Anterhaltungsvlatt de Nr. 204. Sonntag, den 21. Oktober 1900 (Nachdruck verboten.) 16] Ankev Molken. Ro man von Kurt Aram. Während die Jugend tanzte, liebäugelte er mit der Witwe, was ihr sehr willkommen war. Nicht, daß sie gedacht, er würde sie heiraten. So hoch gingen ihre Wünsche nicht. Das war ja auch ganz undenkbar, sie und der Bürgermeister. Aber zu ihrem Liebhaber wollte sie ihn gern. Das konnte ihrem Wirtshaus nur nützlich sein. Da er nun kein junger Fant mehr Ivar, die ja gleich brennen, wenn ein strammes Weibsbild ihnen nur in die Nähe konimt, so suchte sie ihn vor allein durch reichliches und gutes Essen und Trinken zu kirren. Sie stopfte den Bürgermeister förmlich nnt warmer Fleischwurst, Solberfleisch und Käse. Er lieg es sich gern gefallen, und das reichliche Bier nicht minder. Die Witwe merkte wohl, daß sie richtig speknlierte. Denn je mehr der Bürgermeister in sich stopfte und je mehr er trank, um so freundlicher, ja verliebter wurde er. Die Sache war so ent- schieden gut im Gange, sie konnte zufrieden sein. Als der Tanz zu Ende, Burschen und Mädchen, sich den Schweiß wischend, wieder ihre Plätze einnahmen, rief Franz Kranz laut:„Wo is denn Jungs Marie?" „Tie??" Alle lachten. Dann rief einer:„Fromm wor'nl" Ein andrer:„Verrickt wor'n!" Ein dritter:„Sie meint, hier thät se der Teufel holen." „Das laßt ihr zu, daß eins der hübschesten Mädchen daheim hockt?" „Wo steckt se?" „Daheim. Wo denn sonst?" „Ich dacht, se wär beim Säger un bet'." „Ihr wollt Burschen sein." hetzte Kranz,„Ihr laßt Euch das gefallen? I" „Her soll siel" schrie da einer mit trunkener Stimme. Mehrere fielen ein:„Her soll se!" „Dann holt se doch," sagte Kranz ein wenig spöttisch, als traue er ihnen das gar nicht zu. Sofort sprangen ein paar Burschen ans.„Mer wer'n se schon bole I" „Holt sc," schrien nun auch die Mädchen. Sie mochten die Marie zivar nicht, ihnen war es im Grund lieber, die blieb, wo sie war, aber jetzt versprachen sie sich doch einen Haupt- spaß, wenn die Burschen sie wirklich brächten. Der Bürger- mcister, der die Frommen nie hatte leiden können, rief auch: „Holt sei" Franz Kranz wählte sich drei aus und ging mit ihueil fort. Marie Jung hatte gerade mit Lesen aufgehört. Sie war aufgestanden und reckte sich, weil ihr vom laugen ungewohnten Stillsitzen die Glieder ein wenig steif geworden. Da trappelte es draußen, und eh sie sich klar war,>vcr das wohl sein könnte, standen die vier Burschen schon vor ihr. Bevor sie noch ein Wort gesagt, griff Fritz Wiudolf, der Aelteste vom Former- meister Wiudolf, nach ihrer Hand und sagte:„Komm' mit!" „Wie?" fragte Marie Jung erstaunt. Sie wußte nicht gleich, was das sollte. „Tu sollst mit ins Wirtshaus," rief Karl Hann. Marie trat schnell hinter den Tisch, denn sie merkte, daß die Burschen viel getrunken hatten. „Fackel nit laug un komin, es is lustig allweil im Wirts- haus I" schrie Windolf. „Ich mag nicht." Die Burschen lachten, als hätte sie einen guten Witz gemacht. Da trat der jnnge Hagensdörfer dicht vor sie hin, sah sie tuiltend au aus den kleinen, verschwommenen, grünlichen Augen und rief:„Das sag ich Der, wann De nit mit kommst I" „Das ist doch meine Sache." „Das is unser Sach I" riefen die Burschen. «Macht, daß Ihr ranskommt, Ihr seid alle betranken!" - Hört Ihr, was die Prinzessin befiehlt?" hetzte Franz Kranz. Hagensdörfer griff sie ain Ann:„Vorwärts! Mach, daß De niitkoiumst!" als die vier mit der dem allgemeinen Ge- einzelnen Spottreden „Nein," rief Marie. Die drei Burschen drangen auf sie ein und zogen die sich Sträubende hinter dem Tisch hervor. Kranz lachte laut und spöttisch. „Das sind wohl Elberfelder Manieren", rief Marie, die den Kranz mit Recht für den Anstifter hielt. Sie suchte sich loszureißen, aber es gelang ihr nicht, da die drei sie festhielten und zur Thür zerrten. Sie erkannte, daß sie gewaltsam mitgeschleppt würde, daß ihr Widerstand nutzlos war.„Laßt mich los, ich werde mitgehn." „So is recht, das is vernünfsig," erklärten alle sehr zu- frieden und gaben sie frei.