Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 232� Freitag� tien 30 November 1900 Mackdruck verboleiu) M] Ttnkev LvolKen. Roman von Kurt Aram. Schäfer fragte spitz, was denn dabei sei? Magda rührte sich nicht, als ginge sie die ganze Sache nichts an, was Otto nur noch mehr aufbrachte, „Was dabei ist?" fuhr Otto jetzt auf Schäfer los.„Das will ich Dir sagen, was dabei ist." Bitte!" warf Schäfer gereizt ein. „Diese ganze fromme Bande soll der Teufel holen! Sie parieren mir nicht, wie ich will, weil sie einen andern Herrn haben als mich, neben dem sie mich gar nicht als Herrn an- erkennen l" „Aber Säger ist ja gar nicht in Deiner Fabrik!" warf Magda ein.* „Einerlei! Ich stoße überall bei dieser Sippschaft auf Widerstand, wenn ich etwas durchsetzen will." „Das müßte Dir nach Deinen früheren Worten ja'ne angenehme Abwechslung sein," meinte Schäfer mit dein un- schuldigsten Gesicht. O, daß ich Dir nur an den Kragen könnte I dachte Otto. Laut aber sagte er, ohne Schäfers Worte einer Antwort zu lvürdigen:„Diese Mucker haben nicht den Respekt vor mir, den ich als Herr verlangen muß. Und tvenn ich mal'neu Witz mache über ihre Anschauungen und die christlichen Mysterien, wagt die Bande gar, mir zu opponieren." „Das ist freilich rurerhört." spottete Schäfer. „DaS ist's auch!" erklärte Otto immer bissiger, obwohl er merkte, daß er sich mit seinen Wutäußerungen lächerlich machte. Die Wut mußte aber rrrnter von der Galle, koste cS, was es»volle.„Könnt' ich die Gesellschaft aus dem Dorf jagen, ich thät's lieber heut als morgen l" „Sehr moderne, menschenfreundliche Grundsätze," warf Schäfer ein. „Darauf Pfeif' ich l Modern, menschenfreundlich? Das sagst Du? Hahaha!" Schäfer schwieg, weil er fürchtete, Otto wäre im Augenblick im stände, jetzt von Schäfers Abenteuern anzufangen,»vas ihm sehr, sehr peinlich gewesen wäre in Magdas Gegentvart. Er wollte doch in guter Er- innerung bei ihr bleiben. Otto»vaudte sich»nieder Magda zu:„Das sage ich Dir, Du gehst nicht mehr dahin, nie niehr, hörst Du?" „Ereifre Dich doch»licht so. Ich habe selbst von eimnal völlig genug." „Das hättest Du mir gleich sagen können l" „Du hast»nich ja nicht gefragt." Otto schwieg. Das war ja toll, wie sie sich ihm gegen- über jetzt benahm. Noch dazu vor diesem Federfuchser. „Ich verbitte mir diesen Ton, verstehst Du mich?" Magda schtvieg, Schäfer lächelte spöttisch, nachsichtig über Otto, der das sah. Otto blickte auf Magda, und nui» lächelte er. Fast hatte er Lust, sie über Schäfer aufzuklären, den sie gewiß inimer noch anbetete. Die Gesichter der beiden dabei hätte er wohl sehen mögen, wenn er des»vackeren Schäfer Abenteuer, seine „Studien" enthüllte! Er»uiterließ es vorläufig noch. Aber der Gedallke, daß er das jederzeit konnte, daß er sie damit alle beide aufs tiefste zu kränken vennochte, tröstete ihn in seiner augenblicklichen Berfassimg so, daß er schnell wieder ganz ruhig»vurde. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, sah Magda Schäfer er»vartungsvoll an. Jetzt bringe ich es dahin, daß»vir uns aussprechen. Aber Schäfer stand auch auf. „Können Sie mir nicht noch einen Augenblick Gesellschaft leisten?" Magdas Stimme zitterte leise bei der Frage. Schäfer hörte das sofort und zitterte vor diesem Zittern. Deshalb sagte er schon im Hinausgehen hastig:„Ent- schuldigen Sie viclinals. aber ich»miß an meine Arbeit. Sic »vlssen ja, wie selten ich gute. Stunden dazu habe. Halten Sie es dem zu gut.»venu ich Ihnen jetzt vielleicht unhöflich erscheine." Magda nickte nur. Schäfer ging. Kaum war er draußen, lehnte sich Magda auf den Tisch und seufzte schwer. Wie war es nur möglich, daß sich Schäfer jetzt so benahm? Hatte sie denn geträuint, hatte sie sich denn alles eingebildet? Es schien ja wirklich fast so. Dann niußt du ihn sofort vergessen, sagte ihr Stolz. Aber sie wußte, sie konnte nicht mehr, es war unmöglich. Dann bleibt dir nichts andres übrig, als zu sterben, fing ihr Stolz»vieder an. Wenn er dich nicht liebt und du doch noch weiter an ihn denkst, ihn nicht vergessen kannst, wie wäre das wohl zu nennen? Zweifelst du auch nur einen Augenblick, was du dann»värst, welchen Namen du dann verdientest? Magda zitterte. Ja, dann»nußte sie sterben. Mit thränenüberströmtem Gesicht sah sie gen Hiinmel und entsetzte sich, weil sie deutlich merkte, wie sie schon so sehr in Schäfer aufging, daß sie sogar in seiner Art denken mußte. Sie hatte nämlich eben gedacht: Dann muß ich aus dem Leben gehen, ohne je im Leben gewesen zu sein. Und diese Art, ja, auch die hatte sie von Schäfer. Nein, nein, er liebt mich doch l Wie köiinte ich ihn denn sonst so lieben. Mit neuerwachter Energie entschloß sie sich, die nächst- beste Gelegenheit unter keinen Umständen vorübergehen zu lassen, ohne es zu einer Aussprache zu bringen. Wie unweiblich du bist! erhob sich»vieder ihr Stolz. Aber sie schüttelte das ab. Hier handelt es sich einfach um meine Existenz. Da ist mir alles andre Nebensache. Ich will, ich muß wissen, woran ich bin! Ich liebe ihn! Gegen Abend sagte Otto, da er in die Stadt müsse, solle man nicht aus ihn»vartcn. „Da geh ich mal mit Dir," erklärte Schäfer eilig.