Wnterhaltungsblalt des Horivürls Nr. 216. Mittwoch, den 7. November 1900 (Nachdruck verböte».) 27] Mttfev Molken. Roman von Kurt Aram. Dies Vermögen, sich im Zaum zu halten in Liebessachen. sowie sie ernst zu werden drohten und mehr beanspruchten, als den Körper und das bißchen seelische Regen, ohne das es nun einmal auch dabei nicht ganz abgeht, nannte Schäfer„die rechte Lebenskunst" und war stolz auf seine Fertigkeit in ihr, weil er es für Stärke hielt.-- Der ständige, leichte Regen paßte ausgezeichnet zu der beiden Stimmung. Ein klein wenig melancholisch war es, alles Wirkliche lind verschleiernd, und zugleich ohne Aus regung und Leidenschaftlichkeit. „Einfach stilvoll," behauptete Schäfer. Otto meinte:„Leider wird der Genuß nicht mehr lange dauern. Der Regen hat alle Wärme aus der Lust weg- gespült und damit für jetzt wohl seine Schuldigkeit gethan. In ein, zwei Tagen ist's vorbei mit ihm, vorläufig wenigstens. So weit ich die hiesige Natur kenne." Am Freitag regnete es nicht mehr. Samstagnacht fror es sogar schon, wenn auch nicht sehr, da die grauen Wolken das nicht zuließen. Als Schäfer am Morgen die Fenster öffnete, konnte er zum erstenmal fest seinem Hiersein die Berge ringsum deutlich erkennen. „Wie leicht kandierte Früchte sieht alles aus," sagte er beim Frühstück, das er sich hier angewöhnt hatte.„Wie ein ganz zarter Zuckerguß über Wege. Häuser, Bäume und Berge." „Siehst ja immer noch alles recht Poetisch, ich gratuliere. Einem realistischeren Gemüt liegt ein andrer Vergleich näher." „Und?" „Es sieht aus, als ob die ganze Welt mit einem zähen Schreinerleim überkleistert wäre," sagte Otto. „Bist wirklich unverbesserlich." »Ich schlage vor," fiel Magda ein. wir benutzen die gute Gelegenheit und zeigen Doktor Schäfer heute nachmittag unser Forsthaus." „Was? Du bist ja höllisch unternehmungslusttg l" Otto war gar nicht gewöhnt, daß seine Frau Vorschläge machte. „Wir müssen Davor Schäfer doch unsre Hauptsehens- Würdigkeit zeigen." „Mir solls recht sein." Er wandte sich zu Schäfer: „Das Forsthaus liegt eine Stunde von hier. Es heißt allgemein das Forsthaus, obwohl es ihrer noch genug giebt außer ihm. Aber es ist das einzige, das auch Wirtschaft hat, also der einzige Ausflugsort, wenn so ein Ausflug ein Ziel haben soll. Dann stimm' ich nun mit der Bevölkerung öberein, daß ein Ausflug ohne Ziel, das heißt ohne die Möglichkeit, nachher was Vernünftiges essen und trinken zu können, überhaupt kein Ausflug ist." „Nur ein einziger Ott, wohin man emen Ausflug machen kann? Ich finde, daß paßt wieder sehr gut zum Ganzen. Ein wenig piwrvrs, aber es muß so sein hier, deshalb' ge- fällt mirs." „Dir gefällt ja aber auch rein alles hier I Das ist geradezu gräßlich I" „Wollen wir also hinfahren?• fragte Magda. „Könnten wir denn nicht zu Fuß gehen?" meinte Schäfer. „Das wird sich schlecht machen, es ist glatt draußen," er- widerte Otto. Gerade als sie abfahren wollten, kam der Fonnenncister Windolf, atemlos, voll Schrecken. Ein Mann war einem Zahnrad zu nahe gekommen, das sich glücklicher Weise nur langsam bewegte. Es hatte seinen rechten Arm gefaßt, und der Mann wäre verloren gewesen, wenn nicht Franz Kranz grade mit einem Beil daneben gestanden und instinkttv, blitz- schnell den Arm durchgehackt hätte. Otto war wütend.„Da haben wir die Bescherung! Diese verdammte Jnvaliditätsversich erung, seitdem sind die Menschen nochmal so unvorfichttgl" Magda eilte in das Haus, dem Arzt zu telephonieren, während Schäfer ratlos dastand und Otto vor sich hin schimpfte. Merkwürdig, dachte Schäfer, bei solchen Gelegenheiten thun die Frauen meist sofott, ohne erst lange überlegen zu müssen, das Richtige, während unsereiner erst'ne ganze Weile dunim dabei steht. „Ich bitte, Herr Derektor, komme Se mttl" bat Windolf. Otto wollte erst nicht.„Ich kann ihm im Augenblick doch nichts helfen." „Aber der gute Eindruck, den's macht, Herr Derektor! Was wettn die Leut' denke, wenn Sie grad jetzt spazieren sahr'n... Nachher könne Se's ja immer noch." Otto biß die Zähne aufeinander. Was lag ihm an den Leuten und daran, was sie dachten! Aber er schwieg. Vor dem Formermeister mochte er darüber doch nichts sagen, das wäre dunnn gewesen. Man soll sich nicht schlechter machen, wenn einen die Leute für besser halten, als man ist. Magda trat wieder aus dem Haus und ttef dem Kutscher zu:„Fahren Sie schnell dem Doktor entgegen, Ftttz. Er will sofott aufbrechen, hat er mir eben gesagt. Die Pferde nicht geschont!" Der Kutscher fuhr mürttsch ab und nicht sehr schnell, da Otto immer noch schwieg. Mein Gott, ähnliches kam doch öfter vor. Warum war der Mann auch nicht vorsichttger gewesen. Der Arm war weg, da konnte auch das schnellste Fahren nichts gegen helfen. „Was steht Ihr denn? So kommt doch mttl Vielleicht können wir dem Armen seine Lage etwas etträglicher machen," sagte Mada. Otto schwollen die Adern auf der Stirn. Was die sich jetzt herausnahmt Das wurde ja immer besser.