Mnterhattungsblall des Jorwärts Nr. 212� Donnerstag, den 1. November. 1900 (Nachdruck verboten.) M] Anke« UVolKen. No man von Kurt Aram. Schäfer trat gehorsam an die bezeichnete Stelle. „friert Ihne?" fragte die Alte teilnehmend. ..Nein, durchaus nicht, ganz und gar nicht." beeilte sich Schäfer zu versichern und schlug mutig seinen Kragen her- unter. Mit zittrigen, greisen Händen löste sie nun das schnee- weiße Haar und strich es glatt.„Fühle Se nur, es ist all echt." Es that'S, aber fand es schauerlich, dies üppige, Weiße Haar, das in langen Strähnen das verrunzelte Vogelgesicht umrahmte. Sie schob den Aerniel von dem einen Arm zurück und sagte:„Fühle Se?" Er that auch das, wenn eS auch kein Genuß war, diese welken Sehnen, die wie Peitschenschnüre aus den kalten, hageren Knochen lagen, zu fühlen. „Sie lache ja wieder net?" sagte die Alte, nun ein wenig beleidigt.„Die annern Herrschafte lache innner. wann se niei Aerm' seh." Sie zog mit den Findern die Lippen auseinander:„So- gar»och vier Backzäh Hab' ich, gucke Se nur genau hie!" Sie ist entschieden verrückt, dachte Schäfer, kam aber ihrem Wunsch nach, wenn es ihni auch nicht sehr verlockend erschien, in diese tote Höhle zu sehen. Sie nickte befriedigt und tastete um sich, als suche sie etwas. Aha. den Krückstock. Schäfer reichte ihn ihr bereitwillig. Sie reckte und streckte sich. Was gab das nun? Da kam auch schon ein Fuß zum Vorschein. Nach und nach auch die Beine wie zwei lange, dürre Hölzer, die lange unter »velkem Laub gelegen. „Aber ich bitte Sie, benmhen Sic sich doch nicht!" Schäfer grauste es. Die Alte nickte freundlich. Nun stand sie auch schon auf den beiden Hölzern, stützte sich auf den Krückstock und stanipfte ein paar Schritt ins Zimmer.„Sehn Se, sehn Se, eS geht noch ganz gut," keuchte sie dazu. Der Anblick dieser Menschennline war so grotesk, znnial sie in einein langen, gelben, groben Mannerhemd stak, daß Schäfer lachen mußte, wenn er es auch eigentlich nicht wollte. „Pardon! aber..." Die Alte lächelte geschmeichelt:„So is es recht I" Er half ihr wieder ins Veit, da sie schlecht zurechtkam. „Danke, danke! Vor eine Jähr könnt' ich's noch ganz gut allei. Aber wer wird alt; sag ich Ihne, wer spnrt's e wink, daß wer nit mehr jung iS." Sie seufzte ein wenig. Jetzt saß sie wieder glücklich in den Kissen und sah Schäfer ans- werksam an. Etwa wie ein Bndcnbesitzer, ob der Zuschauer auch zufrieden ist mit der Vorstellung. „Wie heißen Sie denn?" fragte Schäfer, um auch einmal was zn sagen. ..Heiß, heiß?... Ja. ja. die junge Lent I Wann mer alt wird, is es eim innner zu kalt." Schäfer schrie ihr ins Ohr:„Wie Sie heißen, meine ichl" „Ach so... Ja, ja, ich heiße Kathrinche un schreibe mich Wolfs." Sie schlug energisch auf die Decke.„Vergesse hat er mich, der Herrgott, vergesse!... No, wart, wann ich erst cn.al bei em bin, ich wcrd's cm aber sage, un das tüchtig!" Sie legte sich wieder um und sah an die Zimmerdecke.„Vergesse. wahr un ivahrhaftig!" Jetzt lachte sie. ES schien ihr Spaß zu machen. Schäfer schritt mit einer leichten Verbeugung wieder der Thür zu. Wieder sahen die kleinen, blauen Augen ans dem Vogel- gesicht, ohne daß es sich dabei bewegte, zu ihm hin. Er blieb stehen. Die Frau wollte wohl noch etwas. „Was die annern Herrschafte sei, die haive mer nachher innner was geschenkt." Schäfer zog einen Thalcr und legte ihn auf den Stuhl neben dem Bett. Die Alte grinste vergnügt:„Ich danke auch für die Ehr' NN de Besuch!" Nun legten sich wieder die durchsichtigen, derschrumpften Lider über die Augen. Nun lag sie wieder' wie zu Anfang als er ins Zimmer getteten. Schäfer ging schnell aus dem Haus. Er wußte nicht recht, sollte er lachen oder sich ekeln. Die Alte gehörte offen- bar zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Gegend, das hatte er nun begriffen. Schauderhaft, prrr l Aber er lachte auch gleich darauf. Er schlug den Ueberzicher wieder in die Höhe und ging ein wenig auf und ab. dies Erlebnis zu„verdauen". „Also weiter l" Er ttat in ein ander Haus. Drinnen im Zimmer war�jemand beschäftigt und machte ziemlich Lärm dabei. Er klopfte.„Herein!" Es klang nicht sehr melodisch, etwas rauh sogar, wenn auch offenbar aus Frauenmund. Er trat ein. Grade der Thür gegenüber stand eine Frau, die Rück- seite ihm zugekehrt, und scheuerte an einem großen Holz- trog. Sie wandte sich gar nicht um, sondern rief, indem sie weiter scheuerte:„Am Ose liegts Brot, e Messer auch. Geh nur hin un schneid der ab, rund ums Laib, aber net zu auS- verschämt!" „Aber, liebe Frau..." „Ach was! Geld giebt's bei uns net. Das is bei uns net Mode. Nimm der dei Stück Brot und sieh, daß de weiter kömmst, ich Hab kei Zeit zu schwätze." „Sie täuschen sich, liebe Frau." Da fuhr sie herum und musterte ihn einen Augenblick. Sofort kehrte sie sich wieder ihrer Arbeit zu.