Mntcrhaltungsbl Nr. 223. Freitag, den (Nachdruck verbalen.) ötz Ttttkev TvolKeu. Roman von Kurt Aram. Sehr unsanft wurde Marie in die Wirklichkeit zurückversetzt durch Franz Kranz, der laut ins Zimmer trat. Er war noch dreister geworden, denn er wußte, daß Mariens Mutter damit einverstanden war, daß er sich um ihre Tochter bewarb. Die Marie lvollte freilich noch inimer nichts davon wissen. Sie heirate keinen Ungläubigen, hatte sie ihm schon oft erklärt. Auch jetzt drehte sich das Gespräch wieder darum. „Uli wenn ich nu auch fromm werd'?" Marie stutzte, weil sie einen Augenblick zweifelte, ob das nicht ein Fingerzeig Gottes sei, ans diesem Wege die Seele von Franz Kranz für ihn zu gewinnen: und Menschen jfür Gott zu gewinnen, danach brannte ja ihr Herz. Aber nein. Thut Buße und bekehret Euch, hieß der Weg, der einzige, den die Bibel kennt, um zu Gott zu gelangen. Um ihn gleich auf die Probe zu stellen, sagte sie möglichst schroff:„Auch dann würd' ich Dich nicht heiraten I" Franz Kranz sprang wütend in die Höhe. Er starrte sie erst eine Weile stninnr an, dann schrie er:„lln Du wirst doch mein, doch I doch? doch l Wart' uur, die Frömmigkeit vertreib ich der doch noch l" „Nie! Nie!" Er lachte laut:„De wirst sehn!" und eilte aus dem Zinnner, ohne sich auf weiteres einzulassen. Marie war über seine Leidenschaftlichkeit erschrocken. Er hatte das in so wildem Ton gesagt. Es war ihm alles zu- zutrauen. Aber was sollte, waS konnte er ihr thun? Sie wußte es nicht. Eitles Geprahle und Großgethue, weiter war es doch nichts I Sie beruhigte sich. Gott im Herzen und solche Kraft in den Armen! Er sollte es nur versuchen, sie wollte es ihm schon zeigen. Uebcrrumpcln wie neulich, da er mit seinen Zechgenossen gekommen, würde sie sich so leicht nicht wieder lassen, nun sie wußte, wie es mit ihm stand. Nun war sie ganz getrost. Ihre Gedanken gingen der Frau Direktor nach. Ja, sie würde sie besuchen, und an ihr sollte es nicht fehlen. Wenn die bekehrt würde! Wenn die bekehrt würde! Magda war erstaunt, daß sie Otto und Schäfer im Eß- zimmer lachen hörte. Das war doch sonst nicht ihr Aufenthaltsort um diese Stunde? Als sie eintrat und sah, wie beide gemütlich bei einer Flasche Wein saßen, Schäfer ein Notizbuch vor sich, Otto Kleinstädtcrthaten berichtend, peinigte sie das wie ein physischer Schmerz. Die beiden merkten natürlich nichts, da sie mit sich beschäftigt waren. Schäfer stand zwar sofort auf und be- grüßte sie, aber seine Gedanken waren bei der Posse, Otto blieb ruhig sitzen und sah Magda überhaupt nicht an. Als sie gleich wieder aus dem Zimmer ging unter dem Vorwand, sie habe noch inl Hause zu thun, erhob auch Schäfer keinen Einspruch. Magda ging in ihr Schlafzimmer und horchte. Sie meinte immer noch das laute Gelächter der beiden zu hören. Hatte sie sich vielleicht doch getäuscht, war er im Grunde grade so roh und oberflächlich wie Otto? Sie nahm sich zusammen. Das geht denn doch zu weit. Ich mache mich vor mir selbst lächerlich. Gönne ihm doch das bißchen Plaisicr, die Flasche Wein und Ottos Witze l Und wenn er sich dabei wirklich wohler fühlte als bei ihr, so war für sie nichts an ihm zu verlieren, gar nichts. Vielleicht ivar das sogar am besten. Wenn ihr das im Augenblick auch leid tbun wollte, so empfand sie es doch zugleich wieder als eine Genngthnung, daß sie ihm immer noch nicht ihr Herz aus- geschüttet über ihre Ehe. Er kannte sie noch gar nicht, sie hatte sich also noch nichts vergeben. Stach Tisch ließ Otto anspannen, einen Hasen zu erlegen. „Sonntags thu' ich das mit Vorliebe, denn dann ärgern sich die Frommen, und die andern beneiden mich. In früheren Zeiten gingen sie Sonntags auch auf die Jagd. Jetzt bin ich auch darin Alleinherrscher." it des Dorwärts . November. 1900 Schäfer wollte nicht mit.„Menschen totschlagen. daS versteh' ich noch zur Not. Wie man aber unschuldige Tiere morden kann, ist mir unbegreiflich." „Das sinde ich auch," warf Magda ein,„nur, warum Sie sagen. Menschen totschlagen, komme Ihnen verständ» lich vor?" „Ich meine, Menschen können einen so martern und quälen, daß ich begreife, wie einer dazwischenhaut; aber die Tiere da draußen auf dem Feld? „Das ist so recht ein Thema für Euch zwei, da bin ich gänzlich überflüssig." erklärte Otto spöttisch und ging. Was wird er jetzt thun? fragte sich Magda, und ihr Herz klopfte laut. Wird er fortgehen oder bei mir bleiben? „Eigentlich bin ich recht böse." sagte Schäfer. „Weshalb denn?" „Hab' viele Gründe.