Anterhaltungsblatt des orumrts Nr. 214. Sonntag, den 4. November 1900 (Nachdruck verboten.) 25] Ankcv HVolKen. Roman von Kurt Aram. „Ich bitte Sie, hören Sie auf l" Magda zitterte am ganzen Körper. Nein, dachte er, das ist ihr ganz gesund, sie soll alles hören. Hatte er doch grade sociale Gedanken, wollte er doch einen socialen Roman schreiben. „Einen Arzt ruft er nicht mehr, da er ihn nicht bezahlen kann. Die Krankenkasse thut nichts nrehr für ihn, da er längst sechs Wochen krank liegt. Das hat niir Otto übrigens auch nicht gesagt gestern, dag die 5krankenkasse nur so lange für einen Kranken sorgt. Ich glaube überhaupt, er hat noch mit mancherlei hinter dem Berg gehalten," fügte Schäfer in- digniert hinzu aus seinem neuen, socialen Gewissen heraus. „Das ist ja unerhört I Von alledem weiß ich nichts, Hab ich nie etwas gehört. Da sitze ich hier in Ruhe und nebenan gehen die Menschen zu Grunde!" Magda war ganz außer sich. Schäfer gefiel das im ersten Augenblick sehr. Es that ihm auch wohl, daß seine Erzählung so wirkte. Er konnte also doch»venigstens erzählen! Er bespöttelte sich aber gleich wieder. So ein weit- unkundiges Gemüt wie diese Magda! Da war das schließlich keine Kunst. Die hätte mindestens in die Kniee stürzen müssen und laut schreien vor Entsetzen,»venu er»virklich was konnte. Und er wollte doch so erzählen und schreiben können, daß den Leuten vor Grausen die Haare zu Berge stehen sollten, daß sie am liebsten lvahnsinnig würden! Er strich sich durchs Haar. Aber, gar nichts konnte er. Nicht'mal diese junge, unerfahrene Frau konnte er ganz außer sich bringen. „Ich werde gleich'mal nach ihm sehen", sagte Magda und sprang ans. Schäfer sah sie erstaunt an. Was>var denn in sie ge- fahren? Wollte sie ungemütlich werden? Das fehlte gerade an dem heutigen, so gemütlichen Abend. „Ich bitte Sie, bleiben Sie doch ruhig! Der Mann hat Monate so zugebracht, da kommt's doch wirklich nicht darauf an, ob er diese Nacht auch noch so zubringt. Schnaps und Zucker Hab' ich ihm höchst eigenhändig erst noch besorgt, so daß er gut ausgehoben ist." „Wie gut Sie sind l Wie schön von Ihnen!" So übertrieben gleich, so exaltiert, dachte Schäfer. Diese Weiber! Wenn daS Mitleid in Frage kommt, sind sie gleich alle aus dem Häuschen. „Ich schäme mich so, ich schäme mich so sehr! Es lag schon lange schwer auf mir, aber ich mußte nicht, wie's anfangen. ich bin so kläglich lvcnig selbständig. Das wird jetzt anders, Gott sei Dank I Und Sie helfen nur!" Sie streckte ihm die Hand hm. Er nahm sie gerne.„Freilich. Von morgen an inspizieren wir gemeinsam Ihr Dorf." „Ich lveiß nicht, mir ist so, ich möchte doch lieber gleich noch mal..." „Ich bitte Sie I Der Mann schiäst jetzt. Sie würden ihn nur stören." „Glauben Sie wirklich?" „Ganz gewiß schläft er. und wenn auch nur vor Ent- kräftung und Ermattung." � Schäfer liebte die seelischen Dissonanzen wie die moderne Musik die musikalischen. Deshalb reizte es ihn außerordentlich. nun Magda, in deren Augen eine mitleidige Seele zn helfen sann, eine ganz andersartige Geschichte gleich auf die eben gehörte, und zwar womöglich in frivolem Ton zn erzählen. Eigentlich war es ja gewiß nicht taktvoll, ihr überhaupt damit zn kommen, und nun gar jetzt, es paßte überhaupt nicht zum Ton der guten Gesellschaft,»vie er es vorbringen wollte, aber nun erst recht! „Da Hab' ich noch'ue Geschichte erlebt, gnädige Frau, gerade auf die eben berichtete." DaS war zwar gelogen, aber cS machte sich so besser, gegensätzlicher. „Ich kam nämlich von dein Lungenkranken in ein Haus, junges da war ein junges Mädchen, ein sehr hübsches, Mädchen. Sie war ganz allein." Wie abscheulich,'daß er gerade jetzt davon aufäugt, und in dem Ton, dachte Magda. Ihre Augen bekamen wieder den gewöhnlichen, ein wenig müden Ausdruck. „Ich habe noch selten ein hübscheres Mädchen gesehen. Unter Fabrikmädchen wenigstens nicht. Fest im Holz und gut für den Hausgebrauch,»vie ein moderner Dichter die Sorte nennt." Also anch er, auch er empfand so gclvöhnlich in solchen Dingen. Gerade»vie Otto, lieber Magdas Seele kam eine große Traurigkeit. „Als ich ins Zimmer trat,»var sie gleich sehr freundlich, geradezu dummfreundlich, als wär' ich ihr Pastor oder der- gleichen. Wie sich nachher herausstellte, hielt sie mich für'neu Reiseprediger. Fromm war sie»virklich. Und zum Fromm- »Verden anch." Er machte eine kleine Kunstpause. Magda schwieg. Warum verbat sie sich das nicht? Was sie für ein kühl ablehnendes Gesicht inachte. Stand ihr übrigens gut. Na, er konnte ja»vohl fortfahren.