Interhaltungsblatt des Horwürts Nr. 233. Sonntag, den 2 Dezember 1900 (Nachdruck verboten.) U] Anker A>olKen. Roman von Kurt Aram. Aus Dankbarkeit dafür, daß Schäfer kein Unglück zu- gestoßen, benahm sich Magda sehr freundlich fast mütterlich. zu dem weinenden Mädchen, das ganz außer sich war. Denn wenn die Marie Jung, das kräftige Wesen, einmal außer sich geriet, dann äußerte es sich gleich gründlich. Wie der Sturm draußen. Als die Marie endlich wieder etwas ruhiger geworden, sagte sie leise:„Neulich sprach der Säger mal über das Wort des Herrn:„So jemand zu mir kommt und hasset nichtseinen Vater, Mutter. Weib. Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eignes Leben, der kann nicht mein Jünger sein". Da- mals Hab' ich das nicht recht begriffen, jetzt versteh' ich's." Magda schwieg dazu, denn sie kannte das Wort nicht, sie hätte auch nie gedacht, daß sowas in der Bibel stände. Aber die Marie Jung hatte es ja eben gesagt, und die wußte Be- scheid. Es ist doch sonderbar, von solchen furchtbaren Worten des Nazareners hört nmn nie etlvas in den Kirchen. Magda suchte nach etwas, womit sie die Marie Jung trösten könnte. Aber das war schon nicht niehr nötig. Sie war schon getröstet. Das Wort, das Magda so entsetzte, hatte die Marie Jung getröstet. Nun endlich entschuldigte sie sich, daß sie der Frau Direktor noch so spät ins Haus gefallen. Sie wäre so entsetzt gewesen, daß die Mutter sie geschlagen, und sie hätte, als sie auf die Straße gestürzt, unwillkürlich den Weg hierher ge- nommen, weil sie im Dorf niemand Jüngeres besäße, dem sie sich anvertrauen könne. Sie hätte auch gleich gemerkt an dem Licht, das hier noch brannte, daß die Frau Direktor..och auf sei. Da sei's so über sie gekommen, daß sie hierher ge- mußt.„Ich bin gar so einsam," klagte sie.„Die in der Versamnilung sind alle so viel älter als ich. Die verstehen manchmal doch nicht alles, wo ich doch noch so jung bin." Einen Augenblick empfand Magda diese Zutraulichkeit des Mädchens unangenehm, zudringlich. Doch es kam alles so treuherzig heraus, es zeigte ein so offenes Zutrauen zu Magda, daß diese Ernpfindung sehr schnell herzlicher Teil- nähme Platz machte. Marie Jung erhob sich. Sie sei schon zu lange hier ge- Wesen.„Entschuldigen Sie nur, Frau Direktor." „Sie gehen doch jetzt wieder nach Hause?" ' Marie Jung schüttelte sich doch ein wenig, als sie er- widerte:„Ja. Wo soll ich auch sonst hin?" Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu:„Wenn die Mutter nur in- zwischen ruhiger geworden ist l Ich Hab' fast Angst.." Da entgegnete Magda:„Ich gehe mit Ihnen. Ich bringe Sie nach Hause." Wie dankbar die Marie Jung sie ansah. Schon uni sich für ihre häßliche Empfindung von vorhin zu strafen, als sei sie niehr wie dies Mädchen, ging Magda mit. Draußen war es sehr dunkel. Da der Sturm aufgehört hatte, zu brausen, herrschte Totenstille. Das bedrückte Magda. Wie eine große Gruft ist's und nirgends schimniert ein Licht. Märiens Mutter war noch auf in Sorge um ihre Tochter. Jetzt machte sie sich Vorwürfe wegen ihrer Heftigkeit. Wer weiß, was das verrückte Mädchen anstellt. Seitdem die Tochter fromm geworden, traute ihr die Mutter alle Toll- heitcn zu. Sie war daher sehr erfreut, als die Marie wiederkam, machte aber ein böses Gesicht, weil die Tochter sie durch ihr Fortlaufen beunruhigt hatte. Sie war doch eine arme Witfrau, dadurch doch wahrlich schon unglücklich genug. Da hätte die Marie wohl rücksichtsvoller sein können und ihr nicht auch noch Unruhe und Sorge bereiten. Es war deshalb für die Marie sehr gut, daß gleich hinter ihr die Frau Direktor aus dem dunklen Hausflur auf- tauchte. Nun war die Mutter ganz kriechende Freundlichkeit. Wer weiß, die Marie macht vielleicht noch eine bessere Partie, wenn sich so Leute wie die Frau Direktor mit ihr abgeben. Es ist vielleicht gar nicht so dunim, daß die Marie dem Franz Kranz einen Korb gegeben. Diese kriechende Freundlichkeit empfand Magda so unan- genehm, daß sie gleich wieder gehen wollte. Nun wollte aber die Mutter durchaus nicht zulassen, daß die Frau Direktor allein nach Hause ging, obwohl es nur ein paar Schritte waren.... Nur mit Mühe konnte Magda erreichen, daß man sie allein gehen ließ. Was war denn das? Sie sah die Hauptstraße entlang. Ueberall Lichter an den Fenstern, die sich öffneten. Magda hielt an. Was bedeutet das? Der Sturm schwieg immer noch, und aus den geöffneten Fenstern aller Häuser links und rechts der Straße leuchteten jetzt die Lampen und warfen ihr gelbes Licht bis auf die Mitte des