„Diese Kleinstädter interessircn mich mächtig, schon von wegen meiner Posse." Otto merkte natürlich, daß Schäfer dem Alleinsein mit Magda entgehen»vollte. Deshalb erwiderte er mit boshafter Ruhe:„Es thut mir leid, aber heute kann ich Dir den Gefallen»ücht thun. Ich habe Geschäfte abzuwickeln. Kohlen- abschlüsse. Ich komme daher noch lange nicht in den Klub, »vie Du zu meinen scheinst." „O, bitte, dann nicht", sagte Schäfer gleichgültig, oblvohl er fest davon überzeugt war. daß Otto log, daß er ihn ein- fach nicht mithaben wollte. Jedenfalls reise ich morgen oder spätestens übermorgen ab, ich finde dies Betragen einfach unverschämt. Und heute geh' ich dann hier ins Wirtshaus, entschied sich Schäfer. Magda war froh. Nun»vürde sie mit ihm allein sein, nun würde sich alles erklären. Als Otto so weit»var, schlich er auf den Zehen zu Magdas Boudoir,»veil er der Meinung»var, dort sind die beiden tvahrschcinlich jetzt und sprechen sich aus. Aber er hatte sich geirrt. Niemand»var im Boudoir, in dem alles immer noch stand und lag wie an Magdas Geburtstag. Auch die halbgefüllte Schachtel»var noch vorhanden. Als Otto sie erblickte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht wegen des Gedankens, der ihm da eben kam. Er that einen tüchtigen Griff in die Schachtel und stopfte die Sachen in seinen Ueberzieher. Wenn die beiden sie nicht mehr mochten, seine Frau Schmidt»var gewiß keine Kost- verächterin. Zu ihr wollte er nämlich vom Klub aus, und schon deshalb hatte er Schäfer nicht brauchen können. Leise ging er mit seinem Raub»vieder aus dem Zimmer. Es amüsierte ihn sehr, daß nun die Frau Schmidt zu»raschen bekäme,»vas Schäfer für seine Frau befiimint hatte. Das »var ein guter Witz. Nein, ein roher, wagte etwas in ihm einzuwerfen. Aber, erwiderte er, die beiden sind ja nicht bester als ich. Wenn'S nach seiner Frau ginge, trüge er längst ein Ge»vcih. Und der Schäfer gar? Magda wartete auf Schäfer, der nicht kam. Als sie das Mädchen auf sein Zimmer geschickt, erfuhr sie, daß er da auch nicht sei. Wahrscheinlich hatte ihn Otto doch noch mitgenommen, dachte sie erregt. Es sähe ihm ganz ähnlich, daß er mir die Aussprache hintertriebe. Natürlich, so ist es. Aber nun erst recht! Nun würde sie erst recht darauf bestehen l Wieder saß sie allein am Aöeudtisch. Wieder überkam sie die Empfindung großer Oedc und Verlassenheit. Sie känipfte tapfer dagegen an. Tie Hauptsache ist, daß Schäfer wieder in: Haus ist. Sie mußte nur Geduld haben. Auch ihn würde schon wieder die Kraft sich zu beherrschen verlassen. Erwürbe gewiß bald wieder seine Liebe zeigen. Und doch fröstelte sie. Draußen immer noch der Sturm, der durch das Thal fegte und wider die Fenster stieß. Wenn er doch aufhörte, wenn es doch wieder Ruhe gäbe! Ach ja, Ruhe, Friede! Ein heißes Verlangen danach ergriff sie. Daß doch all diese Qual der Ungewißheit vorbei wäre I So saß sie lange Stunden, lauschte auf den Sturm draußen, auf den Sturm in ihrer Brust und wartete, denn sie wollte aufbleiben, bis die beiderr wiederkämen. Und weiiil es Tag darüber würde. Sie konrrte nicht so zu Bett gehen. Sie mußte Schäfer vorher noch emnial sehen. Es war ihr, alS müsse das Gewißheit geben. Warum, wußte sie nicht. Sie litt sonst nicht an Ahnungen. Die Stille um sie her, die um so deutlicher war, je mehr es draußen und in ihr lärmte, diese Stille des nur matt beleuchteten Zimmers, in dem sie noch nie des Abends so lange allein gesessen, das ihr daher ganz freind vorkam, gab ihr wohl so fremdartige Empfindungen. Plötzlich fuhr sie mit einem leisen Schrei auf. Das Thor war gegangen, ein Mensch war ins Haus gestürmt. Blitzartig schössen ihr tausend Gedanken durch den Kopf, Es war Schäfer ein Unglück zugestoßen. Der Sturm hatte den Wagen umgeworfen. Die Pferde waren durchgegangen. Schäfer lag verwundet auf der Chaussee. Sic sah es deutlich. Blut rieselte über seine Stirn. Wie tot lag er. Grade wie jener Arbeiter, der kürzlich den Arm verloren. Sie beugte sich über ihn. Da schlug er noch einmal die Augen auf und lispelte: Ich liebe Dich. Und sie küßte ihn und weinte. In einem Nu spielten sich diese Vorgänge ab. Gleich darauf, als sie aus die Uhr sah, mußte sie sich sagen, daß das alles Thorheit>var, denn es ging schon auf Mitternacht. Da saßen sie noch ruhig im Klub. Aber nein, vielleicht hatte es Schäfer nicht länger ausgehalten ohne sie, vielleicht hatte er nach Hause gedrängt und Otto dahin ge- bracht, früher aufzubrechen. Sie war totenbleich, als die Thür aufging, denn sie war ans das Schrecklichste gefaßt. Sie begriff gar nicht, daß da Marie Jung vor ihr stand. Aber die weinte. Gewiß weiß sie etwas l „Sagen Sie schnell, was ist geschehen? I" rief Magda und griff sie am Arm. Die Marie sah auf, schluchzte noch ein Weilchen, um dann endlich zu sagen: „Ich halt's nicht mehr aus zu Haus! Die Mutter hat mich geprügelt, weil ich den Kranz nicht heiraten will. Der hat gedroht, er würde jetzt.. Sie stockte. Das wollte sie doch nicht sagen.