* „Auf wen denn?" „Auf Sie!" «Was?" Magda glaubte nicht recht gehört zu haben. „Jawohl, ans Sie!" sagte Schäfer gereizt.„Sie kümmern sich seit gestern gar nicht mehr um mich l" Magda war ganz verwirrt. Er dreht ja alles um! Schäfer beobachtete sie scharf.„Sie geh'n aus ohne mich. Ich bin Ihnen augenscheinlich unangenehm. Ich werde des« halb wohl am besten möglichst bald abreisen." Magda saß ganz starr. Eigentlich ist es unverschämt, so einfach den Spieß umzudrehen, schoß es ihr durch den Kopf. Schäfer ließ sie nicht zu Wort kämmen. „Sie sind gar nicht mehr nett zu mir. Sie gehen mir aus dem Wege. Hab' ich Sie denn schon wieder durch etwas verletzt? Daun sagen Sie es mir, bitte. Lasten Sie mich nicht länger in Zweifeln. Ich kann das nicht ertragen!" „Ja... aber.. stammelte Magda.„Ich denke, Sie haben vollauf mit Ihrer Posse zu thun? Da ist Ihnen Otto ein besserer Gesellschafter als ich." Schäfer machte ein schmerzlich-elegisches Gesicht:„Wie können Sie so von mir denken? Diese Possei Meinen Sie, ich dächte nicht an mehr, ich könnte nicht mehr an mehr denken? O. Frau Magda!... Dann ist's freilich am besten, ich gehe zu meiner Posse!" Er ging langsam zur Thür. Langsam, weil er erwartete. von Magda zurückgehalten zu werden. Da sie aber schwieg, blieb ihm nichts andres übng, als wirklich hinauszugehen, auf sein Zimmer. Droben fing er an Cigaretten zu rauchen und zu schimpfen. Warum denn? Was sollte das alles, zum Donner!? Nun ja, es kränkte ihn, er fühlte sich ernstlich in seiner Eitelkeit verletzt, daß ihn Magda nicht mehr fetierte. Wenn er auch nicht in sie verliebt war, so hätte«s sich doch gehört, daß sie ein wenig mehr Herz zeigte. Und daß sie ihn so hinausgehen ließ»vis einen dunimen Jungen, ohne ihn zurückzuhalten, war einfach unverzeihlich. Nun mußte er doch notgedrungen eine Weile hier bleiben und schmollen, den schönen Nachmittag verttödeln, statt mit ihr ein bißchen zu flirten, was viel unterhaltender gewesen. Wirklich ungezogen von dieser Magda, ihn so laufen zu lassen. Das hätte ihn fast reizen können, in allem Ernst alles zu versuchen und in Belvegung zu setzen, sie verliebt in sich zn machen. Was sollte er hier oben? Hocken und Maulaffen feil« halten? Es blieb ihm nichts andres übrig, niißmutig be- schäftigte er sich wieder nnt der albernen Posse. Denn jetzt mußte Magda ihn rufen lassen, jetzt mußte sie den ersten Schritt thun, das stand fest. Eine unbequeme, unfreundliche Frau! meinte er ärgerlich, während er Schreibpapier zurecht- legte. Er that Magda unrecht. Daß sie ihn nicht zurück« gehalten Hatto, lag nicht- an irgend welcher Unfreundlichkeit, sondern daran, daß sie sich von ihrem Erstaunen noch nicht erholt hatte, daß er ihr Vorwürfe machte. Sie nahm eben diese Vorwürfe viel ernster, als sie im Gründe gemeint waren. Sie grübelte sogar eifrig nach, ob sie es wirklich an Freundlichkeit habe fehlen lassen seit gestern. Aber sie konnte nichts finden, so viel Mühe sie sich auch gab. Im Grunde wäre es gar nicht angenehm gewesen, sich schuldig sprechen zu können. Sollte sie ihn nun doch wieder zu sich bitten? Nein. das ging beim besten Willen nicht, sie wüßte ja gar keinen Giomd dafür anzugeben. Ich muß schon warten bis zum Kaffee, wenn er bis dahin nicht von selbst wieder ge- 'kommen ist. Aber er kam nicht. Er scheint ernstlich gekränkt zu sein. Mein Gott, wes- halb nur? Ich Hab' ihni doch wahrlich keinen Anlaß dazu gegeben. Sie täuschte sich. Schäfer dachte schon gar nicht mehr an sie. Er arbeitete gerade an der Hauptscene des ersten Aktes seiner Posse. Er mußte sogar ein paarmal laut und herzlich lachen über diese Scene. Das Stück versprach nicht übel zu werden. Aber nach einer Stunde gähnte er. Er hatte keine Lust mehr zu arbeiten. Warum saß er überhaupt hier? Ach so, er schmollte. Nun fiel eS ihm wieder ein und ärgerte ihn gleich wieder. ..Dumme Wirtschaft I Immer dieser Weiberkram l Nichts als Unannehmlichkesten hat man davon!" Endlich rief ihn das Mädchen. Er war zunächst äußerst kühl. Diese Magda sollte wenigstens merken, daß er sich nicht ohne weiteres schlecht be- handeln ließ. Was hat sie dir denn gethan? fragte er sich gleich selbst. So recht was Böses konnte er gar nicht finden. Einerlei, sagte er sich, ich ärgere mich halt über sie. Magda war so freundlich wie noch selten. Hauptsächlich, weil es sie auf einmal Ueberwindung kostete, so zu sein, weil sie sich befangen fühlte. Das sollte, das durfte Schäfer nicht merken. Er würde dann womöglich glauben, sie mache sich mehr auS ihm. als