„Prachtvoll gewachsen war sie. Ausgezeichnete Figur, und so zutraulich saß sie vor mir. Ich»vill nicht langstielig»vcrdcn. Da ich nicht anfing, biblisch zu reden, wie sich ja denken läßt, wurde sie stutzig. Und dann kam's raus,»vofür sie mich gehalten, diese Marie Jung. So heißt sie nämlich. Ich»vollte trotzdem ganz gern noch ein»venig bei ihr bleiben, aber da kam so ein Arbeiterkerl ins Zimmer gestürzt und machte eine Scene, Eifersnchts- sccnc. Die Eifersucht wie die Liebe waren aber augenschein- lich nur auf seiner Seite. Die schöne Marie behandelte ihn sehr schlecht. Ich ging schnell. Der Klügste giebt nach; nicht »vahr?" Wie platt das»var,»vas er erzählte. Dmiim und gemein zugleich durch die Art,»vie er es vorbrachte. Aber»varum saß sie auch die ganze Zeit so stumm und still dabei und ver- bat es sich nicht? In Wahrheit war das Erlebnis anch ganz anders gewesen, durchaus harmlos und reinlich. Magda schtvieg immer noch. Sie begrub einen schönen Traum, der eben gerade besonders schön hatte»verde»»vollen. Deshalb konnte sie nicht sprechen. Pfui, dachte sie, und»vie gut. daß ich ihm noch nicht mehr Vertrauen geschenkt. Wie »vürde er mich auslachen, der gerade so brutal empfindet und denkt»vie die andern. Es war nicht nur häßlich, es»var auch dumm, mords- dumm, sagte sich Schäfer. Wie er Magda jetzt ansah, merkte er, daß sich da ein kleiner netter Flirt hätte entwickeln können. Da war er mm so plump hiueingetappkt! O du Schaf, du 5?omperativ von Schaf, schalt sich Schäfer. Aber vielleicht ließ es sich doch noch gut machen. Ein bißchen flirten neben dem Romanschreiben»väre doch zn hübsch. Noch dazu bei solchem Ncgemvetter. „Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich begreife mich selbst nicht! Diese unglückselige Manier, die besten Regungen meiner Seele mit Frivolitäten totzuschlagen. Dabei»var alles ganz harmlos, ich versichere Sie!" „Warum reden Sie darüber noch»veitcr?" kam es kühl von Magdas Lippen.„Lassen»vir doch endlich dies Thema, das mir nicht angenehm sein kann. Das konnten Sie sich freilich auch vorher sagen. Ich finde es in der That nicht hübsch, daß Sie unser Alleinsein so mißbraucht haben." Da hatte er's. Er wurde durch den Widerstand, auf den er stieß, aber nur feuriger und»vollte nicht eher nachlassen, bis er,»vie er sagte. Magdas Verzeihung erlaugt. Aber sie blieb noch recht lange ablehnend. Er hatte ihr das gar nicht recht zugetraut. Es imponierte ihm. „Ich bin unglücklich, ich hasse mich, ich möchte in ich prügeln, ohrfeigen!... Darf ich Sie bitten, gnädige Frau, das für mich zu thnn?" Nim mußte sie doch lächeln. O, er»vußte ganz genau, daß er meist Erfolg hatte bei schmollenden Frauen,»venu er sich dann benahm»vie ein ungezogener, verwöhnter Junge, der gerne»nieder brav sein möchte. „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen I" rief er enthusiastisch. „Sie lächeln wieder, Sie verzeihen!" Er ließ noch lange nicht nach, er redete noch ein langes und breites, so daß»Magda schließlich»virklich gar nicht mehr anders konnte, als»vieder freundlich sein. «Nun darf ich auch wieder Frau Mag da sagen, nicht Wahr, gnädige Frau?" flehte er. Mag da nickte. Elender Schauspieler, sagte eine Stimme in ihm. Eine andre aber entgegnete, das ist nicht wahr. Sie ist so hübsch und nett, daß es dir im Ernst, ganz im Ernst leid wäre, wenn sie noch länger zürnte. Ausnahmsweise hatte diese Stimme einmal recht. „Zeigen Sie bitte auch durch die That, daß Sie mir Verziehen haben." bettelte er und deutete auf das Klavier. „Spielen Sie mir etwas, bitte, bitte l Ich hab's schon lange gern gewollt."(Fortsetzung solgt.) Smm p ltut d u r e i. Die Kultur gönnt sich keinen Ladenschluß und keine Sonntags- ruhe. Wie beschämend vergeuden>vir Barbaren dagegen die Sonn- tage l Anstatt mich der Kultur zu weihen, streife ich z. B. des Sonntags durch den Grunewald und freue mich des Herbstes, der überall die farbige Lust der Weinernte zu reifen scheint, auch wenn in Wirklichkeit nur gelb-rote AHornblätter und das Buutfener des Buchenlaubs den Triumph des leuchtenden Sommernntergangs künden, da das Leben am Horizont flammend niedersinkt bis zum nächsten Frühlingsmorgen. Seitdem Berlin Vororte und Fahrräder kennt, ist die Saison der Ausflüge um ein paar Monate verlängert. In meiner Jugend — weh, daß ich schon davon als einem Vergangenen reden mnß!— ging man frühestens Mitte Mai und späteftcus Anfang September „ins Freie". Dazwischen gab es keine Landpartien, der Grunewald war verödet, und wer etwa im Spätherbst oder gar im Winter das Wagnis unternahm, jenseits der letzten Häuser zu wandern, der fühlte sich bald wie in der Einsamkeit amerikanischen Hintenväldler- tums. Jetzt schwatzt, lacht, pfaucht, knirscht, klingelt, tutet der menschliche Drang ins Freie das ganze Jahr über durch den Grüne- Wald. Man wird nicht als ein toller Abenteurer angegafft, wenn man Ende Oktober erklärt, mau wolle noch Klein-Machnoiv wandern oder nach Rahnsdorf oder gar nach Ferch. An diese» letzte» lauen Herbstsomitagen aber war es gar taumelig belebt draußen im Grunewald. Auf der Straße von Halensce nach Hundekehle jagten die Dianen auf dem Rade, ivie mir je an einem schönen Maitag. Wie viel junge Mädchen giebt es doch noch