Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 219. Sonntag, den 11. November 1800 «Nachdruck verboten.) so] Anke« TVolKen. Roman von Kurt Aram. „Besuch?" Davon wissen wir ja gar nichts", riefen einige indigniert. „Und zwar aus Berlin. Einen Mann!" „Ach, aus Berlin?" sagte Frau Weber höchst interessiert und reckte sich möglichst in ihrem schwarzen Kleid. „Jawohl, aus Berlin. Er schreibt Romane und solche Sachen, sagt meine Katharina. Und denken Sie sich, er und Frau Magda sind fast den ganzen Tag und auch viele Abende ganz allein. Denn warum? Ihr Mann hat aus dem Eisen- werk zu thun, nicht wahr?" „Freilich," ineinte Frau Roth aufmerksam und machte groste Augen. „Sie gehen auch viel allein spazieren trotz des Regens, sagt meine Katharina. Sie besuchen sogar die Leute im Dorf zusammen. Er schreibt nämlich einen socialen Roman, sagt meine Katharina, die es von dem andren Mädchen hat er- zählen hören, der Berliner sage daS so oft und so laut und überall, daß man das hören und behalten müsse, ob man wolle oder nicht." „Nein, wie interessant!" sagte Frau Weber. „Es ist noch lange nicht das ärgste. Denken Sie sich, meine Katharina sagt, es sei nicht ganz richtig zwischen den beiden. Sie liebten sich." „Dummes Geklatsch I" entfuhr es der Frau Oberförster. Frau Walter sah sie mitleidig an.„Das ist kein Klatsch, Liebste. Denn warum? Denken Sie sich, meine Damen, dieser Berliner Herr schläft gerade über ihr, nämlich ganz allein im zweiten Stock, sagt meine Katharina. Frau Magda im ersten grade drunter, und erst im Parterre ihr Mann. Nun frage ich Sie, ist das nicht unanständig? l Im höchsten Grade unsittlich!?" „Aber Frau Schuldirektor I" fiel die Frau Oberförster ernstlich böse ein.„Ich must Sie doch dringend bitten, vor- sichtig zu sein mit Ihren Anschuldigungen und Verniutnngen I Wie könne» Sie aus diesem harmlosen Zufall solche Folgerungen ziehen!" „Unschuldiger Zufall?" sagte Frau Walter und wurde ganz rot vor Aergcr. Uin ihrer Behauptung gleich festeren Boden nnter die Füße zu geben, erfand sie schnell etwas Ve- lastendes und sagte:„Geküßt haben sie sich schon, sagte ineine Katharina." „Wirklich? Wie sehr, sehr interessant! l" rief Frau Weber. „Finden Sie? meinte Frau Blau so recht säuerlich.„Ich würde das etwas anders nennen!" „Das glaub' ich einfach nicht!" fiel die Frau Ober- sörster ein. „Aber ich versichere Sie," sagte Frau Walter ganz be- Wdigt.„Ich habe es doch gesagt, daß sie sich geküßt haben. Bedenken Sic doch I Sagt das nicht alles?" Sie hatte selbst schon vergessen, daß sie es einfach erfunden hatte. Nicht aus Bosheit, sondern weil die Frau Oberförster ihr nicht hatte glauben wollen, und sie fest überzeugt war, daß sich die beiden schon längst geküßt hatten, ja wohl auch noch manches andre gethan. Wenn die Katharina davon auch nichts gesagt. Haha, die werden gerade die Dienstboten dazu rufen! „Ich bleibe trotzdem bei niciner andren Meinung," be- harrte die Frau Oberförster. Die andren Damen beruhigten sie. Sie solle sich doch nicht so ereifern, man wolle ihrer Frau Magda ja gar nichts thun, wenn die Sache auch nicht ganz sauber zu sein schiene, wenn sie sich schon geküßt hätten. „Und bedenken Sie. ein Berliner!" meinte Frau Weber vielsagend.„Die sind ja alle so." „Woher wissen Sie das?" lächelte Frau Blau.«Soviel ich weiß, waren Sie noch nie in Berlin. Oder täusche ich Nlich? Dann bitte ich um Entschuldigung." � Frau Weber sagte geärgert:„Mein Mann hat es mir erzählt, und der kennt voraussichtlich Verlin besser als Sie, Frau Amtsrichter." „Ich glaube es eigentlich auch nicht", meinte Frau Roth.„Ein Berliner! Der hat doch wohl einen besseren Geschmack." Die Damen lächelten milde über die bekannte Schwäche der schönen Frau Anitsrichter. Als ob nnr ihre Art Schön» heit von Männern schön gefunden werden könnte! Gerade als Frau Walter von neuem anfangen wollte, that sich die Thür auf, und herein traten Otto, Magda und Schäfer. Die Damen schwiegen ganz betreten still wie Schul» mädchen, die auf einem Unrecht ertappt werden. Im Eifer des Sprechens hatten sie alle das Vorfahren des Wagens überhört. Otto sah es ihnen natürlich an, daß über ihn und feine Frau, vielleicht auch den Berliner geredet worden war. er kannte ja das Klatschnest. Er machte nur eine ganz leichte, spöttische Verbeugung und ging mit Magda und Schäfer so- fort ins Nebenzimmer, in das auch der Förster mit vieler Höflichkeit und Unterthänigkcit folgte. Es war immer ein guter Tag, wenn Otto kam. An ihm verdiente er mehr als an der ganzen übrigen Gesellschaft. Allmählich erholten sich die Danren von ihrem Schreck. Nun fanden sie es eürfach empörend, beleidigend, daß die drei sich nicht zu ihnen gesetzt hatten. Mochte eben noch die eine oder andre der Damen so etwas wie Gewissensbisse empfunden haben wegen des Klatschens, jetzt war es damit vorbei. Dies empörerrde Betragen hatte alles weit gemacht. „Nein, was ein magerer Mensch!" sagte die dicke Frau Walter leise.