Anterhaltungsblatt des Horwäris Nr. 221. Mittwoch, den 14. November. 1900 (Nachdruck verbalen.) 32, Tlnkev LvolKen. Roman von Sturt Aram. Als aber Frau Doktor Schreiber mit dem Bauunternehmer und Fienchen in das Zimmer trat, waren alle Masken wieder vor den Gesichtern. „Nein, diese freudige Nebcrraschung!" rief Frau Weber, wobei Frau Roth errötete, da sie unwillkürlich bei dem Aus- druck an den jtlappcrstorch denken inußte.„Nein, zu nett!" flötete sie schnell. „Wie reizend, daß wir nun ein Bräutchcn unter uns haben," sagte Frau Blau, weil sie hoffte, die andern würden sich doch ärgern.„Wie entzückend wird nun Fienchen in unsrem Lesekränzchcn die Bertha im„Tcll" lesen können, nicht wahr, Bräutchcn V" „Ach ja," flüsterte Fienchen schwärmerisch und hob die fast wimperlosen, waffcrhlauen, kleinen Acuglein gen Himmel. Endlich soff wieder alles, und nun ging es an ein eifriges Erzählen, wie das gekommen, wobei Bettchen Hauptperson war. während Fienchen, als wäre sie schon seit Jahren verlobt, sich zärtlich an den Rock ihres Bräutigams lehnte, der sehr nach Cigarren stank, was die Liebe aber nicht merkt.— „WaS is denn da drin los?* fragte Otto erstaunt und schellte nach dem Förster. Er kam denn auch sehr schnell, wußte natürlich schon Bescheid und gab die Neuigkeit schmun- zelnd zum besten. „Großartig!" lachte Otto.„Schäfer, Du bist ein Glücks- Pilz! Wir geh» hinein und gratulieren. Du brauchst Dir die Gesellschaft nur anzusehn und hast die schönste Sccne für eine Posse." „Aber Otto l" sagte Maqda. Er»var schon ausgcstaude» und zwang so die beiden auch niitzugehn. „Gestatten die Herrschaften", sprach Otto, ins Neben- zimmer dienernd,„wir hörten soeben von der Verlobung und wollten nicht verfehlen, auch unsrerseits Glück zu wünschen." „Zu liebenswürdig", erwiderte Frau Doktor Schreiber strahlend. Der Bauunternehmer strahlte nicht minder, denn nun war er drin, mitten drin in der vornehmen Welt. „Gestatten Sie, daß ich die Herrschaften bekannt mache." Die Damen außer Frau Blau und Frau Roth standen sofort ans, was zwar nicht großstädtische Feinheit war, wohl aber kleinstädtischc. Schäfer wurde vorgestellt. „Aber bitte, wollen Sie nicht ein wenig bei uns Plah nehmen?" fragte Frau Weber vorlaut, denn der Rang- ordnung nach hätte Frau Blau diese Frage stellen müssen. Doch Frau Weber wollte unter allen Umständen den inter- essanten, bleichen, mageren Berliner kennen lernen. Der Mann hat„gelebt", sagte sich Frau Weber. Umsonst ist er nicht so blaß und mager. „Gewiß, gern, mit Vergnügen sogar, neynien mir einen Augenblick Platz," sagte Otto. Haha, der Spaß konnte gut werden. Nun kamen auch einige der Ehoinänuer. Nochmals gab es ein großes Vorstellen, Erstaunen und Glücklvüuschen. Amtsrichter Blau absolvierte cS mit großer F-eierlichkcit und fragte dann gleich, ob die Brautleute auch schon überlegt hätte»,»vie sie es mit dem Ehekontrakt halten wollten. Er könne nur raten, daß sie keine Gütergemeinschaft eingingen, da es nur zu oft nachher zu Unznträglichkcitcn führe.... Wollten sie seinem Rat folgen, dann müßten sie das vor der Ehe- schließung festlegen, da sonst im diesseitigen Bezirk ohne weiteres Gütergemeinschaft angenommen würde. Realschuldirektor Walter aber sprang kreuz und guer vor Entzücken. Eine Verlobung war so recht etwas für sein Gemüt. das für das Wahre, Gute. Schöne schwärmte. Er deklamierte sogleich ans Chamissos Frauen-Liebe und Leben. Die Damen saßen wie auf Kohlen, weil sie wußten, daß darin ein doch recht anzügliches Gedicht stand, und der Herr Rektor, ivenn er erst;cimual begeistert war, an derlei leicht nicht dachte, sondern ungeniert darauf los. deklamierte. Aber sein guter Genius behütete ihn vor diesem anzügsichen, unanständigen Gedicht; und als er immer noch nicht auf- hören wollte, ergriff ihn die Gattin an der Leinenhose und zog ihn neben sich.»Jetzt halt endlich Ruh', Walter, andre Leute wollen auch reden." Nun starrte der Herr Rektor eine ganze Weile stumm auf die Braut, die ja zn allem auch noch feine Schülerin war. Endlich hielt er es aber doch nicht länger ans, hob den Zeigefinger und rief:„Fienchen, Braut! Trink? Küssen macht durstig!" ' Das Fienchen errötete nicht wenig, nippte aber gehorsam an ihrem Glas. Der Herr Rektor hatte es ja befohlen. Die Damen lächelten beifällig. Endlich hörte der Herr Rektor, daß der fremde Herr Doktor Schäfer heiße und aus Berlin fei. Sofort siel er über ihn her und fragte Tausenderlei. Dann meinte er:„Berlin. das muß schrecklich seink So groß! Da möcht ich nicht hin. All die Menschen und Straßen! Da muß man sich ja fürchten!" Er zog die Schultern hoch und schüttelte das Löwenhaupt. Da sich das allgemeine Interesse nunmehr dein Berliner zuwandte, konnte das neue Brautpaar sich endlich ein wenig mit sich selbst beschäftigen. Aber der Bauunternehmer war so stolz und doch auch zugleich ein bißchen bedrückt, daß er nun mit