Anlerhatttmgsblatt des Hormäris Nr. 215. Dienstag, den 6. November 1900 (Nachdruck vervotin.> 2ß] Mnkev MotKen. Roman von Kurt Aram. Endlich ließ Magda sich dazu bestimmen.„Was wünschen Sie?" Es klang doch noch verteufelt kurz angebunden. Er mußte wirklich auf der Hut sein, daß er es sobald nicht wieder mit ihr verdarb. Sie verdiente das auch, weil sie sich so brav Mühe gab, wieder zu sein wie bisher. „Spielen Sie bitte etwas, wie's uns so vor ner halben Stunde zu Mut war. „Sie sprechen in Rätseln," sagte Magda lächelnd, aber ihr Erröten verriet, daß sie ganz gut verstanden hatte. Holla, nur vorsichtig, ennahnte sich Schäfer.„Hören Sie nur den Regen draußen durch die Stille der Nacht I" Magda ging zum Klavier und zündete die Kerzen an. Richtig, sie schlug Chopin auf. die Notturnos. O, sie verstanden sich doch noch. „Vielen Dank", flüsterte er. Sie spielte gut. Sie spielte mit Seele. Ja, ihre Seele spielte. Er hatte das garnicht erwartet. Ihre Seele klagte, er hörte es wohl und verstand es. Während sie immer weiter spiette, faßte er auf einmal sehr edle Vorsätze unter der Einwirkung ihres Spielens. Wie ein Bruder wollte er ihr werden, wie ein älterer Bruder, daß ihre Seele sich ihm immer mehr öffnete, auch wenn sie nicht spielte. Ja. das wollte er. Edel, gut und brüderlich wollte er sein... Er lvurde ganz weich. Es war rührend. Ja, das war es, wahr und wahrhafttg. Wie wohl das that. Er war doch ein guter Mensch. An dieser Frau, für diese Frau würde er es immer mehr werden. Ja, das würde er. Magda spielte das Rcligioso aus dem sechsten Notturno. Er gelobte es sich, feierlich gelobte er es sich in dieser Stunde: Ein treuer Bruder will ich ihr sein. Magda spielte immer weiter, und Schäfer lauschte. Schon war es wie ein stilles Zwiegespräch zwischen ihren Seelen. Schäfer nannte es wenigstens so. Schwester- seelen l Auf einmal brach Magda jäh ab. Sie hatte vergeffen, daß jemand zuhätte, wie es ihr beim Spielen immer ging. Jetzt kam es ihr plötzlich zum Bewußtsein. Sie wurde dunkel- rot. Wie viel sie wohl durch ihr Spielen verraten hatte? Wie diel er wohl verstanden hatte? Er reichte ihr schweigend die Hand. Sie sah es ihm an, er hatte sie verstanden. Es durchflutete sie warm. Wie ttihrend, dachte er schon wieder, aber immer noch ohne spöttische Nebenregung. Run hatte sie doch jemand, der sie verstand l An das vorhin wollte sie nie mehr denken, nie mehr l Das war sie ihm nun schuldig. Sie hatte ja wahrlich auch ihre Fehler. die der Verzeihung bedurften. Sie würde ihm helfen, daß er von allem Häßlichen immer freier würde. Sie würde ihm eine treue Schwester sein, ja, das würde siel Wieder schwiegen beide. Ein ganz andres Schweigen, als vor einer halben Sttinde. Es war durchflutet von guten Vorsätzen, zarten, geschlvister- lichen, überirdischen Gefühlen. Plötzlich wurde Schäfer rot, und seine Hand zuckte. Kraiupfhast hielt er die Rechte mit der Linken fest. Er wurde immer röter. «Was ist Ihnen, was fehlt Ihnen?' Er war ganz verlegen. Er konnte ihr das unmöglich sagen in all die schönen Gefühle hinein. Das war ja ordinär, hundsgemein, niederträchttg I Wieder zuckte die Hand. Es war nicht länger auszu- halte» I Jetzt griff er hastig, ja gierig, an sein rechtes Knie. „Verzeihen Sie, ich glaube, ich fürchte.. stotterte er. ..Um Gottes willen, was denn?" fragte Magda angstvoll. „Ich glmlbe, ich habe da heute nachmittag doch etwas gefangen. Au I Pardon l" Vtagda war einen Augenblick starr. Sie verstand nicht gleich. Aber dann lachte sie, laut, immer lauter. Schäfer machte ein klägliches Gesicht, lachte dann aber auch, weil es entschieden das klügste war. „Ihr seid ja sehr vergnügt", klang da die Stimme Otto? aus dem Nebenzimmer. Sie hatten gar nicht gemerkt, daß er zurückgekommen. Sie sahen sich betroffen an. War er schon lange daneben? Wie viel mochte er gehört haben? Er würde sie nicht übel verspotten. Das war nicht der Fall, denn Otto war gerade erst ge- kommen; etwas leiser als sonst, weil er begierig war, wie er die beiden finden würde. Und nun lachten sie sok So natürlich, ohne jede Be» fangenheit. Hatten sie denn kein Feuer gefangen? War der Schäfer auch so ein Fischblütiger? Endlich hatten sich die beiden von ihrem Gelächter erholt. „Frau Magda hat mir wundervoll Klavier gespielt." Frau Magda nannte er sie? Wenigstens nicht mehr gnädige Frau. Noch nicht viel, aber immerhin ein Anfang, dachte Otto. „Ja. was hast Du denn?" fragte er Schäfer, der wieder nach seinem Bein gttff. Der sprang wütend auf.