Nnlerhaltungsblatt des Worwäris Nr. 220. Dienstag, den 13. November. 1900 fttachdruck verboten.) 8i] Mntev Molken. Roman von Kurt Aram. In seiner Verzweiflung wandte sich der Bauunternehmer endlich an Bettchen, die sich ihm gegenüber auch meist sehr anständig benommen hatte. Einmal weil sie ein gutes Herz besaß und der arme Kerl sie dauerte, und dann auch, weil die Mama es verlangte. Denn das sei die wahre Bildung, behauptete die altmodische Frau, gegen jedermann zuvor- kommend und freundlich zu sein. Sein ganzes Herz schüttete er ihr aus. Bettchen war ganz bewegt, daß sie so erwachsen behandelt wurde von einem ausgewachsenen Manne. Sie that sehr altklug, saß mit gerunzelter Stirn und dachte heftig nach, was da zu thun sei. Dem Bauunternehmer gefiel sie dabei so gut, daß er jetzt am liebsten ihr einen Antrag gemacht hätte; aber das ging nun doch nicht mehr, das wäre höchst ungebildet gewesen. So viel wußte er auch. Schließlich war Bettchen auf den Gedanken gekommen, sowie wieder ein schöner Tag käme, und man aufs Forsthaus gehen könne, wolle sie ihn benachrichttgen. Dann solle er sich im Tannenwald einfinden am zweiten Weg, von der Chaussee aus gerechnet. Aber e8 dürfe ihn vorher niemand sehen. Sie wolle es dann schon so einrichten, daß sie mit Fienchen im Tannenwald erschiene auf dem zweiten Weg, von der Chaussee aus gerechnet. Das weitere würde sich dann ja leicht finden. Als endlich der Regen aufhörte und der große Tag kam, wo man wieder auf das Forsthaus kam, benachrichttgte Bettchen den Bauunternehmer durch ein Briefchen, als sie sich vergewissert, daß Dottor Schreibers mit von der Partte sein würden. Fienchen war denn auch völlig ahnungslos und hatte sich schon ganz in ihr Los ergeben, imnier als gute Tochter bei den lieben Eltern zu bleiben. Aber dem Lieschen mußte sich Bettchen anvertrauen, allein konnte sie es nicht länger tragen. Lieschen machte Hihi und erklärte sich einverstanden, denn für sie war der Bauunter- nehmcr nichts, da es ihr an Geld nicht fehle, eher an Bildung, wie die Mama manchmal sagte. Sie hätte so eine Heirat unter dem Stand nie zugegeben. So nahmen denn die beiden, kaum waren sie ans dem Forsthaus. Fienchen zwischen sich und wanderten in den Tannenwald. Zuerst alle möglichen andern Wege, daß Fienchen ja nichts merke, bevor es an der Zeit war. Endlich schlugen sie den zweiten Weg ein, von der Chaussee mr gerechnet. Sie entdeckten auch sofort den dicken Bauunternehmer hinter der dicken Tanne am Ende des Weges. Aber Bettchen und Lieschen erschraken so über diese Entdeckung, daß sie zunächst schleunigst mit den: ahnungslosen Fienchen kehrt machten. Beim zweiten Mal gingen sie schon etwas dichter heran an den Baum, hinter dein der Bauunternehmer lauerte. Aber sie sprachen so eifrig auf Fienchen ein, daß es nur ja nichts merken solle, daß es wirklich nichts merkte. Beim dritten Mal hofften sie. der Bauunternehmer würde vortteten. Er genierte sich aber zu sehr vor Bettchen und Lieschen. Beini vierten Mal stand es noch gerade so. Da Fienchen aber innner entschiedener ins Haus begehrte, mußte endlich etwas Entscheidendes geschehen. Bettchen lugte scharf aus. Er stand wahrhafttg immer noch hinter seiner Tanne. Ist doch ein schlapper Kerl, dachte Bettchen und bekam plötzlich Mut. »Ach, Fienchen," sagte sie lant.„sieh doch nur mal die schönen Blumen dort I Au, au, mein Bein l Ich Hab' mir's verstaucht! Ach sei doch so gut und hol' mir die schönen Blumen!" Sie deutete krampfhast in die Richtung der Tanne, hinter der sich der dicke Bauunternehmer nach Kräften dünn machte. „Ich sehe ja gar nichts, ist auch gar keine Blumenzeit mehr," sagte Fienchen. „Bitte, bitte, geh' doch nur mal an die Tanne dort. Ich seh' sie ganz dcmlich. Au, au, mein Bein I" Das gutmütige Fienchen ging. Kaum war sie ein paar Schritte fort, winkte Bettchen dem Lieschen mit der Hand und beide rettrierten leise auf den Zehen. Das ahnungslose Fienchen ging immer noch weiter und wunderte sich, daß es die Blumen immer noch nicht sah. Da trat plötzlich der Bauunternehmer hinter der Tanne vor. „Endlich!" seufzte Bettchen erleichtert. Laut lachend rannte sie mit Lieschen dem Forsthaus zu. Jetzt würden die beiden schon mit einander fertig werden. „Frau Doktor, Frau Doktor!" rief Bettchen ins Zimmer. Frau Doktor Schreiber sprang auf und wurde totenbleich. Da die beiden ohne Fienchen kamen, fürchtete sie, ihm sei ein Unglück zugestoßen, und sie liebte ihr Kind doch sehr, wenn sie es auch selten zeigte. „Mein Gott, was ist geschehen?" stammelte sie er- schrocken. „Kommen Sie nur mit, Frau Doktor," rief Bettchen, die vor lauter Vergnügen gar nicht merkte, lvie alle Damen er- schrocken waren. „Thu endlich' deutlicher den Mund auf I" rief die Frau Oberförster energisch. Aber schon war Bettchen mit der Frau Doktor draußen. Lieschen, das bisher an der Tür gestanden und sich den Leib gehalten vor Vergnügen, lief eilig hinter- drein. „Ich habe Ihnen sehr was schönes zu zeigen", sagte Bettchen, Frau Doktor Schreiber mit sich ziehend. „Mädchen, wenn Du mich zum Narren hast!" keuchte diese, der die Knie bebten, so daß sie nur langsam vorwärts kam.