Nnterhalwngsblatt des Horwärts Nr. 234 Dienstag, den 4. Dezember 1900 «Nachdruck verboten.) 45] Ankev UVolkvn. Roman von Kurt Aram. Da sprang wieder einer an Magda vorbei und lachte schauerlich. Gerade wie vorhin, als sie an der Wand lehnte und die Lampen ihre Schande beleuchteten. Jetzt rief sie laut:„Feuert Feuert" Sie rief immer lauter, und die hellen Thränen liefen ihr plötzlich über das Gesicht. Nicht wegen des Feuers, sondern wegen des Schreiens, das sie er- leichterte, sie wieder zu sich brachte. Immer lauter rief sie, aber der Stunn brüllte noch viel lauter. Dagegen kam ihre Stimme nicht auf. Als die mächtige Flamine auf dem zweiten Dach unter dem Stunn wie eine gewaltige Garbe sich wieder beifeite neigte und Feuer auf das dritte Dach fiel, wieder ein Stroh- dach, fast das letzte im Dorf, da kam neues Leben in Magda. Sie klopfte, so laut sie konnte, an die Thüren. Aber der Stunn klopfte lauter, so daß sie nicht gehört wurde. Mein Gott sollen denn die Menschen verbrennen? Auf einmal schrien viele Stimmen:„Feuer! Feuer!" Aus den brennenden Häusern sprangen Menschen, wie sie gerade aus dem Bett kamen, liefen verzweifelt im Kreise hemm und schrien:„Feuer! Feuer!" Das brachte Magda nun vollends zu sich. Sie sprang auf einen zu und rief ihm ins Ohr:„Schnell zur Kapelle! Die Glocken läuten!" Der nickte zustimmend. Sie konnte es ganz gut sehen, so hell war es durch das Feuer geworden, das der Sturm immer weiter jagte. Der Mensch im Hcnide nickte immer wieder, sprang aber nur im Kreise herum und schrie wie de- sessen: Feuer! Feuer I ohne sich von der Stelle zu rühren. Endlich kani einer zu Vernunft und galoppierte fort. Kaum war das geschehen, legte sich auch bei einigen andern die augenblickliche Verstörtheit, nur mit dem Sturm um die Wette in die Nacht Feuer zu schreieu, während das Feuer unbarmherzig weiter fraß, ohne zu warten, bis die Menschen sich eines Bessern besannen und gegen es vor- gingen. Die Leute erbrachen die Thüren der nächsten Häuser, die bedroht waren, mit der Kraft der Verzweiflung, rissen die Menschen aus den Betten und eilten dann weiter. Irgend etwas direkt gegen die Wut der Flammen selbst zu thun, fiel ihnen immer noch nicht ein. Endlich hörte Magda die Glocken läuten. Nun dauerte c? nur noch Minnten, bis alles lebendig wurde und her- stürmte. Mit die erste, die erschien, war Marie Jung, die nicht hatte schlafen können vor Furcht, weil Franz Kranz ge- droht, er würde die Frommen, wenn's nicht anders ginge, zum Dorf hinausräuchcrn. Kaum drang der erste Glockenton durch den Sturm hindurch an ihr Ohr, so wußte sie, daß er seine Drohung wahr gemacht. Immer mehr Menschen stellten sich ein. Als erst die da waren, die am andern Ende des Dorfs wohnten, deren Häuser augenscheinlich nicht gefährdet waren, kam endlich Ordnung und Üeberlegung in die Menschen. Einige sprangen nach der Spritze, andre nach Hacken und fingen an. unter den« lauten Weinen und Wehklagen der Besitzer die am meisten gefährdeten Häuser niederzureißen. Der Bürgermeister war auch bald znr Stelle, da er noch bei der Witwe im Wirtshaus gesessen. Kleine und große Kinder, Märnier und Weiber sammelten sich aus den brennenden Häusern unter viel Geschrei, hockten nieder, indem sie irgend einen wertlosen Gegenstand an sich preßten, der ihnen grade bei der Flucht aus dem Haus in die Hände gefallen, und starrten völlig betäubt iu die Flammen, die wütend, gierig weiter fraßen. Plötzlich schrie eine junge Frau, die seinen alten Trog krampfhaft im Ann hielt, laut