„Willst D« das nicht gefälligst unsre Sorge sein lassen, was jetzt zu thun ist. ja? I" Magda schwieg und war wieder die scheue Frau wie ge- wohnlich. Wie konnte sie auch nur einen Augenblick vergessen» daß sie nur ein Frauenzimmer war, das zu schweigen und zu parieren hat. Otto sah mißmutig auf sie. Wenn das der einzige Erfolg war im Verkehr mit dem Federfuchser, diese Aufsässigkett und Selbständigkeit, dann dantte er bestens. „Geh' güttgst ins Haus solange, bis Schäfer und ich daS Nöttge angeordnet haben." Magda sah den Zorn ihres Manns. Nur keine Scene vor Doktor Schäfer und dem Formermeister, dachte sie und ging stumm ins Hans. Man hatte den Verunglückten, der ohnmächtig geworden� auf den Hof gettagen. Alles, was gerade von der Arbeit abkommen konnte, stand um ihn herum. Die Gesichter der meisten sahen mehr neugierig als mitleidig aus den Manch der nur mtt einer Pferdedecke unter sich auf dem kattelt Boden lag. „Seid Ihr toll, den Mann hier in die Kälte zu legen?!" fuhr Otto die Leute an.„Daß noch der Frost in die Wunde kommt! Sofort schafft etwas, daß er m seine Wohnung ge- bracht werden kann." Die Leute zerstteuten sich. Mtt dem Direktor war im Augenblick nicht gut Kirschen essen, das sahen sie gleich. Franz Kranz unterhielt sich eifrig mit einigen, auf welche Weise man den Verletzten am leichtesten nach Hause schaffen könnte. Schäfer sah sich den Mann an, der noch nicht all sein konnte. Sein Gesicht war totenblaß, und die Lippen fest aufeinander gepreßt im Schmerz. Um den Armstummel hatte man einen dicken Stttck geschnürt, um allzu reichlichen Blut- Verlust zu verhindern. Dann hatte man die ersten besten Lappen um den Stumpf gewickelt, durch die aber immer noch langsam dunkles Blut sickerte. Der ganze Mensch war mtt Blut besudelt, und über die Strecke, die man ihn vom Maschinen« räum hierher getragen, lief eine dünne Blutspur wie ein roter Faden, ab und zu nur unterbrochen von einer roten Lache.' „Er hat gut und gern einen Eimer Blut verloren,� meinte Schäfer erschrocken. Otto schwieg, kaute ungeduldig auf seinen SchnurbaO und wartete, daß der Mann endlich in seine Wohnung trans- portiert würde. „Wird wieder'ne nette Schererei und Schreiberei werden!" knurrte er grimmig. Nun kam auch das Weib des Verunglückten weinend und heulend auf den Hof gelaufen, warf sich vor ihrem Mann nieder und schrie wie ein wildes Tier. Endlich kam Franz Kranz mit drei andren. Sie trugen eine Thür, die sie am Coniptoir ausgehoben hatten. Kranz hatte Praxis in derlei von Elberfeld her, wie er sagte. Ein Fuhrwerk würde zu sehr rütteln. So würde der Verwundete am wenigsten Schmerzen fühlen. Sie schoben den immer noch Besinnungslosen auf die Tbür, hoben sie hoch und trugen ihn auf den Schultern aus dem Hos. An jeder Thürecke ging einer. Da fing das Weib erst recht an zu jammern, weil ihr in unwillkürlicher Jdeenverbinduug die Vorstellung kam, ihr Mann würde schon jetzt so gut wie zu Grabe getragen. Schäfer schauderte. Wenn man das Weib nur ein wenig trösten könnte I Aber alle Worte waren da so schrecklich nichts- sagend. Otto griff in die Tasche und gab der Frau einen Fünfzig- markschein. Das war ein Trost, besser als Worte. Die Frau folgte nun den Trägern ein wenig ruhiger. iFortsetzung folgt.) MakttvmissenschAfMche LteberZschk. Von Curt Grottewitz. Es ist ein sehr auffallender Aug in der Entwicklung der jüiiqsteu Erdzeiten, dah sich die Gehiruhöhle bei den höheren Tieren stetig vergröbert. Bis zum Ausgang der sekundären Periode hatte sich eine Tendenz zu Körpergröße und Körperstärke geltend gemacht, und die Riesenreptilien waren damals der Höhepunkt der organischen Entwicklung gewesen. Vom Tertiär an verloren Körpergröbe und Stärke ihre Ueberlegenheit immer mehr, und an ihre Stelle trat in der organischen Welt ein Streben nach Erlangung einer größeren Gehirnmafie. Wenn man nach dem Zweck dieses StrebenS fragt, so wird man sich wohl der-Meinung E. Ray Lankasters anschließen können, die dieser einem Bericht von„Nature" zufolge in der Jubiläumsschrift der Pariser Socistä de Biologie 1899 ausgesprochen hat. Die Vergrößerung des Gehirns ging Hand in Hand mit der Erweiterung der geistigen Fähigkeiten. Um Jiistinklregungen zu erzeugen, die sich im Geleise ererbter Nervenmechanisnien bewegen, bedurste es keines sehr großen Gehirns. Um aber eine stets neue geistige Reaktion auf neu sich einstellende Verhältnisse zu bewirken. dazu gehört ohne Zweifel ein viel weitschichtiger angelegter Apparat — eine Zunahme der Gchirnmasse. Um gegenüber körperlich über- legenen Feinden zu bestehen, dazu war aber' die Ausbildung geistiger Fähigkeiten das beste Mittel. Nun hält aber die Vergrößerung des Gehirns bei den Tieren auch noch in