„Wenn meinem Fienchen etwas zugestoßen ist!" Ueber diesen Ausdruck mußte Bettchen so lachen, daß sie anhielt, während nun Frau Schreiber vorwärts drängte. Da I Was war das? Kam da nicht ihr Fienchen?... Und am Arm eines MannS! Ihr Fienchen? Ist's denn menschen- möglich, dies Glück! Fienchen am Arm eines Manns?? Ja gewiß. Der Bauunternehmerl Wie stürmte es durch Frau Schreibers Herz. Dies Glück, dies Glück l Sie hätte Gott aus den Knien danken mögen, sie war auf einmal in ganz frommer Stimmung. Eine Last fiel von ihrer Seele. Nun würde ihr Mann wieder anders sein, nun war Fienchen versorgt, diese große Not von ihr ge- nommen. Anzusehen war ihr von alledem natürlich nichts, als sie jetzt sehr langsam auf die beiden zuschritt, während Bettchen sich dicht an ihren Fersen hielt. Sie hatte ja auch das aller- größte Recht, hier mit dabei zu sein. Fienchen flog der Mutter in die Arme.„Mama. Mama, wirst Du nur letzt nicht böse sein, daß ich doch nicht immer bei Euch bleibe?" Diese dumme Frage des Kinds brachte Frau Doktor Schreiber wieder ganz ins Gleichgelvicht. Das wirtte wie kaltes Wasser. Der Bauunternehmer kam nun auch ganz dicht heran, obwohl er sich reichlich Zeit nahm. Jetzt stand er stramm wie ein Rekrut mit Händen an der Hosennaht. Er wußte in seiner Verlegenheit im Augenblick nichts Besseres, als stramm stehen. Er grinste dabei über das ganze, breite Gesicht. Wie würde Frau Doktor Schreiber das alles aufnehmen, ging es durch sein Hirn. Jetzt würde es sich zeigen, ob er doch noch Eingang fände in die vornehme Welt oder nicht. Nun hatte er das letzte probiert. Fienchen weinte schleunigst. Frau Doktor Schreiber streckte dein großen, dicken Menschen die Hand hin und sagte feierlich, langsam:„Ich sehe, wie es steht. Ich will auch nicht nein sagen, wenn auch noch nicht ja, denn Sie können sich denken, daß es einer Mutter nicht leicht wird, ihr einziges Kind herzugeben." „Ja," sagte der Bauunternehmer, wenn er auch an ganz etwas andres dachte. Warum sollte es auch den Müttern so schwer sein, da sie es doch alle thun? Er machte immer noch ein so verlegenes Gesicht und stand auch immer noch stramm, daß Frau Schreiber Angst bekam, er möchte wieder] abschnappen und ihre Worte zu tragisch nehmen. Deshalb fing sie nochmals an:„Wir müssen erst Papa fragen. Ich hoffe aber, er wird nachgeben, wenn wir nur erst wissen, daß unser einziges Kind in gute Hände kommt." — 8" „In sehr gute", stannnelte der Bauunternehmer, der eigentlich ganz etwas andres hatte sagen wollen. Aber in seinem Hirn kreisten so viele Gedanken, daß er nicht gleich den rechten erwischte und deshalb schleunigst dm ersten besten aus dem Mund ließ. „Wir wollens hoffen, lieber Herr Bauunternehmer", er- widerte Frau Schreiber lächelnd. Unbescheiden sah der Mann trotz des Ausspruchs nicht aus. Mein Gott l das Glück, die Sorge um Fienchens Zukunft los zu sein I Sie niußte ihm nochmals die Hand reichen.„Möge Gott Ihr Vorhaben segnen I" Nun wurde sie aber sehr verlegen, denn es war ihr herausgefahren, ohne daß sie sich etivas dabei gedacht hatte. An Gott denken war bei ihr eigentlich nicht Mode. „Ist er nicht süß, mein Eduard?" flötete Fienchen, sicher an Mutters Brust.„Bitte um Ihren Arm, Herr Bauunter- nehmer. Der Schreck ist mir doch ein wenig in die Glieder gefahren." „Der Schreck?" fragte er erschrocken, es könne nun doch nichts mit dem Eingang in die vornehme Welt werden. „Der freudige Schreck, Herr Bauunternehmer I" Der Mann war gar zu schüchtern. Man mußte ihn ein bißchen aufmuntern, Bettchen sprang zum zweitenmal nach dem Forsthaus, stürzte in das Zimmer, wo die Damen in gelinder Auf- regung sich allerlei Unglücksgeschichten von Beinbrüchen und Armverrenkungen erzählten, da sie dachten, dem gebrechlichen Fienchen sei derlei zugestoßen. Bettchcn vergaß schon wieder alle Anstandslehren und schrie:„Hurra, Hurra! Fienchen Schreiber hat sich verlobt mit dem Bauunternehmer l" Sie nannte keinen Namen, denn es gab nur den einen hier. Es war nun wirklich doch gut, daß Bettchen voraus- gelaufen, denn die Nachricht, an die man nicht mehr gedacht hatte, wirkte so verblüffend, daß einen Augenblick alle Masken von den sonst so sorgsam gehüteten Gesichtern fielen. Spott, Hohn schaute aus den maskenlosen Gesichtern, und bei Frau Walter auch ein wenig Aerger, daß nun ihr Lieschen doch nicht die erste war im Kreise ihrer Altersgenossinnen, die sich