Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 226. Mittwoch, den 21. November 1S00 tNackidruck verboten.) L7� Ankcv TVolltvu. Roman von Kurt Aram. Im Eßzimmer war noch niemand. Mürrisch ließ sich Schäfer an dem gedeckten Tisch nieder und strich sich eine Honigsemmel. Die Köchin hatte ihn kommen hören und schickte den Thee. Diese prompte Bedienung war doch außerordent- lich angenehm. Ein Junggeselle hatte es nie so gut. Ueber diese Erkenntnis ärgerte"sich Schäfer sofort, denn dahinter steckte der Vorwurf: Wenn Du gescheit wärst, hättest Du längst geheiratet. Fing er aber erst einnial an, daran zu denken, so war das imnier ein Zeichen, daß er in Gefahr war, sich in eine verheiratete Frau zu verlieben. Den Teufel auch! Das sollte der Kaichatide aber doch nicht ge- lingen! Nun kam Otto, ebenfalls nicht gut aufgelegt. Er hatte schlecht geschlafen, was selten vorkam und ihn deshalb jedes Mal ärgerte, weil er es als persönliche Kränkung empfand. Da Magda immer noch nicht erschien, schickte er hinauf und ließ fragen. Die Annvort lautete, die gnädige Frau sei nicht ganz wohl und bitte bis zu Tisch um Entschuldigung. „So'ne Rücksichtslosigkeit!" schalt Otto.„Nichts als Laune. Dank Deinem Schöpfer, daß Du nicht verheiratet bist!" Er hatte im Augenblick des Aergers seine Pläne mit Magda und Schäfer vergessen. Kaum hatte er es aber ge- sagt, ärgerte es ihn auch schon. Auch an dieser Dummheit ist sie allein Schuld, dachte er indigniert, warum kommt sie nicht rechtzeitig, wie es sich gehört. Daß sie zum Frühstück erscheint, wird man doch verlangen können. Er, der stets Gesunde, war auf das äußerste beleidigt, wenn sich irgend jemand iin Hause unterstand, sich auf den Kranken hinaus- zuspielen. Wenn er das nie that, brauchten es die andren auch nicht. Magda hatte eine sehr üble Nacht hinter sich, denn nun konnte sie sich unmöglich noch darüber selbst betrügen, wie es mit ihr stand. So fest sie bisher auch ihr Herz vor dem Verstand verschlossen, als Schäfer in ihr Zimmer eingetreten, flog die Thür weit auf und war seitdem weit offen stehen geblieben, so daß sie sich ganz klar wurde über ihr Herz. Ja, sie liebte ihn, sie liebte ihn! Es gab gar keinen Zweifel mehr seit diesem Augenblick, und was sie in ihm empfunden. Empfunden? Nichts als eins: ihm an den Hals fliegen, ihm am Herzen liegen! Da gab es keine Ausrede mehr. So war es gewesen. Und das Schrecklichste war, daß sie sich dessen gar nicht geschämt, daß sie, als er die Thür wieder geschlossen, ihm fast nachgestürzt wäre, ohne an irgend etwas andres zu denken. Aber ihre Füße konnten nicht, ihre Knie hatten so gezittert, daß sie sich nicht von der Stelle zu bewegen ver- mochte. Und noch viel schrecklicher war es, daß sie so völlig allen Anstand vergessen, daß sie lauschte, erwartungsvoll lauschte, ob er nicht wieder käme. Daß sie absichtlich die Thür auch noch weiter offen ließ nnd wartete, denn es mußte noch etwas geschehen, damit konnte es nicht zu Ende sein, schrie es in ihr. Lange stand sie so, immer vor dem Spiegel, und eine ganze Zeit noch in der Stellung, in der sie Schäfer erblickt hatte. Sie blieb in dieser Stellung, so lange sie irgend konnte, solange die Anne es ertrugen, nur weil er sie in ihr gesehen hatte, nur weil das, was im Augenblick übermächtig in ihr war, sie zwang, so stehen zubleiben, daß er sie noch so fände, wenn er wiederkäme. Er mußte kommen. Dann wankte sie, als die Linie sie nicht mehr trugen, zum nächsten Stuhl. Aber die Thür ließ sie immer noch offen. Er mußte kommen!! Sie wartete, und tausend Gedanken, Wünsche und Hoff- nungen durchrauschten sie, alle getrieben von der einen Macht, der Liebe zu Schäfer, Während sie so saß und lauschte mit weit offenen Augen, die brannten, huschten vor ihnen her wie aus einer l-awrua maZica alle Situationen, in denen sie sich bisher mit Schäfer befunden, vom ersten Tag an bis zur Geburtstagsfeier. Gerade als dies Bild auftauchte, hörte sie das Knarren der Stiefel ihres Manns draußen auf der Treppe und verschloß hastig die Thür. Kaum waren aber die beiden wieder unten, öffnete sie die Thür wieder. Er mußte, mußte noch kommen, sie in den Arm nehmen, sie lieb haben und freundlich zu ihr sein. Aber es dauerte so schrecklich lange, daß sie sich schließlich. so wie sie war, auf das Bett legte. Wie ihre Wange das kühle Kissen berührte, fing sie an zu schluchzen� Nie hatte sie einen Menschen gehabt, der zärtlich zu ihr gewesen, der ihr einmal liebkosend über das Haar gefahren, der ihr die Wange gestreichelt.