Mnterhaltungsblalt des Horwürts Nr. 208 Freitag, den 26. Oktober. 1900 cNachdruck verboten.) lsz Ankev TVolKen. Roman von Kurt Aram. Schäfer schwieg einen Augenblick nachdenklich. Er hatte das nicht erwartet. Er mußte sich sagen, daß da so eine Familie ja oft mehr verdiente als mancher geistige Arbeiter in der Stadt, oder wenigstens gerade so viel.„Dabei wohnen die Leute auf dem Land, haben keine Ausgaben für Ncpräsen- tation, höhere Lebenshaltung; da müssen sie ja sehr zu- frieden sein." „Bild' Dir das doch nicht ein I Die und zufrieden? Da kennst Du sie schlecht!" „Dann muß aber doch Wohl irgend ein Haken bei der Geschichte sein. Meinen Sie nicht auch, gnädige Frau?" Magda antwortete nicht. Sie hatte sich nie um derlei gekümmert. Es war das erstemal, daß sie diese Zahlen hörte. Eigentlich hatte sie sich die Lohnverhältnisse auch schlechter vorgestellt. Aber andrerseits, wenn sie an die schwere elf- bis zwölfstündige Arbeit dachte und damit das Leben ihres Manns verglich, standen die Einnahmen doch in keinem Verhältnis zu einander. Wenn sie sich klar machte, was sie im Monat verbrauchte, dann waren zweihundert bis zwei- hundertfünfzig Mark in der That nicht viel. Doch so durste nian wohl auch nicht rechnen. Aber wenn sie sich die Leute vorstellte, meinte sie allerdings auch, wie Doktor Schäfer sagte, es müsse ivohl noch ein Haken dabei sein; denn die Arbeiter sahen zumeist doch nicht aus, als ob es ihnen gut ginge. Jedenfalls verstand sie hiervon nichts, deshalb schwieg sie lieber ganz. Otto amüsierte sich. Dumm, dumm, schrecklich dnnim sind sie alle beide, dachte er. „So sag's doch," meinte Schäfer lebhaft,„da muß ein Haken bei sein, sonst hättens die Leute ja fabelhaft gut." „Was natürlich ausgeschlossen ist. Wie wär's möglich, daß es Arbeiter gut hätten I Wir sind ja Blutsauger, Aus- bcuter und was weiß ich, nicht wahr? Ihr Litteraten seid alle socialdemokratisch angekränkelt." „Hat die Sache denn keinen Haken?" wich Schäfer einer direkten Antwort aus. „Doch. Sogar mehrere. Und weil Du es bist, will ich sie Dir nicht vorenthalten. In Gedanken setzte er hinzu: Weil Du's doch nicht kapieren wirst. Gott, wie unpraktisch war dieser Federfuchser! Und der wollte einen socialen Roman schreiben? Das wird ein schöner Kohl werden! „So thu' doch den Mund auf I" drängte Schäfer. Erstens mal»verde» die Leute oft krank. So lange sie krank sind, bekommen sie pro Tag eine Mark. Das ist zwar riesig viel gegen früher. Ivo sie gar nichts bekamen, aber nicht genug, wenn die Krankheit länger dauert." „Weshalb giebft Du ihnen da nicht mehr?" fragte Magda. „Weil ich nicht zu mehr verpflichtet bin", sagte Otto. „DaS ist noch nicht alles?" fragte Schäfer. „Nichtig geraten. Sogar noch lange nicht." „Daun bitte, weiter!" „Die am meisten verdienen, stehen den ganzen Tag am Hochofen. Sic halten das aber nicht sehr lange auS. Mit vierzig Jahren sind sie oft schon fertig." „Wieso?" „Mensch, weil der Hochofen ihnen sehr schnell alles Fett und Fleisch von den Nippen frißt. Die Nerven gehen kaput, die Lunge geht kaput, alles geht kaput." „Und wenn sie uuu kaput sind?" „Daun sind sie halt kaput." „Bekommen sie dann nichts mehr?" „Jedenfalls nicht mehr viel. Eventuell AltcrSversichmmg. �Invalidenrente. Jedenfalls ist das meist nicht genug, daß eine Familie davon leben kann. Sie haben vielleicht dreizehn, fünf- zehn Jahre gut verdient, aber dann siechen sie noch zwanzig Jahre dahin. Und wenn die Kinder inzwischen nicht groß geworden sind, ist die Sache bös. Das kommt aber natürlich oft vor. Diese Menschen sind ja fruchtbar wie die Kaninchen und haben immer noch kleine Kinder, auch in ihren alten -�agcn. Dann ist das Malheur da." Magda war entsetzt. Diesmal fragte Schäfer:„Kann man denn da nichts thun?" „Darüber Hab' ich noch'nie nachgedacht." gestand Otto offen.„Das weiß ich nicht.■ Jedenfalls bin ich zu nichts verpflichtet. Das ist die'Hauptsache." Schäfer rechnete:„Nehmen wir mal einen nicht un- günstigen Fall. So eine Familie verdient zehn Mark Pro Tag fünfzehn Jahre. Nachher.lebt sie noch fünfzehn Jahre, ohne viel zu verdienen. Dann hätte sie also pro Tag fünf Mark verdient." „Du machst Dich ," meinte Otto.