Wegs. Nun hörte sie auch, wie einige von denen, die die Lampen zum Fenster hinaus hielten, riefen:„Ei guten Abend, Herr Direkter!" Magdas Herz schlug stünnisch. Was war das? was be- deutete das? Sie sah ihren Mann mitten auf der Straße, beleuchtet von all den Lampen, immer wieder begrüßt von dem:„Ei guten Abend, Herr Direkter!" Langsam kam er näher. Magda rührte sich nicht von der Stelle und starrte auf ihren Mann da vorn, der, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, absichtlich langsam im Schein der vielen Lampen, ohne auf die Begrüßung zu antworten, näher kam. Da trat Magda ein paar Schritte zurück in das Dunkel der Nebengasse. Nun kam Otto vorbei, von immer neuen Lampen beleuchtet, immer wieder begrüßt:„Ei guten Abend, Herr Direkter!" Als Otto vorbei war, riefen sich die Menschen mit den Lampen mit lauten, lachenden Stimmen alles zu, was diesen Streich veranlaßt hatte, so daß Magda die ganze Schande mit anhören mußte. Sie durfte nicht aus ihrem Versteck, sonst wäre sie auch noch in das Licht der Lampen gekommen. Sie konnte auch noch nicht weiter, erstarrt über das, was sie hörte. Sie sah die Frau Schmidt wieder mit spöttischem Gesicht, die Arme in die Seiten gestemmt, an der Hausthür stehen und sie unverschämt mustern. Nun begriff sie, weshalb. „Was braucht sich der mit annere Leuts Weiber ab- zugebe, er hat ja e Frau dcrheim!" schrie einer lachend und schlug das Fenster zu. Die Fenster schloffen sich, die Lampen verschwanden, es war wieder dunkel auf der Straße. Magda lehnte immer noch an der Hauswand. Glühende Scham, wilder Ekel über sich und Otto tobte in ihr. Neben- her lief aber ein andrer Gedanke und rief ihr zu: Nun hast Du ja den schönsten Scheidungsgrund I Und das war das allerekelhafteste, daß sie diese» Gedanken in diesem Augenblick nicht verscheuchen konnte. Da tauchte dicht neben ihr ein Mann auf, der gellend lachte, daß Magda auf einmal laufen konnte, so erschrak sie. Es war Franz 5tranz, der froh darüber, daß dieser Streich gelungen. Magda lief und lief. Sie wußte gar nicht, daß sie nach der Villa lief. Sie merkte gar nicht, daß sie, weil die Hausthür geschloffen, heftig schellte. Nur ein Gedanke herrschte in ihr: sich verstecken. verkriechen vor allen Menschen! Jnstinkttv glaubte sie, das in ihrem Schlafzinimer am besten zu können. Das Mädchen öffnete, war sehr erstaunt, die Frau Direktor zu treffen, lief aber schnell fort, als sie die Stimme des Herrn Direktor auf der Treppe hörte:„Was soll das heißen, wer schellt noch so unverschämt?" Das Mädchen wußte, daß es am gescheitesten war, wenn der Herr Direktor so schrie, sich auf die Seite zu machen. Als Magda die Stimme Ottos hörte, wurde sie leichen- blaß, richtete sich aber sofort hoch auf, und an die Treppe tretend sagte sie:„Ich bin's." Otto stand oben, eine Lampe in der Hand, mit der er hinuntcrlcuchtete. Diese Lampe erinnerte Magda an all die Lampen da draußen, die die Schmach ihrer Ehe so unerbittlich beleuchtet. das; sie stumm am Fuß der Treppe stehen blieb, ohne int stunde zu fein, jetzt zu Otto auch nur in die Höhe zu blicken. Otto schäumte noch vor Wut über diese bodenlose Un- Verschämtheit, die ihm widerfahren, die er schweigend hatte hinnehmen müssen, um sich nicht noch lächerlicher zu machen. Er schrie, immer mit der Lampe leuchtend, von oben herunter: „Was stehst Dil denn da?! Komm doch herauf! Wo hast Du Dich denn herumgetrieben?" Das war zu. viel. Mazda sah auf, und wilder Haß glühte aus ihren Augen zu dem Manne da oben mit der Lampe m der Hand. Mit bebender Stünme sagte sie: „Ich weiß alles, alles! O, Tu!" Sie ballte die Hände nach ihm. Einen Augenblick herrschte Stille. Da schoß auch aus seineu Augen glühender Haß auf sie herab, und er schrie:„Du willst Dich aufspielen? als Moralische? Tu?" Der Haß raubte ihm alle Ueberlegung, so daß er schrie, weil er wußte, daß sie das am tiefsten treffen würde, die da unten stand wie eine Richtcrin. noch lauter und höhnischer als bisher— stand er doch auch oben und sie nuten an der Treppe—:„Was meinst Du denn, was Dein Federfuchser in deu Tagen getrieben, wo er fort war? He? Studiert? Mit Frauenzimmern hat er sich rumgetricben. Daß Du's weißt 1" „Das ist nicht wahr!!" »Haha, frag ihn selbst, wenn Tu mir nicht"glaubst! Er hat's mir selbst gesagt." Da sagte Mazda mit äußerlich ruhiger Stimme:„Wo ist er?" „Weiß ich's? Ich denke, bei Dir??" Sie blickte ihn einen Augenblick prüfend an. Sie sah, er sprach die Wahrheit. Schäfer war also nicht mit ins Slädtcheu gefahren, er war hier geblieben. Er war ihr also ans dem Weg gegangen, absichtlich. Warum? Weil er ihr eben aus dem Weg gehen lvollte. Warum? Weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Warum? Weil er das gethan, was Otto eben behauptet. Warum? Weil er sie nicht liebte. Denn sonst war das undenkbar! Wieder sah sie Otto aufmerksam an. Wie wüst dieser Mensch aussah, wie elend. Gerade so bleich und elend wie Schäfer, als er aus der Stadt kam. „Meiu Wort daraus I" rief Otto wieder, well für ihn darin die beste Ncchtfcrtigung lag.