trotz alledem— es ist ein Rätsel und ein frohes Erstaunen! Die Radau- brachen, die hinter dem Wälschwort„Automobil" ihr scheusäligeS Wesen zu verheimlichen trachten, richten Furcht und Schrecken an unter den mit menschlicher Beinkraft Schaffende» und was sie atmen ist Benzin und was sie reden Teufelsheulen. Schlank gleiten die Equipage» der offenbar immer noch nicht ganz unter Null gesunkenen Börsianer dahin, und die Gründlinge der Weißlackicrten schiviumie» flink und behend zwischen den großen Raubfische». Jetzt wächst in die helle Hcrbstsonne eine zierliche Person ivciblichen Ge- schlechtS hinein, die graue Hülle des Kleids Ivie über einen Porzellanleib gegossen, stolz hält sie die Peitsche Ivie ein Sccpter über den tanzenden Apfelschimmel und herrisch ruht der Zügel in der Rechten. De» breiten Rücken dem zarten Gebild der Kutscherin dieses hohen zweirädrigen Gefährts zugekehrt, schaut der massige, plumpe Diener philosophisch auf seine hohen gelben Stiefel mit den umgeklappten Stulpen. Ich blicke überrascht ans. Wann wird dieses Schaukelgefährt sein unbegreifliches Gleichgewicht ver- lieren? Hinten drückt der schwere Mann, vorn mir das federleichte Persönchen und die windhundhaften Pferde. Schon sehe ich, wie plötzlich Weib und Rosse gen Himmel gewirbelt werden und auf dem Umwege eines gewaltigen Saltomortale die Erde erreichen, die der glückliche Diener sofort gewonnen hat. Das giebt einen herrlichen CirknSspaß. Indes an" solchem Märchentag des Herbsts steckt alles voll Wundern. Das Gefährt behält sein Gleichgewicht und ver- fliegt irgendwo in die Ferne, als ob es sich irdischer Schwere nicht zu fügen brauche. Beim Wirtshans Hnndckehle stauen sich die wartenden Droschken wie abends an einem Berliner Specialitätenthcater. Die Mensche» trinken noch im Freie» Kaffee und rühmen sich dieser Heldenthat wider den feuchten Boden und den mählig steigenden Nebel. Photographische Wegelagerer, das Gestell ihrer Apparate mit Musterbilder» behängt, bemühen sich die Equipagen um ein Billiges anfzunehmcn:„Herbst- spazicrfahrt des Kommcrzieurats Schlesinger nebst Frau und drei Töchtern mit Grunewald- Hintergrund". Was nützen die Schönheiten deZ Lebens, wenn sie nicht photographiert werden. Wenn Faust heute lebte, wüßte man wenigstens, warum er zum Augenblick sagen wollte: Verweile doch, du bist zu schön— bannt er auf der Trocknplatte fixiert werden könnte. Hinter Hnndelehle wird es einsam. Ich gehe jetzt mntterscclen- allein durch" de» Wald, den die Dämmermig überschleicht. Schon taucht der verschilfte Riemeistersec auf. an dessen Gestade Onkel Toms Hütte, wie an allen Bäumen, Bänken, Tafeln meilenweit in der Rnnde verkündet wird, die„beste Gesellschaft" empfängt. Entlang den Wnrzclwcg an der Krummen Lanke, dann über die schwarze Fahrstraße, vorüber an einer in diese ebene Fläche seltsam verirrten Schlucht, ans der Alte» Fischcrhiitte tönt Tanzmusik, der Schlachten- see schinnnert ans weißen Nebel», ein paar entblätternde rote Rosen. die die Sonne bei ihrem Scheiden gespendet, schwimmen noch ans dein reglosen Wasser. Es ist Nacht geworden. Ich trete aus eine Ileine Landzunge, die Ausblick über den See gewährt, hart an dem fahlen Schilf des Ufers. Und ich erstarre im Schauen, Herbst, Nebel, verglimmendes Licht und Schweigen— das bißchen sterbliche Meuschenseele hebt an wie in weiten Wölbungen zu hallen, eine schwebende Unendlichkeit, ein tiefes Tönen aus dunklen Gründen. Ein verspätetes Pärchen tritt an mich heran— die Reugier mag eS wohl locken, was diese starre, schwarze Gestalt für seltene Nacht- fische angle. Die beiden drängen sich dicht an meine Seite. Halten sie mich für einen Lebensmüden, wünsche» sie mich zu retten? Ach, sie wollen nur die„schöne Aussicht" mustern. Sie ruft entzückt, nach flüchtiger Prüfung: reizend I und holt dabei krampfig Atem, um das Gefühl zu steigern. Er schweigt und glotzt, obwohl er nichts Bemerkenswertes sieht. Da wendet sie sich an den prosaischen Genossen und fordert ihn auf:„Na, Herr Schultz, seien Sie mal hingerissen I" .Joe, man verspottet Deine Schwärmerei, die Jugend höhnt Dich, troll' Dich nach Hause, laß Deine» neuen grauen Siegenschinn nicht stehen, es ist schon spät. Du holst Dir noch nasse Füße und Schnupfen. Das habe ich denn auch gethan. ich bin meiner hygienisch be- sorgten inneren Stimme gefoigt, bin in den Wannseebahnzug ge- stiegen»nd habe mich an dem häuslichen Gasherd niedergelassen, mid in diesem Moment trat jener anfangs angedeutete Znstand der Scham ein. daß ich den Sonntag so nutzlos vertrödelt, anstatt ihn durch Werke der Kultur zu heiligen. Die Kultur gönnt sich keine Sonntagsrnhe! Diese Offenbarung ward mir nämlich, als ich nach der Herbstlvanderung die Zeitungen las mit ihren anspornenden Hunncnbriefeu. In Khaki will ich mich kleiden und gen China wallfahren. Dort Iveiß man den Sonntag für die Kultur auszunutzen! Während