HliilerhaltungMatt des Morwärts Nr. 213. Freitag, den 2. November. 190« (Nachdruck verboten.) 2i] Ankev MolKvn. Roman von Kurt Aram. Keine leichte Aufgabe, da einen socialen Roman zu schreiben, auch nur auf Grund der hiesigen Verhältnisse; denn Schäfer spürte, daß das längst nicht mehr sogenannte einfache Verhältnisse waren. Man mußte denn flunkern und eitel „Poesie" geben. Er hob den Kopf. Aber interessant war es nun erst recht I Jetzt zog ihn der Plan wieder an, und zwar um so mehr, je schwieriger ihm die Ausführung zu sein schien. Er reckte sich mit Macht. Diesmal sollte, mußte es was Tüchtiges geben l I Vor der grauen Vtlla stand der Wagen angespannt. Otto machte sein sarkastisches Gesicht.„Na. juckt's ordentlich?" „Nein. Garnicht." Schäfer hatte die Sorge um die Tierchen über den Menschen ganz vergessen. „Interessantes erlebt?" „O ja, iie ganze Menge." „Dann schieß los l" „Es muß sich erst alles klären. Später vielleicht." „Na, nur auch recht. Für ein paar Stunden mußt Du mich jetzt entschuldigen. Ich habe Geschäfte in der Stadt." „Aber bitte. Es wäre mir höchst unangenehm, wenn ich Dich in irgendwas behinderte." Otto lächelte dünn. WaL sich der Federfuchser alles ein- bildete. Und das mit seiner Arbeit in der Stadt schien er wirklich ernst zu nehmen. Komisch naiv, dieser Berliner. Ne schwere Arbeit, ini Klub ein paar Stunden Blech anhören und was dazu trinken I Otto forderte Schäfer nicht auf, mitzufahren. Er ließ die beiden absichtlich allein. Schäfer schien auch gar nicht anzu- nehmen, daß er ihn auffordern würde. Um so besser. Er fuhr ab. Schäfer ging eiligst auf sein Zimmer, sich einiges zu notiere». Daß er nicht allein im Haus war, vergaß er ganz über dem Schreiben und Pläne entwerfen für sein Buch. Ganz erschrocken fuhr er ans, als ein Diensttnädchen klopfte und ihn zu Tisch bat. Er war ernstlich ärgerlich, daß er ge- stört wurde. Als Junggeselle in Berlin hatte er es doch be- quemer. Lästig, so ne Familienexistenz, dachte er, während er das beschriebene Papier verschloß. In Berlin bei seiner halbblindcn Auftvartefrau konnte er getrost alles herumliegen lassen, aber hier mußte er sich vorsehen. Lästig, so was I Magda empfing ihn freundlich und sah so gut aus, daß er bald wieder in Stimmung kam, sehr bald sogar. Sie fragte ihn auch sofort nach seinen Erlebnissen. Aber aus wirklichem Interesse, das war gleich zu spüren. Er erzählte denn auch schon bei Tisch von der alten, die ihre zweiundneunzig Jahre zur Schau stellte und aus ihnen ein Gewerbe niachte. Auch von dem weiblichen Dragoner und all den Mißverständnissen, die es da gegeben hatte. Wie Magda angenehm lachen konnte l Nicht laut, sondern diskret, aber doch so wohlthuend. Er hörte das gern und unterstrich das Komische noch nach Kräften, um sie öfter lachen zu hören. Er sprach immer weiter, auch während sie nach Tisch in Magdas Zimmer gingen, anch als er sich da sofort die erste Cigarette ansteckte, ohne erst lange zu fragen. „Sehen Sie, Frau Magda..." Er wartete ein wenig. Wie bei dieser Anrede ein freundlich Lachen in die grauen Augen trat! „Nicht wahr, Sie erlauben, daß ich Sie so anrede, das andre ist so konventionell und fad! Frau Magda klingt so schön." „Gewiß," sagte sie und machte ein sehr ernstes Gesicht dazu, als handle es sich um eine große Sache. Das ainüsierte Schäfer. Eigentlich Hab' ich heute im großen und ganzen die Ge- schichte ani verkehrten Ende angefaßt. Aber bitte, Nichts Ihrem Mann sagen! Das Vergnügen gönne ich ihm nicht." Magda nickte zustimmend. „So werd' ich denn die nächsten Tage in die Wirtshäusel müssen, um die Mäiine» kennen zu lernen, deren ich bishel nur zwei kennen lernte. Er lächelte.„Das niit dem einen war auch sehr lustig. Ich suchte ja Männer, nicht wahr? Konnte aber keine finden. Endlich fand ich nun einen, der traurig aus dem Fenster sah. Ich war ganz glücklich. Vor allem auch wegen seines traurigen Gesichts. Daraus spricht sociale Not, sagte ich mir erfreut, da kannst du was lernen. Ich ging ins Haus. Der Mann blieb auch in nreiner Gegenwart mißmutig und kurz an- gebunden. Auch das freute mich, denn ich sah darin außer der Notlage auch noch seinen festen Charakter. Ich fragte nun gar mancherlei, er wollte aber nicht recht raus mit der Sprache. Er stöhnte nur manchmal leise, was mich natürlich nur anfeuerte. Er stöhnt schon, dachte ich, da wird er auch bald reden. Schließlich fragte ich ihn ganz geradezu: So sagen Sie doch, was ist Ihnen, was drückt Sie? Vielleicht kaim ich Ihnen raten, helfen? Da stöhnte er nochmals ganz erbärmlich, nnd dann kams: Ich Hab' so schreckliche Zahn- schmerzen, uh, uhhhhh, ich Halts nicht mehr aus!" Zu famos, wie diese Magda lachen konnte! „Sehen Sie, das war seine sociale Not. Warum binden Sie sich denn nicht irgend ein Tuch um den Kopf? fragte ich teilnehmend. Innerlich dacht' ich selbstverständlich, dann wär' ich nicht auf Dich hineingefallen. Das sieht so unpoettsch aus. erklärte er.