auf. Erst jetzt fiel ihr ein, daß ja noch ihr Jüngstes im brennenden HauS in der Wiege lag. Sie schrie wie toll nach ihrem Kind. Der Schreck war ihr aber so in alle Glieder gefahren, daß sie nicht von der Stelle konnte. »kaum härte das Magda. kaum sah sie auS den Blicken und wilden Gesten der Frau, um welches HauS es sich handelte, so eilte sie, ehe sie jemand hindern konnte, in daS Haus. Kaum sah das die Marie Jung, lief sie hinter ihr her, denn sie fühlte sich mitschuldig an diesem großen Unglück. Hätte sie sich nicht so standhaft geweigert, den Kranz zu heiraten, wäre dem gewiß niemals eingefallen, so etwas Grausiges zu thun. Die Leute ringsum tobten vor Entsetzen, denn das be- treffende Haus stand in hellen Flammen. Aber niemand wagte sich den beiden nach. Die Balken ächzten und krachten. Das Stroh der Dächer wand sich wie Feuerschlänglein in den Lüften. Ein HauS brach mit lautem Gepolter in sich selbst zusammen, daß sich die Menschen entsetzt die Ohren zuhielten, während sie immer gespannter nach der Thür starrten, in die Magda und Marie Jung verschwunden. Die Thür begann schweren, dunklen Qualm auszuatmen. Auch hier bogen sich jetzt die Balken und ächzten. Jeden Augenblick konnten sie einstürzen und die beiden samt dem Kind begraben. Keiner vermochte sich zu rühren in diesen bangen Sekunden. Nur die Mutter zerrte ein paar Männer hin und her, denn sie wollte auch ins Haus, zu ihrem Kind. Plötzlich ging ein wilder Schrei aus alll den Kehlen. denn die Balken gaben nach. Erst ganz langsam. Dann in dem Augenblick, � wo Magda mit dem Kind im Arm aus der qualnienden Thür fiel, denn die Marie Jung hatte sie mit letzter Anstrengung gepackt und hinausgeschleudert, in diesem Augenblick knallte einer der alten Eichenbalken, wie wenn ein Schuß losgegangen wäre, und alles brach zusammen, gerade noch Magda erfassend, die auf dem Rücken liegend, das Kind weit von sich gestreckt hielt. Von der Marie Jung war nichts zu sehen. Otto kam gerade recht, um seine Frau so zu finden, die sich wand unter den glühenden Balken, die auf ihrem Leibe lagen. Einige Weiber waren ohnmächtig ge- worden. Den Männern schlugen die Zähne auf einander vor Grausen über den Anblick, während das kleine Kindchen, dem nichts geschehen war, laut weinte, unwillig, daß es im Schlaf gestört worden.— Schäfer, der längst vor Magda nach Haus gekommen, blieb, obwohl er von seinem Fenster aus, als er durch das Glockenläuten aufmerksam geworden, sah, was vor sich ging, auf seinem Zimmer. Im ersten Augenblick steilich wollte er auch das Haus verlassen. Dann aber trat er wieder möglichst rnhig an das Fenster und sagte sich: Was gehen dich diese Leute an. Sie sind dir ja völlig fremd. Als dann der Himmel rot wurde unter dem gewaltigen Feuer, kam ihm der Gedanke: Vielleicht sind Menschen in Gefahr, zumal es ihm bei angestrengtem Lauschen vorkam, als höre er Schreien von der Brandstätte her. Wieder war er in Begriff, das Zimmer zu verlassen. Aber wieder drehte er um und ging zurück ans Fenster. Thorheit! Unsinn! Menschen sind nicht in Gefahr. DaS redet dir blas deine lebhafte Phantasie ein. Nun war es wie ein Feuermeer da vorn, das die schwarze Nacht so erleuchtete, daß er deutlich die dichten Rauchmasien hoch in die Höhe steigen sehen konnte, die der Sturm ergriff, hin und her warf, bis er, des Spielens müde, sie mit einem gewaltigen Wurf hoch in die Wolken schleuderte. „Herrlich l Grandios sieht's aus I" sagte Schäfer laut von seinem sicheren Beobachtungsposten aus. Kaum hatte er das aber