UntechMungsblati des Horwärts Nr. 207. Donnerstags den 25. Oktober. 1900 «mm »Nachdruck verboten.) is] Ankcv HVolKen. Roman von Kurt Aram. Als Marie geendet, überlegte er einen Augenblick und sagte dann:„Siehst de. Marie, da stehst de schon mitten in den Verfolgungen der Welt. Ich Hab' der's gleich gesagt, daß die nit ausbleiben würden, denn weil ihr nicht von der Welt seid, haßt euch die Welt, sagt der Herr. Davon spürst de nu de Anfang." Säger seufzte ein wenig.„Ich Hütt' der recht gewünscht, daß es noch e Weil gedauert hätt, bis de's durch- wache mußt, denn es thut leicht der Freudigkeit un erste Liebe Abbruch. Nu is es aber geschehn, der Anfang is gemacht: un wie ich die Welt kenne, wird's auch noch nit das Ende der Verfolgungen sei. Daß De dem Hagensdörfer ins Gesicht geschlage, war nit recht. Die Schrift sagt: Vergeltet nicht Böses mit Bösem. No, Du bist noch jung im Glaube. Es is der ja auch leid, da wird Der's schon vergebe wer'n, wenn De's wirklich bereust." „Aber daß ich den Direktor so belogen habe? Säger, Säger,>vas denkt Ihr davon. Der Bauer schwieg eine Weile. Es war eine schwierige Geschichte. Daß sie so fest zu den Kameraden hielt und lieber leg, als sie verriet, gefiel ihm eigentlich sehr. Aber biblisch>var es gewiß nicht. Eine Lüge war's und blieb's. Er wußte wirklich nicht gleich, wie er ihr das klar machen sollte und sie doch nicht allzu sehr verletzen. Marie Jung sah gespannt in seine Augen. Da er aber immer noch schwieg, fürchtete sie das schlimmste, und schluchzend kam es von ihren Lippen: Ist das schon die Sünde wider den heiligen Geist?!" „Aber Madche, wie kanns De so was sage! Um Gottes Wille!" Er war ganz erschrocken.„Ich sag's'ja. Du bist noch recht jung und unbeholfen im Glauben. Es fehlt Der noch sehr an der rechte Erkenntnis, sonst würdst De sowas uit sage. Nei, nei, Madche, so schlinnn is es doch nit!" Jetzt flössen der Marie die Thränen reichlich. Sic hatte sich auch seit gestern nacht gar zu sehr Plagen müssen mit ihren Gedanken. Nun mußte sie sich erst einmal ausweinen. Säger ließ sie gewähren, aber sein Blick ruhte freundlich auf der Weinenden. So war's recht. Es würde schon alles wieder gut werden. Als sie sich erholt, berichtete sie ihm, sdaß sogar die Frauen, die in die Gemeinschaft gingen, sie gescholten, ohne überhaupt erst auch mir einmal zu fragen, ob es denn auch wahr, waS über sie gesagt worden. Das hatte sie schwer gekränkt. Wilhelm Säger lächelte, fast ein wenig humoristisch. �Ja, die Weibsleut. Umsonst heißt's nit bei Jakobus: Alle Natur der Tiere un der Vögel un der Meerwunder werden gezähmet, aber die Zunge kann kein Mensch zähmen, das un- Un nu gar Weiberzunge!" da solle sie ohne Sorgen ruhige Ucbel voll tödlichen Gifts Er wolle schon mit ihnen reden, sein. Und zwar über dies Wort aus dem Jakobusbrief, und daS kräftig. „Is Der's nit schon wieder besser?" Marie nickte zu- stimmend.„Siehst De, ich wnßt's ja. Un wann De zu Haus noch recht betst, kommt's schon in die Reih. Wir haben einen Gott, der Sünden vergiebt und einen Herrn, Herrn, der vom Tode errettet. Ja, ja, Madche." Marie Jung ging wirklich recht getröstet von dannen und guten Muts für etwaige, neue Angriffe.