— Ich war sehr erstaunt. Was wußte der von poetisch. Wie kam er überhaupt zu dem Wort?— Unpoetisch? Lieben Sie die Poesie?— Dafür laß ich mich totschlagen, behauptete er.— Das hatte ich wirklich nicht er- wartet. Hier in dem Dorf einer, der sich für Poesie tot- schlagen läßt?! Aber vielleicht kam das auch nur von den Zahnschmerzen. Da ist nian ja zu allem fähig. Ich forschte weiter. Der Mann interessierte sich in der That, in allem Ernst für Poesie." „Wer ist denn das?" „Reusch heißt er, und Platzmeister ist er bei ihrem Mann." „Ich kenne ihn gar nicht," gestand Magda beschämt.„ES ist wirklich unrecht, daß ich mich bisher so gar nicht um die Leute im Dorfe gekümmert habe." „Das freut mich. Frau Magda. denn ich Hab' schon'nen Plan!" „Ach? Wirklich?" „Gleich. Erst möchte ich mit dem poetischen Platzmeister zu Ende kommen... Uebrigens, haben Sie'ne Ahnung, was das ist, Platzmeister? Ich nicht." „Ich leider auch nicht." „Also plötzlich fragte er mich, ob ich Scheffel kenne? Leider kann ich den hiesigen Dialekt nicht imitteren, der so gut zu Land und Leuten paßt, so rauh und'n biffel wüst. Selbstverständlich kenne ich Scheffel, erwiderte ich. Nun wurde der Mann ganz erregt. Wie sieht er aus, ist er groß, ist er blond?— Ja, persönlich kenne ich ihn nicht, er ist ja schon lange tot.— Der tot? Da irren Sie sich, meinte der Platzmeister, ich Hab' doch noch vor einem Jahr ein Buch von ihm gekauft.— Der poetische Platzmeister war nämlich in allem Ernst der Meinung, Leute, von denen man Bücher kaufen könne, müßten auch noch leben. Er wurde jetzt wieder wortkarg und unfreundlich. Er dachte offenbar, ich mache mich über ihn lustig, oder hätte ihn geradezu angelogen mit meiner Behauptung, daß ich Scheffel kenne. Als er wieder mal so recht kläglich stöhnte, sagte ich: Das ist im Leben häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn. Da strahlte er über's ganze Gesicht nnd drückte mir energisch die Hand. Das Wort schien ihm ein rechter Trost zu sein in seinem Leiden. Ich gestand ihm dann, daß ich auch Dichter sei. Ich war begierig, welchen Eindruck das auf ihn machen würde. Er aber glaubte das einfach nicht.— So sehen keine Dichter aus, behauptete er kategorisch.— Wie denn? fragte ich.— Das ist sehr schwer zu sagen, meinte er Er hätte es aber im Gefühl, nnd ich hätte jedenfalls gar nichts Poettsches. Fmmdlich, nicht wahr? Daraufhin ging ich bald." Magda und Schäfer schwiegen eine Weile. Das Schweigen dauerte sogar lange. Warum auch nicht, dachte Schäfer. Wirklich gebildet� Menschen müssrn ja nicht iinmcr schwahsn, gebildete Menschen können auch schweigen und sich doch unterhalten. Er blies Rauchwölkchen in die Luft und starrte ihnen nach. Er sah aber Magda nicht an. Warum eigentlich nicht? Ach was, ewiges Grübeln und Bohren I Weils mir Spaß macht, darum! Magda lehnte in ihrem Sessel und wartete, daß er fortführe. Warum that er das nicht? Er dachte wohl an seinen Roman. Da wollte sie ihn nicht stören. Sie schwieg auch. Wie still es war. Nur draußen vor den Fenstern leise der Regen. Die große Lampe mit dem roten Schirm stand auf dem Nebentisch. Ihr gedämpfter Schein schlich nur zagend bis hin zu den beiden. Schäfer schwieg immer noch. Er wollte es gar nicht mehr, denn es fing an, ihn zu beengen. Aber er wußte im Augen- blick absolut nicht, was er sagen sollte. Sein Kopf war wie ein ausgeblasenes Ei. Und wenn der Tod auf längeres Schweigen stand, er konnte nicht sprechen. In Magda stieg Verlegenheit auf. Wie sonderbar, daß er immer noch schwieg. Wie unpassend. Solch Schweigen ist so intim. Plötzlich fühlte sie, wie ihr das Vlnt aus dem Kopf ging und zum Herzen eilte, jagte. „Was meinten Sie doch vorhin?" kam es hastig von ihren Lippen. Er schwieg. Er merkte, daß sie verlegen wurde, und das reizte ihn, länger zu schweigen. Aber sie schlvieg nicht länger, als läge eine Gefahr darin. „Sie sagten doch. Sie hätten einen Plan, daß ich die Leute besser kennen lernen könnte?" Er sah sie stumm an. Sie staild auf. Da sagte er schnell, in dem instinktiven Gefühl, sonst läuft sie dir fort: „Jawohl, einen Plan. Ich war da nämlich vorhin bei einem alten Mann, da sah ich wirklich Not und Elend in Fülle." Magda setzte sich wieder. Schäfer erzählte:„Er lag auf einem Strohsack und hustete fürchterlich. Die Lunge sei kapnt, sagte er, und Luft könne er auch oft nicht bekommen. Wie zur Bestätigung fing er auch gleich an, nach Luft zu ringen. Es war entsetzlich anzusehen. Ringsum Luft in Menge, denn er lag in der Nähe des Fensters, das ich sofort geöffnet hatte, als ich eingetreten. Ringsum Luft die Meug� und er konnte nichts davon ein- fangen für sich. Der Kamps um das bißchen Lust wurde