„Aber so ein magerer Mensch!" Sie meinte Schäfer, und eS klang sehr verächtlich, wie sie daS sagte. „Da passen sie doch gut zusammen", scherzte Frau Roth. „Ich finde das apart und viel schöner als all die Bier- bauche!" erklärte Frau Weber enthusiastisch. „In der Beziehring war ihre Wahl in der That keine sehr glückliche." meinte Frau Blau und»lachte dazu ihr liebenswürdigstes Gesicht.— Bettchen, Fiencheu und Lieschen wandelten immer noch durch den Tauileinvald. Fiencheu war müde und wollte, daß man wieder ins Haus ginge. Doch die beiden andern gaben das nicht zu und lächelten schlau wie zwei Verschwörer, die ein großes Ge- heimnis mit einander haben. „Was habt Ihr denn nur hier?" fragte Fiencheu. „Hihi," sagte Lieschen, schwieg aber sofort auf einen drohenden Blick Bettchens hin. Bettchen war stark und koimte tüchtige Püffe austeilen, wenn sie gereizt wurde, daß es blaue Mäler gab. Lieschen hatte Respekt davor.> Schon zum vierten Mal schlugen sie denselben Weg ein in dem Tanncnwäldchen. „Das ist einfach langweilig," erklärte Fienchen. „Nein, ich finde es himmlisch", versicherte Bettchen und wurde feuerrot. Sie kehrten wieder um, denn Bettchen hatte wieder ganz da vorn an der Wegbiegung den harrenden Vanunternehmcr gesehen, der sich hinter einer dicken Tauue versteckt hielt, so gut es ging. Schon als sie zum erstenmal diesen Weg gingen, hatte Bettchen ihn gesehen. Das Hihilieschen ebenfalls. Aber die beiden Mädchen wußten nicht recht, was sie thun sollten. Das weitere war doch eigentlich des Vanunteruehmers Sache, dachte Bettchen ärgerlich. Viel Courage hat er jedenfalls nicht. Gott sei Dauk, daß er nicht sie, sondern das Fienchen heiraten wollte. Der Bauunternehmer war eines Maurers Sohn und selbst lange Maurer gewesen. Allmählich war er hoch ge- kommen und verdiente jetzt viel Geld. Aber sein Geist wie seine Fäuste zeugten noch gar sehr von seiner früheren Thätig- kcit. Seitdem er zu Geld gekommen, kannte er nur{noch einen Ehrgeiz: Eingang finden in die„vornehme Welt", wie man im Städtchen kurzerhand die Mitglieder des„Klub" nannte. Aber diese„vornehme Welt" wollte mit ihm nichts zu thun haben. Er stellte sich zur Wahl, erhielt aber fast nur schwarze Kugeln, sein Aufnahmegesuch in den Klub war also abgelehnt worden. Er blieb zwar so dick wie bis- her, behauptete aber seitdem, das sei nichts als Lkrankhaftig- keit, die sich bei ihm in Fett zeige. Er fühlte sich wirklich seit dieser Ablehnung ganz krank und elend. Da seine Begier nun fast aussichtslos war. verbohrte er sich nur noch mehr in den einen Gedanken, doch noch Eingang zu finden in die. ..vornehme Welt". Schließlich riet ihm sein weltkundiger Vater, er solle ein- fach eines der Mädchen der vornehmen Welt heiraten. Er habe ja Geld, das sei heutzutage die Hauptsache. Seitdem besuchte der Bauunternehmer alle Bälle und Vergnügungen des„Klub", soweit sie nicht„geschlossen" waren, und das waren die wenigsten, da es bei den Bällen wie überall in der vornehmen Welt so auch hier, an Tänzern fehlte und man bei solchen Gelegenheiten schon ein Auge zu- drücken mußte, wenn nicht die halbe weibliche Jugend der „voruehmen" Welt an den Wänden sitzen sollte, ohne zum Tanzen zu kommen. Der arme Bauuntemehmer machte aber auch jetzt meist üble Erfahrungen. Lieber verzichteten die meisten jungen Damen überhaupt auf das Tanzen, als daß sie mit einem getanzt hätten, dessen Vater„Speis machte und Ziegel trug". Wenn der dicke, vierschrötige Mensch, schon im Voraus Angstschlveis auf der Stirn, aber nnt einem möglichst siegesgewissen Gesicht und hochgezogener Stirn, die großen Maurer- säuste in gewaltigen weißen Handschuhen, in den Saal stolperte, lächelte alles. Und wenn er dann vor einer der jungen Damen seinen Kratzfuß machte, den er in seiner Tanzstunde gelernt hatte, der also im Klub höchst unfein war, machte die betreffende junge Dame ein schnippisches Gesicht und that, als sähe sie überhaupt nichts. Wenn er das dann für ein Ja zu nehmen suchte und den langen Ann nach ihr aus- streckte, ging die junge Dame schleunigst zu ihrer Mama, die dem Rüpel einen wütenden Blick zuwarf, daß er sich unter- stehen konnte! Das Fienchen aber war freundlich zu ihm. So hatte er es denn bald auf sie abgesehen. Sie wollte er heiraten und dauiit Aufnahnre finden in die vornehme Welt. Fienchen tanzte wenig, da es nicht gerade schön war, auch kein Geld hatte. Daher freute es sich, wenn es überhaupt