-- Otto saß immer noch mißmutig am Schreibtisch seines Coylptoirs. Es regnete so beharrlich aus den Wolken, die immer mehr zu einem Grau zusammenflössen. Sie überstürzten sich nicht. Sie hatten ja Zeit. Aber sie sparten auch nicht mit dem Wasser. Es war ja genug da. O. er kannte das l Tage würde das so weiter gehen. vielleicht Wochen. Ab und zu einmal eine kleine Pause, ein kurzes Atemholen, dann ging es von vorne an mit neu- gestärkten Kräften. So war das jedes Jahr um diese Zeit. Schließlich fühlte man sich gar nicht mehr als Mensch. Man tvnrde wie ein Frosch im Sumpf. Er sah ans den Hof. Da stand schon die Brühe, die bald allmächtig sein würde in der ganzen Gegend und alles über- kleistern. Rote Eisensteinfarbe und schwarze Rußfarbe lieb- lich gemischt. Mitten in der Brühe hockten draußen auf dem Hof ein paar Arbeiterkinder, legten Gräben an, zogen Kanäle und bauten Wälle, dahinter Teiche entstanden, auf denen Papier- schiffe prächtig schwimmen konnten. Wie die Kinder jetzt schon aussahen! Pfui Teufel! Dabei lachten die Rangen äußerst vergnügt. Das ärgerte ihn. Er riß das Fenster auf.„Wollt Ihr mache», daß Ihr fortkommt, Ihr Schweinigel!" Erschrocken standen die Kinder. Einige steckten unwill- kürlich die schmutzigen Finger in die schmutzigen Mäuler. Plötzlich machten sie alle kehrt und liefen fort. Hätte sie auch gewähren lassen können, schalt- er sich. Ist doch ein herzlich harniloses Vergnügen, und ein reinlicheres giebt's ja nun hier nicht. Nun waren sie weg. Auch gut. Was sollte er sich über ihr Vergnügtsein ärgern. Wofür war er der Herr! Als er nochmals zum Fenster hinaussah, bemerkte er Magda und Doktor Schäfer. Was soll denn das? dachte er erstaunt, denn er war nicht gewöhnt, Magda hier zu sehen. Das wird der Feder- fuchser veranlaßt haben. Nun lachte er laut über Schäfer, wie er sich bemühte, nicht in Pfützen zu geraten. Magda hatte sich mit dem Schuhwerk vorgesehen, Schäfer aber nicht. Seine Füße steckten in den feinsten Großstadt- schühchen. Daß es auch so viel Schmutz auf so wenig Platz gab! Daß diese schwarzbraune Brühe auch immer grade da war, wo er hintretcn wollte! Er merkte, daß Magda ein wenig die Nase rümpfte über seine Sorge, nasse Füße zu bekommen. Da patschte er ärger- lich drauflos, wo es auch hinkam. Er sah denn auch hinreichend beschmutzt aus, als sie in das Comptoir traten. „Schon aufgestanden?" „Erlaube, ich bin schon längst auf." „Vor'ner Stunde war noch nichts davon zu merken." „Da war ich lange auf. Ich dachte über meinen Roman nach. Das geht so fein, wenn's draußen langsam regnet. daS wirkt wie ein stimulierendes Kraut auf mein Hirn. In Berlin merkt man vor lauter Straßenlärm von solchem Regen über- Haupt nichts. Wie köstlich das hier ist, dies friedliche, stille Geriesel." „Bist Du toll?! Gräßlich ist's," fuhr Otto auf. „So dies sanfte, leise, einschmeichelnde Rieseln..." „Ach was. es tratscht! Sei nur erst acht Tage hier, dann vergeht Dir das Rieseln, dann tratscht's auch nach Deiner Meinung ganz elend und niederträchtig." Magda fiel ein, daß die Herren nicht noch mehr anein- ander gerieten; was eine ganz unnötige Sorge war, denn jeder dachte vom andren nur höchst befriedigt das eine: Esel l „Herr Doktor Schäfer wollte Dich gern einmal fragen, Otto. über hiesige sociale Verhältnisse." ..Ja, ich habe gar keine Ruhe. Ich fühle, diesmal wird's was I" „Da er sich nicht allein hierher finden konnte, begleitete ich ihn." Sie wußte, daß es ihr Mann nicht gern hatte. wenn sie hierher kam. Frauen gehören nicht in Schmutz und ArbeitslaW, hieß Ottos Spruch. „Dann setzt Euch, bitte, so gut es geht," meinte der Haus- Herr und deutete auf ein schon ziemlich defektes Sofa, auf dem Magda und Schäfer Platz nahmen. „Stör' ich Dich auch nicht in der Arbeit?" „Durchaus nicht. Es macht mir sogar Spaß, zu sehen- waS eigentlich so'neu Schriftsteller interessiert." „Alles, alles!" Schäfer zog sein Notizbuch.