immer wilder. Sein Gesicht war blaurot dabei. Die Hände fuhren jäh umher, als wollten sie die Luft greifen. Dann schlug er sich mit ihnen auf den Brustkorb und riß die Haut blutig, als wollte er sie fortreißen, daß es Platz gab für die Luft, all die Luft ringsum, die doch nicht zu ihm konnte. Ich richtete ihn ein wenig auf. Ich fürchtete, daß er vor meinen Augen erstickte. Aber schließlich, als ich schon dachte, jetzt ist's vorbei, nahm der ausgemergelte Körper noch einmal alle Kraft zusammen in ungeheurer Anstrengung, und cS ge- laug ihm, nun bekam er endlich die nötige Luft. Sofort wurde ihm leichter. Er bat mich, ihm eine Flasche zu reichen, die in der Nähe des Strohsacks stand. Ich reichte sie ihm. Es war noch ein kleiner Rest Schnaps drin, hell wie Wasser. Damit feuchtete er gierig die Lippen, die aufgesprungen und ausgedörrt waren von all dem Kämpfen uin das bißchen Luft. Diese Flasche war sein höchster Schatz, sein einziger Trost. Er sei kein Trinker, versicherte er treuherzig, aber wenn er so ein Schlückchen davon nähme, würde ihm immer viel leichter um die Brust. Noch besser sei's, wenn er den Schluck auf ein wenig Zucker nähme. Aber Zucker habe er schon lange nicht mehr. Und mit dem Schnaps ginge es auch zur Neige, trotzdem er spare, ivie er nur könne. Acht Tage habe das Fläschchen schon gereicht. Morgen aber sei's zu Ende, wenn er auch noch so sparsam damit umgehe. Was dann aus ihm werden solle? Geld zu einem neuen Fläschchen habe er nicht mehr. Er fing an, jämmerlich zu weinen. Und dies Weinen war das allerschrecklichste. Er hatte nicht mehr viel Thräneu. Deshalb war jede einzelne nur unter Qualen aus den roten Augen zu bringen. Wenn er sich doch ordentlich ausweinen könnte, welche Wohlthat für ihn. Aber es ging nicht, sein Thräncnvorrat reichte dazu nicht, so wenig wie sein Schnaps noch lange reichen würde. Natürlich regte ihn das Weinen so auf, daß er wieder nach Luft zu ringen begann. Als er endlich wieder ruhiger war, fragte ich ihn ein wenig aus nach seinen Verhältnissen. Er hatte keine Verwandte mehr,'nur »och eine Tochter, die mit einer Menagerie durch die Welt reiste und sich um den Vater nicht kümmerte. Ein Nachbar dringt ihm morgens einen Krug Wasser, mittags ein andrer ein bißchen Suppe, und abends sieht noch mal einer nach ihm. Im übrigen lietzt er den ganzen Tag und die ganze Nacht allein, kämpft um das bißchen Luft und hört nichts als das Gurgeln und Keuchen um den Mund voll Atem." (Fottfetzung folgt.) Ans drv mnMAUJihen Lvochr. Von dem langen Ringen nach der Erreichung eines wirklichen innsikalischen Dramas ist ein inieressanter Ncbenzng das Bestreben, innerhalb der ausgesprochenen Konzermusik, die ja vorlvicgend mit einzelnen kürzeren Stücken arbeitet, größere, einen„Abend" ein- heitlich füllende Stücke zu schaffen. Im Sinne dieses Bestrebens sind namentlich manche Versuche und Schöpfungen Mendelssohns und Sckmmanns mit zu verstehen. Vorwiegend handelt es sich dabei mn Oratorien, weltlicher wie geistlicher Art, oder über- Haupt um Vokaliverke von größerem Zusammenhang, und darin wieder speciell mn die Bemühung, in diese Kunst- form, die ja nicht eigentlich dramatisch ist, einen dramatisch lebhaften Zug hineinzubringen. Hierher darf wohl ganz besonders Robert Schumanns Komposition für Solostinunen, Chor und Orchester:»Das Paradies und die Peri", gerechnet werden. Der englische Dichter Thomas Moore, ein Freund Byrons, hatte von seinem Hauptwerk, der orientalischen Dichtung»Lalla Rookh"(1817), eine der vier Erzählungen dem Thema von der Peri (einer Fee in der Parsenreligion) gewidmet, die, ailS dem Paradies verstoßen, nur dann zurückkehren darf, wenn sie„des Himmels liebste Gabe" dargebracht hat. Vieles Eigenartige, das sie gefnnden, er- schließt ihr Edens Pforte noch imnicr nicht! erst die Rcuethräne eines gereinigten Sünders wird zur erlösenden Gabe. Dieses epische Stück Moores hat Schumann zu seinem genannten großen Vokal- iverk benutzt, und unser Philharmonischer Chor unter Profeffor Siegfried Ochs führte es, nach der sonntäglichen Probe zu urteilen, in seiner bekannten glänzenden Weise auf. Die Hervorholung dieser Komposition giebt uns Gelegenheit, etwas näher von der Bedeutung z» sprechen, die solche größere ge- schlossene Werke ftir die Pflege der Musik in iveiteren Kreisen besitzen. Man kann bemerken, daß im allgemeinen Konzerte in d e m Maß bunter werden und bunter gewünscht werden, je weiter es ins „Populäre" hineingeht; hier pflegt man es einem Konzert geradezu als Verdienst anzurechnen, wenn es recht vieles von einander Vcr- schiedene bringt, obschon nachgerade auch von solchen kritischen Stimmen, die— gelinde gesagt— mit den Thatsachen zu gehen pflegen, Einwendungen gegen„deplacierte" Bestandteile eines knntcr- bunten Programms kommen. Ich glaube nun, dein