wir die köstliche Zeit im Grunelvald totschlagen, arbeiten nnsre China- Helden für die Kultur. An den Wochentagen verrichten sie die gröberen Geschäfte. Kommt aber die Sabbatstille des Somitagsnachmittags, dann erfüllen sie die edleren und feineren Aufgaben. Sie holen aus ihrer Borratskammer einige siebzig Chinesen,' binden sie mit den Zöpfen aneinander, dann stechen sie die Feinde der weiße» Kultur sauber der Reihe nach mit dem Bajonelt ab und betten sie in das Grab, das sich die gelben Männer vorher selbst geschaufelt haben. Seitdem ich diese Hnnneilbriefe gelesen, bin ich in einem Gemüts- zustand ivie Herr Bncck und Herr v. Wocdtke. Ich kenne mich in den Jahreszahlen nicht mehr aus. Wer mir bestreiten will, daß wir augenblicklich im Jahre 1(Z2S leben, wer etwa gar behauptet, wir lebten an der Grenze des IS. und 20. Jahrhunderts, den bringe ich mit diesen eignen Händen um, ich würge ihn, ich schachte ihn, ich spieße ihn mit dem ersten besten Bajonett! denn er verleumdet die goldene Zukunft, das winkende Paradies der Menschheit, und das ist die Todsünde, die niemals vergeben wird. Nein, wir leben Anno IVLö, der Jammer des dreißig- jährigen Kriegs verheert das Land, und die Bestien auS der zoologischen Klasse der Mensche» schweifen wild und zügellos über die Erde. Sie fingen Zotenlicder und preisen fromm den Golt der Christen, sie spende» freigebig Schivedeutrünke, binden Mägde mit Stricken fest, bestreichen die nackten Fußsohlen mit Salz und lassen Gaiöböcke an ihnen lecken, bis sich die lustigen Weiber zu Tode lachen. Des SiniplieissiinnS Zeiten erdulden wir und der tele- graphische Stil darf nuS nicht täuschen, daß öS die Greuel sind, von denen der alte Grimmelshausen vermeldet: „Das erste, Ivas diese Reuter thaten, war, daß sie ihre Pferde in den Zimmern eiiistellete»! hernach hatte jeglicher seine besondere Arbeit zu verrichten, deren jegliche lauter Untergang und Verderben anzeigte. Etlich schüttelten die Federn aus den Velten und fülleten hingegen Speck, andere dürres Fleisch und sonst Gerät hinein, als ob qlsdaun besser darauf zn schlafen gewesen wäre. Andre schlugen Ofen nnd Fenster ein, gleichsam als hätten sie ein ewigen Sommer zn verkünden. Kupfer- und Ziimgeschirr schlugen sie zusammen und packten die gebogenen und verderbten Stücke ein. Den Knecht legten sie gebunden ans die Erd, steckten ihm ein Sperrholz ins Maul und schüttelten ihm einen Melkkübel voll garstig MistlacheiNvasser in den Leib: daS nannten sie einen schwedischen Trunk... Da fing man erst an, die Steine von den Pistolen und hingegen an statt deren Bauer» Dmimen aufzuschrauben und die arnien Sckielmen so zn foltern, als wenn man hätte Hexen brennen wollen, mnaßen sie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in den Backofen steckten nnd Mit Feuer hinter ihm her waren. Einem andern machten sie ein Seil um den Kopf nnd reitelten es mit einem Beugel zn- sammen, daß ihm das Blut zu Mund, NaS und Ohren heraus- sprang. In Summa, es hatte jeder seine eigne Erfindung, die Banren zn peinigen, und also auch jeder Brnir seine besondere Marter." DaS klingt schier noch mild und mitleidig, wenn man die Hunnenbriefe liest. Aber es beweist, daß wir unmöglich über die Tage des dreißigjährigen Kriegs hinaus datieren dürfen. Die Zeit ist ans den Fugen, der siitliche Weltenban ist ans der Ordnung geraten, der Mntwahusiml verfolgt die kraule Menschheit. Auch sonst weisen alle Zeichen darauf hin, daß wir die Gegen- wart dem Jahre 1025 zuweisen müssen. Würden sonst die nichtosen Jüdcn in Könitz Christenmenschen ritnalmordcn, also boshaft nnd dumm und frech, daß sie eS sogar vorher ankündigen, wenn eS sie Christen zn schächte» gelüstet, nnd daß sie sorgsame Auslese unter dem Material halten! Ist einer nicht frisch und stramm genug in 8- seiner Fleischlichkeit, dcmn sagen die �iidcn ihm: Wir wollten dich eigemlich nmrksen, aber du bist uns zu mager und zn welk, lind der Verschmähte geht dann, weil seine Eitelkeit verletzt, zum Richter und schwört, dah ihn die Juden haben riiimlmordcn wolle»!! Und auch die Humoristen der Zeit entstannnen angeblich längst verschollenen Jahrhunderte». Till Eugcnspiegcl kommandiert den Berliner Magistratus und reizt ihn da zu allerlei Schabernack. Wo ein Not sich erhebt, da errichtet der Magistratus eine wohlthätige Stiftung, nennt sie nach einem Hohenzollernsprosten— sofort ist alles Elend gebannt. Löblicher Magistratus, noch immer giebt es nicht genug der runde» Wasserspulungs-Tempel a» Strasten und Plätzen, allivo der Mensch der natürlichen Erlösung teil- hastig werden kann. Schafs' uns eine neue Stiftung, ans der du dieser Not steuerst, du magst sie nach Friedrich Wilhelm I. taufen oder einem andren, dessen Ehrung dir am Herzen liegt. So lachen wir nns am Ende doch noch ans diesem Jahre des Jammers, 1625, glückselig heraus!