„aber Du vergißt Krankheiten, Du vergißt, daß der Mäuler in der Regel mehr werden, je geringer die Einkünfte sind. Du vergißt die Feier- tage und Sonntage, an denen nichts verdient wird, und offen gestanden. Du vergißt auch ein wenig, daß Deine Zahlen doch nicht ganz dem Durchschnitt entsprechen. Auch noch eins vergißt Du. Daß nämlich Deine Berechnung zwar mathematisch ziemlich richtig ist, daß in Wirklichkeit aber sich der Leute Verdienst nach der Nachfrage richtet; und die schwankt oft ganz verteufelt. Wir hatten seither zum Bei- spiel ziemlich schlechte Jahre. Erst seit diesem Jahr ist's wieder besser und wird voraussichtlich für einige Zeit immer besser. Na. ich habe Menschcnmaterial genug, daß ich's gut aushalten kann!" „So sieht's allerdings schon ein wenig anders aus." „Du wirst aber auch zugeben müssen, daß es nicht ein- fach ist, etwas zu ändern." „Gewinnbeteiligung", warf Schäfer ein. „Kennen wir. Das heißt aber auch Verlustbeteiligung: und da hätte ich jedenfalls das Nachsehen. Doch wenn auch nicht. Jedenfalls wär ich ein schlechter Kaufmann, an so was auch nur zu denken, so lange mir Menschenmaterial zu den alten, für mich günstigeren Bedingungen ea masss zur Verfügung steht." „Sogenannte sittliche Gesichtspunkte hast Du nicht?" „Nee. Seien wir ehrlich, wer hat die denn im Ernst? Auf Parteiversammlungen, in Zeitungen, gewiß, da hat man die. Aber in der Praxis? Im Kampf hört das auf. Wer oben bleibt, ist schließlich auch der sittlichste, mag er Mittel anwenden, welche er will, wenn sie nur zum Ziel führen. Das ist der einzige Gesichtspunkt. Soweit ich wenigstens die Welt kenne." „Eigentlich scheußlich." ..Zugegeben. Aber änder' Du die Welt mit Romanen und guten Lehren! Ich kann's durch meine Thätigkeit nicht." „Entschuldigt," sagte Magda,„daß ich jetzt gehe." „Warum denn?" „Ich will nach dem Essen sehen." „Thnst Du doch sonst nicht." „Wir haben ja auch einen Gast." Sie ließ sich auf weiteres nicht ein. Nur fort, fort, das nicht länger mit an- hören müssen. Otto lächelte hinter ihr her.«Diese Frauen! Denen schlägt so'was immer noch auf die Nerven. Das zarte Ge- schlecht." „Gestatte noch einen Augenblick." „Bitte, mir soll's recht sein." „Sind das nun alle Haken?" „Sieh einer an, Du nimmst's gründlich!" „Ich möchte es wenigstens." „Es ist noch ein Haken da. Die Leute können nicht sparen. Sie sind erst seit kurzer Zeit gewöhnt, mit bar Geld umzugchen. Vor zwanzig Jahren waren sie ja noch Bauern. Sie sind noch wie die Kinder, die jeden Groschen so schnell wie möglich ausgeben müssen. Ihre Großväter haben mir schon manchmal geklagt, bei den Söhnen und Töchtern spiele ein Zwanzigmarkstück keine größere Rolle als zu ihrer Zeit ein Gtoschenstück oder ein paar Heller. Es ist auch was Wahres dran." Schäfer hörte eifrig zu.„Du scheinst Dich ja ziemlich intensiv mit diesen Fragen beschäftigt zu haben?" „Gar nicht, mein Lieber. Das fliegt einem so an im täglichen Umgang mit den Leuten, wenn man nicht geradezu auf den Kopf gefallen ist. Nationalökonomen werden wohl über meine Weisheit bedenklich den Kopf schütteln. Nun, ich rede ja auch nur aus meiner Praxis. Wo anders wird'K tölffvct ganz anders sein. Einen alleinseligmachenden Leisten giebt's fiir diese Mnge nicht." «Man müßte sie also zur Sparsamkeit erziehen?" .„Man" is gut. Man! Probier Du's mal. ES würde Dir bald vergehn. Das gab' ein Geschrei! Du kämst ihnen wie ein Räuber vor, wie ihr schlimmster Feind. Denk an Kinder, denen einer den Groschen wegnehmen will, uni ihn in die Sparbüchse zn legen... Dazu ist mir denn doch die Ruhe im Ort zu lieb." Schäfer schüttelte den Kopf. „Da hat jedes wem: sein aber." „Man müßte aber doch Mittel und Wege finden." „Such Du sie doch. Das ist Dir unbenommen." „Das wäre doch in erster Linie Deine Sache I" „Guck mal einer au I Meine Sache? Meine Sache ist, was zu verdienen. Ihre Sache, zn sparen." „Wenn sie wie Kinder sind, müßte mau sie zu ihrem Besten zwingen." „In das Wespennest möchi' ich nicht greifen, wie ich Dir schon andeutete. Bei unsrer freiheitlichen Gesinnung geht das auch gar nicht," höhnte Otto. „iLsiisser faire, laisser aller regiert immer noch. Vielleicht, daß die folgende Generation auch noch sparen lernt. Ich glaub' aber nicht recht dran." „Warum denn nicht?"- „Von wegen der Wirtshäuser." Otto lachte über Schäfers Gesicht.„Du hast gewiß was philosophisch-nationalökonomisch- tiefsinniges erwartet. Haha l" „Erkläre mir doch!" „Bleibe nur noch ne Weile hier, dann wirst Du schon sehen, welche Rolle das Wirtshmls spielt. Es ist ihnen alles, was sie an Erholung, Vergnügen, Ausspannung und wie die schönen Dinge heißen, haben. Die Wirte aber sorgen dafür, daß die Leute nicht sparen." „Ist Dir das nicht unangenehm?" „Mir? Wieso?" „Schädigt denn das die Fähigkeiten Deiner Arbeiter nicht? Hättest Du nicht kräftigere Leute, wenn sie nicht tränken? Läge es also nicht in Deinem eignen Interesse...?" „In der Theorie klingt das sehr schön, aber tn�der Praxis ist's nicht viel bannt. Da muß ich die Leute ver- brauchen, wie sie sind, ich bin nicht ihr Seelsorger und Moral- Prediger. Ja, in der Praxis sind sie mir sogar so am liebsten trotz des blauen Montags." „Versteh ich nicht." „Ich will Dirs erklären, wenn Du Dich wohl auch entsetzen wirst und mich für höchst cynisch halten. Ich halte die Wirtshäuser von meinein Standpunkt aus sogar für etilen wahrci: Segei:." „Mas?!" „Ohne Wirtshäuser möchte nämlich mancher auf nicht angenehnie Gedankei: kommen, überhaupt aus Deuken, und das ist