einen Tänzer fand. Auch die Mutter hatte im Grunde nichts dagegen, denn sie hatte sich für ihr Fienchen längst bescheiden gelernt. Alle Welt erwartete die Verlobung; und ausnahmsweise gönnte man die beiden einander, da sie niemand beneidete, mochte er auch Geld haben. Denn so viel war es gewiß nicht, daß man über den Mangel an Bildung hinwegsehen konnte. Bei Fienchen war das aber was andres, sie konnte keine Ansprüche machen, gar keine.' Jedoch die Verlobung erfolgte nicht. Der Bauunternehmer wußte nicht recht, wie er es anfangen sollte, und er wollte es doch möglichst vornehm anfangen; Fienchen aber tvar noch zu unbeholfen, um ihm zu helfen. In dieser Zeit war es gewesen, daß Fienchen beschlossen, immer bei ihren Eltern zu bleiben. (Fortsetzung folgt.) SonnkÄgsplÄttdevei. Die Ritualmordprozessc, die gegenwärtig in Könitz und Pisck— von letzterem erfährt der reichsdeutsche Leser wegen des durch Könitz und Sternberg bewirkten Raummangels nichts— wirken nicht in der rechten Richtung aufklärend, ihre Hauptlehre ist bisher nicht hervor- geholt worden. Daß es Leute giebt, die an Ritualmorde glauben — du lieber Himmel— es giebt ja auch Leute, die an die Unfehl- barkeit der Pnpsle und Könige, an das gute Herz des Kapitalismus, an den Segen triegerischer Massennational-Ritualniorde, an Welt- Politik, Professoren, ZWinister und ewige Liebe glauben, warum sollten da die Köpfe nicht auch mit religiösen Blut- opfern spielen! I Ich gestehe: in dieser Hinsicht ist mir Könitz langweilig. Es ist nur ein vernünftiges, aber dafür auch geradezu erlösendes Wort in diesen Tagen von Könitz gesprochen worden, und ich erkläre das, obwohl ich mich erinnere, daß auch ein Redactcur des„Borivärts" mitgewirkt hat— und dieses eine be- freiende Wort stammt vo» Rosa Meyer, die ja auch ein wenig mit- ritualmordet hat. Rosa Meyer hat ihre Eindrücke und das Ergebnis des Prozesses nnt genialer Treffsicherheit in den einen Ausruf zu- sammcugefaßt, der alles erschöpft, obwohl er nicht einnial schnft- deutsch oder schrifthebräisch ist und die christlichen Gefühle der ge- schworenen Oberlehrer von Könitz tödlich verletzt, Rosa Meyer gab unter ihrem Zeugeneid das prachtvolle einsilbige Urteil ab:„Quatscht" Wahrhaftig. Rosa Meyer imponiert mir. ich möchte sie kennen lernen, sie tönnte mir gefährlich werden. Ich grüße Dich Rosa Meyer I Dein Urteil war in jeder Hinsicht ein Schwur der vollkommenen Wahrheit, vielleicht der einzige ganz korrekte unter all' den Eiden. Materiell wüßte auch ich nichts andres über Könitz zu sagen, wie meine tlnge, aufrichtige und präcise Rosa Meyer. Aber formell finde ich diesen und den ähnlichen Prozeß von Pisek(Pobia) über alles bedeutend. Denn er belehrt die strafmnndigen Staatsbürger, wie leichtsinnig sie bisher mit ihrem und ihrer Familie Wohl gespielt haben, er zeigt dräuend und spornend, daß es die allererste Pflicht einer rechtschaffenen und strafmüudige» Person sei, über jeden Augenblick seines' Daseins von der Geburt bis zum mehr oder minder unnatürlichen Tod urkundlich sein Alibi nachweisen zu können. Jeder Mensch über vierzehn Jahre kann jedes Verbrechens in jedem Moment beschuldigt werden'— das ist die Voraussetzung und daS Lebensprincip der gesamten Rechtspflege. Und gegen solche Anklage schützt selbst die Urteilsfähigkeit einer Rosa Meyer nicht— da hilft einzig und allein ei» einlvandfreies Alibi. Ich frage alle meiiie leichtsinnige» Leser: Was habt Ihr am 14. Februar 1390 acht Uhr dreißig Minuten abends gethan, wo seid Ihr gelvesen?— Ihr wißt es nicht, ich wette. Ein Grausen packt mich, wenn ich erwäge, Ivelche Gefahren Euch aus dieser Unwissen- heit erwachsen können, die Euch von vornherein jeder Unthat verdächtig macht. Sagte doch schon der alte griechische Weise, es sei der Hauptsatz aller Tugend: Guotiri sauton— Beweise Dein Alibi. Ich will Euch ein eignes Erlebnis erzählen, das ich auch be- schwören würde, falls ich das Glück hätte, Gynniafiallchrcr oder Gesindevennieterin in Könitz zu sein— ein Erlebnis, das Euch be- weisen ivird, daß es mehr als selbstmörderisch ist, wenn man es unterläßt, sei» Alibi für alle Tage und Lagen des Daseins zu führen. Es war am 29. März 1896, da erschien in meiner Wohnung ein Polizcikommiffar, behauptete, ich hätte eine irgendlvo gedruckte Majcstätsbeleidigung begangen und er wolle deshalb bei niir nach handschriftlichem Material hauSsucheu. Ich hatte gegen diese an- genehme Unterbrechung meines eintönigen Lebens um so weniger etlvas einzuwenden, als crfahnmgsgemütz einmal HauSsucheu Ivie dreinial Staubwischen wirkt. Und der Mann kramte in meinem Schreibtisch. Plötzlich holte er aus einem seitlichen Schubkasten ettvas hold Blinkendes, daS