„Mer hawe nix zu versichern, da müßt Ihr schon nebenan zu Katze August geh, der will en Ochs' in de Viehversichering aufnehme lasse." Schäfer lächelte:„Sie täuschen sich immer noch...* „Ei, dann sage Se doch endlich, was Se wolle. Sie sehn doch, ich hawe kei Zell." Hm, was er wollte, war nicht so leicht in zwei Worten zu sagen. Aber die Frau amüsierte ihn, er wollte noch nicht fortgehen, er war ordentlich oben- teuerlüstern geworden. „Seid Ihr immer noch da?" klang es aus der Gegend des großen Trogs ungeduldig. „Allerdings." Sie schwang den Trog herum. Er War blank. Sie stellte ihn an den Ofen, daß er schneller trocknen sollte. Dann wischte sie sich mit der Schürze durch das feuchte Gesicht, stemwte die Arme in die Seiten und"fragte:„Wem seid Ihr dann?" „Wie?* Schäfer glaubte nicht recht gehört zu haben. „Ei. Wein Ihr seid?" Schäfer dachte: Kurios! Wem ich bin? Ja. wem bin ich? Mir sollt ich denken. Die Frau wischte mit der Schürze über einen Stuhl.„Setzt Euch un sagt endlich, was Ihr wollt." Schäfer setzte sich. Weil es ihni Spaß machte, sägte er: „Doktor Schäfer aus Berlin." „So?" Es schien ihr nicht sonderlich zu imponieren. „Also Dokter sein Se?" Nebenan sing ein kleines Kind an furchtbar zu schreien. Sofort sprang die Frau hin und holte das Kind, das noch nicht ganz ein Jahr alt war. Ehe er sich dessen versah, hatte sie es ausgezogen auf ihrem Schoß liegen.„ES kreischt schon zwei Tag immerzu. Ich denk, es hat's im Leib. Unilersuche Sie es doch emal, Herr Dokter!" „Ich bin leider kein Arzt, wie Sie zu meinen scheinen. Ich schreibe." „Schreiber sin Se? Warum hawe Se das net gleich gc- sagt!" Die Frau nestelte ihre Jacke aus und legte das Kind an die Brust..... Schreiber? Wo denn, wann mer frage darf? Beim Gericht?" Schäfer machte ein Gesicht, als gäbe man ihm Essig zu trinken.„Sie verstehen immer noch falsch. Ich schreibe Bücher. Romane, Erzählungen," sagte er etwas gereizt. „Vcrzählcher?" lachte die Frau.„Verzählcher?" Sie maß ihn von oben bis unten. Er schien sehr in ihrer Achtung zu sinken.„Sein Sie vielleicht gar en Frommer mit Miffions- schrifte, Bekehrungöbichelcher?" fragte sie jetzt mißtrauisch.„Da komme Se an die Unrecht'. Bei mir heißt's: Thue recht und scheue niemand!" „Ich schreibe allerdings nicht gerade Bekehrungsschriften." konnte Schäfer der Wahrheit gemäß lächelnd gestehen. Die Frau brachte das Kind wieder ßr das Nebenzimmer und musterte ihn nochmals.„Zeh Penning will ich drahenke, ihr scheint's bedirstig zu sein," erklärte sie, cholte einen Zehner aus der Tasche und hielt ihn Schäfer hin. »Ja..... ich verstehe nicht recht?" „Gebt mer nur e Bichclche. Awer eins, wo se sich nit kriege, wo mer e wink flenne kann... Oder kost' des mehr?" Sie griff nochmals in die Tasche und brachte noch einen Fünfer zum Borschein.„Fufzeh Penning. Mehr kann ich nit gebe!... Zeige Se doch endlich emal Herl Sein Se doch net so umständlich!" Sie schien anzunehmen, daß er ein Vücherlager mit sich führe.„Ich habe leider nichts hier von meinen Büchern, sonst natürlich.. Die Frau war ganz starr.„Ja, was wolle Se dann. was wolle Se dann!" rief sie wütend. Nebenan schrie wieder ein Kind. Ein andres als vorhin, das konnte selbst Schäfer sofort hören. Es hatte schon ganz das rauhe Organ der lieb- lichen Mutter. Sie sprang wieder ins Nebenzimmer, Ja, was wollte er hier? Möglichst leise, aber mit großen Schritten eilte er aus dem Haus, daß ihn das Weib nicht noch erwische. Erst als er weit weg war, atmete er erleichtert auf. Das war ja ein furchtbares Frauenzimmer, ein Dragoner! Ter arme Mann! Die hatte aber tüchtig die Hosen an, und gleich lederne! So erlebte er ja mancherlei Lustiges, aber eigentlich nichts für seinen socialen Roman, mußte er sich gestehen. Sollte er nun nur mit diesen beiden Erlebnissen zurück- kommen? Nein, das gönnte er Otto denn doch nicht l Er seufzte. Es kam ihm auf einmal sein ganzes Vorhaben un- geheuer lächerlich vor. Er katinte das. Das kam öfter bei ihm. Aber diesmal sollte, durfte ihn das nicht abschrecken! Nun mußte er endlich etwas Großes zu stände britigen, er war bald alt genug! Also immer noch weiter! Es ging ihm aber auch weiterhin ähnlich wie bisher. Die Erlebnisse waren meist ausgesprochen komischer Art, ohne daß sich aus ihnen, wie er meinte, für seinen Plan pro- filieren ließ. Eins erfuhr er bei all seinen Besuchen nur zu deutlich, daß sich die Leute durchaus nicht imponieren ließen von seiner besseren Kleidung und höheren Bildung. Sogar die Frauen nicht, mit denen er es heute meist zu thun hatte l Wie würde es da erst bei den Männern sein! Das frappierte ihn. Bei Berliner Arbeitern war er es gewöhnt, aber daß