„Das ist nicht mehr zu ertragen! Entschuldigt einen Augenblick, ich muß schnell'mal nach oben, mich umziehn. Diese blutgierigen Bestien II" Nun lachte auch Otto. VI. Magda und Schäfer waren fottan viel zusammen. Gleich am nächsten Tag führte er sie zu dem Asthmatiker. Und nun sie erst auf die Suche gingen, fanden sie Arme und Kranke genug, deren sie sich annehmen konnten. Otto spottete zwar über diese neueste Marotte und die Allüren der heiligen Elisabeth, die Magda annahm, wie er behauptete. Aber Magda ließ sich dadurch nicht stören. Im Ernst wollte Otto es auch gar nicht, denn vielleicht kamen sich Schäfer und seine Frau auf diesem Wege näher. Er für seme Person hätte sich zwar nie in so ein Krankt besuchendes Wesen verlieben können, er haßte alles, was mit Krankhett zusammenhing; aber die Geschmäcker sind ja der- schieden. Wenn es nur dem Ziel näher sühtte, war ihm auch dies etwas ungewöhnliche Mittel recht. Magda und Schäfer hatten in den nächsten Tagen nicht selten unter den bewußten Tierchen zu leiden. Da aber Magda in der ersten Begeisterung für die neue Thättgkeit das ohne Murren hinnahm, konnte Schäfer doch nicht klagen und jammern. Otto meinte:„Ihr benehmt Euch so heldenhaft wie die Märtyrer in alten Zeiten, die auch die wildesten Tiere nicht schrecken konnten. Das war nun so eine Att, die beide zur Genüge kannten. Sie lächelten darüber. Schäfer gewöhnlich zuerst; und wenn er dabei Magda verständnisinnig ansah, that sie fottan lächelnd nüt. Sie waren ja Freunde geworden. Otto bemerkte dies Gclächel wohl, aber er sagte nichts mehr darüber. Vielleicht auch ein Mittel zum Zweck. dieS Gelächel. Mochten sie immerhin lächeln, er würde doch der fem, der zuletzt lachte. Magda war Schäfer so von Herzen dankbar, daß er ihr zu einer Thätigkeit verholfen, und Schäfer fteute sich, daß er nun nicht mehr allein in all die Häuser kriechen mußte. Mit einer hübschen, jungen Frau zur Seite fand er das weit annehmbarer. Beiden war diese Thättgkeit neu und deshalb wirklich einige Tage zusagend; zumal der Litterat in Schäfer allmäh« lich auch auf die Kosten kam. Wie sicher fühlte sich Magda unter seinem Schutz, wie wohl that Schäfer ihre Gegenwart. Das feierliche Gelöbnis, das Chopins Notturnos in ihnen herausbeschworen, fing an Wirklichkett zu werden. Er war ihr wie ein treuer Bruder, sie ihm wie eine liebe Schwester. Schäfers Sucht zu spotten schien in diesen Tagen völlig ver- swmint zu sein. Er einPfand dies kameradschaftlich-schwesterliche Verhältnis deshalb so wohlthättg, well es neu für ihn war, mit einer anständigen Frau auf solchem Fuß zu stehen. Bisher hatte er entweder nur mit„andren" Frauen ver- kehtt, oder wenn mit anständigen, dann im Grunde nur, um sie zu„andren" zu machen. Gelang ihm das nicht, mied er diese anständige Frau überhaupt, denn au einer wonniglich hoffiumgslosen Leidenschaft verspürte er keine Lust. Das war ihnr zu lästig. Eine große Leidenschaft aber erst künstlich in sich auf- bauschen, um dann damit die anständige Frau zu einer .andren" zu niachen, ein oft angewandtes Verfühnrngsmittel, war auch nicht sein Fall. Das war ihm zu anstrengend. Seine geistigen Kräfte hatte er zu was„Besserem" nötig. Für seine Kunst. In Liebe wollte er sie nicht zersplittern. Er war eben der rechte„moderne" Mensch, dessen Seele ganz und gar mit Egoismus durchwachsen ist wie ein Stück Schweinefleisch mit Fett. Kein Atom in seiner Psyche, an der dies Fett nicht saß. Da er zudem innerlich zu klein war für eine große Leidenschaft, zu wenig aus einem Guß, so gelang es ihm seit einigen Jahren vortrefflich, rechtzeitig abzubrechen, sowie er spürte, er könnte sich ernsthaft in einer für seine innere Ruhe gefährlichen Weise verlieben. lFortsetzung folgt.) Die Machk dev Finitevnis. (Deutsches Theater.) Das thörichte Censnrverboi, das der Aufführung der Tolstoischen Dichtung im Wege ftnud, ist uuu gefallen. Sollte von den Urhebern des Verbots jemand im Theater gewesen sein, wird er die Ueber- zeugung gewonnen haben, daß die Greuel und Laster dieses Stücks niemand verführen. Man fühlt sich im allgemeinen nicht zur Sünde angeregt, wenn es einem kalt über den Rücken läuft. Das alte Spiel wiederholt sich indessen immer von neuem. Wenn ein Dickter das ganze Grausen des Lasters auf die Bühne bringt, ist es peinlich, aufregend, rubestörend, umnoralisch. Man hat Sckille'r, dessen Geburtstag ja nunmehr auch von der offiziellen Welt festlich be- gangen wird, ein unsittliches Individuum genannt. Hebbel hat denselben Vorimirf genossen, Ibsen ist auch nicht verschont geblieben, von Anzengrnber hat einnial die.Norddeutsche Allgemeine" ausgeführt, dag seine Stücke im Grunde viel gefähr- licker seien, als die schlüpfrigen Schwänke des Residenz- Theaters, ans Zola bat man die gemeinsten Schimpfwörter gehäuft— warum sollte also Tolstoi aus dieser ausgezeickneten Gesellschaft ausgeschlossen werden? Die schärfste und beste Antwort hat Hebbel diesen be- leidigenden Schmähungen zu teil werden lassen. Ihr praht— sagt er dem Sinn»ach— an einer reichen Tafel. Ich setze Euch meinen Totenschädel anf den Tisch und Ihr behauptet, dag er Euch ver- führe. Eure stieren Blicke strafen Euch Lügen I Trinkt lieber anf Eure Unsterblichkeit. Ganz abgesehen davon, daß die Aufhebung des CensurverbotS an sich erfreulich