er arg- wöhnisch musterte. Mit einem jähen Aufschrei stürzte ich auf de» Kommissar— dieser Glückspilz hat ein Zwanzig-Mark-Stück unter meinen ungeordneten Briefschaften entdeckt. Das war unstreitig eine der größten Entdeckungen des Jahrhunderts. Das Kleinod mußte wohl aus einer jener Epochen meines Lebens stammen, da ich den ernsthaften Vorsatz faßte, zu sparen; dieses Goldstück hatte offenbar den Grundfonds meines zu erivartendcn Sparvermögcns gebildet, es blieb einsam und mit dem Vorsatz selbst hatte ich auch den Air« fang der Ausführung vergessen. Natürlich war der Kommissar durch mein auffälliges Benehmen mißtrauisch geworden. Außerdenr besaß er Kenntnisse in der deutschen Litteratur; er wußte mithin, daß undenkbar sei, daß ei» deutscher Schriftsteller am 29. März über eiir unangebrochenes Zwanzig- Mark- Stück verfüge. Da ich mich über den rechtmäßigen Eriverb des Schatzes nicht ansiveisen konnte, nahm er ihn unbarin- herzig mit sich, obivohl ich das entdeckte Goldstück bereits phantastisch verausgabt hatte. Ich trauerte tief, der Kommissar aber strahlte; er hatte das corpus ckslloti zwar nicht einer Majcstätsbeleidigung, dafür aber eines D i e b st a h l s entdeckt. Nach ein paar Woche» bekam ich denn richtig eine Anklageschrift ivegen— Diebstahls. Der Eigentümer des Zlvauzig-Mark-Stücks hatte sich nämlich gefunden— ein Kleiderhändler i» Danzig. Ich war hinreichend verdächtig, diesen! ehrenwerte» Vertreter von Handel und Wandel am 12. April 1394 vom Ladentisch die Münze geraubt zu haben, in einem Augenblick, als der Besitzer gerade den Rücken drehte. Ich antwortete auf die Ausarbeitung der Staatsanwaltschaft, dem Sinne nach, wie meine unbekannte Freundin Rosa Meyer, nur ein wenig höflicher. Ich erklärte näm- lich die behördliche Vermutung für„lachhaft". Die Folge meiner allzu aufrichtigen Verteidigungsschrift war die Eröffunng des Haupt- Verfahrens. Mein vor dem Kommissar eidlich bekundeter Schreck bei der Auffindung des Goldstücks, der unglaubliche Reichtum am 29. des Monats und am Schlüsse des Quartals, meine Verlegenheit, den Eriverb des Gelds nachzuweisen und endlich die Thatsachc, daß ein mit mir, nach Aussage des 5kanfinantts, identisches Individuum am 12. April 1894, nachmittags 6.20 in Danzig das Geld vom Laden« tisch gemopst hatte— allcS das türmte sich zn einein BclastnngS- Material zusammen, unter dem das Bewußtsein meiner Unschuld elend zusammenbrach. Vor Gericht suchte ich vergebens dem Gericht und seinem grün- licb schillernden Präsidenten nachzuweisen, ich hätte nicht die Ge« wohnheit, solche Kleinigkeiten zu stehlen, ich hätte mich nicht vor Schreck, sondern vor Freude auf den Kommissar gestürzt usiv. Der Präsident verlangte von mir den Nachweis, was ich am 12. April 1394 getrieben hätte. Präsident: Also erzählen Sie, wo Sie seit dem Morgen dieses Tags geivefe» sind und was Sie gethan haben? I ch:' Keine Ahnung l Präsident: Aeußern Sie sich, wie es sich vor Gericht schickt. Keine Ahnung— ist schnoddrig. Ich muß es für sehr bedenklich halten, daß Sic als ein Mann von akademischer Bildung nicht ein- mal ivissen ivollen. was Sic am 12. April 1894, also vor kaum zwei Jahren, gethan haben. Ich: Herr Präsident, wissen S i e etwa, was Sie an diesem Tage verrichtet haben? Der Präsident wurde noch um eine Nuance grünlicher, drohte, mich wegen Ungebühr in Strafe nehmen zu wollen, und, indem er mich mit seinen Blicken durchbohrte, fragte er mich, ob ich niemals in Danzig gewesen wäre. I ch: Niemals. Präsident: Ich finde es sehr eigentümlich, dah Sie, der Sie so weit in der Welt herumgekommen siiid, gerade nicht in Danzig gewesen sein wollen. Ich: Ich wundere mich auch darüber. Präsident: Benehmen Sie sich anständig, Angeklagter. Sie wollen also von nichts wissen; da werden wir durch die Zeugen Ihr Gedächtnis schärfen müssen. Darauf wurden einige dreißig Zeugen vernommen, die mich sämtlich in Danzig am 12. April 1894 nachmittags in der kritischen Zeit gescheu hatten. Ganz Danzig hatte mich, wie es schien, beobachtet. Zunächst kam der Ladeniuhaber: Er öffnete unwillkürlich seine Arme, als ob er mich umfangen wollte, so freute ihn das Wieder- sehen. Er beschioor, ich sei es und niemand anders, der ihm das Goldstück vom Ladentisch genommen hätte. O, er beschrieb mich genau: Graner Anzug, Kneifer, mittelgroß, blasses Geficht, gerade Nase, gelichtete Stirn, schmächtige Erscheinung. Es war kein Zweifel. Eine kleine Unebenheit bestand darin, daß der Zeuge zuerst gesagt hatte, ich hätte nnt dem Hut ans dem Kopf dagestanden. Woher wußten Sie denn, daß die Person eine gelichtete Stirn hatte, wenn der Kopf bedeckt war, fragte nicin Verteidiger. Der Zeuge lächelte