„Sie ge- statten doch, gnädige Frau?" „Aber gewiß. Auch mich interessiert das sehr!" „Da hamsterst Du wohl alles ein?" „Freilich." „Ist ja ganz gefährlich. Da muß man auf der Hut sein!" — 826— „Nur ja nicht I Das verdürbe ja alles. Hab' nur keine Angst." „Hab' ich auch nicht, mein Lieber." kam es.etwas spöttisch aus Ottos Mund. „Gehen wir also möglichst systematisch vor. Wie viel Arbeiter hast Du?" „Etwa sechshundert. „Alle von hier?" „Nein. Aber meistens. Die andern aus den umliegenden Dörfern." „So von weit her, aus Städten also keine?" „Ein, zwei, mehr nicht." „Das ist mir sehr wichtig, paßt ausgezeichnet in meinen Plan.„Und wie alt sind die meisten so ungefähr?" „Zwischen vierzehn und sechzig. Auch noch älter. Manchmal manche auch noch nicht vierzehn." „Und was verdienen die durchschnittlich?" „Hör' mal. Tu bist aber wirklich etivas zudringlich," scherzte Otto. „Gar nicht. Bitte, meine das doch nicht. Nur weißt Du, vorläufig bekomme ich durch diese Zahlen ein ungefähres Bild vom Milieu." „Jedenfalls bitt' ich mir aus. daß Du keine Namen nennst, wenn Du solche Sachen verarbeitest." „Versprech' ich Dir gern. Also was verdienen die Leute?" „Gewandte Arbeiter viereinhalb, fünf, auch fünfeinhalb Mark pro Tag." „Finde ich gar nicht wenig." „Ich auch nicht." „Und so'n Anfänger, was verdient der?" „Anderthalb bis zwei Mark." „Das ist nicht sehr viel." „Mußt aber bedenken, daß es sofort angeht, wenn er auS der Schule kommt. Das ist für seine Verhältnisse, und wenn Du mal an die Studierenden denken willst, die dreißig Jahre und älter werden, bevor sie überhaupt was kriegen, gar nicht so schlecht." „Allerdings, das kann man sagen." „Außerdem mußt Du nicht vergessen, daß in einer Familie oft Vater und zwei Söhne, manchal auch drei bei mir arbeiten, da so'ne Familie, wenn sie sich dranhält, ganz gut neun, zehn, auch elf Mark verdient, am Ende der Woche also fünfzig, sechzig, auch fünfundscchzig Mark ins Haus kymiuen. Macht den Monat zweihundert bis zweihundert« fünfzig Mark." „Das ist ja ein ganzer Haufen!* „Das mein' ich auch." lFortsetzung folgt.) Vapfoniem (Nachdruck verboten.) Wenn die Herbstsonne goldig durch das Geäst dcS Kastanien» Ivalds strahlt, dann sieht sie wohl so freundlich und heiter drein, weil sie sich bewußt ist, an dem kräftigen breitkrouigen Baume ein fchöncs Stück Arbeit geleistet zu haben. Schön und gut. Verbindet doch seine Frucht, die Kastanie, das sättigende Stärkeniehl der Kartoffel mit dem Eiweiß- und Zucker- geholt der lWandell Durch die stachlige grüne Hülle, zu der die glänzenden braunen Schalen einen wirkungsvollen Kontrast bilden, erwirbt sich die Kastanie einen hervorragenden Platz unter de» Dekorationsstücken des Spätherbstes. Ursprünglich glaubte man irrtümlich, daß die Edelkastanie von der Roßkastanie abstamme. Der alte Botaniker Matthiolus bildete die letztere zuerst im Jahre 1bS5 als„Castanea eqnina" ab. Von da an erhielt sie den Namen„Roßkastanie-. Clusins.