einem Mal. als wäre das selbstverständlich, ohne alle Schwierigkeiten, mitten in der vornehmen Welt saß. ja selbst wahr und wahrhaftig dazu gehörte, daß er schwieg. Auch Fienchen wußte nichts zu reden. Aber der Liebe Glück schlug ihr in die Arme, die nicht eher ruhten, bis sie die Hände des Verlobten gefangen hatten. Nun hielt sie seine Linke in ihrer Linken, während sie ihre Rechte unter seine Rechte schob. Lagen die beiden rechten Hände ans einander, so gab sie der seinen mit der ihren einen Stoß, daß sie in die Höhe flog, um dann wieder auf die ihre zu patschen... Ganz mechanisch, aber ohne aufhören ging daS Spiel. Er hatte Maurerfäuste und sie kleine, dicke Psötchen, das einzig dicke an ihr. Schäfer fühlte sich in dieser Gesellschaft zunächst etwas unsicher. Vor allem deshalb, weil ihn die Art Ottos über- aus peinlich berührte. Es waren doch gebildete Menschen! Wie konnten sie sich das alles gefallen lassen! Offenkundiges Verhöhnen und Verspotten ihres ganzen Wesens! Aber die Leute schienen gar nichts zu merken. Entweder waren sie es zu sehr gewöhnt, oder die Kleinstadt hatte sie völlig ab- gestumpft. Frau Weber und Frau Roth redeten von den Damen zuerst auf Schäfer ein und wollten Unzähliges von ihm wissen. Im ersten Augenblick schmeichelte ihm das ein wenig. Als das Gefrage aber kein Ende nahm und immer gleich oberflächlich blieb. langweilte er sich. Was fehlte nur dieser Frau Roth? Hatte sie ein Augenleiden, daß sie die Augen immer so verdrehte? War sie so nervös oder was sonst? Und die andere? Geradeso gekleidet wie eine leichte Dame von der Fricdrichstraße Wie geschmacklos I Er wandte sich wieder ganz Magda zu. Ihr war es am unangenehmsten gewesen, an diesen Tisch zu müssen, und doch konnte sie sich keine Rechenschaft geben, wcLhalb denn eigentlich. Diese unangenehme Empfindung verstärkte sich, als Frau Weber und Frau Roth sich so um Doktor Schäfer bemühten. Während sie sich mit der Frau Oberförster unterhielt, mußte sie doch zugleich mit größter Aufmerksamkeit dem Gespräch der drei folgen. Sie fand, Frau Weber und Frau Roth benahmen sich sehr kokett, ja unweiblich. Magda kam in eine ganz gereizte, ihr bisher fremde Stiminimg. als sie merkte, daß Schäfer sich lvirklich mit den beiden einließ. Sie atmete erleichtert auf. als es ein Ende nahm und Schäfer sich wieder ihr znivandte. Bin ich denn eifersüchtig? schoß es ihr plötzlich durch den Kopf. Sie entsetzte sich. Thorhcit, wie konnte sie denn eifersüchtig sein ans diese Damen diesem Doktor Schäfer gegenüber, der ihr guter Freund war, ja»vie ein Bruder? Da ist man doch nicht eifersüchtig. Sie beruhigte sich ein wenig. Aber diese Frage, die ihr so Plötzlich gekomnien, wollte doch nicht wieder gerade so plötzlich verschwinden. Unsinn, sagte sie sich im stillen zwar immer wieder, ich bin ja eine verheiratete Frau. Als wenn das ein Hindernis Ware, sagte eine Stimme in ihr. das; sie fast erschrak. Als nian aufbrach, war Magda nicht mehr so unbefangen wie sie hierher gekommen... Sie rückte so weit wie mißlich von Schäfer ab, als er zu ihr in den Wagen stieg. Den Pelz, der vorhin über den Knien beider gelegen, schob sie ihm sofort allein zu, ohne sich aber über das Motiv klar zu sein. Schäfer merkte davon nichts. Durch sein Gesicht huschten Kobolde mit spöttischen Zügen. Diese Forsthausgesellschaft gäbe wirklich keine üble Scene für eine Posse ab. Was ihn wohl beschäftigt, dachte Magda, ohne sich zu regen. Frau Roth, sagte etwas in ihr. Wie thöricht, er- widerte eine andre Stimme. Eifersüchtig, kicherte eine dritte. Sie sah Schäfer forschend von der Seite an. Das war ein andrer Mensch, der jetzt neben ihr saß; nicht mehr der- selbe, der vorhin mit ihr durch den toten Wald gegangen. Sonderbar! War er wirklich anders? Oder hatte sie nur andre Augen? VH. Magda gab sich Mühe zu vergessen, was mit ihr im FmftljauS und ans der Rückfahrt vor sich gegangen. Aber so ganz wollte es nicht gelingen. Es war von diesem Augenblick an nun doch kein rein geschwisterliches Verhältnis mehr; wenigstens von ihrer Seite nicht. Doktor Schäfer freilich zeigte sich nicht verändert, so genau ihil Magda auch daraufhin beobachtete. Rur daß er zur Ab- wechslnng seit gestern nicht niehr an den socialen Roman dachte, sondern an eine Posse: Die Kleinstädter. Daß er so unbefangen blieb, half Magda, daß sie nicht noch mehr befangen wurde. Aber sie gefiel ihr gar nicht so recht, diese Unbefangenheit. Etwas weniger davon bei Schäfer wäre ihr in» Augenblick lieber gewesen. lFortseyung folgl.) (Nachdruck mtotcn.) Etliche hcvuorragcude Mviegslügen. Die letzten Jahre haben wieder einmal den Beweis geliefert, daß das edle Handwerk des LiigenS nie so wohl gedeiht, als in Zeile» kriegerischer Verlvicklnngen. Die Engländer in Sndafrika, die Anieriknner ans de» Philippine»», die.Verbündeten"! ivic ihre gelben Widersacher im asiatischen Osten haben in