war, kam sie gerade in der gegenwärtigen Sitnation außerordentlich gelegen. Eine Verachtung des Naturalis- muS, die an Oberflächlichkeit nichts zn wünschen übrig läßt, fängt eben an, Mode zu werde». Die ältesten Ladenhüter der philiströsen Lesthetik werden hervorgeholt und dem Publikum als neu auf» geschwatzt. Man rümpft wieder die Nase über den Geruch von armen Leuten�entsetzt sich über das angeblich.ewige" Krankenbett in der naturalistische» Kunst und glaubt der Großstadt und den dunklen Seiten des Lebens zu entfliehen, wenn man eine vergnügte Ferien- reise in die Berge macht. Es ist gewiß verständlich und für die deutsche Litteratnr kein übleS Zeichen, daß man sich im Drama Nach Großzügigkeit und grandiosen Stimmungen sehnt. Es hängt zudem gerade mit den glorreichsten Traditionen unsrer dramotilche» Kunst zusammen. Wenn indessen der ersehnte Stil der Zukunft gefunden werden sollte, wird er, glaube ich, von einem Mann gesiinde» werden, der den Naturalismus nicht ganz so laut verachtet hat, wie es jetzt in gewissen Kreisen zun» gute» Ton gehört. Um dieser Kreise willen war es gut, daß die.Macht der Finsternis" von einer öffentlichen Bühne herab sprechen durfte. Wenn die Freunde der„Höhenkunst" erst eine Dichtung geboten haben, die man mit der Tolstoischen in einem Atem nennen darf, wollen wir über ihre Verachtung des Lasters »md Elends gern weiter diskutieren. Bis dahin aber wird ver- mutlich noch viel Wasser durch die Programmhefte der Höhenkünstler rieseln. Ueber das Werk selbst ist an dieser Stelle bereits ausführlich gesprochen- worden. Die glänzende Aufführüng des»Deutschen Theaters" hat die Dichtung wieder in demselben Licht gezeigt, in den, wir sie immer gesehen haben. Wir haben mithin uiisren früheren Ausführungen nichts hinzuzusetzen und belw�en die Gelegenheit, uns mit einer Schauspielerin etwas eingehendet zu befassen, mit der wir uns schon lange beschäftigen wollten.— Die Anisja wurde von Else Lehmann gespielt. Was an dieser Künstlerin zunächst auffällt und zunächst z» Herzen spricht, ist ihre Einfachheit. Run ist mau am.Deutschen Theater" zwar im allgemeinen einfach, und es könnte soinit als eine pauvere Be- merkung erscheinen, die Einfachheit der Else Lehmann besonders zu betonen. Ihr gegenüber sagt das Wort„einfach" aber mehr als sonst. Es ist nicht die Einfachheit des Stils, nach der auch die übrigen Künstler des ausgezeichneten Ensembles streben, loweit sie sie nicht schon besitzen. ES ist nicht die Art der Dar» st e I l u n g— es ist die Art der künstlerische» Natur. Die Ein» fachheit ist bei Else Lehmann keine Bezeichnung für die künstlerische llederzeugung oder die schauspielerische Auffassung, vielmehr eine Bezeichnung ihrer Individualität, ihrer Empfindungsweise, ihres menschlichen Wesens, soweit es auf der Bühne offenbar wird. Sie ist nicht nur einfach in der Methode, im.Wie", sie ist einfach auch in der Sache, in,„Was". Die Einfachheit ist ihr so selbst» verständlich wie das Atmen. Else L e h m a n n wird nie versuchen, ins Pompöse zu streben. Das wäre mit der Einfachheit des StilS außerordentlich gut vereinbar, isicht aber mit der Einfachheit ihrer Natur. ES könnte scheinen, als ob ihrem Talent hier eine Grenze»ach oben gezogen wäre— es scheint aber nur so. AuS seiner Welt kann kein Künstler und keine Künstlerin heraus— es fragt sich nur, wie weit und reich sie ist. Der Pomp der Duse ist teurer verkauft, als manche Kritiker ahnen. Die Welt der italienischen Schauspielerin möchte ich gegen diejenige der deutschen nicht eintauschen. Ist Else Lehmann der Pomp versagt, so ist ihr(um etwas Verwandtes zu nennen) beispielsweise die Majestät nicht unerreichbar. Der Pomp widerspricht der einfachen Natur. Es giebt aber eine stille Majestät, die nur um sa tiefer wirkt, weil sie sich so stumm verhält und diese Majestät ist mit der einsacken Natur nicht nur vereinbar, sondern ist gerade ihr eigentümlich. Die einfachen Naturen Iverden vielfach unterschätzt, in der Kunst wie im Leben. Eine Schauspielerin, die bei jedem Auf» tritt vor sich berrufen läßt:»Hier bin ich I", blendet und wirkt immer am eheste». Der Glanz ergreift die Menge am leichtesten, aus welchem Grunde er an» Ende ein so populäres Attribut der Könige— und Warenhäuser ist. Wir haben an sich gegen de» Glanz gewiß nichts einzuwenden— das wäre ein trauriges Handwerk. Man soll. ihn nur nicht in jede», Fall init dem Reichtum verwechseln. Ein brillantes Salongeschöpf a»S einer französischen' Kmnödie hat sicherlich mehr Glanz als ein einfaches Bauernweib aus Anzengrubers Dichtungen. Nichts- destoweniger find die Bäuerinnen Anzengrubers unendlich viel reicher als die unterschiedlichen Saloudanien der französischen Stücke. Jeder Ballsaal hat mehr Glanz als Moor und Heide, aber der kennt Moor und Heide nicht, der sie für arm hält. II», ans dem Biid herauszukommen: der sieht das Wesen der Dinge nicht, der die