Hnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 209. Sonntag, den 28� Dttober. 1900 �Nachdruck verboten.> 20] Attkov Tvolken. Roman von 9turt Aram. „Es ist in der Thai außerordentlich cynisch," antwortete Schäfer,„wie Du das ausichst." Otto sprang auf.„Findest Du? Merkst Du denn nicht, wie ich diese elenden 5terle verachte, die wie's Vieh sind, wie alte 5iühe, so geduldig und denkfaul? Mir wär's wahrhaftig lieber, es gab cn bissel Krieg. Schon der Abwechselung halber. Aber so ein Schaf kann ich nicht sein, das ist doch zu viel verlaugt, daß ich sie womöglich eigenhändig gegen mich auf- Hetze? Wenit sie's nicht anders haben wollen, mir kann's recht sein." Die Dampfpfeife heulte, das. Zeichen, daß die Mittag- pause zu Ende. Da kamen die ersten auch schon wieder auf den Hof. „Sieh sie Dir doch an." sagte Otto und zog Schäfer mit aus Fenster.'„Kann ich die furchten, achten? Krumm, schlaff, welk und devot. Da brauchten nur zwei, drei Lust zu be- komnieu, mir auf die Bude rücken und mich am Hals kriegen. Aber der Gedanke komnit ihnen gar nicht, oder wenn er ihnen kommt, sind sie zu feig, uin's zu riskieren. Wenn ich so ein Arbeiter wäre und sähe hier den Herrn sitzen, der sich alle Genüsse verschaffen kann, wer weiß, was ich thäte! Doch sie haben ja incht'ninl das Bedürfnis nach Genuß!" Er trat wieder ins Zimnicr zurück. „Vielleicht spielt da doch auch noch etivas Moral mit?" warf Schäfer ei». „Ganz gewiß nicht. Sklavcntrieb, Herdcninstinkt, weiter nichts. Dazu braucht man noch lauge nicht auf Nietzsche zu .schwören." „Na, ich glaube das doch. Die Moral..." „lieber Glaubeussacheu läßt sich nicht streiten." Einer der Männer auf dem Hof stand still und starrte vor sich hin. Die beiden im Zimmer sahen unwillkürlich ans ihn. „Was der wohl denkt?" „Entweder gar nichts oder, zu wieviel Schnaps und Bier es noch reicht." „Ach was. Du siehst verkehrt." „Ich dächte,»vir ließen das endlich überhaupt. Es wird langweilig. Nur weil Du's wolltest, Hab' ich so lange davon geschwatzt. Nun aber Schluß. Ich bin kein Volksredner und Volksverbesserer. Das überlasse ich gern den Federfuchsern." Schäfer lächelte. Er verstand den Hieb wohl. Es regte ihn aber nicht weiter auf. Otto war nun mal Triebmensch und weiter nichts. Da war nichts zu machen. „Ist Dir nicht ein wenig der Appetit vergangen?" fragte Otto im Hinailsgchen. „Durchaus nicht. Die Schwierigkeiten reizen mich nur noch mehr." „Dann wünsch' ich Glück. Wenn's was Gescheites werden soll,»virst Du noch ziemlich Arbeit haben. Schäfer suchte wieder die Pfützen zu umgehen. „Vor alleni leg Dir ein paar dicke Stiefel zu, sonst komnist Du nicht durch den Dreck. Dies wörtlich und bildlich verstanden." „Wcrd' mir's merken." „Könntest zwei Flaschen Pommery kaltstellen lassen," sagte Otto zu Magda.„Aber Pommery. Das deutsche Zeug können Amtsrichters und Oberförsters vertilgen, wenu's nial wieder ne Abfütterung giebt. Für die ist's gut genug." Wie kann er nur nach all den Gesprächen gerade Pommery wollten, dachte Magda, bestellte aber und schwieg. Ihr Mann konnte es nicht leiden, wenn sie zeigte, daß sie dachte. Eine Frau soll sorgen, daß sie gut angezogen ist, und Haut und Nägel pflegen. Denken verdirbt den Teint, macht die Haare grau und Falten um die Augen. Deshalb ist das Männer- fache, war Ottos Meinung. Schäfer sträubte sich gegen den Pommery.„Ich habe eben keine Stimmung dafür." Magda sah erfreut zu ihm hin, wurde aber enttäuscht, als er fortfuhr:„Horch nur, der Regen! Hast Du keinen leichten, etwas wehmütigen Rheinwein im Keller?" Otto ließ die Flasche sinken.„Ich fürchte, Du schnappst jetzt schon über, obgleich es noch nicht vierundzwanzig Stunden regnet."■ „So horch doch nur. hör' doch nur!" „Nimm lieber von diesem Kalbsbraten, er ist zu empfehlen."... „Mensch! Prosa mit Serviette, Messer und Gabel, stör' mich nicht!" »„Dann sag's wenigstens gleich, wenn Du übergeschnappt bist, daß ich rechtzeitig anspannen lasse." „Hast Du denn keine Ohren? Hör' doch nur! Es>veint mein banges Herz.ch Wie dort die Wolkenthrnnen— Was für ein Schnsuchtsschmerz Erfüllt mein banges Herz? Im Talte rinnt der Regen Auf's Pflaster und auf's Dach, Verstimmte Herzen legen Musik in solchen Regen. „Das reine Zungenreden," sagte Otto. „Kennen Sie Paul Verlaine, gnädige Frau?" Magda schüttelte verneinend den Kopf.„Jammerschade! Der paßte auch zu Ihnen." „Scheint mir übrigens so'n richtiger lyrischer Zippel zu sein." „Erlaube, das verstehst Du nicht!" „Selbstverständlich. Mache auch gar nicht den Anspruch. Wer könnte Euch vcrstehn, der noch gesunde fünf Sinne hat!" „Meinen Sie das auch, gnädige Frau?" Warum er sich dann immer an sie wandte, was sollte das? Das reizte doch nur ihren Mann.