offizielle» Bulletins, in ossizivsc» Mittcilnngcn und in unabhängigen Zcilungsnieldungei», von zahllosen Börienerfindinigeu zu schweigen, solche Meisterschaft in der Kunst des LiigenS bewiesen, daß ihre Leistungen gar nicht so weit zurückstehe» hinter den hervorragendsten Erzeugnissen vergangener Zeiten anf diesem Gebiete. Das will freilich nicht wenig besagen, wie ein Rückblick auf einige der kräftigsten Kriegölügcn, deren die Geschichte gedenkt, zur Genüge darthmr wird. Jedermann weiß, daß die Redensart.Sich rnckivärls konzen- trieren" die Bedeutung hat: einen niehr oder minder geordneten Rückzug oder auch eine ganz ungeordnete Flucht antreten. Uni diesen Ausdruck wurde der deutsche Sprachschatz bereichert durch ei» fanioses Bulletin der Lestreicher im Jahre 1849. Dainals wütete in Ungarn der Krieg zwischen den Heere» der östreichische» Reaktion und den magyarischen Revolutionsarmecn. Zu Beginn deS Monats April war der Vorteil allenthalben anf seilen der Ungarn, und der östreichische Oberbefehlshaber Fürst Wiudischgräy— der nämliche, der die Wiener Oktoberrevolution erwürgt und Robert Blum standrechtlich gemordet hatte— vereinigte seine Truppen östlich Pest zwischen Gvdvllö und Jsaszeg, um den Angriff der Ungarn abzuwarten. Dieser fand am S. April statt und endigte mit einer blutigen Niederlage der Ocstreichcr, die so vollständig war, daß ihre Flucht erst unter de» Wälle» vo» Pest zum Stehe» kam. Anstatt nun dies niilitärische Fiasko offen und ehrlich einzugestehen, ver- ösientlichte die oberste Heeresleitung in Wien folgendes erstaunliches Bulletin:.Der Fcldmnrschall Ivollte sich selbst von der Stellung und Stärke des Feinds überzeugen und traf deshalb am 4. April in Gödöllö ein. Die vorgenoinmcne Rekognoscicrnng zeigte die ganze Stärke des Feinds, der nun, einen Angriff vermutend, zuerst seine Hauptkräste gegen das 3., endlich gegen das 1. Arineecorps entivickelte. Eine Bewegung mit dem 3. Corps in des Feindes rechte Flanke(bei Jlatvan), ein rühmliches Gefecht, welches Jellachich bei Tapio- Bieske bestand, hatten dein Feldmarschall die Ueberlegenheit des Feinds vorzüglich an leichter Kavallerie dargetha», und er hatte den Befehl erteilt, um sich feinen von alle» Seite» annickenden Reserven z» nähern, die Armee so lange in einer konzentrierten Stell, ing vorwärts Pest zu vereinigen. Bei dieser Bewegung, iv elcher der Feind mit großer Eile folgte und sich vorzüglich auf das erste bei Jsaszeg aufgestellte Corps ivarf, während er das vor Gödöllö aufgestellte dritte Anneecorps zu beschäftigen venneinte. kam es am 6. zu einen, Gefecht, bei welchem die Brigade Fiedler de» Feind zwang, den Rückzug anzutreten, den er später durch einen großen Reiteraugriff zu decken suchte, der aber durch einei, Flankenangriff von drei Schwadrone» ebenfalls vereitelt wurde, bei welcher Gelegenheit den. Feinde Kanonen abgenommen wurden und er viele Tote auf der Wahlstatt ließ. Auch der Banus griff den Feind lebhaft an und nahm dann die für ihn b e st i n, n, t e Stellung ei». Der Feldmarschall ist entschlossen, in derselben seine Verstärkungen abzuwarten, und da seine Armee v o l I k o»n nie» koncentriert ist. bietet ihn, dieses Gelegenheit,»ach allen Richtungen mit derjenigen Kraft zu operiere», welche die Ereignisse erheischen können." Dies ganze Bulletin ist nichts als ein Lügen» gewebe von Anfang bis zu Ende. Nach den, Bulletin müßte man annehme», die.Koncentration" anf Pest sei von Windischgrätz aus strategischen Gründen schon beschlossen und in der Anssührnng ge- wese», als die Ungarn angegriffen, die Bewegung aber nicht hntien stören können, sondern im Gegenteil zurückgeschlagen worden seien: während in Wirklichkeit die Sache so lag, daß erst der durchaus erfolgreiche Angriff der Ungarn, der vor allem anf die Brigade Fiedler und de» Banns Jellachich fiel, zu de», stuckt- artigen Stückzug nach Pest zwang. Der osfizielle Trug konnte dann freilich auch bei den. Vertrauensseligsten nicht niehr verfange», als ein paar Woche» später Pest in die Hände der Ungarn fiel: von da an waren Windischgrätz und seine �lonceulrativne»»ach rückwärts" der Lächerlichkeit verfalle». Auch im siebziger Krieg hat eS an Kriegslüge» nicht gemangelt. Deutscherseits freilich war zn ganz gröblichen Erfindungen begreif- licherweise kein Anlaß, obsckon man auch hier im Vcrschiveige» und Beschönige»»nliebsamer Einzelheiten Erkleckliches leistete. Dem »»glücklichen Frankreich dagegen wurden wiederholt ganz unverschämte Sachen geboten. Den ti. August, also am nämlichen Tage, woMacMahon bei Wörth, Frossard bei Spichern geschlagen wurde, wurde iu Paris von der Börse ans die Nachricht verbreitet, die Deutschen seien bei Landau total geschlagen, derKronprinz venviiudet odergcfangcu worden. Im Jttstizpalnst wurden die Berbandlnngen eingestellt, die Präsidenten verkündete» de» Sieg, großer Jubel in ganz Paris, die Stadt be- deckte