das Gefährlichste für einen Arbeitgeber, was es giebt. Unsre Maschinen und die Wirtshäuser sorgen dafür, daß sie sich das so leicht nicht angewöhnen." „Warum wäre denn das so schlimm?" „Weil das bei ungebildeteil Leuten immer heißt, nach- denken, daß sie's schlecht habeil und nachdenken, wie sie es sich besser machen können. So fängt die Unruhe an, und ich säße in der Brcdouille. Drum lob' ich mir das Wirtshaus I" „Hast Du keine Soeialdcmokrateil?" „Im Gniild sind sie das wohl alle, wenn es auch die welligsten so nennen." „Fürchtest Du da nichts?" „Gar nichts. Mögen sie schreien, so diel sie Lust haben, und tüchtig dazu saufen. Das krünmlt mir kein Haar." „Wenn sie nun streiken?" „Da ziehn sie hier unbediilgt den kurzern, wo ich leicht neues Material bekommen kann." „Wenn sie nun aber mal thatlich werden?" „Das wäre das allerdünimste, denn dann bestellte ich mir Militär, und sie wären gründlich blamiert." Beide schwiegen eine Weile, dann sagte Otto:„Es giebt nur eins, was mir wirklich gefährlich werden könnte. Wenn sich nünilich die Arbeiter orgailisieren zu einer Gewerkschaft. Da giebt's Zucht, Nüchternheit, und was das alles im Gefolge hat... Na, hier ist die Gefahr nicht groß. Schau nur zum Fenster hinaus. In so'nem Milieu gedeiht so was nicht so leicht. Da müßte es noch schlechter sein oder besser. Hier wird alles muffig, gedrückt. Für'neu Fabrikbesitzer ein äußerst zuträgliches Klima."(Fortsetzung folgt.) Ans dvL mnMslifiHen Tvoche. Nun ist auch die von uns lebhaft zuriickersehnte ,. M e i n i n g e r Hofkapelle" unter Fritz Stein bach wiedergekehrt und de» herrscht mit ihren vier Abonnements-Konzerten in der Singakademie die Aufmerksamkeit der Musikfreunde in dieser Woche. Aeutzerlich leicht scheint es ihr niemals gemacht worden zn sei», in unsrer Stadt als die gefährlichste Konkurrentin der einHein, ischen großen Orchesterkonzerte Fuß zu fassen. Und ob ohne die Mitwirkung Altmeister Joachims ihre inneren Vorzüge genügt hätten, üm so erfolgreich zu wirken, wie sie es mm einmal that, ist fraglich. Allein diese Mitwirkung darf nicht gleichgestellt werden dem sonst üblichen, auf Publiknmsfang berechneten, Sotistensang. Denn die künstlerische Persönlichkeit Joachims und die künstlerische Gesamtpersönlichleit der Meiuinger stimme« in den meiste» wesemlicheu Punkten so intim übereiu, daß auch jener Künstler in ihre gerade durch eine Art familiären JncinandcrwirkcnS so einzigartige Welt hincinzngehörcn scheint, als wäre er ihr erster Konzertmeister. Vor allen, verstehen beide, Joachim und die Meiningcr, das ausdrucksvoll gestaltende Phrasieren so, wie es kann, wieder irgendwo vorkoimnen dürfte. Nicht zwei Töne, die blos nnchriiiandcr heruntergespielt werden, die nicht in ein ganz eigens beredtes Ansteigen oder' Absteigen oder in sonst eine Gestaltung znsanuneiigcsaßt werden! Man beobachte beim Spiel der Meiuinger irgend eine Noteugruppe irgend einer unteren Stimme: jede spricht mit pointiertem Ausdruck. Weiterhin ist dem einen Künstler und der andern Künstlergcscllschaft die meisterliche Fähigkeit eigen, alles Einzelne' in den Dienst des Ganzen zn stellen, jedes Detail zu einen, wesentlichen Glied der Gesamtleistung zu machen. Endlich aber ist leider beiden eine, man möchte schon sagen: brutale Einseitigkeit und Rücksichtslosig- keit in der Zusammenstellung des Programms eigen. Joachims vc- kannte Stellung gegen Wagner kommt hier allerdings weniger in Betracht. Viel»,, ehr handelt c» sich nn, folgendes. Wenn eine konzertgebende Kraft sich einzig auf die„Klassiker" oder einzig aus die„Modernen" oder sonst aus ein Gebiet beschränkt: mm gut, das ist zwar auf die Daner eine llnvollkommenheit, doch hat es sein GntcS und bietet eine durch Konzentration wertvolle Beschränkung dar. Eine musikalische und ethische Beschränktheit ist es jedoch, wen«, wie es sowohl Joachim als auch die Meininger thnn, einerseits die alten Klassiker weiter und weiter gepflegt werden und andrerseits auS unsrer Zeit einer allein heransgegrisfen ivird, als gehörte er zu diesen und als sei alles andre Gegeuivärtige neben ihn, nichts. Dieser eine ist jener B r a h m s, dessen niistrcitige kompositorische Tüchtigkeit von seinen Freunden und von denen, die sich mit ihm schmücken wollen, zur Grundlage einer der egoistischten Reklame» und cüies der elegantesten Schwindel gemacht worden sind, wie sie nur jemals in der Geschichte der Künste vorkomme». So hohe Achtung man vor den, genannten Namen wie auch vor der Fremidschaft haben mag, die ihn mit den hier in Betracht kommenden Personen verbindet: der Kultus, der mit ihn, getrieben wurde und Ivird, ist nicht nur eine VeNvirmng des Geschniacksurtcils, sondern auch eine schwere Schuld gegenüber den Komponisten, die neben ihn, so wenig aufkommen konnten und könne», daß man geradezu sagen kann: all' diese glänzenden