den späteren tertiären Zeiten, wahrscheinlich bis herab auf die Gegenwart an, während doch die großen Reptilien schon früher ausgestorben � waren. Aber die Zu- nähme geistiger Fähigkeiten bei einigen Tieren mußte notwendiger- weise auch bei den meisten andren die gleiche EntivicklungSrichtung hervorrufen. Man braucht dabei nicht eininal an eine Konkurrenz der Tiere in geistiger Regsamkeit zu denken und anzunehmen, daß die weniger klugen vernichtet wurden. Denn wir haben tierische Entwicklungsreihen, die sich vom Beginn deS Tertiär bis auf uiisre 8 dt verfolgen lassen. Die Klugheit einiger Tierarten fordert die lugheit andrer heraus. Ein' Hund,' der isoliert gehalten wird, weiß sich einer Katze gegenüber nicht zu benehmen, und ein Pferd, das ziehen lernen soll, spannt man mit einem solchen zusammen, daS schon ziehen kann. Die Tiere haben ohne Zweifel einen erzieherischen Einfluß aufeinander. Die stärkste Einwirkung aber erhielten die Tiere in geistiger Beziehung ficher vom Menschen oder seinen Vorfahren. ES ist nicht unwahr- scheinlich, daß überhaupt die ganze Entwicklung, die aus eine Ver- größening deS Gehirns hinzielte, von inenscheuähulichcn Tieren a»S- ging. Diese gewannen infolge ihrer ftliigheit solche Ueberlegenheit über die gesamte Tierwelt, daß dieselbe gezwungen war, sich eben- falls nach der geistigen Seite hin zu entwickeln. Auch dabei braucht man nicht gerade an einen Untergang der weniger begabten Tierarte» zuldenken. Allerdings mögen verfchiedene von ihnen ausgestorben sein, aber die meisten mögen sich direkt und individuell der Klugheit des Menschen angepaßt haben, daS heißt, klug geworden sein. Das Schießpulver ist verhältnismäßig kurze Zeit erst erfunden und noch viel kürzere Zeit wird es zur Erjaguug von Tieren benutzt. Aber es giebt fast kein Waidtier, das nicht den Pulvergeruch kennte und ihm schon von weitem zu entfliehen suchte, falls es ihn wahr- nimmt. Dabei kann die heutige bequeme Jagdmethode mit dem Schießgelvehr nicht im mindesten verglichen werden mit der früheren, bei der der Mensch alle Mittel der Klugheit anwenden mußte, um {eine Beute zu überlisten. Damals ivar der Mensch oder sein Vor« ahr dem Tiere noch nicht so kolossal überlegen wie heute, und eben deshalb ivar er gezwungen, ihm viel direkter entgegeuzniretel?. direkter auf dasselbe einzulvirken und also auch seine geistigen Fähigkeiten hcrvorzulocken oder zu fördern. Ein Tier, klug ge« worden, niawte nun seinerseits andre Tiere klug. Man braucht also gar nicht einmal den Kampf ums Dasein und den Untergang vieler Tierarten— denn seit Beginn der Tertiär- zeit sind so viele nicht ausgestorben— anzunehmen, um die Eni- ivicklungstendenz seit Beginn jener Epoche zu erklären. Einige wenige Wesen, deren geistige Fähigkeiten sich unter der Nachstellung starker Feinde entivickelt hatten, wirkten derart auf alle andren, und diese wieder gegenseitig auf einander ein, daß eine allgemeine Erhöhung der geistigen Qualitäten, eine Vergrößerung der Gehirninasse die Folge war. Ein Tier, das hervorragende geistige Regsamkeit erlangte, konnte schließlich der Körpergröße und Stärke entbehren. Als kleines schwaches Wesen hatte es sogar den Vorteil, weniger Nahrung zu bedürfen und sich leichter ernähren zu können. So ist es wahr» scheinlich zu verstehen, daß die kleinen Säugergattuugen der Mäuse und Beutelratten und die Sperlingsvögel sich so über- aus reich entfalten konnten. Wilhelm Haacke nieint zwar. auch in der Entwicklung der recentcn Tierwelt eine Tendenz zur Körpergröße im Verein niit geistiger Höhe zu erkennen. Als Beispiel führt er unter vielen andren die Entwicklung des Großaffenstamms über Insektenfresser, Halbaffen, Uraffen, Menschenaffen an. Es ist ja gewiß anzunehmen, daß Klugheit gepaart mit Stärke mehr der- mag als Klugheit allein, aber in vielen Fällen wird doch die letztere vollständig ausreichen. Unsre heutige Tierwelt weist sehr verschiedene große Vertreter auf. aber jede Art hat doch eine konstante Größe. Nur unter den niederen Tieren scheinen die Körpermaße höchst variabel zu sein, und zwar hängen sie hier, wie A. D. Mead für eine Seester»« art gezeigt hat(„American Naturalist" Jan. 1900), außerordentlich von der Nahrungsmenge ab. Durch verschiedene Füstenuig zog dieser Forscher in wenigen Monaten Exemplare heran, von denen die einen den andern um daS füufzigfache überlegen waren. Auch die meisten Pflanzen erreichen, je nach der NahningSmenge, die ihnen zur Verfügung steht, eine sehr verschiedene Höhe. Aber auch bei ihnen giebt es doch gewisse Grenzen; noch viel enger gezogen sind diese bei den höheren Tieren, wenn auch bei ihnen eine gute Fütterung im allgemeinen Größe erzeugt. Man nimmt mitunter an, daß Rahrungsüberfluß zwar Größe und volle Gestalt hervorbringe, die Leistungsfähigkeit dagegen vermindere. Das ist aber