„Es klang wie ein wenig melancholische Musik, ganz Hab' ich's nicht gleich verstanden." „Gott sei Dank!" sprach Otto.„Schäfer, Schäfer, mach mir meine Frau nicht auch noch verdreht. Sie hat Anlage genug dazu." Schäfer lächelte Magda leicht zu. „Ihr lächelt Euch schon an? Seid wohl schon Verbündete gegen mich Barbaren?" „Jedenfalls, wenn ich dies Gedicht gemacht hätte, wollt' ich ruhig sterben, es ist unsterblich." „5ta, na. Darf ich Mr Salat oder Kompott anbieten?" Alle drei lacksten. „Du bist wirklich gräßlich," seufzte Schäfer. „Glaub ich Dir. Aber essen und trinken hält Leib und Seel zusammen." „Jcsses, Jeff es, so alte Geschichten!" seufzte Schäfer und uahm Salat. Bald lauschte er wieder verzückt dem Regen.„Schade, daß Du keine Tannen und Fichten ums Haus stehn hast, dann würde sich der Regen noch besser machen." „Jetzt trinkst Du aber sofort Pommery!" Schäfer gab nach und that es, weil Otto, wie er sagte, keinen stimmungsvollen Regenrhenüvein im Keller hatte. „Wenn ich diese Stimmung nur in meinen Roman bannen kann!" „Diesen Schweizerkäse kann ich Dir empfehlen," fiel Otto rücksichtslos ein.„Wie Du siehst, il xleare, und bei Schweizer- käse lob' ich mir das weinen." Ein bißchen unnormal ist er wirklich, dachte Magda, als Schäfer Käse nahm. Was doch in Berlin für Leute wachsen: Merkwürdig! Nach Tisch wollte Schäfer auf sein Zimmer, um die Negenstimmung festzuhalten, wie er sagte. Aber Otto gab es nicht zu.„Goethe war doch auch ein Dichter, also ein Kollege von Dir. freilich ein andrer Kerl wie Ihr von heute. Ich liebe ihn sehr." „Du?" sagte Schäfer evstmint und ungläubig. „Jawohl, ich. Und zwar deshalb, weil er gern lang zu Tisch saß, was Vernünftiges traut und was"Vernünftiges dabei redete. Ich beschioöre Dich bei Goethe, bleib' und trink!" *) Die deutsche llebersetzung dieses Verlaiucschen Gedichts stammt von Sigmar Mehring t„'Die französische Lyrik im 19. Jahr- hundert." Grogeuhain»»d Leipzig. Baumert u. Rouge.) Schäfer blieb denn auch. Als es vier Nhr war, Härte es auf zu regneu, wie Schäfer sofort bemerkte. „Könnte man jetzt nicht die gute Gelegenheit benutzen und sich ein wenig die Gegend ansehen?" fragte er. „Das kann ich allerdings empfehlen," meinte Otto,„denn gegen Abend wird's wieder weiterregnen... Aber mich mußt Du entschuldigen, ich habe eben keine Zeit." „Erbarmen Sie sich meiner, gnädige Franl Ich muh doch die Gegend kennen lernen, wenn aus meinem Buch etwas werden soll." Magda war bereit und machte sich schnell zurccht. „Vor allem Ucberschuhe," rief Otto,„viel Vergnügen und versauft nicht!" Kaum waren sie auf der Hauptstrahe, begegnete ihnen auch schon der Schuster HagenSdörfer. Er blieb stehen und starrte sie an. Endlich ging er weiter und brammelte:„So 'ne Unverschämtheit l Schneit einem da, ohne daß man's vorher gcwnht hat. ohne dah man überhaupt gefragt wird, ein zweiter Leuteschinder ins Torf. Wäre er das nicht, ging er nicht mit der Frau von dein Leuteschinder Nummer Eins." Hagcnsdörfer spuckte wütend aus. So laut und gründlich, dah es die beiden hören sollten und daran erkennen, wie er sie verachte. „Wer war denn das?" fragte Schäfer. „Der Schuster Hagcnsdörfer. Aber sagen Sic's nicht meinem Mann, dah uns der zuerst begegnet ist. Er würde uns zu sehr aufziehn und spotten. Es ist nämlich ein unangenehmer, unruhiger und zugleich doch lächerlicher Mensch." „Das freut mich I Den werd' ich gelegentlich'mal be- suchen..." Vorsichtig gingen sie weiter. Eigentlich war es mehr ein ermüdendes Gleiten, als ein normales Gehen. Schäfer blickte dabei neugierig nach allen Seiten, denn gestern abend war es schon so dunkel gewesen, dah er nichts mehr genau hatte erkennen können.„Man sieht so wenig Menschen?" „Sie sind noch auf der Arbeit." „Wann kriegt man denn die zu sehen?" „Sonntags und abends im Wirtshaus. Viele Frauen und Alte sind natürlich auch jetzt zu Haus." „Da scheint das Wirtshaus also auch meine Rettung zu sein," murmelte Schäfer.„Jedenfalls werd' ich schon morgen ein wenig durch die Wohnungen stöbern. Die Frauen'und die Alten, das ist ja auch schon was. Jämmerlich genug sehen die Häuser übrigens aus. Wie geschaffen für einen socialen Roman. Rur hier das?..." „Das ist ein Wirtshaus." „So, so, sauber, ganz nett." Sie bogen in die Gasse ein, die am schnellsten ins Freie führte. „Sind das alles Arbeikcrwohnungen?" „Ja. nur hier nicht. Das gehört dem letzten Bauer im Dorf." „Der letzte Bauer? Klingt ja ganz romantisch. Fast wie der letzte Mohikaner." Magda lächelte.