Verlobte. (Fortsetzung folgt.) Mrbev«nfve Kraft(II. Teil). (Freie Bolksbühne.) Nun ist also Björnsons gewaltige Dichtung in Berlin über die Bretter gegangen. Nicht in den Räumen eines' großen Theaters und vor der breiten Oefientlichkeit— das wird durch ein Censurvcrbot gehindert, dessen unergründliche Weisheit wir noch weiter nuten be- leuchten wollen. Mitie» im fleißigen Osten, auf der bescheidenen Bühne des Carl Weiß- Theaters wurde uns von einem Arbeiter- verein das schönste dramatische Fest beschert, das die moderne Litteratnr überhaupt zu vergeben hat. Ich stehe nicht an, die ersten zwei, vielleicht sogar die ersten drei Akte für das Bedeutendste zu erklären, das aus dem Gebiete des modernen Dramas überhaupt geleistet ist. Ibsen und seine Leistungen schwinde» mir dabei keineswegs ans dem Gedächtnis. Er ist von den beiden großen Norweger» der genialere Denker. Die künstlerische Großzügigkeit aber, die Björnso» in den ersten Akten erreicht, finde ich in seinen modernen Dramen nirgends. Hier Iveht ein Hauch von Freiheit und Größe, der den: allzu grübelnden Ibsen versagt ist. Wie Zukunftslust schlägt es einem von der Bühne entgegen. Jedes Wort ist ein Wort unsrer Zeit, ein Wort dieser leidenden Tage, ein Wort des sinkenden Jahrhunderts. Und doch ist jedes Wort von einem starken Dichter in Freiheit und Größe geprägt. Nichts von Müdigkeit, nichts von Dccadcnce, nichts von Pessimismus— Zukunft, Höhe und weiter Blick. Es ist eine Lust zu leben I Wenn sich der Stil der Zukunft, nach dem wir uns alle sehnen, irgendwo verheißungsvoll ankündigt— dann ist es hier. Hier ist ein Dichter, ohne nnsre Zeit und ihre Sorgen zu verlassen, zu einer Wucht und Größe durchgedrungen, die wir sonst nur im historischen Drama fanden. Der enge Nahmen des Milieustücks ist mit einer geradezu explosiven Energie gesprengt. Jede peinliche und kleinliche Tiftelei ist vermieden, niit verzwickten Analysen werbe» wir nicht geplagt, und doch lebt in der Dichtung alles, und alles ist Fleisch von'uuserm Fleisch und Blut von unserm Blut. Wir stehen end- lich wieder unter freiem Himmel und haben um uns die Weite. Die„Freie Volksbühne" darf mit Stolz ait den letzten Sonntag zurückdenken. Sie hat in dieser Saison bereits genug geleistet, um zu zeigen, daß sie im künstlerischen Leben Berlins eine Rolle spielen kann, wenn sie von Kraft und Willen beseelt ist. Mit der Aufführung der„Macht der Finsternis" führte sie den nachdrück- lichsten Hieb gegen das thörichte Censnrverbot, der überhaupt dagegen geführt Iverd'en konnte. Sie hat den Behörden gezeigt, daß wenigstens 8— die Arbeiter nicht Willens sind, ihre Theatergenüsse von oben reglementieren zn lassen. Mit dem ersten Teil von„Ueber unsre Kraft" bot sie ihren Mitgliedern eine Dichtung von wunderbarer Weihe und nun niacht sie mit der Aufführung des zweiten Teils wiederum ein lächerliches Censurverbot zu Schanden. Man darf hoffen, daß aus diese Weise schließlich auch bei den Behörden die Erkenntnis von der Zwecklosigkeit der Censurverbote dämmert. Selbst vom Standpunkt der herrschenden Klassen aus sind ja die Censurverbote rostige Waffen einer verschollenen Zeit, die heute nur noch im Raritäten« kabinctt einen würdigen Platz finden. Der zweite Teil der ergreifende» Dichtung ist in seinen letzten Tiefen nur ans dem Hintergrund des ersten Teils verständlich. Der Pfarrer Sang des ersten Teils war eine gewaltige Glaubensnatur, die über die Grenzen des Menschlichen hinausstrcbte. Die Kraft seiner Persönlichkeit war so stark, daß man ihm Wunder zuschrieb. Er selbst verlor sich schließlich so an seinen übermenschlichen Drang, daß er durch die Kraft seines Gebets dem Hinunel ein wirtliches Wunder entreißen wollte. Hier brach er tragisch zusammen. Er erkannte den Irrtum seines Lebens und starb an der Erkenntnis. In der wahnerfüllten Luft dieses Hauses ist Elias Sang, der eigentliche Held des zweiten Teils, ausgeivachsen. Er hat smmer — niit seiner Schwester zusammen— in religiösen Vorstellungen ge- lebt, die weit über die Grenzen des Menschlichen hinausgingen. Der liebe Gott— erzählt er selbst— redete mit uns. Wenn sich irgens etlvas ereignete, kam es von ihn,. Gutes Wetter, Gewitter, Wetterleuchten, Blumen und alles, was wir hatten. Es kam alles von ihm. Und wenn wir beteten, waren wir von Angesicht zu Angesicht niit ihm. Wir sahen ihn auch in» Meere, im Gebirge, im Himmel. Das alles war er. Aber dann kam der Ztveifel für Elias Sang. Draußen im Leben sah er, daß es nur einen wirklich religiösen Menschen gab— seinen Vater. Dann sah er. wie sein Vater'tragisch zusammenbrach und wurde damit auf das Diesseits verwiesen. Landflüchtig aber blieb er, wohin er immer kam. Die Welt war kalt und leer. Er hatte allzulange in die mystischen Tiefen des Wunders