„Nie, nie!" Vor tiefem Mitleid mit sich selbst schluchzte sie laut. Die gichtigen Finger des Onkels hatten sie wohl einmal berührt, aber sie besaßen so gar keine Wärme. Die durchsichtigen, blassen Hände der blinden Tanten hatten wohl einmal auf ihrem Scheitel geruht, aber tot, tot wie die Augen waren diese Hände, und so kalt, so kalt! Sie schüttelte sich auf ihrem Lager in Erinnerung an die Greisen- Hände und die welke Greisenliebe, mit der allein sie in Be- riihrung gekommen. Niemand, der sie umgeben mit weicher, warmer Zärtlichkeit. Sie wartete immer noch und lauschte. Aber sie wurde dabei allmählich ruhiger, und je ruhiger sie wurde, um so mehr erschrak sie über sich selbst. War sie das noch, die hier wartete und lauschte? Und worauf wartete sie? Sie errötete, weil eine glühende Scham über sich selbst in ihr hoch stieg. War sie das noch, dies Wesen?... dies... dies?!... Sie weinte laut und heftig. Dann sprang sie plötzlich auf und verschloß und ver- riegelte die Thür, so fest sie nur konnte. Inzwischen war nämlich durch all' diese laute Unruhe das aufgewacht, was die Menschen Gewissen nennen. Es hatte zwar schon die ganzen letzten Tage nicht mehr so fest schlafen können, nur wie einer kurz vor dem Erwachen, wenn in die Ohren schon mancherlei Töne des Tags dringen, aber es schlief doch immerhin noch. Nun>var es vorbei damit. Da es aber wach sein nicht leiden kann, wurde es böse; und da es böse wurde, wollte es seinen Aerger auch irgendwie auslassen. Da kam ihni der Verstand zu Hilfe. Die Minute von dem Augenblick, da Magda aufstand, die Thür zu ver- riegeln, bis zu dem Augenblick, da sie sich wieder zu Bett legte, nutzten die beiden und drehten eifrig eine Geißel aus zwei Stricken, genannt„guter Ton" und„bürgerliche Moral". die beiden von demselben Hanf stammen. Nun schlugen sie mit dieser Geißel wacker auf die junge Frau los. Mochte eine Stimme auch noch so laut schreien: Ich hungre nach Liebe, nach Zärtlichkeit! Das ist keine Ehe, die ich bisher ge- führt; sie schlugen wacker weiter mit ihrer Geißel, daß sie sich unter ihr wand in tausend Schmerzen. Als nun Schäfer wieder die Treppe hinaufkam und wieder an der Thür vorbeiging, ohne aiuh nur einen Augen- blick zu zögern, da wurde die Stimme in ihr. die sich gegen die Geißel bisher gewehrt, ganz still. Der Verstand und das, was die Menschen Gewissen nennen, war im Augenblick alleiniger Herr über die junge Frau. Sie schämte sich, sie schämte sich fast zu Tode über ihr„Benehmen", wie eS der Verstand nannte mit höhnischer, deutlicher Stimme, daß nur ja kein Zweifel bliebe, was er damit meine. Einfach dirnenhaft ist's, sagte er dann noch deutlicher, wie sehr auch Magdas Herz um Hilfe schrie gegen dies brutale Wort. Allmählich wurde dann der Verstand müde, und das, was die Menschen Gewiffen nennen, war froh, daß es sich wieder aufs Ohr legen konnte, der Siebenschläfer. So schlief denn Magda endlich ein. Ein Schlaf, der nicht erquickt, sondern elend macht, weil er nicht tief genug ist, auch das unermüdliche Herz zur Ruh zu bringen. Jäh fuhr sie in die Höhe. Hatte nicht jemand geschrieen? Sie hatte doch ganz deutlich„Hilfe!" rufen hören? Ihr Herz pochte, als wollte es aus dem Halse springen. Da wußte sie. es war ihr Herz gewesen, das nach Hilfe gerufen. Lange saß sie aufrecht und überdachte ihre Lage. Dann ließ sie sich wieder in die Kissen fallen und verbarg ihr Haupt vor ächzender Scham. Aber auch dies Gefühl ließ nach, immer mehr, und zwar je heller es wurde. Es bestand nicht vor dem hellen Tcig. Zch liebe, ich liebe, ich liebe ihn unsäglich! In der Gewißheit ertrank alles andre. Ich will, ich werde mich- nicht mehr schämen, gelobte sie sich, ich liebe ihn! Sie be- rauschte sich an dem Wort, das sie jetzt zun» ersteimml auskostete. So lag sie lange, stundenlang, nur beschäftigt Mit diesem Gefühl ihrer Liebe. Wie es alles Kleinliche, alle andern Rücksichten hinwegspülte, sobald sie sich heranwagten, wie der Strom die Pfützen, die ihm zu nahe kommen! Als es aber Zeit wurde aufzustehen, als auf dein Eiseil- werk wie jeden Tag die Dampfpfeife den Arbeitern die Viertel- stunde Frühstückspause ankündigte, als sie ihre Alltagskleider liegen sah, da trat doch bald an die Stelle des heißen, be- seligenden: Ich liebe ihn, das kühle, rauhe, grane: Was nun? was soll werden? Da sie diese Frage peinigte, nnd da sie mit Recht fürchtete, diese Frage würde mit dem Aufstehn, mit dem wieder in den Alltag gehn nur zudringlicher und peinigender werden, blieb sie liegen und ließ sich entschuldigen. Aber sie konnte doch nicht immer so liegen bleiben. Es war doch auch elend und feig! Ihre Liebe, ihrer hohen, heiligen Liebe war sie es schuldig, nicht feig zu sein. So erhob sie sich denn nach kurzer Zeit doch. Sie kleidete sich heute nicht wie gewöhnlich vor dem Spiegel au, sie ging dem Spiegel absichtlich aus dem Weg. Sie wollte noch nicht hineinsehn niüssen. Erst ganz fertig sein, erst sich ganz klar sein, wie sie sich fortan Schäfer gegen- über benehmen sollte. An ihren Mann auch uur mit den leisesten Gedanken zu denke», vermied sie. Und da sie sich in diesen Tagen einige Uebung erworben, den Verstand nicht über das zu lassen, worüber sie ihn nicht gelangen lassen wollte, so brachte sie es