Ein- fachheit Else Lehmanns für eine Schranke hält. Wird sie nie ins Uebergroße wachsen, so bleibt ihr dafür die Tiefe, und verzichtet sie anf ungewöhnliche phantastische Stimmungen, so ergreift uns um so niehr das schlichte Menschliche ihrer Kunst. Es versteht sich von selbst, daß eine Schauspielerin, die von Natur einfach ist, sich auch im einfachen Stil des.Deutschen Theaters" besonders wohl befinde» muß. So komnit es, daß Else Lehmann es innerhalb dieses StilS mitunter zn einer Energie der Empfindung, zu einer stummen Beredtheit des Ausdrucks bringt. die gewiß uicht zum wenigsten von ihren Kollegen geschätzt und be- wundert wird. Wir habe» dagegen polemisiert,' als ob die einsacke Natur weniger reich zu sein brauche als die anspruchsvolle. Wir müssen jetzt einräumen, daß sie wenigstens in einer Beziehung weniger reich zn sein pflegt— sie ist i», allgemeinen nicht reich an Worten. Diese Kargheit im Ausdruck giebt einfachen Natnrei, eine» stillen, gelegentlich aber auch einen herben Zug und dieser herbe Zug findestsich auch bei Else Lehma n ,,. Es braucht nach den, Voransgegangenen kann, gesagt zu werden, daß es sich um eine Herbheit handelt, hinter der mehr Empfindung liegt, als hinter de», reichsten Wortschwall. Nicht Iveit vom Herben liegt die Kälte. Eine einfache spröde Natur wird auch Kälte haben— für alle, die un- befugt in ihr Inneres schauen ivollen. Es ist dieser herbe und dieser gelegentlich kalte Zug, der Else Lehmann befähigt, Rolle» wie die Hanne in„Fuhrmann Henschel" und die Anisja in der.Macht der Finsternis" zu spielen. Die Anisja liegt ihr ferner als die Hanne— die Rauschscene des letzten Akts liegt völlig außerhalb ihres Talents und versagte infolge dessen auch. Es widerspricht ihrer schau- spielerischen Natur, sich unter dem Einfluß des Alkohols so aller Würde zu begeben; sie empfindet i» diesem Punkt die Anisja nicht mehr. Ueberhaupt wird sie in derartigen Rollen nie ihre g a li z e Persönlichkeit entfalten können und wird darum auch nie mit der ganzen Kraft ihres Talents wirken. Wenn hinter dem Herben und Kalten Empfindung liegt— dann erst wird sie ganz leben können, Ivas der Dichter lebte. ES mag noch gesagt sein, daß nnsre Skizze ihrer Persönlichkeit eben nur eine Skizze sein soll. Wir haben sie keineswegs von allen Seiten betrachtet, aus den, einfache», aber zureichenden Grund, daß wir sie noch nicht von allen Seiten gesehen haben. Möglich also, daß sich im Laufe der Zeit diese oder'jene Linie verschiebt. In der Hauptsache glauben wir eigentlich heute schou recht zn haben. Es ist uns jetzt unmöglich, Basse rmanns grandiosen Nikita, Reinhardts lvunderbaren Akin» und die unheimliche Kupplerin der Frau von P ö I l n i tz gebührend zn würdigen. Wir müssen uns heute mit dieser summarischen Anerkennung begnügen. Eine Frage noch zum Schluß: Wie kam Herr Schwaiger zu der gewiß nicht bedeutungslosen Rolle des kränkelnden Bauern? Er fiel durch seine farblose und inatte Art völlig ans de», Ensemble heraus. Die kleine Else Seelen war entzückend und Fischer machte aus dem Knecht Nikitas, was nur immer daraus zu machen war.— Erich Schlaikjer. — 8t Kleines Feuilleton. Chinestsche Fächer. Der»Kölnischen Zeitung' tvird ge- schrieben: Die Chinesen haben im allgemeinen einen sehr geringen Begriff von Komfort. Man braucht nur einmal in einem chinesischen Gasthause, das zn den befferen gezählt wird, zu übernachten, um diese Behauptung vollauf bestätigt zu finden. Da vermißt man gar manches, was'wir zn unsrer' Bequemlicheit ungern entbehren. Aber eins wird während der warnten Jahreszeit nicht leicht fehlen: ein Fächer. Jeder halbwegs höfliche Gastwirt wird einen reisenden Europäer, den er zu seiner Verwunderung ohne Fächer sieht. sofort einen anbieten und daraus bestehen, daß der Fremde ihn auf seiner Weiterreise mitnimmt, weil er gar nicht begreift, wie einer im Sommer ohne ein solches Instrument auskommen kann. In China gebraucht jederninnn Fächer. Die Europäer bringen über ihren Eß- tischen eine Art großer Fächer an. die man mit einem ostiudischen Worte Pnnkah nennt. Diese werden von Kulis hin- und hergezogen, die sich dabei mit der andern Hand oft selbst Kühlung zufächeln. Schmiede lassen fich während der Arbeit von ihren Gesellen fächeln. Auf Flüssen kann man häufig sehen, daß Leute, die im Schweiße ihres Angesichts ein schweres Fahrzeug stromaufwSrts schleppen, während dieser Arbeit den fast nackten Körper nach Kräften fächeln. Selbst Bettler haben manchmal zerbrochene oder zerrissene, aus der Straße geftmdeue Fächer in der Hand. Das Material für die Anfertigung der Fächer ist sehr ver- schicdenartig: Seide, Papier, Bambus, feine Holzarten, Federn, Elfen- bei» und andres. Am häufigsten sieht man die bekannten Fächer aus Blättern einiger in Südchina wachsenden Palmeuarten. Die Blätter scheinen von der Natur fast für diesen Zweck bestimmt zu sein, so gut eignen sie sich