vielleicht nur für einige Sorten von Menschen richtig, denn andrerseits ist es auch gewiß, daß hohe Leistungsfähigkeit nur bei guter Ernährung erzielt werden kann. Ts scheint sogar, daß gewisse Fähigkeiten nur dann hervortreten, wenn die Nabrungsanfnahme überreichlich ist. Darauf deuten vor allein viele Rassen der dem Menschen nützlichsten Tiere und Pflanzen, die ihre auffallendsten Eigenschaften nur dann hervortreten lassen, wenn sie üverniäßig genährt werden, dagegen sofort versagen, wenn die Nahrungsgabe nur mäßig ist. In der organischen Substanz scheinen unendliche Fähigkeilen, unendliche Bildungsmöglichkeiten zu schlummern, und jede neue Einwirkung von außen bildet den Körper um, aber in vielen Fällen kann diese Um- bildung nur dann sich gut vollziehen, oder ist überhaupt nur dann möglich, wenn dem Körper alle Baustoffe in reicher Menge und zur beliebigen Auswahl zugeführt werden. Recht lehrreich ist in dieser Beziehung ein Kulturversuch, den Hugo de Bries mit einer Abart des Gartenmohns angestellt hat, der außer der großen nor- malen Fruchtkapsel noch kleine Nebenkapscln entwickelt. (Einguantsosirs ckg In Societe de Biologie.) Wird der Mohn unter ungünstigen Verhältnissen ausgesäer, so entstehen nur ganz wenige Nebenkapseln; je besser aber die Bedingungen sind, unter denen er beranwächst, um so schöner entwickelt sich dann die anormale Eigenschaft der Pflanze. Es entstehen ganze Kränze von Nebenkapseln, die dem Mohn ein eigenartiges Aussehen verleihen. Diese Nebenkapseln sind Umbildungen von Staubfäden, und offenbar können sich um so niehr Staubfäden zu Fruchtkapseln umbilden, je reicher die Nahrung fließt. Die letztere erhöht also nicht die Fülle und Größe der Pflanze, sondern sie bringt direkte Neubildungen hervor. Es ist bemerkenswert, daß die Kapselbildung nur dann reichlich auftritt, wenn die Pflanze in der ersten Jugendzeit gut gepflegt wird. Eine Störung während der ersten Entwicklungs« Periode, z. B. ein Umpflanzen, ein Beschatten usw., hatte auf die Ausbildung ihrer Eigenschaft den nachteiligsten Einfluß. Dagegen war eS für diesen Zweck ziemlich gleichgültig, ob schwerer oder leichter Samen ausgesät wurde oder ob der Samen von großen oder kleinen �Früchten genommen wurde. Das Entscheidende war allein die reiche Ernährung während der ersten Wochen der Ent- Wicklung. ... Wo Nahrungsmangel herrscht, da entstehen im allgemeinen Zlvergformen. Aber es beruhen doch nicht alle Zwergforinen auf ungenügender Ernährung. Es giebt auch einen Zwergwuchs, der von deni aus Nahrungsmangel hervorgegangenen verschieden ist. Was einen solchen Zwergwuchs bei Pflanzen anbelangt, so hat Paul Ganchery darüber eingehende Untersuchungen (.Amialez des Sciences naturelles) angestellt, die erkennen lassen, daß die Zwergwesen gewissennaßen Varietäten, aber keineswegs Miniaturbilder der normalen Gewächse sind. Ihre Blüten und Samen sind nicht einmal viel kleiner als bei den nor» malen Pflanzen, doch haben sie meist einfache ungeteilte Blätter, nnverzweigte Stengel, kürzere und weniger zahlreiche Jnternodien. Auch im anatomische» Bau zeigen sich zwischen den zwergwüchsigen und den normalen Pflanzen Unterschiede, die nicht sowohl auf den Proportionen, als auf der Qualität der Gelvebe beruhen. Die Existenz derartiger Zwergformen ist darum von Wichtigkeit, weil sie als Beweis gegen den Einfluß äußerer Lebensbedingungen an- gesehen Iverden könnte. Allein der Zwergwuchs bei normaler Er- nährung unterscheidet sich doch eben von jenem Zwergwuchs, der infolge von Nahrungsmangel eintritt. Denn bei dem ersteren zeigt die Pflanze abweichende Eigenschaften und es ist nicht unmöglich, daß zur Hervorbringung solcher ab- weichender Merkmale eine so große Nahrungszufuhr nötig ist, daß trotz derselben die Pflanze klein und niedrig bleibt. Noch wahr- scheinlicher aber ruhen die Eigenschaften des Zwergwuchses bereits im Samen. Bei der Ausbildung des Samens aber machen sich die verschiedensten Einflüsse geltend, schon die Lage desselben im Frucht- knoten kann auf seine Ausbildung von so großer Bedeutung sein, daß aus den verschiedenen Samenkörnenr eines Fnichtknotens nicht durchaus die gleichen Pflanzen hervorzugehen brauchen. Vielleicht ist dieser anormale Zwergwuchs aber wirklich erblich, er hängt also nicht von den äußeren Einflüssen ab, welche auf den Samen ein- gewirkt haben. Aber auch so kommt man nicht um die Einwirkung des Milieus herum. Denn die Vorfahren müssen doch ihre Eigen- schaften auch einmal erworben haben, auch sie sind einmal nichts andres gewesen als das Produkt ihrer Verhältnisse.