der Wahrheit entsprach. Lieber zu viel Freundlichkeit jetzt als zu wenig. Schäfer fühlte sich sehr angenehm berührt. Sein gnmd- loser Aerger konnte unmöglich lange Stand halten. Wie sie sich Mühe gab, wie sie alles durch doppelte Liebenswürdigkeit wieder gut zu machen suchte l Es lag ihr also doch etwas an ihm. Da mußte er doch wieder nett sein. Er brauchte sich auch bald keine Mühe mehr zu geben, es zu sein. Es wurde ihm ganz leicht. Sie war doch eine angenehme Person, ganz gewiß! Es lohnte sich doch, wieder freundlich mit ihr zu sein. Otto war doch ein Dummkopf, daß er sich nicht mehr um sie kümmerte. Sie erzählte ihm vom Sterben des Asthmattkers. Wie schön das vor sich gegangen. Schäfer konnte leicht merken, daß es sie wunderte. Heber den Tod sprach er nun ganz besonders gern. Es war so recht ein Thema für ihn, der gerne mit ihm wie auch mit dem Leben spielte.' „Sie machen einem ja wahrhaftig ordentlich Lust zu sterben," meinte Magda schließlich lächelnd. „Wirklich? Das freut mich. Zur rechten Zeit sterben halte ich für eine große Tugend wie die Alten." „Wann wäre dazu die rechte Zeit?" «Jedenfalls dann, wenn das Leben am schönsten oder am häßlichsten, wenn man der Meinung ist, schöner oder häßlicher kann es nicht mehr werden." „Wann wird das wohl ein Mensch meinen I" „Gewiß, es wird selten sein. Sonst wäre das Sterben, das ich meine, ja auch nichts Tugendhaftes. Denn wahre Tugend ist selten, kein Handelsartikel, den man in jeder Kirche, bei jedem Philosophen kaufen kann." „So würden Sie sich also unter gewissen Umständen das Leben nehmen?" „Leben nehmen klingt nicht sehr hübsch, riecht nach Pulver. Hanf und Seetang." „Welche Todesart würden Sie denn wählen?" Schäfer stutzte. Dann lächelte er.„Verzeihung. Frau Magda, aber es ist doch zu eigen, daß Frauen immer persönlich werden müssen. «Sagen wir lieber konkret." „Auch dies, wenn Sie wollen... Ich bin der Ansicht, das kann man nicht so ins Allgemeine sagen, welche Art, das Leben aufzugeben, man wählen wird. Das hängt von den besondren Umständen ab. Was essen Sie am liebsten? SAchtwahr. das hängt auch von mancherlei Umständen ab, und je nachdeni wird die Antwort sehr verschieden ausfallen. Oder was trinken Sie am liebsten? Denn das ist eine edlere Frage. Bei leichten Speisen schweren Rotwein, bei schweren Speisen schweren Rheinwein. Zum Frühstück Mosel. Das Zxißt, wenn ich fidel gestimmt bin. In ernsten LebeMagen ziehe ich Südwein zum Frühstück vor. Auch fände ich es scheußlich, zu Mosel eine schwere Cigarre zu rauchen. Zu Mosel paßt eine leichte Cigarrette, während zu besserem Rot- wein eine„Bock" geeignet sein dürfte. Hab' ich aber kein Geld, so wäre es in meinen Augen der Gipfel der Geschmacklosig- keit, wenn ich etwa zu Pökelfleisch und Sauerkraut die letzte Import anzünden wollte. Dazu gehört eine inländische Acht- pfennig-Cigarre. Ich will nur sagen, alles muß seine innere Harmonie haben. Auch das Sterben. Sie kennen ja Hedda Gabler?" Magda nickte. „Ein Strolch soll sich aufhängen. Das paßt zu ihm. wie Pökelfleisch. Sauerkraut und Achtpfennig-Cigarrc zu einander passen. Unglücklich Liebende werden, wenn sie Sinn für Har- nwine haben, ins Waffer gehn..." „Warum das gerade?" Schäfer sann einen Augenblick angestrengt nach, suchte nach der Begründung, konnte sie aber nicht finden.„Ich habe so die Empfindung," erklärte er dann verdrießlich, weshalb ihn Magda gewähren ließ, als er fortfuhr:„Der gemeinste Tod gebührt zum Beispiel verzweifelten Bankrottiers. Ich würde für Ersäufen in einer Wellenbadschaukel stimmen. Meines Erachtcns ein furchtbar plebesisckes Möbel. Er- schießen ist dagegen schon feiner. Sache der bcfferen Stände. Eine wirklich vornehme Todesart, gcntlemanlike, ist die der alten Römer, die sich im warmen Bad die Pulsadern öffneten und so langsam hinüberschlnnimertcn." „Sie würden sich also die Pulsadern öffnen?" „Das kommt darauf an. Werd ich ein Strolch, häng ich mich auf. Suchte ich den Tod aus unglücklicher Liebe» was übrigens sehr unwahrscheinlich ist. ginge ich ins Wasser. Nur wer nach reiflicher Ueberlcgnng in der schönsten oder häßlichsten Stunde seines Lebens das Leben ablegen will, nur deni gebührt der Tod der Alten." Wie feierlich er das sagte. Magda lachte laut. Schäfer lächelte leise, ein wenig gönnerhast. Wie konnte das auch eine Frau verstehen! „Waren Sie noch bei jemand heute morgen, Frau Magda?" Diese zögerte einen Augenblick, dann sagte sie:„Nein." Uni keinen Preis hätte sie ihm erzählt, daß sie bei der Marie Jung gewesen. Daraus hätte er gar zu leicht falsche Folgerungen ziehen können. Sie schwiegen eine Weile. Dann fragte Schäfer:„Nicht wahr, übernwrgen ist doch Ihr Geburtstag?" Magda erwiderte ein wenig verlegen werdend:„Aller- dings." Was fragte er danach? Wollte er ihr etmas schenken? Wie sehr würde es sie freuen, an ihn ein An- denken zu besitzen. Schäfer lächelte.