Männern, denn Jugend muß sich austoben, das ist nun mal nicht anders. Verheiratete haben dabei nichts zu thun, das schickt sich nicht. Die haben ihre Frau. Der Bürgermeister war ja nun freilich seit einem halben Jahr Witwer, und das war ihm gar nicht unangenehm; aber er wäre doch nicht hierher gegangen, wenn der Herr Kreisrat es nicht ausdrücklich gewünscht hätte. So saß er denn offiziell als Wächter der guten Sitte obenan, unoffiziell hatte er seinen Hauptspaß an dem wilden Treiben, in dem er beim besten Willen nichts Unsittliches finden konnte. Die Jugend von heute war nun mal so. Da ließ sich nichts ändern. Er that sogar ganz gern mit, wenn die Betrunkenheit erst allgemein war und es weiter nicht auffiel. Er fiihlte sich recht wohl hier und war seinem Amt untf dem Herrn Kreis rat von Herzen dankbar, die sein Hier- fein so schön rechtfertigten. (Fortsetziing folgt.) Nus drv muMttliMen ZVochv. Leicht glaubt man, die beginnende neue Saison des mnfikalischm Lebens in der Weltstadt werde gegen früher Fottschritte in der An« läge der verschiedentlichen musikalischen Untenrehmungen bringen. Man hofft vielleicht auf eine allmähliche Umbildung'de? Konzert- wesenS ähnlich dem Ansstellnngswesen, also in dein Sinne einer Ueberwmdung der Buntheit des Dargebotenen durch einheitlichere Grundsätze. Man hofft vielleicht ans das Emportanchen neuer großer Komponisten oder wenigstens neuer Arten und Richtungen von Konipositionen. Man hofft wohl endlich auch darauf, daß die Leitungen nnsrer größeren Konzerhmternehmungen ans der einseitigen Beschränkung ans gewisse Gruppen von beliebten, „ziehenden" Komponisten herausgehen und die Ungerechtigkeiten gegen andre schaffende Künstler gut machen werden. Davon ist nun vorläufig nnd— nach den für den Winter ausgegebenen Iveiteren Programmen— wohl auch für später nichts zu merken. Nene oder so gut wie neue Komponisten tauchen immerhin auf; allein sie müssen es in jenen unglückseligen Konzerten thun, die auf eignes Risiko veranstaltet werden, und bei denen der Konzertgeber froh sein kann, wenn ihm eine Konzertdirektion überhaupt noch die Möglichkeit giebt, die„Berappungsarie" zu singen. Die Leiter der großen Konzertcyklen, von denen es in erster Reihe zu erwarten wäre, daß sie die neuen oder sonst unbekannten Kräfte unter ihr schützendes Dach nehmen, hüten sich im allgemeinen davor gar sehr; sie brauchen Weltnamen— sonst bleiben die Leute aus, die nun einmal den berühmten Solisten van 3E oder Komponisten D hören niüssen, weil er bereits ei» Element der ZeitungS- und Gesellschaftswelt geworden ist. Dabei lassen sich noch zwei Extreme beobachten, zwischen denen hin und her gependelt wird. Teils schmückt man die Programme mit exotischen Namen— unter ihnen sind jetzt die Russen obenan; teils hält man sich an Berliner Lokalgrößeu. Was sonst in deutschen Landen mit künstlerischen Schicksalen ringt, darf ruhig weiter ringen; und ob es in dem und jenem Ausland nicht noch Erscheinungen giebt, deren Heranziehen Sache des heinnschen Kunstvorteils wäre, das erfährt man eben nicht. So bleiben denn die großen Philharmonischen Konzerte unter Nikisch, die Sinfonie- Konzette der königlichen Kapelle unter Weingarwer und die Quartett» abcnde Joachims bei ihrem alten„Schimmel". Am traurigsten berühtt es, datz auch die kleineren und abseits liegenden, aber feiner gestimmten Unternehmungen es nicht besser