— Kleines �euillekrm« — Eine»„Heinrich Seidel-Abend" hatte die Lessing- Gesellschaft am Montag im Beethoven-Saale veranstaltet. Von der Beliebtheit des Dichters zeugte der große Andrang deS Publikums, das den Saal bis auf den letzten Platz gefüllt hatte. Die Gedichte und Prosastücke, die zum Vortrag gelangten, dürften wohl noch ein erhebliches dazu beigetragen haben, diese Beliebt- heit des mecklenburgischen Dichters zu erhöhen. Seidels Verse haben etivas Knappes, Volkstümliches und Ungekünsteltes; feines Naturempfinden und ei» liebenswürdiger Humor kleiden stets seine oft reich pointierte Satire ein. Wer Seidelsche Gedichte hört oder liest, wird lebhaft an Fritz Reuter und Wilhelm Busch erinnert; Seidel hält zwischen beiden eben die Mitte.— Fräulein I e a n n e G o l z sang verschiedene Kompost- tionen Seidelscher Gedichte; ihr Vortrag war gut, nur reichte ihre Slimiwe, die sonst einen weichen und angenehmen Klang hat, in der HöheHicht recht ans. Otto Sommerstorff und der Dichter, Heinrich Seidel in eigner Person, trugen verschiedene Gedichte ernsten und humoristischen Inhalts unter allgcnieinem Beifall vor. Zum Vortrag gelangten u. a.:«Die Musik der armen Leute"— „Bevernest im russischen Dampfbade" und„Der Eiersegen", der wahre Heiterleitsstürme entfesselte.— — Neber Wege und Verkehrsmittel in China sprach in der Gesellschaft für Erdkunde kürzlich Freiherr v. Richthofen; nach seinen Ausführungen ist China das Land deS wimmelnden Verkehrs im Gegensatz zu den» europäischen Verkehr mit großen Kräften. Einerseits ist der Umsatz im Lande sehr bedeutend, andrerseits wären z. B. für die Leistung eines Güterzuges Berlin-Äöln mit 25 Loivry Steinkohlen gegen 20 Tagewerke von 5000 Menschen erforderlich, und die Transportkosten würden sich trotz der hochgradigen Bedürfnis- losigkcit der Chinesen doch auf etiva 20 M. für 60 Kilometer die Tonne, alio ungeheuer hoch belaufen. Jedenfalls kann man sich hiernach einen Begriff von der Umtvälznng der Verkehrsverhältnisse durch den Bau von Eisenbahnen und von dem Schrecken machen, der die Chinesen bei dem Auftauchen dieser Verkehrseinrichtuug befallen hat. Das Land bietet hinsichtlich des Verkehrs einmal große Äerschiedenheit im Süden und Norden, das andremal im Westen und Osten. Grenzen sind zwischen Süd- und Nordchina die Fort- setzungen des Knen-luen, die anfangs hoch und fast östlich laufend schließlich als Hügelketten im Bogen an die Mündung des Blauen Flusses führen; zwischen dem maritimen Ostchina und dem kontinen- talen Westchina der Abfall des Hoch- und Gebirgslands im Innern zu den Tiefländern des Nordens, bezw. dem Berg- und Hügelland des Südostens. Der Norden kennt als Verkehrsmittel neben dem Menschen, der überall das wichtigste ist, auch Tier und Wagen. Man benutzt Maultiere, Esel und Kameele, sehr wenig Pferde. Die Wagen find einachsig und wegen der sehr schlechten Wege ungemein fest ge- gebaut,„die Lust der Chinesen, der Schrecken der Europäer". Die Straßen sind alle sehr schmal, selten trifft man auf 5 Meter breite Wege, und in jäutmerlichcr Verfassung. Das großartige Straßennetz des Mongolenkaisers Kublai Chan ist völlig verfallen. Im Gebirgslaudo des Südens, Ivo die Flüsse die Erosion vollständig an'sgesührt haben, überwiegt der Wasscrverkchr. Die Chinesen sctzeir ihre Boote, die elastischen Boden -haben, über kleine Riffe hinweg. Der Zwischenverkehr wird auch hier durch Träger besorgt, Dampfer konnucn die großen Ströme, wie den Ha», an dessen Mündung Hankan liegt, und de» gewaltigen Dangtse heute schon hinauf. Im Osten herrscht mithin der freieste Verkehr, dagegen hat der Westen nur enge Fußwege und Reisende können dort schwer vorwärts kommen, zumal die Reisfelder erst im Herbst trocken sind. In Schaust bilden die 100 Meter mächtigen Lößformationen Schranken für den Vormarsch, da sie mehrfach steil abfallen. Solche Regionen müssen dann umgangen werden.— Voskskitnde. — Der Volksmund. Der Liebhaber der Volkskunde findet für seine Studien nirgends eine so reiche, schier unversiegbare Fund- grübe als im Munde des Volks. Wie Gevatter Schneider und Handschuhmacher ihren Gefühlen und Meimiiigen Ausdruck geben, wie sie jauchzen und wie sie klagen, wie sie lieben und wie sie hassen, wie sie schimpfen und wie sie fluchen,— das prägt die Eigenart des Volks klarer und deutlicher aus als die tiefsinnigsten Betrachtungen in dicken Bänden grundgelehrter Werke. Und ebenso lehrreich sind vergleichende Streifzüge ans einem Gau des Landes in den andren, bei denen man die' Wanderungen und Umgestaltungen der alltäglichsten Redensarten verfolgen kann. Dr. M i e l k e bat kürzlich im Berliner„Verein für Volkskunde" einen solchen Streifzug unter- nonnuen und stellte dabei zunächst fest, daß der Volksmund allent- halben fast inimer zu viel spricht. Die Knappheit des Ausdrucks ist nur sehr wenigen Menschen eigen. Das Mehr an Worten entspringt vielleicht der Freude an der Musik der Sprache. Der Volksmund liebt es, Gefühlsäußerungen mit gewisse» Lauten zu begleiten, wie ha, ah, eh, i, u, o. Laute, die an und für sich nichts