„Er hat's getrieben, wie ich Dir sage. Ich liebe Dich nicht, aber er liebte Dich doch, nicht wahr! Und hat doch... hahaha!" Da drehte sich Magda um und lief aus dem Haus. Otto ging langsam, wegen der Lampe, die Treppe hin- unter iu sein Zimmer. Er zögerte auch nicht einen Augen- blick. Er war so voll Wut, er haßte seine Frau jetzt so sehr, daß sie sich vor seinen Augen hätte umbringen können. er wurde auch nicht einen Finger gerührt haben, sie zurück- zuhalten. Ms er aber langsam die Lampe aus den Tisch in seinem Zimmer stellte, kam ihni doch der Gedanke: Wenn sie sich mm ein Leid anthut? Dann bist du mit schuld. Ach was! Dazu ist sie diel zu feig! Magda lief blind drauf los. Nur einen Gedanken hatte sie noch: Fort, fort, hinaus aus diesem Leben, fort, fort vor der Schändlichkeit der Menschen, fort, fort vor all der Schmach und Schande. Sie lief, kam aber nicht schnell von der Stelle, denn der wilde Stunn, der wieder da war. packte sie an den Kleidern und hielt sie fest. Aber wenn sie auch nicht schnell vorlvärts kam. ihre Füße liefen doch. liefen, liefen. Das war das wichtigste, das gab ihr den Eindruck, daß sie wirklich fort kam. fort, fort aus dieser Welt! Doch sie lief nicht nach dem Wasier zu, wie sie meinte. sondern sie lief die Hauptstraße entlang, und dann, weil sie nicht überlegen konnte, weil sie nur fori, fort wollte, in eine Seitenstraße ins Dorf hinein. Als es bergan ging, blieb sie stehen, denn min kam es ihr zum Bewußtsein, daß sie in die Berge lief statt in das Wasser. Fort, fort 1 Sie kehrte wieder um. Sowie sie aber in Bewegung war, hatte auch schon jede Ueberlegung sie wieder verlassen.� Als sie wieder an die Hanptslraße gelangte, kehrte sie einfach nochmals um und lies, lief denselben Weg zurück, deu sie eben erst gelaufen. Nur fort, fort, fort ans dieser Welt! Sie war völlig verstört. Wie von Sinnen. Plötzlich sah sie ans. „Es brennt ja." sagte sie halblaut vor sich hin, ohne über die Thatsachc irgendwie zu erschrecken. „Es brennt wirklich," wiederholte sie in demselben Ton und starrte auf das Feuer, das jetzt hell aus dem Dach schlug, einen Augenblick wie eine dicke Schlange hoch in die Höhe zischte, um dann vom Sturm gefaßt, sich auf die Seite zu legen und nach allen Seiten züngelnd auf das nächste Dach übcrznkriechcn. Sonderbar! Was sollte das- heißen? (Fortsetzung folgt.) SonnkÄ�splaudever. Während einer BolkSzählmig ward der Heiland geboren. Der Zähltag wurde zum WeihnachlAcft. Auch heute verlegt man diesen höchsten Feiertag der Statistik in de» Weihnachtsmonat. Gewiß nicht aus Gründen christlicher Pietät wird der 1. Dezember als Termin gewählt, sondern aus Ursachen technischer Zweckmäßigkeit. Und doch liegt ein tieferer Sinn iu dem Zusammentreffen von Volkszählung und Christi Geburt, von dem die Legende der Evangelien be- richtet. Ln der Zählung der Masse kliegt das Erlvachen des Selbst- bcwnßtfeins des Volks. Alle Menschen lverden nicht nur, als gleiche Zahlen, Brüder, sondern sie erkennen aus der Zahl ihre Macht, die Gewalt ihres Elends und die Möglichkeiten der Zukunft. In der dürren Statistik glimmt der Funke der' Erlösung. Das Volk wird durch die Rcchmmg sich klar und gewinnt damit den Mut, an sich selbst zum Heiland zu werden. Als zum erstenmal die königlich preußische Statistik feststellte, daß kaum vier Prozent der Bcvölkertmg das Miiiimim» eines schlicht-bürgerlichen Einkommens erreiche, wirkte das wie eine revolutionäre Osfenbarimg; an ihr erstarkte einst Lassalles befreiende Agitation. Die Zahl ist das Maß für die Erkenntnis aller Dinge. Wer die menschlichen Verhältnisse an der Zahl mißt, der vermag die Welt ans den Angeln zu heben— wie die Zahl in der Mechanik Lasten emporschlendert und Berge versetzt. So waren die Evangellsten in der That von tiefsinnig-ahnungsvollcr Erkenntnis erfüllt, als sie jenes Symbol ersannen, daß der Erlöser mit der Zählung in die Welt kam. Freilich bis zum heutigen Tage hat man au» guten Gründen die ganze Fruchtbarkeit der Volkszählung bei weitem' nicht