— ll o o. BUtsfiellttttA im N« n stge m r vb Mlnfennr. Zn Ehren deS italienischen Goldschmieds Benbenuto Cellini, der vor IVO Fahren geboren ivurde, hat das Berliner Kunstgciverbe- Museum eine Anssiellnng von O r i g i n a l z c i ch n u n g e n alter Meisterwerke folvie von S t i ch s a m m l n n g e n und Photo- g r a vh i e n zahlreicher Gold- und I rr>v e l e n s ch ä tz c veranstaltet. Dieses verdienstvolle übersichtliche Rebencinandcrrcihcn der Schmuck- künste, der bedeutendsten Stücke ans allen möglichen Museen und Schatzkammern bietet soviel Anregendes, das; es nur möglich ist, das Allerivichtigste zn nennen. Da ist zuerst der Schatz von Boscoreale, dessen eine Schale mit dem charakteristischen nnd durchaus individuellen, ans dem Grund hcrausgeinebcnen Porträt eines Römers die hohe Technik jener Zeit doknmeiitiert. Daran schliefen sich der Kopf- schmuck ans Kallathos und der Schatz von Bernay mit seine» etwas massigen Geräten. Während wir im Silberschatz bo» Hildes- heim noch einmal die peinliche genaue Treiblimst der rönnschen Zeit beivimdcrn können, müssen wir in den Kronen-»nd Neliginen- schreinen ans der Zeit der Völkerwanderung den Niedergang des technischen Könnens feststellen. Der Schatz des WestgotheiikönigS, der im siebenten Jahrhundert angefertigt sei» soll nnd jetzt i» der Madrider Schatzkammer aufbewahrt wird, sowie die Schätze von Monza zeige» die ganze technische Mangelhaftigkeit und Geschmack- losigleit jener kriegerischen Jahrhunderte. Die Edelsteine sind roh ncb'eneinandergesetzt anf platten Metallflächen, die nur dürftig der Kopsforui oder der Rundung des Arms nnd des Fingers an« gepatzt sind. Das sogenannte Lernwardkrenz, daß angeblich von dem Hildes- heimer Bischof Berinvard gearbeitet ist, zeigt schon einen grotzcn Fvrischriit. Der Bischof, der mnS Jahr 1000 lebte nnd sehr kmist« sinnig lvar, der»ist ganzer Energie den etwas schiverfälligcn Nord- deutschen Kniislsinn und Können beibringen Ivollte, der die Bild- Hauerei förderte, dürfte bei seinen Fehde» mit andre» Bischöfen aber trotzdem keine Zeit gefunden haben, noch antzerden« mit Hammer und Zange zn schaffen. Aber vielleicht ist er der Besteller deS' Kreuzes geivese», das zum ersten- mal seit langer Zeit nicht mehr die klumpige Zeichnung der andren Kleinodien aufwies. Seine Flächen waren mit einem seinen und auch verhältnislnätzig sorgfältig gearbeiteten Filigran belötet und dadurch feinsinnig anfgetöst worden. Die reizende Technik der Filigranbelötmig, die, wie durch zahlreiche Photographic» aus dem Pariser Louvre dargestellt wird, im Altertum zu großer Höhe ge- dieheu war. lebte mm ivieder ans. Für die bald darauf emporwachsende Golhik lvar diese Technik allerdings zu zierlich und kleinlich. Aber geWitz hat sie zur Auf- frischung des gesamten technischen Könnens, das z» den kräftigen, prächtig durchgebildeten gothischen Bischofsstäben, Weihrauchfäfferii, Monstranzen und ähnlichen Kirchengernte» nötig war, entschieden beigetragen. Von den gothischen Stücken, die meist einen belmmdermigSiverten organischen Aufbau»nd schönes Matz- oder Zwischemverk hatten, das trotz seiner Starke immer luftig und nie überladen ivirkte, kommt mau zu den Abbildungen ans der Renaissance. Das Eindringen der griechischen Motive brachte leider nicht die Ruhe und Genieffeuheit der klassischen Vorbilder. Von der Gothik her gewöhnt, die architektonischen Flächen und Linien in feine Verzierungen anfznkösen. was die großen Züge der gothischen Architektur doch nie- malS zerstören konnte, machte» sich die Goldschmiede daran, auch die Rcnaiffancemilstcr mit Zivischenwerk zn füllen. Da kam denn bald Ileberladenhcit und die Betonimg des Nebensächlichen als Hauptsache zu stände. Manch' ungeheuerlicher Relignienschrein und Prunkpokal bezeugt daö.«elbst die Grotzen der deutschen Goldschnriedcknnst, Birkeiihnltz, Mignot nnd auch Dürer sind davon nicht ganz frei- zusprechen. Aber es ist auch nicht nötig, datz man die allgemeine Begeisterung Niitinacht, die der Gefeiertc, Benvennto Eellim. hervorruft. An seinem allzu berühmten Salzfaß, das sich in der Wiener Schatzkammer be- ffiidet, mutz man ebenfalls eine gelvisse Unfähigkeit zu edler. wirknngsvollcr Beschränkung feststellen— ivill man eben nicht bloß vor einem großen Name» erschauern. Wie viel besser würde die 5?