„Schrecklich hat er getobt, ganz schreck- lich I Und weil ich nicht will, nicht kann, hat die Mutter wieder nach mir geschlagen. Da bin ich fortgelaufen. Ich halt's nicht mehr aus! Lieber Gott im Himmel, das kann ich nicht I" Magda war ganzAerleichtert. Daß Schäfer nichts Uebles zugestoßen, konnte sie leicht ersehen, wenn vor dem Schluchzen der Marie Jung zuerst auch nicht viel von dem, was sie vor- brachte, zu verstehen war. ifiortsegung folgt.) Aus dev ANttfikuliMeu Moifje. Zwei Todesfälle hat der musikalische» Welt die letzte Zeit ge« bracht, so verschieden an Bedeutung, daß ihr Ncbeneiuauderstehen fast wie ein gegenseitiger Spott aussieht. Der eine Verstorbeue ist Arthur S u l l i v a n(geb. 1842), der wohl ruhmvollste englische Operettenkomponist, de» Deutschen in seiner vollen nationalen Be- demnng für England nicht recht zugänglich, doch als Schöpfer des „Mikado" aller Welt und Unlvelt bekannt. Der andre ist Heinrich P o r g c s(geb. 1837), einer der Paladine Richard Wagners, einer der idealistischesten Kunstpropheten. Als Schriftsteller und Musik- kritiker war er ein extremer Anhänger einer innerlichen,„meta- physischen" Auffassung der Musik, ciner von denen, die„das musikalische Gras wachsen hören." Trotz dessen und trotz seines modernen Parteistaudpunkts war er ein durch Sachlichkeit und durch um- sichtiges Mitfühlen hervorragender Kritiker, dem es vor allem aufs Positive ankam und der durch sein warmes Herz sowie durch seine fachniusikalische Bildung und durch sein philosophijch-ästhetisches Interesse auch einem nicht eben einseitigen Gegner Freude machen koiiiite. Als Dirigent des»ach ihm benannten Gesangvereins arbeitete er in opfervollcr Weise für die Bekanntschaft der Oeffent- lichkcit mit den großen Chorwerken, zumal denen Liszts. Als Hof- nnisikdircltor an der Münchcner Oper und als Mittelpunkt eines weite» Kreises von Künstlern und Kunstfreunden ivar er seit mehr als einem Mcuscheualrer nnt dem dortigen Musikleben trotz trennender Gegensätze innig verwachsen. Von seinem Andenken zurück zum Alltag uusres Konzert- trcibens fiihrt kein leichter Weg. Denke ich daran, welche Darbietungen der letzten Zeit seinem Urteil die meiste Wärme crivcckt hätten, so steht jedenfalls Hans P f i tz n e r s noch nuvcröffeutlichte Oper„Die Rose vom Liebcsgarten" voran. Ein Zufall hinderte mich, die Aufführung des Trauermarsches aus dem Nachspiel dieses Werkes anzuhören, die vom„Berliner Ton- künstler-Orchester" unter Kapellmeister Bruno Walter geschah; ich muß mich auf die Wiedergabe des Berichts beschränken, daß der Genannte hervorragend dirigierte, daß aber das Publikum sich apathisch verhielt, wohingegen es den nachher wirkenden Solisten in der bekannte» lauten Weise zu ungezählten Wiederholungen vcr- leitete, die zu einer Ungerechtigkeit gegen die das Programm ab- schließende Leistung des Dirigenten wurden. Der Eindruck, den ich seiner Zeit von den» dortigen Publikum erhalten hatte, stimmt mit diesem Bericht allerdings überein; nur daß unser sonstiges Publikum bloß kouveutioueller, nicht aber wesentlich anders sein dürfte. ES ist böchste Zeit, immer und imnier wieder zu sagen, daß die gegen- wärtige Ivette Verbreitung des Mufiliutercsses über die ehemaligen kleinen Liebhaberkreise hinaus eine endliche ivahrhaste Erziehung des Volks zum musikalischen Hören, Genießen und Verstehen verlangt. Auf»velche» Wegen dies zu erreichen sein lvird. kann am aller- ivcnigsten hier erörtert werden. Indessen scheint es doch, als habe Herr Max Batike init seiner„Hochschule für angewandte Musik- lvisienschast" einen der aussichtsvollsten Wege dahin eröffnet. Seine Absicht,„der musikalischen Halbbildung und dem Handivcrkertnm in der Musik, dem gedankeuloscn Musikmachen und Mnsithörc» entgegenzutreten", und sein« Ucbcrzeugmig, daß es vor allem auf den entsprechend gebildeten Lehrer aukonunt, treffen jedenfalls den Ragel auf den Kops. Ein erfreulicher Idealismus ist es auch, der den„Verein zur Förderung der Knust" antreibt, sich veckanntcr, insbesondere äußerlich hilfloser Kompouistc» anzunehmen. Eine Matinee am letzten Sonntag sollte das Ihrige thun, den blinden Komponisten E r» st M i e g I e r— geboren 18kö, in einem oslpreußischen Dorf lebend—„wenigstcuS dem einen Dunkel, das ihn ningiebt, zu entreißen." Sein Strcicher-Sextctt ist eine„intime Musik, ein Werk von Innerlichkeit, das auf leichte und auf gewaltige oder gar geivaltsaiuc Wirkung«!, freilich auch auf eine besondre Höhe der motivischen Erfindung, verzichtet. Es„nebelt" viel, hält sich aber auch fern von dem Hinundherwerfen ans Rhthmns in Ryth- mns, aus Stimmung in Stimnmng usw., das sonst modernster Musik eigen ist. Das bißchen mühseligen Beifalls, das