„Es ist noch viel ronmntischcr, als Sie denken. Er ist nämlich auch noch sehr fronun." „Ach, das giebts hier auch noch?! Fromm und Bauer. Das ist ja famos. Wie ein Lied aus alter, alter Zeit..Oder ist diese SpecieS Mensch hier nicht interessant?" „Ich weih es nicht, ich kenne sie nicht weiter." „Immerhin denke ich sie mir ganz originell. Oder ist hier das fromm sein noch Mode? Tann ists freilich wohl nichts mit der Originalität." „Nein, Mode ist's nicht, so viel ich weih. Tie Zeiten sind wohl auch für hier längst vorbei." „Bald wird unsereiner religiösen Menschen nachgraben wie der Gelehrte vorweltlichen Ungeheuern... Fröminigkeit, was ist das, wissen Sie das noch, gnädige Frau?" Magda schwieg einen Augenblick, ganz betroffen von dieser Frage.„Ja, was ist das? Eigentlich weiß ich's nicht." Schäfer lachte.„Sagt' ich's nicht, die Sache stirbt aus. Aber interessant ist's und bleibt's, das religiöse Problem, für uns Litteraten wenigstens. Ich denke da an Verlaine. Barbey d'Aurevilly, Peladan, Hupsmalis, Strindberg, Garborgs „Müde Seelen". Ola Hausson..." „Was sind denn das für Leute? Ich kenne die meisten kaum dem Namen nach, nmß ich zu meiner Schande ge- stehen." „Lauter Litteraten, die fanden, das Leben sei zum katholisch werden." „Was?!* „Jawohl, sie sind alle in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt und ich nehme an. daulit zum Teil doch auch in den Schoß der Frömmigkeit." „Die Religion interessiert Sie also?" „Gewiß. Was interessiert mich nicht! Aber nur rein littcrarisch, haben Sie keine Angst!" „Angst?" „Ich nieine so. Es ist ja vorläufig noch nicht wieder Mode, fromm zu sein, und wird wohl auch nicht so leicht wieder von ton werden." „Meinen Sie das im Ernst?" „Halb und halb wenigsteiis. Auch im Scherz. Giebt's hier noch viele solcher frommen Leute?" „Schiverlich. Genau weih ich's nicht. Da müsse» Sie schon selbst zusehen." „Ucbrigens. scheußlicher Weg hier!" Schäfer wäre fast auf dem glitschigen Boden hiugefalleil. lForn'eijung folgt.) Sottnkngsploiudevei. Lieber Posa! Sie fallen alle über Dich her, wollen Dich um Dein schönes Amt bringen und erklären. Du stelltest das ganze Staatswesen bloß. Vielleicht ist eS Dir in diesen schtiinmen Tagen ein Trost, daß i ch wenigstens treu zu Dir halte und offen bekenne: ich finde keine Schuld an Dir. Dein einziger Fehler ist, dah Du zu ebrkich bist für die Welt, die doch nun einmal betrogen sein will. Deine Kollegen in den andren Nessorts mache» solche Sachen viel geschickter. Irgend ivelche Leute wollen zu»» Beispiel einen Auftrag in Panzerplatten be- kommen oder sie ivollen ihren Söhnen eine gute Znlmift auf dem Wasser sichern, dann reist Dein Marinekollege umher, spricht mit diesem»nd jenenr, äußert Anregungen. Wünsche, und plöplich ist so ein Flottcnvereiii da, der viel Geld hat, alle Beamten vom Land- rat bis zum Nachtwächter mobil macht, und das ganze Land wird aufgeregt mit der funkelnagelneuen nationalen Lebensfrage und gerät schliehlich in eine aus den tiefsten Tiefen der Volksseele elementar entstandene mächtige Bewegung. Derweilen hat sich der Marinekollege längst diskret zurückgezogen, auch die Interessenten halten sich im Hintergründe und nur das„Volk" rumort für die heiligsten Güter. Nach ein paar Monaten ist da»» das Geschäft ab- geschlossen. Aber Geld— pfui, bares Geld— hat Dein Marinekollege keinen Pfennig erhalten für die Agitation, er weih von gar nichts, er vertritt nur das Gesamtinteresse der Nation, er darf hundert Jahre ungestört in seinem Amt bleiben, sofern ihm nicht gelegentlich Gesundheitsrücksichten anbefohlen werde». Siehst Du, mein lieber armer Posa, Du hast'eben noch nicht den richtigen Unterschied zwischen Direktem und Indirektem er- saht. Indirekt kannst Du Millioueu anregen. direkt leine» Pfennig wünschen. Es darf nur ein uneheliches Verhältnis zwischen den regierenden Leuten in den Bcamtcnstnben und diesen gierigen Dirnen, der Landwirtschaft, Industrie und Hantefinanz bestehen. Dn aber bist ein Philister skrupelhaften Wahrheitseifers, Dn bist in altbätcrischcn Anschainmgen befangen, Du empfindest die Pflicht, diese wilden Beziehungen offen vor aller Welt zu legitimieren und damit hast Dn Dich für diese scheinheilige Gesellschaft unmöglich gemacht. Anstatt dah Dn den Woedtke zu dem scheußlichen Bneck schickst und ihm sagen läßt:„Verehrter Herr Bneck I Schönes Wetter heute, nicht? Waren Sie letzten Sonntag in der Kaiser Wilhelm- Gedächtnis? Großartige Predigt, was? Was sagen Sie nun zu diesem Reichstag, gänzlich vatcrlandslose Gesellschaft. Kollege Grunert ist ganz krank geworden vor Ans- regung, na und der Graf überlegt sich, ob