machen, lieber das Programm der demnächst wiederkehrenden„Mcininger" wird noch zu sprechen sein. Diesmal sei besonders bedauert daß auch das Waldemar Meyer-Quar-tett seinem doch wohl genug festen Stammpublikum, dem wir uns im übrigen gern anschließen, kein Hinübergreifen über den gewohnten Zug zu bieten wagt. Der Tod des vielleicht allerverkauntesten Komponisten, des Sinfonikers und Kammermusikers Julius Zell n er, hätte wahrlich den un- begreiflichen Bann lösen können, der ihn aus den Berliner Konzert- Programmen ausschließt. Wie leicht hätte es Herr Waldemar Meyer, seine„Sechs populären Konzerte" mit einer Streich-Kammcrnmsik und einer Klavier-Kammermusik von Zellner zu bereichern! Doch auch hier find unsre Hoffnungen vergebens und das Unrecht an- scheinend dauernd. Entweder kennen die Herren solche Kompositionen nicht(was aber der minder wahrscheinliche Fall ist), oder sie wolle n sie nicht bringen; in beiden Fälle» sind sie, künstlerisch und ethisch, gleicherweise tadelnswett. Immerhin war es von dem genannten Quartettleiter wohlgethan, uns am letzten Sonntag eine Komposition vorzuführen, die durch einen klingenden Namen auf sich aufmerksam macht und durch ihre allzu ernst künstlerische Haltung den Erfolg erschwert. Ein B u s o n i beinahe ausgezischt, noch dazu in der Singakademie I In der That hat das neue Streichquartett dieses vielbewunderten Klavierlöwen leider nur eben einen mühevollen Beifall gefunden, dessen Fortsetzung energisch niedergezischt wurde. Es charakterisiert sich, kurz gesagt, als ein nmsikalischer Ausdruck eines ringenden Grübelns; die Erfindungskraft liegt nicht auf dem Gebiet des Mosivischen, sondern auf dem des Rythmischen und der Verarbeitung; es ist mehr interessant als erhebend und ganz ohne jenen Zug des Wohlklingenden und Sinnenfälligen, den wir in der Tonkunst»un einmal schwer vermissen. Dafür aber wurde Busoni nachher als Klavierspieler demonstrativ begrüßt; er spielte mit W. Meyer die„Kreutzersonate" von Beethoven in bekannter meisterlicher, nur eben teilweis zu stark auftragender Weise. Ein nicht mehr neues Klavierquintett von Sinding brachte denn auch jenen vorher ver- mißten Zug des Wohlklingenden und Sinnenfälligen, hier freilich auch mehr gemütlich Oberflächlichen. Am allergemütlichsten aber konnte man sich in Klang, in Frohsinn, in Harmlosigkeit und in ab» gelagerten Einfällen ergehen, als am Abend darauf der Violinist Paul Herold mit Wilhelm Berger dessen in der Oeffent- lichkeit noch fast unbekannte Sonate Nr. 3 K-moU für Violine und Klavier vortrug. Nein: Herrn Bcrger, dem bescheidenen Künstler und Verkünder bekannter Ahnenklänge kann man nicht böse sein, und ein Halbstündchen für gute, heitere Kunstunterhaltung wird dankbar hingenommen. Dazu spielte Herr Herold, der nach einer längeren Pause seit seiner ehemaligen Wunderkindheit wieder ins öffentlicke Kunstleben eingetreten ist, seinen Part und nachher das große technische Probestück, die� Ciqconna von Bach, mit aller Korrektheit und Feinheit; es ist dies so verdienstlich, daß wir die Frage, ob der Künstler jetzt schon derartiges mit weniger Eintönigkeit und weniger gleichmäßigein Herunterspielen vortragen töttnte, lieber beiseite lasse». Eine Mczzosopranislin init eincm ini allgemeinen sympathischen Können, mit dunller Klangfarbe nnd mit einem in der Tiefe versperrten Ton, der in der Mittcllage nnsichcr und ärmlich