geschaut, um an den natürlichen Farben des Lebens seine Freude haben zn können. Der Glaube war tot: aber das V e r l a» g e n nach dem Grenzen» losen hatte den Glanben Überlebt. In dieser Seelenstimmung kam er in die socialen Kämpfe unsrer Tage hinein. Sein Gewissen war, gerade weil er kein Jenseits mehr hatte, überfein und überempfindlich geworden. Um ihn schrie die Not und ließ ihm keine Ruhe bei Tag und bei Nacht. In der Arbeiterbevölkerung, in der er lebt, bricht ein Streik aus— der größte, den man in diesem Teil des Lands je erlebt hat! Elias wirft sich mit seiner ganzen Sehnsucht nach Gerechtigkeit in diesen Streik. Er giebt sein ganzes Vermögen in die Streikkasse, findet aber keine Ruhe, da er die schließliche unerhörte Niederlage Voraussicht. In dieser Sittiation bricht das Verlangen nach dem Grenzenlosen in ihm durch. Es ist nicht fienilg, daß alles das geschieht, was in Menschenkräften teht— es muß mehr geschehen. Mit der Logik des von einem Dämon besessenen Schwärmers argumentiert er: Man glaubt nur dem, der für seine Sache stirbt. Wenn die Arbeiter für ihre Sache sterben können, haben sie gewonnen. Wenn eine Stimme aus dem Jenseits kommt, werden aucv die Fernstehendsten reagieren und dann werden sie unüberwindlich sei». Die Große», die gehört werden wollen, müssen in den Tod hinein. Im Reich des Tods ist die Rednertribüne des Lebens errichtet. Von dort werden die Lebens- gcsetze so verkündet, daß mau es über die ganze Welt hin vernimmt. Selbst die Schwerhörigsten Iverde» wach. So räsonniert Elias Sang und geht dann in den Tod. Ein ungeheures Ereignis soll die Geivissen der Reichen anf- schrecke».. Er ivill das Schloß in die Luft sprengen, in dem die vereinigten Arbeitgeber des Lands versammelt sind, und er thnt's. Was nun aber? Geht nun über de» verkohlten Trümmerhaufen die Morgenröte einer neuen Zeit leuchtend auf? Ist Elias Sang als Befreier gefallen? Keineswegs. Er hat den tragischen Tod seines Vaters gefunden. Die alte Welt ist zu fest begründet, als daß man sie au einem heißen Tage durch Dynamit in die Luft sprengen könnte. Die Gewissen lverden nicht wach. Die Schreckens- that des Pastorsohns gebiert nur die allgemeine Ver- zweiflnng, die V o I ks v e rz w e i f l u» g. Gehen Sie herum und fragen Sie, sagt die Schwester, die in, Bereich des Menschlichen geblieben ist. Wir sind wieder in der Barbarei. Das schlimmste an einer so wahnsinnigen Explosion ist, daß aller Mut aus der Welt verscheucht ivird. Die Barmherzigkeit ist entflohen. Alle schreien»ach Rache. Die Gerechtigkeit, die Güte, das Erbarme», alle unsre Lichtengel sind davongeflogen. Stücke verstümmelter Leichen fliegen in der Luft umher und ans der Erde wächst das Militär. Jaivohl, aus der Erde wächst das Militär! Der verkohlte Trümmerhaufe», auf dem die Leiche eines bleichen Faiiatikers liegt, wird von allen Schrecken der Verzweiflung«mgranst. In gewaltiger Weise zeigt Björns ott die Verwerflichkeit der blinden Gelvalt und widerlegt den Wahn, als ob man einer historisch gewordenen Ge- sellschaft mit Dynamit bcikomnien könnte, lind das verbietet die Ceiisnr. Warum nun eigentlich? Warum? Wir fragen. Die Darstellung war für ein zusammengestelltes Ensemble eine sehr tüchtige Leistung. Am besten waren Klein, Frau Sie inert und Joseph Dill. Herr T a u b e r t war als Brait in der großen Rede des ersten Altes sehr gut, verlor sich dann aber ge- legentlich ins Pathetische. Herr Sich o hatte den Elias durchaus — 8" richtig erfaßt. Im dritten Mt blieb er aber leider die entschlassene Größe schuldig, die hier von dieser Gestalt ausgehen muß. Schließ- lich sei»och einmal nachdrücklich auf die einfache und echte Kunst Fra» S t e i n e r t s hingewiesen. Es ist einfach ein Jammer, daß wir sie auf öffentlicher Bühne so selten in großen Aufgaben sehe». Schauspielerinnen wie fie sind für Berlin keineswegs' etwas All- tägliches.— Erich Schlaikjer. Etnms übev Vogelpflege. Heinrich Weber schreibt in der Wochenschrift„NerthuS*: Blatt- nud Blütenpflanzen töniien unsre Wohnräume anheimelnd ge- stalten, fie erfreuen das Auge, indem fie den Gesamteindrnck harmonisch abstimmen, und deshalb giebt es auch verhältnismäßig wenig Haus- Haltungen, in denen die lieblichen Kinder Floras»ichtÄufnahme ge- fnnde». Anders ist es mit der Vogelpflege bestellt. Schon dadurch, daß die Erhaltimg des Vogels eine ständige, wenn auch ?eringe Ausgabe bringt, kann ihre Verbreitung nicht allgemein ein, ein Vogel beansprucht aber auch eine andre Pflege, als die Pflanze, bei der Nachlässigkeiten nicht von so schweren Folgen begleitet find. Uni Erfolg in der Vogelpflege zu haben, gilt es viele Regeln zu beachte», und von deren Befolgung hängt es ab, ob man die Vögel gesund erhalten und an ihnen Freude haben wird. Wissentlich wird