er nicht anstandshalber demissionieren müsse. Mit Gott, mein lieber Herr Bueck, es war mir ein großes Vergnügen, aber ich habe Sie schon zu lange auf- gehalten. Bestellen Sie Jencke einen schönen Gruß. Adieu I(mit der Hand an der Thürkliuke) A propos, sollten Sie nicht vom Central- verband eine kleine Agitation entfalten, es wäre uns— im Vertraue» gesagt— nicht unlieb, Geld kann doch keine Rolle spielen. Adieu I"(Ab.) Dann hätte Bucck ein paar 100 000 Mark rniS dem Geldspinde gc- nommen, man iväre zu Hülle gegangen, hätte bei ihni einige Millionen Denkschriften als Kolportagehcfte bestellt, und die Landräte, die Kreisblätter und die Ortsdiener hätten sich zufällig, ans eignem An- trieb und in privater Eigenschaft im Interesse des Volks im all- gemeinen und der Arbeiterschaft im besonderen um die Verbreitung der Druckerzeugnisse verdient gemacht. Dn aber, lieber Posa, hättest still lächelnd die Hand durch den Park Deines Barts spazieren führend, das muntere Treiben mit angesehen und hättest zu Dir ge- sagt:„Bravo, daS ist eine hübsche Sache, das wird helfe», doch das hübscheste daran ist, daß ich gar nichts damit zu thun habe." Statt dessen ist der Woedtke zum Bueck gekommen und hat ihm gesagt:„Mein Herr I Der Ehef braucht sofort 12 000 M. Wir müssen für die Zuchthausvorlage agitieren. Sie haben das Interesse daran' also können Sie auch blechen. Bitte, beeilen Sie sich, ich soll das Geld gleich mitbringen— gegen Quittung, wen» Sie wollen." Da ist natürlich der Bneck wütend geworden, dag man ihn und die In- dustrie mit einer solchen Bettelei um ein paar Pfennige belästigt, und hat das boshafte Rundschreiben au seine Kumpane geschrieben, das Dir jetzt die Nachlruhe raubt. Nein. lieber allzu ehrlicher Posa: Du bist zu schade für die Welt, Du bist der knumnen Politik nicht mächtig. Du lebst noch des thörichteu Wahns, dag der gerade Weg der beste sei. Jetzt ivirst Du wohl die Wahrheit des Spruchs ein- sehen: Das Direkte tötet. Geh in ein Kloster, Posa, und lerne die Kunst des Indirekten. Indessen, mir persönlich gefällt Dein politisches Naturburschen- tum, auch ich habe eine gewisse»nglückliche Liebe znr Wahrheit und zum geraden Weg. Ich will Dir also aus der Putsche helfen, so weit ich es nut meinen schwachen Kräften vermag, und ich werde Dir das einzige Mittel verraten, mit dem Du Dich retten kannst. Du nnigt, mit einem Worte, Dich durchsetzen! Du siehst niich wehmütig an, schüttelst Dein umfangreiches Haupt, und begreifst nicht? So mutz ich ausführlicher werden: Du hast in eine m Fall die Politik des Direkten befolgt, Dn hast ehrlicherweise die Beziehungen der Regierung zu den interetfierten Auftrag- gebcrn anerkannt, und hast diesen— in schöner Sparsamkeit— die Geschäftsspesen für die von ihnen bestellten Gesetze zugeschoben. Du mutzt nun mit allen Mitteln des Manns, der stark aber klug ist— und ein starker Mann bist Tu— diese Methode des Rcgierens zur allgemeinen Anerkeniniiig bringen; denn sie ist ein Fortschritt. Es wären im wesentlichen drei Grundsätze in allen Ressorts durch- zuführen: Erstens: Die Regierung ist eine Gesellschaft zur Herstellung von Gesetzentwürfen engroS und endctail.' Zweitens: In dieser Eigenschaft führt sie die ihr gewordenen Aufträge billig und prompt ans. Bei Garantie für Genehmigung durch den Reichstag tritt ein Preismifschlag von 50 Prozent ein. Drittens: Alle Kosten für Reklame, Agitation, Jusceniernng der Volksseele, Aufgebot des nationalen Interesses usw. trägt der Besteller, die AnSführung der einschlägigen Werbearbeiten übernimmt dagegen der Hersteller. Wenn es Dir gelingt, diese Praxis allgemein durchzuführen, so wird die Geschichte Dich preisen als den Urheber einer reellen, kaufmännisch soliden und profitablen politischen Gcschäftsfühning, und je leistungsfähiger Du diese Grvtzindustrie für Fabrikation von Gesetzen gestalten wirst, um so höher wird Dein Ruhm steigen, der sich vor allem auf die absolute Offenheit, Coulanz, Ehrlichkeit und Unparteilichkeit dieses neuen Verfahrens stützen wird. Frisch aus Werk, lieber Posa, und Du bist gerettet! Du weißt wohl auch schon, daß sich in diesen Tagen eine private Gesellschaft zur Anregung und Propaganda von Gesetzen gebildet hat. ES wird Dir ja leicht werden, diesen emporstrebenden Rivalen nnt Hilfe des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb nieder- zuschlagen. Antzi/rdeni ist dieses Unternehmen, wie ich aus dem mir zugegangenen Prospekt entnehme, verhältnismäßig teuer. Man ver- langt 10 Prozent vour Wert jedes Entwurfs im voraus, und nutzer- dem, wenn der Entwurf Gesetz wird, nach der Veröffentlichung