dazu. Die Neineren Exeniplnre werden »nit einem einfachen Saume von Zeug oder Seide verschen. Sie sind außerordentlich billig und gehen zn vielen Millionen in alle Teile des großen Reiches. Auch wer bessere Fächer besitzt, pflegt während der Hitze gewöhnlich die wohlfeilen Palmblälter zu benutzen. Diese dienen außerdem in jedem chinesischen Haushalt zu den mannigfachsten andern Zwecken: man bringt erlöschendes Feuer dninit wieder in Gang, man stäubt damit ab, man fächelt einem Sitze, den man einem Gaste anbieten will, damit Kiihlung zn, man kühlt das Essen für kleine Kinder damit, man sucht Säuglinge danut in den Schlaf zu fächeln, man vertreibt die Moslitos damit aus dem Moskitonetze, wenn man dieses herunterläßt, usw. Die größer» Exemplare der Paliublätter, die bis zu drei Fuß im Durch- messer haben, werden geschmackvoll umsäumt, und dann fächeln die Häiide gekaufter Dienerinnen ihrer Herrschgft damit Kiihlung; zn. Unter den besseren Sorten Fächer kann mau hauptsächlich drei Arten unterscheiden: Fächer ans Federn, Fächer, die sich zusammen- fallen lassen, und endlich die sogenannten Schirmfächer, d. h. aus einem runden oder mehrcckigc» Stück Papier oder Seide verfertigte. Der junge chinesische Stutzer, der in seinen seidenen Gewändern langsam und selbstzufrieden einherstolziert, trägt gewöhnlich einen Schirinfächcr ans Seide in der Hand, worauf ihn» ein Freund eine Landschaft gemalt oder einige sclbstverfcrtigte Verse geschrieben hat. An langen Winlccabendcn ist cS eine sehr verbreitete Beschäftignng gebildeter junger Chinesen, Fächer zu bemale» oder möglichst kalli- graphisch zn beschreiben. Ist der Fächer die Widmung einer niedriger gestellten Person a» eine von höherem Range, dann steht mauchnial eine ziemlich lange Adresse darauf; diese ist stets in dem bekannten schivlllstigen orientalischen Stile gehalten, worin sich der Unterzeichnete immer wieder entschuldigt, überhaupt gebore» zn sein. D yer Ball versichert in seinem Buche„IdinAS Chinese«, manche Chinesen ließen sich die Seide für Schirmfächer unmittelbar von Seidenranpcn auf einen bercitgehaltenen Rahmen von Bambus spinnen. DicS ist sehr wohl möglich, weil die Chinesen Liebhaber bou derartigen Kuriositäten sind. Zusammenlegbare Fächer sind gleich- falls über das ganze Reich verbreitet. Die billigsten sind ans schwarzem Papier mit lvenigcn Goldliipfelchcn zur Verzierung; man sieht sie überall. Die kostspieligeren haben reich verzierte und gc- schnitzte Griffe ans Elfenbein, Ebenholz oder Perlmutter, und der andre Teil ist nieistens hübsch bemalt. Für ihren eignen Gebrauch stellen die Chinesen nur zusammenlegbare Fächer gewöhnlichen For- matS her. Die übertrieben großen Exemplare dieser Art macht man lediglich den fremden Barbaren zu Gefallen, weil man weiß, daß sie besonders in Amerika um so bereitwilliger gekauft werden, je un- vernünftiger ihre Größe ist. An ganz heißen Tagen begnügt sich der Chinese keineswegs da- mit, nur seinem Gesicht Kühlung zukommen zu lasse», sondern er fächelt� sich außerdem Brust und Nacken, Arme und Beine. Die gc- wohnliche Art, einen Fächer zu tragen, ist selbstredend in der Hand; nicht selten sieht man jedoch auch, daß er, falls er sich zusammen- falten läßt, in den Nacken oder in den Strumpf gesteckt getragen wird. Einen Spazicrstock gebraucht der Chinese niemals, aber dessen Platz nimmt sehr oft der Fächer ein, da man auf diese Weise etwas in der Hand hat, das mau hin- und herbewegen und womit mau in der Erregung gestikulieren kann. Schulmeister haben stets ein Exemplar zur Hand, um die Knaben damit leicht auf den Kopf zu schlagen, oder um durch Klopfen damit ihre Aufmerksamkeit zu errege». Keinen öffentlichen Redner wird man ohne diesen Gegenstand sehen. Meistens schwingt er einen zusammengelegten Fächer in der Hand, und wenn er sich dam» in die nötige Wärme hineingeredet hat, entfaltet er ihn und schafft sich Kühlung, um nicht in übertriebene Hitze zu geraten. Ein Mandarin läßt sich, 9— wen» er in seinem Tragsessel durch die Straßen zieht, stets von sriner Dienerschaft einen großen ans Holz gefertigten runden Schirm« fächer vorantragen. Kommt»nn zufällig ein andrer Mandarin deS Weges, so halten die beiderseitigen Diener schnell diese Holzfächer vor die Tragsesiel. Dann brauche» ihre Herren. weil sie einander nicht gesehen haben, nicht auszusteigen, was sie sonst bei einer Be« gegnung jedenfalls thun müßten. Die Fächer haben aber auch ihre Jahreszeiten. Während man die zusammenlegbaren in»,ner benutzen kann, find die aus Palmblättern oder Gänsefeder!» nur für den Soimner und die Schinnfäckier aus Papier oder Seide ftir den Frühling und den Herbst destimmt. Kein Chinese, der etwas auf Etikette hält, würde schon im Frühling einen Palmblatt-Fächer ge- brauchen.