erschöpft. Man begnügt sich mit der Feststellung der gröbsten Aeußerlichkeiten imd hütet sich, den Schleier über der Selbsterkenntnis des Volks völlig zu lüften. Die Statistik legt sich gefiissentliche Produktions- einschrankungen auf, sie hat klerikale Anwandlungen und empfindet es als Todsünde, allzu tief in den Apfel der Erlemitnis zn beißen. Man erfährt wohl das nötige über Alter. Herkunft, Kindersegen, Beruf. Konfession und Obstliättme, aber nichts über das, was das wesentlichste am Atenschen ist. Die Volkszählung ist bisher nichts viel andres als Polizei-, Sieitererheber- und Gefängnisstatistik. Mehr wünscht man nicht zu wissen, als die Polizei, daS Stcueramt und die Gefängnisocrwaltnng interessiert. Daneben werden der socialen Wißbegier die not- dürftigsten Konzessionen gemacht. Von einer wirtlichen Kultur- statistik, von einer Bildungssiatistik sind wir so weit entfernt, daß nicht einmal das Verlangen nach solchem Unternehmen ernstlich auftritt. Während die Wisfenschaftslnänner die dnnkelsteii Zeiten mid Länder aufzuhellen suchen, haben wir über unsrc eigene Kultur nur höchst mangelhafte, oberflächliche und willkürliche VvrfteNtnigen. Wäre es nun wirklich unmöglich, eine Art von BildtuigSstatistik anfzn nehmen? Es dürfte sicher' nicht allzu schwer sein, beispiels- lveste einen littcrarischen Fragebogen in Stichproben auszuarbeiten, der etwa— in erster flüchtiger Skizze— so kautet: Besitzen Sie: Bibel— Goethe— Schiller— Lessing— Kant— Heine— Grimms Märchen— Darwin— Marx— Bebel— Bcllamy— Erbauungsbüchcr— Shakespeare— Freytag— Scheffel— eine deutsche Litteraturgeschichte— eine Weltgeschichte yioelchc?)— Ibsen— Zola— Hauptmann— Suderman»— Feuerbach— L. Büchner— Marlitt— Schopenhauer— Konversationslexikon— Gedichtsammlungen— Gottfried Keller— Hebbel— Kriegsbücher— Reisebeschretbungen— Kolportagerommte? Sind Sie auf Zeitschriften abonniert— ivelche? Halten Sie Zeitungen— welche? Lesen Sie aus Volks-, Leih- jc. Bibliotheken? Sind Sie an Lesezirkeln beteiligt? Gehen Sie ins Theater? Wie oft durchschnittlich im Jahr? Besuchen Sie Konzerte? Wie oft? Besuchen Sie Svectalttätendithncit, Tingeltangel usw.? Smd Sie Mitglied von politischen Vereinen— von allgemeinen Bildungsvereinen? Nehmen Sie an geselligen Versammlungen teil? Besuchen Sie wissenschaftliche Vorträge? Das ist mir ein roher, ungeordneter Entwurf, der der syftcma- tischen Durcharbeitung bedarf. Eine Fülle von Aufklärung aber würde aus solcher Zählung quellen und wie viele Rätsel, die uitter unsrer dümikrnstigen Kultur unheimlich im Hinterhalt liegen, würden ihre Lösung finden. » �» Mein guter närrischer Freund Joe ist freilich auch mit solchen Aufnahmen noch nicht zufrieden I Er verlangt mehr. Die Bolls- Zählung soll— so wünscht er— eine social-psycho-physische General- biographie der Massen im Querschnitt tiefem, und er diktiert mir zu diesem Zwecke einen andren langwierigen Fragebogen. von dem ich nur einige Positionen wiedergeben will. Sollten meine Leser bereit sein, zu meiner und ckoe« Privatcrlenchtung diese Fragen zu beantworten und die Antivorten frankiert an die Redaktion eiuzu- senden, so wären wir ihnen zu erheblichem Dank verpflichtet und wir würden mich nicht aiistehcn, die geWitz autzerordentlich lehrreichen Ergctminc gelegentlich zu veröffentlichen. Bemerkt sei noch, datz sich etliche Fragen nur aus Mllionäre, Kavaliere und sonstigen hohen Adel beiderlei Geschlechts beziehen, also auch nur von solchen beant- wartet zu werden brauche». Der Leser wird leicht erkennen, welche Fragen gemeint sind. Und nun zn.Joes Fragebogen: Glauben Sie an die Dogmen der Kirche(welche?), an Wahr- sagcrei, Syurpnthieheiliing, Ritnnlmvrd, Ahnmigen, Hexen, Teufel, Engel und den Grafen Bnloiv? Empfinden Sie monarchisch: a> aNein, unter zwei Augen? b) vor Zeugen und Publikum? Sind Sie schön,'hätzlich, gesund, krank, klug, dämlich, gelehrt, unterrichtet, idivrisch, melancholisch, sanguinisch, cholerisch, phlegmatisch, Vcrschlvcnderisch. nobel, sparsam, geizig, ehrlich, verlogen, wahrhastig, heuchlerisch, slcitzig, träge, witzig,' feurig, albern, dösig, charaktervoll, waschlappig?(Das Zutrcssende ist zu unterstreichen.) Haben Sie Schulden? Bezahlen Sie solche? Lieben Sie glücklich oder unglücklich? Zahl der Geliebten(männlich oder weiblich, blond oder brünett)? 1. Unter lü Jahren..... 2. Bon 16— 20 Jahren..... S. Bon 21—30 Jahren..... 4. Heber 60 Jahre..... Durchschnittliche Dauer und Kosten eineslr) Gesiebten? Bereuen Sie es, verheiratet zu sein? Seit wann? Sind Sie in der Ehe treu? Wie oft nicht? Auf wieviel Kinder rechnen Sic? Prügel» Sie Ihre Kinder? Wie. find die Kinder mit den Eltern zufrieden?