im Gesetzblatt abenuals 10 Prozent. Wie ich höre, ivill die Gesellschaft beginnen mit der Propaganda gegen die Handelsverträge und für einen 10 Mark-Getrcidezoll. Das Objekt ist jährlich auf 2 Milliarden, also— bei der Annahme von 12jähriger Dauer— auf 21 Milliarden taxiert; eS ist also keine Kleinigkeit, was die Auftraggeber, der Bund der Landlvirte, gleich im voraus zn bezahlen haben werden, fast 21/i Milliarden. Ich rate Dir, den Leute», damit sie sich nicht durch die Privatspekulation ausbeuten lassen, schleimigst die Preislisten Deines Geschäfts zn schicken. Du bist ja bisher fabelhaft wohlfeil gewesen— 12 000 M. für eine ZnchthanSvorlage I— Du wirst auch die Agrarier billig und gut be- dienen. Aber, mein lieber Posa— und damit komme ich zum Haupt- zweck meines Rat-, Hilfe- und Trostschreibens— ferner darfst Du nicht antzer acht lassen, wenn Du mit Deinem Princip der Gesetz- fabrikation gegen Barzahlung Erfolg haben willst: Du mutzt nicht nur billig und gut arbeiten, sondern auch vor allem streng unPartei- lich. Du hast Dich bis jetzt so redlich für diese Jndustriebarone und Junker strapaziert, denk mal ein bißchen auch an uns Socialdemokraten. Wir find ganz bescheiden. Es genügt uns schon ein Gesetz zum Schutze des Koalitionsrechts für alle Arbeiter oder die Aufhebung der Getreidezölle. Was würdest Dn für solche Vorlagen beanspruchen? Sie ivcrden ja nicht viel Mühe machen. Schicke uns also umgehend Kostenanschlag. Aber bedenke, datz wir nur anne Leute find, die nicht viel zahlen können. Wenn Du Knipp nur 5000 Mark für die Zuchthausvorlage abgenommen hast, so ivirst Du uns die obigen Entwürfe auch nicht teurer be- rechnen. Außerdem sind wir bereit, alle erforderlichen Druckschriften zwecks Agitation gratis zur Verfügung zu stellen. Führst D» diesen ersten Auftrag zu unsrer Zufriedenheit ans, so werden wir Dich bei Bedarf gern wieder in Nahrung setzen und Dein Geschäft in Freundes- und Bekanntenkreisen warin empfehlen. Indem ich hoffe, datz dieser Brief Dich noch bei guter rücksichts- loker Gesundheit antreffen möge, zeichne ich, einer baldigen Autwort entgegensehend, mit aufrichtiger Hochachtung und treuer Verständnis- innigkeit.l o c. Kleines Feuilleton. Ter Kräntcrsamniler. Er war schon seit fünfStiiiiden unter» Wegs. Ter Sack, der über seiner Schulter hing, war noch nicht halb gefüllt. Das machte das Wetter. Vor einer Stunde hatte der Regen begonnen—„Landregen" Neimens die Leute: in dünnen, gleichmäßigen Fäden, die schier unendlich waren, rieselte das Wasser aus einer einzige» großen grauen Wolke, die den ganzen Himmel be- deckte, nieder auf den herbstlichen Wald und die gelockerte Erde der Felder. Tie entblätterten Bäume boten nur einen notdürftigen Schutz gegen den feuchten Segen des Himmels. Der Kräutersanunler, der wie in sich zusammengckrochen auf dem schmalen Waldwege neben der aufgeweichten Chaussee dahinpilgerte, atmete auf, als er drüben auf der andren Seite ein kleines Hans erblickte, welches ivie von aller Welt verlassen, aus Eichen und Buchen hervor» lugte.„Gasthaus zum Schatten" stand in bunten Buchstaben über der engen Thür. Der Sammler schüttelte sich fröstelnd und durchforschte seine Tasche». Er fand nichts. Er nahm die Mütze vom Kopf und fuhr sich nachdenklich mit der Hand durch das graue spärliche Haar, während tiefe Falten auf dem Antlitz sich bildeten. Dann ließ er seufzend den Sack fallen und öffnete ihn mit bebenden Händen. Er suchte lauge; endlich hatte er ein dürftiges Kräuter- büudelchen herausgefunden. Er verschnürte den Sack wieder und wandte sich zum Wirtshans. Seine groben Holz- Pantoffeln wären ihm fast im zollhohen Schlamm der Landstraße stecken geblieben, als er diese überschritt. In der Thür der Schenkstube schon nahn: er mit ängstlicher Miene die Mütze ab. Er konnte zunächst in dem halbdnuklrn Ranme nicht klar unterscheiden, trotzdem es eben Mittag vorbei war.„Na?" ließ sich die Stimme der Wirtm vernehmen, die durch das Klappen der Thür an- scheiuend in einer angenehmen Drnsselei gestört war. Schwerfällig erhob sie sich hinter dem Schenktisch und musterte prüfend den Angekommenen. „Ach, Madamchen, wollen Se nich dies Kraut kaufen?... Schöner. frischer Beifuß, macht den Braten schmackhaft und..."—.Brauch' nischt I"—„Nehmen Sc doch man;" seine Stimme zitterte.—„Ick brauch nischt. damit is jnt l"—„Es iS ja man blos, datz ich mir 'n Neincu Schnaps bezähmen kann..." und zu dein einzigen Gast, der am Fenster saß und bisher in die graue Trübseligkeit da draußen gestarrt hatte, fügte er wie entschuldigend hinzu:„Bei so'n Wetter mutz man einen haben, sonst hält's unsereiner nich ans."