„Ich wollte mich nur vergewiffern." (Kortsetzuag solgl.) (Nachdruck vrrdoten.) Vtts VegBÄbnis: Don S i e g m n n d Niedz Wiecks. (Schluß.) Sic starrten einander wieder ratlos an. Jetzt kamen die Bettler von dem schönen Begräbnis zurück. Der KieS knirschte unter ihren Füßen, und ihre Stimmen wurden mit jedem Schritt lauter und deutlicher. Sie schienen sehr auf- gebracht. „Vier Kreuzer für jeden! Hat mair schon je so was gesehen? Und versprochen haben sie, Gott weiß was! Vier Kreuzer für jeden, bei so einem Begräbnis! Wenn sie nur den tausendste» Teil von dem gegeben hätten, was er an einem Tage gestohlen hat. Aber das ist schon so, im Leben hat er betrogen und im Tode be- trügt er." ' Einzeln und im Chor sprachen sie, die alten Männer und die alten Frauen, die für ein geringe? Entgelt den armen Seelen ihre Protektion für die Himmelsfahrt zusicherten. Zuguterletzt schrie ein Alter seiner tauben Gefährtin ins Ohr, wie schwer die Sünden seien, die dieser Tote noch jetzt auf sich geladen habe, denn er habe sie schändlich betrogen, noch in der Grube betrogen. Ein andrer lispelte, als er das traurige Gesicht Malinowskis sah: „So geht'S, Herr. Dem einen läuft man in Haufen nach und der andre ivird begraben wie ein Hund, mit Verlaub zu sagen. Ein einzelner Mensch, ein naher Verwandter vielleicht schleppt ihn allein auf den Friedhof hinaus. Aber warum machen Sie so ein saures Gesicht, Herr?" Der Lackierer schämte sich, von seinen Sorgen zu sprechen. Er wartete auf Kladka, der in die gegenüberliegende Schänke gelaufen war, wo die kleinen Leute und die Bauern immer das Totenmahl feierten. Er wollte seine Weste versetzen. Aver schließlich erzählte er dem Bettler doch die ganze Geschichte. .Schaut her, Leute." rief der Bettler,.für den reicht'S nicht 'mal zur Taxe, und der andre hat sich schon ein Denkmal auS Marmor machen lasten, als er noch gar nicht an den Tod gedacht hat... Oh du Gerechtigkeit 1" In demselben Augenblick kam Kladka atemlos zurück, er sah noch magerer aus als früher und der Rock war sorgfältig bis oben hinauf zugeknöpft. .Nun?" .Vierzig Kreuzer Hab ich bekommen.' .Wenig I' »Hab'"kaum da? erbettelt.' .Was machen wir jetzt? Nenn Kreuzer fehlen noch." Der älteste von den Friedhofsbeltlern eisichr eben von ihrem Mißgeschick nnd erging sich in Klagen und Mitleidsbezeugunge», der ftaiize Groll über den reichen Geizhals klang noch mit an..Ja freilich kein Kreuzer wird einem geschenkt.... Wenn alle Neichen solche Almosen geben würden, wie der da, ja freilich, dann würde es nicht einmal mehr lohnen, Friedhofsbettler zu sein." Die beiden Freunde kratzten noch vier Kreuzer zusammen. Ihr Kutscher hatte sie ans dem Knoten seines Taschentuchs cheraus« gewickelt, es waren die letzten, die er harte und sie mußten dreimal bei ihrer Seele Seligkeit beschwören, daß sie sie Wiedergeben würden. Aber fünf feblten noch. .Wenn einer von den Bettlern was borgen wollte I' »Sag's einem l" .Sag' Dn's I" Sie fanden keinen andren AnSWeg und ohne lauge zu zögern, finge» sie an, bei den Bettlern zu betteln. Sie bekamen drei Kreuzer ans diese Weise. Der eine Alte schenkte«inen Krenzer, weil er ihm nicht echt vorkam, eine Frmi gab eine», weil eS sie seit einigen Tagen i» der Herzgrube drückte, nnd sie Angst vor den» Tode hatte, und eine zweite schenkte auch einen Kreuzer, weil sie sich von der erste», die sich jeden Tag mit den Katzen um ihren Ptatz vor der Friedhofsthür raufen mußte, nicht ausstechen lassen wollte. Plötzlich stellte sich Kladka hinter Malinolvski, so daß jener ihn ganz verdeckte. Er schielte nur vorsichtig über den Arm des Lackierers hinweg nach den» breiten Wege in der Mitte des Friedhofs und flüsterte aufgeregt: .Steh ruhig, rühr' Dich nicht!" Er zupfte aufgeregt nnd verlegen an feinem Nock herum, als Hütte er Angst, daß man den Verlust seiner Weste merken könne. Der andre schaute sich um und begriff sofort die Situation. .Aha Zoska!" brnnunte er. Aber plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke. Er packte den Schuster rasch am Arm und sagte lebhaft: .Vielleicht giebt sie's." ES fehlten ja noch zwei Kreuzer. Der