(von crsicren zu beantworte»). Sind die Kinder artig?(von beiden Teilen zn beantworten). Was halten Sie von Jhreni Hausloirt, Ihrer Schlviegcrnmtter, Ihrer Erbtante? Kann Ihr Mann(Frau) kochen, schneidern, ivaschen, Klavier spielen, schimpfe», tyrannisiere», eifersüchteln? Ist Ihr Mcuui(Frau) putzsücktig, eitel, zänkisch? Spielen Sie Lotterie, Skat, Billard, vaccarat, Kümmelblättche», Würfel? Rauchen Sie? Cigaretten, Cigarre, Pfeife? Gehen Sie in die Kirche? Genieben Sic Champagner, Austern, Caviar, Eisbeine, Schwarz- brot, Kartoffeln? Trinke» Sie Schnaps? Wie oft sind Sic durchschnittlich nüchtern? Auf ivas pfeife» Sie? Sind Sie Spiritist, Begetarianer, Kncippianer, Jmpfgcgner, Wagnerianer, Pessimist? Wie gefällt Ihne» das Leben? Kaufen Sie bei Wertheim oder Tietz? Haben Sic ein Geldspind, eine Batzgcige, einen Leicrkasicn, einen Revolver? Angeln Sie? Wie denken Sie sich die nächsten hundert Jahre? WaS halten Sie von Joe? Kleines Feuillslon. tb. Der Alte. Rastlos flogen die Federn über das Papier. In dem ganzen weiten Comptoir hörte man nichts als ihr Knirschen. Den Kopf tief auf die Bücher gesenkt satzcn die Buchhalter da und schrieben, schriebe». Ab und zn hob wohl einer den Kopf, reckte de» gekrümmten Rücken und tauschte mit dem Nachbar flüsternd eine Be- merkung. aber auch dnS geschah nur hastig, verstohlen fast, als sätze ein unsichtbarer Jemand hinter ihnen, der sie mit der Peitsche zur Arbeit antrieb. Rur der kleine Lehrling, der abseits am Fenster saß, war nicht bei der Sache. Wenn er eben drei Zeilen geschrieben hatte, kaute er am Federhalter nnd sah ins Leere. Er Ivar eigentlich nicht klein, er war sogar schon Ostern mit dem Lernen fertig. Sie nannten ihn aber»och immer den Kleinen, lveil er der Jüngste war. Der Korrespondent, der ihm gegenüber seinen Platz hatte, be- obachtetc ihn schon eine Weile:.Was haben Sie denn, Wegner?' Sic könnten es hier in der Ecke schon wagen, ein Wort zu reden, die Rollwand, die sich zum Schutz gegen die ans der Thür einströmende Zugluft um ihren Platz schob, fing den Schall auf und eiüzog sie den Blicken der andern. Der Kleine errötete unter dem fragenden Blick des andre», als wäre er aus«iucni Verbrechen ertappt..Oh— nichts." Hastig griff er von neuem nach der Feder und machte fich über die Arbeit. Aber die Zahlen verschwamme» vor seinen Augen, die Summen, mit denen er rechucie, latft1."» immer kleiner, zuletzt blieb nichts davon übrig als die fünf ttZVl. Es war also nichts mit den fünf Mark. Er kritzelte mit der Feder über ein Stück Papier, daS neben deni Hauptbuch lag, gerade als ob er rechnete, dabei dachte er nach Hause. WaS die Mutier sagen würde? Und sie rechnete so sicher auf das Geld, sie hatte nick: mal Mittag gelockt, sie wollten am Abend dafür frische Wurst essen— Abend»ud Mittag zugleich, ja daniit würde es nun nichts sein, mar konnte man sich mit Schmalzstullen begnüge»— und morgen Sonntag! Er bitz beinah ingrinnuig die Lippen zusammen. Wenn er nur wenigstens erst die Heimkehr übernanden hätte, die Thrnnen der Mutter, das verlvenite Gesicht der Scklwffwr— ah ba— nein— was ging es ihn an? Eine zornige Regung wallte in ihm empor; sie hätten sich besser einrichten sollen,' sie' lvutztcn es ja, datz sie erst Montag abrechnen konnten. Ueberhanpt konnten sie sich ein Geschäft suchen, wo es Sonnabends Geld gab. Sie lvaren allein d'ran schuld.— Nur sie.— Zugleich mit dein grollen- den Gedmilen aber faßte ihn die Rene. AIS ob sie dostir konnten, datz diesmal die Stenern bezahlt werde» mutzten! Ach ja, das war jckon ein Leben seit Baters Tode! Das war schon ein Leben l Er seufzte. „Was ist Ihnen denn, Wegncr?" Der Korrespondent fragte noch einmal, und als der Kleine noch immer schiuieg:„Sie wollten doch den Alten sprechen; er ist jetzt im Privatcomptoir, gehen Sic doch hinein!" Der Kleine knabberte wieder am Federhalter, ein halblautes Knurren kam über seine Lippe»:„War schon da." „Na nnd? Er giebt es nicht, was?" „Rein." „Hab ich Ihnen ja gleich gesagt, der Alte hat Grundsätze"-~ er lackte leise—„er giebt niemals'Vorschutz." „Nein, er sagt, dann köimte jeder kommen, nnd er hätte schon so schlechte Erfahrungen damit gemacht. Wenn ich mir wiitzte, was ich mache I" Des Kleinen Stimme klang beinah weinerlich. „Branchen Sie'S denn so nötig?" Der Kleine sah wieder ins Leere:„Mutter hat heute früh Stenern zahlen müssen, gleich vier Mark. Und nun haben wir kem Geld mehr. Sie rechnen erst Montag ab im Geschäft, sie nähen doch Blusen."