herauskommt, Antonie Stern, bracht neue, meist unveröffentlichte Lieder von Robert Kntner; mehr als eine hübsche, von Lied zu Lied gleichbleibende Stimmungsmache trat uns daraus nicht entgegen. Am erfolglosesten als Komponist war, zum Teil mit Recht, Herr Edmund Hertz. Sein„Konzert für Klavier mit Begleitung des Orchesters' in Gr-moll wurde wohl nicht ohne Grund so bezeichnet. Es ist das richtige Klavierkomponistemverk, mit einem Wald von Passagen, zum Teil wirkungsvoll, besonders im Andante usw. Aber viel steckt nicht dahinter. Weite Strecken sind durch die allbekannten Aignren graulich öde. Indessen steckt auch hier— und zivar neben vielem Pomp— etwas von„fröhlicher Wissenschaft'. Eigenartiger, doch wieder durch Pomp unbehaglich, waren zwei Stücke für Orchester ans der Musik zu Ibsens„Komödie der Liebe"; und einige Lieder er- freuten, trotz des wieder störenden Fignreniverks, lvenigstcns durch einheitliche Anlage. Als Dirigent kommt Hertz Ivohl überhaupt nicht in Betracht. Wohl aber scheint ihm als Klavierspieler uiirecht gethan zu werden. Er ist einer der Wenigen, die sich um die Phrasierung im Vortrag näher lnmmern. Allerdings„übernimmt" er sich dabei. Die Riemannsche Regel, immer dein Anfangs- ton einer Phrase eine» kleinen Acccnt zn geben, übertreibt er bis zum Hauen. Ebenso übertreibt er das Nuancieren im Zeitmaß und Stärkcmaß und wird oft. wie die ganz besonders aficklvoll sprechenden Menschen, in seinem-rössttnosö-Ausdrnck un- dentlich, allznüppig usiv. Allein er ist einer der gestaltungskräftigsten Spieler mit viel Individuellen und— notabene— mit einer guten Handhaltung. So machte er»ns mit der Wiedergabe von Schumanns prächtigem Konzert ox. 64, zumal im ersten Satz, viel Frende. Wenn eine neue Orchcstervereinigung mit einem neuen Konzert- chklns auftaucht, so fragt der optimistische Idealist gleich wieder, was für ein künstlerischer Drang nach neuen Werten dazn getrieben hat. Beiin„Berliner Tonkünstler-Orchester", das unter der Dirigentenleitnng von Karl Gleitz und Franz v o n B l o n die noch lange nicht zu zahlreichen Orchesterkonzerte Berlins vermehren will, fanden ivir nichts von eincm solchen Drang; und die Einrichtung, in dem östlich gelegenen„Deutschen Hof' zu spielen, ist vielleicht nicht demokratischer Eiser, sondern bloße Saal- not. Jedenfalls ist, nach dem„1. Abonnementskonzert" vom neu- lichen Dienstag zu urteilen, die Programmverfcrtignng ganz die alte philharmonische und sonstige Mache. Solveit diesmal ein Bild zn gewinnen ivar, ivnrde— unter Herrn Blon— frisch nnd init einer gewissen glatten Eleganz gespielt. DaS Hiniibcrtöncn der Blechbläser über die Streicher(gegen 40 an Zahl) begrüßt uns auch hier als eine alte Sitte wieder. Natürlich kam auch der berühmte Solist; trotzdem ivar das Publikum nur erst spärlich gekommen. Herr Emil Sauer spielte zunächst sein eigenes»cncs„Klavier- Konzert' E- rnoU. Auch dieses ist ein Klavicrkomponistcn- werk, echt„klavieristisch" gedacht, doch ein gut Stück über jenem von Hertz stehend. lieber ältere Klavier- konzerte reicht es dadurch hinaus, daß es mehr bietet als ein bloßes Ncbeneinandcrwirken von Klavier nnd Orchester; trotzdem ist dieses jenem wesentlich untergeordnet. Das Werk enthält hübsche, aber auch nicht viel Eignes sagende Motive, natürlich wieder mit reichlich koloratnrartiger, ziemlich oberflächlicher Verarbeitung nnd mit recht einförmiger Jnstrninentiernng. Einige Züge von Machtvollem, zu- mal in Steigerungen, erhöhen noch den jedenfalls nicht geringen Gesamtwert des Stücks. Daß es einen starken langen Beifall fand, braucht kaum erivnhnt werden. Auch SanerS brillante und im besten Sinne„weiche" Vorträge andrer Klavierstücke hatten den ent- sprechenden Erfolg; das Hervorholen eines I. P. R a m e a n: Gavotte nnd Variationen �.