ganz gut fertig, alle Gedanken an Otto und an ihre Ehe, sowie sie auftauchten, sofort wieder energisch unterzutauchen, so daß sie immer wieder von der Oberfläche ihres Denkens verschwanden. Sie zog ganz neue Wäsche an, die sie bisher nie ge- tragen, und ein ganz neues, Helles Morgenkleid, das sie noch nie angehabt. Sie wollte sich auch dadurch kundthun, daß nun ein neues Leben für sie beginne. Erst als sie ganz fertig damit war, sah sie flüchtig in den Spiegel. Und als sie dieser flüchtige Vlick darüber be- ruhigt hatte, daß ihr niemand etwas„ansehen" konnte, sah sie länger, prüfender hinein, um recht hübsch auszusehen. Als sie dann zur Thür ging, stockte sie doch wieder. Sie mußte sich sogar setzen, weil ihr Herz zu hörbar laut klopfte. Während Magda so saß, war Eva in ihr geschäftig, alle Situationen auszumalen, die irgend sie erwarten konnten und sie auf jede vorzubereiten, daß sie sich ja nicht von irgend einer überraschen ließe, der sie nicht gewachsen wäre. Erst als sie sich ganz sicher fühlte wie eine Schauspielerin, die für jede Anforderung, die irgend an sie gestellt werden kann, eine Rolle zur Hand hat, erst dann verließ sie ihr Zimmer. In dem Augenblick, als sie die Thür zum Eßzimmer öffnete, wo Schäfer und Otto immer noch mißmutig saßen, in diesem Augenblick, da er sie sah, kam die sinnliche Wut wieder.über Schäfer, sah er mit begehrlichen Augen die Karyatide Wieder vor sich stehen. Und von diesem Augenblick an beherrschte ihn dies Be- gehren, dessen er sich nicht mehr erwehren konnte. Aus Magda wurde er nicht recht klug. Sie begrüßte ihn wie immer, sie errötete nicht einmal dabei wie sonst manch- mal. Nur reichte sie ihm nicht die Hand. Daß Otto nun gleich wieder schalt und seiner Unzufrieden- heit über ihr Ausbleiben deutlichsten, unfreundlichsten Aus- druck gab, half Magda nur, das äußere Gleichgewicht be- wahren. Ja sie hätte ihm ins Gesicht lachen mögen. Sie hatte auf einmal nicht mehr die geringste Angst vor ihrem Mann. Sie fand ihn nur ungeheuer komisch und albern. Sie erstaunte sehr über diese unerwartete Veränderung. Wie hatte sie bisher'.vor ihm gezittert. Das war nun vorbei, wohl für immer. Sie warf Schäfer dabei unwillkürlich einen schnellen, dankbaren Blick zu, den dieser aber nicht bemerkte, da er unter sich sah, weil er fürchtete, seine Augen könnten Magda sein Begehren zu brutal verraten. Otto hatte jedoch diesen Blick aufgefangen. So hatte seine Frau Schäfer noch nie angesehen. Achtung, aufgepaßt I Die Sache ist im Zug l x»Entschuldigt, ich sehe nur eben mal in die Zeitung," sagte'" er und setzte sich mit dem„Berliner Lokal-Anzeiger" an das Fenster. Magda schenkte sich gemächlich Thee ein. Schäfer sah sie immer noch nicht an. Ist der Kerl denn von Holz, daß er nichts merkt? dachte Otto und bohrte vorsichtig, leise ein kleines, ganz kleines Loch in die erste Seite des„Lokal-Anzeigers". Dann nahm er die Zeitung hoch, sie scheinbar eifrig zu studieren. In Wahrheit aber, um aufmerksam durch die Oeffnuug die beiden am Thec- tisch zu beobachten. Kurios, dachte er. Wenn sie den Federfuchser nur noch cinnial so ansehen möchte wie eben, dann wüßte ich ganz genau, lvas die Uhr ist. Aber sie that es nicht. Sollte sie etwas von seiner List gemerkt haben? Oder hatte er den Blick vorhin doch falsch gedeutet? Da schlug Schäfer plötzlich die Augen auf und sah Magda an. Fast hätte Otto in seiner beliebten Weise hörbar durch die Zähne gepfiffen. Gerade gelaug es ihm noch die Lippen wieder auseinander zu bringen. Dieser Blick war aber auch gar zu deutlich gewesen. Donnerl Das hatte er dem Feder» fuchser garnicht zugetraut. Ging der auf einmal ms Zeug l iFortsepung folgt.) (Nochdruck verboten.) Gittbalfnmievttng und MttZtrrblichkeiksglnube. Wenn heute»och vielfach der Zulassung der Feuerbestattung aus religiösen Gründen entgegengetreten wird, so liegt den» wohl nieislcus eine Nachwirkung der uralten heidnischen Vorstellung zu Grunde, daß das Geschick tes menschlichen Leichuanis auf das der entflohenen Seele einen bestininienden Einfluß, ausübe. Christus wenigstens hat sich niemals in diesem Znsammenhange geäußert. Auch bei den Völkern des klassische» Altertums freilich>var nicht die eine oder andre Art der Bestattung als für das Wohlergehen der Seelen der Verstorbenen schädlich verpönt. Beerdigung und Verbrennung be- standen friedlich und gleichberechtigt nebeneinander. Wohl aber irmrde die Bestattung an sich,' gleichviel welcher Art, gc» fordert, nicht allein aus Gründen der Pietät und der öffentlichen Gesundheitspflege, sondern auch und hauptsächlich als nuerlählich für die Ruhe der ihrer körperlichen Hülle beraubten Seele, des„Schattens". Der Schatten dcS nicht regelrecht Begrabenen irrte ruhelos nnd unslät umher, da ihm der Zutritt zum Aufenthalt der Toten, der llnterlvclt oder den» Mdcs, versagt war. So erscheint in der„Jlias" dem schlafenden Achilleus