sagen, sie sind aber eine musikalische Steige- rung, die für das Verständnis mehr beitragen, als Worte. Der musikalische Ausdruck der Sprache kommt insbesondere bei der Freude zur Geltung durch Ausrufe, die an sich nichts be- deuten, wie holdrio, hallo. In solchen Fällen kargt der Volksmund am wenigsten mit Worten, wie man an der Berliner Redensart„ick schreie mir bot" sehen kann. Es dürfte die Frage gerechtfertigt sein, ob die zwingende Gewalt zu den unartikulierten Ausrufen vom Klang oder dem RbytmuS ausgeht. Die elftere Annahme ist des« halb die wahrscheinlichere, weil in den Redensarten der musikalische Laut vorherrscht, und daß der Volksmund selbst noch eine Ahnung von der Herkunft der Ausrufe hat. beweist die Berliner Redensart: Da liegt Mufike drin; auch im Rheingau pflegt man zu sagen: eS ist Musik in dein Wein. Zu den ältesten Gewohnheiten des Volks gehört der Gebrauch der Schimpfworte. Um den Gegner zu reizen, wandte man auf ihn Tiernanre» an, die ihn herabwürdigen sollten. Wahre Muster von Schiinpfworten hat uns Homer überliefert und nicht minder die alten Kanzelredner. Doch diese Art von Schimpfivorten haben die Kraft verloren, denn mit Ausnahme der Bezeichnung„Hund" haben sie nicht mehr die Bezeichnung der Feigheit. Heute ist das Schimpf» wort meist der Ausdruck der Ungeduld wegen mangelnden Ver» ständnisses des Partners, oncy wandelt es sich oft zu sprachlichen Siegeln um, wie„Aas" usw. Neben dem Schimpfwort gewinnt der Fluch die Herrschaft; außer dem einfachen„verflucht" ist das„Donnerwetter",„heiliges Wetter" und andre Wendungen, die eine Uebergewalt aus« drücken sollen, am häufigsten,' gerade so wie bei den Ausrufen zur Abwehr von Schädigungen: Herrje, Jotte doch usw. Diese find übrigens auch sprachliche Ornamente geworden, die als Füllsel benutzt werden. Mit der häufigen Verschwendung von Worten steht indessen die ebenfalls vorkommende Worrkargheit in starkem Wider« sprach. Die Wortkarghcit ist oft so ausfallend, daß sie viele Sätze zu Siegeln zusammenschrumpft, wie bei der Frage: wohnst Du noch da? Ferner ist es eine Eigentümlichkeit des Volksmunds, daS schon Ausgesprochene zu»viederholcn; auch ist die Ueber- treibung ein ständiges Hilfsmittel, aber der Volksmund bleibt nicht beim bloßen'Renommieren, sondern greift zu Bildern, die in den detreffenden Gegenden ganz fremd sind. Am kernigsten ist der Volksmund auf dem Lande, wogegen die Redens« arten der Städter recht schal erscheinen, wie in der Wendung:„Da hört Beckers Weltgeschichte schon beim zweiten Bande ans." Die Redensart ist zwar' deutlich, aber sehr gekünstelt. Die Städter über- treiben auch viel mehr als die Landbeloohner. Einzelne Wendungen sind für bestimmte Gegenden charakteristisch, so für Bremen„und da", für Holstein„und sogar", für Berlin„ach so, ja". In vielen Gegenden sind die Bauern rcdefaul, weil die Einsamkeit eine gewisse Wortkargheit zur Folge hat, und unter den Bauern sind wieder diejenigen, die am einsamsten zn leben pflegen. wie die Schäfer, am wortkargsten. Das kommt auch beim Volksmund zum Durchbrnch. Der TypnS des modernen Städters dagegen besteht darin, mit vielen Worten nichts zu sagen. Den Berliner Witz schreibt man der Einwirkung der französischen Emigranten zu, aber diese Annahme ist unrichtig,' denn die Hugenotten, die sich in der Uckermark niedergelassen haben, hatten auf die dortige Bevölkerung eine solche Einwirkung nicht auS« geübt, sondern sind selbst wortkarg geworden. Gelvisse Eigen- tümlichkeiten bestimmter Städte, wie in Mainz die Gerad» heit, in Hamburg die Offenheit, in Wien die Gemüt« lichkeit sind nicht städtische, sondern stammesartliche Eigen« schaften Weiter ist beim Volksmund noch seine Neigung zu harmlosen Unwahrheiten hervorzuheben, die insbesondre bei der Frage nach dem Befinden zur Geltung kommt. Er hat aber auch überall die Neigung zum Klagen: mit dem Geschick zu hadern, ist eine Eigentümlichkeit, die alle Volkskreise haben, vom sitzengebliebenen Sextaner bis zum Großkaufmann, den» eine Spekulation mißglückt ist. Auch das Mißtrauen kommt im Volksmund zum Ausdruck, doch ist es meist nicht bösartig. Ueberhaupt hat das Volk häufig Lust zum Siäsonnieren, was zumeist der gekränkten Eitelkeit entspricht. Kurz, wenn man den Volksmund richtig beurteilen will, dann muß man sich darnach richten, was er selbst in seiner bekannten Redensart ausspricht:„Die Brüder muß man kennen."