überlegen: Na, ich dachte mir das. Die folgenden Zeugen erkannten mich alle bestimmt wieder, wenn auch im einzelnen die Aussagen ein wenig von einander ab- wichen. Dem Gepäckträger, der meinen Koffer aus braunem Segel- tuch getragen hatte— es wurde festgestellt, daß ich so einen besäße—, hatte ich in meinem hellgrünen Anzug, meinem tiefroten Geiicht und der gewaltigen Habichtsnase einen unauslöschlichen Eindruck gemacht; er schwor, daß er sich nicht irre. Eine alte Frau beschrieb mich als einen Meergrcis in dunkelblauem Gewände, kupfriger Nase und dickem Leib; sie hatte mich in den Laden treten sehen, genau an demselben Tage zu der bezeichneten Minute. Mein Verteidiger erlaubte sich die Frage, warum sieZsich gerade diesen Tag so genau gemerkt habe.„Ich hatte an dem Tage Kartoffelsuppe gegessen", war die Anttvort. Andren war die Breite meines Rückens sotvie das Braun meines Anzugs aufgefallen und im Gedächtnis geblieben, einige legten einen Eid auf blaue Brille, violette Hosen und hinkende Beine ab, während liebenswürdigere Leute sich die geschmeidige Strammheit meines Gangs gemerkt hatten. Eine etwas schwerhörige Zeugin hatte sogar g e seh en, daß ich stotterte. Auf alle Fälle war ich es imd jeder Irrtum ausgeschlossen. Ich gestehe, daß mir allmählich schwül wnrde, wie sich das Netz enger und enger um mich zusammenzog. In dieser Todesfurcht kam nur est: Gedanke. Herr Präsident, schrie ich, jetzt weiß ich genau, was ich alles am 12. April 1394 gethan habe, ganz genau. Der Präsident grinste boshaft:„Auf einmal I So erzählen Sie." Mit der Allgewalt eines Gicßbachs stürzten meine Worte: „Ich bin aar 12. April 1894 zu Berlin um 7,ö4 morgens in der Elsaffcrstraße Nr. 24, Seitenflügel rechts vier Treppen ans- gestanden. Ilm 8,15 trank ich ein Glas Thee und aß ein Hörnchen. 8,30 ging ich auf die Straße. In der Friedrichstraße am Oranien- burger Thor begegnete ich 8,33 einer mir unbekannten jungen Danie; ich lächelte sie an. Die Dame wird dies Lächeln beeidigen.� wenn man sie als Zeugin lädt. 8,45 las ich an der Anschlagsäule Ecke Friedrichstraße und Unter den Linden die Theater- eitel. Ein Schutzmann stand»eben mir, er wird bezeugen können, aß ich es gewesen bin. Um 8,51 ging ich zum Aschinger an der Leipzigerstraße. Ich trank für 10 Pf. Kulmbachcr Bier und aß ein .Brötchen mit Lachs und eines mit Ei. Ich bitte, das Aschinger- Fräulein zu laden, sie wird es bestätigen... In diesem Augenblick unterbrach mich der Präsident wütend: „Es ist erstaunlich, wie genau Sie alles noch wissen, obivohl der Fall doch zwei Jahre zurückliegt. Das ist höchst verdächtig." I ch: Und vorhin-fanden Sie es verdächtig, daß ich nichts wußte. Der Präsident verbat sich derartige unpassende Bemerkungen. Nachdem ich dann mit der gleichen Ausführlichkeit und Genauigkeit den übrigen Tag geschildert, wurde die Vernehmung geschlossen. Der Staatsanwalt plädierte auf 6 Monate Gefängnis. Als der Gerichtshof sich zurückzog, war ich überzeugt, daß mein Schicksal besiegelt sei. Mein Verteidiger versuchte mir umsonst Trost zuzusprechen; er glaubte selber nicht an einen guten Ausgang. Gc- langweilt stöberte der Anwalt ein wenig auf dem Gerichtstisch. Dort lag das fatale Goldstück. Er nahm es in die Hand und che- trachtete es sinnend. Ich glaubte einen Anstrich von Frohsstm auf seiueni Gesicht zu sehen, aber der Antvalt sagte nichts. Der Gerichtshof kehrte zurück. Der Vorfitzende bedeckte sein Haupt und fuhr mich aii:„Angeklagter, stehen Sie auf". Jetzt wußte ich es— keine Hoffnung mehr. Da, bevor noch der Präsident weiter reden konnte, erhob sich mein Verteidiger und begann mit scharfer Stimme:„Verzeihung, ich habe noch eine wichtige Mitteilung zu machen". «Nu»?" „Das Goldstück ist nämlich, wie der Augenschein lehrt, erst im Jahre 1895 geprägt, es ist also unmöglich, daß es bereits mv Jahre 1894 gestohlen worden ist." Der Präsident erreicht jetzt das Höchstmaß des Grünlichen. Er blickte auf die Münze, und in panischer Flucht zog sich der Gerichts- Hof zu abermaliger Beratung zurück. So wurde ich denn freigesprochen. Seit jenem Tage bin ich vorsichtig geworden. Ich führe über jeden Augenblick meines Daseins Buch, so daß ich aus diesem Gruild meine sonstigen Arbeiten habe bedeutend einschränken müssen. Jeden Tag lasse ich mir meine Angaben durch zwei einwandfreie Zeugen beglaubigen. Ich habe für alle F.älle mein un z w ei f e l- Haftes Alibi. So bin ich wenigstens sicher, daß ich nicht Ver- brechen zu begehen brauche, von denen ich nichts wtiß.