liegt nur ebeir eine Unvollkonnnenheit in der Bildung für den Kunstgenuß zn Grunde; gelingt es hingegen, musikalisches Juteresse und Verständnis überhaupt in höherem Maß zu ivccken, so wird hiermit auch die Fähigkeit, sogar die Lust, dem einen Faden auf lange hinaus zu folgen, sich einstellen. Allzu wenig ist in dieser Beziehung bisher ver- sucht tvorden. Die Nachricht von einem Dresdener Unternehmen für Volkskonzerte, das auch Haydns„Jahreszeiten" bringen will, er- regt unsre Hoffnung auf derartige Fortschritte von neuem. Die „Jahreszeiten" sind zu einein solchen Zweck Ivie geschaffen,„Volks- tünilich" dürfen sie aus mehreren Gründen genannt werde», nicht zuletzt wegeir der Scenen aus dem Volksleben, die sie in ihrer musikalischen Epik vorführen. Ucbcrhaupt wird das gesamte, allerdings kleine Gebiet der„iveltlichcn Oratorien" hier in Betracht kommen— das der„geistlichen" dann, wenn auf ein Hineinleben in ihre Stimmung zu rechnen ist. was als eine reine Kunstfrage von anderweitigen Fragen imabhängig bleiben kann. Aus der erst- genannten Klasse dürfte mm„Das Paradies und die Peri", trotz niancher Bedenken, in vorderster Reihe stehe», wenn man dem Ziele: „Die Musik dem Volk!", energisch zusteuern ivill. Was dabei die äußeren Veranstaltungen betrifft, so wird in einem solchen Falle noch mehr als sonst auf treffende und nicht zu dürstige Erläuterungen ge- halten werden müssen. Alan kann vielleicht von Berlin als der Städt der erläuternden Musikprogrannne sprechen. Schon der alte Gesangskomponist und preußische Oberniusiklis Reichardt hatte analytische Programme zu Konzerten gegeben. Bei unsre» Philhannonikern und bei den ihren Veranstaltungen ähnlichen Konzerten sind die Programmbüchlein ein ständiger Gebranch. Es ivurde allerdings über sie auch bereits geklagt; sie sollen die Ans- merksamkcit aus Nebendinge ablenken, u. dgl. m. Die Bedenken gegen sie scheinen aber doch Iveniger das Princip z» treffen, als vielmehr aus einer Halbheit seiner Anwendung zu stammen. Findet man erst beim Niederlassen auf dem Konzerlstuhl, bestenfalls die eine oder die andre Viertelstunde vor dem' Erklingen der Töne, eine ge- druckte Uebersicht über sie vor sich, so gerät der Leser und Hörer, zumal wenn nicht der. Fachivelt angehörig, leicht in eine Verwirrung, die ihn dann beim Genuß hin und her ivirft. Solche Programmhefte müßten den Interessenten bereits einige Zeit vorher, etwa durch öffentlichen Verkauf, zugänglich sei» und sollten sich weniger als bisher aus„musi- kalische Analysen" beschränken; zumal bei einer iveitergehenden Pflege der Musik fürs Volk hätte wohl ein Ucbcrblick über das Ge- schichtliche, über die Koinposttionsform usiv. eines jeden vorgeführten — Werls in den Vordergrund zu treten. In dem neulichcn philharmonischen Konzert gab eS ausnahmsweise kein Program,»bSchlein, und das Publikum dieses Konzerts wird es gegenüber dem Verhältnis- mätzig einfachen und eintönigen Werk Schumanns nicht eben sehr verniitzt haben. Bei einer volkstümlichen Wiedergabe würde man freilich ein übriges thun müssen. Man könnte dabei sehr weit, bei- nahe bis zu einer historischeu und ästhetischen Kritik, gehen. Der Text ist aus erzählenden Stellen und aus Stellen, die in lyrischer Breite bei Affcktpunkten verweilen, zusammengesetzt. In einem früheren Stadium der Oratorienkoniposition Ivar es eine selbstverständliche Hauptsache, dieser Verschiedenheit und auch»och weitergehenden Nuancen gerecht zu werden! man sehe z. B. die Zusammensetzung der Bachschcn Matthnus-Passion aus Rccitationen, Arien, Chören usw. Davon ist nun bei Scbumann so gut wie keine Rede. Von den zwei Vorwürfen, die ihm überhaupt die radikalsten Modernen machen: einerseits, datz er ein nicht recht natürliches Pathos, und andrerseits, datz er eine verwaschene Deklamation habe, trifft hier zwar nicht der erste— dazu ist das Ganze zu schlicht— wohl aber der zweite zu. Das Beste im Werk sind die rein lyrischen Stellen, die dann zum Teil anch eine wundersame Siitzigkeit ent- wickeln. Allein ihr Stil wird im allgemeinen anch dort ein- gehalten, wo er nicht patzt— zum' Beispiel zn Beginn der Erzählung von der abschlietzenden Begebenheit! und das wirkt in der That verwischend und nicht eben geschmackschnlend. Anch in dem Vers, der die Lösung des Ganzen andeutet:„Im Auge ruht, Was das Teuerste ist dem Herrn!" hat der Koniponist, obwohl hier doch der einfältigste Verstand das ohnehin gesperrte Wort„Auge" auch musikalisch betonen mutzte, das Wort„ruht" hervorgehoben. Daneben aber stehen auch wieder Stellen voll bester Deklamation. Ob nun ein solches Werk in de» Nahmen eiiicr Popnlarpflege der Musik passen würde? Ich glaube dies unter der Bedingung be- jähen zu können, unter der mir überhaupt alles Popularküustl'crischc und Popularpädagogische einzig wirksam zu