sich mit Flaggen. Erst allmählich merkte man den Schlvindrl. ans den ina» hineingefallen war, und am folgenden Morgen kn», der hinkende Bote in Gestalt einer Depesche Napoleons:.Mac Mabon hat die Schlacht verloren, Frossard ist gezwungen, sich auf die Saar zurückzuziehen. Dieser Rückzug wird i» gnter Ordnung bcwcrk« stclligt. Alles kann wieder gut werden." Hier nickte also die Regierung nnt der Wahrheit heraus, sobald sie ihr selber bekannt war, und jener fabelhaste.Sieg bei Landau" war nicht von ihrer Macke. Bald aber zeigte die Regierung des Dezembcrmanns, daß sie sich auch daraus verstand, das Kricgsglück durch falsche Nachrichten zn verbesseni. Am 18. August, dem Tage der Schlackt bei Gravelotte, er- klärte Gras Pnlikao in der Kammer:.Die Nachrichten vom Kriegsschan- platze lauten gut. Die Preußen habe» einen Waffenstillstand nachgesucht, um ihre Toten zn beerdigen, sie haben auch ihren Vormarsch auf Bar le Tue eingestellt. Endlich ist es auch geiviß. daß ein ganzes Kürassiercorps, daß des Grafen Bismarck, vernichtet ist. Auch bei Schlcltstadt hat«in kleines Engagement stattgefunden. Endlich spricht eine preußische, durch Belgien beförderte Depesche n»r von einem Kampfe, nicht aber von eine», Siege; schon daraus folgt, daß die Preußen einen Schlag erlitten haben." Tags darauf ließ Palikao sich dann also vernehme»:.Die Preußen habe» Gerüchte verbreitet, denen zufolge sie am 18. den Sieg davongetragen hätten. Ich muß diese Gerüchte Lügen strafe»: die Wahrheit ist. daß am 18. drei preußische Corps vereint den Marschall Bazaine angegriffen haben. und daß der Feind in die Steinbrüche vo» Jaumont zurückgeworfen worden ist." Wenige Tage später kam natürlich doch die Wahrheit zn Tage, waS dann nicht lvenig dazu beitrug, dem französische» Volke de» Rest von Vertrauen zu der kaiserlichen Regierung zn benehmen. Es ist eben eine alte Erfahrinig, daß Kriegslügen im allgemeinen kurze Beine haben und gewöhnlich rasch aufgedeckt werden, es sei denn, daß wirklich eine plötzliche Wendung zu», bessern eintritt") *) Dies letztere war der Fall deS Marschalls Roberts im Februar dieses Jahrs. Dieser General besaß die Unverfrorenheit, während der Kämpfe nnt Cronje an, 21. Februar ein Telegramm nach England zu senden, worin es hieß:.Ich hatte mich durch eine sorg- fältige getvaltsame Rekognoscierung der feindlichen Stellmig über- zeugt, daß ich sie nicht ohne sehr schweren Verlust stürmen konnte, de» ich eifrigst bemüht war z» vermeide,,.* Thatsächlich war die angebliche„Rekognoscierung" ein Sturmangriff. der total abgeschlagen ivorden und nicht weniger als 1200 Tote und Verwundete kostete. Diese ganz uugeivöhnlichc dummdreiste Lüge des Herrn Roberts blieb damals in der Aufregung über Croujcs wenige Tage später erfolgende Kapitulation beinahe unbemerkt: sie ist aber darum nicht weniger Thalsachc und verdient, von der Geschichte festgehalten zn werden. Der fltofec Oheim d«S dritten Nnpoleon verstnnd sich emf das Lüge» in seinen Kriegsbutletius ancv gar nicht schlecht; auf die von ihm gehandhabte Praxis führt stch die französische Redensart zurück: „mentir comme un bulletin", lügen wie ein Bulletin. Zwar, so lange er von Erfolg zu Erfolg eilte, hatte Napoleon I. keine Veranlassung z>» sehr schivercn Entstellnngen der Thatsnchen; es blieb bei vergröbernden Ausschmückungen und bei Herabsetzungen der eignen Vcrlnftzisfcr, Ueberschätznng derjenigen des Feinds. Wirklich grob trieb er es zum erstenmal im Jahre 18vv, als er durch Erzherzog Karl bei Aspern seine erste Niederlage erlitt, ivas ihn aber ggr nicht hinderte, in dem Bulletin sich einen glänzenden Sieg zuzuschreiben. Seinen Verlust gab er bei dieser Gelegenheit auf 1100 Tote und 3000 Verwundete an, während er in Wirklichkeit einige 30 000 betrug. Die stärkste Verschweignng der vollen Wahrheit, die Napoleon sich hat z» Schulden kommen lassen, ist sein Bericht über den Rückgang der groben Armee von Moskau, das berühmte 29. Bulletin, datiert vom 3. Dezember 1812 miS Molodclschno. Reben einer Masse von Details über die Richtung, die der Rückzug gcnonnncn, und zahlreichen— noch dnzn meist als Siegen dar- gestellten— Znjannncnstöben mit dem Feinde hören wir wohl, das; insolge des strengen Winters die Reiterei fast sämtliche Pferde verloren hat, dab ein grober Teil der Geschütze nnd des TraiuS zurückgeblieben ist, dagegen wird nicht mit einem Wort ans die that- sächliche Vernichtung der groben Armee hingelvicsrn, sondern in Bezug ans Menschenvcrlnste erfährt man blob,»eine Anzahl" Nach- zügler seien in die Hände der Russen gefallen, und als etwas ganz . besonders Bedauerliches wird die Gcsairgennnhine einer Brigade hingestellt: als wen» dieser UnglückSsall etwas Vereinzeltes gewesen wäre; kurz, die Absicht der Tänschnng ist»uverkcunbar. Eltons unendlich Abstobcndcs hat der Schlubsatz. den der Imperator seiner Hiobspost gegeben:„Die Gesundheit