— „Jeden Se her", sagte die Wirtin, ritz ihm das Kränterbündelchen ans der Hand und schenkte ein kleines Schnapsgläschen voll. Der Sammler führte es vorsichtig zum Munde. Er nippte nur und behielt das Glas in der linken Hand, während der Zeigefinger der Rechten Ivie liebkosend über die glatte Flache strich.„Man mutz sich damit einrichten." Diese Worte waren wieder au den Fremden gerichtet. Der nickte nurstumm. „Es is nischt mehr los mit das Geschäft," fuhr der Sammler fort, stellte das Schnapsgläschen auf den Tisch und setzte sich znm Fremden. Er ließ den Sack von der Schulter gleiten, maß ihn mit wehmütigem Blick und sagte:„DaS is mi alles. Dabei is man schon an die fünf Stunden ini Gange. Und bei so'n Hundewetter! Kein' trocknen Faden hat man am Leibe." Der Fremde ließ ein Glas Grog kommen und schob es dem Sammler hin:„Hier; das Zeug tvird ja davon nicht trocken, aber eS wärmt doch'n bißchen den inneren Menschen." Der Sammler dankte leb- Haft, trank gierig nud verbrannte sich die Lippen.„Abwarten", murmelte er.—«Lohnt sich das denn überhaupt— das Kräuter- sammeln?" fragte der Fremde.—.Lohnen? Ach Gott, lieber Herr, es lohnte sich schon, aber— aber wie das doch nu mit mir is-- ich bin doch nämsich nu ganz allein und wohne man blotz in Schlaf- stelle: da kann ich' mir nich breit machen mit meine Arbeit— unters Bett mutz ich's unterbringen, sonst schmeitzcn sie mir womöglich ranS, namentlich, weil es doch auch nich immer gleich am Ersten so klappt mit der Miete. Da mutz ich man ganz slill und zufrieden sein, datz eS noch so geht Ivie's geht." Er sog langsam am Grog und fuhr fort:»Früher, ach früher, da war das ganz anders mit mein Geschäft. Als meine Frau noch lebte und meine Kinder. Wir hatten doch'ne eigne Wohnung und Platz zum Trocknen. Da lag Ihnen oft die ganze Küche und die ganze Stube voll, datz wir nicht wußten wohin damit. Aber wenn alle? hübsch trocken war, könnt' ich auch zum Apotheker komme»— er nahm alles. Und das Geld blank und bar aus'n Tisch. Ja, das war'ne andre Zeit! Da hatten wir zusammen denn wohl mitunter soviel Ivie'n Maurer." Der Grog hatte sich abgekühlt und der Sammler nahm einen kräftigen Schluck. Der Fremde fragte:„Ihre Frau ist gestorben?"„Ja,'s is NU woll schon an die drei Jahr her!" Der Sammler starrte eine Weile ans dem Fenster, und als wollte er das Wetter anklagen, sagte er vorwurfsvoll:„Is ja auch kein Wunder; bald trocken, bald naß, bald warm, bald kalt!"„Und Kinder— Sie sagten, Kinder hätten Sie auch?"„Gehabt— ja: zwei Jungen und zwei Mädchen.".Und alle sind—?"„Gestorben, ja." Der Sammler fuhr sich mit dem Handrücken über die Auge» und wiederholte leise wie für sich:„Alle gestorben." Er machte eine Pause, atmete tief auf und fuhr dann fort:.So eins nach dem andern" Ich hatte doch keine andre Hilfe. Die Mädchen mutzten zu Hause sortieren, die Jungens nahm ich mit. Aber es wurd nichts Rechtes mehr. Die Frau' fehlte überall, und die Kleinen konnten nich viel aushalten. Die Krankheiten rissen gar nicht mehr ab bei uns. So legte sich dann eins nach dem andern hin und machte die Augen zu." Den: alten Manne liefen die Thränen über die Wangen. Er stand auf, nahm de» Sack»bet die Schulter und mischte sich mit dem Rockärmel die Augen:„Entschuldige» Sie, lieber Herr, aber— aber mir armen Leute haben's doch mitunter gar zu scblimm." Der Fremde nickte teilnahmsvoll und stumm. Der andre sah vor sich hin ins Leere:„Nu bin ich dran. Lange kann's»ich mehr danern... und" fügte er plötzlich hinzu,„ich denk manchmal, es is gut so. wie es gekommen is." Er reichte dem Fremden die Hand zum Abschied. Der lieh ein Geldstück hineingleiten. Der Alte dankte stumm und ging, während er vor sich hin murmelte:„Ja. ja— es is gut so-- es is gut so." Der Gast, mar ausgestanden und sah aus dem Fenster dem Davongehenden»ach, der wieder wie in sich zusammengekrochen über die schmutzige Strahe schlich. Der Fremde weckte die dicke Wirtin, zahlte und trat vor die Thür. Es rieselte noch immer in langen, dünne» Fäden herab ans der großen Wolke. Der Fremde sah, wie die Gestalt des Kräuter- sammlers dort hinten im Nebel zu zerfließen schien und ganz ent- schlvand. Er bohrte den Blick wie gebannt in die Ferne, Ivo ein feuchter, weißlicher Riesenschleier alles Leben mit tötender Macht zu umhüllen schien. Ein seltsames Leuchten zuckte in seinen Augen. Dann drückte er den Hut in die Stirn, schlug den Mantel zusammen und ging mit großen, festen Schritten hinein in die grane, trost- lose Oede.