sein scheint: datz näm- lich nicht diese oder jene einzelne Vorführnng gemacht wird, sondern eine kleine, zusammenhangende Reihe von solchen; hier werde» denn auch Vergleickie verschiedener Stilweisen am Platze sein. Znr Aufführung von Oratorien werden wohl Chor und Orchester ver- hältnismätzig leicht zu beschaffen und zn behandeln sein. In der Sorge für Solisten geschieht aber selbst von uusren künstlerischten Stellen aus zu wenig. Vor allem werden meistens weniger Solisten eingestellt, als in den, betreffenden Oratorium erfordert sind. Da übernimnit etwa e i n Tenor die Partien von zwei Personen; oder„vier Stimmen", die kommenliereud aus dem Chor hervor- treten sollen, werden von den Solisten selber gesungen und der- gleichen mehr. In diesen Punkten liegt die heutige Pflege der Oratorien tief danieder, und hier ist noch durchaus eine Reform nötig. Allein wer crmitzt die Qualen eines Chordirigcntcn beim Zusammenbringen der Solisten! Es fehlt eben eine genügende An- zahl guter— d. h. nicht weltberühmter, sondern sachgemätz wirkender — Oratoriensänger; und zwar sollte für jeden einzelnen Fall mit einer doppelte» Besetzung zum Alternieren gerechnet werden. Wird das Arbeiterpublikum einer Grotzstadt zu solchen Kunstgenüssen heran- gezogen, so werden ja Zuhörer für je zwei- oder mehrmalige Wiederholungen jeder Produktion borhauden sein; hier können sich dann die zwei Solistengruppen so ablösen, datz auch noch in den bäufigen Verhinderungsfällen Künstler aus der gerade unbeschäftigten Gruppe einspringen. Was wir hier ausführten, ist zugleich ein Appell an die„Freie Volksbühne" mit ihrem auerkeuucuslverlen, aber doch nur erst tastenden Ringen nach volkstümlicher Mufikpflege. Als allzuweit mag ein solches Ansiuuen an sie inunerhin erscheinen, doch nur insofern mit Recht, als Ivohl einzig eine gründliche Vorbereitung von langer Hand in Betracht käme, mit der sich dann in Berlin aber auch— kurz gesagt— geradezu alles erreichen lietze. Um auf die neuliche Ausführnng zurückzukommen, so gab es selbst an dieser verlätzlichen Stelle eine Solistenuot; und zwar weniger durch Unbollkommeuheiten der im gauzcn vorzüglichen Leistungen, als durch Maugel an genügender Zahl der Personen, zn dem dann»och bei der eigentlichen Aufführung, wie ich höre,, eine Absage der Sängerin der Peri-Siimme und ein probeloses Eintreten einer Retterin in der Not kam. Giebt es schon hier solche Unglücks- fälle, so erscheint unser obiger Ruf»ach„Züchtung" von Oratorien- solisten erst recht dringlich zu sein.— Aus dem wiederum üppigen Konzertrcichtnm dieser Woche mutzte uns natürlich manches entgehe». Besonders leid that uns dies gegenüber einem Komponistenabend des„Berliner Ton- k ü n st l e r- V e r e i n s", in welchem zahlreiche noch unveröffent- lichte Werke vorgeführt wurden. Nach dem mir zugegangenen Be- richt fanden namentlich Lieder von James Rothstein vielen Anklang. Selber urteilen konnte ich über das Konzert einer Sängerin und eines Klavierspielers am Montag in der Singakademie. Adele Otto-Morano hatte in sehr dankenswerter Weise zahl- reiche Lieder zusammeiigesjellt, von denen auch nicht eines zum Alltagsrepcrtoirc gehört; zwei von Hugo Wolf, eins von Vitevzlav Novak und eins von Peter Tschaikowsky seien ob ihrer gut künstlerischen Wirksamkeit besonders hervorgehoben. Die Sängerin selber hatte sich wegen Krankheit als nachsichtbcdürftig gemcld'ct— womit natürlich nicht der umgekehrte Fall verwechselt werden darf. Damit ist ein kritisches Urteil von vornherein gebunden, obschon in einem solchen Fall nicht alles auf Rechnung des Augenblicks gesetzt werden kann. Jedenfalls zeigte die Sängcnn, datz sie über einen bewegten Ausdruck verfügt. I— Auch ihr Konzeripartner, Hermann L a f o n t, besitzt die und die Vorzüge. Was nützt jedoch all dies, wenn dem Spiel so wie hier die Deutlichkeit, Klarheit, Plastik fehlt I Solche Spieler sollten uns Stücke aus Zeiten des Tiesstauds in der geschichtlichen Entwicklung der Klavierlitteratnr vorführen; abwechsclungshalber würden uns mal auch Salonstücke ans der Biedermeierzeit eine interessante histo- rische Erinnerung sein(Dreyschock, Schulhoff, Willmers u. a.). Mit einem Stück jedoch, das so wie Schumanus„Vogel als Prophet" ein feinstes Verständnis für geheimnisvolle Offeubarungen und vor allem ein richtiges Tempo verlaugt s„Langsain, sehr zart", das Viertel gegen eine Sekunde lang), sollen uns solche Spieler durchaus verschonen.