&■— weibliche Figur der Erde, die den Pfeffer versinnbildlichen soll, wirken, wäre ihr nicht noch eine kleine weibliche Figur ans einem gerade nicht sehr organisch aus dem Untergrund hcrvorlvachsenden Sockel vorgelagert I Weit schöner erscheint der Degengriff Karls V., der nach einem Celliuischen Entwurf von der Familie Picinino gearbeitet sei» soll. Und besonders meisterhaft erscheinen die Details der Emaille- fassuiigen, mit denen die Edelsteine am Merkurbecher umgeben sind. Selten ist solch eine Fülle von Farben in solcher Frische und Leilcht- kraft, nnd trotz des Farbenreichtums doch in harmonischer Wirkung zusammengestellt worden. Hier ist der Gesamteindruck bedeutend und gewichtig, keine Episode stört. Neben diesem lauten und prahlerischen Florentiner fallt ein Man» aus. von dem bisher fast noch kein Mensch gesprochen: der Hamburger Meister Moers, der im Jahre 1012 gestorben ist. Von seiner stillen Thätigkeit sind uns nur eine Reihe von Original- Zeichmmge» hinterblieben. Diese aber sind in ihrer fein abgetönten Koloristik und ihrer zeichnerischen Gliederung so vollendet, daß sie die Attraktion der Ausstellung bilden. Vor allem legen sie dar, daß auch die nordischen Städte ihre kunstgewerblichen Werkstätten hatten, in denen so schöne Stücke nur»ach langer Kultur fabriziert werden komiten. Die süddeutschen Kmistgcwerbe-Städte Ware» also durchaus nicht die allein maß- gebenden im Kunsthandlverk— wenn auch die meisten bekannten Meister in ihren Mauer» anflviichsen und schafften. Daß den nord- dcuischen Meistern sogar eine gewisse Eigenart anhaftete und daß sie weniger von italienischem Wesen beeinflußt winden, als die süd- deutsche», zeigen die Becher nnd Kannen des Moers. Manch ein Stück verleugnet in seiner Derbheit und Schlichtheit nicht de» Charakter der Waterkante. Außer den viele» Abbildungen der Stucke deS grünen Gewölbes in Dresden, leiten auch manche' Gehänge der Saminlmig des Frei- Herrn Karl von Rotschild, darunter mehrere Schützenkleiuodien, von der Renaissance in das Barock hinüber. Auch die französischen Stiche des Delninie und des Hurtu, solvie des Pierre Woeiriot stamme» zum Teil ans dieser Ilebergangszeit. Während Hurtu aber über einen äußerst eleganten Strich verfügt, arbeitet Dclamie kräftiger, fast monumental. Seine Handspiegel sind, ohne die gallische Grazie vermissen zn lassen, doch nahezu edel aufgebaut, Die italischen Meister Caravaggio, Montegna und Romano ge- hören Ivieder mehr in die Renaissance hinein, trotzdem man auch bei ihnen, wie bei Benvennto Celliiii einen leisen Ruck nach dem Barock spüren kann. Unter dem Barock und dem Rokoko entdeckte man Stiche von Denischen. die a» Zierlichkeit den vcrzärteltstc» Franzosen nichts nach- geben. So die Rokokomotive deS I, E. Nilso». der fast wie ein Vorläufer ChodolvicckyS erscheint, und die Barockskizzen des Johannes Hannias. Diese Originalsiiche werden ergänzt durch eine Unzahl von Photographien— Abbildungen von Sammlungen ans Pariser, Londoner nnd Petersburger Besitz, ES sind meist grötzere Geräte. Bor allem dürfte auffallen, welche schönen Schreibzenge nnd Thee- service ans dein zn Unrecht viel geschmähten Rokoko stammen. Hier ist die prahlerische Ueppigkcit des Stils überwunden; auch die Technik scheint keine üble zn sein— ivaS sonst vom Rokoko, von» Stil deS Scheins, nicht sinnier zn sagen ist. Eine Anzahl Empiregeräle aus der Zeit der zivcitcn, nüchternen nnd steifen Renaissance, die ober eine wohlüberlegte Arbeit verlangte, schließt die historische Wanderung, Das Ganze zeigt jedem Kunst- geivcrbler die Entlvicklnng des Stils an luirllich gearbeiteten Gegen- ständen. Als Kuriosnm sind in der Mitte deS Lichihofs die Dokumente der Berliner Goldschniiede-Jnnung ausgestellt. Da-�ind die vcr- altctcn, glücklicherweise überwundenen Satzungen vom„Meisterstück�', von dem„Recht" des Drahtarbeiters und des Goldschmieds nieder- gelegt— diese Satzungen, die der Vetternwirtschaft»nd schlimmster Ausbeutung des Unprivilcgierten durch den Privilegierten dienten. Wie es in jenen„Blütezeiten" zugegangen sin„ehrlichen Handwerk", zeigt die strenge Bekanntmachnng des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, der gegen die Unrichtigkeiten bei den Silberarbciten wettert und vierteljährliche Haussuchungen befiehlt, damit auch den heimlichen Unteischlcisc» ge'.teuert würde.— h. o. Kleines Feuilleton» tsi. Das viele Geld. In der Vespcrstunde gingen olle Arbeiterinnen hinaus anf den langen Korridor. Die Luft war da immer noch besser, als in den dumpfigen Fabriksälcn, außerdem konnte mau anch auf den Hof hinabsehen, das Kommen und Gehen der Menschen dort unten brachte lvenigstcnS etwas Wechsel in daS ewige Einerlei der Maschinenarbeit. Zu zweien»nd dreien wanderten sie imtergefaßt de» Korridor anf und ab, lachten und schwatzten nnd bissen dazwischen in die Bespersinlle. Einzelne standen am Fenster und neckten sich mit den Eomptoirlehrlingen im Qucrgebäude gegenüber. Sie machten lange Nasen und schnitten Gesichter, wenn die jungen Burschen Kußhände »nd verliebte Blicke herüberwärfen. Es ging ungeheuer lustig zu am Fenster. Auf der langen Bank, ivo am Vormittag in den Lieferstiinden die auswärtigen Arbeitcrnme» Worte» mußten, soßen drei juiige Dinger; die Aelieste Ivar höchstens siebzehn Johre. Sie hotten dos Vesperbrot schon onfgezehrt, fliisternd nnterhielten sie sich vom kommenden Sonntag. Die kleine Staune gab ihrer Nochbarin einen sanften Schubs:„Ach komm' doch mit l Wir gehen hin imd her, es ist so