— Joe. Defveggev. Die Akademie der Künste hat in ihren Ausstellungsräumen Unter den Linden eine größere Zahl von Gemälden und Entivürfen Defreggers vereinigt, die einen Ileberblick über sein Schaffen ge- währen sollen. Es giebt kaum einen deutschen Maler, der so bekannt geworden wäre lvie Defreggcr. Diese Thatsache wird besonders auffällig, wenn man seine jetzige Ausstellung durchsteht. Von all den Werken, ja selbst von den Studien ist niaii schon zahllosen Reproduktionen in Kunst- und inehr noch in Familienzeitschriften begegnet. Und so viele von ihnen bei einander zu sehen, ist für sie gefährlich. Die Schwächen drängen sich da förmlich auf; man wird gewahr, wie gleichförmig und einseitig Defreggers Malerei von Beginn an geblieben ist, über eine wie geringe Zahl von Motiven er verfügt hat. Gleich vorn im Hauptsaal der Ausstellung steht in einer Ecke ein von ihm selbst gemaltes Porträt des Künstlers. Von diesem sollte man ausgehen, wenn man das rechte Verhältnis zu ihm ge- Winnen will. Er hat Vielen Vieles gegeben und so den Anspruch darauf, daß man sich bemüht, ihm nächzugehen und zu suchen, was er ihnen denn geboten hat. Man versteht es vielleicht, wenn man in diese lieben graublauen Augen schaut, die auS dem weich- gezeichneten Gesicht so unendlich gutmütig in die Welt blicken und ein warmes Herz und eine liebevolle Anteilnahme an dem Leben da draußen verraten. Das ist der Defregger. der in seinen Bildern so lieb von seinen Tiroler Landsleuten erzählt hat und von ihren Leiden und Freuden so Rührendes oder so Spatziges zu de- richten wußte. Von diesem«lieben Kerl" lebt in allen seinen Bildern etwas, das schließlich auch den feffelt, dem sie rein künst- Icrisch nichts zu bieten habe». Und hat man sich das einmal klar gemacht, dann darf man sich auch vergegenwärtigen, was diesen Bildern, rein als Malwerke betrachtet, fehlt. Defregger hat, das ist allbekannt, das„Tiroler Genre" in die deutsche Malerei eingeführt. Er selbst ist Tiroler, im Jahre 1835 in Stronach im Pusterthal geboren, und er hat selbst als Bauer auf dem Edelhof gewirtschaftet, bis seine Untanglichkeit fiir diesen Beruf bewiesen war, und er als Fünfundzwanzigjähriger den Hof verkaufte, um seinem tiefsten Wunsche geniäß Künstler zu werden. Man sollte also meinen, daß er völlig mit seinen Laudsleuten fühlen und sie durchaus so nehmen könnte, lvie sie sind. Aber nein, gerade er hat sie erst civilisiert, ehe sie ihm gewissermaßen hoffähig für die Malerei erschienen. Er hat die Galen« hübscher, fesch ausschaueuder Buben und Dearndür ge- schaffen, die in endlose« Variationen die Leinwandflächen zahlreicher deutscher Maler bevölkern. Sie riefen einen Sturm des Entzückens hervor, sie waren es auch Ivohl, die die Tiroler, ihre Kostüme und ihre Tänze in Mode gebracht haben; aber allmählich ist doch die Erkenntnis gekommen, daß sie nicht„echt" sind, daß Defregger seine Landslcute gar zu sehr durch eine rosa Brille angesehen hat. Auf einem seiner bekanntesten Bilder stellt er den„Salontiroler" dar: ein Herr aus der Stadt, der sich ein„echtes" Tiroler Kostüm an- gelegt hat, wird von den Dorfleuten, den Männern wie den Mädeln, ein wenig gefrozelt. Das soll den Gegensatz zwischen Stadt und Land illustrieren. Aber schließlich befinden sich die Repräsentanten der Tiroler in gleicher Verdammnis wie der Herr, über den sie sich lustig machen: sie haben vom Städter selbst ein gutes Teil in sich, sie scheu eigentlich auch nicht anders aus, als ein in das Kostüm gesteckter Städtbeivohner. Im Grunde genommen sind alle Tiroler, die Defregger inalt—„Salontiroler". Von demselben Geiste zeugen auch die Motive seiner Gemälde. Wollte man das Leben in Tirol nach diesen beurteilen, es müßte eine Art dörfliches Hnnmclreich sein; Schuhplattlern. Singen und früh- liches Zechen und dazu natürlich auch noch Raufen wären die Haupt- thätigkeiten der Tiroler, und selbst das Wildern wär ein gar lustig Ding, das nur von hübschen Leuten geübt wird. Es ist dieS nicht etwa Defreggers Besonderheit, so Häven alle die Maler das Leben der Bauern angesehen, die um die Mitte des Jahrhunderts aufs Land hinauszogen, sie zu„entdecken". Uns ist diese schönfärbende Anschauung heut fremd geworden. Es wäre falsch, wollte man annehmen, Defregger habe mit Fleiß seine Landsleute bewußt idealisiert. Dem gutmütigen Mann, der mit seinem Porträt vor uns steht, mag die Welt nicht anders erschienen, sein, oder vielmehr, in seiner Erinnerung mögen die herben Züge abgestreift und nur das Reizvolle, das Anmutige geblieben sein. Er liebte seine Tiroler. und in seiner Anschmnmg»ahmen sie die Züge a», die er an ihnen am liebsten sah. Darüber sind sich wohl alle Beurteiler einig, dah das Malerische die schivächste Seite von Defreggers Kunst ist. Seine Bilder wirken regelmäßig besser, wenn man sie in der Reproduktion sieht. Es ist sogar erschreckend, wenn man in