-moll, erfreute uns durch die Bekannt- schnft mit einem auch für unsre Zeit hochbeachtenswerten Stück.— BZ. Kleines Isenillekon. — Von Nietzsche erzählt Professor Paul Dens scn in der „Wiener Rundschau": Als ich mit meiner Frau im Herbst 1887 eine Reise durch Tirol, die Schiveiz, Italien, Griechenland und die Türkei unternahm, war es mir eine Herzensangelegenheit, meinen Jugend- freund und Schulkameraden Nietzsche in Sils-Maria zu besuchen. Ungeduldig wartete er ans unsren angekündigten Besuch, zweifelte an dessen Ausführung nnd war erst beruhigt, als unsre vorausgesaudtcn Koffer als Unterpfand in seine Hände kamen. An eincm wunderschönen Herbstmorgen stieg ich mit meiner Fra», von Chiavenna kommend, über den Malojapaß, und bald lag Sils-Maria vor uns,>vo ich mit klopfendem Herzen dem Freund entgegen trat nnd ihn nach vierzehnjähriger Trennung tief belvegt umarmte. Aber tvelche Veränderungen waren in dieser Zeit mit ihm vorgegangen! DaS war nicht mehr die stolze Haltung, der elastische Gang, die fließende Rede von ehedem. Nur niühsani und etwas nach der Seite hängend schien er sich zu schleppen, und seine Rede wurde öfter schwerfällig und stockend. Vielleicht hatte er auch nicht seinen guten Tag.„Lieber Freund", sagte er ivehmütig, indem er auf einige vorüberziehende Wolken deutete,„ich muß blaue» Himmel über mir haben, wenn ich meine Gedanken sammeln soll." Er führte uns dann zu seinen Lieblingsplätzen. Besonders in Erinnerung ist mir noch ein Rasen- lager dicht am Abgrund, hoch über einem in der Tieft hinbransenden Gebirgsbach.„Hier", sagte er,„liege ich ain liebsten nnd habe meine besten Gedanken." Wir waren in dem bescheidenen Hotel zur Alpenrose abgestiegen, in dem Nietzsche sein Mittagbrot, bestehend gewöhnlich in einer bin- fachen Kotelette oder dergleichen, einzunehmen pflegte. Dort zogen wir uns, um zu ruhen, für eine Stunde zurück. Kaum war sie ver- strichen, so war der Freund schon wieder an nnsrer Thür, erkundigte sich zärtlich besorgt, ob wir noch müde seien, bat um Entschuldigung, wenn er zu früh gekommen sein sollte usw. Ich erwähne dies, weil eine solche übertriebene Besorgtheit und Rücksichtnahme früher nicht in Nietzsches Charakter gelegen hatte nnd mir für seinen gegen- wältigen Znstand bezeichnend schien. Am nächsten Morgen führte er mich in seine Wohnung oder, wie er sagte, in seine Höhle. Es war eine einfache Stube in einem Bauernhanse, drei Minuten von der Landstraße, tvelche Nietzsche während der Saison für einen Franken täglich gemietet hatte. Die Einrichtung war die denkbar einfachste. An der einen Seite standen seine mir von früher her nieist noch wohlbekannten Bücher, dann folgte ein bäuerischer Tisch mit Kaffeetasse, Eierschalen, Mannskripten, Toilettegegenständcn in buntem Durcheinander, welches sich weiter über den Stiefelknecht mit darin steckenden Stiefeln bis zn dem noch nngcmachtcn Bett fortsetzte. Alles deutete auf eine un- regclinägige Bedienung nnd auf einen geduldigen, sich in alles ergebenden Herrn. Nachmittags brachen wir auf, nnd Nietzsche gab uns das Geleit bis zum nächsten Dorf, eine Stunde thalabwärts. Hier sprach er, wie schon früher einmal, düstere Ahnungen aus, welche sich leider so bald erfüllen sollten. Als wir Abschied nahmen, standen ihm die Thräncn in den Augen, was ich früher nie an ihm gesehen hatte. Ich sollte ihn nicht mehr mit klarem Bewußtsein wiedersehen.