selbstverständlich niemand seine Lieblinge zu Tode quälen, deshalb muß aber auch jeder Vogelpfleger sich vor allem mit den Grundregeln bekannt machen, nach denen er seine Be- Handlung einzurichten hat. Von größter Bedeutung ist das Bauer, die Wohnung des Vogels. Dasselbe soll geräumig sein, daß sich der Vogel darin be- wegen kann; alle die zierlichen, mit Türmen, Bastionen und Fcnsterchen geschmückten Bauer, in denen man vor Zierrat das Vögelchen selbst nicht mehr sieht, sind zu verwerfen. Der Vogel kann sich darin nicht genug bewegen, der viele Zierrat verhindert das ständige Neinhalten des Bauers, und deshalb ist auch das schmutzige Schlößchen eine Stätte des Schreckens, die Brutstätte für Tausende von Milbe», die das Vögelchen zu Tode martern. Die besten Bauer sind die, bei denen das Gestell aus Holz be- steht, das mit blankem Eisendraht ausgekleidet ist. Messingene Bauer find ganz zu verwerfen, da selbst die peinlichste Sauberkeit nicht ver- hindern kann, daß sich an schwer zugänglicher Stelle Grünspan bildet, der den Tod des Vögclchens verursachen würde. Ebenso sind lackierte Bauer ungeeignet, weil die meisten Farben Gifte ent- halten. Die Reinlichkeit des Käfigs ist die erste Be- dingung, der Bode» muß trocken und mit Flußsand bestreut sein-, da dieser dem Vogel zur Verdauung bei Samen- fütterung notwendig ist. Damit aber der Boden stets trocken bleibt und die dünnen Exkremente für Vögel und Menschen unschädlich gemacht werden, ist es notwendig, daß man den gründlich gesäuberten und getrockneten Boden zuerst mit einer Lage weichen Papiers, z. B. gewöhnlichen Zeitnngspapiers, belegt und erst dann mit reinem Sand bestreut. Das Papier saugt schnell alle Feuchtigkeit ans und erleichtert auch eine rasche Reinigung des Käfig- bodcns. Beim Halten von Körncrfressern sollte der Bode» alle vier bis fünf Tage, bei Wcichfresscrn alle Tage gereinigt und der Sand erneuert werden. Die Sitzstäbchen dürfen nicht zu dünn und nicht ans hartem Holz sein, am besten geeignet sind dieselben aus weichem Holz und etwaS oval gerundet. Der Fuß des Vogels soll die Sitz- stäbchen niemals ganz umspannen können; dieses verursacht dem Vogel Krämpfe und ist die schlimme Ursache von den oft zu langen Zehenllaucn, infolge deren das Tierchen am Hüpfe» gehindert wird und durch Hängenbleiben sogar zu Gnmde gehen kann. Zum guten Gedeihen deS Vogels ist weiter nötig, daß das Futter tägliöb frisch resp. in genügender Menge gegeben wird, ferner muß das Wasser im Winter einmal, im Sommer zweimal frisch ge« geben werden, und darf dasselbe im Winter nicht kühler als die Lust- wäriue des betr. Raums sein. Die Nahrung sollte Abivechselung bieten, man gebe deshalb daS Futter nicht gemischt, sondern wechsle mit der Kost ab, auch gebe man neben der Samcnkost öfter Obst, etlvaS Grünes oder hartes Eigelb, aber nur selten Zucker, derselbe ist nur als Näscherei er- lanbt und hat de» Zweck, daß der Vogel seinen Schnabel daran wetzen kann, was aber ei» Stückchen ganz harter, gut ansgebackener Zwieback ebenfalls thut; � derselbe wird gern genommen und ist sehr nahrhaft. Ebenso nimmt der im engen Käfig gehaltene Vogel ein paar feine Salzkörnchen zu seiner Gesundheit hin und wieder gern an. Viel Behagen gewährt dem Vogel ein tägliches Bad, wozu ein kleines Gefäß, das nicht tief aber so eingerichtet ist, daß der Vogel nicht zuviel verspritzen kann, am geeignetsten ist; das Badewasser»mß natürlich Stnbenlcmperatur haben. Sehr empfindlich sind unsre Lieblinge gegen Zug, ebenso sind dieselben vor jähen Temperatiirschivankmigen und Rauch zu bewahren. Ganz falsch ist es auch, wenn man das Bauer dem vollen Sonnen- licht aussetzt, es soll dem Vogel möglich sein, sich jederzeit ein schattiges Plätzchen zu wählen,' niemals aber darf ihm die Ge- legenheit dazu ganz genommen sein. Häufig ficht man solch arme Tiere den direkten Sonnenstrahlen ausgesetzt, die Metallstäbe werden heiß, das Trinkivasser wird ungenießbar, und traurig sitzt das arme 9— Vögelchen da, durch verkehrte Behandlung bald dem Tode geweiht. Auch vor Lampen- und Gaslicht soll der Platz des Bauers ge- schützt sein. Viel wird auch dadurch gesündigt, daß man bei der Haltung nicht unterscheidet zwischen heimischen und exotischen Vögeln. Ge- wöhnlich ist es Gebranch, die eingefangenen Vögel in der warmen Stube zu halten, größtenteils sogar im eigentlichen Wohnzimmer. Das ist aber für Vögel, die man freilebend fängt, sehr schädlich, namentlich aber für die in der Regel zur Winterzeit gefangenen Könierfresser. In solchem Falle wird selbst bei der besten Pflege, wenn nicht der Tod, so doch gewiß eine bedeutende Disposition zur Auszehrung, epileptischen Anfälle», Schwindel, Schlagflnß zc. die unvermeidliche Folge solch naturwidriger Behandlung sein. Deshalb