die Arbeiter hier auch schon jo weit waren, hatte er doch nicht erwartet. Wenn es aber selbst hier schon so weit war, mußte entschieden in weiten Kreisen des Volks eine große innere Wandlung vor sich gegangen sein... Auch wunderte ihn, daß die Leute so gut wie gar kein Interesse zeigten für andre und deren Thätigkeit. Da offen- barte sich ein sehr handfester Egoismus. Vielleicht urteilte er zu schnell und zu allgemein? Doch schließlich geschieht das bei jedem urteilen. Fast schien eS ihm, als wäre der einzige Unterschied zwischen den Großstadtarbeitern und den Arbeitern hier, der, daß jene bewußt, die beffcren Elemente wenigstens, fiir eine Neue Weltanschauung lebten, während hier wohl noch die besten Elemente derlei nur unbewußt fiihlten. Aehnliches hatte Otto gestern ja auch gesagt. Gemeinsam war ihnen augenscheinlich die Geringschätzung alles dessen, was nicht in direkter Beziehung zu den eignen Interessen stand und wohl auch die Geringschätzung aller nicht rein körperlichen Arbeit. Das durfte er wohl sagen, ohne zu viel zu sagen. Sehr er- freulich fand er dies sich nicht mehr so leicht imponieren lassen, und auch, daß sich die Leute so gar nicht mehr als Untergebene fühlten. Bescheiden oder sogar„lakaienhaft" waren sie jeden- falls nicht. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdaten.) Nn dev Lebensmikkelquello Vevlins» (Schluß.) Wir stehen cinf dem Bahnhof Central-Markthalle. Er liegt in der Höhe der Stadtbahn, vom Bahnhof Alexanderplatz fast bis zum Bahnhof Börse sich erstreckend und wohl über bOO Meter lang. Eigentlicher Güterverkehr ist auf seinen Geleisen nur während weniger Nachtstunden, von zwölf bis fünf Uhr früh, deun die Waggons müffcn über die Stadtbahn hcriibcrrangiert werden und inmitten des euonncn Zugverkehrs auf den Geleisen der Stadtbahn würde dies ain Tage kaum möglich sein Jetzt ist auf dem Perron der Haupttrubel bereits vorüber und man kann ihn ruhig betreten. Ebel» werden die letzten Kistci». Körbe, Säcke usw.' fortgeschafft. Am Perron entlang stehen die entleerten Waggons. Sie tragen die nächsten und eiitfenitesten Ortsname». Aus allen Landestcilen mit großer Landwittschaft laufen hier allnächtlich die hochbeladenen Waggons zusammeir. Namentlich auch aus dem Süden werde»» tag- lich enorme Mengen nach Berlin gesandt»nd die Zahl der Waggons mit der Aufschrift: Transportp Derrate Alimentäre ist nicht gering. Waren aller Art finden in der Markthalle Absatz' und konimei» zumeist mit der Bahn an: Fleisch, Fleischlvaren, Wild, Geflügel, Süßwasserfische, Seefische, Austern, Muscheln. Krabben, Krebse usw., gesalzene, gedörrte, geräucherte, eingeinachte Fische, Kaviar, Milch, Zucker, Käse, Margarine, Schmalz, Honig, Eier; alle nur erdenklichen eßbaren Garten-, Wald-, Feld- früchre, Mühlenfabrikate, Backwaren, Hefe, Blumen usw.. Kartoffeln, Holz-, Stroh-, Korbivaren, Hans-, Küchengeräte, Geschirre, Posa- menten, Schuhwaren usw. Selbstverständlich kommen nicht alle diese Warei» mit der Bahn an. wohl aber der größere Teil der- selben. Man ist erstaunt z» hören, welche Maffcn Lebensmittel die Bahn heranschleppt. Mittels der Eiseilbahn wurden am Bahnhof Central- Markthalle eingeführt 1893/94: S3 769 850 Kilogramm; 1894/95: 64 880 810 Kilogramm; 1895/90: 58 903 900 Kilogramm; 1896/97: 59 330 800 Kilogramm: 1897/98; 62190 902 Kilogramm. Und diese Mengen sind zumeist in Berlin selbst konsumiert worden. Die Wiederausfuhr war ganz gering. Sie betrug am Markthallen-Bahnhof 1893/94: 4 2>2 080 Kilogramm; 1894 95: 2912580 Kilogramm i 1895/96: 2 867 920 Kilogram»»: 1896/97: 2 404 600 Kilogramm; 1897/98: 3 274 400 Kilograinn». Zu der verbleibenden Menge muß nun noch hinzugerechnet»Verden, >vas sonst per Bahi», per Schiff, per Wagen a» Lebensmitteln»ach Berlin befördert wird, was Berlin selbst herstellt, was der Central- Schlachthof liefert, um die Konsnnrziffer zu vervollständigen. Die Ausiihr dieser großen Meiige von Lebensmitteln vollzieht sich in den»venigcir Morgenstunden, und der Raun» ist ausreichend, um während derselben über sechstausend Ccntner abzuladen. Jetzt Ivird eben der Rest der Zufuhr auf kleinen Wagen an die Fahr- stichle gerollt, die damit in die Tiefe der großen Halle verschivinden. Wie wir von der Bahurmirpe zurückkommen, stehen wir auf der Galerie. Von bier ans habe» wir einen großartigen lieberblick über daS geschäftliche Leben der Engros-Markthalle, welches dumpf brauseird zu uns hcraufdringt. Dort wimmeln hunderte Menschen durcheinander, fahre n die Handkarren und die»nit Pferden be- spannten Wagen hin und her, iverden Körbe, Kisten, Säcke geschleppt, werde» Geschäfte abgeschlossen. Und durch das Chaos drängen sich die Kellnerjungen der benachbarten Rcstcuirants, in schweren Traglasten