der Schatten eines von Hektar erschlagenen, noch unbcgrabencn Freundes PatrokloS und redet ihn an: . Schlafest Du, nieincr so ganz uneingedenk, o Achilleus? Nicht des Lebenden ztvar vergaßest Du, aber des Toten! Gieb mir ein Grab, daß ich eilig dcS Mdcs Thore durchwandle l Denn mich scheuchen die Seelen, Gcbild' Ausruhender, fernlvcg. Und nicht über den Strom vergönnen nur jene den Zugang;' Sondern ich irr' unstät nur die mächtigen Thore des Ais. Und nnn reiche die Hand mir Jammcrndein I Nimmer hinfort ja Kehr' ich aus Aldes Burg, nachdem ihr die Glut mir gewähret 1" Bei andcm Völkern dagegen ivar nicht nur das wie auch immer geartete Leichenbegängnis an sich heilige Pflicht der Hinterbliebenen. sondern es ivarcn durch den Unsterblichkeitsglauben der herrschenden Religion bis ins Einzelne die Bestattungscerenionien vorgeschrieben, an deren Vornahme das jenseitige Glück der Abgeschiedenen un- trennbar geknüpft war. Wohl das Merkwürdigste in dieser Hinsicht findet sich bei den Völkern, denen ihr Glaube künstliche Erhaltung der leblosen Körper durch der Verwesung vorbeugende Mittel an- befahl. Die schöne Sammlung amerikanischer Altertümer, die sich im hiesigen Museum für Völlerkunde findet, umfaßt auch eine Anzahl peruanischer Mumien, einbalsamierter nienschlicher Leichen in hockender Stellung, die die Hände vor das Gesicht geschlagen haben. Diese interessanten Fundstücke entstammen den Ausgrabungen von Reiß und Stübel auf dem Totenfelde in Anco», nördlich Lima. wo sich Tausende solcher Mumien aus der Jnkazeit vorfanden. WaS die Geschichtsschreiber der spanischen Conquistadores über Ztveck und Methode der Einbalsamierung bei den Peruanern zu berichten iviffen, ist nicht eben viel. So viel steht aber fest, daß dies Volk an die Unsterblichkeit verbunden mit der Wiederauferstehung des Fleisches glaubte, dessen künstliche Erhaltung ihnen stir notwendig galt. Was für ein Verfahren dabei zur Anwendung gelangte, ist nicht bestimmt zu sagen: denn während die meisten der spanischen Gewährsmänner erzählen, die Leichen seien dadurch vor Verwesung geschützt worden, daß man sie den EiiNvirknngcn der kalten, außerordentlich trockenen und sehr verdünnten Atmosphäre im Hochgebirge der Kordilleren ausgesetzt habe, ist auch von Konservierung der Körper durch Ein- graben in sehr trockenen Boden die Rede. Ueber diese verschiedenen Punkte find wir viel beffer berichtet bei dem Volk, an dos man gewöhnliK ohne weiteres denkt, wenn von Mninien die Rede ist, bei den alten Aegypten», teils ans ihren eignen, nun ja nicht mehr rätselhaften Hieroglhphcn-Jnschristen und «Büchern, teils aus altgricchischen Schriftsteller», die Aegypten bereist hatte». Der erste und zuverlässigste der letzteren, der Vater der Geschichte. Herodot, hat uns eine durch die Forschungen der heutigen Aegyptologen in allein wesentlichen durchaus bestätigte Schilderung gegeben, wie man in Aegypten bei dem Einbalsamieren oder— nach dem griechische», nicht gerade besonders respektvollen Ausdruck— dem Einpökeln der Leichen zu Werke ging. Danach gab es drei verschiedene Arten des Einbnlsnniiercns.' Bei der teuersten, die einige 4000 Mark kostete, wurde folgendcrmaben verfahren: Zunächst zog man mittels eines gekrümmten Eisens durch die Nasenlöcher nach Zerstostung des Siebbeius das Gehirn ans dein Kopf. Dann wurde mit einem scharfen, äthiopischen Steine dem Leichnam die Seite anfgeschnittcn und nach Entfernung der Eingeweide die Bauchhöhle mit Palinlvein ausgelvaschcn, nächstdei» niit Einbalsamieruiigsmasse angefüllt, die aus geriebene» Myrrhen, Tama« rinden und andren Specereien bestand, iind fchlicstlich wieder zugenäht.„Wenn sie dies gcthan", erzählt Herodot in seiner naiven Manier iveiter,.so pökeln sie die Leiche in Salpctcrlösnug und lasse» sie darin 70 Tage liege»! länger darf man nicht pökeln. Wenn die 70 Tage verstrichen sind, wird der Leichnam gewaschen und der ganze Körper mit in Streifen geschnittener Leinwand mnivickelt. die unten mit Gummi bestrichen ist, dessen sich die Acgypter nicistcus anstatt des Leims bedienen. Dann nehmen ihn die Angehörigen in Empfang, lassen sich ein hölzernes, nienschenähnliches Bild anfertigen, worin sie den Toten eiiischliesze» und bewahren ihn in einem Grabgewölbe auf. Wo sie ihn aufrecht gegen die Wand stellen." Bei der zweiten billigeren Methode, die nur' 1200 M. kostete, wurde der Leib nicht geöffnet, sondern eS wurde vermittelst einer Röhre flüssiges Ccdcrn- harz durch den Mastdarm eingespritzt, welches den Magen und die Eingeweide anflöstc. Dann legte man die Leiche 70 Tage in eine Lösinig, die alle weicheren Teile zerstörte nnd nur Haut und Knochen übrig liest Noch bedeutend wohlfeiler war die dritte Methode, tvobei der Leib im Leickienhnns gereinigt und dieser sodann 70 Tage lang in eine Salzauflösnng gelegt wurde. Es bedarf tvohl kaum der Erwähnung, dah die nngehcnrc