—(„Tägl. Rnndsch.") Meteorologisches. ss. Staubige Seefahrten, Von den Liebhabern des Seefahrcus wird es gewiß nicht an letzter Stelle als Vorzug be- trachtet, daß man dabei von dem Staub verschont bleibt, der einem die Fahrten über Land, sei es auf der Eisenbahn, sei es auf der Landstraße, meistens so sehr verleidet. Leider ist es aber gar nicht so, daß die Luft über der See uud sogar auf dem hohen Ocean wirllich staubfrei wäre. Wenn man z. B. auf einem großen trans- atlantischen Dampfer fährt, der täglich mehrere Hundert Tonnen Kohle verbrennt, und viele Hundert Passagiere an Bord hat, so mag man den sich im»ier wieder auf Deck ansammelnden Staub ans die Wirkung des Kohlenrauchs und der zu Tausenden über den Schiffs- boden hin und her wandelnden Füße schieben, aber die Erfahrmig lehrt, daß die Staubansamnrlung auf einen, solchen großen Dampfer sogar geringer ist, als auf einem Segelschiff mit wenigen Mann Besatzung und ohne jede Rauchentwicklung. Me, die mit den Verhältnissen auf Segelschiffen vertraut sind, wissen, daß inrmer eine außerordentliche Menge von Staub auf Deck zu finden ist, wie sorgfältig es auch am Morgen gewaschen und wie tvenig auch während des Tags gearbeitet werden mag. Der Staubfall er- eignet sich nach diesen Erfahrungen bei Einbruch der Nacht. Wahr- scheinlich ist, daß die dann eintretenden Nebel ihn aus der Luft herab bringen, denn es ist so gut wie erwiesen, daß die Wasser- bläsche» eines Nebels zu ihrer Bildung feiner Staubkörnchen be- dürfen, die gewissermaßen als Kerne zur Verdichtung des Wassers dienen, danach ist schon die Thatsache des Vorkommens von Nebel über dem Meere ein Beweis für die Anwesenheit von feinem Staub auch in der Scelnst. Daß auf Dampfern der Staubfall geringer ist als auf Segelschiffen kann dem Umstand zugeschrieben werden, daß der aus dem Schornstein aufsteigende Rauch den sonstigen Staub gerade von dem Schiffe fernhält, während die große Fläche von Segeltuch auf den Segelschiffen als Staubfänger wirkt.— jAstronomisches. — Die Geschwindigkeit der Meteore. Man schreibt der»Frankfurter Zeitung':»Prof. E l k i n, Direktor der Sternwarte des Dale-College. hat einen Apparat in Thättgkeit gesetzt, der die Frage der Geschwindigkeit der Meteore im Räume genauer zu lösen bestimmt ist. als dies durch die bisherigen direkten Beobachtungen geschehen konnte. Zieht eine Feuerkugel ihre leuchtende Bahn an, nächtlichen Himmel, so kann aus Beobachtungen von verschiedenen Standorten auf der Erde der Weg, den sie innerhalb der Erd- atmosphäre zurückgelegt hat, nach Aufangs- und Endpunkt genau ermittelt werden. Um aber die Bahn im Weltraum, die das Meteor direkt auf die Erde stoßen ließ, rückwärts zu berechnen, ist es noch sehr wesentlich, die Geschwindigkeit in diesem letzten Teil der Bahn zu kennen. Diese ergiebt fich, da die Länge des Wegs aus dem Orte des Anfangs- und Endpunkts bekannt ist. sofort, wem, die Zeit genau festgestellt ist, die das Meteor zur Zurücklegnng dieses WegS brauchte. Es ist aber höchst schwierig. diese kurze Zeit, die oft weniger als eine Sekunde beträgt und fünf Sekunden wohl nur selten übersteigt, mit der erforderlichen Genauigkeit abzuschätzen. Die Plötzlichkeit der Erscheinung Heller- Feuerkugeln läßt dem meist in Schätzungen so kleiner Zeiten ungeübten Beobachter gar nicht die Ruhe, dieses wichtige Element genau abzuwägen und die Notierungen der ErschcinungSdauer bei Meteoren fehlen daher meistens oder sind, wenn sie gegeben werden, nicht selten um 100 und mehr Prozent fehlerhaft. Dieser Fehler wirkt aber in vollem Betrage auf die Berechnung der kosmischen Bahn des Meteors und diese ist ja gerade das Interessante an der schönen Erscheinung.— ES ist nun schon oft gelungen, Stemschnuppenbahne» zu photographieren mit Linsen, die ein sehr großes Feld des Himmels auf einmal auf- nehmen, und Elkin führte nun noch dietz Idee aus. vor der aufnehmenden Platte einen Rahmen mit Schlitzen derart rotieren zu lasse», daß der Rahmen die Platte gegen das Sternenlicht ver- deckte, die Schlitze aber diesem den Zutritt gestatteten. Flog nun eine Feuerkugel durch den abgebildeten Raum des Himmels, so zeichnete sie nicht, Ivie sonst, eine zusammenhängende Linie, sondern eine in gleichen Intervallen unterbrochene. Die UMerbrechlingen rührten von den Verdeckungen durch den Rahmen her und die ans- gezogenen Stellen geben nun durch ihre Zahl an, wie viel Schlitze vor der Liiise passiert waren, während das Meteor seine Bahn be- schrieb. Da die Zeit, die ein Schlitz zum Passieren braucht, bekannt war, weil sie von der Geschwindigkeit der Um- drchung des Rahmens herrührte, so folgte aus der Zahl der ausgezogenen Stellen die Zeitdauer, die das Meteor zum Zurücklegen seiner Bahn in der Erdatmosphäre brauchte. Traten nun hierzu Beobachtungen von- mindestens einer andren Station, so konnte die räumliche Geschwindigkeit berechnet werden. Elkin teilt die Ergebnisse von fünf gelungenen Aufnahmen mit, und zwar hatten die betreffenden Meteore Geschwindigketten von 34,«, 32, o, 32,«, 39.s und 34.o Kilometern in der Sekunde. Diese großen Zahlen, die die Geschwindig- leiten unsrer Eilzüge um das Zweitansendfache übertteffen, können nur den erstauen, der vergißt, daß wir es hier mit kosmischen Be- wegungen zu