— E r n st Preczang. gb. Das Asyl. Heute muß ich Buße thnn. In Sack und Asche muß ich Buße thnn. Ich bin ein großer Sünder. Hört, welcher Schaudthat ich fähig war I... Ich halie es gewagt, an der edelsten Tugend der Menschheit, an ihrer Gerechtigkeit zu zweifeln. Ungerecht Hab' ich die Menschen genannt, weil sie dem Reichen schimmernde Paläste baut und den Armen hinausstößt auf die Gasse. Verachtet Hab' ich die Menschheit, heuchlerisch Hab' ich sie gescholten, weil sie christliche Liebe predigt und aller Ende» Kirchen baut, während die Armut in Frost und Hunger ohne Obdach umherirrt— auf der Gasse. Verhöhnt, verspottet Hab' ich die Menschheit. Und sie ist doch so gut, so unendlich gut! Sie kniet nicht im Staube vor dem Golde, »hr Christentum ist nicht bloß Heuchelei, sie meint es ernst, wenn sie zur Kirche zieht und betet. Sie ist die Barmherzigkeit selber; ihr Herz fließt über vor Mitleid mit denen, die da Not leiden. Den Kleinsten, den Aermsteu, den Allerelrndeste» widmet sie zuerst ihre Hilfe, ihr ganzes von Güte überfließendes Herz. Woran ich das mit einem Male erkannt habe? An einer Berliner Litfaßsäule. Wenn Ihr es mir nicht glauben wollt, geht hin und lest es selber. Es steht an allen Straßenecken, wie herrlich gut die Menschheit ist. Oder soll ich es nicht die Krone aller Güte nennen, wenn man in diesen Tagen schwerer Not sogar daran geht, ein Ashl zu bauen — für Katzen? Wahr und wahrhaftig ein Asyl für Katzen! Drei volle Tage wird die gute, die goldene, die barmherzige Menschheit dem edle» erstrebenswerten Ziele widmen. Drei volle Tag« wird sie hinströmen in die Katzeuausstellung zum Besten des ftatzenashls. Menschheit, Du bist einfach ideal! Taufende irren umher ohne Obdach, tansende haben nickst Brot noch Kohlen, du hast kein Geld ihnen Wohnung zu schaffen, du kannst sie nicht schützen vor Frost und Hunger und doch erbarmst du dich der Katzen. DaS Katzcnashl ist entschieden das, was wir am nötigsten brauchen. Unsre öffentlichen Zustände schreien förmlich nach tinem Katzenashl. Die Katzen sind ein eignes Geschlecht. Es giebt„sone" und „solche" unter ihnen. Da sind die Alte-Jungfer-Katzen. Oh. denen geht's gut! Sie sind die Kapitalisten unter den Katzen. Protzig, wie ein Berliner Hauswirt, liegen sie auf weichen Kissen und thnn nichts. Sie tragen ein seidenes Bändchen um den Hals und arbeiten resp. mausen niemals. Dazu sind sie viel z» vornehm. Das haben sie nicht nötig. Da? Essen wird ihnen aus Lager gebracht. Sie schlürfen süße Milch und knabbern Zuckerbrot._ Wenn sie Kinder haben, hält man sie erst recht in Ehren. Man präsentiert sie nnt den Kleinen, sobald Besuch kommt. Man schlvärmt von dem„reizenden Idyll", nian nimmt die Kleinen auf den Schoß, man streichelt sie zärtlich und liebkost sie:„Die reizenden Kleinen, die süßen Kleinen!" Sie sind in jeder Hinsicht gut gestellt, Alte-Jungfer-Katzen! Daneben giebt's aber auch noch andre Katzen, plebejische Katzen. Proletarier- katzen. Das ist eine unglückliche Gesellschaft. Sie haben kein weiches Kissen. Sie Hansen im Stall, auf Böden, in kalten' Kellerlöchern. Sie müssen arbeiten, wenn sie leben wollen, mausen, und da beim Mausen nicht viel zu holen ist, auch stehlen. Man treibt sie den, Verbrechen in die Arme, die unglücklichen Tierchen, man macht sie direkt zu Nafchlatzen, zu Dieben. Man gönnt ihnen auch nicht einmal Familieiffrenden. Wenn sie Kinder haben, ist das eine»ekelhafte Schmutzerei". Man nimmt ihnen ihre armen Klcnicn und wirft sie ins Wasser. Man lacht sie aus, wenn sie darum jammern, will solche Katze etwa auch Gefühl haben? Lächerlich! Sie miiffen ein Asyl haben, sie mnffen entschieden ein Asyl habe», die Katzen, es ist unbedingt nötig. daß wir alle dahin streben, ihnen schleunigst ein Asyl zu schaffen. In guter Gegend muß es natürlich liegen, das Kntzenasyl. Ich schlage die Linden vor oder den Tiergarten, da wäre die Luft am gesündesten. Hoch und geräumig muß es sein, das Haus, denn der Zulauf wird gewaltig werden. Auch für schöne Kletterböden muß gesorgt werden und für sonnige Spielplätze— für die Kleinen. llnd daß dann auch ja das Essen gut ist, die Katzen essen mit Vor- liebe Fische, sämiliche Fffchhäudlcr der deutschen Hauptstadt müffe» täglich ein Pfund Fische gratis liefern. Aber wem predige ich das? Gute goldige bännherzige Menschheit, Menschheit, die ich so schwer verkannt habe, Menschheit mit dem großen Herzen, das sich auch der Elendesten anuiunnt. Du wirst alles schon zum besten führen, Du bist gerecht! Du weißt es, tvas Dn ihnen schuldig bist,— den Katzen. Aus dem Gebiete der Chemie. — Das Alter der Goldreinigung. Daß schon in den ältesten Zeiten unter der Menschheit die Goldgier erwachte, ist wohl erklärlich, da