Mehr- zahl der Toten nach dieser verhältnismäßig billigen Methode ein- balsamiert und in Massengräbern untergebracht wurden. Die be- sitzenden Klassen Aegyptens dagegen scheuten keine Kosten, um ihre Verstorbenen glanzvoll beizusetzen. Da blieb cS nicht bei den kost- spicligercn Arten des EinbalsaniicrenS. sondenr die Leiche samt dem allgemein üblichen Holzsarg wurde wieder in einen kostbaren Stein- sarkophag eingesetzt und dieser in einer unterirdischen Grabkamincr aufgestellt, zu der man nur durch ein künstlich verschlungenes Gewirr von Zugängen gelangen konnte. Nur nebenbei sei darauf hin- gewiesen, daß der ganze Umkreis der verschiedenartigsten Veschäfti- guiigcn, die mit dem Bcstaitnugstvcsen im Zusamnienhang standen, für das Wirtschaftsleben der alten Acgypter von nicht geringer Bc- deutung war; man imist bedenken, daß mit jeder der großen Bei- sctzlmgsstätten im Nillandc Betriebe für die Aufnahme und Einbai- samierung der Leichen sowie die Herstellung ihrer letzten Wohuplätze verbunden waren. Und wenn man z. V. in Betracht zieht, daß in der Nekropole, der Totenstadt von Memphis in Unter-Aeghpten, immer zwischen 500 und 800 Leichname z» behandeln waren, so kann nian sich leicht ein Bild mache», ivic groß die Zahl der Ein- balsamierer. Vergolder, Maler, Sargarbciter, Steinmetzen, Schreiber, Priester usw. gewesen sein muß. Jede Leiche mußte eben ein- balsamiert werden, sei es auch in der einfachsten Weise: dafür sorgte der Staat nötigenfalls zwangslveise, wobei er so weit ging, daß sogar Ausländer, die sich im Lande aufgehalten hatten, Kriegs- gefangene, Verbrecher, Leichen, die der Nil austvarf, und selbst die so gemiedenen Aussätzigen einbalsamiert werde» mutzten. Warum gab man sich nun diese unendliche Mühe, die leblose Hülle dessen, was einst ein Mensch- getvesen, in der äußeren Gestalt zu konservieren? Das erklärt sich daraus, daß die Aegypter gleich den alten Peruaner» zwar an die Unsterblichkeit der Seele glairbtcn, diese sich aber nicht ohne Auferstehung des Fleisches zu denken ver- mochten. Dem gläubigen Acgypter bestand der lebende Mensch aus Körper, Seele, Intelligenz und dem Schemen oder Schotten, ägyptisch Ka. Der Tod löste diese Bestandteile von einander, die aber schließlich für alle Ewigkeit wiedervcrcinigt werden müssen. allerdings erst nach einer Periode von 3000 biS 10 000 Jahren. Während dieser Zeit wandert die Intelligenz leuchtend durch den unendlichen Raum, während die Seele zu ihrer Läuterung in der eheimnisvollen Unterwelt alle möglichen Tierkörper zu dnrchwandeni atte. � Der Schatten, Ka, hält sich in der Nähe des Leickniants auf, und dieser muß— wie es durch die Zurichtimg zur Mumie im erforderlichen Maße geschieht— erhalten bleiben, dannt der- malcinst die Vcrcinignng aller Lebenselemente nnd die Auferstehung zun, selige» Leben das Paradieses vor fick gehen kann; wie es in einem ägyptischen Totentexte heißt:„Erstehe im Tazeser(heiliges Land. Ivo die Erneuenuig vor sich geht), du, erlauchte Mumie im Sarge. Dein Fleisch und deine Gebeine sind sämtlich an deinen Gliedem, deine Glieder sind sämtlich an ihrer Stelle, du hast deinen Kopf fest ans deinem Halse nnd hast dein Herz." Kurz, iver es auf Erden nicht so toll getrieben hatte, daß ihn der Totcnrichter Osiris— trotz der Möglichkeit nachträglicher Bessening auf dem Wege der Seelenwandemng—' ohne tveiteres für einen unverbesserliche» Sünder befinden und der ewigen Verdammnis überantworten mußte, der starb mit der frohen Hoffmuig, nach einigen tausend Jahren zu einem neuen Dasein zu erstehen, das nach den Verheißungen seiner Religion etwas mehr als„reinverklärte Himmelsfreud'", das ihm volles menschliches Leben, aber in verbesserter Ausgabe und von unbegrenzter Dauer, bringen sollte. Freilich, wer der religiösen Botschaft nicht glaubte, dem konnte auch der Gedanke, daß ihm dereinst die Pietät seiner Hinterbliebenen die unversehrte Erhaltung seines Körpers garantiere, nicht über die Nöte des Lebens und die Furcht des Todes hinweghelfe». Und an ungläubige» Thomasse» wird es tvohl auch am Nil nie ganz gefehlt haben. Jedenfalls ivar zu der Zeit, als Herodot das Pharaonenland bereiste, im ö. Jahrhundert v. Chr.. der Zweifel, ob die Ewigkeit auch halten werde, Ivas die Priester von ihr verhießen, schon recht allgemein verbreitet. Wenigstens erzählt Herodot:„Bei den Gast- mahlen ihrer Reichen trägt ein Mann, wenn sie abgespeist haben, in einem Sarge ein hölzernes Totenbild herum; das ist sehr natürlich bemalt und gearbeitet und ist getvöhnlich eine oder auch zwei Ellen groß, und er zeigt es einem jeglichen der Gäste und spricht: Betrachte diesen und dann trink' und sei fröhlich, denn Ivcnn d» tot bist, so ivirst du sei» gleich wie dieser. Also thun sie bei ihren Gastmähler»." Daraus spricht sicher alles andre, als gläubige Gesinnung. Trotzdem hat sich die Sitte des Einbalsamierens der Toten