— — AuS dem Reiche der Schminke. In der„Kl. Pr." plaudert Dr. B. E p st e i n über die Schaustellung der Theatcrkunst in der Pariser Weltausstellung: Am merkwürdigsten mutet den Laien die Ausstellung der verschiedenen Toilettenartikel für das Theater an; hier beginnt das langsame Schwinden der Jahre lang sorgsam gehüteten Jllnsion. Wir befinden»ns mitten im Reiche der Schminke. Zwei Wachsfiguren in greller Rampenbelenchtung zeigen uns, wie entsetzlich, totcnkopfartig ein nnd dasselbe Gesicht ohne Schminke aussehen würde; es wird uns aber auch gleichzeitig der Beweis geliefert, was Schminke alles aus einem Gesichte zu machen im stände ist: die Teintschminke färbt die graue Gesichtshaut rosig, das Carinin läßt die blutleeren Lippen voll und frisch erscheine», der schwarze Stift giebt den Augen jenen trügerischen Glanz, den man sonst mir durch Belladonna zu erzielen im stände ist. Die rauhen Hände nnd roten Anne werden durch Krcmserweiß schneeig und ein blangraner Stift täuscht auf Kinn und Wangen Grübchen, in die der alte Conlisscnbesuchcr aber nie hineinfällt. Auch die schweren Rüstungen sind eitel Trug; auf kleinen Bühnen werden sie den Kriegs- lenten ans Papiennachs geliefert, während sie die Hoftheater aus leichtem Messingblech benutzen; wie mancher Säbel eines Edelmanns geht nicht ans der Scheide, und wie mancher Lauf einer Pistole ist nicht einmal hohl. Das Tier, welches das eitle SchmuckbcdürfniS des Königs mit seinem Leben bezahlen mußte, um ihm einen Hermelin- mantel zu liefern, fing bei Lebzeiten Mäuse. Und der Wandschrank der Königin, in dem sie all ihre Juwelen, sowie sämtliche Wohl- gerüche von Schiras aufbewahrt, hat keine Rückwand, ist von Pappe und läßt sich zusammenklappen. Aber auch die Juwelen selbst repräsentieren keinen hohen Wert, sie alle sind sogenannter Theater- schmuck und haben keine andre Aufgabe, als bei dem intensiven Rampenlicht den Glanz der echten Steine möglichst getreu nach- znahmen. Die französische Industrie hat es aber verstanden, historischen Schmuck so getreu in leichtem Material nachzubilden, daß man ihn kaum von echtem zn unterscheiden vermag. Einen eigenen Zweig der Theatcrindnstrie bilden die sogenannten Wattons: sie verfolgen sowohl einen positiven als einen negativen Zweck. Sie verleihen dem� von Natur ans dürren Falstaff die notwendige Fülle des Leibes und maskieren gleich- zeitig Ronieos X- Beine, damit Julia sie nicht schon im ersten Akt bemerke, weil doch dann das Stück unmöglich zu Ende gespielt werden könnte. Die wichtigste Rolle aber spielen die Wattons bei tosenrollen, und zwar dann, wenn diejenige Stelle des menschlichen örpers, an der sich geivöhnlich die Waden zu befinden Pflegen, allzu stiefmütterlich bedacht ist. Hier helfen die Wattons thatkrästig nach und gestatten dem Blick, über wohlgefällige Rundungen zu schweifen. Was für die Beine die Wattons, das bedeutet für den Kopf die Perrücke; hier hat es die Theatcrkunst wahrlich zur Vervollkommen« heit gebracht. Auch falsche Gebisse nnd andre SchönhcitSsurrogate haben wir in der Theateransstellnng zu bewundern Gelegenheit. Diese aber werden nicht nur im Reiche der Kulissen, sondern auch in der Komödie des Lebens angewendet, und so bilden sie gewisser- maßen den Nebergang aus dem Spiel zur Wirklichkeit.