dieser Ansstellmig verfolgt, wie er, nachdem er die erste llnbeholfenheit seiner Bnfnngszeichnuiige» über- wunden und in der Pilolhschule sich eine gewisse Routine angeeignet hat, durch sein ganzes Leben hindurch eigentlich in seiner'maleri- scheu EnIIvicklung stehen geblieben ist; eher würden sogar die früheren Bilder in ihrem konsequent durchgeführten braunen Grundkon besser erscheinen, als die letzten, in denen das Streben nach Aufhellung ihn zu grellbunten harten Tonen geführt hat. Aber das ist iinr unwesentlich; im allgemeinen ist es immer dieselbe Hannonie in einem schnmtzigbranncn Gnuid- ton, gegen den die reizlosen Lokaltöne, die durch die farbigen Ge- wänder geboten waren, nicht aufkommen. Was an Defregger so besonders gefallen hat, das sind seine Stoffe und die Art, wie er sie behandelte. Seine Genrebilder bleiben der wichtigste Teil seines Werks, sie sind jedenfalls bester als seine Historienbilder, die sich mit der Geschichte des Tiroler Bolksaufstands gegen die Franzosen und in erster Linie init Andreas Hofer be- schäftigen. In den letzteren wird noch deutlicher, was in den Genre- bildern aber anch zu erkennen ist, wie sehr Defregger immer ein Pilotyschüler geblieben ist. In der Komposition, die uns heute theatralisch erscheint, wirken sie wie gestellte lebende Bilder. Er arbeitet dabei init außerordentlich wenigen Motiven. Die sich zu- sammendrängende Masse, der ein Führer gegenüber steht, macht immer einen merkwürdig gleichförmigen Eindruck; daneben kehren die um einen Kartentisch gruppierten Führer häufig wieder, lind wie das Ganze, so ist auch jede einzelne Figur von der Theater- pose nicht frei. Die Geschichtchen, die Defregger in seinen Genrebildern zum besten giebt, sind sehr dnrchsichtig erzählt. Er unterstreicht gehörig, um ja auch die Pointen recht klar herauszubringen; wer zu lachen hat, lacht über das ganze Gesicht und der Böse schaut gar wütend drein. Er charakterisiert durch sehr bestimmte eindeutige Gesten, so daß der Beschauer über den Vorgang oder auch den kleinen Witz, den das Bild zum Gegenstaude hat, keinen Augenblick im Zweifel bleibt. Diese Eigenschaft hat wohl mit bewirkt, daß Defregger so sehr schnell allgemein beliebt geworden ist. Wie es ihm Freude ge- macht hat, solche Gcschichtche», Humoresken und kleine Dramen au« dem Tiroler Volksleben zu erzählen, so war es für sein Publikum ein Vergnügen, sie sich bis in die einzelnen Züge hinein zu ver- gcgeiiwärtigen. Es erforderte das keine große Aiistrengung. und— darüber ist man sich ja heute klar— mit der Kunst als solcher hatte es eigentlich nichts zu thun. Man verzichtet beute auf solche anekdotische guthat, Nlau ist strenger geworden und sucht in dem Kunstwerk die rein künstlerischen Werte und die starke Empfinduug, die jedoch allein mit den Mitteln der Kunst zum Ausdruck gebracht ist._— hl. Kleines Feuilleton. dg. Der jHeimweg. Langsam mit schweren, schleppenden Schritten ging sie durch den Straßentrnbel. Es war draußen im Westen, da, wo das Leben in vollen Strömen wogt, wo Reichtum und Luxus ihre Strahlen hinmiswcrfen bis auf das Straßenpflaster. Die Häuser alle Paläste, in den hohe» Schaufcustenl ein Meer von Licht. Sie sab in den schimmernden Glanz und sie schauerte zusammen. Der grelle Schein that ihr weh. Sie war so niüde— so müde, am liebsten Hütte sie sich auf der Stelle hingelegt und die Augen zu- gemacht, und dabei ivar der Weg noch so iveit. Da unten, das war erst der Potsdamer Platz, min noch die ganze Leipzigerstraße hinnuter und dann war die Krautftraße noch lange nicht erreicht.„Ach ja!" Sie blieb einen Augenblick stehen und rang nach Atem. Eigentlich hätte sie doch warten sollen. Vielleicht wäre der Besuch noch gegangen, und die gnädige Frau hätte ihr den Tage- lohn ausgezahlt; aber freilich, die gnädige Frau hatte ansdrücklich gesagt:„Sie können dann gehen, Frau Wulkow, wir rechnen morgen ad." Die gnädige Frau wüßte sicher nicht, daß sie keinen Groschen mehr besaß, nicht mal mehr einen Sechser zum Omnibus. Aber satt gegessen hatte sie sich wenigstens hcnt, und der Belag vom Abendbrot reichte sogar noch für ihren Mann, bekam der auch mal'ne Schinkciistnlle, würde er sich freuen I Ihr hageres, ver- grämtes Gesicht strahlte ordentlich bei dem Gedanken. Sie hatte inzwischen den Potsdamer Platz erreicht. Mühsam wand sie sich durch das Gewirr von Wagen und Menschen. Als sie die andre Straßenseite endlich erreicht hatte, schlug ihr Herz als sollte es springen. Und dabei die Schmerzen im Rücken und in der Brust, diese entsetzlichen Schmerzen! Es war doch zuviel geivesen heute. Erst die großen Fenster putzen und dann noch die Stube bohnen und die Möbel polieren. Die gnädige Frau hatte doch recht gehabt, sie durfte eigentlich gar nicht mehr arbeiten, sie Ivar schon viel zu elend dazu, sie konnte sich womöglich noch Schaden thun, sich— und dem Kind. Sie raffte sich auf und ging weiter. Der Wind, der in vollen Stößen über den Platz kam und rauh und schneidend durch ihre dünnen Röcke fuhr, trieb sie fort. Das Kind, das Kind, was da werden sollte, wenn das Kind erst da war, das mochte auch der Himmel wissen. Von den achtzehn Mark, die ihr Mann alle Woche »ach Hanse brachte, wurden sie beide selbst kaum satt, lknd dabei nicht mehr arbeiten? Sie lachte hart auf. Ja, die gnädige Fran hatte klug rede», was die schon davon verstand!