gesagt, stieg es leise in ihm auf wie Widerwille vor sich selbst, daß er auch dies ästhetisch ansehen konnte. Sofort ärgerte er sich darüber. Nero fiel ihm ein. Bist du so ein Schwächling, daß dich das bißchen Brennen moralisch macht? l Aber der Widerwille war doch stärker. Er raunte ihm spöttisch zu: Feig bist du, mein Lieber, das ist die ganze Geschichte. Da wagst dich nicht ran an den Brand, wo man sich eventuell die Beinkleider versengen kann oder gar die Haut. Er suchte sich das auszureden. Jedoch, es wollte ihm schlecht gelingen. Es ist doch Feigheit, daß du hier bleibst! Diese Stinime wollte nicht weichen. Und diese Stimme hatte auch recht. Er war feig. Er wußte sich in solchen Gefahren absolut nicht zu benehmen, wenn sie plötzlich kamen. Wenn er sie lange voraussah, dann ging es eher. Dann hatte er seine Nerven besser in der Gewalt, aber solchen plötzlichen, gänzlich unerwarteten Gefahren gegenüber nicht. Er fühlte es ganz deutlich, es hätte ihm einer bieten können, was er wollte, er würde unter keinen Umständen jetzt schon fähig gewesen sein, zum Beispiel irgend jemand zu retten, der noch zurückgeblieben in so einem brennenden Haus. Hätte der Brand noch bis morgen gedauert, dann wäre er mit aller Willenskraft wohl so weit gekommen, daß er es morgen gewagt hätte. Aber jetzt noch nicht. Das war es im Grunde, weshalb er hier aus seinem Zimmer blieb. Er fürchtete, er könnte sich da vorn blamieren, es könnte jencand merken, wie er zögern würde, irgendwie ernsthafte Hilfe zu leisten. Jeder Naturbursch springt instinktiv ins Feuer, wenn's zu retten gilt, und ich? Ich kann's nicht, noch nicht. Es half nichts, er ärgerte sich sehr, und der Widerwille wurde stärker. Dieser Widerwille wäre unbedingt schon jetzt ganz Herr über Schäfer geworden, wenn Schäfer nicht be- obachtet hätte, daß da drüben die Hauptgefahr offenbar vorbei. Das Feuer hatte nur noch Nahrung aus sich selbst, faud aber keine neue an neuen Häusern und Dächern mehr. Siehst du nun, wie gescheit es war, daß du hier bliebst? sagte er sich. Du hättest dort nur im Weg gestanden. Da zog sich der Widerwille langsam wieder in sich selbst zurück. (Fortsetzung folgt.) Agnes Veennuev. (Schauspielhaus.) Man wird jedesmal vom Jammer gepackt, wenn man bedenkt, was das Schauspielhaus sein könnte, und dann sieht, was es ist. Es ist in der beneidenswerten Lage, in der gegenwärtigen litterarischen Situation eine große küiistlerische Existeuzberechttguug zu besitzen; aber es verscherzt dieses Recht und spielt Blumenthal, Kadelburg, LÄrronge und ähnliche Geistesgrößen. Es könnte iiidirekt allerdings— für die moderne lebendige Dichttmg eine große Bedeutung gewinnen, aber es verzichtet auf diese Bedeutung und verurteilt sich selbst zu einer traurigen und nichtigen Rolle. Dem modernen Drama ist die Sehnsucht nach Größe und tragischer Bedeutung eigentümlich. Im Schauspielhaus nun könnte der große Stil herrschend und heimisch sein und alles, watz heute in der draina- tischen Kunst lebendig ist, gleichgültig od Dichter oder Schauspieler oder Krittler, könnte sich hier im Anblick einer großen Vergangenheit für den Kamps um eine große Zukunft rüsten. Im Schauspielhaus könnte alles rede», was in der dramatischen Litterattir groß und nn- ergänglich ist— es könnte reden, ohne daß die Existenzbedingungen einer Hos bühne verletzt würden. Wie gerne würden wir dann die unvermeidlichen dynastischen Familienfeste mit in den Kauf nehmen! Sie sollten uns so wenig kümmern, wie in einem gut geleiteten kapitalistischen