— Litterarisches. — Einen„Gottfried Keller-Abend" hatte am Mittwoch im Architektenhaus Herr Kurt Holm, als zweiten modernen Vortragsabend in dieser Saison veranstaltet. Das Pro- gramm umfaßte' einen einleitenden Vortrag, den Dr. Rudolf Steiner übernommen hatte, und verschiedene Rccitationen aus den Werken Gottfried KellerS.— Dr. Steiner enttvarf eine kurze, doch umfassende Schilderung von Kellers Lebe»?- qang? er betonte besonders den Einfluß Herivegbs und Fen'erbachs auf den jungen Dichter, den ein glühender Freiheitsdrang nach geistiger und wirtschaftlicher Unabhängig- keit beseelte. Realistischer und freier von jedem phan- tastischen Beiiverk, als jede andre Biographie, hat uns Keller seine eignen Sturm- und Drangjahre in seinem„Grünen Heinrich* hinterlassen. Was wir an diese», Roman in erster Linie innner wieder belvundern müssen, ist das hohe Ebenmaß von Phantasie und Ver- stand, die sich stets die Wage halten. Während Goethes„Dichtung und Wahrheit* mitunter das Bild ihres Schöpfers durch phantastische Beigaben bis zur Unkenntlichkeit verändert, steht in Kellers„Grüner Heinrich" das wirklich Erlebte fast mit geschichtlicher Treue im Vorder- grnnd.— Sein nächstes großes Werk, das ihm den Ehrennamen eines Shakespeares der deutschen Novelle einbrachte, sind„Die Leute von Seldivyla*. In diesen Novellen zeigt er sich als den Meister jenes echten Humors, der nicht den selbsterfundenen Witz in die Handlung seiner Geschichte hineinlegt, sondern die einzelnen Episoden derartig aufeinander anfbant, daß ihre eigne Wechselwirkung den Humor ergicbt. In dieser Art der humoristischen Erzählung erinnert er lebhaft an seinen Landsmann, den Maler Arnold Böcklin, dessen Bilder in derselben Weise komponiert und auch, soweit sie humoristischen Genres sind, die gleichen Effekte erzielen. Auch seine „Sieben Legenden" sind von diesem Gesichtspunkte ans zu betrachten. während Keller im„Sinngedicht* mit feineren Farben und einer fast gesuchten Technik arbeitet. Sein Hanptiverk aber ist sein letztes: „Martin Salander'; dieses Buch, eine der größten Satiren, die jemals auf eine Zeit und auf politisches Strebertum geschrieben worden sind, atmet ans jeder Zeile den Freiheitsdrang seines Schöpfers und seine Verachtung gegen eine bestimmte Sorte Menschen. — Aus seinen Werken aber spricht uns auch der Mensch Gottfried Keller entgegen: ein ganzer, willensstarker Mann, eine feste, abge« schlossene Natur und einer der größten Geister aus der zweite» Hälfte des 19. Jahrhunderts.— Die Necitationen Kurt Holm'S fanden reichen Beifalls eS kamen u. a. zum Vortrag:„Feneridylle�-—„Das Tanz- legendchen*—.Spiclmnnnslied'—»Berliner Pfingsten*—„Frau Rösel".