e? erzielte, galt ivohl ganz den sechs Spielern. Jedenfalls ist es lein Populär- werk. Dazu fehlt ihm schon das, was man kurz die„formale Prägnanz" nennen könnte. Diesen Vorzug besitzen jedenfalls zwei Werke, die vor und nach dem Mieglerschcn gespielt wurden. Das erste war ein KlavicrqninteU von Friedrich Kiel<1821 biö 1885). Obschon Kiel jahrzehntelang ei» Hanptinann der Musik in Berlin lvar, so dürfte doch der.Berein zur Förderung der Kunst" recht haben mit seinem Bedanern, daß Kiel noch lange nicht seinem Wert entsprechend geivürdigt wird. Er gehört zu der Gattung derer, die man als Epigonen im besten Sinne des Worts bezeichnen kann, derer, die das beste unsrer Klassiker, insbesondere ihre Kunst des Wohlklangs, iveiterzllführen verstanden, und gegen die das gegenwärtige Aknsik- treiben vielleicht am ungerechtesten zn sein pflegt. JencS Quintett ist eine durchaus erfreuliche, im zweiten der fünf Sätze auch zu ge- ivaltiger Wirkung ansteigende echt künstlerische Arbeit. Auch die Schluß- Novität jenes Konzerts stand trotz der Jugend ihres Autors den ältere» Weisen nahe und hatte gegenüber dem Werk von Micgler einen leichten Stand. Dr. Walter N a b I, i» Wien geboren, jetzt in Dresden thätig, stellt in seinem Klavier- und Klarinctt-Onartelt den Hörern keine Aufgaben des Grübelns, sondern tummelt sich in gemütlicher, vorwiegend idyllischer Sprache, zum Teil recitativisch, zum Teil mit Gelegenheit für die Klarinette, sich in einer Art Hirtengesang zu ergeben, im ganzen mit Erinnerung au'Schubert. So viel ich horte, blieb denn auch ein lebhafterer Beifall nicht aus. Das Mieglersche Sextett hat aber noch eine besondere Be- dentnng für die Geschichte der Kammennusik und für die der In» strnmente. Erinnern wir uns, daß die Ensembles musikalischer In- strumente nach deni Muster menschlicher Stimmen aufgebaut sind. Wie hier hohe und tiefe Frauenstimmen und hohe und tiefe Männer- stimmen(Sopran, Alt, Tenor. Baß) zusammenwirken, so hier hohe. mittlere, tiefe Instrumente. Unser übliches Streichquartett, aus zwei Violinen, Bratsche und Cello bestehend, wird jedoch dem Umfang des musikalisch zu verwertenden Tonbereichs insofern nicht gerecht. als es etwas zu hoch liegt. Es fehlt ihm ei» richtiger Baß, eine hie und da geniachte Erweiterung durch die Baßgeige entspricht nicht ganz dem feinen Kaiumermnsikcharaktcr. Die Quintette, Sextette. Octette, die wir haben(und freilich noch mehr pflegen sollte»), beschränken sich fast immer auf die Verdoppelung von Instrumenten aus jener Reihe. Eine naturgemäßere Vervollständigung dieser Reihe hat nun, seit etwa 1891, Dr. Adolf Stelzner versucht. Abgesehen von Bemühungen um bessere Resonanz der Geigen wollte er jenem Mcnigel unsres Streichquartetts abhelfen erstens durch eine tiefere Art von Cello, das Cellone, und zweitens durch eine tiefere Art von Bratsche, die Violotta, so das} jetzt in einen? neue» Quintett die Grundtöne der Jilstrumente von dem Ll der Violii?e übers l? der Bratsche hinabsteigen z?l?n k der Violotta, zun? O des Cellos und zu?n Contra-O des Cellone. Der Komponist braucht nu?? nicht niehr weder das Cello notdürftig hiiiabsti>nn?en lassei?, noch auch a?>f so??orere Mittels?in????k>? verzichte??. Für„Stelzner- J?istr?>nicnte" liege?? bereits ein Oui??tett voi? Draeseke und ei?? Sextett voi? A. Krug vor; n???? kon?n?t??och Mieglers Sextett dazu, und zwar liefe es, zumal durch die ii? ihr liegende K?mst eines allmählichen Entfalteus voi? ci??zel??e?? Stiin???e?? z?l'allen. von jei?en ne??«?? J??stru???e??ten einen recht griten Eii?druck ge>vii???c??. Eriveitcr????ge????nsres Interesses für???us?kalische J?>stru???e?lte über Klavier?n?d Violi?ie hinaus find in??ner mit Dank aufzu- nch???e??. N?lch Harfe höre???vir als Ji?s!r?in?e??t gern. Nur müfete uns andres als die geivöh?>Iiche Harfculitteratnr gebracht tverden, die ei??fach scha?>derhast ist???ld die Harfe ebei?so in Mifeacht?i?ig setzt, wie es a?ich der Zither durch ihre AlltagSlitlerat?>r geschieht. Die vorlä?ifig?>?ierschöpfliche Aufgabe der K?»>stkritik, K??ust>vert und a??der?ve?ligcn Wert z???>??terschcidei?, kehrt hier gerade so wieder ivie gegenüber a?idre?? Gatt?i??gc?? von Ko???posilione??. Der Harfe??ist I. Si?oer zu Leipzig koiuite i>? einen? Ei??- gesa??dt ai? das„Musikalische Wociienblatt(22. Dezcinber 1898) eine Menge künstlerischer Harfe??Iitteratl?r a?>s der Gegenwart a??dcnten. Die Schlvcster?? K a r n? i n s k y a??s Wien spielten??e?llich rinter ei??e??? halbe?? D??tze??d von Bortragsstülkei? nur eins von cinein der dort ge>?an??lc>? Ko»?ponistei?: ei??e Vkaz»?rka von C d in u?? d Sch??ecker. die den?? auch thatsächlich?r'e??igste??s cii?igcr??