Theater die unvermeidlichen Geschäftsstücke. Das Schauspielhaus hätte die verdammte Pflicht, die großen gnechischen Tragödien zu geben. Herr Grub« aber sitzt im ersten Rang und läßt sich die Orestie, den Oedipus, die Antigone von den Berliner Sttidenten vorspielen— zuni Teil mit seinen eignen Schauspielern. Das Schauspielhaus müßte Hebbel und immer wieder Hebbel spielen. wie das Deutsche Theater Hauvtmann giebt. Das Glück ist so frei- gebig gewesen, ibm den besten deutschen Hebbel-Schanspieler zu 'schenken, nämlich Matkowskh. Es könnte die großen Tragödien Hebbels in einer Besetzung geben, an die keine andre deutsche Bühne heranzureichen vermöchte. Aber es thut es einfach nicht. Die „Nibelungen- erscheinen einmal auf dem Spielplan und verschwinden dann sofort wieder, um den Schwätzern und Spaßmachern Platz zn machen. Aber daS Publikum? Würde ein künstlerisch vornehm geleitetes Schauspielhaus auch ein Publikum finden? Nach meiner festen lleberzeugung— ja. So gut wie das„Deutsche Theater" das seinige gefunden hat.' Wenn jetzt etwa die Nibelungen vor leeren Bänken gegeben werden sollen— mich würde es nicht wunder». DaS Schauspielhaas hat ein Stammpublikum herangezogen, das sich bei Blumenthal und Fulda wohl fühlt. Was Wunder, daß die Sorte vom großen Hebbel nichts versteht. Wenn das Schauspielhaus so fleißig Hebbel gespielt hätte. wie es wertlose Stücke gespielt hat, würde ihm heute ein ganz andres Publikum zur Verfügung stehen. Und selbst wenn das Geschäft nicht gar so glänzend ausfiele— das Hostheater wird subventioniert und hat dafür mit einem noblen Spielplan zu quittieren. Neuerdings hat es nun Hebbels„Agnes Bernauer' auf- genommen. Wir stcueu uns aufrichtig darüber, obwohl das Drama innerhalb der Produktion Hebbels zu dem weniger Bedeutenden gehört. Es ist immerhin von Hebbel, und das verleugnet sich nie ganz. Der Stoff des Dramas ist der Geschichte entnommen und so wollen wir auch zunächst dem Historiker das Wort geben. Mehring schreibt in den wertvollen„Litterarhistonschen Streifzügen', die er im März dieses Jahrs in der„Neuen Zeit" veröffentlichte, folgendes: „Agnes Bernauer, die schöne und wgeudsame Baderstochter von Augsburg, hatte sich von einem bayrischen Herzog zwar nicht verführen lassen, aber ihn geheiratet, da er sie und sie ihn liebte. Um dieser Heirat willen ließ sie der Vater ihres Gatten meuchelmördensch in der Donan ertränken, worauf Vater und Sohn erst miteinander balgten, sich dann aber im Namen der heiligen Stnatsraison versöhnten. Wie herrlich es nm die Staatsraison der damaligen bayrischen Herzöge bestellt war, schildert D r o y s e n, ein konservativer Historiker, wie folgt: „Sieht man in die fürstlichen Häuser, so findet man da wahrlich nicht blos Unthnten des Zorns, der rohen Gewalt, der Leiden- schast, sondern Frevellust, Tücke, raffinierte Bosheit, wie sie die frühe Fäulnis Italiens nicht ärger erzeugt hat. Es fehlen die Beispiele nicht, daß der Bruder den Bruder gemordet, die Schwester ins Elend getrieben, daß der Sobn den Vater dem Hungertod preisgegeben, und der Arm der Gerechtigkeit erreicht sie nicht. Nichts grauenhafter als die Kämpfe zwischen dem alten Jngol» städter Herzog Ludwig dem Bärtigen und seinem Sohn, dem klugen, frechen, boshaften Ludwig nnt dem Höcker; der Sohn fing den Vater, warf ihn in den Turm, hielt ihn elendiglich, gab ihn als Pfand weiter; endlich in dem Kerker seines Todfeinds, jenes längst in Haß und Geiz verwilderten Herzogs Heinrich von Landshut— sie waren Söhne von Brüdern— hat