hübsche Mnfik da nnd am Abend auch Theater. Wir brauchen ja nicht so viel zu trinke»,'» Glas Bier und denn die zwei Jroschen Entree, das wird man doch wohl können. „Und wo wir die Woche so viel geschuftet haben—' die Aelteste stimmte der Braunen bei—„Fünf Jroschen kost' der janze Rummel, dafür haben wir'n reichlich; komm' man mit I—" Die Dritte sah überlegen vor sich hin:„'s is man bloß,'s is zu teuer— fünf janze Jroschens." „Wir kriegen ja aber auch so viel Geld die Woche, überleg' doch mal, die Säumchenblusen, da giebt's doch mehr für." „Ja, ich glaube, da giebt's vier Mark für's Dutzend." „Wirklich Viere?" Die Aelteste horchte auf. „Ja, die lange Hete aus Saal drei hat mir's gesagt— vier Mark, das haben sie oben auch bekommen." „Na's is auch Arbeit jenug dra», aber wirklich Viere? Kinder, denn Hab' ich die Woche zwölf Mark, ich habe drei Dutzend von genäht." Die kleine Braune klatschte in die Hände. „Ich anderthalb— macht mit den Hemdenblnsen zusammen zehn Mark, nein— sogar zehn Mark füiifmidvierzig."— Die Große zählte an den Fingern ab:„Wieviel hast Du denn Trnde? Dn hattest ja doch seidne." „Ja, ein Dutzend"— die Mittelste nickte—,„ich Iver wohl so 'ne zehn Mark rauskriegen, ich Hab ja alle Tage Hausarbeit mit- gehabt und bis zwölfe genäht." „Soviel Geld!"— Die kleine Braune jubelte wieder auf.— „Und denn wollt Ihr noch nicht'»mal fünf Groschens riskiere», Kinder? Nee, daraus wird nichts, morgen geh'n wir tanze», ich muß mal wieder tanzen." Sie sprang auf und machte em paar Walzerschritte:„Nich wahr, Ihr kommt doch mit?" Ihre lachende Fröhlichkeit wirkte ansteckend, die beiden andern sprangen gleichfalls auf, anfjuchzend tollten sie zu dreien den Korridor entlang: �Soviel Geld I... Morgen geh'n wir tanzen!"... „Soviel Geld I"... Langsam stieg sie die steinerne Fabriktreppe hinunter, das kleine abgegriffene Portemonnaie fest in die Hand gepreßt. Soviel Geld l Drei harte Thaler und noch ein paar Groschen I Ja, da lohnte es sich schon, alle Tage bis Mitternacht zu arbeiten, da konnte man auch mal fünf Groschen riskiere». Konnte nian? Sie seufzte. Wenn nur bloß die Schuh nicht gewesen wären— an die Schuhe hatte sie nicht gedacht. Die Schuhe mußten unbedingt zum Schuster, sonst fielen sie ihr nächstens ganz ab nnd sie konnte nicht mal mehr auf Arbeit gehen. Ach ja. die Schuhe I Hacken und Sohlen, daö riß gleich ins Geld, da gingen zwei Mark weg, man wnßte nicht wie; »veun sie dann noch der Mutter sechs Mark gab, blieben ihr zwölf Groschen, und die bekam die Nachbarin, die hatte sie sich neulich ge- borgt, als Mutter kein Geld zur Wirtschaft hatte. Ja— das viele Geld! „Wo bleibst Du denn, Trnde?" Die kleine Braune stand mit der Großen am Thorweg. Trübselig nnd kleinlaut standen sie da, die Hände frierend in die Paletot-Taschen gesteckt. „Wir haben auf Dich gewartet," sagte die Große,„wir reden eben wegen morgen." „Ja— morgen." Sie sehen einander an und schtvicgen. „Ich kann nämlich doch»ich kommen—" die Stimme der Kleinen zitterte etwas—„ich... ich Hab gar»ich dran gedacht... aber ich möcht'S Geld mau lieber Muttern geben... iveil doch Vater keine Arbeit gehabt hat, vor'chte Woche, und da müssen wir »och ivas zahlen..." „Und ich mnß mir meine Schuhe besohlen lassen—' Tritde seufzte—„das wollt ich Euch man sagen. Ja, dann muß Martha also allein gehen!" Die Große stocherte mit dem Schinn im Sande und sah auf die Erde...„Ich... ich kann nämlich eigentlich auch nich... meine kleine Schwester is doch krank mtd der Doktor sagt, se soll Wein trinken, sonst wird se überhaupt»ich wieder... Ja, nnd da wollt' ich ihr man lieber Wein mitnehineu." Eine lange Pause. Tnidc spannte den Regenschirm auf.„Ja, denn woll'n»vir man nach Hans« geh'n." Schweigend schritten sie nebeneinander her in den seuchtkalicn Roventberabend hinein.' Erst an der uächstcn Straßenecke nahm die kleine Branne wieder das Wort.„Eigentlich können wir aber matt froh sein, daß wir soviel Geld haben." Die beidett andren nickten wieder...„Ja, ja— soviel Geld i...* Medizinisches. — H e i l n n g der Kohle noxhd-Bergiftung. Welch heimtückisches Gift das Kohlenoxyd ist. das besonders im„Nach- schwaden" von Grubengas- und Kohlenstaub- Explosionen die Berg- leute gefährdet, ist schon dargelegt ivorden; deshalb wird man wohl mit freudiger Genugthunng begrüßen, schreibt der„PromethenS", daß A. Mosso, nach einer Mitteilung an die französische Akademie der Wissenschaften, ein Verfahren gefunden hat, durch das viele Ver- giftete dem sicheren Tode noch entrissen werden können. Es war vorgeschlagen ivorden, daß die Bergleute in eines Kohlenoxyd- Verantwortlicher Redacteur: Dr. Georg Gradnauer in Grob gehalts verdächtige Grubenräume lebende Mäuse als hierfür empfindliche Versuchstiere mitnehmen sollten, durch deren Ver- giftnngstod sie selbst vor dem übrigens schwer erkennbaren Feinde getvarnt werden könnten. An Mäusen hat dann