�oar bekannt- lich der erste, welcher einen solchen Baun» aus Sknkicn zog. Er hatte diesen von dem kaiserlichen Jnteriiunttus David von Ungnad im Jahre tS76 aus Konftautinopel erhalten. Vierzig Jahre später kain die Roßkastanie von da auch nach Frankreich und nun ver- breitete sie sich über ganz Europa. Der Baum muß sich seiner Zeit vor dem Eise der Glazialperiode geflüchtet haben, denn aus den Petrefakten geht hervor, daß er schon zur Tertiärzeit in Europa heimisch war. Die heutigen Botaniker sehen in ihm nicht die Stamniform der edlen Kastanie, sondern weisen die letztere einer ganz andren Gattung zu, weshalb sie heute in der Wissenschaft den Naiiien„L.ssc:ulus Hixpoeastsnum- führt._ Ob Lucullus den Gipfel der Gourmandise erstiegen und die Kastanientotte gekannt hat, ist nicht sicher gestellt. Virgil jedoch mag die Kastanienpuree besser gemundet haben als unsren Gymnasiasten seine Aeueide. Er spricht nämlich von castanae molles. Unsre Frucht ist die Nachfolgerin des edlen Weins unter den Gaben des Herbstes, denn kaum ist die köstliche, saftige Beere der Rebe in den Bottich des Winzers gerollt, wird schon der Korb hervorgeholt, in dem die mehlige und schmackhafte Frucht des edlen Kastanienbamus eingeheimst werden soll. Sie kommt dann auch bald zur Geltung. Namentlich als „Maron glacee" in Frankreich. Hundert Hände sind da um sie bc- müht. Immer von neuem wird sie in den dicken Zuckersaft ein- gebettet, bis sie ganz von ihm durchzogen ist. Dann ist sie würdig, den Neujahrsgratulanten auf seinem Besuche zu begleiten. Es giebt gar manche Träger dieser Frucht, welcbe sich einer Ve- rühinthcct erfreuen. So findet sich einer der ältesten Kastanien- bäume in Deutschland am Fuße des Donnersbergs in der Lthcin- Pfalz. Wenn man bei der Station Kirchheimbolanden die Eisenbahn verläßt, sagt Dr. H. Roedel, so führt die Landstraße den Wandrer in zwei Stunden dem Dorfe Danneufels zu. Je näher man demselben kommt, um so rigenattiger wird der Weg; bald enger, bald iveitläufiger gestellt, erheben sich mächtige Edel- kastanien..Kästen", wie sie das Volk nennt, deren Stämme drei. vier, ja fünf Meter im Umfange messen. Inmitten des Dorfs er- hebt sich die größte, die auf einer Seite des Stamms viel höher vom Erdreiche umgeben ist, weil sie an einer Böschung steht. Höher hat die Zeit den Baum nicht gemacht; im Jahre 187o erreichte er eine Höhe von ca. 18. Meter, aber um so kräftiger hat sich sein Stamm entwickelt. Der schönste Kastanienbaum Frankreichs, aus dessen Centrum .Maroni" von besonderer Größe herkommen, befindet sich 2Vs Kilometer von Bagnsres- de- Bigorre zu Mcdonx in dem alten Kapuziiier-KIoster. Seine Höhe beträgt 40 Meter, fein Stamm ist glatt und cylindrisch und steigt senkrecht aufwärts wie ein Mast- bäum. Die erstell Aeste eutjpringeu 30 Meter vorn Boden und ein kleiner, kegelförmiger Wipfel setzt' dem Ganzen noch 10 Meter Höhe zu. Bei eiiieni Meter über dem Boden hat er einen Umfang von 4 Meter 30 Centimcter. Er ist von den Kapuzinern gepflauzt, deren Klostergründung weit hinter das 16. Jahrhundert zurück datiert. Auch sonst kennt man in Frankreich noch einige Kastanienbänme von riesigen Verhältnissen. Einen solchen findet nian bei Saucerre im Departement du Eher, von 10 Meter im Umfange, wobei er — man schätzt sein Alter auf tausend Jahre— doch noch Früchte trägt. Auf Madeira befindet sich ein weiterer Riese dieser Art. in der Umgebung von Achado, 23 Kilometer von Funchal. Die Höhe des- selben erreicht fast 50 Meter, und ein Meter über den» Boden bat sein Stamm einen Umfang von 11 Meter 60 Ceutimeter. In seiner Mitle hat man eine Kammer und an seiner