Schuster fuhr entsetzt zurück. .Aber geh' I" .Gott verzeih' Dir Deine Sünden, in solch' einei» Falll" sagte der Freund u»d hob beide Hände in die Höhe. »Sprich mir nicht davon!" wehrte sich Kladka. „Kladka thu's! Es ist ja für Zatvixs. Ich würde selbst zn ihr gehen, ober ich kenne sie nicht." «Ich auch nicht mehr ," sagte der Schuster düster. Dem armen Kerl fielen die Gründe ei», um derentwillen er mit dem Mädchen gebrochen batte. Er hatte noch vor kurzer Zeit mit ihr verkehrt und ernsthafte Absichten gehabt, aber dann war ihm verschiedenes über sie zn Ohren gekonmic» nnd ihre Gegenwart auf dem Friedhof, jetzt um diese Zeit im Soinitagslleide mit Ohrringen und Armbändern bestätigte nur, daß sie der ehrlichen Arbeit den Rücken gekehrt hatte. Sie schien durch den Anblick der beiden Freunde sehr verwirrt. Und sie bitten? l... Nein, niemals l Aber in demselben Augenblick sah Kladka den Sarg des Freunds, der»och immer auf dem Wagen vor dem Thore stand, und Zoska, die eben den Friedbof verließ. Mit«in paar Schritten fetzte er ihr»ach, während MalinolvSli ihm unschlüssig nachschaute.-- Endlich war die Summe beisammen. Sie wandten sich wieder an den Aufseher, der noch immer in der Nähe stand und ihnen von Zeit zu Zeit ungeduldige und wütende Blicke zuwarf. Aber als sie mit Hilfe der Totengräber den Sarg endlich vom Wagen heben durften, stellte sich ihnen ein neues Hindcniis entgegen. Der Glöckner rief: .He l wartet einen Moment, laßt erst die Herrschaften vorüber- gehen 1� Tie Teilnehmer des schönen Leichenzugs verließen eben den Friedhof. Man schwatzte laut, drängte sich um die Frauen und rief nach den Wagen.— Sfcttö Vev muMaliMen RVoche. Es find schon viele Köpfe geschüttelt worden über die Be- Handlung des.Hohenliedes SalomoS", jenes fchönheit- fingenden lyrischen Intermezzos im Alten Testament. Erstens flammt eS nicht von Salomo sondern ans einer etwas späteren Zeit und heißt ursprünglich»Lied der Lieder". Zweitens ist fem eigentlicher Sinn— LiebeZgesang zwischen einem Hirten nnd«wer für des Königs Harem begehrte» Hirtin— von kirchlicher nnd zwar auch lutherischer Seite verkehrt worden in den Sinn der Liebe Christi als deS Bräutigams zur Kirche als der Braut. Wie gewaltthätig da- durch jenes ganz unzweideutig sprechende Kunstwerk verzerrt Wird, zeigt fast jeder von seinen Sätze». Auf diese Grundlage nun auch noch eine musikalische Komposition zu bauen ist aller» dings ein starkes Stiii Enrico Marca B o s s i, geboren 1861, Lehrer des Orgelspiels nnd der Theorie am Konservatorium in Neapel, Komponist verschiedener Werke, namentlich für die Orgel, doch auch einer Oper, hat das.Csntjcum canticorum" als .Biblische Cantate in drei Abteilungen" vertont. Der Text ist eine Verkürzung der 8 Kapitel des Originals, in dem Latein der Bibel, und liegt' uns in einer deutfchen Uebersetzung vor, die den lateinischen Titel als„Das hohe Lied" wiedergiebt. Erschwert nun schon die ursprüngliche Fassung, insbesondre durch den Verzicht auf eine« geraden epischen Schritt, das Verständnis, so ist dieses in der neuen Fassmig erst recht nicht erleichtert, sei es, daß nian das Ganze seinem wahren Sinne nach deutet, sei eS, daß man es kirchlich übertragen nimmt. Erst aus der beigegcbenen musikalischen Analyse erfährt man, daß ein Fortschreiten zu Höhepunkten hin gemeint ifl. Wie Wenig entspricht dies doch dem Geist eines musikalisch-dichte- rischen Gefamtiverks, daß in» Text weder eine anschauliche Rechtfertigung gerade eines solchen Fortgangs liegt noch auch eine Klar- heit, die uns bestimmt« Vorstellungen erweckte I Einen andren faßbaren Eindruck als den vieler einzelner Schönheiten der Musik kann da das Publikum Wohl schwerlich davontrage». Solche Schön- Heitel» sind allerdings vorhanden. Die Schilderung:.Horch I Die Stimme»neines Geliebten l Ja, da kommt er, über die Berg«, über die Hügel stürmt er daher" usw., der Schluß des zweiten Teils mit dem Sieg des.christlichen" Motivs über das.hebräische"�!) und dann im dritten Teil die zarten überirdischen Motive, die der— natürlich nicht sinnlichen, sondern.mystischen"— Vereinigung«ntgegen- führen: das alles würde innerhalb eines widerspruchslosen Ganzen erst recht verdienstlich sein. Daneben stehen freilich auch mancherlei miaiigeiiehm« Eigenheiten deS Einzelnen. So die zrnn Teil unleid- lichen Wiederholungen; so die lange fortgesetzt« Gleichmäßigkeit eines gekünstelt dahinstampfenden Rhythmus. Das Unnatürliche des Ganzen verrät sich im einzelne» besonder? an