„Madche, Du sollst Dei Jugend genieße wie mir," lallte Windolf, dem auf einmal ganz schwindlig wurde. Sie ging mit ihnen in das Wirtshaus. Unterwegs machte sie zwar einen Fluchtversuch, er mißlang aber,, da Kranz das geahnt und sich vorgesehen. Es gab ein ungeheures Halloh, Marie im Wirtshaus erschienen. Bei schrei konnte sie wenigstens nicht die unterscheiden. Marie Jung stellte sich in die Nähe der Thür. Aber Franz Kranz stellte sich hohnlachend gegen dieselbe. Man schrie nach der Musik, die sehr schnell zur Stelle lvar, an- gelockt durch den allgemeinen Lärm. „Aufgespielt!" rief Hagensdörfer und suchte die Marie zu umfassen, die sich ihm aber entwand. „Haha, die Muckersche!" „Sei doch net so dumm!" „Schämst De Dich denn gar net, so fromm ze sein?" „Hast De Ein' totgeschlage, daß Der's Bete so nötig is?" So ging es durcheinander unter dem Gelächter der Mädchen/die es der Marie von Herzen gönnten, daß sie so verspottet wurde. Jetzt erhob sich etwas schwerfällig, der Bürgermeister, steuerte auf die Jung zu und sagte:„No Marie, mit mir Iverst de doch tanze derfe trotz Deiner Frömmigkeit." „Ich tanze nicht!" „Das wolle mer doch sehn," schrie Hagensdörfer. Eh sie sich dessen vcrsehn, hatte er sie fest an sich gepreßt, während die Musikanten zu geigen anfingen. Da schlug sie ihm mit der Faust ins Gesicht, daß er taumelte, stolperte und fiel. Brüllend vor Wut wollte er sich wieder auf sie stürzen. Aber Franz Kranz trat dazwischen, andre sielen ihm auch in die Arme, so daß er fast heulend, vor Wut und Trunken- heit sich zufrieden geben mußte, als man ihn auf die Bank preßte. „Dumme, eingebildete Gaus!" rief der Bürgermeister ärgerlich, daß er verschmäht worden war, und zog sich Ivieder auf seinen Platz zurück. Franz Kranz trat vor:„E Tänzche in Ehru. kann nieüiand VerWehm, auch die Bibel uit." „Ich tanze nicht", wiederholte die Marie immer wieder mit bleichem Gesicht, indem sie»uich der Thür schaute. Da hatte sich aber schon ein andrer hinpostiert, der höhnisch lachte. als er ihre Absicht merkte. Dein Franz Kranz stieg nun auch das Blut zu Kopf. Er wollte sie au sich reißen, aber sie halte sich vorgesehen und entkam. Eue Weile lief er unter allgemeinem Gelächter hinter ihr her durch das Zimmer. Das Lachen machte ihn erst recht wütend. Jetzt erwischte er sie. Sie rangen mit- einander, und dabei faßte er ihre Taille am HalS, daß sie ausriß. Da er immer noch nicht losließ, sie es auch nicht gleich merkte, gingen alle 5knöpfe auf. Kranz ließ sie einen Äugenblick los. „Ich werd' Euch alle anzeigen, den Bürgermeister an der Spitze," rief sie und versuchte, die Taille wieder zu schließen. Nun trat der Bürgermeister dazwischen, denn das war gewiß gegen den Anstand, wie ihn der Kreisrat verstand. Die feinen Herrn sind ja darin so komisch. Unannehmlichkeiten wollte er nicht haben. Der an der Thür war nach vorne getreten, um doch auch noch etwas von dem Anblick zu haben. Den Augen- blick benutzte die Marie und entwischte. Sofort sprangen Franz Kranz und Hagensdörfer hinter ihr her. So durfte das nicht enden. Das Mädchen war im stände und zeigte sie wirklich an. Dann war es mit diesem Wirtshaus womöglich vorbei. Sic liefen hinter ihr drein, aber diesmal nur, um sie zu besänftigen. Marie Jung dachte natürlich, um sie wieder zurückzuschleppen, und lief, was sie nur konnte. Schon glaubte sie sich in Sicherheit, da sprang Kranz vor und faßte sie am Rock. Mit letzter Kraft riß sie sich los und sprang auf die Hauptstraße. Da kam der Wagen vom Direktor. Sie lies auf ihn zu und rief:„Zu Hilfe, zu Hilfe! Herr Direktor!" Die beiden Verfolger hatten den Wagen auch bemerkt und tauchten schnell zurück ins Dunkel. Otto war sehr erstaunt, die ihm wohlbekannte Marie Jung so zu finden. Er stieg sogar aus und brachte sie nach Haus. Sie war ja so hübsch. Er fragte, was denn geschehen sei. Aber nun sagte sie doch nichts.... Sie log sogar, weil sie sich so zu den Arbeitern gehörig fühlte, daß sie dieselben nicht verraten wollte, es habe sie jemand erschreckt, sie wisse aber nicht wer. In der Stube, in der das Licht noch grade so still brannte, als sei gar nichts geschehen, warf sie sich auf die Knie, jammerte und betete. Sie hatte gelogen, sie hatte sich ins Wirtshaus schleppen lassen, sie hatte sogar den Sagensdörfer geschlagen. Welche Sünden, welche Sünden!! Ob ihr die je vergeben werden konnten? Ob sie je wieder in die Versammlung würde gehen können? Sie war verzweifelt. Otto stieg kopfschüttelnd in seinen Wagen. Was war da geschehen? Hatte vielleicht einer von den Lümmeln, der auch wußte, was schön war, ihr nachgestellt, und sie wollte ihn nicht? Den Teufel auch I Morgen wollte er das schon raus- bekommen. Marie Jung und ihre Mutter hatten nachmittags auf dem Werk den Kaffee für die Arbeiter zu kochen und vorher die Coniptoirs rein zu machen, da würde er es schon in Er- fahrung bringen. Er war sehr entrüstet über diese Kerle, moralisch entrüstet, wie er sich freudig gestand, freudig, weil das nicht grade oft an ihn kam. Im Grunde ärgerte er sich aber doch nur. weil er selbst diese Blume nicht Pflücken konnte. Sie hatte in ihrer Aufgeregtheit wirklich zu reizend ausgesehn Aber nein, es ging nicht, von den Dorfmädchen mußte er die Finger lassen, soweit sie mit dem Werk in Beziehung standen.