Südseite ein Fenster in» Stamm angebracht. Der Goliath und gleichzeitig der Methusalem unter den Kastanienbäumen ist derjenige au» Aetna, welcher den Nauieir .Lastagno di conto cavaili" führt. Welches Alter dieser Baum zählen>uag, ist tvohl schlvcr anzugeben, ninmit nian aber an, daß die jährliche StammeSzu'uahme eine östreichische Linie(!'") betragt, so würde dessen Lebensdauer zwischen 3600 bis 4000 Jahren variieren. In Sizilien, wo die Kastauie häufig vorkommt, sind, einzelne Exemplare von 18 Meter Stammninfaug bekannt. Im Aillcgen schattiger Kastauieuwälder, wie solche in Spanien, Frankreich, Italien und einigen südlichen Gegenden Orstreichs vor- kommen, hat der Mensch einen Gehilfen in Gestalt des NußhäherS stZamlluL glandaiius). Der Vogel verfährt mit diesen Früchten gerade so wie mit den Eicheln; er verscharrt sie nämlich in den Boden, um sie gelegentlich während des Winters hervorzuholen und zu verspeisen. Die nicht diesem Zwecke zugeführten Kastanien be- ginnen schon im Frühjahr zu leimen. Wie bei der Eiche, so geht es auch hier in den ersten acht bis zehn Jahren nnt den» Wachstum sehrß langsam vorwärts. Die an geschützten Stelleu stehenden Bäuinc sind nach weiteren fünf Jahren schon so in die Höhe geschossen, daß man ihren Stamm zu Telcgraphenstangen verwenden kann. Bei zwanzig bis dreißig Jahren erlangen die jungen Bäume bereits so ansehnliche Größen- Verhältnisse, daß sie zu den verschiedensten Banzivecken sich eignen. Ihre Tragfähigkeit ist jener der Eichen vollkommen gleich; umso mehr, da das Holz, obgleich mit breiten Markstrahlen versehen, phy- siologisch dem der Eiche nahe verivandt ist. Unter einem gelblichen Splinte befindet sich ein bräunlicher, schön geflammter Kern. In dem letztgenannten Aller zeichnet er sich durch eine überaus leichte Spaltbarkeit aus, ivodnrch das Holz zur Erzeugung von schmalen, aber sehr langen Faßdanven, gespallenen Rebpfahlen und dergleichen sehr gesucht wird. Außer der schon eingangs erwähnten Beziehung zwischen der Rebe und der Kastanie, deren Ernten fast unmittelbar aufeinander folgen, finden wir nun noch eine andre, denn sowohl Bordeaux- als auch Rheinwein fließt in Fässern, die aus Kastanienholz an- gefertigt sind. Ein weiterer Zusannnenhang liegt in der Sitte, die ersten Kastanien gebraten zum frischen Most zu genießen, wie dies bei den Südländern üblich ist. Die Blüten bringt der Kastanienbaum erst im 20. Lebens- jähre hervor; er gleicht hienn der Weißbuche und der Zitterpappel, während die Rotbuche und die Stieleiche erst nach 60 Lenzen er- blühen.—. D r. Ludwig Karell. Kleines Feuilleton. e. Humor in der Politik. Der„Dentsch-Amerikanische Lincoln- Klnb� in Baltimore veröffentlicht zu der bevorstehenden Präsidenten- Wahl in den Vereinigten Staaten einen Aufruf an die deutsch- amerika- nijchen Wähler, in dem es u. a. heißt:... Das Volk war(1896) herzenssatt geworden ob der brechenden Banken, der bankrotten Ge- schästshäuser, der zunehmenden Legionen der Arbeitslosen, der Eni- rüstungsschreie der Männer, der trostlos in Schmerz nachgrübelnden Frauen und der ebenso schwer unter der nationalen Verheerung schmachtenden Jngend. Dieser Alpdruck mußte weggeräumt iverden, die Zerstörer des nationalen Glücks wurde» ans politische Kreuz ge- schlagcu, und ivie ein Segen von gewaltigen Schicksalsschlägen ge- staltete sich die Diplomatie unsres geehrten Präfidenten, des Herrn Mac Kinleh, so daß nunmehr. wo