der.Liebesscene", mit welcher der erste Teil schließt.Unsre Lagerstatt ist von Blumen" usw.): Die Komposition ist hier so künstlich gepreßt. Wie es bei einer natürlicheren Anlage deS Ganzen für einen guten Koinponisten nicht Wohl hätte sein könnet«. Es muß hier noch einmal auf den einen von den mehreren Wider- sprüchen aufmerksam gemacht Werden, die hier zusammenfließen: auf die epische Behandlung eines in der Hauptsache ganz eigentlich lyrischen Dichtwerks. Dazu kommt noch, daß diese Lyrik mit ihrer Sinnenfrendigkeit doch auch geistige Momente enthält, die keineswegs einer Vertoiumg entgegenkomme». Das sind die steten üppigen Ver- gleiche: z. ffl..Wie ausgeschüttete Nörde ist dein Name", oder— als Schluß jener Liebesscene—.Eedern sind die Balken»msreö Hauses, Eypressen das Getäfel". Und um das Onallenhafte deS Ganzen noch mehr zu erweichen, ist mitten in de» Text, an den Schluß des zweiten Teils, ein spätlateinischer HymnuS hineingesetzt:„Ecce panis Angelorurn" usw., mit der shrupartigen Uebersetzung:»Du süße Engelspeise" usw. Wir habe» unS hier länger aufgehakten, Iveik uns weit über einzelnen» Können die Frage»ach einem künstlerischen Geschmack im ganzen steht. Und einem solchen ividerspricht eine Leistung ivie jene Bossis nun leider durchaus. Man mutz sich nur wundern über die Hingabe, mit der ein Komponist sich einer solchen Aufgabe unter- zieht, nnd mit der Herr Profeflor Friedrich Gernsheim es unternommen hat.»ins da« Werk zugänglich zu machen. Bon ihn» stanmit ja wohl das ganz« Heftchen mit Uebersetzung, Einleitung und Analyse, nnd von ihm ging ersichtlich die Aufführung rniS, die »ns der S t e r n s ch e Gesangverein(jetzt im 63. Vereinsjahr stehend) am letzten Montag und— mit der von unS gehörten Haupt- probe— an, vorhergehenden Sonntag bereitete. Die Tüchtigkeit der Aufführung nnd der äußere Ersolg sind bei den Veranstaltungen solcher Körperschaften wohl nicht erst näher zu erwähnen. Am Er- folg hatten diesmal jedenfalls wieder die(zwei) Solisten eine» so starken Anteil, daß über den Erfolg der Komposition selbst schwer zu urteilen ist. Ans die Gesangsleistung Hern» Karl Scheide« m a n t e I s ist noch eigens hinzuweisen, da die Stimmbildung diese? Sängers in der That als vorbildlich gelten darf.— Vorangegangen war der Bossi-Nunimer ein H ä n d e l s ch e s Konzert für Orgel und Orchester, das auch Freunde Handels über Erwarten befriedigen konnte, wenngleich eS, besonder? im zweiten, langsamen seiner beiden Sätze, bedenkliche Breiten enthält. Aber schon die reiche Stimmen- ftille des Orchesters und die bescheidene Einfügung der Orgel in dieses machen das Werk zu einein so fein künstlerischen Genutz, wie er nicht bald wieder zu firiden sein dürste. Schwer wird es, aus den zahlreichen kleineren Solistenkonzerten, die jetzt zahllos durch die verschiedensten Konzertsäle gehen, eine gerechte Auswahl zu treffen. Dem Zufall muß hier viel mehr ein- geräumt werden als einer überlegten Anrcihung der Konzerte nach ihrer Würdigkeit. Bei dem Besuch eines dieser Abende in der Singakademie war weder vorher noch nachher zu wissen, ob andre Besuche fich nicht viel bester gelohnt hätten. Die Klavierspielerin dieses Konzerts, Mabel Seyton, ist wahrscheinlich eine.Enkel- schülerin" Liszts. Die L- moU- Sonate von diesem erinnerte u»S dnran, bnfe man diesem Komponisten nicht gerecht wird, Ivenn man zwischen den verschiedenen Gruppen seines Schaffens nicht gut nnter- scheidet. Das meistgenannte von ihm: seine«progrannna« tischen' und sonst noch derartigen Orchestermerke, stellen ihn nnsres Erachtens lange nicht so hoch ivie seine Bokalwerle, znnial seine kirchlichen. Und unter seinen Klavierkompositioncn sind ivohl solche ivie jene Sonate die vorteilhaftesten, dagegen die verschiedentlichen Trans- skriptioncn imd dergleichen die wenigst geschmackvollen. Die genannte Dame spielte auch solche Stücke und ein oder das andre ähnliche, wobei russische Komponisten im Vordergrund standen, doch nicht gerade zn»nsrer Befriedigung. Anregender ivaren„Variationen über ei» lettisches Thema", von einem uns nnbelannten Komponisten I o s e f W i h t o l, als op. 0 bezeichnet. Das Thema erinnert an Lieder von Grieg, die Variationen sind eine interessante Blüte mo- derner Koinpositionsweise für Klavier. Die Spielerin verfügt über das bei einem solchen Programm übliche Können. Das klare Heraus- gestalten ist freilich nicht ganz ihre Sache; ziimal wer solche Stücke noch nicht kennt, versteht sie bei dieser verschivommencn Jntcr- pretation nicht leicht. Die Sängerin des Abends, Marie Gscheidel, konnte die Aiifmerksanikeit des Pnblikuins durch die Wahl minder- bekannter Lieder von Grieg und Tschaikoivsky wohl»och eher fesseln «IS durch ihre Kunst. Eine eintönige, dem Larnioyablcn zugeneigte Vortragsweise ivar nur eben bei einigen dazu passenden Liedern geeignet, über die Mängel der Stimme, namentlich über die oft im- reine Vokalisierung, hinwegzuhebeii.