thun haben. Da diese Geschwindigkeiten in einem Punkt des Sonnensystems statthaben, der sich sehr nahe der Erdbahn befindet, so liegt es nahe, sie mit der Geschwindigkeit der Erde in ihrer Bahn zu vergleichen. Die Erde läuft aber pro Sekunde 30 Kilometer, und sie beschreibt nahe» zu eine Kreisbahn. Nach mathematischen Gesetzen wird nun die Geschwindigkeit eines der Sonnen-Anziehung unterworfenen Körpers an einem bestimmten Punkt immer größer, je nachdem die Bahn ei» Kreis, eine Ellipse, eine Parabel oder eine Hyperbel ist(andre Kurven als diese 4 sind undenkbar). In der Entfernung der Erde wird nun eine Kreisbahn mit 30, eine Parabel aber mit 42 Kilo- meter Geschwindigkeit durchsaust. Obige 5 Meteore beivegten sich also sämtlich in Ellipsen, die der zweiien und dritten wichen»och nicht stark von der Kreisform ab, das vierte aber beschrieb schon eine sehr langgestreckte säst parabelähnliche Bahn, innnerhin aber noch eine Ellipse. Und das ist das Wichtige. Denn die Ellipse ist noch eine geschlossene Kurve, was Parabel und Hyperbel nicht find. Die fünf beobachteten Meteore waren also danenide Glieder des Sonnensystems, die oft die Sonne umkreist hatten, bis sie mit der Erde znsaminenstteßen. Sie stammen mcht, wie das sonst von den Meteoren angenommen wird, ans wellen» fernen Räumen, als Trümmer der Planeten andrer Sonnen fort» geschleudert, und in rastloser Wanderung begriffen, der der Zusammen« stoß mit der Erde ein Ende machte. Die' Fortsetzung der Elkinschen Versuche ist gerade unter den, Gesichtspunkt interessant, ob sich auch Meteore mit hyperbolischer Geschwindigkeit finden, denn aus jenen fünf lassen sich ja allgemeine Schlüsse noch nicht ziehen.— Humoristiscsies. — Subalterne Sorgen.„Ihr Adolf ist diel fähiger und fleißiger als der Sohn des Herrn Präsidenten.' „Um Gotteswillen, Herr Professor, wenn das meinem Manne nur nicht in der Carriere schadet!'—(„Simpl.') — Mißverstandene Aufforderung. Mutter: .... Der Herr, welcher mffer Klavier kaufen wollte, ist nicht wiedergekommen! Was für eine Auskunst hast Du ihm eigentlich gegebe»?" T o cb t e r:»Gar keine! Ich habe nur gesagt: Sprechen Sie mit Mama!" Mutter:»Ja, das war aber auch leichtsinnig l'— — Aus einem Roman.... Außer sich vor Freude stürzte er zu der Geliebten und rief ihr schon von weitem zu: Teure» Herz, freue Dich, wir können jetzt heiraten! Es ist mir endlich ge- lnngen, eine Hütte zu ettverbe», in der wir glücklich sein werden. (Schloß folgt.)' Notizen. — Ein Preisausschreiben veranstaltet der»Allgemeine deutsche Sprachverein", dessen Gegenstand die beste Verdeutschung der folgenden zehn Wörter ist: 1..Awateur, 2. Baby. 3. Concoura hippique, 4. Couplet, ö. Hotelrestaurant, 6. Pedal(beim Fahrrad), 7. Record, 8. Reclarne, 9. Rochade, rochiren, 10. Sweater(als Kleidungsstück). Preise: je fünf Mark. Bedingungen: 1. Die Verdeutschung darf in keinem Fremd- oder Verdentschungs-Wörterbuch enthalten sein. 2. Bciverbnngen müssen spätestens an, 31. Dezember 1900 bei Herrn Oberlehrer Dr. Siebert, Wilmersdorf bei Berlin, Wegener» straße 19. eingehen. — Fritz Skowronneks Schauspiel„Meine Tochter' (früher„Zwei Mütter' benannt) geht am Freitag im Luiseu-Theater zum erstenmal in Scene.— — Im Reuen Theater gelangt am Freitag Thilo von Trothas und Julius Freunds Schwank»Liebesprobe' zur erstmaligen Aufführung.— —»Der Brautvater', eine Gesangsposse von Adolf Rosse, mit der Musik von Heinrich Platz becker, wird dem- nächst am Central-Theater seine Erstaufführung erlebein— c. Leoncavallos neue Oper„Zaza" wird am 10. November in Mailand zum erstenmal in Scene gehen.— — In einem der größten Petersburger Theater herrscht nach der.Rossija' eine sonderbare Einrichtung: der Zugang Fremder zu den Garderoben der Schauspieler ist nicht ver- boten; um in die Garderobe der Schauspielerinnen zu gelangen, zahlt ein jeder Besucher fünf Rubel.— — Die ältesten Banknoten stamnren auS China und zwar aus dem Jahre 2S97 vor Christi Geburt. Ursprünglich wurden diese Noten von der kaiserlichen Schatzkammer ausgegeben, später auch von Banken, aber unter staatlicher Kontrolle. Sie waren mit blauer Farbe aus Papier gedruckt, welches aus den Fasern des Maul» becrbaumS gemacht worden. Eine solche Note ans dem Jahre 1399 vor Christi Geburt bewahrt das asiatische Museum zu St. Petersburg.— — Die erste Volksvorstellung im Weimarer Hof- t h e a t e r zu bedeutend ermäßigten Preisen war außerordentlich stark besucht. Kleists„Käthchcn von Heilbronn" wurde gegeben. Die Karten waren an den gewöhnlichen Billetschaltern an jedermann ausgegeben worden. Die Folge war, daß Balkon und Logen zum größten Teil von Pensionsdamen besetzt waren, die sich den billigen Preis von 1 M. zu nutze machten.— Verantwortlicher Redacteur: Dr. Georg Grndnauer in Grob-! Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.