>afec?? von de??? Uiirat eines Bovio, Pnrish-AlvarS. Oberthür u. a. abstach. U»? die ersichtlich grvfec Spicllüchtigkeit der Schlvcsten? ga??z zu tviir« dige??, rnüfetc???ai? ivohl freilich selber Harfe?list sei??. Schaudenid blicke icb auf cinci? Haufei? voi? Notizen, die ich?nir angesichts oder leider vielrnchr angehörs verschiedener Klnvieriste??, Violi??islcl?. Vokalistei? gernacht'habe. J??????cr tviedcr die alte Leier: teils typische Mängel, teils dies oder das Point übern? Durchschnitt, und jcdeiifalls kci?? rnächtigcs.???cist liicht ei??n?al ein klares Gestalte??. Daz?? eil? Niilgc????lit z?? schwerer? A??sgabe??, z?? schlver Ulanchlnal auch für den Hörer. A?? Beethovens letzte?? Klavierso?iaten steckt so viel Geivaltiges und Monströses rnid Ungefüges?ll?d Klangloses, dafe Herr G ü?? t h e r F r e u d e?? b e r g sich?i?it schlichteren?, zinnal ui?s fc?i?er, aber ihn???nl?cr liege??de?ir Koi?zerln?nterinl tvohl besser gestellt hätte. Nochinal: selbst schwache Kii?>stlcr köin?e>??n?s viel biete??, ive???? sie?ii?src Ko???positio??enke»nl??is durch ei??e ausgleichende Gerechtigkeit erweiter??.— sz. Kleines �enillekon» — Schanfpiclrrzanr im Altcrli????. Ii? de????lc?icstcn Heft de?„Nheillischei? Musc?>?>?s für Philologie" ist eille bei den fra??- zösische» Alisgrabllngc?? in Delphi gesunde??« Urkunde behandelt, die ein allgeineincs Jliteressc beanspr?icht. Sic enthält die Akte?? über eine?? Scharrspielerprozefe lvcgei? unlautere?? Wettbelverbs, verhandelt vor de??? rö?>?ischei? Sel?at i??? Jahre 112 v. Chr. Der Sachverhalt ist etlva folgclidcr: Kläger ist der Vercii? der Schauspieler oder dio?ihsischcl? Küilstler ii? Aihe??, ci??e jener grofec» Berrissgeilossc??- schnfte??, die von? vic?-tci? bis zweite?? vorchristliche?? Jahrhn>?dert die Städte Gricchcnlauds, voi? denei? selbst das«llerklci?lsle Bergnest meist eii? eigiles Theater bcsnfe, mit den? Bedarf an Scha?l>picleri? versorgte. Beklagter ist der Vercii? der Schauspieler von? Jslhnills von Korinlb, dessei? Nn?i?e herrührt vo?? der Feier der ifthnnschen Spiele„arrf Koriliihos Ln?idcse??gc", bei ivelche?? die Künstler dieses Verbands offenbar die erste Nolle spielten. Sie hatte?? nicht Ivie die attischen Kollege?? einen festen Wohnsitz, sondern zogen in? Land umher und gründeten in kleineren Landstädten, Ivie Theben, Challis, Argos u. a. ihre Zivcigvereine. Iveil dort ihre Borstellinigen noch neu und zugkräftig ivnren. Die attischen Kiinstlcr nun hatten zuerst vor den? zusiändigen Prätor in Macedonien, sodann vor dem Senat in Siom als Beriifnngsiiistanz Klage erhoben darüber, dafe sie von den? isthinischen Verein in ihren? Geschäftsinteresse aufs schiverste ge» schädigt seien, Iveil dieser entgegen ein«??? zivischen beiden Vereinen destehenden Vertrag einen neuen Ziveigverein in Sikyon gegründet und mit geivissen Künstlern im Peloponucs besondere Geschäfts« Verträge geschlossen Hütte, lvnhrend er vertragsgemäfe zur ge- nieiiisanicn Arbeit mit den Klägern verpflichtet sei. Bei diesen? Lnlafe hätten die vom Isthmus auch die genieiusaine Kasse, die zivischen beiden Vereinen bestand, erheblich geschädigt, und trotz aller Bcschiverden sich geiveigert, Genugthuuiig zu geben. Auf alle diese Klagepunkte ivaren die Gegner die Antwort nicht schuldig geblieben, sondern hatten die Gegenklage erhoben, die uns ebenfalls im Wort« laut erhalten ist. Sie geben zn. einen neuen Verein in Sikyon ge- gründet zu haben und berichten, dafe sie auf die Anzeige der Athener hin eine Gesa??dtschaft von vier Abgeordneten zum Prätor von Macedonien gesandt hätten, um sich zu rechtferligen. Diese Ge- sandtschaft ist aber der Grund neuer schlimmerer Verlvicklungeu geworden. Denn die vier Künstler haben,?vohl infolge von Be« stechung durch die Athener, so sehr ihre Pflicht vergessen, dafe sie, anstatt ihren Muttervercin zu vertreten, vielmehr einen Vertrag mit den Gegnern abschlössen zum Schaden des isthniischei? Vereins. Ja, als sie deshalb satzungsgeniLfe in Theben durch das Vereins- gericht verurteilt wurden, sind sie, gestützt auf ihre attischen Freunde, zum Acufeersten geschritten, zum Austritt aus dem Verein und— zur Grüiiduug eines Koiilurrenzunteriiehmens, nicht ohne eine Anzahl Vereinsbrüder in Theben und Böotien zum Mit- austritt zu veranlassen. Dabei haben sie nicht unterlassen, sich an dem Vereinsarchiv zu vergreifen und von der Vereinskasse und dem Inventar allerlei mitgehen zu hcifeen, neben barem Gelde auch andre Dinge, zum Beispiele goldene Lorbeerkränze. Ileberhaupt haben sie' den Opfern und Festen des Vereins möglichst zu schaden gesucht und trotz wiederholter Verurteilung von den entlvandtcn Gegenständen nichts zurückerstattet. Es enthüllt sich also vor unsren Augen ein Bild ans dem griechischen Küiistlerleben: Konkurrenzneid, vereinSbriiderliche Wichtigthuerei und Chikanen, die uns in mancher Weife ganz modern anmuten. Der Fülle von Vereinen entsprach in den dürren und kriegerischen Zeiten des zlveiten vorchristlichen Jahrhunderts durchaus nicht immer die Nach- frage. Die wichtigsten in Athen und am Isthmus sehe» sich daher zuerst vera?