— Musik. Es ist nun doch in der niodernen Welt ein Zug unverkennbar, der dahin geht, die Knust möglichst breit durch unser gesamtes Leben dringen zu lassen. Wo früher die Wohnungen schmucklos waren oder höchstens ein oder das andre isolierte Kunstwerl in einer toten Um« gebuug bargen,' da wird jetzt auch das gesamte Am und Auf mit mehr oder weniger Knnstreichtum belebt oder mindestens verschnörkelt. Dazu war vor allem nötig, daß sich die Aufmerksamkeit der Künstler und Kimstsrcunde von den Malereien isolierter Staffeleibilder zum Teil ab und mehr als bisher dem mmmehr sattsam besprochenen Kunst« gewerblichen und»Dekorativen« zuwandte. Nun taucht«ine Technik nach der andren, eine kunstgewerbliche Gattung nach der andren auf»nld ebenso eine Gelegenheit nach der andre», daß auch Minderbemittelte daS Ihrige finden können. Bucheinbände. Tanzkarteu, Plakate usw., all das will mit hiueii» in diesen Zug einer»angewandten Kunst«, der überdies auch ein gut Stück socialen StrebenS enthält. Vereine, die sonst bei ihren Festlichkeiten nur an Vereinspropaganda, Unterhaltung und Nutzen gedacht haben, greifen nun auch nach künstlerischer Hebung ihrer Feste. Die modernen Nankenlinien, Schlangenweiber>md halbmhstischcn Blumen wachsen jetzt auch in die Einladungskarten. Programme u. dgl. hinein, und ein dunkles Gefühl von einer neuen Aufgabe socialer Musikpflege läßt die Vereine auch ihre geselligen und jnbilarischen Abende drirch künstlerische Musik heben. Noch einer wird dazu verlangt: der Kunstrefcrent der Zeitnug; über den Lokal» referciiten dünkt nian fich bereits erhaben. So ging's denn Sonn- abend wieder einmal in dci» Friedrichshainer Saal, und zivar zum Turnverein»Fichte«, der ein„Künstler« Konzert zun» Besten seines U n t e r st ü tz u n g S» f o n d s« angekündigt und fich dazu tüchtige musikalische Kräfte genommen hatte. Im Sinn jenes Strebens einer»Knnst- Aus- dehnung«. sozusagen, konnte denn auch dieser Abend Freude bereite»»,- und seine gesamte Anlage war nicht dazu angethan. die strengere Frage nach volkstümlicher Mnsikpflege neuerdings anfzulverfen. Zu« dem spielte das»B e r l i n e r T o n k ü n st l e r- O r ch e st e r« unter Franz von Blon ganz hübsch, namentlich wenn man manchmal ans die Bläser nicht aufpaßte, und machte uns mit»nauchem Selteneren bekannt: so mit der Ouvertüre zu einer Oper»Robes- Pierre« des Pianisten, Komponisten, 48er Freiheitsmanns und nach« herigeu Mnstk-Verlegers Li t o lf f, einem der vielen die Marseillaise verarbeitenden Musikstücke, und mit kleinei» Kompositionen von P. Kur z. Auch eine Sängcrii», Frl. Elisabeth Volkmar van Berge, erfreute durch eine wenigstens in der Höhe gut ansprechende Stimme. Warnen möchten lvir aber doch vor Kompositionen oder gar Bearbeitungen für Harfe, Violine, Orgel und Orchester. Abgesehen davon, daß die Orgel mit ihrer spccifisch kirchlichen Traditio» in solche weltlichen Anregnngsabende nicht gut hineinpaßt, lenkt jene Zusammenstellung von Jnstrumenteil doch all' zu sehr die Aufmerksamkeit voi» den» künstlerischen Wert des Dargebotenen ab. Die Musillitteratur ist für die verschiedensten Bedürfnisse so mannigfach reich, daß man nicht gut thut, zu Surrogaten zu greifen, lind wenigstens irgend ein Schrittchcn auf dem Wege zu einer socialen Kunst sollte nun doch geleistet werden, wem» ein Anspruch auf künstlerische Höhe auf« tritt.— sz, — D er Fiedelbogen. Unlängst ist der Violinbogenmacher C h r i st i a n Süß in Markneulirchen i.' S., 70 Jahre alt, gestorben. Seine Bogen waren geschätzt und gingen bis»ach England imd Amerika. Berühiute Geiger besuchten wiederholt den schlichten Mann in seiner kleinen Wcrkstätte und wählten den ihren» Gelenk am besten zusagenden Bogen unter den Vorräten ans.— An diese Todes» Nachricht anknüpfend, wirft die»Wiener Abendpost« folgenden' Rück- blick auf die Geschichte des Geigenbogens: Von» 12. bis zum 17. Jahrhundert war der Bogen, mit dem aus den Streich-Jnstrumenten des Mittelalters der Ton gezogen würde, dem Bögen ziemlich ähnlich, der Pfeile entsendete, ein Kreisabschnitt. Im 17. Jahrhundert stellte sich das Bedürfnis heraus, ihn bald straffer, bald loser zn spannen. Ein Meialldraht besorgte das auf recht plumpe Weise, bis im Anfange des 18. Jahr- Hunderts Knopf und Schraube in Anwendung kamen, wie sie heutigen Tags in Gebrauch sind, nur waren sie damals viel gröber und derber. Um 1725 wendete der Geiger Tartini, der Mann der»Teufels- Sonate«, dem Bogen erhöhte Aufmerksamkeit zu, ließ ihn anS leichteren, elastischeren Hölzern anfertigen. Die Form war die alte, geschyieifte, doch strebte sie schon mehr der grade» zu. Gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts war es die französische Arbeiterfamilie Tourte, deren Mitgliedern eil» hohes Ver- dienst nin den niodernen, de» ideale» Geigenbogen zsikMisst. — 860 Antoine Vidal in feinem großen Werke über den Geigenbau: „La Lutherie et les Luthiers«(Paris 1889) spricht es im 6. Kapitel aus:„Der Name Tourte ist für den Bogen, was der Name Stradivari für