Triumphziige eines Joachim und einer Meiuinger Kapelle gehen über Leichen hinweg. Oder sollte etwa Herr Steinbach krampfhast suchend herumgehen, um Komponisten der Gegenwart zn finden, und stets„»verrichteter Dinge heimkehren? Ist nicht vielmehr z» vermuten, daß so mancher Komponist Herrn Steinbachs Slncksicht ebenso vergeblich wie die eines Nikisch oder Weingartner angerufen hat»nd seine Schmerzen eiiisa», ausstöhncn muß, ohne daß die Tausende eS hören, denen ein so n»d so vielter Brahms zum so und so vieltrn Male vorgespielt wird? Und ebenso wenig merken wir von der Resignation andrer, die ibr Recht, sich zu melden, nicht ausüben, die ihre» Anspruch darauf, daß man an sie herankomme, still bei sich bewahren... Von den 17 Nummern, die jetzt durch die Meiuinger vorgeführt werden, sind allein 7 Brahms, und zwar natürlich in vorderster Stellung; 8 andre sind Klassiker im weitere» Sinn, und zwei entfallen — man beachte die Eleganz des UmgehenS einer Opposition— ans Richard Strauß und auf Richard Wagner... ganz zum Schluß. In einem gehen Joachim und die Meiuinger nicht ganz zn- samniei». Jener ist der unbestrittene musikalische Genius auf seinem Instrument. Allem wie man mit paradoxer Kühnheit von Michel Angela zu sagen vermag:„er konnte nicht malen", so mag man ebenso von Joachim sagen:„er spielt nicht schön". Wohlgen, erlt: gegenüber der enormen Höhe seines musikalischen Ausdrucks und gegenüber der Klangschönheit etwa eines Earasate! Die Mciniiigcr besitzen auch dies: das sinnlich Schöne im Ton und in der Gesamt- weit von Tönen. Nicht nur der weltberühmte Klarinettist R. M ü h l f e l d vereinigt mit dem sprechendsten Ausdruck den singendsten Ton; auch die übrigen Meiuinger Bläser thnn es— übrigens die einzigen uns bekannten Orchesterbläser ,_ die nicht die Streicher in Grund und Boden blasen. Daß sie in Mendelssohns Hebriden- ouverture ein oder das andre Mal sich etlvas unsicher bemerllich machten, thut nichts, und daß der Dirigent die Veränderungen des Zeitmaßes in diesem Stück(das er mit Recht im Ganzen viel lang- samer nahm, als sonst üblich ist) etwas gar sehr forcierte, mag einem ästhetischen Streiten überlassen bleiben. In Sumnta glaube ich kau», je eine so vollendete, durchgearbeitete, gestaliuugskräfrige Aufsiihrung irgend eines Stücks gehört zu haben, wie diese, dies im -weiten jener Konzerte kam. Welche Bedeutung dann auch da? Vor- rühren von Stücken wie dein Bachschen Konzert für zwei Violinen D-moll hat, braucht ivohl nicht erst auseinandergesetzt zu werden. Die Vortragskunst, von der wir hier nach diese»» ihr gebührenden längeren Sxciirs Abschied nehmen, ist jedenfalls eine des wirkliche» Mitfühlens oder Miterlebens dessen, was vorgetragen wird. Rar wie sie ist denn auch eine Koinpositionskrnist, bei der mau werkt, der Komponist giebt wcht nur überhaupt irgend welche Formen, sondem fühlt wirklich das, was er sagt. Einen solchen Eindruck hatten wir gleich von vornherein von de»! Koiupositioncn des Herrn Hugo Kann aus Milwaukce. die einen Kanunernttisik-Abend im Bech'stein-Saal füllten, vorgeführt vom H a I ir- Q u a r t e t t und vom.Holländischen Trio". Wir hörten ein(erstes) Streich- qnartett, em Klaviertrio und einige Lieder. Allerdings geht der Komponist über alte Formen nicht oder nur dadurch hinaus, das; er sich wenig an den typischen Ablauf der 3 oder 4.Sätze" hält; allerdings sagt er iur Motivischen nicht gerade viel Neues nnd ent- faltet in der Verarbeitung nicht viel Kuustfülle. Aber wir hören vor allen» kein Luxusspiel mit blossen Formen, und wir glauben ihm, »vas er von ims geglaubt habe» will. Von de», ersten, nur zweisätzigcn Quartett heisst der zlveite Satz:«Sehr langsam(Auf den Tod eines Helden)"— wir finden uns leicht in die Vorstelluugsioelt dieses Zu- satzes hinein und haben an der Entwicklung dieses Satzes von all dein Widcrftrcitcnde». das er schildert, zum versöhnenden Äuskliugcn ein schönes tonküustlcrisches Erlebnis. Mehr schlicht, lebensfroh, sinnlich, doch auch mehr eintönig und weuigcr bedeutungsvoll ist das dreisätzige Klaviertrio; rühnieuswert ist dabei besonders, dass das Klavier nirgends überwuchert. Auch hier erhebt sich das Finale— .Schnell, geheimnisvoll"— zu einer beträchtlichen Grösse im wirk- lichcn Ausdruck eben dcS Geheimnisvollen Weniger Freude konnten »vir KauuS Liedern abgewiiincn. Insbesondre stimmt die Accent- gepling dieser Licderkoinpositionen oft so wenig, dass die sonst gut angelegte Deklanialion dadurch gestört wird. Der Gesnmtcharakter der Lieder ist in richtiger Weise mehr gesanglich als instrumental, doch spcciell hinwieder mehr recitaiivisch(und zivar mit Vorliebe für enge Schrittweise) als melodisch geHalle»; der Ausdruck hat etwas Tastendes, Tappendes, Danebengreifendes. Doch sei das Lied.Das Moudlicht flutet" nnd insbesondre die geschickte Vertonung des