ist jedem Vogelliebhaber an- zuraten, die bei uns überwinternden Stand- und Strichvögel, die meistens Körnerfresser sind, niemals in der warnien Stube zu halten; selbst mäßig geheizte Räume sind nachteilig. Ein un- geheiztes Zimmer, noch besser ein kalter, zugfreier Gang oder der« gleichen, kann als der zuträglichste Ort gelten. Es erscheint dies be« greiflich, wenn man erwägt, daß diese Vögel bei andauernder kalter Witterung in der Regel ohne besonderen Nachteil in unserm Klima überwintern, indem die vorsorgliche Natur sie durch ein dichtes Feder« kleid gegen die Einflüsse des Winters schützt. Die erwähnte Behandlung kann selbst bei Kanarienvögeln am gewendet werden; es ist wahrhaft erstaunlich, wie leicht diese an eine sehr niedrige Temperatur gewöhnt werden könne». Hohe Temperatur ist für fie gleichfalls' sehr schädlich und erzeugt allerlei Krankheiten. Anders ist es mit den bei uns heimischen Zugvögeln. welche nur die Sommermonate über bei uns bleiben, und den Exoten; hier ist eine höhere Luftwänne am Platze und je gleich« mäßiger dieselbe gehalten werden kann, um so besser. Am wohlsten fühlen sich die Tiere in einem Raum, dessen Temperatur ständig zwischen 15 bis 18 Grad R. gehalten wird.— Kleines Feuilleton. — Reichtum der deutschen Sprache. Im Weinkeller einer deutschen Hafenstadt sah eine fröhliche Gesellschaft. Da erhob sich einer und verließ die Stube etwas unsicheren Schritts. Die andern sahen ihm nach, und einer von ihnen meinte:»Er hat einen Haar« beutet!".Noch nickit," sagte ein zweiter,.er hat bloß einen Stich-. „Wo denkt Ihr hin?" Ivarf ein dritter ein,„höchstens einen Hieb. Er hat ja gar nicht so viele in die Jacke geschwenkt-.„Doch, doch l— einen Schuß hat er gewiß".„Ich bemerkte bloß einen Heiilgen« schein an ihm," unterbrach den vorige» ein andrer.„Er sah zwei Sonnen," witzelte wieder einer,„oder er hielt den Mond für eine Ziviebel und die Turmspitze für einen Zahnstocher."„Er hat sich einen Affen gekauft", meinte ein sechster. Der spaßhafte Streit ward immer lebhafter, und eine Slimnie ließ sich jetzt mit dem Widerspruch vernehmen:„Nein, nein I er hatte Staffelten nach Speyer geschickt I"„Ich behaupte, er hatte volle Ladung und war gehörig im Sturm", lautete der Ausspruch eines Seemanns.„Er lavierte". urteilte wieder einer, aber ein„Oho l er segelte den SS.-Strich", war die schnelle Erwiderung, und einer fügte rasch hinzu:„Doch ging er mit vollen Segeln",„Liebe Freunde", sprach besänstigeno wieder ein andrer,„ich, miß es am besten wissen, denn er saß neben mir. Dem Armen ist bloß ein ivenig unwohl geworden, da er in Thran getreten ist und sich schivarz gemacht hat, und so ist es kein Wunder, wenn seine Zunge ans Stelzen geht. Er hätte in dieser Minute einen Kahlenberger Bauer für eine Erdbeere und meinen weißen Pudel für einen Mühlknappen angesehen. Aber ich frage, was schadet's, wenn einer sich ein ivenig beduselt? Ist nicht schon mancher von Euch beziegelt, besäbelt, benebelt, bepumpelt. ja gar pudelhagel« dick gewesen? Darum wollen wir jeden, der etliche gegen die bösen Wetter genommen und dabei zu viel hinter die Binde gegossen hat, so daß er den Himmel voller Schleiskannen sieht, mit Gleichmut und Edelmut ertragen."«Der ist selber voll!" murmelte da einer. „Gewiß," sagte dessen Nachbar,„der ist auch knill I"„Er ist ä Wut." „Hin I"„Er ist im Thee I" hieß es von allen Seiten bestätigend... „Was sagst Du dazu?" fragte mich flüsternd mein Freund, nnt dem ich in der Nähe dieser lustigen Gesellschaft saß.„Ich?— Nun, ich bewundere den Reichtum der deutschen Sprache."„Das denk ich auch I"„Sie ist ebenso bilderreich," fuhr ich fort,„wie eine der mörgenländischcn, und wenn ich wüßte, wie der Moslem sagt: Ich bin fertig I" so wollte ich es Dir sogleich selber sagen."— Kulturgeschichtliches. — Vom„ P f e n n i g b a u e r" und der„Pfennig« wiese" zu F e l d h n s e n. i n H o l st e i n. Der jedesmalige Be- sitzcr des Hofs Nr. 1 in dem zur Gntsherrschaft Breitenbnrg ge- hörenden Feldhusen hat die Verpflichtung, für die zu diesem Besitze gehörige sogenannte„Pfennigwiese" alljährlich am Martin-Bischofstage, den 11. November, mittags 12 Uhr, und zwar bei Verlust der Wiese einen„guten � Pfennig" auf Breitcnburg an die jedesmalige gräfliche Gutsherrschaft persönlich zu' entrichten. wogegen derselbe an der gräflichen Tafel speist und u. a. mit einer Martinsgans bewirtet wird. Der vor Jahrhunderten lebende Besitzer jener Landstelle in Feldhuscn rettete einst, wie es heißt, zivei Söhne des Grafen Heinrich Rantzau, die auf der Jagd in einen Sumpf geraten waren, ans größter Lebensgefahr und Mlpfing dafür ans Dankbarkeit die bezeichnete Wiese gegen Ueber- nähme der angegebenen Verpflichtnngen. Ueber die bei der Ueber- gäbe des Pfcniügs zu beobachtende