der Achtzigjährige„seiner Peinignug Ende' gefunden, aber„ob es ein sinn- licher und vernünftiger oder ein genöther Tod gewesen, daß weiß Gott allein.' Auch die dritte, die Münchener Linie des Haines, hat in der Frevelthat des Vaters gegen seines Sohns heimliwe Ehe. in des Enkels Frevel gegen seine Brüder um der Alleinherrschaft willen ihre Tragödien.' Droysen spricht hier von Tragödien nicht im ästhetischen, sondern im übertragenen Sinn des Worts; die Er» mordung der Agnes Bernauer ist ihm eine Frevelthal, wie fie denn auch nichts andres war; das Schicksal des Opfers mar rührend, aber nicht tragisch; was wäre Tragisches daran, wenn ein harmloses Kind von einem verlotterten Strolch erschlagen wird! Die„Tragik' bringt erst Hebbel in den Tod der Agnes Bcrnauer, indem sie gegen die Staatsraison im edelsten Sinne verstoßen haben soll, weil sie Ivohl die Gemahlin, ober nicht die Dmie eines baynschen Herzogs werden wollte, der sie und den sie liebte.— Hebbels Mangel an histottschem Verständnis schützt ihn hin- länglich vor dem Verdacht einer verächtlichen Tcndenzdranialik; auch sollen die dichterischen Vorzüge der Agnes Bernauer in keiner Weise verkannt werden. Aver wenn der heutige Litterarhistoriker über den Undank der Zeitgenossen gegen Hebbel Nagt, so sollte er doch ein wenig mehr zu sagen haben, als ein paar Redensarten über die deutsche Bourgeoisie. Diese Bourgeoisie hat gciviß sehr viel mehr auf dem Kerbholz, aber daß sie von einem Dramatiker, der sich zur verruchtesten und verrücktesten Junkerherrschaft so stellte, wie Hebbel in der Agnes Benianer, nicht viel wissen wollte, kann mau ihr so sehr übel nicht nehmen.' Mehring meint dann weiter, daß es eine politisch ganz eut- nervte Zeit sein müsse, in der„Agnes Bernaner' noch eine Zukunft haben könnte. Ich stimme ihm thatsächlich bei, ohne seine Mottviemng ganz teilen zn können. Auch ich gehöre zu denen, die an die edle Staatsraison des bayrische» Herzogs nicht glauben können. Auch ich habe die peinliche Empfindung, vor einem allzu geschmeichelte» Bild zu sitzen und sehe die„verruchte und verrückte Junkerherrschaft', die hinter dem Ganze» liegt. Es versteht sich von selbst, daß damit die Wirkung des Dramas aufhört. Nun aber haben wir mehr als ein Beispiel, daß uns ein Held in der Dichtung lieb geworden ist, der in der Geschichte keineswegs bewunderuugSivürdig war. Wäre Hebbels„Agnes Bernaner' so groß und gewaltig wie sonst seine Tragödien sind, ich glaube, wir würden über seineu unleugbaren„Mangel an historiscvem Verständnis' huiivegkomnicn und uns naiv in seine Macht begeben. Wir würden im Theater an den baynschen Herzog der Dichtung glauben, auch wenn wir uns nachher sagen müßten, daß er mit' dem Herzog der Geschichte nichts gemein hat als de» Raniett. Mag sein, daß der H i st o r i k e r, in dem das Bild der Zeit in brennenden Farben lebendig ist. niemals über sein besseres Wiffen hinweg könnte. DaS große Publikum Ivürde es können. Nun aber kommt zu dem historischen Einwand noch ein ästhettscher, der allerdings der bereits dedrohten Zukunft„Agnes Bernauers' ein Ende macht. Ich werde«in unsäglich bitteres Gefühl nicht los, iveini Vater und Sohn sich schließlich doch versöhnen, nachdem die arme Agnes ihren Tod in der Donau gefimden hat. Ich traue diesem Liebhaber nicht, der weiter- leben will(und gciviß nicht wie ein Mönch), nachdem seine Seele mit der Vcrantwortnng für eine schwere Schreckcnslhat belastet worden ist. Arnte Agnes I Sie ging in den Tod und ihr Liebhaber versöhnt sich in