dampfenden Kaffee feilbietend. Eben erlöschen die elektrischen Bogenlampen und durch die hohe»« Fensterbögen flutet das Licht des erlvachten TagS voll herein. Wir sehen die Schlächterstände, aris denen»och nnmer die Tierhälftcn»nd Viertel herarisgeschafft werden, während die Wagen bereits»veniger zahlreich sind. Direkt unter uns lieget» in förmlich paradcmäßiger Ordnung hohe Pyramide» von Rotkohl, Weißkohl»»nd Gemüsen aller Art. Lange ans Körbe» gebildete Quadrate enthalten, ungezählte Massen dttnkclschimiucrndcr Pflaumen, rotbäckiger Aepfcl, saftiger Birnen. Daneben stehen lange Reihen Holzkistchcn»nit Unmassen italienischer Trauben; man»st gar nicht im stände, von hier oben alle diese Artikel zu überblicke». Also durch!va>»deru ivir die Halle I Wir gehen»über die Galerie vorbei an, den Comploireu der Großhändler, an den Händlern, die Leitern, Besen, Holzivarcn aller Art, Küchenartikel feilbieten. Dann kommeil Ivir zu den Bluiuenhändlern. Ihre Stände sind belagert von den Blumenverlnnfcrn und-Vcrläuferiimen, die hier ganze Bündel der Rosen, Reseda, Nelken usiv. erstehen, die sie abends de» Flaneuren der Friedrich- und Leipzigerstraße anbieten oder in den Nachtcafes und Kouzettlokalen verkaufen. Ein paar Schritte iveiier und der volle, kräftige Blumenduft verivandelt sich in den schenß» lichsten Käsegcstank. Hier stehen die Händler mit Schweizer-, Holländer- und Kiihkäse, die uns schleunigst zum Verlassen der Galerie be« stimmen. Auf breiten Eisentreppen steigen wir in den unterci» Teil der Central-Marlthalle und stehen nun mitten in dein lebhaftesten Ge- triebe. Noch immer fahren Wage» ein, namentlich solche, die aus der Umgegend Lebensmittel heranbringen. Sie werden sofott von dei» Verkäufern in Augenschein genommen, und der Handel«ntioickelt sich. Noch immer ist es schwierig durchzukommen. Bereits sind die Abfälle zu Haufen von Kohlblättern, Papier, Stroh, Unrat aller Art zusamniengcsegt worden und der Bode» ist naß»nid schlüpfrig von den Wassernrassen, die zu seiner Reinigung versprengt wurden Die Schlächterstände sind geleert und wie ivir zwischen ihnen hindurchgehen, über die sarlbere», von Blut und Kot gereinigten Steinfliesen der Gänge, haben mir fast den Eindruck, in einer kleinen Stadt zu sehr, deren Häuser die eiserne»» Stände der Schlächter bilden. An den Wänden ziehen sich die Stände der Wild- und Geflügelhändler chhi, ans der andern Seite sind die mächtigen, marmornen Becken der FischHäirdler, in denen es plätschert und krabbelt von lebendem, eßbarem Wassergetier, während daneben ans sauberen Marmorplatten ganze Berge Eis-Fische licgeir, die alle des Verkaufs harreir. Ein Klingelzeichen, lang anhaltend und durchdringend, tönt unter einem der Stadtbahnbögen hervor. Dort hat einer der.städtischen Verkaufsvcrmittler" seinen Platz. In dem Raum, in welchem wir eben mit der Menge der Händler neugierig hineintreten, werden eben Fische verauktioniert. Es ist eine große Halle, in deren Mitte sich eine mächtige Wage befindet. Eben schleppen Arbeiter einen Korb Fische herbei und gießen sie auf die Wage. Der mit dem Hammer daneben stehende VerkaufSvernuttler hat bereits das Gewicht fest- gestellt, welches er dem seitwärts an einem erhöhten Pult stehenden Ausrufer mitteilt. Der ruft das Gewicht und den gebotenen Preis auS, den die Kauflustigen rasch eniportrcibcn. Eiue kleine Pause in dem Ausnifen und Zurufen— der Hannner fällt nieder, die Fische sind verkauft. Durch ein Wenden der Schale fallen sie durch eine Oeffnung in einen andren Korb zurück und während diese in die Halle zum Einzelverkauf gehen, prasseln neue Mengen in die Schale und die Auktion geht weiter. Binnen einer Biertelstnnde sind dergestalt viele Ccntner verkauft worden. Nebenan wird auf ähnliche Weise Wild und Geflügel aller Art vcrankrioniert. Durch die Bodenöffnungen der Halle steigen auS mächtigen Kellereien eine Menge Waren empor. Sie sind hier unten von gestern oder vorgestern aufbewahrt worden. Wir stalten auch den Kellereien einen Besuch ab. Von besonderem Interesse sind hier die Kühl- anlagen. Sie ermöglichen bei größter Sommerhitze verderbliche Waren mindestens sechs Wochen lang aufzubewahren. Die crfordcr- liche Kühle wird in der Anlage hergestellt, indem man flüssiges Ammouial in geschlossenen Rohrschlangeushstemen verdunstet. Die für die Kühlräume bestimmte Luft wird durch gemauerte Kammern, in denen die Rohschlangcn liegen, geleitet, so daß sie die Schlangen allseitig umspült und erkaltet, wobei sich diese Schlangen allmählich mil Reif bedecken. Die in den Kühlräumen befindliche wärmere Luft wird abgesaugt und über ein mit Ammoniak ge- fülltcs ziveiteS Rohrsystem geleitet, von wo sie, nach Er- kaltung, wieder in die Lagerräume