- Ans dem Tierleben. Intelligenz d e S HundeS. Wir besitzen so viele Mit- teilnngen über den Scharfsinn und daS Ueberlegungsvcrmögen gewisser Tiere, daß es nicht möglich wäre, noch in unsrer Zeit zu be- haupten, daß die Tiere ohne Intelligenz seien, wenn nicht die meisten Beobachtungen von Personen ohne Autorität he,-rührten, deren Be- richte man leicht beiseite schieben kann. Damm müffen solche Be- richte, wie der folgende, welchen Professor A. Forel in Morgcs� bei Lausanne, eine bekannte Autorität in psychologischen Fragen, unlängst in der„Gazette de Lausanne" veröffentlicht hat, desto sorgsamer be« achtet werden. Im Frühsommer war der Wächter des Z'meiden« Hotels im Turtman-Thal(Wallis), der dort mit zwei Hunden den ganzen Soimner zugebracht hatte, durch eine Schneelast. die von dem Dache des HauseS herabgestürzt war, so tief begraben worden, daß nur der Kopf ein wenig herausschaute, während der ganze Körper und die Arme durch Schnee- und Eis- maffen fest eingekeilt waren. Die beiden Hunde, kleine Tiere, ver- suchten vergeblich den Hcrm herauSzuscharren, fie sahen bald die Hoffnungslosigkeit ihrer Bemühungen ein, schienen zu beraten und schössen plötzlich lvie ein paar Pfeile thalabwärts»ach Embs, wo der Bruder des Verschütteten wohnt. Gegen Mittag war die Ver- schüttung erfolgt, und schon vor 1 Uhr waren die Hunde in Embs. Sie hatten dcii Abstieg, zu welchem ein rüstiger Fußgänger vier Stunden braucht, in iveniger als einer Stunde zurückgelegt, bellten und heulten dann so lange vor der Hütte bis der Eigentümer herauskam, verweigerten aber den Ein- tritt und ihnen angebotenes Futter, bis der Hauswirt merkte, daß oben ein Unglück geschehen sein müßte. Er forderte nun einige Nachbarn auf, mit ihn, enipor zu steigen, und die Nettrnigstrnppe brauchte sieben Stunden, um das in der Luft- linie nur'9 Kilometer entfernte, aber mehr als 500 Meter höher gelegene Z'mcidenhaus zu erreichen. Sie kam oben erst um 9 Uhr abends an nnd fand dort die Hunde, die ihr anfangs mit frohe», Gebell voraus geeilt, dami aber verschwunden waren, zn Häuptcn des Verschüttete>ü der bereits beivnßtloS war und dem sie das Gesicht leckten. Er konnte aber zum Glück nach den, Ausgraben noch zun, Leben eriveckt werden, ivas er einzig der wohl überlegten Handlungs- weise seiner Hunde verdankte.—(„Prometheus".) Ans dem Gebiete der Chemie. io. Welche Farben für GlaSflaschen die besten sind, hat der Chemiker Möller in Kopenhagen eingehend unter- sucht und seine Ergebnisse in den Berichten der Deutschen Pharmaceutischcn Gesellschaft nütgeteilt. Es ist jedem bekannt, daß für Arzneien nicht immer weiße, sondern häufig farbige Flaschen gewählt werden, weil manche Medizinen gegen die Wirkung des Lichts empfindlich sind. Rur eine eingehende Forschung aber vermochte festzustellen, welche Farben für diesen Zweck an, geeignetsten sind. Möller hat gefunden, daß der beste Schutz gegen die chennsche Wirkung der Lichtstrahlen durch schlvarze, d. h. völlig undurchsichtige, rote, orange nnd dunkel- gelblichbraune Gläser erzielt tvird. Einen ziemlich guten Schutz gewähren ferner auch helle brännlichgelbe, dunkelgrüne(aber nicht blaue) und dunkel-bräunlichgrüne Färbungen. Dagegen geben blau» grüne, violette, milchige, bläuliche oder farblose Gläser wenig oder gar keinen Schutz für chemische Veränderungen durch die Wirkung des Sonnenlichts. Für die Aufbewahrung' von Wein, Bier und Spirituosen sind dunkel-bräunlichgelbe Flaschen vorzuziehen, während hellbraune, hellgrüne und bläulichgrüne Flaschen weniger empfohlen iverdcn können. Humoristisches. — Stil- und Weisheitsproben aus den Aufsatzheften seiner Schüler teilt Josef Wichner im Oktoberhest von RoseggerS „Heimgartcn* mit. Hier einige Beispiele: „Hennanns Vater hatte' schon längst den Wunsch, von einer Schwiegertochter umgeben zu sein." „Niobe wurde in Stein verwandelt und auf einen Berg versetzt. Ivo sie heute noch träufelt.