seiner Majestät ist nie besser gelvescn"; ivic zum Hohn all des Jammers I Eins mnb man übrigens Napoleon zu gute kommen lassen, dab nämlich seine Gegner es durchaus nicht genauer mit der Wahrheit nehmen, als er selber. Er log geivij;, wenn er nach einem Sieg bei Borodino behauptete, die russische Armee sei vernichtet, aber der rnisische Feldherr Kutnsow log noch ärger, wem» er sich de» Sieg zuschrieb und Dankscste seiern lieb. Napoleons Siegesbnlletin über die Schlacht bei Grobgörschcn(2. Mai 18l3) war gewib mit übertreibenden Lügen gespickt, aber die Pre»s;en logen erst recht, wenn sie ganz ungeniert amtlich den Sieg für sich in Anspruch nahmen und ihren Rückzug leugneten. Das sind ja nun alles recht hübsche Leistungen von Lügen; sie werden aber in den Schalten gestellt durch ein paar geradezu gigantische Schwindel ans der srömischen Kaiserzeit, die nicht zu glauben wären, wenn sie nicht völlig einwaudsfrri bezeugt wären. Den einen unternahm im Jahre 39 n. Chr. der damals wohl sckwn mehr als halbverrückle Kaiser Caligula. Er beschlob einen Kricgszng gegen die Briten. Als er an der französi- sche» Küste des Kanals angelangt ivar, erschien ein von seinem Vater vertriebener britischer Hänplliugssohn im Lager und flehte Calignlas Schutz an. Schleunigst meldete der Kaiser dem Senat nach Rom, Britannien habe sich nuterlvorfen. Darauf lieh er die Legionen am Strand Muscheln sammeln und mitnehmen als eine„dem Occa» entrissrne Beute". Nachher streisle er an die User des Rheins, ohne irgendwelche Kriegsthaten zu vcr- richten, lieb eine Anzahl Gallier als germanische Gefangene ver- kleiden und hielt an seinem Geburtstage im Jahre 10 einen triumphierende» Einzug in Rom als Sieger über Briten nnd Deutsche. In noch ehrenvollerer Weise erloarb Kaiser Domilian sichdenSieges- lorbccr. Zunächst zwar wicdcrhollc er nur die Komödie des Caligula. Bon einem Fcldzng gegen die Chatten im Jahre 8s kehrte er als Triumphator heim nnd erhielt den Beinamen Germaniens; mit welchem Recht, ersehe» wir ans einer Bemerkung des Tadtns: „Domitian war sich bcivubt. das; jüngst der falsche Triumph über Germanien zum Gelächter geworden sei, da man Leute aufgekmift und ihnen durch Veränderung der Kleider und Haare das Aussehen von Gefangenen gegeben." Er unternahm also einen Feldzng gegen die Tarier im heutigen Rnmänien, halte aber das Pech, dag seine Generäle von den Darier» jämmerlich verhauen wurde». De- nnd wehmütig bettelte der Kaiser um Frieden, der ihm auch be- willigt wurde, freilich gegen Zahlung eines jährlichen Tributs, Stellung von Arbeitern und Künstlern und so iveiter. Der Ausgang war also sonnenklar, wodurch sich aber Domilinit keineswegs abhalten liefe, im Siegerkranz sich in Rom einzufinden. 90 n. Chr. triumphierte der Kaiser über die Dacier, kostbare Gesäfee, teils aus dem kaiserlichen Hanshalt, teils den Bundesgenossen geraubt, figurierten in den; Zug als angebliche dacische Beute,»nd in allen grofeen Städten liefe sich der Kaiser Denkmäler setzen. In der Er- mnerung daran sagt der jüngere Plinius in seiner Lobrede auf Kaiser Trajan:„Jetzt kaufen wir die Geiseln nicht mehr, sonder» nehmen sie in Empfang; jetzt schliefeen wir nicht mehr mit grofeen Verlusten nnd nnermefelichen Geschenken Verträge, um den Schein zu haben, als hätten lvir gesiegt." Das»lochte denn in der That wohl die Höhe des Erreichbaren darstellen. Dem Pnblikmn Sand in die Augen streuen durch Thatsachenverdrehnng. durch Ziffernschiviudel, durch Umdichten einer einzelnen Niederlage in einen Sieg, das kann schliefelich jeder, das ist voir jeher mit leidlicher Fertigkeit getrieben worden und wird auch wohl weiter getriebsn werden, so lange der organisierte Masse»- mord noch gedeiht; aber ans einem unglücklich«! Krieg einen er- folgreiche» machen, ei» solch imposantes Lügengebäude haben wenigstens im Abendlande wohl nur römische Imperatoren fertig« gebracht; ihnen gebührt also die Paline als gröfete» Meistern der Kriegslüge.— v. Wlvimulu'vlkittnmmg im Vogellebon. Düstere Molkenschichten mnrahinen mm wieder den Horizont; öde und leer erscheinen die Fluren dem Wanderer auf seinen Gangen. Wohl haftet noch an der Eiche zähes Laub; aber vom Stnrnic zer- zaust nnd welk geinacht, spiegelt der Anblick des Lanblvalds nur das Bild haslenden Verfalls wieder. Auch die Nadelhölzer, olnvohl ihres Schmucks nimmer bar, stimmen mit ihrem nun in allen Trieben gleichmäfeige», gesättigten Schwarzgrün zur allgemeine» Spätherbst- stiinnuing. Noch öder als der Wald breite» sich die Feldflnche» ans. Am Raine mir heben sich noch einzelne Spätblütler. Schafgarbe und Feldknmille, Cichorie und Wucherblume, wohlthueud ab von dem schon graugrüne» Rase». Nicht ganz so arm ist das Tier- leben bedacht, trotz der vorgerückten Jahreszeit. Fröhliches Treiben und Jagen herrscht überall in Flur nnd Hag; besonders aber dem Orpilhologcn biclet der Windmonat