gelangt; so cirknliert die Luft fortwährend, wobei sie gleichzeitig gereinigt wird. Selbst- verständlich ivird auch die ganze Luft nach Bedürfnis erneuert. Diese Kühlhallcn bedecken, ohne Maschinenraum, 1970 Quadrat- meter. Die Temperatur beträgt in dem Raum für Fleisch-st 4° C., für Fische 4- 0° C., für Butter. Käse, Gemüse 4- 6° C. Es ist inzwischen sieben Uhr geworden. Wie wir die Engros- Markthalle verlassen und durch die Detailhalle hindurchgehen, ist hier bereits der lebhafteste Handel im Gange. Und er erstreckt sich nicht nur auf die Halle selbst; die ganze Gontardstraße, am Bahnhof ent- lang, herrscht dasselbe Leben. Die Restaurationen sind überfüllt. An allen Tischen sieht man müde und verschlafene Proletarier sitzen, die die ganze Nacht für ei» paar Groschen schwer gearbeitet haben' und nun bei einer Tasse Kaffee oder einem Gläschen Schnaps vor Ermattung eingenickt sind. Um sie her geht es laut zu. An den Büffetts stehe>i Großschlächter, Händler, Kanfleute aller Art, Cigarrcn qualmend, Bier oder Kaffee trinkend und mancher freut sich des Ge- Ivinnes, den er in den wenigen Morgenstunde» eingestrichen hat. Vor einem Fisch-Engrosgeschäft unter dem Bahnhof halten Transportlvagcn mit mächtigen Fässern beladen. Dort werden Fische transportiert. Zwei stämmige Arbeiter, in wasserdichte Segeltuchanzüge gekleidet, mit hohen Stiefeln versehen und über Brust und Rücke» lange Lcderschürzen hängend, treten an den Wagen und schieben einen Bottich vor. Der eine hält ein großes mit Tragstange versehenes Fischnetz über den Bottich. Der Trans- portenr auf dem Wagen öffnet ein Faß. kippt es um und nut der heransstürzcnde» Wasserwoge purzeln Hunderte von Hechten oder Aalen oder Karpfen in das Tragnetz, während das Wasser durch die Maschen in den Bottich abfließt. Ist das Netz voll, so packt der Arbeiter seine Last auf und schleppt sie in die Halle, wo sie in Becken frischen Wassers untergebracht wird. So geht es ununter- krochen und in einer Viertelstunde haben auf diese Weise j�ei, drei Arbeiter den ganzen Wagen Fische entladen. Durch die Gontardstraße kommen in langer Reihe die Känfer. Da kommt das Küchenpersonal der Hotels und Restaurants, der dicke, würdige, glattrasierte Koch, der hier große Mengen zur An- liefernng an die Küche bestellen wird. Da komnit die bürgerliche Hausftau nut einem oder zwei Dienstmädchen, um ihre Einkäufe zu besorgen und daneben hastet eiligen Schritts die Proletarierfta» nut sorgenvollem Gesicht, die den tveiten Weg ans dem Osten bis hierher nicht gescheut hat, weil sie ein paar Groschen billiger kauft, was bei ihrem geringen HanShaltnngsbudgct gewichtig in die Wagschale fällt. Und in immer dichteren Scharen strömen die Käufer der Central- Markthalle herbei, wie sie jetzt ebenso in die Markthallen der einzelnen Stadtviertel strömen. Berlin ist längst zu seinem vollen Tagesgetriebe erwacht, lieber die Stadtbahnbogen sausen die Züge dahin, in den Querstraßen rasseln die Wagen,' auf der Königstraße sieht man die langen Reihen der Straßenbahnwagen und Omnibusse kreuze» und inmitten dieses Lärms vollzieht sich die Lebensmittel- Versorgung der Riesenstadt, die organisierte Füllung deS Bauchs von Berlin, der täglich viele Tausende Centner verschlingt. »• Es wird von Interesse sein, am Schluß unsrcr Schilderung dem oben Gesagten noch einige Zahlen anzuhängen. Die Umsätze in der Central-Markthalle lassen nur eine sehr unsichere Schätzung zu, da man die Profite der Händler nicht kennt. Wir halten uns daher an die städtischen Verkaufsvermittler. Die waren nach dem Vorgang andrer großer Lebensmittelmärkte in London, Paris, Wien und Brüssel eingeführt. Ihre Zahl beträgt gegenwärtig 6 und da sie seit 1893 selbständig arbeiten und der Stadt keine Probision mehr zn zahlen brauche», ist auch hier die Schätzung ungewiß. Im Jahre 1892/93 betrug der Umsatz der 6 Verkanfsverniiltler 4 804 861 M.; heute wird er weit über b Millionen Mark pro Jahr betragen. Das in den 13 Markthallen der Stadt beschäftigte Personal be- steht ans 1 Oberinspektor. 10 Inspektoren, 3 Assistenten, 13 Buch- Haltern und Maschinenmeistern, 13 Obcraufsehern, 33 Aufsehern, 1 Telcphonisten, 20 Pförtnern, 17 Wächtern, 2 Kcllerschließern, 5 Maschinisten, 2 Lampenwärtern, 6 Rohrlegern und Heizern, zu- jauunen 124 Personen, z» denen noch für das Direltiousburcau 1 Direktor, 0 Sekretäre und 1 Diener hinzutrete». Der ursprüngliche Anteil der Markthallen an den Schulden Berlins betrug 23 713 370 M., der inzwischen beträchllich herab- gemindert ist. So ist, in Verbindung mit dem Central-Schlacht- und Viehhof betrachtet, die Centrnl-Markchalle als die Haupt-Lebensmittelquelle Berlins, ein moderner Rieseubetrieb, dessen Größe und Bedeutung wächst mit dem Wachsium der Weltstadt.