-- Otto fuhr zur Bahn, um den„Federfuchser" abzuholen. Er empfand es heute garnicht mehr unangenehm, daß Doktor Schäfer kam. Es war doch einmal eine Abwechslung in all der Spießergesellschaft. Eigentlich war ihm eben nur störend, daß er sich nicht entsinnen konnte, ob er mit dem Federfuchser Schmollis getrunken oder nicht. Aus Schäfers Telegramm und dem kurzen Brief konnte man das nicht sehen. Aber wahrscheinlich war es, denn mit wem hatte er damals in Berlin nicht Schmollis getrunken? Nun, es würde sich finden, wenn ihn der Federfuchser anredete. Magda fühlte sich doch ein wenig aufgeregt. Sic bekamen selten Logierbesuch. Jetzt war er auch noch aus Berlin, Schriftsteller, gar Dichter. Der mochte nicht wenig verwöhnt sein. Außerdem war sie ein bißchen abergläubisch. wie das ja ein Mensch leicht wird, der wenig Umgang hat, immer für sich lebt und vom Leben überhaupt nicht viel weiß. Trotz- dem sie sich selbst schalt, konnte sie doch nicht von dem Gedanken los kommen, dieser Doktor Schäfer sei ihr als Helfer eigens vom Schicksal aus Berlin zugeschickt. Sie sagte sich das selbstverständlich nicht so laut und deutlich, aber dieser Gedanke stand doch hinter allem, was sie an dem Kommen dieses Manns interessierte. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. Schließlich ist er doch nur wie Otto, wie alle diese Männer, die sie bisher kennen gelernt. Dann aber ließ sie alle Lichter anzünden, die im Hause waren, als erwarte sie doch jemand ganz Besondres. Es sah nicht übel aus. wenn alles so hell war. Die Villa gewann ganz entschieden dadurch. Sie machte jetzt fast einen freundlichen Eindruck. Jedenfalls würde sie das in Zukunft öfter thun. Das war gut gegen trübe Gedanken. Endlich fuhr der Wagen vor. Sie stand in ihrem Zimmer und lauschte. Jedenfalls ging er die Treppe hinauf wie andre Leute auch, nur daß seine Stiefel nicht knarrten. Als Doktor Schäfer in das Zimmer trat und ihr vor- Iestellt wurde, wich alle Erregung und Erwartung von ihr. iZie dumm sie gewesen, sich etwas Besonderes von ihm zu versprechen. Dabei fühlte sie, daß sie ernstlich enttäuscht war, pnd das fand sie am allerthörichtsten. Bei Tisch hatte sie reichlich Gelegenheit, ihn zu beobachten. Er aß und trank ebenfalls wie andre Männer. Nur etwas hastiger als Otto, etwas nervöser. Das konnte ja an der neuen Situation liegen und an der langen Eiseubahnfahrt. Auch was er bei Tisch sprach, war das Normale. Freilich, er konnte doch auch nicht gleich anfangen. Gedichte zu deklamieren oder so. Er sprach, wie er aß, hastig und mit Pausen dazwischen, nicht zusammenhängend; wie Menschen, die viel schreiben und für gewöhnlich ihre Gedanken nicht ge- sprächsweise von sich geben, sondern aus dem Papier. Es fiel ihm scheinbar auch gar nicht eimnal leicht, so normal zu kon- versieren. Es klang fast gezwungen, wie auswendig gelernt. Das macht nun immer bei solch rein gesellschaftlicher Normal« konversatton einen üblen Eindruck, da hierbei die Worte nichts bedeuten, die Art, der Ton, in dem sie vorgebracht werden, alles. Viel scheint nicht hinter ihm zu sein, dachte Magda wieder enttäuscht. Sein Aeußeres verspricht eigentlich doch etwas mehr. Dabei sah er sie so gut wie garnicht an. War das Ver« legenheit oder einfach völlige Gleichgültigkeit? Bei einem Berliner wahrscheinlich doch wohl letzteres. Ein schmales, blasses Gesicht mit hoher Stirn, das Haar schlicht nach hinten gestrichen. Da es wellig war, sah es nicht übel aus. Er trug den modernen Spitzbart, der das Gesicht noch schmaler macht, fast ein bißchen kränklich. Selbst« verständlich auch einen Kneifer, so daß man von den Augen keinen rechten Eindruck hatte. Am besten gefielen ihr seine Hände. Lang, schmal und sehr gepflegt. Vor allem keinen einzigen Ring. Ringe waren ihr widerwärtig an Männer- Händen. Aeußerlich war er so ziemlich anders als Otto. Aber innerlich? Sie unterhielten sich immer noch von Berlin. Otto schien gar nicht genug davon hören zu können. Eins war nun wohl recht großstädtisch an seiner Unterhaltung, daß er nämlich auf Damenohren wenig Rücksicht nahm, doch Otto war da auch nicht ängstlich. Lächerlich, wie sie ihn studieren mußte. Sie konnte es aber nicht lassen. lFortsetzung folgt.) Son ttko gsp ls ttd e L? r. Noch ein, zwei Wochen werden die Witzblüüer vom