Worts.Träume" in den» Vers.Ein See, der See der Tränine" hervorgehoben. lieber die Cellistin M. De melius, die niit der Pianistin F. D o n a t eines der mehr privaten Konzerte im Römischen Hof veranstaltete, ist viel Gutes, lvcini auch nicht vieles zu sagen. Sie spielt sehr tüchtig, brachte eS zu zwei Zugaben imd erfreute uns »i. n. durch die nicht eben oft gehörte!» Variationen Beethovens über ein Thema von Händel. Gern hätte ich die mit Nachdruck gepriesene Allistin Lydia I l I y» a aus Brüssel gehört, die im Bcethovcnsaal allein, nur von Herrn Bos mit bekannter wunderbarer Vcglcitnngsknnst unterstützt, ein buntes Konzert gab; die Kollision niit einem Opcrnbesuch wies mich an eines andren Urteil. Wie ich höre, ist die Stimme zivar thatsächlich sehr gut und lebhaft sympathisch, entspricht aber doch nicht der geinachten Rühuuuig. Vor allem handle es sich nicht rein um einen wirklichen Alt: die Stinnne sei nur in der Mitte„dick" und Iverde nach oben und unten dünner; auch hafte ihr etivas Gaumiges, Zugeschnürtes an. Ein einziges der Lieder war deutsch; doch soll sein Vortrag gut gelungen sein. Am meisten habe Gounods„Repentier- Gebet" eingeschlagen, auf das dcui» auch zwei Zugaben folgten.— az, Kleines Feuillekon. k Moderne Verauschnngsinittel in England. Aus London wird berichtet: Englische Blätter machen darauf austnerksan», dass der Gebranch von Ersatzmitteln für Spirituosen und Bier, die noch weit gefährlicher sind als diese, sich in letzter Zeit in Besorgnis erregender Weise ausbreitet. Eau de Cologne wird bekannilich schon seit vielen Lahrcn als Getränk gebraucht; aber seit kurzen» sind die von den Drognisten an.fashionable" Damen verkauften Mengen ganz ausser- ordentlich gross, so dass dasselbe unmöglich nur für Toileltenzlvecke gebraucht werden kann. Die Eau de Cologne- Trinkeriii fängt ge- wöhnlich»nit fünf bis sechs Tropfen Eau de Cologne, auf einem Stück Zucker genoiinne», an. Danach glühen ihr die Wangen nnd blitzen ihre Augen, und wenn eine Frau nach dem Tanze ermüdet ist, so wirkt es wunderbar anregend. Dann vennehrt sich die Dosis auf zwölf Tropfen, allmählich werden dreissig bis vierzig in Wasser ge- nommei» und wenn die Frauen sich daran geivohnt haben, trinken sie es löffelweise. Natürlich ruiniert diese Gewohnheit die Gesundheit; besonders ivird die Magenschleimhaut angegriffen, dann stellt sich Schlaflosigkeit und schliesslich Melancholie ein. In England und Amerika wird am meisten Eau de Cologne getrunken. Auch Lawendelessenz wird jetzt ein viel gebrauchtes Nauschmittel. Es ist ganz allgemein Gebrauch geworden, daß man zu einem Droguistcn geht nnd bis zu einer Unze von diesen» noch verderblicheren Getränk nimmt. Ihm ähnlich,»venu nicht noch nachteiliger, ist Jngiverefsenz, die etlva zweimal so stark ivie guter Whisky ist. Dabei ist es er- staunlich, wie viele Leute heimlich Ingwer trinken. Ein tüchtiger Londoner Rechtsaiiwalt geht niemals ohne eine Flasche von diesem Getränk aufs Gericht. Auch Geistliche, Litteraten und Geschäftsleute nehmen Ingwer, aber die größten Konsninenten sind die Frauen. Es fängt gewöhnlich damit an, daß Tropfen für Schmerzen, pfinduitgen im Magen genonnnen werden. Dann gelangen die Leute bis' zu einer Piute(Vz Liter) pro Tag, und bei vielen Drognisten wird Jngweressenz nach Gallone»(4*/s Liter) gekauft. Das neueste Be- ranschniigmittel ist Capsicum. Capsicumtiuktur ist bei richtigem Gebrauch eine sehr wertvolle Medizin, aber im Ueberniaß genvnuue» zerstört sie den Körper, und doch liebe» viele Leute sie ganz be« sonders. Ein Offizier des Heeres, der Capsicum als Heilmittel gegen Frösteln«ahm, gewöhnte sich so sehr daran, daß er keine Flüssigkeit ohne dieses ilahm. Er that es in Bier, Thee, Kaffee und Suppe. Die Folge war, daß er trübe»uid melancholisch wurde und nach einem Jahr um zwanzig Jahre gealtert aussah. Von diesen Mitteln ganz verschieden sind Aether und Chloroform, die auch von sehr viele» Leuten gebraucht werden. Leute, mit denen mnii geschäftlich zu thuir hat und die man niemals bearglvöhne» würde, dass sie dieser Form des Rausches fröhnen, schlafen jeden Abend unter dem Eiufluss von Aether oder Chloroform ein. Das letztere ist den» Alkohol in seiner Wirkung nicht unähnlich. Es er- regt zuerst und betäubt nachher. Es greift zwar die Leber nicht so au, andre Organe jedoch fast ebenso sehr ivie Alkohol; aber es ivirkt gleichfalls verderblich. Einige Leute trinken Chloroform, andre atmen es ein. Die Gewohnheit, Chloroform zu nehiuen, ist erschreckend häufig in England. Mediziner sind die zahlreichsten Opfer. Dr. Kerr berichtet, dass es meistens von Männern genonunen wird, besonders von Männern im Alter von 40 bis 50 Jahren. Nachdem die Dosis ein« geatmet ist, folgt eine vollkoinmeue Belvusstlosigkeit; alles Un- behagen und alle äußerlichen Dinge sind vergessen, schöne Visionen