— E. R. Nloines — Neber die beiden letzten Anffiiege des Zeppelinschen Luftschiffs sprach dieser Tage Oberlicnteiiant V. K r o g h, der an den Aufstiegen als acrostasifcher Führer teilgenommen hatte, im „Verein zur Förderung der Luftschiffahrt". Nach der„Vossischen Zeitung" berichtete der Redner: Nachdem die meteorologischen Bc- obachtimgcn, welche in den Händen der Herren Professor Hergesell- Straßburg und Dr. Stadc-Berlin lagen, für die Auffahrt günstige Windverhältnisse ergeben hatten, wurde das mit 11 000 Kubikmeter besten, auf elektro'lytischem Wege hergestellten Wasserstoffgascs ge- füllte Lnflschiff zur Fahrt klar gemacht. Die Ventile der Gashiillen wurden von dem aeronautischen und deni aerostatischen Führer, den» Grafen Zeppelin und dem Vortragenden, geprüft und gleich wie die Molvrenschrauben in Ordnung befunden. Die vom Hauptmann der preußischen Lustschiffer- Abteilung v. Sigsfeld vorgenommene Abwägimg des Ballons ergab zunächst den unerwartet großen Auftrieb von 1200 Kilogramm, so daß außer dem vorgesehenen Waffcr- und Sandballast noch einige Eimer Wasser an Bord genommen werden mußten, um den Auftrieb auf das Maß herabzusetzen, welches der für die ersten Flugversuche in Aussicht genommenen Höhe von höchstens 800 Meter entsprach t70 Kilogramm). Uebcrivältigend war in dem Augenblick, als auf das Kommando deS nnt der Leitung des Änfstiegs betrauten Lnftschifferoffiziers die zur Hilfeleistung kommandierten Mannschaften, württembergische Infanteristen, die Haltetaue losließen, der Eindruck, welchen' das ruhige und sichere, in vollkommen gleichmäßiger Horizontale er- folgende Aufsteigen des gewaltigen Koloffes nicht nur auf die zahl- reichen Zuschauer, sondern auch auf die Insassen der Gondeln ««achte. Aber lvährend jene ihrer Begeisterung in lang- anhaltendem Beifall Ausdruck verliehen, galt es für den Führer, fich seiner verantwortungsvollen Aufgabe ganz und mit voller Hingebung und Anfmerksnmkcit zu widmen, zumal er so wenig wie ein andrer Ballonfahrer jemals ein Luftschiff von auch nur annähernd so großen Dimensionen geführt hat. lieber- raschend und ungewohnt war der starke Luftzug, welcher sich den Insassen des mit ziemlich beträchtlicher Geschwindigkeit gegen den Wind dahinfahrenden Luftschiffs bemcrklich machte) während in einem vom Wind getragenen Freiballon naturgemäß immer absolute Windstille herrscht, mußten diesmal die In- fassen sich die Mützen fest ans den Kopf setzen und die zu Notizen bestiinmten Papierblätter fest auf den Tisch der Gondel aufnageln. Das etwas vorschnelle unfreiwillige Ende der ersten Fahrt erklärte der Redner damit, daß eine der vorderen Gashiillen sich durch einen unglücklichen Zufall �Eindringen von einem Zipfel der Umhüllung des Gerippes in das obere Ventil) allmählich selbst entleert habe) der durch den Verlust von 1700 Kubik- meter Gas verursachten, naturgemäß sehr erheblichen Neigung des Vorderteils konnte durch Zurücklurbelung deS Laufgewichts, Ballast- answurf vorn, Gasanslassmig hinten, so wenig entgegengelvirkt werden, daß das Luftschiff nicht mit der Gondel, sondern mit seineni Bug in das Wasser, mit zehn Meter Geschwindig- keit pro Sekunde, hinabschoß. Ein Gutes hatte das wenigstens, indem das festgefügte Aluminiumstahl-Gerippe den Stoß verhältnismäßig gut parierte, während die Aluminiuingondel nebst den von derselben ausgehenden Motortriebstangen unfehlbar zertrümmert worden wäre. Der zweite Aufstieg, am 21. Oktober, be- gaini unter ungünstigen Vorzeichen) dem vom ersten Aufstieg her in den Hüllen vervliebenen, durch Diffnsston verschlechterten Gas war der Rest des guten Wasserstoffs, und als dieser nicht reichte. einige Tanseiid Kubikmeter ans München bezogenen chemisch hergestellten und deshalb ziemlich schweren GaseS zugefüllt worden; diese ans drei verschieden schweren Ingredienzien „zusammengebraute Gasbowle" war aber so schwer, daß das Luftschiff, gegenüber den 1200 Kilo des vorigen Mals, diesmal einen„negattven Auftrieb" hatte, und nachdem aller Ballast bis auf je 13 Kilo pro Gondel ausgegeben war, konnte der Ballon mit einem Auftrieb von nur 20 Kilo abgelassen werden. Trotzdem fuhr derselbe, nachdem eine anfängliche Neigung zum Wiederhinabgehen durch geringe Ballustabgabe überlvuuden wnr, in 250 Meter Höhe gleichmäßig honzontal zlvei Wohl abgerundete Kurven nnd lnudetc programminäbig und sehr glatt dicht bei der Halle. Nach der lieber- zeugiuig des Redners haben die beiden Fahrvcrsuche die volle Steuer- fähigkei't des Zeppelinschcn Ballonschiffs erwiesen.