früher Apathie und Trostlosigkeit vorherrschten, die geschäftlichen Fittiche im vollen Schivunge sind und die Geschäftshäuser wie emsige Bienen ihren Verpflicbtnngen ihren Kunden gegenüber»achkoinmen... Der tolle Finanzmnii» Brynu von 1896 ist im Jahre 19vie sie, nach der zweiten Vorstellung vom Dienstag zn urteilen, trotz luxuriöser Preise gefunden hat. ES wurde Rossinis„Barbier von Sevilla" gegeben. Wie dieses Werl sich aus lcbensarmer Opernknnftclei und lebensvollster musikalischer Dramatik zusammensetzt; wie rieben der gestaltlosen„Rosine" und ihrem ihr ähnlichen Grafen Almaviva ganz markante Charaktere stehen: so setzte sich auch die vorgestrige Vor- stellnng ans Blutarmem, Langweiligem und aiiS Warmblütigem, Interessierendem zusammen und fvereiiiigte alt Traditionelles mit selbständig Modernen!. Es waren Italiener, die unmittelbar oder mittelbar' von neuer deutscher Kunst manches gelernt haben. Vor allem war eins höchst dankenswert. Der„Barbier" ist wie so viele andre Opern der älteren Zeit zusammengesetzt ans„geschlosseneu Nnnnnenr" einschliestlich der vom Orchester begleiteten mehr gesang- licher Recitative einerseits nnd ans mehr sprechähnlichen Rccitativeii andrerseits, die vom Klavier(nnd zlvar dem damaligen Cembal oder Kiclflügel) begleitet»verde« und trockene,„Secco"-Nccitative heisten. Während nun z. B. Mozarts„Don Juan" statt ihrer gesprochene Stellen enthält und später von Richard Wagner diese durch Recitative ersetzt bekam. hat umgekehrt beim „Barbier" der deutsche Uebersctzer Sprechauftritte eingefügt, die nach Belieben statt der Sccco-Recitative gegeben werden können. In jener Vorstellung wurden, im Gegensatz zum hiesigen Gebranch, auch diese Recitative gesungen, und die Künstler kamen mit ihnen gut znrecht. Namentlich der Sänger des alten Bartolo, T a v e c ch i a, beherrschte diese Ausdrucksweise in gut dramatischem Sinn, ohne doch den Gesangston durch den Sprechton verdrängen zn lassen. Im übrigen war er vielleicht der beste Schauspieler unter allen, ein „Chargeii"zcichner ohne Uebertreibung und Possenhaftigkeit. Durch eine mächtige und trefflich verwendete Baßstimme zeichnete sich Arimondl als Basilio ans, und in der Titelrolle»var Bst n s a n d e nicht übel. Neben diesen temperamentvollen, wenn auch im gesangliche» Können tvohl etwas ungleichen Künstlern brachten der Tenorist' und die Sopranistin einen beträchtlich andren Zug ins Ganze hinein. B r a v i als Almaviva, anscheinend nicht eben der erste Tenor der Truppe, erinnert ei» Ivcnig an nnsren Böte! durch seinen hellen,»veit vorn liegenden Ton, der feiner klingt als der Ton jenes, aber weniger Fülle besitzt. In der Darstellung kam dieser Sänger über den Theaterhclden nicht hinaus. Zn all dem, was über die Sembrich schon gesagt worden ist, läßt sich hier kaum etwas Neues sagen. Von einen! Reichtum dramatischen Könnens zeigte sich in der Rosinen- Rolle nicht eben viel; uns scheint die Sängerin im Konzert doch noch niehr Gelegenheit zum Brillieren mit ihren so leicht ansprechenden, so überaus' gleichmäßig heranSgesponnenen und so eisig kalten Tönen der Höhe zn haben.— In der Gesamtleistung störte das Weglassen mancher sccnischer nnd sonstiger Einzelheiten, das vielleicht zu Gunsten der diesen Künstlern besonders eignen Ge- schicklichkeit des DnettgesaiigS geschah.