lverden sichtbar. Aber dieser Zustaird ist sehr vorübergehend. Bald folgt ein unangenchnies Erivachcn, und bis man die nächste Dosis »in, int, ist das Dasein sehr elend. Der Verfall kommt sehr schnell. Der Brechreiz wird beständig, eine ernste Form der Dyspepsie tritt ein, niit der ein Abschen gegen jcdlvede Nahrung verbimden ist. Ein immcrlvährender, breuneuder Durst und schreckliche» Kopf- schmerz plagt den Menschen, bis das Opfer nervös, matt, schläfrig, gefühllos, abgemagert»uid gänzlich hofsinmgSloI wird. Es hat täglich ein bis zivei Stunden vollkommcner Glückseligkeit nnd 22 Stunden fast unerträglicher Trübsal. Wer an Chloroform gelvöhut ist, ge- braucht erstaunliche Mengen. Eine Frau kaufte täglich eine Piute, goß es auf die Bettdecke und athmete es ein. Aether gleicht dem Chloroform in seinen Wirkungen;»venu man es einatmet, ist die Wirkung langsamer, lvcnn man eS trinkt, schneller als bei Chloro- forn». Zuerst erheitert es sehr, und mit Whisky gciiiischt, erregt es fast bis zum Wahnsinn. Es ist nicht so lebensgefährlich»vie Chloro- form und»vird daher allgemeiner gebraucht.' Wer es einmal ge« nominell hat, gelvöhut sich schrecklich schnell daran; viele Leute be- rauschen sich damit mehrmals am Tage. Nach einiger Zeit erzeugt es Mageiieiitziinduiig. Vor einigen Jahren»varcn in der Bevölke- rrnig eines sehr grossen Bezirks in Irland fast alle, Männer, Frauen >md' Kinder, Aethcrtriukcr. Von Irland kam der Brauch nach Glasgotv, dann nach Lincolnshire und London nnd ging sogar über den Öcea». Da Aether ein billiges Rauschmittel ist, vermehrt sich sei» Gebrauch in der letzten Zeit»vieder sehr.— Völkerkunde. — D i e C h i n e s e i» als Entdecker Amerikas. Zu den Ansprüche» der Chiueseu auf Entdeckungen gehört auch der, Amerika, d. h. dessen Ivestliche Seite, etlva 1000 Jahre früher gefunden zu haben, als ColumbnS etlvas von der östlichen Seite erblickte, und einen wichtigen Einfluß auf die damalige amerikanische Kultur geübt zn haben. Den chiuesischeu offiziellen Aufzeichnungen über diesen Gegenstand zufolge, die von» Jahre 439 stammen, hat Hwui Shan, ein bedeutende chinesischer Buddhisten-Missionar, in diesem Jahre den amerikanischen Erdteil entdeckt, und Alaska und noch mehr Mexiko und Centralamerika und dazivischenliegeude Gegenden der Pacific« küste sind in diesen Akten beschrieben, wenn auch unter andren Namen, so doch deutlich genug erkennbar, nebst wichtigen Laudesprodilkteu und Volksbräuchen. Hlvni Shan war mit fünf audrcu buddhistischen Missioiiarcu von China abgefahren und hatte zuerst die Aleuten- Inseln, dann Alaska, dam» einen Teil der Küste von Britisch- Columbia»lud endlich das Land erreicht, von dem er das aller« meiste erzählt, nämlich Fusang oder„das Land des Maulbcer- banms". Dies ist kein andres als Mexiko, und seine Entfernung von Alaska ist zutreffend auf„ziveimal zchntailsend Li"(was 6000 bis 7000 englische Meilen sind) in südöstlicher Richtung an- gegeben. Er beschreibt die Häuser der Eingeborenen von Fusang, die mexikauischen Agave und ihre vielseitige Vcrlvendung. ein niilchartigcs berauschendes Volksgeträuk, das offenbar kein andres als der Pulque unsrer Tage ivar, und noch vieles andre sehr getreu. Seine ganze Entdeckungsreise hatte er lediglich im Interesse der Ausbreitung der buddhistischen Religion gemacht; aber das Ergebnis rief ungeheures Aufsehen in China hervor und die Regierung gab Weisung zu den genauesten Aufzeichnungen. Was dam» in den neuentdeckten Ländern lveiter erfolgte, darüber schweigt leider die chinesische Geschichtsschreibung grösstenteils. Hätten nicht später die spanischen Eroberer in vollständig mißverstaiidene»» Reli�ionseifer die Mang-Bücher verbrannt, so würden wir ver- mutlich hochinteressante Aufschlüsse darüber haben können. Nur ein einziges Maya-Buch— soweit mau weiß— ist der Massen- Verbrennung entgangen und befindet sich gegenivärtig im National- museum zu Madrid. Die Hieroglyphen' dieses Büchs sind noch unentziffcrt; das iuteressanteste daran bleibt aber vorlällfig, daß das Papier große Aehiilichkcit mit dem von den Chinese» fabrizierten Papier hat, und daß es iir ganz derselben Weise ivie die alte» Bücher der Chinesen gefaltet ist. Ucberliefernnge» betreffs des Ge- suchs jener chinesischen Bnddhisten-Missionare und der vielen Dinge, die sie dem Volke lehrten, hat schon Alexander von Humboldt in »nanchcn Teilen Mexikos angetroffen. Neuere Nciseudc in Mexiko und Central-Amerika haben u. a. eine ausgeprägt chinesische Vor- liebe eingeborener Rassen für die Verwendung von sclbstbereiteten Keuerlverkskörpem bei festlichen Gelegenheiten vorgefimden(es ist schwer zu sagen, wo anders die nötigen Kenntnisse hergekommen sein sollten, als anS China), ivie noch manches andre Chinesische in Bcklcidungs- und Hanshallungs-Gegenständen. Wer waren nun jene Eingeborncn von