— — Oel auS Nosenholz. Ueber die Herstellung und Eigen- schaffen des ätherischen Oels auS dein Holze der iveiblichen Rose berichtet die..Chemikerzeitung" nach einem französischen Fachblatt: Das Holz der weiblichen Rose, das auch lülrari kanali genannt wird, kommt aus Guyana nach Frankreich in Stücke» von 1,20—1,30 Meter Länge nnd von ganz verschiedener Dicke: kleine Neste bis zu dicken Stäinmen, deren Umfang 1 Meter und selbst mehr erreichen kann. Die Rinde ist runzelig und kastanienbraun- grau. Sie enthält kein ätherisches Oel und hat keinen charakteristischen Genich. Das Holz selbst besitzt eine sehr schöne lebhaft goldgelbe Farbe und zeigt in der LängSrichlung eine Reihe Neiner Adern, die von einem etwas dunkleren Rotbraun unterbrochen sind. Das specifische Gewicht im trocknen Zustande ist bei 15 Grad in Petroläther 0,0789. Die Slus- beute an ätherischem Oel des Holzes schwankt ziemlich stark. Maß- gebend hierfür ist 1. der Gesundheitszustand des Baums, wenn er gefällt wird, 2. das Alter, 3. der Baumtcil, und 4. ist in demselben Stück Holz die Menge an ätherischem Oel verschieden, »venu man vom Innern des Baums nach der Rinde zu geht. Um das Oel aus dem Holz zu extrahieren, pulvert man es oder stellt möglichst kleine Stucke her. Man muß das zerkleinerie Holz so rasch wie möglich destillieren, lveil sonst ein Teil des Parfüms entweicht. Die Destillation geschieht in gewöhnlicheir Retorlen durch Wasserdampf. Sie geht sehr rasch vor sich, lveil das Holz sein Oel leicht abgiebt. Das' abdestlllierte Holz findet verschiedene industrielle Bcrivenduiig(als Brennstoff für Dampfkessel, Packmaterial«.). Die geringste Ausbeute an Oel geht fast niemals unter 1 Kilo- gramm Oel pro 100 Kilogramm Holz, im Mittel ist sie 1.400 bis 1,500 Kilogramm und im Maximum erreicht sie 1,550 bis 1,000 Kilogramm. Das frisch destillierte Oel ist schwach gelb gefärbt, nach der Rektifikation aber vollständig farblos und sehr klar. Der Geruch erinnert durchaus an de» des Holzes. Er ist sehr lieb- lich und mild mit einein kleinen Anflug eines ganz charakteristischen Stechenden und besonders sehr anhasteud. Das Oel löst fich in 2 Bol. 70-gräd. Alkohols; seine Verseifnngszahl ist 1,365,»ind es siedet zwischen 192 und 210 Grad. DaS ätherische Oel des Holzes der weiblichen Rose verwendet man mit Erfolg bei der Zusanimen- setzaug verschiedener Bouquets und hauptsächlich in der Seifen- Jlidustrie.— Theater. oe. D i e Tegernscer im BelleaNiancc-Thcater sind de» Berlinern gestern»nit einein Anstrich von modenier Bildung gekommen. Nach einer in» Marlitt-Stil gehaltenen Gartenlauben- Erzählung„Die Z tv i d e r w>> rz' ii" haben sie sich nämlichen» Volksstnck in vier Akten anfertigen lassen, das eine erkleckliche Fülle jener falschen Empfindnugen enthält, die, neuerdings wohl selbst im Backfischroman außer Kurs gesetzt, beim Anblick der frischen Oberbayer» ein recht erhebliches Mißbehagen erregen. Zwar wird daS trotzköpfige Spreizen und Zieren, womit die reiche Vanerntochter dem schließlich doch belohnten Liebcswerbc» des armen Holzknechts begegnet, von der Tricbeubachcr Lina so glaubhaft wie angängig dargestellt: aber das beweist wohl nur, daß die geborene» Schauspieler aus dem Alpeiilande sich leicht die erforderliche Routine anzncignc»»vissen. Unsre lieben Gäste»lochten selber ahnen, daß es ihren»»euen Stück au wüiischenswcrter Natürlichkeit fehlt, denn sie suchten die Scuti- »nentalität durch etwelche Kalauer auszugleichen, deren einige so blutig waren, als ob sie direkt auS der Äckerstraße bezogen wären Zitherspiel und Sch»>hplnttler wurden auch gestern als ivillkoiiiiueiie Zugabe gespendet.— Medizinisches. — Ueber Augenkrankheiten infolge Alkohol- mißbrauchs machte der Dresdener Augenarzt Dr. Fritz Schanz auf der Jahresversammlung des Deutschen Vereins gegen Mißbrauch geistiger Getränke interessante Mitteilmige»,»velche um so größere'Bcachtnng verdienen, als das Auge für die feinsten Untcrsuchungsmcthoden zugängig ist und die Veränderungen an ihn, auf das genaueste studiert sind. Die im Ransche auftretenden Augenmus'kel-Lähinuugen, welche sich im Doppelsehen dokiunenlieren, gehen»ncist nlit den» Rausche vorüber, doch konnnt es dabei ziiweile» auch zu ernsteren Störungen bei Angcn, die zu geivissen Krank- Heitel» disponiert sind. So sah er in» Anschluß an eine einmalige Zecherei in Auge»,»velche an höchstgradiger Knrzsichtigkcit litten, Blütlingen anftretc». welche zu Zerreißungen der Netzhaut und vollständigem Verlust des Schucrmögens auf den» befallenen Auge führten. In größerem Ilinfang werden GcwohnheitSlrinker von schweren Schstörunge»» heimgesucht. ES finden sich bei diesen charakteristische Entzüudiingsvorgänge im Sehnerv, und zivar wird gerade das Bündel befallen, das die Stelle des besten Sehens ver- sorgt. Prof. Uhthoff fand bei 1000 schivercn Alkoholikern, die er auf ihre Augen liiitersuchte, in 13,9 Pcoz. der Fälle diese