— Nicht mehr arbeiten, wenn man auf jeden Groschen wartet, wenn man schon vor der Stunde zittert, wo man erst nicht mehr arbeiten kann. Ach nein, nicht nachdenken! Sie fuhr mit der Hand über die Stirn, als könnte sie damit das Grmien fortscheuche», das laugsam in ihrer Seele emporkroch. Wenigstens bekam sie morgen drei Mark, und, wenn sie nächste Woche bei Pastors half, gab es auch wieder einen halben Thaler. Hauptsache war, daß sie' noch helfen konnte� und sie mußte können— mußte, es war ja für das Kind. Das Kind, ach ja, das Kind! Sie krampste die Hände zu» sammen. Am besten, es würde gar nicht geboren. Wozu sollte eS geboren werden? Ilm wieder zu sterbe», um zu verkommen an schlechter Luft und elender Nahrung und mangelnder Pflege, zu ver- gehe», wie die beide» andern vergangen waren. Sie preßte die Hand vor die Augen und griff nach einem Hakt. Es sauste ihr bor.deu Ohren. Der Lärm und all' das Menschen« gewoge hier herum, das schnitt ihr wie mit Messern i»S Gehirn, halb ohnmächtig sank sie gegen eine Häuserwand. Da stand sie eine ganze Weile. „Die entzückenden Häubchen," sagte eine Stimme neben ihr. „lind das Steckkissen mit den rosa Schleifen, ist das nicht ein» fach süß?" „Solche Spitzenjäckchen mutz Baby haben. Ach, und die Trag» kleidchen aus Mull, die sind ja einzig! Wir wollen welche laufen, komm hinein, Mama, komm!" Sie fuhr empor, als fühlte sie einen Rirtenschlag, mit großen entsetzten Angen starrte sie aus die beiden Damen, die sich über die zartdustigen Sckätze des Schanfeusters beugten. Die junge Fran jubelte von neuem: „Und diese süßen Mützchen, sieh mir, Mama, die mit dem Schivanenpelz, so eins nehmen wir auch. Ach, wenn da Babys Köpfchen erst drinstecktl" „Einen Kmderwagen könnten wir auch gleich bestellen I' sagte die Mutter. „Ja, solch einen weißlackierten mit rotseidenen Gardinen I" Die jmtge Fran stand schon an der Ladenthür, mit innigem Druck faßte sie der Mutter Arm:„Ach, Mama— solch ein Glück, solch ein Glück! Giebt es cm größeres Glück, als ein Kind?" Sie sah den beiden nach, bis die Thür hinter ihnen zufiel, dann raffte sie sich auf und bog in eine Nebenstraße ein. Da ivar es still und dunkel, da ging sie iveiter. Den Kopf tief gesenkt, ging sie langsam nach Hause.— Humoriktislsies. — Ein weiser V a t e r.(Beim Abschied.)„... Mein Sohn, wenn D» weißt, was Du ivillst, und mir das willst, was Du kannst, und kaiuist, was Du ivillst, und weißt, daß Du kannst, was Du willst— dann wirst Du ein ganzer Mann!"— — I n g e n d von heute.«... Ich höre, Ihr Sohn dichtet schon, gnädige Fran! Er ist doch erst 17 Jahre alt!" „Gewiß, Excellenz— und wie schon er dichtet! Wir lasten seine neueste» Poesien nächstens drucken. Es sind die.Bekennt» nisse einer müden S e e l e' l"— — Diese Kinder. Herr lanf den, Lande, zu einem acht« jährigen Bübchen):„Also den, Professor Flacker gehörst Du?I Das ist ja prachtvoll!... Du scheinst es nicht einmal zu wissen, daß Dein Papa der g e l e h r t e st e Mann der Welt i st? I' Häuschen:„Nein, das weiß ich nicht. Ich bin ja immer zn Hause mit dem Papa— und zu Hause merkt man nichts davon!"—(«Flieg. Bl.") Büchcr-Einlanf. — Wilhelm von Polenz:„Liebe ist ewig." Roman. Berlin. F. Fontane u. Co. Pr. b M.— — Jean not Emil Freiherr von Grotthus:„Die Halbe n." Roman. Stuttgart. Grcincr u. Pfeiffer.— — Theodor Cahu und Loni» Forest:„Das Ver» g e s s e»?" Roman. Berlin, Goslar, Leipzig. F. A. Lattmann. Preis 4M.— — Richard Bredenbrücker:„Unterm Liebes» b a n n." Erzählung aus Südtirol. Berlin. F. Fontane u. Co. 2 Bde. — R a o u l A ii er n hei m er:„Rosen, die wir nicht erreichen." Ein Geschichtenband. Wien. Wiener Verlag. Buchh. L. Rosner. — Adolf Schafheitlin:„Das Zeitalter der C h k I o p e n." Dramatische Dichtung in drei Teilen. Ziveite vollendete Ausgabe. Berlin. S. Rosenbaum.— — Julius Baer:„ Eine beschränkte Frau." Tragi- komödie. Dresden nnd Leipzig. C. Piersons Verlag. Pr. 1,20 M.— Verantwortlicher Nedacteur: Heinrich Wetzker in Wrob-Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.