bis zur Zeit Christi, ja. noch lange darüber hinaus, in großem Umfang am Nil erhalten. Seit der Eroberung des Landes durch die Griechen, als die hellenische Wissenschaft ihren Einzug hielt, ging aber der alte Glauben erst recht in die Brüche. Wenn man seine Toten noch zn Muinien Herrichten ließ, so that man es ans alter Ueberliefcrnng, aus Hang am Hergebrachten, keineswegs aber ans Glauben an die Nötigkcit' oder Nützlichkeit des ererbten Brauches; und damit war ihm sein Todesurteil gesprochen, wenn es auch bis zn seinem völligen Absterben noch lange ivähreu mochte. Wie anders die Aegypter der letzten Ptolemäerzeit über die Uusterblichkcitsfrage dachten, verglichen mit ihren Vorfahren, das zeigt höchst interessant eine hieroglyphische Grabinschrift aus dem Jahre 42 v. Chr., die dem Andenken der im Aller von 30 Jahren verstorbenen Taimhotcp, der Gattin deS Obcrpriesters Paschirenptah von Memphis, von ihrem Bruder Jinlotcp, gleichfalls Priester in Memphis, gcividmet ist; da wird der Dnme folgende Anrede an ihren überlebenden Gatten in den Mund gelegt:„O, mein Bruder und Gatte und Freund, du Oberpriester von Memphis I Höre nimmer auf z» trinken und zu schmausen, dich zu berauschen in süßer Liebe und fröhliche Feste zu feiern. Handle nach dem Wunsch deines Herzens und laß nicht eintreten die Be- kiinnncrnis in deine Seele, soviel der Jahre d» noch auf Erden weilen wirst. Denn der Weste»(die Stätte der Totenj ist eine Welt voll Schlaf und Finsternis, ein schlverer Sitz für die Toten. Sie schlummern darin iu ihrer leibhaftigen Körpergcstalt und wachen nicht auf, um ihre Geschwister zu schauen. Sie erkenuen nicht ihren Vater noch ihre Mutier, und leer ist ihr Herz von der Sehnsucht»ach ihren Weibern und nach ihren Kindern. Das lebendige Wasser ans Erden ist für jeden bestinnnt, welcher darauf lebt. Nur ich durste nach dem Wasser, welches zu dein kommt, der auf der Erde weilt. Ich durste, und daS Wasser ist mir nahe, aber ich vermag nicht mehr zn erkennen, Ivo ich bin, seitdem ich betreten habe diese Grabeswelt." Bei einer so vollständigen Abkehr vom überlieferten Glauben war das Einbalsamieren nur mehr ei» inhaltlcerer Gebranch: lange genug hat es freilich gedauert, bis er vollständig verschwand. Die altäghptischcn Zlveifler, die da nicht an die zukünftige Wiederbelebung der Mumien glauben wollten, haben vor der Ge« schichte recht behalten: die Geschicke der durch Einbalsamierung der natürlichen Verwesung entzogenen Leichen sind traurige getvesen, waren sie doch gerade wegen ihrer Einbalsamierung der Gefahr der Leichen« schändnng ausgesetzt.„Es ist den Aegypten«," schreibt ein neuerer Reisender,„nicht einmal gelungen, iii ihre» streng verschlossenen Gräbern ihre Toten der Entheiligung zu entziehen;' moderne Witz- begier nnd noch mehr- die Geldgier der stmnpfsinnigen jetzigen Bewohiier ihres Lands durchwühlen täglich die Gräberfelder, auf denen zn Hunderten halb entblößte und zerbrochene Mumien umher« liegen, deren Zerstörung jetzt erst der Erde wiedergiebt, Ivas ihr schon vor Jahrtausenden gebührt hätte. Die tvcni'gen erhaltenen dienen in nordischen Museen fremder Wißbegier, die Leiber der Könige sind aus ihren Pyramiden, ja. ans der Kenntnis der Menschen entschwunden; der Sarkophag eines der ältesten unter ihnen, des Königs Mykerinos(ca. 3000 v. Chr.) liegt auf dem Boden des Meers, über tvelches hin ein englischcS Schiff ihn nach der neuen Weltstadt entführen wollte, nachdem er fünf Jahrtausende lang in der dritten der großen Pyramiden gestanden hatte." Was hier über die Leichen der Pharaonen gesagt ist, stimmt freilich nicht niehr ganz. Eine ganze Anzahl Köuigsmumien und zwar gerade von den bcrühnitesten, ist in den achtziger Jahren auf- gefunden nnd jetzt im Museum zu Bulak zu sehen. Sicher aber hat Ramses II., der Eroberer Vordernsiens gegen 1300, sich nicht ein« balsamieren lassen, um heute als Nr. 5233 angestaunt zu werden. Den Mumien aber, die sich im Museum befinden, ist es noch am beste» ergangen. Unzählige andere sind auf der Suche nach Schätzen teiltveise schon von Leichenräubern altäghptischer Zeit, dann aber von Persern, Griechen, Römern, Arabcni ausgewickelt und mutwillig zer« stört ivorden. Und vielleicht der größte Teil der Mumien hat den Fellachen, den heruntergekommenen Nachfahren der alten Aegypter, als Brennmaterial gedient.*Dab ihre Mumien so jämmerlich endigen würden, anstatt zu verklärtem Dasein neu belebt zu tverden, das haben sich die alten Aegypter sicher nicht tüunieii lassen.