— sz. Archäologisches. — Eine antike Thonlamp e befindet sich im Museum Labigerie von Karthago, die eine m e r k Iv ü r d i g e biblische Darstellung zeigt. Man sieht, schreibt die„Münchencr All- gemeine Zeitung" drei junge Männer vor einer Henne stehen, lvührcnd hinter der Herme sich noch ein bärtiger Mann befindet. Der Kopf auf der Herme, durch das Herrschcrabzcichen ausgezeichnet, ist, wie Anatole im„Nuovo Bullettino di arcneologia Cristiana" ausführt, der König Nebnkndnezar, vor ihm stehe» drei Juden, der bärtige Mann aber ist der König in eigener Person. Die nächstliegende Deutung, man habe hier' Nebnkadnezar vor sich, wie' er die drei Männer zur Verbrennung verurteilt, läßt sich darum nicht halten, weil der König beidemal den Heiligenschein über dem Haupte hat. Er ist also gcivissermnßcn selbst ein Heiliger, ein Vorbild für die Christen geivorden. Damit hat man den bildlichen Ausdruck eines charakteristischen Zugs der afrikanischen Kirche ge- »vonnen. Angustinns, der in seinem Goltcsstaate mit Macht alle Nichtorthodoxcn, die Inden, Heiden, Donatistcn nnd andre Häretiker, bekämpft, hatte sich in seinem Angriff auf die Ketzerrichtimg des Marccllimis von Rom unter andern auch des Königs Nebnkadnezar bedient. Er rühmt an ihm, daß er, erschüttert durch die wunderbare Erhaltung der drei zum Feuertode verurteilten Männer, anS einem Feinde zum Freund geivorden sei und ein feier- lichcs Edikt gegen die Gotteslästerer erlassen habe. Dies Lob hat der ungeübte Verfertiger jener Thoulampe in die bildliche Dar- stellnng übersetzt, nnd zlvar nmß das Stück gerade rniS nngustinischcr Zeit stammen. Denn wenige Jahre später kam König Geiscrich mit den Vandalcn ins Land nnd erhob das Christentum Arians zur Staatsreligion. Als aber einige orthodoxe Priester, mn ihren Wider- stand gegen den Ketzerkönig auszudrücken, den König Nebnkadnezar gewisseniiaßen als Schutzheiligen auf den Schild erhoben, da mußten sie dies, wie berichtet wird, mit der Verbannung büßen.— Naturwissenschaftliches. — Neber A t in u n g und A t m u n g s o r g a n e mit be- sonderer Berücksichtigung der wirbellosen Tieres lautete daS Thema, mit welchem der Kölner Verein zur Förderung des Naturhistorischen Museums am Freitag seinen dieswiiiterlicheii VörtragscykluS eröffnete. Der Vortragende, Herr Prof. Dr. Lemkes, definierte zunächst den Vorgang der Atmung in organischen Körpern als eine Abgabe und Aufnahme von liiftförmigeu Stoffen, besonders Kohlensäure und Sauer- siosf, durch welche» Vorgang sich bei den Tiereu nnd bcini Meuschen die chemische Beschaffenheit der Nährflüssigkeit deS Bluts ändert. Ohne diese ständige Anffrischnng, die Ausnahme von Sauerstoff, würde das Blut bald außer stände sein, die Organe des Körpers lebensfähig zu erhalten, vielniehr ein Absterben des animalischen Organismus eintreten. Der Ziveck der Atmung ist, daß sie daS von den Organen zurückströmende sanerstoffarme aber kohlensäurereiche Blut mit einem sauerstoffreichen und kohlensöurearmen Medium in Wechsel- Wirkung bringt, so daß zivischen beide» Gasen durch Diffusion ei» Ausgleich stattfindet. Als Atemmedium sind die Lust und das Wasser zu betrachten. Die Lustatmung gestattet einen lebhafteren Austausch der beiden Gase' als die Wasscratmung, weshalb die crstere überall dort gefunden wird, loa ein größeres Sauerstoff- oder Atinungsbedürfnis vorhanden ist. Die niedrigsten Tiere(Protozoen, Amöben, Hohltiere. Milben, Räderlierchen) besitzen für die Atmung, trotzdein für sie ein Bedürfnis besteht, kein besonderes