verdächtiger Erhabenheit mit ihrem Mörder! Wenn das nicht schnöder Verrat und Untreue ist, kenn ich mich nicht mehr aus. Der Herzog vlvrecht handelt genau wie jene Jammcrbnrschen der Bourgeoisie, die etwa mit einer kleinen Schauspielerin ein Verhältnis unterhalten, vom Vater in der üblichen Weise verflucht werden, um schließlich doch a»S Rück- ficht auf„ihre Stellung' das Mädel zu verraten und eine reiche Partie zu niachen. Mit„hlutendem Herzen' natürlich I Wenn ich an diese„blutenden Herzen' nur glauben könnte! Hatten Agnes und Albrecht an der Staatsraison gefrevelt, dann mußten sie auch beide fallen. Mit andren Worten: Hebbels Drama ist nicht nur keine historische Tragödie, sondern im letzten Grunde überhaupt keine Tragödie. Er hebt den tragische» Konflikt in einen„höheren Gedanken' auf; er„versöhnt", wo keine Versöhnung möglich war, ohne dah der Held seine tragische Gröhe ein« büßte. Ich kenne niemand, der derartige„Versöhnungen" grimmiger verhöhnt hat, als eben Hebbel. Das entschädigt mich reichlich dafür, dnh er emmal selbst ihr Opfer geivorden ist. Ich kaim nicht schien, wie diese Schlntzversöhnmig n, einem Empfinden widerspricht. Fch werde das Gefühl nicht los, daß die beiden fich noch einmal ver- ständnisiimig anzwinkern werden, tveim von der kleinen Agnes die Rede ist. lind das wirkt nicht reinigend und befreiend, sonder» so bitter, daß man in ein lautes Lachen über diesen erhabenen Lieb- Haber ausbrechen möchte.—, Erich Schlaikjer. Kleines Feuillekon. — Der gallische Hahn. M der Hahn ein Feldzeichen oder ein Symbol der alten Gallier gewesen? Die Legend« behauptet es, die Wifienichast verneint eS. Der Rnmisinat Dncrocq ist der Fmge auf den Gnmd gegangen und findet in den alten Zeiten nichts Thcit- sächliches. Niemals war der Hahn ein Abzeichen der Gallier. Uebrigcns waren letztere kein einheitliches Boll, konnten also kein ein- beitliches Symbol besitzen. Ans ihren Münze, i kommen alle mögliche» Tiere vor, auf lOstS gallischen Stücken, welche die Nationalbibliothek besitzt, erscheint der Hahn indes nur vierzehninnl, davon noch zivölfmal bloß auf Kupfemünzeii; das Harchtzeicheu der Nation wäre doch nicht auf mindertverlige Geldstücke deschränkt gewesen. Die Werke der Bild« bauerknnst bestätige» das negative Ergebnis der Münzkunde. Was den Hahn ans den Kirchtürmen betrifft, so ist er füglich nicht als ein ursprünglich ftanzösisches Symbol zu betrachten, sondern dürfte an den Hahn erinnern, der den Verrat Petrus' registrierte. Neuer- diugs erscheint der Hahn auf den Goldstücken der Repudtik. Zuerst wurde er im Jahre 1791 mlf die Goldstücke aufgenounueu, aber ganz klein, als Znthal zu dein Genius Frankreichs. Er erhielt sich auf gewisse» Geldstücken unter den« Koiuulat, dem Kaiserreich und der Nestanration. um dann nach längerein Verschwinden 1871 wieder z» erscheinen. Es ist jetzt noch derselbe Typus wie 1791. mir war der Hahn vom Jahre V s1797) bis 18A> nicht ein Symbol, sondern das Prägiingszeichen des damaligen Direktors der Münzstätte, de I'Espine; ein andrer Direktor, Dierickz <1855— 1860), hatte als solches die Biene. Wie der Hahn über- Haupt auf die Geldstücke von 1791 kam, geht auS den Akten der Vreisbewerbnng der Graveure hervor: die Künstler erklärten, man könne»eben dem Altar des Vaterlands einen Hahn.als Zeiche» der Wachsamkeit" und ei» Nuteubündel(ku-css) als Zeichen der Einheit und militärischen Stärke anbringen. Keine Rede von Gallien und den Galliern, sondern nur von einem Symbol aus der griechisch« römischen Mythologie. Nur einmal spielte der Hahn«ine politische Stolle. Das Jnlilöniglum setzte ihn auf die Fahueustauge und die Degengriffe der Ossiziere. Es war aber das Symbol enier Dynastie wie die Lilie unter dem alten Regiment und der Adler unter dem Kaiserreich. Gallus, der Hahn, bedeutet zwar auch der Gallier, allein iver aus diesem Zufall mehr holen will, begeht«inen Kalauer.