vieles Anziehende. Die Zngzeit bringt nimichnlei Gaste ans nördlichen Klimatcn in unser« Gelände, teils vorübergehend, teils zur Winterhcrberge. Mit ihnen in; Verein enlfalten die nnS treu gcl'liebeueu Scharen der Strich- und Stand- vögel ein Bild, wie es— von Minnelebcn nnd Gesang abgesehen — das Frühjahr oft nicht besser zu bieten vermag. Am dornigen Feldgebüsch erhebt sich ein schöner Bogel bei misrein Nahen; in der Färbung ähnelt er der lveifeen Bachstelze. Doch bald erkennt man an dem gedrungene» Gliederbau, solvie an seinem Gebahren, über freiem Felde zeitweilig im Fluge iime zu halten nnd über einem Punkte zu schlveben, einen zu einer andren Sippe der Sperlingsvögel gehörigen Vertreter. Es ist der graue oder Rnublvürger, der jetzt anfsälliger ist als zur Sommer- zeit. Kleinere Vögel, namentlich Sperlinge und Ammer, aber nncki Fclduinnsc machen seine Hauplmahlzeit ans. Dieser Würger ist neuerdings recht selten geworden; an, ehesten gewahrt man ihn auf den Drähten des Telegraphen, auf denen er sich gern nicderläfet und nach Raub ausspäht. Auch die durcknveg schädliche Elfter verringert sich in ihrer Anzahl von Jahr zu Jahr; ihr auffälliges Gefieder lann sie der Veifolgnng der Sckücfeberechligteii und ost auch der Schiefeberüchligteu zu wenig entziehen, wozu»och ihr übers Freie etlvas unsicherer Flug sich gesellt. Im Gegensätze zur eben erwähnten Thatsache stehen die eigeut» lichcu Räuber, welche die Wintermonate hindurch bei uns Herberge». Hauptsächlich ist des pfeilschnell dahinschicfecnden Sperbers oder Finkenhabichts zu gedenken, dcL relativ gclvöhnlichstcn dcnlschcn Falken. Er ist der Schrecken aller Kleinvögel und lichtet namentlich die Scharen der Sperlinge, welche er als Kost allem andern Getier vorzieht. Seine Dreistigkeit geht so Ivcit, dafe er zuweilen bei Verfolgung seiner Beule in allerhand kritische Lagen gerät. Auch die Feinde des HmiSgefiügclS ziehe» bei eintretender Kälte mehr»nd mehr in die Nähe menschlicher Behansnng. Als solche seien erwähnt Wanderfalke mid Hühnerhabicht; beide Arten sind jedoch»enerdiugs so selten geworden, das; der von ihnen verursachte Schade» im Vergleich zu demjenigen mancher Raub-Sängeliere gar nicht ins Ge- »licht fällt. Sobald die Stürme des Novembers, von kalten Regen- nnd den ersten Schneefällen begleitet, das Land durchbrausen, ziehen zahl- reiche Krähenzüge ein und durch; dieselben Iverde» von der ein» förmig schlvarzgesiederten Saatkrähe gebildet. In der Regel ziehen diese Vögel in mnmterbrocheuen, aber nur lose gegliederten Linien dahin, bei klarem Welter höheren Kurs als bei stürmischem nehmend. Aufeer Raub- und Krähenvögeln verschiedener Art charakterisieren in» November Fringilliden unsre Landschaft. Gemäfe dem Abivcchselnng liebenden Charakter dieser Gattung finden lvir deren meiste Mitglieder im wechselvollen Hügellande. In vielköpfigen Zügen besucht die kleineren Feld- nnd Ufer- gehölze zur Zeil seiner Ankunft der hochnordische Bergfink, der Vertreter nnsreS bekannten Edelfinken im hohen Norden. Zinn Winter hin verziehen sich diese Züge nach solchen ausgedehnten Gebirgstvaldunge», deren Hölzer eine reichliche Samenernte erlangt haben. Früher wurden Herde ans diesen Vogel gestellt, welcher gleich den Lerchen als Delikatesse verspeist wurde. Den Bergfinken- zügen beigesellt treffe» wir hier und da einen andren Finkenvogel an, den gelbschnäbeligen Berghänfling, iveder durch Zeichinmg noch Gesang so ausgezeichnet, als der allbekannte Hänfling. Letztere Art streicht jetzt, zu gröberen Verbänden vereinigt, von Flur zu Flur nach Nahrung; Sämereien der mancherlei Doldengeivächse und land- wirtschaftlichen Unkräuter sind noch in Hülle und Fülle vorhanden. Längs der mit Erlen und Birken vestandeuen Flufe- und Bach- ufer stellt sich fast in jede»» Herbste eine auch nordische Hnnfliugsart ein, der Lcinfink oder Birkenzeifig. Die älteren Systematikcr stellen ihn in die Gruppe der Zeisige; seine»» Treiben nach eriiinert er auch mehr an diese,»vähreud Haltung und Zeichi»mig ihn den sogenannten Hanffinken näherbringen. Der Leinfink ist ein reizendes Vögelche» von zierlichem Gebahren; beim Männchen prangen Kopsplatte nnd Brust in zartem Rosenrot, beiin Weibchen nur erstere. In der Regel sind die Flüge dieser niedlichen Vögel nicht zahlreich; öfter sieht man ihrer nur wenige, drei bis sechs Stück zilsamme». Den eigentlichen Finken reihen sich hinsichtlich Aufenthalts und Lebensweise die Ammern an, von denen als Wintervogcl der bekannte Goldammer die lveiteste Verbreitung hat. In der Regel sind es viel- Zopfige Schwärme dieser verträglichen gefiederten Freunde, welche im Verein mit Sperlingen auf der Landstraße ihrer kümmerlichen Nahrung nachgehen nnd gegen Abend in kleine Feldgehölze oder Park- anlagen zur Nachtruhe sich begeben. Auch verschiedene Drosselarten haben jetzt die Gegend, so die Ziemer oder Wachholderdrosseln in