— sz, Kleines Feuillekon« ck. Sonderbare Hochzcitsgcbräuche. In London ist soeben bei Pearson ein fesselndes Buch von Louise Jordan Milne erschienen, das„"V\ ooings and Weddings in Many Clirnes" betitelt ist. Mrs. Milne hat die Sitten bei der Werbung und der Hochzeit in allen Ländern der Erde eingehend studiert. Eine Reihe höchst sonderbarer Hochzeitsbräuche'findet dabei Erwähnung. Zu den merkwürdigsten und miaugenehmsten Gebräuchen vor der Hochzeit, denen die Bräute unterworfen werden, gehört das Zähnefeilen, das bei den Malaienmädchen angewandt wird. Die Braut— in Wirklichkeit noch eher ein Kind,' denn sie ist erst vierzehn Jahre alt— hat als Frau das Privilegium, Betel zn kauen, dessen Saft für sehr gesundheitsförderlich gehalten wird. Die Folge davon ist, datz das wenige, was von ihren einst milchweitzen Zähnen noch in ihrem Munde bleiben darf, mit einer hätzlichen, blutroten Farbe ge- beizt wird. Das Feilen geschieht bei Musik und Schmausereien einen Tag vor der Hochzeit, und wenn das arme Opfer stöhnt, übertönen Harmonien ihre Schmcrzenslaute.„Die Zähne werden mit Stahlfeilen und Raspeln aus Sumatrastcin geglättet und ab- geschliffen. Länger als eine Stunde wird zn dieser Operation ge- braucht, wenn die Braut nicht inzwischen ausruhen mutz. Das Zahn- fleisch schwillt an und verursacht die grötzten Qualen. Wochenlang dauern die Schmerzen und die Entzüiidnng, der Schlaf ist ganz un- möglich. Sprechen und Kauen sind Peinigungen. Und das ist zur Zeit der Flitterwochen I".... Der Japaner schickt seiner Braut ein langes Ende Goldstickerei zum Hochzeitsgürtel und ein Stück weitze Seide zum Kleid, was vielleicht dazu beiträgt, das hübsche Dämchen über die Berbrenninig ihrer Spielsachen zu trösten, eine Ceremonie, die ihre Eltern drei Tage vor der Hochzeit vornehmen. Die eigen- artigsten Hochzeitssitten in dxr Welt haben wohl die Karen in Hinter« indien. Das Liebeswerbcn findet bei diesen bei— Begräbnissen statt, bei denen alles, Werbung. Verlobung und Hochzeit in Bausch und Bogen abgemacht wird. Wenn ein Karen stirbt, wird er nur vorläufig beerdigt oder wenn er ein grotzcs Besitztuni hat, werden die sterb- lichen Ueberreste verbrannt, und die kleine Truhe aus Teakholz, in der die Asche aufbewahrt wird, wird zeitweilig begraben. Die Länge der Zwischenzeit zwischen dem ersten und zweiten Begräbnis eines Karen ist durch die Zahl der heiratsfähigen Mädchen und heiratenden Männer, die im Dorfe oder in der Nachbarschaft zur Zeit des Todes- falls sind, bestiiumt. Wenn genug Heiratskandidatcn beiderlei Ge- schlechts da sind, aber nicht früher, wird der grotze Begräbnis- und Hochzeitstag festgesetzt. Bei derselben Gemeinde der Karen giebt es nur selten mehr als einen solchen Tag im Jahr. Oft vergehen drei, ja manchmal auch fünf Jahre zwischen einem derartigen Tage und dem nächsten." Sehr pittoresk werden die Hochzeiten in Marokko gestaltet.„In maurischen Städten wird eine Braut abends, und fast immer bei Mondschein, in ihres Gatten Haus getragen. Die Mauren feiern ihre Vergnügungen gern nach Sonnenuntergang. Dann können auch die verschleierten und halb verschleierten Frauen Anteil an der Hochzeit nehmen, indem sie vom Dach des Harems hinab sehen oder durch die Gartenthür gucken, wenn der Brautzug vorüber kommt." Für die Frauen mutz es reizend sein, in Spanien umworben zn werden. Dabei spielt die Musik eine wichtige Rolle. „Aber der Bewerber ist nicht immer sein eigner Sänger. Ein berufs- mätziger Troubadour oder Improvisator und mehrere Musiker, solvie drei oder mehr Fackelträger werden engagiert. Sie führen die Werbemnsik aus, während ihr Auftraggeber an einem Baum oder passenden Pfeiler lehnt und sentimental dreinschaut." Liebeswerben durch Gesang ist aber nicht allein auf Spanien beschränkt. Auch die schon erwähnten Karen werben durch Gesang, und die Mädchen antworten ebenso. Wenn ein Karcn-Bewcrbcr es fertig bringt, beim Trillern zu weinen, hat er mehr Aussicht erhört zu werden, als wenn er heiter erscheint". Viele Völker sind bei der Wahl der Tage und. Monate für die Hochzeit abergläubisch. In Italien ist der Mai ausgeschlossen.„Ich würde lieber gar nicht heiraten als im Mai", sagte eine hübsche Römerin ernsthaft.„Am Montag verheiratet!" rief eine grotzäugige Florentinerin erschreckt. Dabei erhob sie ihre braunen Hände und senkte ihre Stimme zu einem Geflüster.„Wenn ich am Montag heiratete, hätte ich nur Mädchen und Idioten."„Nun dann Sonn- abend." Sie zuckte verächtlich die Schultern und lachte.„Ja, nächstes Mal. Aber nicht diesmal. Man würde mich für eine Witwe halten. Nur Witwen heiraten am Sonnabend. Wir halten diesen Tag für sie frei, und sie dürfen an keinem andren Hochzeit machen." Ebenso unmöglich ist der Donnerstag, weil dieser den Hexen und drei Furien geweiht ist. Der Freitag scheidet als Fasttag aus der r — 852 Liste, desgleichen Mittwoch, Der Dienstng ist ein UngliickStag. AIS einziger Tag bleibt also der Sonntag,... Die R'ain Chong-Kai, die zwischen Kanton und Mandalah wohnen, haben»och weniger Auswahl, denn sie haben mir einen Hochzeitstag im Jahr, den IS. des ersten Monats.