nlicu Hohenlohe Scherze formen, dann ist diese mierschvpslichc Quelle spaß» hafter Einfälle versiegt, niemand wirdZmehr seine» Zeichenstist an der llnglücksrabengestalt Onkel Chlodwigs spitzen. Sein Nachfolger ist schlimmer, er macht selbst Witze, er tritt als Konkurrent aus und pfuscht den berufenen Geistern ins Handwerk: billig, aber schlecht. Und deshalb wird des Boxergrafeu Blllows LoS in der Geschichte hätter sein als das seines Vorgängers. Wenn späterhin eimnal jemand den Namen des Fürsten Hohenlohe erwähnen wird, dann wird man sagen: Hohenlohe? Hohenlohe? Wer war das doch gleich V Nch ja, der gute alte Man», der Thomas Theodor Heine zu so samojcn Einfällen angeregt hat. Hingegen, wenn der Name Bülow erwähnt iverden sollte, dann wird man also sprechen: Bülolv? Bülow? Ist das der Klavier- spieler? Nein? Ach. das ist der Graf, der den Reichstag immer durch seine schlechten Witze zur Verzweiflung mtd Beschlutziinsähigleit getrieben hat l Dermaßen wird Hohenlohes Ruhm herrlich über den Grafen Bülow steigen, ivürde es diesem selbst vergönnt sei», die 5taisenn- Tante von China eigenhändig z» köpfen. Ueberhaupt, es wird zur Pflicht ehrlicher Spaßvögel, noch ein- mal— bevor es zn Ende geht mit dem Clodlvig-Thema— ihrem eifrigsten Gönner gerecht zu werden, zumal der dritte Kauzler vom Deutschen Reich, den Marianen und Kiautschou schwerlich Gelegen« heit haben wird, als Nebenfigur in den Skulpturivald der SiegcS- alles zu geraten. Die Politiker haben dem guten Fürsten übel mit- gespielt, niögen ihm die Männer von Kalau und Uingegcnd endlich zu seinem historischen Recht verhelfen. Auch ich bin mir beivußt, dem nunnichr gelvesenen Kanzler manchen Federstrich verdankt zu haben. Kein Wunder, daß in diesem feierlich- lvehmütigen Augenblick des endgültigen Abschiednehincns mich die Reue ein wenig packt, als hätte ich den lieben Freund nicht ganz nach Verdienst gelvürdigt. Ich fürchte beinahe, ich habe mich bisweilen über ihn es ist schrecklich, einzugestehen— lustig gemacht. Aber ich vermag gerade jetzt meine Sünden eiiiigennaßcn zu sühnen. Ich kann die Legenden der Bülow-Presse zerstöre», die den Kanzler sich bei Nacht und Nebel von seiner VeranUvortung fortstehlen lassen. Ich bin in der Lage, die Wahrheit über sein Ende zu erzählen. Es wird eine Stinimungstragödie des Herbstes werden, die nur Personen mit starken Nerven lesen sollten; denn sie ist garantiert erschüttemd, als ob sie von Sudcrmann gedichtet worden wäre. Ich verfüge dabei über ein nntrügliches Aktenmaterial: die Selbstgespräche des Fürsten Hohenlohe. Denn man muß wissen, unser via Homburg ciitschwlmdener Kanzler war eben so gewaltiq als Mitsichselbjlrcdner, wie er als vfsenUichcr Acdncr un- bedeutend war... Meine starknervigen Leserinnen nnd Leser.�vernehnit die Herbst- traqödie eines Staatsmanns in natnrgetrencn Selbstgesprächen I Der Lorhang erhebt sich! � Berlin, W i l h e l in st r a st e, L e h n st u h l. Hohenlohe faltet die Hände ans den, Schoh, um*»ach Ablehnung der lex Heize ja noch gestattet ist, und hält an sich folgende Ansprache: fejcellenz, du mustt handelnd eingreifen. So geht das nicht weiter. TaS Volk ivill endlich ein bistchen Reichstag sehen. Fürst Hohenlohe, dn mustt den Reichstag beschaffen,(Seufzend) Ja, ja. das glaube ich. Aber— aber(stöhnend), dann»inst ich eine Rede haltest nnd diese(die Thränen stürzen hervor) Chineserei verteidigen, die ich, beim Himmel, nicht verschuldet habe. Ich bin ein alter, arnier, geschlagener Mann. Warum quäle ich mich weiter? Ich will den Karren in— Petschili stehen lassen und mich in mein Inneres still zurückziehen. Aber, Exeellenz, bedenke deinen Namen. Jetzt, in diesem Augenblick gehen, das wäre Fahnenflucht I Und kannst du nicht noch viel Nützliches wirken? Bedenke, alles Bnndesstaaten rechnen auf dich. Du bist der Mann ihres Vertrauens. Was sollen sie beginnen, wenn du nicht mehr fest und aitsrccht in deinen Hennnschnhen stehst I(Hohenlohe zieht zwei Briefe ans der Tasche, einen mit ivürttemvergischer, den andern mit bayrischer Marke, und überblickt sie flüchtig,) Du hast recht, Excellenz I Ich muh ausharren. Es ist meine Pflicht, Und tvontm sollte ich nicht auch die Peiho-Politik verantworten! Ich habe(nach- sinnend) die Umsturzvorlage vertreten, ich habe das prenstische Vereinsgesetz gedeckt, ich habe die Znchthansvorlage befürwortet, ich habe mich für den Entwurf der unzüchtigen Schamhaftigkeit ins Zeug gelegt— und ich habe sie alle glücklich zu Tode geredet. (Entschlossen, leuchtenden Auges:) Ja, ich