zahlreichen, meist aus nordische» Landstrichen einziehenden Schwärmen. Besonders werden sie von »roch vorhandener Becrcnfrucht der Eberesche und des Wachholdcrs an- gelockt. In den letzten Jahrzehnten hat diese Drossel in mehreren Bezirken Deutschlands auch als Nistvogel sich angesiedelt. Noch mehr als der Ziemer fällt im Herbst und Winter die Amsel oder Schwarz- drossel auf, jener bekannte herrliche Sänger, der im Laufe der Zeit sein Wohngebiet immer weiter ausdehnte und in Gärten und Park- anlagen wohl»och häufiger vorkommt, als im grünen Wald. In jetziger Jahreszeit bilden ebenfalls mancherlei Beeren die Lieblings- speise unsrer Amsel. Die gleiche Kost bevorzugt, so lauge solche zu haben, unser schöner Gimpel, welcher— im Sommer Bewohner des Berglands— mm auch ebene Gegenden aufsticht. Der Gimpel bcanspnlcht stets Gehölz und Gebüsch, wcimgleich nicht unbedingt zusaiumenhängendeu Hochwald. Im Hochwalde fesselt jetzt daS Treiben zahlreicher Meisen. Hauben- und Tannenmcise beleben de» Nadelwald mit ihren froh- lichen Locktöncn! dort ist ihr eigentliches Hein»,»vo Fichte und 5iiefcr unbegrenzte Bestände bilden, im Hoch- wie im Flachlande. Emsig spüren sie den unter der Rinde verborgenen Insektenlarven nach und entfalten so eine durchaus nützliche Thätigkcit. In Gesellschaft dieser Meisen trifft man vielfach das allertiebste Goldhähnchen, die kleinste europäische Vogelart. Auf den ersten Blick möchte man fast bezweifeln, daß diese' gefiederte Zivcrggestalt den Unbilden eines langen Winters Trotz bieten könne; doch gehen gemachter Er- fahrung gemäß von den den Wald bewohnenden'Vogelarten im Winter weniger zu Grunde als von den im Freien hcrbergcnden. Dasselbe gilt auch von dem unscheinbaren Kleinspecht unsrer Bmim« gärten und Gehölze, dem Baumläufer. Man muß dem kleinen Wicht günstig gestimmt»verde». Ivo immer er sich findet: wie emsig rutscht er die Stämme hinan nnd läßt den zarten Lockton ertönen. Alis mancher Novemberwandernng im weiten Heidegebiet ist dieser Laut und das Locken der Tannenmcise unser einziger melodischer Genuß. Seltener schon zeigt sich iin Bereich des RadclivaldeS als Begleiter der Meisenfliige der große Bunt- oder Rotspecht; er schließt sich eher den in die kleineren Gehölze und Parks strebenden Scharen der andren Meiseiiarten, Fink-, Blau- und Suinpfmeise, an.— (Kölnische VolkSzeitnng".) Kleines Feuilleton. — JSla»>» uud Phonograph. Die FetlvaS, d. h. die Gut- achten der mohammedanischen Schriftgelcbrten, welche gewöhnlich in der Forin von Antivortcn auf bestimnite Fragen erscheinen, enthalten schon seit Jahrhunderte» für den in der mohammrdamschen Gcsetzcs- »vissenschaft einigermaßen Bewanderten sehr»venig Neues. Das Nene ist ja bom Bösen, und in de»» älteren Werken über daS Gesetz sind alle Grundsätze nnd die meisten denkbaren Detailfragen mit einer Autorität entschieden, an welcher zu rütteln dem Mohammedaner säst als Unglaube gilt. Nur wenn die Frage sich auf ganz neue Sitten, weltliche Institute, Moden odcr Erfindmigc»' bezieht, tritt die Wirksamkeit der heutigen Muftis aus den engen Schrnnte» d«S Nachschreibe»» und Kompilierens heraus, aber auch in solchen Fälle» gelingt es ihnen doch, bei leidlicher Belesenhcit nnd erprobtem Spürsinne meistens. einen Text ansfindig zu inachen, auf ivclchen man eine Schluß- solgerung gründen lau», die nicht den Verdacht erregt, als hätte man eigner Einsicht irgend welchen Spielraum gelassen. Der Phonograph gehört nun zu den neuesten Neuigkeiten, welche ans westliche»» Ländern in das Gebiet deS Islams eindrangen. Seine erste, ösfeitt- ltche Erscheinung ans Java»vurde— wie Dr. C. Snouck H n r g r o n j e in seiner Arbeit„Isla»» und Phonograph" mitteilt— auch von einigen Arabern mit angestaunt und es dauerte nicht lange, bis ein unternehmender Sajjid in Batavia sich ein solche» Gerät kaufte, um dasselbe, mit arabischen nnd uialaiischeu Liedern nnd Gesprächen ausgestattet, für Geld dein Publikum zu zeigen. Auch einige Koranverse, namentlich die Fatihah(das muslimische Vater- »mserj wurde phonographksch von ihm aufgenommen und zur Er- götzniig der Zuhörer, die hanptsäcklich aus Arabern, Ehincsc» und Eingeborenen bestanden.»uicdergegcbcn. Den etlvas weltlich Gesinnten unter ihnen gefiele» nun die Ans- fühnliigen sehr gut. Andre schiitteiten aber bedenklich den Kopf nnd betrachteten den Phonographen als ein unnützes Spiel- zeug, phonographische Aufnahme» von Versen des Korans als eine Entweihnng der Worte Gottes. Zu dieser Ansicht neigte auch der mehr als 70jährigc Gelehrte Sajjid UthmiU» in Batavia, der in nahezu alle»» wahrend der vier letzten Jahrzehnte in Niederländisch- Indien vorgekoinmeuen litterarischen Kämpfen eine immer»nehr hervorragende Rolle spielte. Bald verfaßte er in der üblichen Form Bcraiitivortlicher Repacteur: Dr. Georg Gradnaner in Groß ein Feilva über den Gebrauch des Phonographen, und als sich da- gegen Einwände lautbar»nachte», schrieb er eine neue, aus- führlicht Abhandlung, um dieselben zu widerlegen. Auch der berühmte Gelehrte von Tripoli in Syrien, Sajjid Hnsein ai Djisr. bestätigte auf briefliche Anfrage das Gutachie» von Sajjid Uthmän, nnd es läßt sich erwarten, daß die n, eisten UlemK dein Urteil der beiden zustimmen werden.