— Eine Angabe der Dichter- namen bei den Liedertexten des Programms, die wir diesmal ver- mistten, sollte doch niemals fehlen. Unter den Berichten, die mir über versämnte Konzerte vorliegen, darf wohl der über die Altistin Brigitta T h i e l e m a n u hcvor- gehoben werden. Sie soll seit ihrem Anftreteic in» vorigen Jahr gut vorwärts geschritten sein; eine ziemlich graste Stimme, wenngleich wenig warm und im Piano, besonders in der Höhe, etwas spröde, sowie ein teilweise guter Vortrag verhalfen zu einen» Erfolg. Zur Wieder- holung kam ein Lied von der holländischen Komponistin C a t h a- rine van RenneS, auf die ich deSivegen austnerksam mache» möchte, weil von ihr die Musik zn einem der künstlerischsten Kinder- büchcr stammt, die wir haben, zu der„neneu Erzählung mit Klavier': „In der Mäuse Welt", aus dem Holländischen der Agatha Snellen(Stuttgart, Felix KraiS). Bei dem Bevorstehen der Weih- nachtSzeit darf ivohl dringend gewünscht werden, dast das Publikum seine Kinderbücher dort suche, wo zugleich ein dichterischer, bild- künstlerischer, musikalischer Wert anznerkennen ist, und dast es so die bisher von der Konkurrenz der schundige» Ladcii-Bilderbücher niedergehaltene Produktion einer geschinackvöllen Kinderkunst unterstütze.— BZ, Vleines JfcitUTefmt, — klcber die Trauer um die Toten bei verschiedenen Völkern schreibt F. Kunze in einer längeren kulturgeschichtlichen Skizze: Laut und mnstlos sind meist die Schmcrzäusterungen der Wilden, die, mögcil sie von Trauer oder Freude lebhaft bewegt werde», um so zügelloser ihren Ei»ipfi»dn»gen sich hingeben, je mehr es ihnen an Halt und Selbstbeherrschung gebricht. Sie wollen nicht nur das bc- kümmerte Herz erleichtern, sondern zugleich die Verstorbenen ehren und die von ihnen ausgefahrenen Geister freundlich stimmen, weil diese auf das Leben der Hinterbliebenen Eüistust besitze» und ihnen Gutes oder SchlinuncS zu bereiten vermeintlich die Macht besitzen. Den Negern, welche fast allgemein Krank- heil und Tod alS das Werk zauberkräftiger Gewalten betrachten, giebt jeder Sterbefall Anlast zur Bezcignng des wildesten Schmerzes, doch, niinint diese selbstpeiuigeude Stimniung sehr bald einen gegenteiligen Charakter an,„so dast ihre Leicheufeierlichkeiten meist groste Lustbarkeiten für sie sind und sie diese oft ans ganz ähnliche Art und mit derselben Miene begehen ivie ihre Frendeu- feste." Unter den amerikanischen Nothäntcn finden sich einige Stämme, welche das laute Wehklagen um ihre Entschlafenen auf die Fraueil beschränken, ivie»ach TacitnS' Angaben bei»»sren ger- »nanischen Vorfahren„ii»l Tote zu trauern für die Weiber bestiinnit war, wogegen für die Männer ihrer still zu gedenken als anständig galt." Bei de» meisten Jndianerhvrdcn beteilige». sich auch»näun- liche Personen— wenn auch in weit geringerem Grade als weib- liche— an den eigentlichen Totenklage»', die nicht selten in die härtesten Peinigungen und gransanisten Verstniinnelungen ans- arten. Während sich australische Neger in der Totentrauer die Nasenspitze ritze» und schneiden, um durch diesen Reiz Thränen zu erregen, gefallen sich die insularen Südseebeivohner in allerhand Selbstpeinigungen. Auf Rotmua zerfleischt inau sich Stirn und Wange mit einenr spitzigen Haifischzahn und sticht sich»iit Speeren; ja die verzweifelten Weiber schneiden sich sogar de» kleinen Finger ab. Letzteres thun ailch beide Geschlechter auf den Tonga-Juseln, Ivo bei den» Tode eines Häuptlings ganz entsetzliche Quälereien stattfindeiii auf den Marianen artet, sobald ein Vornehmer gestorben ist, dieser Trauerschmerz in wahre Berserkerwnt au»: man zerschlägt, zerreißt und vernichtet alles und zündet ivohl gar das eigne Haus an. Von den alten Skythen, einem Zweigstainme der »iedergerinanifchen Völkerfamilie, berichtet Herodot, dast sie sich beim Tode des Königs ein Stückchen vom Ohr abschnitten, tief in die Arme ritzte», Slini und Nase zerkratzten und durch die linke Hand Verantwortlicher Redacteur: vr. Georg Graduaner in Gros einen Pfeil stiestcn. Die seltsam?