Ceremonie ist ein besonderes Statut entworfen, in dem es n. a. heißt:„Der gräfliche Kutscher soll dem Pfennigbaner den Steigbügel zum Absteigen halten. sein Pferd mit einer Decke bedecken und in den gräflichen Stall führen, wo demselben zwei Spint Hafer diirch den herrschaftliche» Hausvogt verabfolgt werden. Wenn sich der Pfennigbaner wieder entfernen will, so soll der Reitknecht das Pferd vor die Stallthür führen und beim Aufsitzen wieder die Steig- bügel halten. Bei der Tafel soll der Pfeunigbauer zur Rechten deS Besitzers von Breitenburg und zwischen diesem und dessen Gemahlin oder nächsten Anverwandten sitzen. Es soll sodann während der Tafel im Angesicht der Martinsgans von dem Besitzer der Ehren- trunk in Rheinivein jedem derzeitigen Pfennigbauer in dem alten güldenen Familienpokal gereicht iverden mid der Bauer von dem gräflichen Kammerdiener bedient sein. Die gebräuchlichen und fest- stehenden Speisen sollen bei dieser Gelegenheit bleiben: eine Weinsuppe. ein Karpfen, ein Pudding und die Martinsgans. jedoch ein freiwillig Mehreres nicht ausgeschlossen.— Archäologisches. — Alte Vexiergefäße. Dr. R. Zahn hat an einem seit langer Zeit im Antiquarium der Berliner Museen aufbewahrten Gefäß des ö. vorchristlichen Jahrhunderts, der mit Sceuen aus der Göttersage geschmückten Kanne des Atheners Kolchos, die eine Zierde der Vascnsammlung bildet, eine höchst originelle Vorrichtung entdeckt. Die Kaime war nämlich, was der Forschung bisher entgangen war, ehemals dicht unter der Mündung geschlossen, sie konnte also von oben nicht gefüllt werden. Der Henkel, der an der Stelle, Ivo der Daumen beim Anfassen aufgelegt wird, ein Loch zeigt, ist röhren- artig gebildet und die Rohre führt unterhalb deS erwähnten Verschlusses in das Gefäßinnere. Der Boden ist außerdem siebartig durchlöchert. Wollte nian also die Kanne füllen, mußte man sie tief in den Wein tmichen, der Wein gelangte durch das Sieb in das Innere und, um ihn nun in der Ranne festzuhalten, mußte man mit dem Daumen das Henkelloch sperren, um den Lustdruck abzrchalten. Dr. Zahn, der seine Beobachtung in der letzten Sitzung der archäo- logischen Gesellschaft mitteilte, nimmt an. daß' da» Gefäß beim Gelage gebraucht wurde. Der Durstige, der seine Schal« füllen lasten wollte, sah, wie die Kanne gefüllt wurde, aber an« statt, daß ihm die Kanne a»S ihrer Mimdung Wein spendete, wurde er» sobald der Schenke den Daumen lockerte, durch den Wein von oben bis unten begossen, ein drastischer Spaß, der den Tischgenoffen gewiß ein ungeheures Vergnügen bereitete, wenn sie einmal jemand fanden, der den Witz noch nicht kannte. An Bexier» gefäßcn hat man schon in alter Zeit besonderen Gefallen gehabt. DaS Anttqnarium besitzt nrehrere Gefäße der Art; eines— eine kürz- lich gemachte Erwerbung— ist nach dem System des Tintenfasses hergestellt, das nicht überfließt, wenn e» mnfällt. Ein andres ist noch weit komplizierter, vielleicht das komplizierteste von allen, die bisher bekannt geworden sind. N»r der Kenner der verzwickten Kon» struktton, die sich ohne Abbildung schwer erläutern läßt, kaim das Gefäß leeren und wieder füllen.— Astronomisches. — D i e Sternschnuppen in der Nacht vom 54. zum 15. November. In den Frllhstuuden des 15. November erreicht die Erd« ihre größte Annäherung an die Bahn der Sternschnuppen, die aus dem Bilde des große» Löwen herkommen. Im vergangenen Jahr erwarteten die Astronomen ein großarttgrs Auftreten dieses Meteorschwarnis, doch wurde diese Erwartimg getäuscht, denn unter den günstigsten Umständen wurden während jener Rächt nur 100—200 Sternschnuppen an einem und demselben Orte fichtbar. Die Ursache des Ausbleibens deS Hauptschwarmö war der Umstand, daß die Bahn der Meteore seit 1800 durch die Eniwirlnng der großen Planeten, besonders des Jupiter, eine erhebliche Verschiebung erfahren hatte. Judessen ist der Schwann dieser Meteore auf dem Umfange seiner Bahn so ausgedehnt, daß er längere Zeit als«in Jahr gebraucht, um den nächsten Punkt bei der Erdbahn zu passieren. Dazu kommt, daß dieser Teil des Mcteorschwanns der Einivirkung deS Planeten Jupiter und des Saturn weniger ausgesetzt war als der vorausgehende, er demnach weniger ans seiner früheren Bahn abgelenkt wurde als dieser. Aus diesem Grunde ist es wahrscheinlich. daß in der Nacht vom 14. zum 16. November, besonders in den frühen Morgenstunden des 15., zahlreiche Meteore fichtbar werden. vielleicht auch schon in der vorhergehenden Nacht. Zlvischen 2 und i Uhr früh steht um diese Zeit das Stenibild deS großen Löwen, von welchem die Meteore ausstrahlen, genau im Osten, etwa in einem Drittel der Höhe vom Scheitelpunkte bis zum Horizont. Dorthin wird man vorzugsweise den Blick richten müssen,' um das Auftauchen der Sternschnuppen zu sehen. In den Frühsttmden des 14. Novenibcr tritt das letzte Mondviertel ein und der Mond steht nahe beim Sternbilde des Löwen, er wird also die lichtschwächeren Sternschnuppen unsichtbar machen, in den Frühstnndcn des 15. No- vember ist indessen der störende Einfluß des Mondlichis weniger zu fürchten.