aber Haldane in Oxford gezeigt, daß Kohlenoxyd sogar in Mengen von S0 Proz. aufhört tödlich zu wirken, wenn sie sich unter einem Druck von zivei Atmosphären in reinem Sauerstoff befinden. Als dies Mosso bei eignen Versuchen bestätigt fand, dehnte er die Uutersuchnngen auch auf größere Tiere aus, tvie Hunde. Lapins und Affen, und erkannte in allen Fällen die Gegenwirkung des kam- primierten Sauerstoffs gegen die Kohlenoxyd-Vergiftnng. Während bei gewöhnlichem Luftdruck die Tiere sofort dem Tode verfielen, wenn 0.5 Proz. Kohlenoxyd oder noch weniger vorhanden war, zeigten sich sogar 6 Proz. desselben unschädlich, falls reiner Sauer- stoff einen Druck von 2 Atmosphären oder gewöhnliche Luft einen solchen von 10 Atmosphären ausübten. Jtt physiologischer Beziehung sehr interessant ivar der Nachweis, daß, während die Tiere beim Verlassett der Kohlenoxyd enthaltenden Apparate sogleich tot umfielen, sie wieder vollständig genesen konnten, wenn man ihnen ganz allmählich reine Lcbenslnft zuführte; obtvohl ihre Blutkörperchen vom Kohlenoxyd in diesen Fällen schon vernichtet sein mußten, ver- mochten also die Tiere doch zu leben auf Kosten des unter genügendem Atmosphärendrnck einfach ini Plasma ge- lösten Sauerstoffs, und fand da ein wahrhaftiges Auswaschen des Kohlenoxyds aitS dem Blut statt. Für die Heilwirkung bei Menschen hat dagegen augenblicklich folgender Versuch größere Be- deutung. In eine eiserne, druckdichte Glocke, die mit 1 Prozent Kohlettoxyd enthaltender Luft gefüllt war, wurden zwei Affen ge- sperrt, die nach einer halben Stunde in dem Maße vergiftet umreit, daß sie nur äußerst schwach zu atmen vermochten; während nun der eine von ihnen, den man hierauf hilflos an der freien Luft ließ, so- gleich starb, erwachte der andre nach seiiicm Einbringen in auf zwei Atmosphären komprimierten Sauerstoff äugen- blicklich wieder und konnte nach einer halben Stunde völlig genesen dem Apparat entnommen iverden. Dies gicbt einen Fingerzeig für Vergiftungsfälle im Bergbaubetriebe; da sind nämlich sehr oft aus dem Schachte gebrachte Vermtglückte erst einige Stunden oder einige Tage danach gestorben: solche Vergiftete würden mithin sicher noch zu retten sein, wenn man sie sogleich in komprimierten Sauerstoff bringen könnte, ivozu es keiner weiteren Maßnahmen bedarf, als der Bereithaltmig einer genügend großen nnd für zwei Atmosphären druckdichten Glocke ans den„Schlagioetterzechen" und eines Vorrats von dem auf 120 Atmosphären komprimierten Handels- gängigen Sauerstoffe.— Aus dem Ticrleben. — Der Tiroler Kanarienvogel. Von all den ver- schiedenen Rassen des Kanarienvogels ist es wohl der Tiroler, welcher unter den Vogelliebhabern am wenigstens bekannt ist. Die weite Verbreitung dieses Vogels ging eigentlich von Tirol ans; es ist daher merkwürdig, daß gerade diese Rasse fast vollständig verfchwimden ist. In Tirol wären es ursprünglich Bergleute, die sich mit der Zucht dieses Vogels befaßten. Sic hatten erkannt, daß der Wert dieses Vogels in seiner Gesaiigsbegabuug liegt nnd glaubten recht hervor- ragende Sänger zu erzielen, wenu sie dem jungen Vogel die „Sängerkönigin", die Nachtigall, als Lehrmeisterin gaben. Und so kam es denn, daß die jungen Vögel nicht von dem Vater den Ge- sang lernten, sondern, um möglichst gute Säuger zu erzielen, immer wieder eine Nachtigall als Vorschläger erhielten. In diesem Ilm- stände liegt tvohl auch der Erund, daß die Tiroler Raffe, die niemals in sich abgeschlossen Ivar, sondern deren Lied stets von einem andren, schwieriger zu erhaltenden Vogel gelernt iverden mußte, allmählich verschwand und auch jetzt mir noch ganz vereinzelt vorkommt. Durch Tiroler Bergleute kam dann der Vogel in den Besitz der Bergleute von St. AndrcaSbcrg. und hier hatte man tu richtiger Erkenntnis der Gesangesgabe des Vogels das nrspritngliche Lied des wilden Kanarienvogels durch geschickte Zuchtwahl zu der Vollkoiumcnhcit gebracht, auf der sich der Gesang eines guten Harzer Vogels zur Zeil befindet; zugleich hatte man auf diese Weise den großen Vorteil, daß sich daS Lied auf die Nach- kommen vererbte, und so der Sohn in dem Vater den geeigneten Lehrmeister hatte.—(„Hans, Hof und Garten.") HmnoriitisclicS. — Angenehme Kundschaft.„Ja, lvie ficht's denn bei Euch ansl Hat's gebrannt oder wird Inventur anfgenommeu?" „Ach nein— es war bloß eine Dame hier, die einen halben Meter Band brauchte I"— — Kleines M i ß v e r st ä n d n i s. A.:„Morgen früh kommt der Müller mit einem Wechsel zu mir.... Nicht wahr, ich darf dabei doch auf Deine Unter st ii tz n n g rechnen?" B.:„Mit dem größten Vergnügen! Den Iverden wir gleich d'raußen hab'n!"— — Boshaft.„Hast Du schon gehört? Der Müller schrift- stellert?... Er s ch r e i b t a b und z n!" „Gehört Hab' ich'S auch schon— ich glaub' aber nur die Hälfte!"— _(„Flieg. Bl."s -Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Babing i» Berlin.