dieses edle Metall in gediegenen! Zustande angetroffen wurde; doch hat man es wohl nirgends ganz rein und völlig frei von andren Metallen gefunden, und wenn sich auch von thcore- tischen! Standpunkt die Möglichkeit des natürlichen Auftretens von ganz reinem Gold nicht leugnen läßt, ist thatsnchlich solches doch nie und selbst Gold von nahezu 99 Prozent nur äußerst selten(an! Ural) nachgewieseu worden, und meistens bleibt die Rein- hcit sogar unter 93 Prozent. Die gewöhnlichste und Haupt- sächlichste Beimengung des Golds besteht bekanntlich auS Silber, das seine Gegenwart auch in der je nach seiner Menge ansgeblaßtcrcn Färbung anzeigt; an Silber sehr reiche Gold- lcgierungen sollen die Griechen mit dem Namen Clcltron, die Acgypter als Ascm bezeichnet haben. Als mau nun das Gold schon zu schmieden gelernt hatte, verstand man doch nicht, es von seinen Beimengungen zu befreien, deshalb cuthalten die ältesten Stücke von Goldschmuck immer Silber in gleicher Menge wie das Waschgold. Der Zeitpunkt, zu dem man die Reinigung des Golds fand, ist zunächst für Lydien ermittelt lvorden, woher die ältesten Goldmünzen stamnien; diese erweisen sich zuerst aus der Regicrungszeit des Krösus silberfrei. Die Entfernung des Silbers erfolgte leichtbegrciflicherivcisc noch nicht auf nasiein Wege, wie sie jetzt zumeist ausgeführt wird. denn die Scheidung von Gold und Silber durch Salpetersäure wird erst in Schriften aus der Mitte des l4. Jahrhunderts erwähnt. Das bis dahin übliche und schon von Pliuius mitgeteilte Rciuigungs- verfahren ist vielmehr die„Cemeutation", die jetzt hauptsächlich der äußerlichen Farbentönung von Goldsachcn dient; auf trockenem Wege wurden Goldblättcr mit einem Gemenge von Kochsalz und Eisen- Vitriol derart verarbeitet, daß das entstaudene Silbcrchlorid iu das mnschiießendc Ccmenticrpulvcr drang und das reine Gold znrückblieb. Die für die lydischen Miiuzeii geglückte Feststellung des Zeit- Punkts, von dem an das Gold gereinigt wurde, hat Verlhelot nun auch für den Goldschmuck der ägyptische» Mumien ausgeführt und durch Untersuchung allerdings leider nur drei Proben, die ihm Maspero zu diesem Zwecke überließ, gefunden, daß gereinigtes Gold (von 99.8 Proz.) wie in Lydien so auch in Aegypten zuerst in der persischen Periode vorkommt, während die Goldflittcr aus der Zeit der sechsten und der zwölften Dynastie nur 90,5—92,3 Proz. Gold enthalten. Die Zeitbestimmung leidet jedoch insofern an sehr bc- dontender Unsicherheit, als mau auuiumit, daß die persische Periode um ein Jahrtausend jünger ist als die der. zwölften Dynastie; mithin kann schon sehr viele Jahrhunderte vor jener die Goldreiniguug in Aegypten geübt worden sein.—(„Prometheus.") Humoristncsies — Das Gewitter. Der Gesangverein von Zipfelshansen macht einen Ausflug nach dem benachbarten Niederdorf und läßt sich dort im schattigen Garten„Zum goldenen Löwen", dein einzigen WirtShauS im Orte, nieder, Ivo sich unter den uralten, den Himmel versinsteruden Bäumen bald ein fröhliches Leben«ntioickclt. Zur gleichen Zeit hält die Fenerwohr von Niederdorf eine Ucbnng ab, wozu auch die Fencrwehrmusik ausgerückt ist.— Nach Beendigung der Uebnng findet die Feuerwehr leider den Löwen- garten von den Zipselhnnscr Sängern besetzt und muß sich nun in die nidrigen heißen Zimmer des Löwcnwirtshauscs flüchte!!. Im Garten ist inzwischen die Fröhlichkeit aufs höchste gc- stiege»— als plötzlich rollender Donner das Herannahen eines Ge- witters verkündet; bald darauf hört man das Rauschen des Regens in den Kronen der Bäume, und einzelne Tropfen dringen bereits durch das Blätterdach. Die Sänger flüchten eiligst in die Zimmer des Gasthauses, wo ihnen von den Niederdorscrn in Höf- lichsler Weise Platz gemacht wird. Als die Zipfelhauser aber durch die Fenster schauen, sehen sie, daß draußen wieder Heller Sonnen- schein leuchtet. Die Plätze im Garte» sind aber inzwischen von der Feuerwehr besetzt worden, die vom Hose des Wirtshauses aus mit Zuhilfenahme der großen Trommel mid der Feuerspritze das Ge- witter arrangiert hatte. — Schlechte Gewohnheit.'.... Wie viel' Küsse mir mein Mann täglich giebt— das weiß ich wirklich nicht!" „Du Glückliche I Ich bekomme höchst selten einen!... Wenn mir mein Mann wirklich eirnnal einen giebt, dann dichtet er mindestens vier Wochen d'ran herum!"— — Unter Freundinnen.„... Sie mögen sagen, was Sie wollen, meine Danien, eine gute Eigenschaft hat die Rätin doch: sie ist ein sehr ergiebiges Gesprächsthema!"— („Flieg. Bl.") Verantwortlicher Redacteur: Heinrich stvebker in Groh-Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Badinz in Berlin.