charakteristischen Veränderungen, außerdem sanden sich noch ii» 0,8 Proz. anders- artige Veränderungen an» Sehnerv, die aber auch ivahrscheinlich mit den, Alkoholismus in Beziehung standen. Endlich bestanden bei 0,7 Prozent Blutungen in der Netzhaut, bei 6 Prozent Stönmgen der Pupilleninnervation und bei 2,2 Prozent Störungen in dem Augenmnskel-Apparat. Gleichzeitiger starker Tabakmißbrauch, sei es durch Rauchen oder Kauen, scheint die alkoholische Sehnerv- Entzi'indilng zu begünstigen. Diese Erkrankung hat sich als heilbar erwiesen, wenn das Trinken und Rauchen beziv. Tabakkauen unter- lassen wird. Auch sekundär werden die Augen häufig durch den in andren Orgauen lokalisierten Alkoholismus' in Mitleidenschaft ge- zogen; so finden fich nicht selten im Anschluß an die durch über- »näßigen Alkoholgenuß erzeugten Niereiieiitzündiiiigen schivere Er- krankungen der Netzhaut.— Ans dein Gebiete der Chemie. io. Die C h i n a- S ä u r e ist eine ziemlich verwickelte organische Verbindung, die in der Pflanzeiiwelt ivahrscheinlich eine weite Verbreitung besitzt. Znnächst ist ihr Vorkonnnen in der China- rinde bekannt geworden, Ivoher sie auch den Namen erhalten hat, außerdem bildet sie einen Bestandteil der Kaffeebohnen, ferner des Krauts der Heidelbeeren und schließlich der meisten Obstsorten. In welcher Weise die Chinasänre ans den inenschlichen Organisnins wirkt, ivar bisher kaum bekannt, und daher hat sich Dr. Weiß in Basel cn» Verdienst mit der llntersnchniig dieser Frage erivorben, über deren Ergebnisse die„Wiener Medizinische Presse" einige Mitteilungen zu machen weiß. Dr. Weiß ging auf die schon von klassischen Antori- täten der Chemie und der Pflanzenkunde geäußerte Enipfehlung von Fruchtkuren gegen Gicht zurück und verinochte festzustellen, daß die Chinasäure in dieser Beziehung der wirksanie Bestandteil der Früchte ist. Er stellte die genannte Säure auch für sich dar und ermittelte, daß sie in» Menschen eine Verniindernng der Harnsäure- ausscheidiing herbeiführt, auf deren Neberfluß ja die lästige Bildung an Gichtknoten ohne Ziveifel vorzugSivcise beruht. Auch an gesunden Personen ivurden Versuche gemacht, die eine derartige Wirkung der Chinasäure niizivcifclhaft klar stellten. Ferner ließ Dr. Weiß einige Patienten, die regelmäßig»ach reichlichem Genuß von stark alkoholischen Getränken einen Anfall von Gicht bckaincn, vorher Chinasäure»ehuien und sich dann der Wirkung des Alkohols ans- setzen, die Anfälle blieben alsdann ans. Die Chinasäure kann von. Gichtkranken auch als vorbeugendes Mittel genommen werde»: durch eine Kur von einigei» Wochen im voraus' können Gichtanfällc, die sich zu bestinuntcr Jahreszeit zu Iviederholeu pflegen, hintangehalt-n werden. Die Chinasäure wird i» einer Verbindung mit de»» chrmi- schcn Grundstoff Lithium in verschiede»?»» Formen gegeben,- soivohl als Täfelchen wie als Brauscsalz und Brausewasser.— Oumoriftislhes. — Auf der Ferienreise. Frau(ihren Mann über- raschcnd, als er der Kellnerin einei» Kuß giebt):„Aber, Mann, waS machst Du denn da?" M a n n:„Ich. liebes Kind? Hm 1 Ich— studiere nur d i e hiesige Mundart."— — Unterscheidung. Frau(zum Dienstmädchen):„Lina, Klatschereien dulde ich keine, aber Nenigkeitei» können Sie mir mit- teilen."— — Reu gier. Eintretender:„Endlich treffe ich Sie in Ihren» AnilSlokale an!" Aurea»lchef:„Ja, sagen Sie, mein Lieber, wie haben Sie das eigentlich gemacht?"— („Meggend. Humor. Bl.'j Noti'en.. — Johannes Schlaf schreibt an einer � Roman- T r i l o g i e. Ter erste Teil dieses Romans„DaS dritte Reich" ist bereits bei Fontane erschienen: in allernächster Zeit folgt der zweite Teil„Die Suchenden". Der dritte Teil„Editha" wird im nächsten Jahre«»scheinen.— — Helene Böhla,»s Schauspiel„Philister über Dir" hatte bei seiner Erstaufführung am M ü» ch e n e r Residenz- Theater teiliveise Erfolg.— — Paul Linse in a>» i» s Schanspiel„Der ewige Krieg" halte bei seiner Erstaufführnng an» Kölner Stadtthealcr Erfolg.— — Die Fusion des Wiener Carl-Theaters und de» Theaters an der Wien hat sich lvieder g e l ö st.— —„König Tod", ein GcsangSwerk»nit Orchester von Wilhelm Kleefeld, fand bei seiner Erstaussührung n» Leipzig Anerkennnng.— — Die heute eröffnete D e f r e g g e r- A us st e l l u n g der Akademie der Künste umfaßt das ganze Lebenswerk des Meisters, nahezu 150 Gemälde, Studien»md Skizzen.— — Drei neue Planetoiden haben die Heidelberger Astronoinen Max W o l s und S ch>v a ß m a n n auf photographi- schen» Wege entdeckt.— — Photographien reinigt man.»vie der„Praktische Weg- lveiser" schreibt, mit frischer Senunel, indem„»an sie vorsichtig damit abreibt.— Berantwortttcher Redacteur: Heinrich Wetzker ili Grob-Licht-rfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.