— Kunst. — lieber Kunst und K u n st k r i t i k schreibt Hans Thoma in der«Franlfurt. Ztg.": Wenn die Kunst gedeihen soll, so ist ein Zusammenwirken von Kunst und Kunstkritir von großer Wichtigkeit und dies ist ganz insbesondere nötig fiir die Kinistbestrcbungen in einem engern heimatlichen Kreise. Die Kritik weckt und belebt das Interesse fiir die Kunst ans die mannigfachste Art. Nur sollte der Kunstkritiker nie als der Feind des Künstlers erscheinen, der ihn durch Herabsetzung seiuer Arbeiten in seiner Berufs- und Erwerbs- thätigkeit schädigt. Wer öffentliche Krittk ausübt, nimmt ein großes Recht für sich in Anspruch. Große Rechte, ohne durch große Pflichten balanciert zu werden, habe» etwas Unmoralisches. Die Kritik hat nicht das Recht, den Künstler persönlich zu beleidigen oder so henmterzusetzen, daß er dadurch zu Schaden kommt. Schon oft habe ich mich gefreut, daß das Verhältnis von Kritik zur Knust in allen größeren Tagesblättern ein schöneres geworden ist, als es dies vor etwa 20 bis 30 Jahren war. Damals beruhte oft der ganze Ton einer Besprechung in einer hämischen Witzmacherei. in der der Autor ohne alle sachliche Be- gründung leuchten wollte— er nahm die ganze Sache nicht ernst. Das Ivar aber noch nicht so arg; sehr oft und manchen Künstlern gegenüber sprach sich eine förmliche Bosheit aus mit der deutliche» Absicht, dem Künstler jeglichen Schaden zuzufügen. Der Entrüstungs- Philister, der alles haßt, waS nicht seiner Genußfähigkeit angepaßt ist, hatte sich vielfach der Kunstkritik bemächtigt. Der Künstler ist dem gegenüber schutzlos, und schweigend muß er die galligste Bitter- keit über sich ergehen lassen. Der Schade», den er in seinem Beruf erleidet, ist oft gar groß und er darf nicht einmal davon reden... Jin ganzen ist es besser geworden, und die Künstler dürfen sich de? anständigen Tons freuen, welchen die Kritik in hervorragenderen Tagesblättern angeschlagen hat. Die Kritik ist eine hohe ernste Sache, sie kann die Kunst fördern helfen, sie kann den Sinn für sie empfänglich machen und verbreiten,— Ehre dem, der sie als eine hohe ernste Aufgabe auszuüben versteht;— er hat eS gewiß nie nötig, um seine Kennerschast leuchten zu lassen, irgend einen Künstler, der ihm begegnet und besten Gesicht, d. h. dessen Werk ihm nicht gefällt, abschlachten zu müssen, gleichsam das Publikum warnen z» ivollen, daß es sich vor Schaden hüten soll.... Ich bin geiviß der letzte, der das Recht der freien Kritik in Abrede stellen würde, aber ich bestreite da? Recht der leichtsinnigen Krittk, die ohne Kenntnis der Vielfachheit des Zusainnrenhangs, ans dem eine Kunstentwicklung stattfindet, darauf loSurteilt und verdienstvollen Künstlern den GaranS machen will, wenn eS ihr scheint, daß eine andre Strömung irgendwo herweht, um zu zeigen, daß man auf der Höhe steht. Von jeher habe ich in Knnstdnigen den Grundsatz„Leben und leben lassen" gerne betont. Vielleicht aus dem Grunde, weil man mich selber gar so lange nicht leben lassen wollte, aber ich halte ihn aufrecht; ich weiß zwar, daß dies gegen gar vieler Sinn geht,— sie erklären„leben und leben lassen" für den Grundsatz der„Allzuvielen", der lieber- mensch regt sich in ihnen, das„Umwerten" ist ihre Parole. Vielleicht ist auch dies gut— auch hier abwarten und leben lassen,— aber ein paarmal'schon habe ich es gesehen, daß dabei nur ein wütend gewordener Philister herauskam.— Bölkerkunde. — Auf eine merkwürdige Art von Troubadouren im Kaukasus macht Basil Korganoiv im letzten Heft der „Sannnelbände der intemationalen Musikgesellschaft anfmerksam. Diese Troubadoure finden sich besonders im Bexirk Ratcha des Gouvernements Kntai und gehören meist dem Stamme der Grnsiener an. Ein solcher Sänger heißt Mestwire, nach stwiri, die Rohrflöte, benannt. Denn sein uotlvendiger Begleiter ist die Sackpfeife, zugleich ein heiliger, von vielen Ahne» überkommener Gegenstand. DasJnstrilinent ist ein mit zwei Oeffnungen versehener lederner Sack; durch die eine wirk- geblasen, in der andern aber stecken zwei Flötenrohre mit zu- fanimen neun Löchern. Damit können sieben Töne gespielt werden b, e, des, es, f und ges, also nicht einmal eine vollständige Tonleiter. Will der Mestivire nun ein Lied zum Besten geben, so bläst er zn« erst ein Borspiel, fingt dann das Lied mit der Begleitung eines Pfeifentones und schließt endlich mit einem Rachspiel. In seinein Lied befingt er die Herrschasten, die ihn zum Spielen aufgefordert haben, nachdem er sich vorher nach ihrem Namen, ihrem Stand und andren Dingen erkuildigt hat. Die Verse müssen gereimt sein, was nicht so fchwierig ist, da es sehr viele gleichklingende Substantiv- und Verbalendungen giebt, überdies hat der Sänger oft schon sein Lied fertig, so daß er nur die Namen zu verändern braucht. lkr fährt von Ort zu Ort, ohne einen festen Wohnsttz zu haben, und so lebt er von der Gunst der Leute, die ihm. wen» er sein Handwerk stecht versteht, reichlich zu teil tvird. Doch scheint !