„Mariershmbolik", welche in ihrer volle» Ausbildung der wilden Stufe angehört, ragt auch noch in das Leben höher eiitivickelter Völker hinein. Das Zerrciste» des Kleids— ein ständiges Zeichen der Trauer um Blutsverwandte—, das Bestreuen des Haupts mit Asche oder Staub, das Schlagen auf Brust, Haupt und Hüften, sowie auch das Zerraufen deS Hacirs ivar alt- und iicuteftaiiieutliche Sitte bei Bekundungen der Trauer um Hingeschiedene.— Aus dem Pflcnzenleben. — Kletterpflanzen. In der„Bayrischen Gartenbau» Gesellschaft" sprach kürzlich Dr. H. N o st über ,.Kletterpflaiizc>i, ihre Lebensiveise und ihre Behandlung in den Gürten." Die 5Uetter- pflanzen sind Pflanze», die zivar'anfällglich in der zarten Jugend noch„gerade stehen", das heistt ai'frecht wachsen, dann aber auf fremde Pflanzenarteir, Felsen nnd Maliern sich stützen nnissen, um im Kampse»ms Dasein auch ihren Anteil am Sonnenlicht, das ja auch einen Teil des Brots der Pflanzen darstellt, zu ecriiigen. Sie umwinden und umschlingen je nach der Act rechts- oder linkSlänfig mit dein eigne»» Stengel den fremden, ivobei ihre Spitze stets die Sonne sucht, oder sie besorgen dieses Geschäft durch Blatlstiele, Blatt- ranken, durch Sprostranke» der verschiedensten Art, die mitnuter auch noch Haftscheiben nuSbildcn, ferner durch klimmende Zweige, ja manche heben sich durch Anheften ihrer Blattspreitcii empor(Ivie manche F»u»ariagen> oder durch ans dem Stengel getriebene Haft- ivnrzcln ivie unser Epheu: manche endlich halten ihre Stützen mit förmlichen Krallen fest. Oft lebt der jüngere Teil üppig weiter. ivenn der ältere schon längst abgestorben ist, wie man bei den Lianen in den Tropen sieht, die fortleben, bis auch ihre Stütze vermodernd zusammenbricht. Oft sind auch»och die kletternden Aeste und Rauken mit Dornen bewehrt; dadurch wird znni Beispiel der anstraliscke Brombeerstrauch zu einem fürchterlichen Geivächse. Viele Kletterpflanze» sind durch Laub und Blüte ei» Schmuck unsrer Gärten.— Humoriftisck«s. — Wild-West. Die letzte Rummer de?.Western I n t e l l i g e n c e r" beginnt mit folgender Mitteilung: Unwrnr Lxsxr wxitlxn sieh iibxr das rnxrkwürdigx Aussxhxn unsxrxr hxutigxn Ausgabx rxrwundxrn. Zur Auf klä-nuig künnxn wir ihnxn folgxndx Bxgxbxnhxit irnttxilxn. Gxstxrn xrsefaixn in unsxrern Exdactionslokalx nnsxr Abonnxnt Hxrr Bxn Wxbstxr, bxkanntxr untxr dxrn Namxn: Schixss-Bxn, und vxrlangtx Munition. Da wir ihm kxinx gxbxn konntxn, Ixxrtx xr mit schnxllxm Griffx, xhx wir xs hindxm konntxn, xin Fach unsxrxs Sxtzxrkastxns und xntfxrntx sich schlxunigst. Dabxr das Fxblxa xin.xs wichtigxn Buchstabxns in dxr hxutigxn Zxitung. Unsxrx Lxsxr könnxn uns übrigxns dazu vxrbxlfxn, unsxrxn Lxttxrnvorrat wixdxr zu komplxtixrxn, wxnn dixjxnigyn, dix von Bxn Wxbstxr angxschossxn wxrdxn, uns olx aus- gxschnittxnxn Lxttxm wixdxr zustxllxn. Es thut nichts, wxnn six xtwas vxrbogxn sind.— — Uebert rümpft.„Mehr Respekt, mein Herr, muh ich bitten I Ich bin der Stern von der Londoner Opercttengesellschaft." „Und ich bin der Stern von der Frankfurter Disco n to-Gesellschaft."—(.Jugend.") Notiz?«. — In Innsbruck ist Donnerstag früh der Tiroler Dichter Adolf Pichler im Alter von 82 Jahren gestorben.— — Lortzing? Brief« iverden demnächst in Druck ericheinen. Die Sammlung enthält iveit über bimdert Briefe de« Meister? an seine Familie und Frcnnde aus de» Jahren 1826 bis 1861. Heraus- geber ist der gegcnivärtige Redacteur der„Dentscheil Bühnen» genossenschaft" Georg Richard Kruse.— — Das Friedrich Wilhelm städtische Theater wird als nächste Novität die Operette„Die Strohwitwe" von Albert K a n d e r S. Text von Leon und Waldberg, bringen.— — Philipp Schar>ve n las„Dramatische Phanta- sie", die demnächst in Berlin zur Anfführinig gelangeii wird, erzielte im zlvcitcn Aboniienientskoiizert der Dresdener Hofoper eiiien vollen Erfolg.— c. Eine neueOper vonRymSkh-Korsakoff,„DaS Märchen v o n K! ö n i g S o lt a n", deren Stoff einem Gedicht Pnichkilis entuommcii ist, ivnrde kürzlich im Moskauer Korschtheater mit grostem Erfolg aufgeführt.— — Der Verein Berliner Presse hat dem Komitee für da? Gustav F r e y t a g- D e n k m a l in Wiesbade»£>06 M. übet» wiesen.— — Preisausschreiben von 1000 M., 500 M. und 300 M. hat die Dresdener Firma Schmidt u. Müller für die besten Ortgiual- entwürfe für ein Wohnzimmer, das gleichzeitig als Speiserani» dienen soll, erlassen.— Die nächste Nimimer des UnterhaltungsblattS erscheint am Sonntag, den 13. November. -Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.