— C, Kleines �enillekon. — Hiiuserbau in China. Auf den Häuserbau der Chinesen läßt sich mit vollstem Recht das bekannte Wort anwenden: billig und schlecht. Ein Wcltreiscnder, der nach Ostasien kommt und die' ganz auf europäische Weise behaglich eingerichteten, geräumigen Zimmer in den Hänfen, der Ausländer sieht, meint unwillkürlich. tvaS Wohnungen anlange, könne man hier schon zufrieden sein. Für den grögten Teil des Jahrs trifft das auch zu, aber tvährend der Regenzeit sieht es dafür in vielen Häusern bös aus. weil es dann zur Verzweiflung einer guten Hansfrau an allen Ecken und Enden leckt. Die Ziegelsteine und Dachpfannen der Chinesen sind nämlich durchgängig so wenig gebrannt, daß sie gegen anhaltenden Regen keinen Widerstand zu leisten vc,-mögen. Bei Taifuneil, wo es Ankertane regnet, wie die Seeleute sagen, giebt es daher oft eine nette Bescherung. Der Grund, weshalb die Chinesen ihre Ziegel nicht besser brennen, ist einfach der, daß in den meisten Gegenden sowohl Kohlen wie Holz sehr teuer sind. Das ist um so bedaner- licher, als sich der schwere Kleiboden Chinas, den es fast überall giebt. vortrefflich für die Herstellung von Ziegeln eignet. Läßt schon das für die Häuser der Ausländer benutzte, auS- gewählte Material viel zu iviinschen übrig, so kann man sich leicht denken, lvie es um die Wohnungen der weit weniger anspruchsvolleit Chinese» steht. Nur recht lvohihabende Leute können sich ein Haus leisten, das aus de», besten Material hergestellt ist, und selbst dieses hält nicht entfernt den Vergleich mit den hartgebrannten europäischen Ziegeln aus. Die große Mehrzahl der Chinesen ans den mittleren und unteren Stände» ist während der Regenzeit schlimm daran. Ran braucht sie nicht zu fragen, ob es bei ihnen durchregnet, denn .>as ist selbstverständlich, weil selbst die Häuser der Fremden nicht ->icht sind. Die Chinesen sind schon sehr zufrieden, wenn das Wasser nicht hier und da in kleinen Bächen in das Zimmer kommt. Wie eingepfercht sie leben, ist oft beschrieben worden i ivenigcr dagegen, was für Zustände erst in hei, von Menschen vollgepfropften Häusern herrschen, wenn bei Taifunen der Regen mit einer Gewalt hernieder- prasselt, daß einem in, Freien buchstäblich die Haut davon schmerzt. Das schlechte Brennen der Ziegel hat außer dem geringen Schutze, den sie gegen Regen getvähreii, in einem großen Teile des Reichs noch einen weiteren Ilebelstand zur Folge. In der gewaltigen, sich nördlich vo», Vangtsekiang erstreckenden Ebene ist nämlich der Boden derartig mit Soda versetzt, daß z. B. in der Ilmgegend von Niutschwang ganze Striche Lands mitten in, Sommer einen Anblick gewähren, als ob eine dünne Schicht Schnee darauf läge. Diese Soda steigt nun durch Haarröhrcnwirknng in die schlecht gebrannten Steine der Fundamente der chinesischen Hänser inid richtet da argen Schaden an. Die Steine fangen an abzublättern, und bald sieht ei» solches Haus nach den, betreffenden Ausdruck von Smith so auS, als ob sein Fniidameut ans Käse bestände, woran eine Schar von Ratten genagt hätte. ES bleibt dann nichts andres Übrig, als alle nicht mehr guten Steine zu entfernen und durch neue zu ersetzen. Die ärmeren Leute in den Vorstädten der größeren Orte sowie auf den, Lande können selbst schlecht gebrannte Ziegel nicht be- zahlen. Sie müssen sich mit ganz ungebrannten begnügen, wovon es wieder zwei Sorten giebt, gepreßte und nngepreßte. Letztere halten in keiner Weise die Feuchtigkeit ab. Damit diese nun nicht von den, Fundament, das natürlich in jedem Fall ans ge- brannten Ziegeln bestehen muß, in die Wände steige, mauert man einen oder zwei Fuß über dem Boden eine Lage von Schilfrohr oder von einem ähnlichen Material ein. Aber das ist nur ein schlechter Notbehelf. Das Dach besteht auf dem Land in den meisten Fällen nur aus Rohr oder Matten, worauf Erde gelegt ist. Wenn es irgend an- geht, läßt man das Dach wenigstens durch einige Pfähle stützen, weil man sich der Gefahr wohl bewußt ist, der man sich sonst aussetzt. Aber häufig ist das Geld für die kostspieligen Pfähle nicht aufzutreiben, und dann muß es eben ohne sie gehen. Das Dach ruht in solchen Fällen nur auf den Wänden von ungebrannten Ziegeln. Bei anhaltenden» Regen Ivird es so schwer, daß die Wände, denen die Feuchtigkeit auch von unten zusetzt, es nicht mehr tragen können. Auf diese Weise stürzen alljährlich Tausende von Häusern ein, wobei viele Menschen umkomme» oder schwer verletzt werden. Die Anwendung von Pfählen giebt übrigens in Südchina nicht völlige Sicherheit gegen diese Unfälle, weil hier beinahe alles Holz außer Eichenholz den Angriffen der Ternriten ausgesetzt ist. Diese fressen sich von unten in die Pfähle hinein und höhlen sie schließlich vollständig aus. Gleichwohl kam, nicht leicht ein so plötzlicher Zusammensturz erfolgen, als tvenn das Hans ganz ohne Holz erbaut ist. Da die Chinesen eine unbegrenzte Verehrung für die Vergangenheit haben, so sollte man erwarten, daß sie Rniiien von alten Gebäuden sorgsan, vor weiterem Verfall behüten. Die gute Absicht mag auch iuohl da sein, aber aus dem Angeführten wird schon von selbst hervorgehen, wie es kommt, daß es in, Reiche der Mitte nicht nur keine alten Gebäude, sondern auch keine Ruinen von solchen giebt. Mit sehr