«S, als ob diese Kunst im Aussterben begriffen sei. Sie ist nämlich ganz und gar an das Vorhandensein der Sackpfeife geknüpft, diese Instrumente aber, die meist hundert und über hundert Jahre alt »V ii sind, werden heute nicht mehr angefertigt. Schon jetzt ist die Zahl der Sänger beträchtlich zusammengeschmolzen, und wenn hier nicht Gesellschaft oder ein reicher Gönner eingreift, wird dcrMistwire eine bald der Vergangenheit angehören.— Technisches. — Elektrochemie. Der„Rheinisch- Westfälischen Zeitung" Ivird geschrieben: Das rastlose Vorwärtsbringen auf industriellem Gebiete läßt immer neue Industriezweige entstehen, innner andre und wieder andre Methoden der Erzeugung und Verarbeitung der Rohstoffe au Stelle der alten treten. Ein mächtig aufstrebender Zweig, der schon viele blühende Aeste aufzuweisen hat, ist die Elektrochemie, besonders die Aufbereitung und Gewinnung der Metalle auf elektrischem Wege. Die Bedeutung des ganzen Ver- fahrens liegt hauptsächlich darin, daß mit seiner Hilfe sich eine Metallindustrie auch an solchen Orten entwickeln kann, die zwar Erz- lager, aber keine größereu Kohlenlager besitzen oder in der Nähe, statt ihrer aber Wasserkräfte zur Verfligung haben. Ein gutes Beispiel bietet hierfür die Verhüttung von Eisenerzen. Bekanntlich sind ja hierbei erhebliche Mengen von Coaks nötig, einmal zur Re- duktion der Eisenoxyde, dann aber vor allem zur Erzeugung der nötigen Hitze. Diese letztere, sehr beträchtliche Kohlenmenge ist aber bei Verlvendnng elektrischer Oese» nicht nötig, denn hier wird die nötige Hitze durch die im sogenannten Davyschen Lichtbogen cnt« stehende sehr intensive Wärme geliefert, die im stände ist, alle Metalle in kurzer Zeit zu schmelzen. So werden in jüngster Zeit nach einem besonderen Verfahren drei große Schmelzöfen in deu Bergamasker Alpen im Val Camonica betrieben, die jährlich etwa 4000 Tonnen Stahl liefern, zum Brcimstoff-Preise von ettva 18 Fr. pro Tonne. Die Erze tverdcn zunächst elektromagnetisch auf- bereitet, mit den nötige» Zuschlägen versehen, gemahlen, mit einem Zusatz von Teer in die Form von BriqnettS ge- bracht und dann im elektrischen Ofen eingeschmolzen. Ein besonderer Vorzug dcS Verfahrens ist auch der, daß man die Menge der Znsätze leicht regulieren kau», so daß man also nach wenigen praktischen Ver« suchen Stahl mit bestimmtem Kohlenstoffgehalt herstellen kann, ebenso Wolfrain- Chrom- oder Nickelstahl, und zivar alles in einer einzigen Operation. Die Methode der Erzgewinnung im elekttischen Ofen begegnete zuerst großem Mißtrane» seitens der Techniker, doch sind die»eueren Verfahren mehr Erfolg versprechend. Die Verwendung der Eleltricität spielte bekanntlich zuerst bei der Gewimmng des Aluminiums eine große Rolle, wird jetzt aber nicht»nr auf Eisen, sondern auf die Geiviunnng des Zinns ans Abfällen, sowie auf die Phosphorgcwinunng ausgedehnt und hat augenscheinlich noch eine große Zukunft.— Humoristisches. — Modern. Gnädige:„Hier, Fräulein— die Nota des Metzgers mit 83 Mark, die des Bäckers niit 2t, und dem Kanstnann vorläufig eine ä Conto-Zahlnng von 50 Mark I Bezahlen Sie die» emstlveilen, bis mein Manu im nächsten Monat diese Bagatelle regelt l'— HauSfräulein(verlegen):„Bedauere, gnädige Frau, das geht über mein Vennögen I Ich kann Ihnen meine Kräfte, aber keine Geldmittel zur Verfügung stellen I" Gnädige:„Empörend! Ich habe mich, scheint eS, in Ihrer Person gründlich getäuscht l Was verstehen S i e denn unter„Stütze einer Hausstau"? I"— — Enfant terrible. Tante(die im Begriff ist, abzureisen):„Kinder, weim ich nur nicht den Zug versäume!" Der kleine Hans:„O ueiu. Papa hat soeben die Uhr schon eine halbe Stunde vorgestellt l"— Notizen. — William L u z o n Thomas, der Herausgeber der Jonrnale„The Graphic" und„The Daily Graphic", ist>» London iin 70. Lebensjahre gestorben.— — Bei der ersten„Litterarischen Matinee" im Restdenz-Thcater. die am Sonntag stattfiudeß geht das Lristspiel„Sturm" von F r i e d r i ch I a c o b j e n in Scene.— — Benno Jacobsons Lustspiel„Zum Ein- s i e d I e r" fiel bei seiner Erstaufführung am Hamburger Thalia- Theater durch.— — Im Openihause gelangt Mitte nächster Woche„Der Barbier von Bagdad" von Peter Cornelius zum ersten Mal zur Aufführung.— — Theodor Bertram Ivnrde für die nächsten Burg- theater-Fe st spiele verpflichtet, dc» Amforlas, Wotan und Holländer zu singen.— — Im Kunstsalon C a s s i r e r sind von heute ab Werke von Paul Cezanne, Walter Leistiloiv, Louis Corinth, Fritz Klinisch nsio. arrsgestellt.— Die nächste Nummer des UnterhalwngsblattS erscheint am Sonntag, den 4. November. Veraotwottlichcr Redacteur: Or. Georg Gradnauer in Groö-Lichtettelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.