— Er brach ab nnd— wandt« sich wieder seiner Arbeit zu.„Und nicht mal was zu essen haben wir zn Hmis, faktisch— nichts z» essen." „Ja, das ist schlimm. Der Korrespondent nahm gleichfalls seine Feder wieder und begann zn schreiben, dann ftlhr er Plötzlich in die Tasche:„'»e Mark ftifzig kann ich Ihnen pumpe». Wegner, da nehmen Sic mal, geben Sie's mir am Elften wieder," Er schob ihm daS Geld zn. Der Kleine betrachtete es mit einer Art ge- rührten Staunens:„Aber... aber...»ein... Herr Fuchs,... nein 1" „Rurchen Sie keine Reden, stecke» Sic ein, die mtdern sehen schon her." Der Kleme lietz das Geld in der Westentasche verschwiilden: „Ja, ja, wenn Sie meinen—" und»ach einer Pause:„Eigentlich ist es'ne Lumperei!" „Das darf man nicht laut sagen." „Es ist aber dock eine, und lvcnn er'S nickt könnte, aber solche plundrtge» stinf Mark. Und er hat's nach Tausenden." „Der Alle bleibt der Alte. Der kann sich nie vorn Gelbe trennen." „Neil«, wahrhaftig, daS kann er nicht! Und dann sagte er noch: Mutter»uitzte sich einrichte» lernen, und Mutter dächte wohl, eS ginge noch, ivie zu Vaters Lebzeiten. Wo die Tag und Nacht nähtl Ach der!" Er ballte unwillkürlich die Hände. „Ja der!" Auch der Korrespondent packte den Fedelhaltclf.fcster, er dachte an seine fünfundsiebzig Marl Gehalt, für die er hier den ganzen Tag schuften mutzte. „Der Alte!" flüsterte der kleine Lehrling. AuS dem Privatcvinptoir kam ein Herr in mittleren Jahren, er ging durch die Reihe» der Schreibpultc und warf hier und da einen Blick in die Bücher. Auch bei deni Pult am Fenster blieb er stehen. nahm ein paar Briefe vom Platz des Kol-respoudenten, durchflog sie und legte sie mit beifälligem Kopfnicken beiseite, dann sah er auch zu dem kleinen Lehrling hinüber:„Na. Wcgller, innner noch nicht fertig? Immer rasch, rasch! Sollen noch in der Expedition helfen. Ja. und was ich dann noch sagen wollte, Herr Fuchs, schreibe» Sie doch auch mal gleich mit an Meier nach Thon,, wissen Sie, Meier und Sohn? Er soll mir wieder die WeihnachtSkiste Pfefferkuchen schicken. Wieder so wie alle Jahr, für fünfunddreitzig Marl im ganzen. Hier, ich habe Ihnen die einzelnen Sorten aufgeschrieben." Er legte ihm eine» Zettel ans das Pult. «Und von den großen feinen Mandelkuchen noch extra fiir zehn Mark mehr. Höre» Sie, vergessen Sie es nicht— von den großen feinen Mandelluchen noch extra für zehn Mark mehr!"— Ik. Spätherbst im Walde. Durch die kahlen Wipfel rauscht der Herbstwind. Hier und da flattert einsam noch ei» dürres Blatt am Zivcige. alö sträubte es sich, hinabzusinken zu seineu auf dem Waldbodeu modernden Genoffen. Kein Vogelgesang durchdringt das Rauschen, aber dennoch schläft nicht alles im Wald. Wir nähern rmS dem struppigen Gebüsch am Rand eines Grabens, um ein leeres Vogelnest zu betrachte», da huscht«in branneL Etwas mausgleich durch die Sträucher. Mit einiger Anstrengung gelingt es inis, den 932- unbeständigen Punkt zu fixieren und zu erkenne», daß ei» inunterer Zaunkönig wrS durch seine Behendigkeit erfreut. Das nur daumen- lange Kerlchen erscheint in der Entfernung noch viel winziger, und eben diese Kleinheit ist es, die ihm eine so große Beweglichkeit auch im dichtesten Gestrüpp ermöglicht. Versuchen wir es. das Tierchen aus dem Gebüsch herauszuscheuckcn, so wird uns dies nicht gelingen. denn der Zaunkönig denkt gar nicht daran, das schützende Buschwerk zu verlassen, und ebe wir'es uns versehen, ist er in einem Erdloch verschwunden, das sein Nest birgt. Da die Tierwelt uns anscheinend im Stich läßt, so wenden wir uns den Pflanzen zu, die das Davon- laufen nicht gelernr haben. An den Bäumen, die den Wegrand zieren, fällt uns der große Reichtnnr an weißgrauen Flechten und grünen Moosen auf, die im herbstlichen Sprühregen zu einem in die Auge» fallenden pelzartigen Ueberzug aufgequollen sind und diese Tracht in der feuchlen Luft behalten. Die Annahme, daß diese Rindenbewohner ihre Würzelchen in die Rinde und das Holz senke», um sich von den Säften des Baums parasitisch zu ernähren, läge nahe genug, wäre aber eine irrige. Die zarten Würzeldben dringen nur wenig in die Rinde ein und dienen in erster Linie als Haftorgane, die dem wirklichen Baum keine Nahrung entziehen. I» dieser Beziehung sind die Moose und Flechten der Rinde vielmehr in eigentümlicher Weise vom Regen- weiter abhängig. Das Wasser, das von der Krone her über die Acste und Rinde läuft, wäscht im Herunterrieseln naturgemäß den Baum ab