>lafet, auf gc?iiei??schastliche Kasse zu spielen. Doch kam es auch damals schon dem leichtbeiveglichen Künstlervolk gar nicht darauf an, ein Engagement zu brechen, sobald sich bessere Aiissichtcn boten. Wie viel immerhin diese Vereine galten, das zeigt sich darin, dafe ivie sonst nur bei Greiizstreitigkcitcu us?v. zivischen den griechischen Staaten, der ganze römische Jiistanzenapparat bis hinauf zun Senat in Bewegung gesetzt wurde, lind mit solchen Angelegenheiten mnfete sich der Senat kurz vor dem jiigurthinischen Kriege befassen! Seine Entscheidung fiel natürlich zu Gunsten der besser empfohlenen Partei aus. Der alte Name Athen hatte seine Zauberkraft noch nicht ganz verloren. Auf die Klagen der Gegner wird mit tcincin Worte gcaiitwortet, die attischen Künstler aber ivcrdeu entsprechend der alten Freundschaft zwischen Rom und Athen geehrt und mit Gastgeschenken bedacht. Tie Regelung der einzelnen Klagepunkte wird den? zuständigen römischen Beamten überiviesen. Froh dieser ofsizicllenAncrkeniiuug suchten später die Sieger im Streit das Ergebnis zu möglichst allgemeiner Kenntnis zu bringen und liefeen daher den Wortlaut der Prozcfe- alten auf vier riesigen Steinblöcken vor dem Schatzhanse der Athener zu Delphi anbringen, die teiliveise wohl erhalten lvieder aufgefunden ivordc?? sind.— Theater. 06. Das Carl Weife-Theater nimmt unter den Schau« bfihnen Berlins eine einzige, in ihrer Art beneidenswerte Stellung ein. Was die Direktion auch bringen mag, sie ist immer sicher, ein Publikum vor sich zu haben, das kein Ende im Beifallklatschen findet. Ob ein amerikanisches Schanerstück aufgeführt>vird, ob Schulze und Müller sich auf der Pariser WcltaiisstcNiing austoben oder ob die Transvaalboeren unter bengalischer Beleuchtung die Engländer zum Lande hinausjagen: Der Zuschauerraum hallt unterschiedslos vom Beifall wieder. Bisher glaubten wir, dafe das Parkett dieses Theaters dank der Erziehung, die ihm die Direktion Weife gegeben, eine besondere Neigung für Stücke habe, in denen es eutiveder ungemein schauerlich oder ungemein spafehaft zugeht. Aber der gestrige Abend hat uns gezeigt, dafe daS Applaudieren im Carl Weife-Theater geradeso als Anstandspflicht gilt, >vie gekämmtes Haar und weifecr Kragen, dafe man die Hände rührt selbst bei Schauspielen, die sich auch auf andren Bühnen sehen lassen können. Es wurde den bisherigen Gepflogenheiten zum Trotz ein Volksstnck von Francis Stahl gcgebeii:„Der rechte Sfch l ü s s e l". Vor elf Jahren schon soll es am Wallner- Theater einigen Erfolg gehabt haben. Der Verfasser fühlt sich schlicht und recht als Handiverker und führt uns mit derben, wirksamen Hand- werksmitlcli? die oft behandelte Geschichte von dem Sohn des durch Arbeit reich gcivordcnen Handlverkers vor Augen, der höher hinaus ivill als sein Vater, einen adligen Fratzen heiratet und zum>var- ueiiden Exempel, für das Publikum natürlich, elend Schiff- brnch leider. Auch diese im Carl Weife-Theater neue Richtung gefiel, man klatschte zwar nicht stärker— das wäre kann? möglich— aber auch nicht schlvächer als ehedem im Anblick des Ohm Krüger. Sollte die Direktion aber mit Energie und guten? Willen sich nicht auf solchen Erfolg stützen und durch Anssührnng halbivegS erträglicher Stücke ihr zuthiniliches Publikum allmählich an etivas besseren Geschmack gewöhnen können? Es geht uns durch Mark und Bein,»ven» ivir au das Genre denken, das bisher im Carl Weife-Theater gepflegt ivurde. Das Volksstnck ivurde von dem bewährten Personal der Bühne so brav gespielt, dafe seine Figuren beinahe als wirkliche Menschen vor uns standen. Nur wenige der Mitwirkenden gefielen sich in der geschraubten Sprachiveise, die immer noch an kleinen Bühnen als vornehm und ivirlungsvoll gilt.— Physiologisches. — Der Wiener Wochenschrift„Die Wage" wird geschrieben: Im Verein der Aerzte zu Halle a. S. kam vor kurzem von mehreren Seiten die Thatsache zur Sprache, dafe viele Aerzte sdas Gleiche gilt auch von Schriftstellernfstrotz jahrelange?? Gebrauchs einer Schreib- Maschine nicht im stände sind, damit gerade so gut wie mit der Feder ivisseuschaftliche Arbeiten abzufassen. Für diese Beobachtung wurden zwei Erklärungen abgegeben. Die einfachere Erklärung rührt von C. Fraeukel her. Nach ihm gelingt es ganz gut, einfache Briefe mit der Schreibmaschine zu koneipieren. Die Schwierigkeiten beginnen erst, wenn erhöhte Änforderungcn an den Wortlaut gestellt werden, weil bei Benützung der Maschine vor oITci! Dingen die Nebnsicht über die bercil? zu Papier gebrachten Stücke, der rasche Vergleich mit denselben uslv. versagt oder doch erschivcrt ist. ferner aber auch die ctiva iiotlvendigen Verbesserungen an sich, das Dnrchstrcichen und Korrigieren nicht so leicht ausführbar sind als mit der Feder. Diese rein niechauische Erklärung steht im Gegensätze zur Erklärung, lvelche Seeliginüfler gab und welche ins Gebiet der H i rii p h y s i o l o g i e gehört. Da jede Körpcrhälfte von der entgegengesetzten Gehirnhälfte ans für gewöhnlich innerviert wird, ist die rechte Hand von der