wenigen Ausnahmen haben chinesische Bauten keine längere Lebensdauer als einige Jahrzehnte. Beginnt der Verfall aber erst einmal, so nimmt er ohne gründliche Aus- besscnmg des ganzen Gebäudes rasch einen so reißenden Fortgang, daß es sich nicht lohnt, sich um die Ruinen zu kümmern. Selbst kaiserliche Bauten sind nicht von diesem allgemeinen Verfall aus- geschlossen. Wer nach Peking kommt, braucht nur einmal einen Verantwortlicher Redacteur: Dr. Georg Graduauer in Grob Gang an der den kaiserlichen Stadtteil umschließenden Man« entlang zu machen, um zu sehen, daß auch dort die Ziegel fort- während erneuert werden müssen. Die einzigen Häuser, die einen danerhasten Eindruck machen, sind die Leihhäuser. Für sie benutzt man meistens Quadersteine, die in den Bergen gehauen und oft mit großen Kosten von einem Ort zum ander« geschafft werden müssen. Die Architektur der Chinesen deutet darauf hin, daß ihnen das Zelt als Modell ftir ihre ersten Häuser gedient habe. Ein Beweis ist hierfür allerdings nicht beizubringen, aber die Annahme ist gleichwohl sehr verlockend. Denn vom Palast bis zur Hütte, bei Tempeln wie bei Privatwohmmgen, überall findet man dasselbe, an das Zelt erinnernde Motiv: das aufwärts gekrümmte, von ein» fachen Säulen getragene Dach.(„Köln. Ztg.") Litterarisches. — Knecht Ruprecht. Illustriertes Jahrbuch für Knaben und Mädchen. Herausgegeben von Ernst B r a n s e>v e t t e r. Band II. Köln a. Rh. Verlag von Schafsiein u. Comp.— Von diesem Kinderbnche wurden iin vorigen Jahre 40 000 Exemplare abgesetzt. Die diesjährige Ausgabe Übertrifft ihre Vorgängerin bei weiteni. Die litternrischen Beiträge sind zweckentsprechender ge- worden: vielleicht, daß der oder jener sich an einer allzu gottseligen Kleinigkeit stößt. Der Hanptfortschritt aber liegt in den Illustrationen und farbigen Bildern. Sie sind zahlreich und fast ohne Ausnahme gut. Besonders gut ist die Münchener„Jngeiid"-Gruppe vertreten: Münz« und Eichler, Jan! und Pankok, Paul Rieth, Schmidhammer und Feldbau«. Von Berliner Künstlern haben Franz Staffen und Hans Looschen beigesteuert. Ein prächtiger Humor zeigt sich in Pfnhle's Enten- und Hundebildeni. llmschlagzeichnniig. Vorsatzpapier und Titelbild stammen von FiduS.— Ein schönes Buch, aber— es kostet 3 M.— Technisches. — A n w e n d n n g des Calci unicarbids in, Metall Hüttenwesen. Das Calciumcarbid, das in erster Linie mit Rücksicht auf die Gewinnnug von Acetylen hergestellt wird, kann auch im Hüttenwesen als Reduktionsmittel zur Gewinnnna der Metalle ans ihren Erzen sowie zur Herstellung von Metalllcgiernnge» Anwendung finden, dem, es ist das denkbar kräftigste Desoxidations-, Entphosphorungs- und Eutschwefelungsmittel. das wir kennen. Man hat in der That auf diese Weise Alnminiumbronze hergestellt, indem man ein Gemenge von Alnminim» und Knpfcrchlorid in Berührung mit Calciumcarbid mäßig erhitzt. Nach Angaben, die Dr. Frank in Charlottenburg auf der diesjährigen Versammlung deS„Deutschen Acethlenvercins" machte, dürste. wie der„Prometheus" mitteilt. Calciumcarbid auch in der Stahlfabrikation zur Herstellung von Ccmcntstahl sowie zun, Härten der Panzerplatten Anwendung finde» könne«.— Humoristisches. — Nach der H o f j a g d.„So'n Schandpech! Zwei Hasen mehr geschossen wie Hoheit. Nun kann ich in Pension gehen."— („Simpl.") — Schändlich.„Warum so verdrießlich, Herr Huber?" „Ja denken Siesich, schenkt mir meine Alte zu meinen, Gebnrts- tag den Hausschlüssel und wie ich ihn probier', Paßt er nicht!"— Notizen. — Im Schiller-Theater ist die erste Aufführung von „Ephraims Breite" für die erste» Tage der nächsten Woche in Aussicht genommen.— — G i a c o s a s Schauspiel„Wie Blätter fallen" wird die nächste Novität des L e s s i n g- T h e a t e r s sein.— — Die Posse„Man lebt ja n n r e i nm a I" von H o r st und Stein erzielte bei der Erstanfführnug im Wiener Raimund- Theater einen Heiterkeitserfolg.— — Im heutigen Konzert des Opernchors sollte die G r a l s c e n e auS„Parsisal" vo» Richard Wagner aufgeführt werdein Die Polizei hat die Auffübrmig verboten, da ein Akt ans dem „Parsifal", als eiuein Opcrnwcrk, zu einer öffentlichen Aufführung an einem Bußtage nicht geeignet sei.— —«Das stille Dorf",' eine Oper von F i e I i tz, fand bei der Erstaufführung im Stadt-Theater in Bremen starke« Beifall.- — Die Erstaufführung von„Amor von heute" im Thalia- Theater ist ans Montag verschoben worden.— — Die Schaffung eines städtischen Orchesters vo« künstlerischer Bedeutung wird in Halle a. S. geplant.— — Ein Gutenberg-Denkmal nach dem Bildhauer HauS Bitterlich tvird anfangs Dezember in Wie n enthüllt werden.— c. Die beiden größten Schiffe der Welt werden gegen- wärttg in Groton(Connecticut) gebaut; sie haben ein Deplacement von 33 000 Tons, sind 630 Fuß lang und 75 Fuß breit und fahren 14 Knoten in der Stunde.— Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.