will auch für China, Welt- Politik und den Waldersee so energisch die Verantwortung über- nehme», dast für bv Jahre kein Mensch mehr von diesem Unfug etwas wissen will. Dazu ist aber schlennigst der Reichstag nötig. (Rufend:) Enül, den Reisekosfer l Im Harmonikazug. Hohenlohe, in seinen Plaid ein- gewickelt, studiert eine Karte von China, Er tippt mit dem Zeige- fiuger auf einen Punkt und ergreift das Wort: Diese Geheimräte find doch zu unzuverlässig. Sie haben mir gesagt, China sei ein so weitläufiges Land, dast eS snr mich unmöglich sei, mich darin zurechtzufinden. O. die Herren wollen mich von den Geschäften weglocke»; sie intriguiercn bereits für meinen Nachfolger. Aber ich lasse mich nicht benachfolgcr». Es ist ganz leicht, sich in China zu orientieren. Hier(triumphierend) habe ich bereits Tientsin gefunden, ich ivcrdc auch noch Peking zn finden wissen, am Ende gar selbst Kiautschon.(Jubelnd.) So, hier liegt Peking, jetzt kann ich die chinrstsche Geschichte samt Waldcrsee vor jedermann verantworte». Ich sehe schon den Reichstag vor mir, Und ich werde ihm sagen: Meine Herren--(der Zug hält ans einer Station. Rufe: Bier gefällig? Warme Würstchen, Cognac, Aromatique— Zeitungen 1 Hohenlohe sich biliansbengend) Sic da. geben Sie mir doch mal ein Blatt!(der Händler wirft ihm die.Woche* hinein. Der Zug setzt sich in Bewegung. Hohenlohe blättert.) So jetzt bin ich vollkommen unterrichtet. Ist doch'ne schöne Ehirichtimg, diese„Woche*. Man lernt da alles kenne». Das ist sehr interessant, sehr spannend. Der Büloiv lästt sich immer schon die Korrekturbogen kommen, darum weist er auch nlleS früher als ich. Ich will an August Scherl schreiben. er soll sie niir auch schicken. Ich bin es meinein Amt ja schuldig(stöhnend), über dieses gräßliche China wohl infvnnicrt zu sein... 'A _ H o ni b n r g. Hohenlohe wandelt ans der Knrpronicnade und spricht: Es wird alles gut gehen. Man ist im Princip geneigt, meinem Wunsch nach Eiubernsung des Reichstags Folge zu geben. Ich freue mich wirNich auf den Tag, wo ich den Herren Volks- Vertretern Rede stehen kann. Ich fühle mich»un drei Jahrzehnte jünger— das macht das Bewußtsein tapferer Handlungsweise... Stur einS stört mich. Der Biilow ist auch migekommeu, ich sah ihn vorhin vornberfahren, und sogar der(erbleichend, zitternd) der Lukanus. Sollte der am Ende den Bülvw holen? Nun, Dumm- Helten hat der gute Graf ja genug in der Chinasache gemacht; solche Noten, wie er angefertigt, wäre» i» meiner Jugend unmöglich ge- Wesen. Aber es ist»un einmal ein Zug der Zeit: der Niedergang der Diplomatie. Ich bin beinah überzeugt, dast der Biilow dran glauben muh. Wer wird aber sei» Nachfolger werden? Der Phili? Der Herbert gar? Nun, ich werde dafür sorgen, dast keiner allzuviel Unheil anrichtet, sei es der oder dieser.•.. « .Auf dem Weg zum Bahnhof. Hohenlohe stapft ver» gnngr wie ei» Knabe durch das raschelnde Laub, das die Straßen bedeckt. Während er redet, lacht er von Zeit zn Zeit fröhlich auf: Abgemacht! ES ist mir gelungen. Der Reichstag wird«in- berufen. Ich werde die übliche Rede sprechen. Hätte kaum gedacht, daß die Sache so glatt ablaufen tviirde. Von Bülow wurde gar nicht gesprochen. Das ist ein schlimmes Zeichen für ihn. Er ist eine gestürzte Größe. Um so sicherer stehe ich. Es ist wohl verstanden worden, als ich von meiner Verjüngiiiig sprach, dast ich noch die Kraft in mir spürte, es mit einer' Welt von Feinden aufzunehmen._ Schwer wird es mir ja allmählich, die Geschäfte z« trage». Indessen ich muß ausharren, man rechnet ans mich, ich.darf nicht vom Platz iveichen. Mögen sie Witze üver mich reisten, io viel sie ivollen— ich meist doch, was ich will, wie unentbehrlich ich bin, in der That unentbehrlich!... Ein Jnnge läuft vorüber:„Extrablatt. Extrablatt, ncncsteS Extrablatt 1" Hier mein Kind, hast Du einen Groschen, Hm. was gicbt es denn neues?(Er erhält die Nmnmcr und liest):„Wie die „Kölnische Zeitung* offiziell ans Homburg meldet, hat der Reichs- kanzler Fürst Hohenlohe in Anbetracht seines hohen Alters...