linken Gchiniheinisphäre. die linke Hand von der rechten Gchirnheniisphäre abhängig. Beim Schreiben mit der Feder ruht die linke Hand und nur die rechte Hand und mit ihr die linke Gehirnhälfte treten in Thätigkeit. Auster der Betvegnug ver- sieht aber auch dabei die linke Gehirnhälfte, in der ja auch das Sprachcutuin liegt, die ganze nottvendige Denkarbeit. Der ganze Borgang— vom Denken bis zur Aiisführung des Gedachten, durch Schreiben— vollzieht sich nur anfangs unter Schtvierigkeiten, später aber nicht mehr, weil die Nervenbahnen, wie der Ausdruck lautet, ausgeschliffcn find. Beim Schreiben niit der Schreibmaschine tritt auch die linke Hand in Thätigkeit, die für gelvöhnlich von der rechten Gehirnhälfte innerviert ist. Da ivir aber mit der linken Gehirn- Hälfte beim Schreiben zu denken geivohut sind, so müsse» die Gedanken von der linken Gehirnhälfte aus auf die rechts befindlichen Bewegungsnerven der linken Hand übertragen werden. Wir haben zu diesem Zweck ivohl verbindende Nerven- fasern zwischen der rechten und der linken Gehirnhälfte; die be- treffenden Nervenbahnen sind aber nicht ausgeschliffen, der zum Schreiben nötige Borgang spielt sich in ihnen nur unter Schwierig- leiten ab, welche als Hindernisse beim Concipicren empfiniden werde». Mit dieser Erklärung stimmt die Thatsache auch ganz gut überein, daß jüngere Leute, welche lvcniger laug mit der Feder hantiert haben, leichter mit der Schreibmaschine concipieren als ältere Leute. Für diese ist es thatsächlich bei Abfassung lvissenschaftlicher Arbeiten mit der Schreibmaschine nötig, vorher ei» Concept mit der Feder auszuarbeiten.— Aus dem Gebiete der Chemie. en. Wichtige chemische Forschungen hat der englische Gelehrte Professor N a in s a h in der letzten Sitzung der Royal Society mitgeteilt. Rainsay ist der Entdecker einer grostcn Zahl neuer Bestandteile unsrer Atmosphäre, des Argon, Metargon, Krypton, Neon und Teno», deren Fund vor zlvei Jahren ein ungeheures Auf- sehen in der ganzen wissenschaftlichen Welt machte. Professor Namsay kam dann übrigens auch nach Deutschland, um in Berlin die hervor- ragenden Errungenschaften seiner Arbeiten den Fachgenossen in einem Experimentalvortrag vorzuführen. Die Untersuchungen der letzten zwei Jahre haben nun zu Ergebnissen geführt, deren bedeutendstes in der Feststellung zu erblicken ist, dast das Metargon aus der Liste der Elemente z» streiche n ist. Das Gas. das den Namen Metargon erhielt, ivurde von dem Entdecker aus dem Grunde für ein be- sondereS Element gehalten, weil es uebenmnncherleiAchnIichkcit mit dem Argon ein ganz verschiedenes Spektrum zeigt. Jetzt hat sich heraus- gestellt, dast die Eigentümlichkeiten des Spektrums auf die Rechnung einer Kohlenstoffverbindung zu setzen sind, die eine Folge der Uu- rcinheit des Stoffs geives�n ist. der zur Abscheidimg des GascS benutzt wurde. Die Elemente Krypton, Neon und Xenon dagegen haben auch der weiteren Prüfung ftandgehalten. Ramsay hat mit seinem Assistenten TraverS zusammen die Dichte und die Licht- brechung dieser Gase bestimmt, auch ist es gelungen, d a S Krypton und das Xenon zu v e r f l ü> s i g e n. Bon besonders groster wissenschaftlicher Bedeutung ist endlich der lim- stand, dast diese Gase mit dem Argon und dein Helium zusammen eine Gruppe in dem sogenannten periodischen System der Elemente bilden, diesem glänzendsten Erzeugnis theoretischer Schlustfolgerung auf dein Gebiete der Ehemie.— Geologisches. ie. D i e Wirkungen eines Erdbeben? tverde» in einem soeben erschienene» Bande beschrieben, den der Leiter der geo- logischen Landesuutrrfuchung von Indien Professor O l d h a m über das groste Erdbeben vom 12. Juni 1897 ans Grund aller gesammelten Beobachtungen bearbeitet hat. Es war schon von früheren Erdbeben als eine der merkwürdigsten Wirkungen bekannt, dast Pfeiler, Säulen oder ähnliche Gegenstände durch die Erschütterung nicht vollständig umgeworfen, sondern nur derart verunstaltet werden, dast sich der obere Teil gegen den unteren verdreht. Diese Erscheinung ist bei dem genannten Erdbeben, das besonders die indische Provinz Assain verheerte, so häufig beobachtet worden wie nie zuvor. Geradezu verblüffend Ivar die eigentümliche Zerstörung, die ein zum Andenken von George Jnglis im Jahre 1850 in dem Orte Chntak errichteter Obelisk erlitten' hatte. Dieses Denkmal erhebt sich von einem 12 Qnadratfust messenden Sockel bis zu über CO Fust Höhe, ist aus breiten flachen Ziegeln erbaut, die mit Mörtel verbunden und über« gipst sind. Bon diesen» Monument nun wurde durch das Erdbeben die Spitze von etiva 6 Fust abgebrochen und fiel gegen Süden. während weitere 9 Fust gegen Osten herunter gestürzt wurden. Bon dem überbleibenden Teil der Säule wurde die 20 Fust hohe Spitze von den, Unterteil losgelöst und um einen gewissen Betrag herumgedreht. Aehnliche, wenn auch nicht ganz so sonderbare Veränderungen hatten auch zahlreiche andre der- Verantwortlicher Redacteur: Dr. Georg Gradnaner in Gnch artige Gegenstände erlitten. Ganz einzigartig ivar ferner der Zu- stand, den einige Gräber des Friedhofs in Tscherrapnudschi nach dein Erdbeben aufwiesen. Alle Gräber sind dort mit einem Mauerwerk aus Feldsteinen bedeckt, und von diesen Grabsteinen waren einige völlig zerstört, aber fast alle in den losen Sand des Bodens derart eingesunken, dast ihre ursprüngliche Oberfläche gegen Norden geneigt war. Der Friedhof ist auf der«spitze eines Sandsteinhügels ge- lege», deffcn Unterlag« aus Kalkstein besteht, und durch das Erb- beben Ivar der Sandsteinberg von dem Kalkstein losgebrochen und an der Oberfläche iu eine Art von Triebsand verivandelt worden, in dein die Gräber einsanken. Ferner haben sich an den Ufern des Brahmaputra, der jene Landschaft durchfließt. austcrordeutliche Spaltenbildungen als Folge des Erdbebens nachweisen lassen. Auf einer Länge von 260 englischen Meilen war das Ufer von Spalten durchrissen, die nicht nur den Hauptstrom. sondern auch alle Neben- flüsse innerhalb des von dem Erdbeben betroffenen Gebiets parallel zu den Ufern begleiteten. An einer Stelle befand sich auch eine mehrere Meile» lange Spalte, die senkrecht auf das Ufer zulief und aus der Sand und Schlamm bis zu einer Tiefe von wenigstens 4 Fuß herausgeschleudert war. Tarauf hatte sich da? Wasser in die Spalte ergössen und kraterähnliche Vertiefungen in ihr hervorgebracht. Durch eine Reihe von Beobachtungen hat sich end- lich auch der Grad der Bewegung feststellen lassen, die der Erdbode» durch die wellenförmigen Erschütterungen erlitten hatte. Im Mittel betrug diese Bewegung 14 Zoll, erreichte aber bis zu 13 Zoll, und um diesen Betrag mustten also alle auf der Erdoberfläche befind- lichen Gegenstände ruckweise cmporgeschlendcrt worden sein.— Humoristisches. — Zarte Borbereitung. Freier(zum Vater der AuS- erkorcueu): Gestatten, mein Herr, dast ich mit Ihnen ein Wort unter drei Augen reden darf? B a t e r: Wieso unter drei Augen? Freier: Weil ich eins auf Ihre Tochter geworfen habe.— — Ersatz. Freundin:...„Du rauchst ja seit einiger Zeit.' Junge Witwe:„Ja, siehst Du, als mein lieber Mann tot war. fühlte ich solche Leere in meinem Dasein und da habe ich mir das Cigarettcnrauchcn angewöhnt."—(„Jugend".) — Heimgeschickt. Primaner(zum Barbier):„Zwanzig Pfennige für ein bistchen Rasieren finde ich teuer I?" Barbier:„Ha, vierzig Pfennige im ganzen Jahr für Rasieren i st doch g e w i st n i ch t v i e l l"— Notizen. — In» Thalia-Theater geht heute die AusstattungSpofie „Amor von heute" zun, erstenmal in Scene.— — Adolf Steine rt. der frühere Regisseur des Lessing- Theaters, wurde für drei Jahre zun» Direktor des Barn» er Stadttheaters gewählt.— — Martin Greifs Tragödie„Agnes Bernauer" erzielte bei der Erstatifführung im Münchener Hoftheatcr eiueii mästigen Erfolg.— —„Die liebe Eitelkeit", ei» Schwank von Marco Brociner und S. Fritz, wurde bei der Erstanfführnug im Theater an der Wien frenndlich aufgenommen.— — Ein e l s ä s s i s ch e s Volkstheater wird von» 1. bis 15. Mai 1901 im Berliner Theater gastieren.— — Die uenernannte K n u st k o ni in i s s i o n der Reichs- d r u ck e r e i ist berufen, bei den die Thätigkeit der Reichsdruckerei be- treffenden kunstgewerblichen Fragen, welche ein nllgcmeiurs Interesse berühren, beratend, begutachtend und anregend mitzuwirken. Als Sachen, bei denen hiernach die Thätigkeit: der Kommission mit einzutrete» haben würde, sind zu neniien: 1. Borschläge für die Herstellung von Druckwerken, durch welche die ReichSdruckerci vor- bildlich und hebend im Dnickgewerbe wirken kann, und zwar a) in der Hervorbringnng neuer Werke, b) in der Reproduktion alter Meister. Vorschläge für die Wahl des Gegeustaiids und der zu berufendeu Kräfte sowie für die Art der Ausstattung und etappenweisen Begutachtiing der im Entstehen begriffenen Werke. 2. Vorschläge für die AnSführiing von Vnchein- bänden in dekorativer Hinsicht eventuell Heranziehung ge- eignctcr Kräfte für Anfertigung der Entwürfe. 3. Vorschläge für die Ausführung von Adressen mit und ohne Mappen, für die Herstellung von Proben und Gelviiinnug von künstlerischen Kräften. 4. Begutachtung von Entwürfen zu Bauknoten und Kassenscheinen nach künstlerischen Gcsichtspiinkten: Vorschläge für die Wabl des Stechers: Begutachtung des Stichs und der Dnickproben. 5. Aehnliche Mitwirkung bei der Herstelliiiig von Entwürfen zn Briefmarken und andren Drucksachen sowie bei der Ausfühning bestimmter Austräge dieser Gattung. 6. Vorschläge für die Schaffung neuer Schristforinen. 7. Vorschläge zur Beschickung von Ausstelliingen und Ausivahl des auszustellenden Materials.— — Die diesjährige Vogelaus st ellnng deS„Berliner Kanarienzüchter- und Vogelschiitz-Vereins" wird von» 3. bis 12. De- zember i» der Münzstraste 17 veranstaltet.—_ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 2. Dczcember. -Lichterfelve. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.