und das„Waschivasser" nimmt dabei zahllose ivinzige Partikelchcn der Rinde,„Staubteilchen" sc. auf, die es, Ivo ein MooS- oder Flcchtenrascn den Weg hemmt, an den Würzelchen und Vertiefungen derselben absetzt. Was in diesen Verunreinigungen des Regenwasscrs löslich ist, das wird dann von den ansprnchsiosen Bewohnern der Baumrinde zum Aufbau ihrer grünen und grauen Rasen weiter verarbeitet. Richten wir unsre Blicke jetzt etwas in die Höhe, so werden manche Erscheinungen uns fesseln. Im Geäste niancher Virkenbänme falle» uns hier und da dunkle Klumpen von Fnßdicke und darüber in die Augen, die aus einem dichten Büschel von Zweigen bestehen und bei einiger Phantasie mit einem Stachelschwein verglichen werden können. Das sind die sogenannten Hexenbesen, die das aber- gläubische Volk mit den Hexen in Verbindung bringt, während eS doch nur Pilzwucherungen sind, die diese'merkwürdigen Gebilde hervorbringen. Achnliche dunkele Büschel, die wir besonders auf Kiefern, aber auch auf Pappeln und andren Laubbäumen bisweilen bemerken, werden in der Mehrzahl der Fälle dem Mistclstrauch an- gehören. Suchen»vir am Fuße eines damit behafteten Baumes, so werden wir wahrscheinlich vom Winde ab- gebrochene Zweige dieser Pflanze finden, die nns durch ihre gelbe Farbe und besonders durch ihre gabelartige Verästelung sehr auffallen. Die Beeren der Mistel werden von den Drosseln be- gierig gefressen; die Samen passieren dabei unverletzt den Ver- dauungskanal und werden meistens auf Bäumen abgeladen, wo sie infolge eines klebrigen Ucberzngs an der Rinde haften bleiben und rasch ausschlagen, um sich in echte Parasiten umzuwandeln. Unsre-Blicke werden zuletzt immer wieder von den Scharen der modernden Blätter angezogen, die den Boden bedecken und die bis jetzt noch ihre Form bewahrt haben. Bald wandeln wir über buchtige Eichcnblätter, bald über Bnchcnblätter oder die Blätter des Haselstrauchs. Aber während wir die Blätter dieses Strauchs zcr- treten, zeigen uns seine Zweige bereits wieder Scharen von zolllangen grünen Kätzchen, die niit noch festgeschlossenen Schuppen des kommenden Frostes spotten. So berühren sich auch im Walde die Gegensätze; den modernden Blättern stehen Milliarden Knospen gegenüber, die dem Frühling entgegenschlummern.— Kunst. — Der Preis alter Gemälde. I» dem soeben heraus- gekommenen empfehlenswerten Buche„Spemanns goldenes Buch der K u n st"(Berlin und Stuttgart. W. Spemann) schreibt Wilhelm Bode zu diesem Kapitel:„Heutzutage hat so ziemlich jedes gute, alte Bild einen hohen Preis, ohne Rücksicht auf die künstlerische Richtung unsrer Zeit. Für die heiteren Dekorationsbilder der französischen Schule des 18. Jahrhunderts zahlt man bis zu hunderttausend Mark und gelegentlich selbst mehrere hunderttausend, und ähnliche Preise erreichen die meisten„Primitiven": die Ge- uiälde eines Eyk, Memling, Botlicclli u. f. f. Die großen klassische» Meister der Italiener, voran Raphael, werden bis zu einer halbe» Million und selbst zu einer Million bezahlt, obgleich ihre Haupt- werke gar nicht mehr auf den Markt kommen, und nicht viel weniger fordert und bekommt man für ganz hervorragende Werke eines Velazquez oder Murillo, eines Rubens, Reinbrandt und Franz Hals, wie für hervorragende Gemälde der holländische» Kleinmeister. Dieser„Marktwert" berücksichtigt nicht nur den „Knnstwcrt", der schwer zu bestimmen ist, sondern rechnet mit allerlei Nebenwerten: mit der dekorattven Wirkung eines Bilds, mit der ansprechenden Darstellung, der schönen Färbung, dem günstigen Format und andren mehr oder weniger äußerlichen Vorzügen. Wenn man daher sagt, daß heutzutage alle leidlich guten Gemälde ihre Käufer zu hohen Preisen finden, so ist dies in der That fast ohne Einschränkung richtig. Eine gewisse klassische Richtung in der Landschaftsmalerei, deren große Vertreter Claude und die beiden Poussin find, ist in neuerer Zeit freilich wenig gesucht; aber ivenn ausnahmsweise einmal ein be- sonders gutes Bild dieser Schule auf den Markt kommt, so erzielt es doch meist einen sehr ansehnlichen Preis. Niedrig im Preise und kaum verkäuflich sind dagegen die Gemälde der Maler dritten und vierten Rangs und der Schulen, die nicht auS frischer Anschauung der Natur schöpften, sondern Nachahmer älterer Kunstrichtungen sind, wie die Werke der Bologneser und Franzosen des 17. Jahrhunderts, der Niederländer aus' dem vorgeschrittenen 16. und aus dem 18. Jahrhundert u. s. f. Wenn man vor etwa 50 Jahren ein Ge- mälde von I. van Ruisdael mit 5000 M. bezahlte, so glaubte man für ein entsprechendes Bild seiner Nackiahmer Decker, R. de Vries u. a. wohl 1000 oder gar 2000 M. ausgeben zu dürfen, während solche Gemälde heute eher im Preise zurückgegangen sind, entsprechende Gemälde von Ruisdael aber mit 30000— i 00 000 M. bezahlt werden. Diese gleichmäßige Wertschätzung der verschiedensten Kunst- richtnngen ist überhaupt eine moderne Errungenschaft. Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurden die ältesten Schulen höchstens als historische Kuriositäten betrachtet nnd nur von einzelnen Liebhabern und für geringe Preise gesammelt; die Bilder der französischen Meister des 18. Jahrhunderts wurden sogar noch bis vor 50 Jahren als Werke des„tiefsten Verfalls" betrachtet und erreichten daher nur ganz geringe Preise, während man für die Ge- mälde der Eklektiker und Manieristen noch hohe Summen zahlte. Sehr eigentümlich ist die geringe Schätzung, die in Holland im vor- geschrittenen 17. nnd im 18. Jahrhundert im allgemeinen die großen Meister der holländischen Schule fanden; während Italiener aller Art, oft Maler ohne jeden künstlerischen Wert, während die Bilder der vlämischcn Schule, die späten manierierten Holländer mit A. van der Werfs an der Spitze hoch bezahlt wurden, erreichten die Bilder von Rembrandt, Hals, P. de Hooch, Vermeer, Hobbema, Jacob van Ruisdael u. s. f. mit seltenen Ansnahnien nicht den zehnten, oft nicht den himdertsten Teil der Preise jener Maler und gingen daher rasch ans dem Land. Allbekannt ist, daß die groß- artigen Kunstsammlungen Reinbraiidts, darin etwa sechzig seiner Ge- mälde, alle seine Radierungen und Tansendc seiner Zeichnungen, um weniger als 5000 Gulden versteigert wurden, während sie heute eine Reihe von Millionen erzielen würden. Diese Erscheinimg ist »m so auffälliger, als wir eine ähnliche Verkcnnung und Entwertung der Werke ihrer großen Meister in keinem andren Lande bemerken, weder in Italien noch in Spanien oder in Deutschland, selbst nicht in der Zeit der tiefsten Bedrängnis. In noch früherer Zeit, im 16. nnd namentlich im 15. Jahr- hundert, wurden die Gemälde älterer Künstler oft verhältnismäßig höher als im folgenden Jahrhundert bezahlt, da die Zahl eine weit kleinere und es schwieriger war, sie zu bekommen. Auffällig ist nns heute jedoch, wie viel höher die lleberreste der Antike, namentlich Kameen und dekorative Schmuckstücke, gewirkte Tapeten n. dgl., ge- schätzt wurden; man zahlte eben weit mehr den Arbeits- und Material- wert, als den eigentlichen Kunstwcrt. Um ein Beispiel z» nennen, finden wir im Inventar des Lorenzo Magnisico die berühmte Tazza Farnese aus Sardonyx auf 10 000 Goldgulden be- wertet. Bilder von Sandra Botticclli und Fra Filippo Lippi dagegen auf 10, ein FraucnbildniS von Domeuico Veneziano auf 6 Gold- gülden, welches letztere allein mindestens 50 000 M. geschätzt werden müßte. Besondere Vorliebe hatten die italienischen Sanmilcr dieser Zeit für die kleinen Bilder der altniederläudischcn Schule, nicht nur für den damals schon vor allen geschätzten Jan van Ehck und seine Nachfolger, sondern auch für die späteren Landschastsmaler, tvie Henry de Bles und Joachim Palinier, und für die Maler der phantastischen Spukgeschichten, namentlich Hieronymus Bosch. Die bedeutenderen Werke des letzteren wußte fast alle Karl V. an sich zu bringen, nut denen er seine abgeschiedene Klause im Esknrial ausschmückte.— Humoristisches. — Die geplagte Durchlaucht. Durchlaucht fährt mit seinem Minister durch das Nachbarländchen und ist erstaunt über den reichen Obstsegen.„Sagen Sie'mal, mein Lieber, warum haben denn d i e hier so viel Obst und wir nicht?" „Durchlaucht, d i e sind eben in eine günstige Blütezeit hinein« gekommen, und wir..." .... haben die günstige Zeit natürlich tvieder v e r p a ß t I Na. hören Sie, so was ist unter Ihrem Vorgänger meines Wissens doch nie vorgekommen, und ich, ja du lieber Gott, ich kann mich dieser Geschichten doch nicht auch noch an- nehmen!"— — Der lernbegierige Piccolo. Der Herr Oberkellner, der dem Piccolo eingeprägt hat, stets alles so zu machen wie er, rutscht auf dem frischgewichsten Parqnettdoden auS und schlügt das Geschirr in Trümmer. Piccolo:„Wie haben S' jetzt das gemacht, Herr Ober- kclluer?!"— — B c g ii n st i g u n g. Anwalt:„... Also der Müller hat den Meier ein K a m e l genannt, und der Meier den Müller ein Schaf! Nun nimmt jeder seine Beleidigung zurück. Sind Sie zufrieden?" Meier:„Ja— aber— da ist ja der Müller im V o r« teil!"-_(„Flieg. Bl") Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.