Mexiko, unter denen Hivui Shan und seine Missionare wirkten? Allem Anschein nach Tolteken, zu denen auch die Mayas gerechnet werden müssen; die kriegerische» und von Hause ans so gut ivie uncivilisierten Azteken scheinen erst später erobernd vom Norden gekommen zu sein und sich die Civilisation der Tolteken etwa so angeeignet z» haben wie die Römer die Civilisation der Griechen. Für Elefnntenköpfe an alten Tempeln in Ancatan hat um» absolut keine andre Erklärung als die Einivirkung buddhistischer, von Indien Über China gekommener Civilisation. Die mongolischen Eigentümlichkeiten, die man bei überlebenden Nachkommen der Mayas und andren»nexikanischen»»d ccntralamcrikanischcn Stämmen findet, gehen jedoch über bloße Gewohnheiten und Kenntnisse hinaus. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß nach Hivui Shan auch beträchtliche Zuwanderungen aus China und Rafftvermischnngrn statt- fanden.— Geographisches. — Der Ursprung des Golfstroms. Die allgemein herrschende Ansicht, daß die an den nordischen Küsten aukommeude wanne Wasserströinung aus dem Golf von Mexiko stamme, tvelchc durch den gegen das nordische Meertvasscr sehr hohen Salzgehalt (36 Teile Salz auf 1000 Teile Wasser) unterstützt ivurde, erfährt durch eine der Stockholmer Akademie der Wissenschaften vorgelegte Arbeit von Cleve einen, tvie es scheint, tvohlbegründeten Angriff. Durch das Studium der geographischen Verbreitung der Plankton- Organismen ergab sich, daß der größte Teil des sogen. Golfstrom- Wassers, welches die nordischen Küsten umspült, von der Westküste Afrikas stammt und nicht wie das Golfstroni-Wasjer eine Oberflächen- strömnng darstellt, sondern als Untcrtvnfferströmung nach Norden gelange und hier erst emporsteige. Cleve stützt sich also in seiner Arbeii auf das Vorkomme» zahlreicher, zwischen den Azoren und der afrikanisch-curopäischen Küste heimischen PlailltoMvescn, die an den Küsten Islands und Spitzbergens mit denen der Küste von Florida und der Autilleu gemischt vorkommen. Er denkt, daß das von der Westküste Afrikas kommende Wasser des Golfstroms sich erst nach Westcir bis Amerika bewegt und dann erst nach den nördlichen Ge- staden der alten Welt sich znrückiveudet. Es dürften noch viele Studien nötig sein, um diese Verhältnisse völlig klar zu stellen, innnerhin scheint hier eine bedeutsame Anregung vorzuliegen, die andeutet, daß die Erscheinung komplizierter ist, als man bisher au- nahm.—..(„Prometheus") Bergbau. — Ueber die Salpeter läge r von Atacama(Chile) sprach Dr. L. D a r a p s k y im.Naturwissenschaftliche» Berein" zu Hainburg. Der„Hamburger Korrespondent" berichtet über diese» Vortrag': Den meisten Chilisalpcter liefert die Provinz Tarapaca; aber auch die Provinz Atacama ist mit 20—25 Proz. an der Gcsamtprodnktion beteiligt. In Tarapaca ist das Vorkommen des Salpeters auf eine 120 englische Meilen lange und nur etwa ztvci Meilen breite Zone beschränkt. Ihre Grenze bildet die Pampa de Tamarugal, an deren sandigem llferrande sämtliche Salpeterivcrke liegen. Der Salpeter findet sich hier in bis mctcrdicken Schichten, überlagert von schützendem Salzthon, unterlagert von Sulfaten. In Toco ist die Mächtigkeit größer, das Material aber auch unreiner. In Autofagasta ist das' Schema von Tarapaca kaum wicdcrzn- erkennen; im Innern ist der Salpeter von riesigen Gypsbänkc» be- gleitet und nahe der See finden sich Salztümpel, deren Salpeter- gehalt durch Infiltration anS dem Hintcrlande ständig ergänzt wird. Noch Iveiter nach Süden, im Distrikt von AgnaSblancas erreicht daS Hangende des Salpeters bis 7 Meter Mächtigkeit. Die größte Mannigfaltigkeit in der Ausbildung und Vergesellschaftung findet sich aber in» Bezirke von Taltal, dcii der Vortragende an der Hand zahlreicher Orignalkartcn schilderte. Hier folgt der Salpeter gner zur Küste ziehenden Flnßläufcn: Salztümpel fehlen. An Bei- menaungen enthalten die höchsten Lagerstätten(2600 Meter) reichlich Sulfate, die inittleren Magnesiumsalzc und die tiefstgelegcnen wescnt- lich Kochsalz. Die Form betreffend, findet sich der Salpeter hier auf Brüchen, in Bändern, in Schichten, als Einsprengung und Hut auf Erzansbissen, ja selbst als Ilcberzng auf RoNstewen, ivie der Vortragende m seinem soeben erschienene» Werk �„Dns Departement Taltal, seine Bodenbildung und-schätze" des näheren anögefiihrt hat. Als südlichstes und gleichzeitig höchstgelegenes Sal- pctervorkoimnen ist noch die Lagune von Maricnnga zu nennen; dort ist in 3700 Meter Meereshö'he das Nitrat so gut wie frei von Kochsalz. Nach einigen Bemerkungen über dicGetvinnung und Renn- gnng des Salpeters besprach der Vortragende noch kurz die Begleit- salze, das glashelle Natrium-Nitrosnlfat. das citronengelbe Calci»»»- jodat, daS orangerote Caleiiim-Jodochrmnat. die zuerst von Taltal genauer bekannt gelvorden sind. Zum Schluß streifte der Redner noch die Entstehung des Salpeters. Guano und Tang sind gleich unschuldig daran; auch die übrigen Hypothesen sind unhaltbar, tveil sie den LagernngSverhältnissen nicht genügend Rechnung tragen. Sicher ist nur, daß sich der Salpeter heute bereits ans sekundärer Lagerstätte befindet und daß sein Ursprungsgebiet»licht an der See, sondern obei» im Hochgebirge gesucht werden muß.