die Violine ist.' Der Stammväter der Tourte etablierte sich um 1740 in Paris. Er und sein Sohn stellte die schlanke Form fest, die erst die Elasticität verbürgt, und ließen die Stange bis auf eine sachte Schweifung gegen die Spitze hin fast parallel mit der Behaarung laufen, gaben der Spitze Eleganz. dem „Frosch" Zierlichkeit. Ihre zweckmäßigen Verbesserungen sollten jedoch weitaus übertroffen werden durch Fran�ois Tourte, den zweiten Sohn, 1747 zu Paris geboren. Er war eigentlich von Haus aus Uhrmacher. In diesem Gewerbe eignete er sich die ungemeine Genauigkeit der Arbeit an, die ihn auszeichnen sollte. Er wandte dem Material sein Haupt- augenmerk zu und studierte die Federkraft der edlen Holzarten. Zu seinen Experimenten und Studien— er scheint mich ein tüchtiger Mathematikns gewesen zu sein— beuützte er die fast wertlosen Reifen der Zuckerfässer, in denen der Rohzucker aus Amerika herüber- kam. Zwischen 1785 und 1790 sah er seine vielfachen Mühen endlich vonr Erfolge belohnt. Der Geiger Viotti hatte ihm mit Rat zur Seite gestanden. Tourte erhielt für seinen Bogen ohne Verzierung gewöhnlich 36 Fr., für kostbarere Stücke mit Elfenbein- und Schildpat-Einlagc» und Goldkuöpfchen bis zu 12 Louisd'or. Vidal schreibt:„Fran?ois Tourte hat nicht seinesgleichen in Europa." Zu seiuen Bewunderern gehörte auch Louis Spohr. Heute kostet ein echter Tourte-Bogen, den übrigens nur ein gewiegter Kenner von zeitgenössischen Nachahmungen unterscheiden kann? 200 bis 500 Frank. Die Cellobogen stehen nock viel höher im Preise. Am 5. Februar 1887 erstand der Londoner Instrumenten- macher Hill im„Hotel Drouot" einen Cellobogen von Frantzois Tourte für 1100 Fr. Tourte starb in Paris im April 1835, 88 Jahre alt. Er war in freien Stunden leidenschaftlicher Fischer. Zwischen seinen Bogen und seiner Angel floß sein Leben dahin. Tourte ver- arbeitete brasilianisches Fernambukholz und bog e? mit Hilfe des Feuers. Der englische Bogenmacher John Dodd in Kew ist Tourte am nächsten gekommen. Er hatte keinen Lehrling, keinen Gesellen. Niemand verriet er sein Geheimnis des Spaltens der Hölzer und schlug angebotene 25 000 Fr. Lehrgeld für diese seine besondere Kunst auS. Weder Vidal. noch George Hart, noch Forster erwähnen des Christian Süß in Markneukirchen, des deutschen Tourte, der nicht zu Ruhm, noch zu Reichtum gelangt ist.— Medizinisches. — Der Geruchsinn im Dienste der Diagnostik. Dr. Z e l l e r auS, Backnang veröffentlicht im„Medizinischen Kor- respondenzblatt' einen ausführlichen Bericht über die diesjährige Frieselfieber-Epidemie von Hohnweiler. Von ganz besonderem Interesse ist seine Beobachtung in Bezug auf den Geruch der Aus« dünstungen von Frieselfieberkranken; er sagt darüber:„Bei den Untersuchungen auf die Achselhöhledrüsen fiel mir auch ein ganz be« stimmter Odor, der nicht an den gewöhnlichen, käsigen Schweißgemch erinnerte, auf. doch kann ich ihn nicht näher beschreiben, aber nach- dem ich einmal darauf aufmersam geworden war, leistete mir mein nicht sehr gutes Riechorgan bei der Erkennung der Krankheit in den ersten Tagen, ehe ein Ausschlag da war, doch gute Dienste, und in einen: spateren Fall, bei dem überhaupt gar kein Friesel hervor- trat, konnte ich auS dem eigentümlichen Geruch die Diagnose sicher- pellen."— Geologisches. is. Die EiSzeit in Südafrika. Es ist schon durch frühere geologische Funde in Südafrika wahrscheinlich geworden, daß auch dieser'Erdteil eine Vereisung durchgemacht habe ähnlich wie der nördliche Teil von Europa, die Alpen und ihre Um gebung, das nördliche Amerika ustv. große' Eiszeit des Nordens in einen s igen ist, der, geologisch gesprochen, der d vorausgegangen ist, also der jüngsten gehört,' hätte die südafrikanische Eiszeit Funden schon etwa in der Epoche stattfinden müssen, in der sich die Hanptlager der Steinkohlen auf der Erde bildeten. Jetzt ist von Rogers und Schwarz in der Gegend des Oranjeflusses eine Bodenichicht aufgefunden worden, die durchaus der sogenannten Grundmoräne der Gletscher und des Inlandeises gleicht und unter den sogenannten Kiinberley-Schiefern gelegen ist. Sie besteht ans einem Lehm voll von?Gesteinstrünimen'i, an denen eine Schrammung zu sehen ist, wie sie an den Gletschergeschiebcn während des Eis- transports erzeugt werden. Leider ist es bisher noch nicht möglich gewesen, das geologische Alter dieser intereffanten Bodenschicht zu bestimmen, die den Namen des Prieska-Konglomerats erhalten hat.