— Unterdessen hat der Sajjid. der zuerst mit seine»» Phonographen ans Java benirn- reiste, sehr gute Geschäfte gemacht, mich haben sich seitdem ver- schiedene Araber billige Phonographen zur Privatbelustigimg gekauft. Die Fetwas haben nur den Erfolg, daß besonders fronnnc Leute»ich den» Hören des Phonographen und namentlich dc,n Hineinsprechen von heiligen Texten nnd Formeln enthalten. Der phonographischen Aufnahme von Koranvcrsen werden dennoch die Giitackiteii kaum zu steuern im stände sein, zumal die besten Koranrecitierer sich gar nicht immer durch Frömmigkeit auszeichnen.—(„Globus.") Theater. Tie TccessionSbiihiic: Der Tod des Tintagiles vo» Maeterlink. Ein Heiratsantrag von T s ch e ch o>v. Die Direktion traute cntiveder ihrem Maeterlink oder ihrem Publikmn nicht ganz nnd so kan, es. daß Alfred 5t e r r ciiicn einleitende» Bortrag hielt. Der Vortrag hat mir gefallen— er war kurz, klar und gut. Nur einen Ausfall gegen Brähm. zu dem man in den Räumen der Seccssionsbühne vorlönsig noch durch nichts berechtigt ist, hätte ich gm, vermißt. Kerr scheint Person- lich einer Kmist der Wirklichkeit den Vorzug zu geben, ichätzt aber das technische Raffinement nnd die roman» tischen Stiimiunigen Maeterlinks. Das ist Geschmackssache und ich möchte keineslvcgs behmipteu, daß e» die Sache eines schlechten GcschinackS sei. Wenn»vir indessen Maeterlink auf- f ii h r e n, niiifieii»vir»lach dein dramatischen Wert seiner Kunst frage» nnd den schätze ich allerdings gleich Null. Um ein paar mittelalterliche Schloßstimimiiigen zu genießen, die ich bei der Lektüre viel bester genießen kann, sitze ich nicht im Theater. An und für sich habe ich gegen Mystik gar nichts. Es ist die dramatische Ohnmacht dieser arrangierten Mystik, die»»ich langiveilt. Bon einer Wiedergabe deS Inhalts sehe ich ab. Ich berufe mich ans Kerr. der i» seinem Vortrag die erfreuliche Erklärimg abgab, daß so etlvas»vie ein Inhalt garuicht vorhanden sei. Wo also nichts ist, kann auch der beste 5iritikcr nichts»vicder- geben. Ftn» S t e i n e r t sprach— zumal in den Anfangspartien — ihre Worte mit wunderbarer Feinheit. Nach Maeterlink folgte ein uralter Thcaterspaß von T s ch e ch o tv — uralt und»venu er gestern geschrieben»väre. Ein Heiratskandidat kann vor Berlvirrnug seinen Antrag nicht hcranSbringcu nnd gerät mit settrem Schwicgerpapa und seiner Braut iu spe fortwährend in Zank. Was haben rn» des Himmels willen derartige Scherze mit einer SccessivnSbühiie zu thnir?—' E. S. »Humoristisches. — Im unklare n. Als eines Morgens der Adjutant Sr. Hoheit in deficn Arbritsziinuier trat, beinerlte er. wie Serenissimus eiftig in einem Band McycrS.Kemverfatioiislexiko» nachzusuchen geruhten. Auf den fragenden Blick deS Adjutanten meinte Hoheit nach einer kleinen Weile schüchtern und verlegen:«Aeh, äh...»visscn Sie, mein lieber von Zivicklitz... äh— aber ganz nitter nnS... äh.»vollte mal mir nachsehen...»vie Meyer eigentlich daS Wort... äh... r c g i e r c u definiert.—(„Simpl.") — Doppeldeutige Ablehnung. Herr Dr. Müller ist bei einer Familie auf Besuch.— Als er sich cntjerueu»vill, bemerkt die HanSfran, daß es draußen regnet. „Ah. bleiben Sie noch, Herr Doktor, bis cS aufhört zu regnen. Weine Töchter»verde» Jhlien iiizivische» etwas vorspielen!" „O danke— so arg regnet's doch nicht!"— — Der Protz. Parvenü(einem Freunde seinen neu er- bauten Mnsilsaal zeigend):„Wie gefällt Ihnen mein Musiksaal?" Freund:„Prachtvoll— doch die Akustik scheint zn fehle» Parvenü:„Die— kauf' ich mir noch I"— Nötige«. v. Eine englische Freiligrath-Biographie, die besonders den langen Ailfenthalb deS Dichters in England behandeln soll,»vird demnächst von seiner Tochter MrS. Frciligrath-Strvelcr hcransgegcbcn werden.— — Arnold Otts für die Bühne umgearbeitetes Volks« s ch a» s p i e I„ K a r l der Kühne und die Ei d g c u o s s e u" »vurde kürzlich am Züricher Stadtthcater mit große»» Erfolge auf- geführt.— — Unter dem Nanicn„Lessing-Feste"»vill die Lcssiug- Gesellschaft volkstümliche Veranitaltun'gcn größten Stils ins Leben rufen, die den Zlvcck habe»» sollen,„durch stunmnugsvolle Wcihe- stnnden in»veitcn Kreisen Liebe und Verständnis für Kunst und Wissenschaft zn eriveckci», um dadurch die Erkenntnis voin Werte ihrer Freiheit zi» steigern". Das erste derartige Fest findet am nächsten Freitag im„Deutschen Hofe", Luckailerstraße, statt.— — Eine Chrysanthe m u m- A u S st e l l i» n g ist gegenwärtig im Victoriahause des alte» Botanischen Gartens zn sehen.— Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.