— Technisches. — Moderne Papyrusblätter. Einem Vortrag von Dr. Adolf Frank über„Technische Reisenotizen aus Süditalien" entnimmt die„Papierzeitung" folgendes: Ich möchte über eine specifisch siziliauische Industrie berichten, welche in Syrakus besteht und uns ebenso»vie die dortigen Ivnnderbarcn Rninenstätte» in direkten Rapport mit dein Altertum versetzt. Es ist dies die neuer- dings dort wieder aufgenommene Fabrikation von Papyrnsblättern. Die schon von de» Aegypten» hierfür als Rohmaterial angeivandte Paphnisstaude(Cyperus Papyrus) kommt noch heute in' Sizilien vielfach»vild vor, so an der sagenberühmtcn Quelle der Arcthusa bei Syrakus»»nd in größeren Massen an den schönen Ilfern des 5khanebachS. solvie an seiner La PiSina ge- nannten Quelle. Die Stengel dieses schikfnrtigen Strauchs,»velcher eine Höhe von 3—4 Meter erreicht und in seinem dreieckigen Qner- schnitt eine Dicke von 12—16 Meter erreiche»» kann,»Verden zunächst durch Schälen von der Haut befreit, dann mit einem scharfen, nadelnrtigen Mcffer in dünne Streifen geschnitten. Diese Streife» werden gerade geschnitten und dann auf einem Brett dicht nebeneinander gelegt. Qner zu dieser ersten Lage»vird dann eine zlveite darüber gebracht, und daS so aus zivei Schichten gebildete lose Blatt zunächst durch Ueberrciben mit ein ein Elfenbeinsiück oder einer Muschel geglättet und dann durch Pressen oder Schlagen mit ciiicn» schtveren Ham»i»cr verdichtet. Die Znsnnnncnlcinumg der einzelnen Streifen erfolgt hierbei entiveder d,lrch den in der Pflanze selbst enthaltenen znckerartigen klebrigen Saft oder auch,»vas bereits die alten Aegyptcr wußtcn, durch Znsatz cincS besonderen, anS Stärke hergestellten Klebstoffs. Die jetzt in derselben Weise in Syrakus her- gestellten Papyrusblätter kommen in Bezug auf Eleganz der Ans- führung den» sehr sauber geglätteten Material der alten PapyrnSroNcn nicht gleich, sind aber anch gar nicht zun» Gebranch bestimint.»vie die Charta Hieratica der ägyptischen Priester oder die Charta Angnsta und Charta Epistolaris der römischen Kaiser und Damen. Das jetzt von»venigen Arbeitern hergestellte grobe Fabrikat ist schon ivegen seines hohen Preises(ein Blatt desselben kostet ctiva zivei Frank) nur ein»villkoinniencr Fund für den Sammler,»velchen er als liebe Erinucrnng an die alten Kulturstätte»» der schönen Trinakria und ihres elvig neu belebten»nid belebenden sonnigen Lands und Meers mit nach seiner nordischen Heimat ninnnt.— Humoristislfies. — Aufgeschnappt. Das Rentier Dickkopfsche Ehepaar hat den Assessor Hohenfels zu einem Löffel Suppe gebeten, in der siillen Hoffnung, den stattlichen und aNbeliebtcn Herrn als Schiviegersohn cinzufange». Als nach aufgehobener Tafel der Herr Assessor der Tochter des HanseS, seiner Tischdame, galant die Hand küßt, ruft das sechsjährige Nesthäkchen in freudigem Eifer:„Mamacheir, Mamachci», sich' doch, jetzt beißt er an!"— — Ein Gnnz-Geschcidtcr. Lehrerin(in der Klein- kinder-Schule, nachdem sie daS Märchen vom d»ln»ncil Peter erzählt): ,.Skn». HanS, mn»vas»bürdest Du alles bitten,»venu Dir eine Fee erschiene und drei W ü n s ch e gestattete?" HanS:„Ich hätt' nur einen Wunsch." Lehre riir:„lind der ivärc?" H a n S:„D a ß a l l e S,»vas ich mir>v ü n s ch', i n E r» f ii l I u n g geht."—(„Jngeiid") Notizen. — Ein BolkSstück„Mutter Sorge" von R. H a»v e I fand bei seiner Erstaufführung am Stadt-Thcater in Wien Bei- fall.— — Schillings Oper„Der Pfeifer tag" erzielte in Straßbnrg i. E. einen schönci» Erfolg.— — Die Enthüllung des G o c t h e- D e nk»» a l s in Wie» »vird an» 20. November vor sich gehen.— — Der d e»» t s ch e G o l d s ch n» i e d e t a g(1. bis 4. No- vember) in Berlin»vird mit einer Ausstellung in» Lichthof des K u n st g c>v e r b e>u u s e u m S verbunden fein, die eine Woche lang geöffnet sein»vird.— — Die russische Regierung»vird in Athen ein archäologische SJ n st itut nach dem Muster der dort be- stehenden gleichartigen Jnstitiite andrer Länder hegründen.— — Die k n n st w isse n schaftliche Abteilung der B e r> l i n e r F i ii k e n s ch a f t veranstaltet im Lauf des Winters Vortrags- aliende. Den ersten Vortrag Über das Thema„die deutsche Kunst und der deutsche Student"' hält am 30. Oktober Professor Otto E ck m a n n im Architektenhaus.— Die nächste Nummer dcS UnterhaltungSblatts erscheiur am Sonntag, den 23. Oktober._ BerantworNicher Rcdactcnr: Heinrich Wetiker in Grob-Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.