* Himmel, Maria, Joseph-- I ch habe mein Entlassungs- g e s n ch eingereicht und-- bewilligt erhalten! Joe. Sei mir gegrüßt, Zeit der fallenden Blätter! Wir haben dich oft genug geschmäht, mm aber ivill ich dir ein Loblied singe» und deine Schönheit will ich preisen? Deine Schönheit, welche ist wie die reife Schönheit einer Frau, die sieghaft hindurch- gegangen durch die keimezerstörenden Frkhlingsfröste der Kindheit, durch die heißen, kräfteverzehrenden Leidenschaften des Sommers, der Jugend—, jene Schönheit, die voller Kern nnd Stolz ist. Wohl: ein graner Schleier oft deckt sie nnd wie greisenhafter Mist- m»t lagert es drückend ans den öden Fluren deines Reichs. Aber tvenn die Nebel zerreisten und das milde, helle Antlitz deiner Sonne versöhnend die mänuenden Strahlen ans die tropfenden Sträuchcr, Bäume und Gräser sendet, wenn es blinkt und glänzt nnd funkelt allüberall, wohin das Auge sieht, dann fühlen wir die herbe Schönheit deiner Herrschaft und lächelnd sehen mir die roten Blätter, die gelben Nadeln von den Bmimcn flattern und im ewig lebendige», keimfrohen Stoffe vermodern. Du bist die Zeit der Farbe» nnd der Früchte! Der Landmann[mustert prüfend die gefüllten Scheuern nnd von der Tenne tönen im Takt die Schläge des Dreschflegels— heil wie die goldnen Körner tanzend ans der Spren springen! Dn aber singst die Begleitung dazu. Dein Atem iveht um die Giebel und pfeift durch die Dächer; er klappert mit den roten Ziegeln und flüstert durch die Ritzen der Thüren und Fenster seine streitlustige Melodie, Er trägt die Sainenstänbchen hinweg ans reichen, bilnten Gärten, hinaus nber die höchsten Zäune in das weite Land und senkt sie in die schmalen Furchen des Heideweges, dast sie keimen und iin Fnihliiig auferstehen in heller Pracht zur Freude des einsamen Wanderers, der heimatlos von Stadt zu Stadt zieht. Du bist ein Freund der Verlassenen, den» dn singst ihre Weisen. Du bist wie da? Leid, das die Sinne weckt und die Kräfte stählt, und eine Zoniesstimme ist dein Sturm. Wie ein Ruf lange verhaltenen Grolls dröhnt er landauf, land- ab; die ragenden Kronen zittern nnd die morschen Zweige brechen krachend von den Bäumen, Er fegt über die Felder und braust durch die Straßen, als wollte er Atiskehr halten mit den dürren Resten der vergmigeneu Sonnnerpracht; wirbelnd treibt er alles Welke vor flch her nnd tronipetet jauchzend ein Kampflied dazu... Dn bist gar nicht rücksichtsvoll, Herbst, Darum mögen sie dich nicht, die Gulen und Lieben, die etvia Zufriedenen, die Genügsamen und Feigen, die nichts fordern vom Leben, Ich aber liebe dich, ver- lästerter Rebell I Denn dn bist die siegende Kraft, die die bunten Hüllen zerreißt und die Natur in ihrer nackten, erhabenen Schöne zeigt. Kein Glockenturm ist dir zu hoch, dast du nicht daran zu rühren Ivagtest, und jubelnd bläst du in die schwankenden Eulennester, dast das Nachtgefieder emporschrickt ans seine» schmutzigen Winkeln. Dein zorniger Atem dringt hinab in die dlinkelsten Tiefen des stunipfen. ruhenden Sees nnd wirft schäumend den verborgenen Schlamin des Grunds an die Oberfläche der aufgewühlten Gewässer!... Ich liebe dich, Herbst! Denn dein Zorn ist nicht elvig, und deine Abendsonne färbt die finsteren Wollen mit heiterem, leuchtendem Friede,» und nialt uns rote, glühende Wuiiderlande mit flannneuden Gipfeln.— ErnstPreczang. er. Arbeitsmarkt. Arbeitsmarkt, Menschenmarkt. In dichten Massen unidrängen sie den Eingang zum ZeiiniigL- biireau. Alte Mütterchen, junge Blirschen, kräftige Mälliier, blasse Mädchen, elende Kinder. Ob Soiinenglut grell auf dem Pflaster brütet, ob Herbststürme tosen, ob der Regen sällt, alle Tage wieder sind sie da. Nicht immer dieselben und doch stets die gleichen. Kinder der Arniilt, Kinder der Not. Mit hoffenden, bangendeil Blicken hängen ihre Augen an dem Eingang des Ladens. Kommt er noch immer nicht der Junge, der die Blätter bringt, die ersehnten, die Arbeit verheißenden Blätter? Arbeit! Arbeit! Stuiideillaiig stehen sie und warten. Um 8 Uhr sind schon die ersten da. Sie wissen ganz genau, dast das Blatt erst um Fünf herauskommt, aber sie wolle» vorne stehen, müsse» die ersten sein, in deren Hand der glückverheißende Zettel fällt. Daß ihnen mir ja keiner znvorkommt, dast sie keiner überholt in der wilden Hetzjagd. der Jagd nach Brot. Eine ganze Reihe kommt zum erstenmal. Andre kennen eiiiander bereits, sie treffen sich jeden Nachmittag hier, tagelang schon, wochenlang. Der Arbeiter in der blauen Bluse schüttelte dem junge» Kauf- »lann die Hand:„Auch wieder da?