— Technisches. — Eine Eisenbahn durch die Samojeden-Halb- i n s e I, welche die Mündung des Ob bei ObdorSk mtt der Belkowski- bucht am Karischen Meerbusen verbinden soll, wird von deutschen Kapitalisten geplant. Mit dieser Eisenbahn wird bezweckt, daS im Innern Westsibiriens gewonnene Getreide auf einem kürzeren Wege schneller und billiger auf den Weltmarkt zu schaffen, als es gegen- wärtig geschieht. Das Getreide würde dann auf dem Ob und seinen schiffbare» Nebenflüssen(Jrtisch) hinunter bis Obdorsk verschifft, dort auf der Eisenbahn nach dem Karischen Meere gebracht werden, von wo es auf dem Seewege nach London oder andren Häfen gelangt. Während aber die leiwbschnitt zn ver- Segenwart unmittelbar Vergangenheit an- nach den früheren Heute wird das Getreide auf westsibirischen Flüssen nach Tjumen ge- bracht, von dort bringt es die Eisenbahn nach Perm, wo eS auf Wagen verladen und zur Dwina gebracht wird, um von hier auf Flußschiffen nach Archangel befördert zu werden, wo die Verladung in Seeschiffe erfolgt. Ein andrer Teil des Getreides geht auf der sibirischen Eisenbahn bis Tscheljabinsk und von da in das europäische Rußland und nach den verschiedenen Häfen. Auf beiden Wegen gelangt das Getreide infolge der Landtransporte und des öfteren Umladens viel später und mit größeren Frachtkosten auf den Markt, als es auf der geplanten Linie der Fall sein wird. Einst- weilen aber ist noch gar nicht festgestellt, ob die beabstchtigte Bahn überhaupt ausführbar ist, weil man die Boden- und klimatischen Verhältnisse auf der Strecke, die für die Bahn ins Auge gefaßt ist, noch nicht genügend kennt.— Die Bahn würde eine Länge von 400— 425 Kilometer erhalten.—(„Prometheus,") Humoristisches. — Kathederblüte.„Der römische Geschichtsschreiber Titus Livius wurde in Padua geboren von 59 vor Christi bis 17 nach Christi."— — Schnelle Abhilfe. Koch:„Sakra, heut' ist uns daS Ragout angebrannt!" Wirtin:„So soll der Jean auf die Speisenkarte schreiben: & la franijaise, dann glauben die Leut', es nmß so sein l"— — Eine echte Schmiere.„DaS hiesige Theater ist aber mal eine Schmiere!" „Allerdings l Gestern abend spielten während der Vorstellung die Leichen mit dem Publikum„gnckl guck"!"—(Lust. 01.") Notizen. — Die katholische Frauenzeitschrift„Haus und Heim", die von M. Herbert und M. Hamann als katholisches Gegenstück zum „Daheim" herausgegeben worden war, hat ihr Erscheinen ein- g e st e l l t.— — Neue Forschungen haben eS zur Gewißheit gemacht, daß die äl'testen Shakespeare-AuSgaben als Raubdruck nach stenographischen Aufnahmen während der Vorstellungen hergestellt sind. Dr. Dewischeit hatte beim Internationalen Stcuographeutag in Paris den von Professor Dr. Brandl-Bcrlin im Namen der deutschen Shakespeare-Gesellschaft unterstützten Antrag eingereicht, die ältesten Stenogramme von Timothy Bright, die sich im britischen Museum in London befinden, in Facsimile herauszugeben. Man hofft, auf diesem Wege allmälig den llr-Shakespeare wiederherstellen zu können. Der Antrag fand die einstimmige Billigung des Stenographen- tags.— — Die SecessionSbühne bereitet für Mitte dieses Monats die Anfführnng von MaeterlinkS„Der Tod des Tin ta- giles" und von Anton Tschechows„Der Heirats- a n t r a g" vor.— —„Der akademis che Verein für Kunst und Litteratur" bringt am 24. November die„ O r e st i a" d e S A e s ch h l o S zur Aufführung.— — Björnsons„Ueber die Kraft"(H. Teil) erzielte bei seiner Erstaufführung im Stuttgarter Hoftheater eineu ungewöhnlich starken Erfolg.— — Karl Hauptmanns Schauspiel, Waldleute" ging am Breslauer Lobe-Theater mit starker Wirkung zum erstenmal in Sccne.— — Olga Wohlbrücks Schauspiel„Der fremde Herr" ist zur Aufführung am Deutschen Volkstheater in Wien angenoumie» worden.— — B i e r b a n m s Bühnen spiel„G n g g e l i n e", das aon Ludwig Thuill e in Musik gesetzt ist, wird im Januar im Berliner Opernhaus zum erstenmal in Scene gehen.— —„G ö t t i n D i a n a," ein Ballett des Weimarer Kapellineisters Lassen ist von der W i e n e r H o f o p e r zur Aiisführuug ange- nommen worden.— — Wildwachsende Tomaten sollen nur im Süden der Insel Formosa im chinesischen Meere vorkommen. Ein englischer Berichterstatter fand sie, wie der„Praktische Wegweiser" schreibt, an den verfallenen Mauern der Stadt Thai-wan-fn massenweise herab- hängen. Dennoch ist derselbe, was sich aber schwer konstatieren läßt. der Ansicht, daß die Tomaten von den Holländern, die daselbst eine Niederlassung gegründet hatten, eingeführt worden und später ver- wildert seien.— — Ein Inserat ans Shakespeares Zeiten. Die „Münchener Medizin. Wochenschrift" veröffentlicht ein der Julinnmmer der„Canadian Practitiouer and Review" entnommenes Inserat, daS aus einem Zeituugsblatt aus der Zeit Shakespeares stammt und für die frühere Stellung der Aerzte höchst charakterisch ist. Dasselbe lautet folgendermaßen:„Gesucht! Für eine Familie, die von Krankheiten heimgesucht wurde, eine gesetzte, treue Person mit der Eigenschaft als Doktor, Chirurg und Geburtshelfer. Derselbe nmß auch als Keller- und Tafelmeister aushelfen können und sich auf Frisur« und Perrückenmachen verstehen, serner alle Sonntage eine Predigt halten und gelegentlich als Vorbeter dienen. Guter Gehalt gewährt."— Verantwortlicher Redacteur: Dr. Georg Gradnauer in Groh-Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.