* „Die Sagen von den Nibelungen waren zuerst ans einzelnen Lieben, zusammengesetzt: das Nibelungenlied zerfällt in drei größere und mehrere kleinere Handschriften.* „Der König>var sehr grausam, solvohl gegen seine Unterthanen, als auch gegen seine Mitmenschen." „Die Bevölkerungszahl verdankt ihre Größe hauptsächlich dem Militär." „Am Morgen ist der Geist sowie alle andern Körperteile zur Arbeit am geeignetsten." „In Aulis warteten die Griechen vergebens auf einen guten Wind, da ihn Diana zurückhielt." „Beim Orakel von Delphi wurden zweideutige Reden ge» führt." „Die Götter des Himmels aßen Ambrosia und tranken ans dem Neckar." „Die Cyklopcn waren ungeschlachtete Riesen." „Der Jagdhund des Odysseus lag sterbend auf den, Misthaufen. Ivelcher mit de». Schweife wedelte." „Karl Moor war von Natur anS mit Geist und Körper reichlich verscheu.* „Demetrius ist das letzte Bruchstück des großen Dichters Schiller." „Der Thron von Schottland ivar dem Leiccster zu klein, darum wollte er sich auf den von England setzen."— Notizen. Zur Feier des zehnjährigen Bestehens der VolkSbühnen-Bewegnng veranstaltet die Neue freie Volksbühne am Sonntag, den 21. Oktober, abends 6 Uhr. in Kellers Festsälcn, Koppenstr. 29, eine Jubiläumsfeier unter Mit- Wirkung des Streich-Quartetts von, Berliner Sinfonie-Orchcster, Frl. Helene Herrn, am,(Gesang), Organist Paul. Schmidt(Mustel-Har- inonium), Augnst Ludivig(Klavier), Schriftsteller Wolfgang Kirchbach und Dir. Max Marterstcig(Recitatoren).— — Die ersten beiden Bände einer vergleichenden „Kulturgeschichte der Neuzeit* von Professor Kurt Breyjig erscheinen in nächster Zeit bei Georg Bondi in Berlin.— — Die französische Ratio nal-Bibliothek wurde im Jahre 1645 in Paris mit 1300 Bänden eröffnet. Einige Jahre später erhielt sie durch das Vermächtnis der Familie Dupny einen Zuwachs von 9000 Bänden. Colbert brachte sie auf 35 000 Bände, heute zählt sie mehrere Millionen. Der erste Geueralkatalog wurde 1622 aufgestellt, 1645 neu durchgesehen. 1840—52 wurde ein neues Inventar aufgenommen, und von 1852— 74 stellte mau Tcilkataloge her, die von 1875 an durch neue methodisch enttvorfeue allmählich er» setzt wurden.— — Ernst R o s e r s neues Drama„Mutter Maria" wird noch in diesem Winter im Deutschen Theater aufgeführt werden.— — In Frankfurt a. M. verbot die Polizei die Anfführnng von Hauptmanns„Weber" an Sonntagen und in V o l k s v o r st e I l» n g r n.— — Ein historisches Schauspiel„König Tod" von Hang E r d»>, a>, n ist schon kürzlich am PragerDe ut scheu Lau deS» t h e a t e r mit Erfolg zu», erstenmal in Scene gegangen.— — Arthur S ch n i tz I e r s Schauspiel„Der Schleier der Beatrice' wird am 17. November im Breslauer Lobe- Theater seine Erstaiiffühning erleben.— — Der Berliner Lehrer-Gesangverein veranstaltet am 1. November unter Mitwirkung deS Philharmonischen Orchesters ein Konzert.— — Zu einer neuen Oper PucciniS„Giorgio d'Ascoli* schreibt Gabriele d'Annunzio das Libretto.— — Anton RückanfS Oper„Die Rosenthalerin* errang unter Mottls Leitung bei ihrer Erstaufsührnng im Hoftheater zu Karlsruhe einen schönen Erfolg.— Die nächste Nummer des UntcrhaltungSblattS erscheint am Sonntag, den 21. Oktober. Lcrantivortlicher Redacteur: Heinrich Wehker in Groh-Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.