—_ Verautworllicher Redactcur: Dr. Georg Gradnaner in Grog Humoristisches. — Kondolenz-Visite. Freundin:„Du leidest wohl sehr darunter, daß Dein Mann gestorben?" Junge Witwe:„Ach ja, der wußte aber auch zu reizende K a r t e n k>t n st st ü ck e I"— — Der Bierplantscher. Gast:„Mensch, Deine Budike jehört ooch nach China.' Budiker:„Woso denn?' Gast:„Dct is ja hier bei Dir die reinste— M a n s ch u r e i."— („Lust. Bl."s — Der„diesjährige Neue' scheint, wie das„Regenb. Morgcnbl.' schreibt, ein drolliger Geselle zu sein. Er fängt an. seine Possen zu treiben. Am vorvorigen Sonntag sagte eine Bäuerin zu ihrer Magd:„Heute kochst Du zu Mittag, Therese, diesmal gebe ich in die Kirche.' Schon hatte die Bäuerin das Buch in der Hand, als ihr plötzlich einfiel, daß sie noch keinen Speck für das Mittag- esien gerichtet habe; sie holte solchen und machte sich dann auf den Weg. Ans dem Kirchweg wurde sie von einer Freundin angeredet mit den Worten:„Du willst heute wohl weit wallfahrten'gehen, D..... bänerin, weil Du ein so großes Stück— Speck»üt- nimmst?"—„Jessas Maria, jetzt Hab' ich so's Buch ins Kraut gesteckt! Sag'»ur niemand nichts, sonst komm' i jo cn Kalender I' Die Mariaim hat zwar geschwiegen, aber der Zeitungsschreiber hat es doch erfahren.— Notizen. — Otto Erich Hartleben arbeitet gegenwärtig an einer Komödie„D i o g e n e s", deren ersten beiden Akte er. bereits vor Jahren vollendet hatte.— — DaS Lustspiel„Der schöne Arno' von dem kürzlich verstorbenen KarlLanfs und Paul Hirschberger errang bei seiner Erstanffühnnig im Wiesbadener Residenz« Theater einen schönen Erfolg.— — Die Wiener Hofoper und das Burgtheater sollen aus dem Kartell deS deutschen Bühnenvercins austrete« wollen; die Direktionen des Deutschen V o l k s t h e a t« r«»nd des Raimundtheaters sollen entschlossen sein, ihnen nachzu« folgen, um in Engagements ganz unabhängig zu fein.— — E n g e l b e r t H u m p e r d i n k ist' zum Vorsteher einer mit der Akademie der Künste in Berlin verbundenen Meisterschule für musikalische Komposition ernannt worden.— — MessagerS Spieloper„Brigitte' erzielte bei der Premiere mu Münchener Gärtncrplatz- Theater ein« gute Aufnahme.— — LeoncavalloS ,Z a z a' errairg im Mailänder Teatro Lirico ei»en beispiellosen Erfolg.— Lcoiicavello beabsichtigt demnächst Z olaS„Ii» kaute de l'abbe Mouret'in Musik zu setzen. Gleichzeitig verlautet, daß der Komponist die Opern„Sa- v o n a r o l a' und„C e s a r e B o r g i a", als zweiten>md dritten Teil der Trilogie, die mit den.Medici' begonnen hat, fertig stelle.— — Sidney Jones neue Operette„San Toh" errang gelegentlich der ersten deutschen Anfsiihrung am Wiener Karltheater einen Achtungserfolg.— '— Die Vorstände der Dresdener Seression imd der dresdener Kunst genösse nschaft haben beschlossen, sich wieder zu vereinigen und in Zukunft in allen künstlerischen Fragen, namentlich aver in Aiisstellnngsangelegenheiten, als eine Korporation geschlosien vorzugehen.— — Ein 30 000 Kilogramm schwerer Sarkophag ist kürzlich bei Anbar, unweit Koma, entdeckt worden; der Sarg, der nach Kon- stantinopel gebracht werden soll, übertrifft an Schönheit noch den berühmten Älexander-Sarkophag im Stambuler Museum. Der Fnnd ist aus Marmor und bedeckt mit Blumengewinden und Figuren von Kriegern und Tieren.— D i e Treptower Sternwarte bleibt vom 12. bis zum 17. November ivegen des bevorstehenden Sternschnnppcnfalles bis 11 Uhr des Nachts geöffnet.— — Verschluckte Geldstücke nsw. aus den, Magen zu entfernen. Verschluckte Fremdkörper, welche nicht spitz sind und sich nicht etwa in der Speiseröhre festgesetzt haben, wie z. B. Geldstücke, Knöpfe, Kugeln n. dergl. mehr, werden von den Aerzten durch die sogenannte Kartoffelkin:' entfernt. Die Kranken bekommen, wie der„Praktische Wegweiser' schreibt, größere Quantitäten Kartoffeln mit Butter zu genießen und nichts zu trinken, wodurch der ganze Tnrmkanal gleichmäßig ausgeweitet wird, so daß der Fremd» körper nirgends hängen bleibt, sondern ans dem natürlichen Wege entfernt wird. Es gelang auf diese Weise, Münzen, Gewichtsstücke, vcr- schluckte Gebiffe von 5 Centtmctcr Länge und 3 Centimeter Breite. Versichennigsnadeln, Nägel usw. zu entfernen und dadurch schwere Nachteile zu umgehen.— — Die Zunge herausgesteckt und dem Publikum eine lange Nase gemacht hat nach einem Berilbt der„Köln. Volkszeitung' kürzlich auf offener Sceue die Sängerin Tosti in Vordre cht.—_ Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.