* »Auch wieder da." 816— �Abcr in der Nitterstraße.. „War auch nichts. Fiinfzig Mark inonatlich, Ivär' ganz schön ge wese», aber französisch' korrespondieren sollt ich können ach 1* Er fährt mit der Hand durchs Haar. Der andre tröstet:„Na vielleicht heute." „Ja, vielleicht!" Seine Augen sehen Verzlveifelt zum grauen Herbsthiinmel empor. Ein Graubart erzählt:„Durch die janze Stadt bin ich gestern gelaufen, aber denken Se denn, einer will mir nehmen? Z» alt— überall dasselbe Lied: zu alt... zu alt! Ja, zum Donnerwetter, soll man denn nich mehr arbeiten dürfen, Ivenn man an de fufzig ran is? Denn soll'n se wenigstens auch davor sorgen, daß man nich vor Hunger krepieren niust!" Zlvei junge Mädchen gehen langsam auf und ab. Die Wangen den einen glühen in dunklem Rot. Ihre Augen sehen geradeaus. ein starrer, entsetzter Blick:„Ich hnb' ihm natürlich gesagt, dag ich davon nicht leben kann. Vierzig Mark im Monat,>vas soll man denn damit? Da kann man ja gerade verhungern! Und wissen Sie, was er mir geantwortet hat?— Pfui Teufel l Ach es ist gar nicht zu sagen. Solch ein alter Lump— solch ein—" ihre Stimme bricht in verhaltenem Schluchzen. Die Frauen stehen in einem ganzen Kreis zusammen. Sie sind fast alle aus der Nachbarschaft und kennen einander. Die Stimme der grosten übertönt für einen Augenblick die der andern:„Ja, ich Hab auch nich jedacht, daß ich»och müßte in Aufwartung jehn, aber ivat soll man denn machen? Nu schon wieder die Lohn- abzüge und die Strafgelder in der Fabrik. Wissen Se, ivieviel mein Oller mir vorichten Sonnabend mitjebracht hat? Bare fünf Dhaler, und wir denken, er kriegt achte. Wie soll man denn davon leben mit drei Kinder?" „Und nu sind de Kohlen auch noch so teuer", stöhnt eine andre. „Wenn ich man bloß heut Ivas finde, ich will wieder auf Wäsche arbeiten, das Hab' ich vor meine Heirat auch jemacht." „Wäsche Ivird aber jetzt schlecht bezahlt", meint eine dritte. „Ich Hab' gestern auch nachgefragt. In der Klosterstraße suchten se Näherinnen auf Dainenhemden und bei gute Preise. Wissen Se, was se mir jeboten haben? Fürs Dutzend zwei Mark fiifzig und denn noch plätten dafür. Und das nennt sich gute Preise!" „Wird ja jetzt alles so schlecht bezahlt." Die Große nickte. „Ja, alles; man verdient kaum Salz aufs Brot." „Und schließlich muß man froh sein, iveun man überhaupt noch Arbeit findet", wirft eine andre ein. Die übrigen stinunen bei: „Ja, Arbeit... Arbeit!' Und alle Blicke fliegen wieder nach der Thür. Die Kinder haben sich in den nächsten Hausflur gedrängt. Sie sehen elend und jämmerlich aus. In dünnen Röckchen stehen sie da und frieren, aber die Not hat ihren Jugendfrohsinu noch nicht ganz niederdrücken können. Es ist ein Kichern und Lachen in ihrer Ecke. Sie reißen sich heimlich an den Zöpfen und treten sich ans die Fuß- spitzen. Dabei sehen sie neugierig auf ein klemes blasses Ding, das sich verschüchtert abseits in die Ecke drückt. „Was suchst Du denn?" Die Kleine wirft ihnen einen scheue» Blick zu:.'ne Stelle." „Was denn für eine?" „Weiß nich'." Ein leises Kichern:„Na. Du mußt doch wissen, was De suchst." Der Kleinen kommen Thränen in die Augen:„Mutter sagt, Ivo ich viel verdiene." Die andern lachen.„Wieviel willste denn verdienen's Monat. zehn Mark?" „Denn jeh' man nich bei Kindern, bei Kindern kriejt man bloß zweie I" „Auf de Nähstuben jiebt's auch man bloß'n Dahler.' „Jeh' doch als Köchin:, Alles hänselt um daS Kind herum. Aber die große Vierzehn- jährige scheucht sie zurück: �.Pfui, Ihr seid ruppig, laßt doch det Kind in Ruhe. Ick kenn' ihr überhaupt, es is BrachtS Käthe, sie soll jetzt mit verdienen, weil der Wirt sie so jesteigert Hot. Komm, Käthcheu, ick sag' Dir Bescheid, Käthchen. Weine nicht, Kä-Hchen!" Und nun stimmen auch die andem bei:„Ja Käthchen komm, wir zeigen Dir alles, Käthchen!" „Der Arbeitsmarkt I Der Arbeitsmarkt I Mit lauter Stinime ruft es der Junge über die Menge. Für ein paar Minuten ein tvildes Gedränge. Hundert Hände greifen zugleich nach dem ersehnten Zettel. Im Schein der Gaslaterne», unter den Lampen der Thorwcge stehen sie herum und überfliegen mit gierigen Blicken das Blatt. Dann fluten die Massen auseinander. Wie viele von ihnen werden finden was sie suchen? Wieviel müssen morgen wiederkehren? Äieviele?— Aus der Pflanzenwelt. — Die plötzliche Entstehung einer neuen Pflanzenart glaubt Professor Hugo de V r i e s in seinem Bersuchsgartcn zu Amsterdam festgestellt zu haben. I» einer Kultur von Lamarcks Nachtkerze(Oenothera Lamarckiana) trat 1896 unter mehreren tanscud gewöhnlichen Pflanzen ohne allen Uebergang eine ganz verschiedene, sogleich zu unterscheidende Form mit viel größeren Blättern auf, namentlich in der Wurzelblatt-Rosette, einem stärkeren Stengel mit zahlreicheren Knoten, kräftigen Blütenständcn, mit weniger zahlreichen, aber größeren Blüten und von ganz andrem Ansehen. Die Verschiedenheit erstreckte sich bis auf die Früchte. die kegelförmig, kürzer und dicker Ivaren als bei der Mutterpflanze und sehr große Samen enthielten. De Bries