Organ, sondern sie vollzieht sich an ihrer ganzen Körperobcrfläche. Der Vortragende zeigt an mehreren, auf dem Projektionsschirm iviedergegebenen Amöben, wie diese einzelligen Tiere ihre Körperoberflächc durch Aussenden von Scheinfüßen beträcht- lich vergrößern, eine Erscheinung, die, nach dem Redner, vornehmlich auf die Ermöglichung einer intensiveren Atmnngsfähigkeit zurück- zuführen ist. Bei den höher entivickelten Tiere» unterscheidet nian eilte Lungen- oder Kiemen- nnd eine Tracheenatiiumg. Letztere findet sich bei den Insekten, Spinnen, Tausendfüßeu usiv. Die Tracheen find dünne Röhre», die in der Haut mit einein Luftloch (Stigma) beginnen nnd sich dann in dem Körper der Tiere um deren Organe sehr fein verteilen. Die Zahl dieser Luftlöcher schivankt meist zivischen acht nnd zehn. Manche Tracheentiere pumpen sich vor dem Ausflug den Körper voll Luft, Ivofür das bekannteste Beispiel der Maikäfer abgiebt. In diesen Fällen sind an den Tracheen noch sehr viele Ballons angebracht. Auch diese vcr- schiedenen Arten der Atmung führte der Vortragende in mehreren Lichlbildern vor.—(„Kölnische Volkszeitnug".) Hnmorlstisches. — Der Schusterjunge. M e i st e r i»:„Na, Karle, weil heute Dein Geburlstag is, schenke ick Dir ooch fünf Pfennige." S ch u st e r l e h r l i n g:„Aber Meestcr», Sie hätten mir doch darauf erst vorbereiten solle» ooch d e.t U e b e r»> a ß der Freude kann töte n."— — Der große Piccolo. Gast:„Piccolo!" Piccolo(herbeieilend):„Sie ivünschen mein Herr?" Gast:„Ich habe dem Piccolo gerufen, nicht Ihnen." Piccolo:„Entschuldigen Sie, ich bin der neiic Piccolo." G a st:„Was, Piccolo? Sie find ja schon das reinste Fagott!"- — Kinder in»» d. Lieschen:„Mutter, Ivarmn weiiist Dil beim?" Mutter:„O, ich habe viel Grund!" Karl(Sohn eines Güterhändlers, gerade zum Besuch):„Wie viele Morgen, Tante?"—(Meggend. hm». Bl.") Notizen. — Ein neues Schauspiel von Frank W e d e k i n d„Mar- qnis Keith" erscheint demnächst bei Felix Bloch Erben in Berlin.— — D o r a Dnncker hat ein zivciaktiges Schauspiel„Im S chatten" geschrieben, das demnächst im Berliner Theater aufgeführt werden ivird.— '—„La robe ronge" von B r i e n x wird in diesem Winter auch vom Wiener Burgtheater aufgeführt werden.— —„Automobil" betitelt sich ein neues Lustspiel von Alexander Engel und Victor Leon, das im November im Schau- spielhause in Scene gehen ivird.— — Das unlängst gegründete deutsche Theater in Petersburg ist verkracht. Indessen hat sich bereits wieder ein neues deutsches Theater unter Leitung von Else v. SchabelSki aufgcthan.— — Das neue OpernhanS(Kroll) wird im November„M a in s e l l A» g o t" von Lecocque bringen.— c. Shakespeares„Viel Lärm um Nicht S" liegt dem Libretto einer gleichnamigen Oper von VillierS Stnnsord zu Grunde, die in der nächsten Spielzeit in Convent Garden- Oper in Londoii aufgeführt iverden wird.— — Der Nachlaß M o r i z von S ch>v i n d S, der mehr als 200 Entwürfe deS Meisters nnifaßt, koiiiint am 31. Oktober bei Rudolph Lepke zur Versteigerimg.— — Eine Anzahl junger schiveizerischer Gelehrten befindet sich gcgenwärtig auf der Spitze der Dole(Gipfel des Schiveizer Juras, 1ü7ö Meter), um daselbst die Länge des Meridians zu verifiziere»; die Gelehrten gehören der schweizerischen Sektion der intcruationalen geodätischen Kommission an.— Verantwortlicher Redactenr: Heinrich Wetzker in Grob-Lichterselde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.