hatte die Blüten sofort eingehüllt, nm jede Vermischung mit der Mutterform zu verhüten, und erhielt daraus 1897 gegen 450 Pflanzen, von denen etwa hundert im folgenden Jahre(1893) zur Blüte kamen und der Mutter völlig gleich, der Großmutter aber so unähnlich waren, daß er sie als neue Art anerkennen mußte und Riesen-Nachtkerze(Oenothera gigas) taufte. Gewöhnlich entstehen neue Arten zuerst in Form einer leichten Abänderung, die erst im Laufe vieler Generationen eine so große Verschiedenheit gewinnt, daß sie als neue Art bezeichnet werden kann. Aber manchmal er- folgt eine sprungweise Entwicklung durch sogenannte Ungleichzeugung (Ueterogeneeis), ivie sie Kölliker(wohl mit Unrecht) als die gewöhn- liche Enlstehungsweise neuer Arten betrachtete, und ein solcher Fall würde hier vorliegen.—(„Prometheus.") Aus dem Pflanzenlcben. — Maiblumen i n Töpfen. Obergärtner A. S l i w a schreibt in der Wochenschrift„NerthuS": Daß auch manche»nsrer einheimischen Gewächse zu Ausehen und großer Beliebtheit gelangen können, bezeugen nnsre Maiblumen in hohem Maße. Viele Millionen derselben werden in Gärten und auf Feldern kultiviert und deren Pflanzenkeime im Herbst in Gewächshäuser, aber auch in Töpfe ge- pflanzt, um für den Winter getrieben zu werden. Diese kultivierten Pflanzenkeime sind stets besser als die wilden, den Wäldern ent- nommenen. Sehr leicht lassen sich auch im Zimmer die Keime der Maiblumen treiben und auf folgende Weise schon Weihnachten zur Blüte bringen: Man pflanze Anfang November fünf bis sechs Keime in einen Topf mit gewöhnlicher Erde und decke obenauf Moos, das man an- gießt, damit die Keime immer recht feucht bleiben. ES ist nun durch- aus nicht nötig, die bepflanzten Töpfe erst in einen Keller zu stelle», mau bringe dieselben vielmehr sofort in ein geheiztes Zimmer oder noch besser auf eine Stelle des Ofens, die immer gleichmäßig warm ist. und sorge dafür, daß der Untersetzer immer mit Wasser gefüllt ist. Die durch das Wasser von unten aufsteigenden Dämpfe und gleichzeitig ein öfteres Bespritzen des Mooses von oben, werden die Keime recht bald durchbrechen lassen. Nachdem diese eine Länge von ungefähr 15 Centimcter erlangt haben, bringe man sie aus Fenster, wo sie nach kurzer Zeit durch ihre herrlichen, angenehm duftenden Blüten die kleine Mühe reichlich lohnen. Will man bis in den März hinein einen dauernden Flor haben, so setze man in einem Zeiträume von zwei bis drei Wochen immer wieder frische Keime ans.— Meteorologisches. de. Die Zunahme d e r B l i tz g e f a h r i n W ü r t t e m- b e r g. Im Schwabenland hat die Statistik ebenso wie in Preußen und Bayern ein starkes Wachstum der Braudfälle ergeben, ein Steigen dieser Zahl, das größer ist als die Zunahme der Gebäude. Während sich von 1871 bis 1897 die Zahl der Gebäude nur um 18,2 Proz. vermehrt hat, ist die Zahl der Brandunfälle um 76,5 Proz. gestiegen. Bemerkenswert ist vor allem die Steigerung der durch Blitzschlag verursachten Brände; deren Zahl war im Durchschnitt der Jahre 1361—1370 37,2 . 1371—1880 97,1 . 1381—1890 152.5 . 1891—1897 186,3 In der ersten dieser Perioden stand diese Ursache der Brand- Unfälle nutcr allen Ursachen an vierter Stelle, in der folgenden an dritter, in der vorletzten an zweiter und in der letzten an erster Stelle.— Humoristiickics — Der freche H a s'. Der Herr Rat geht auf die Jagd. Sein Jagdaufseher Michl trägt ihm ein zweites Gelvehr nach und führt deii Hund an der Leine. Plötzlich springt ein Hase ans. Der Herr Rat schießt. Der Hase läuft ein Stück und— schaut. Der Herr Rat feuert den zweiten Lauf ab— dasselbe Resultat. Grinsend reicht ihm Michl das andre Gewehr. Derselbe Vorgang wiederholt sich. Beim vierten Schuß macht der Hase sogar ein Männchen. Wütend schreit jetzt der Herr Rat:„Michl. laß den Hund los'" Endlich findet cS der Hase an der Zeit, das Weite zu suchen.— . n' F e l d m a n n wenn ma' net g'habt hätl'n, Herr Rat," meint Michl schmunzelnd,„dös Luada waar' rein nöt fort z'bringa g'wes'nl"— — Bosheit. A.:.... Und was thaten Ihre Kollegen, als Sie plötzlich ins Wasser fielen?" V.(entrüstet):„Wissen Se. was se haben gcthan?... E' Stück Seist haben se mehr zugeschmissen I"— — Zu respektvoll. Rittergutsbesitzer:„Nun, mein lieber Inspektor, wie geht's denn Ihrem Sohne auf dem Gymnasium?" Inspektor:„O, Herr Baron, der hat die Ehre ge- habt, mit Ihrem H e r r» S o h» zusammen— sitzen zu bleiben!"— _ s.Fliefl Vl") Verantwortlicher Rcdacteur: Heinrich Weyker in Grojj-Lichterfelde. Druck und Verlag von Map Babing in Berlin.