— en. Eine MoSkitosam, nsnng im StnaiSnnftrnge ist m den letzte» zwei Jabren in alle» britischen Kronkolonieu vorgenommen worden. Als die erst« ficbcr« Kunde eines Znsmnmrnhnngs zwischen de» Moskitos und der Malaria zur öffentlichen Kenntnis gekommen war, setzte die englische Regierung im Jahre 1898 gemeinschaftlich mit der Royal Society einen Ausschnst ein. der eine Obernnssicht über die Erforschung der Frage in großem Maßstabe ansznnbrn 1 bestimmt war. Eine der ersten Thaten des Ansschnffes war ein! Erlaß an die Gouvenicnre säurtlicher Kolonien, demzufolge die ver- schiedenen Arten von Moskitos und verwandten Insekten gesammelt und an das Naturwissenschaftliche Museum in Svnth Kcnfington sLondon) eingesandt werden sollten. Das genannte Museum fiigte dieser Anordnung eine Belebning zur Sammlnng imd Aufbewahrung der Insekte» bei. Al» bisheriges Ergebnis find bereits 3000 Exenrplare von Moskitos bei dem Museum eingegangen, und allwöchentlich treffen tveitere Sendungen ein. Zwei Gelehrte sind niit der rintcr- suchmig der stattlichen Jusektcnsmnmlung vcschöftigt, und bereiten gegenivärlig eine ausfiihrliche Arbeit über die MoSkitofamilie vor. Die Gattung Culex, der die Berbreitnng der Malaria zur Last ge- legt Wird, ist darin in 22 Arten vertreten, von denen 10 für die Wifienichast neu find. Diese Gattung ist über die gmrze Welt, wenigstens innerhalb des tropischen und subtropischen Erdgürtels ver- breitet, während die einzelnen Arteil tpröfitniteils nur ein geringes Herrschaftsgebiet haben; jedoch ist eine einzige Art ans folgenden Gegenden bekannt: Japan, Formosa, Hongkong, Malayen-Halbinsel, Indien, Süd« und Wesiafrika, Nord- und Sndaftika, Westindieu mid Gibraltar. Für die Insektenkunde wird daS neue Werk eine wichtige Elscheinimg bedeuten, da bisher wenig oder gar nicht bekannt qe- Wesen« Mosksto-Arten bis auf die kleinsten körperlichen Eigentümlich- keilen naturgetreu abgebildet werden sollen.— Litterarisches. — R o d« r i ch von Posa. Wie kommt bor spanisch« Malteser-Ritter Marquis v. Posa in Schillers„Don Carlos" zu dem deutschen Vornamen Rvdcrich? Diese naheliegende Frag« mag wohl' schon manchem Leser aufgetaucht seilt. Ihre Beantivortniig ist sehr einfach. I» seiner ersten Bearbeitung, deren erster Akt mit einer Vorrede 1785 in der„Rheinischen Thalia' unter dem Titel„Don Karlos, Infant von Spanier:" erschienen war, hatte Schiller dem Malteser den Vornan' en des stolzen Cid,„Rodrigo", gegeben, den Acceut aber ans die erste, statt ans die zweite Silbe gelegt. fRödrigo statt Rodrigo.) Wieland machte den Dichter auf diesen Lapsus auf- merkfam. und, um nickit sämtliche Verse, in denen der Name lviederholt vorkommt, nmdichten zu muffe», griff Schiller zu dein brqu«meu Ansfinchtsmittel, denselben in der Weite abzuändern, daß er bei richtiger Betonung zugleich dem Metrum augepaßt ist.— («Mg. Ztg.") Theater. — Secessions-Bühne.„Der Leibalte Komödie von Lothar Schmidt, Das Stück gefiel dem SonntagSpndlilnm und das mit Recht. Es ist keine Dichtung, sondern eine durch und durch fenillctonistische Arbeit— Fenilletongeist und Fenilleton« charakteristik. sogar der Held ist«in Feuiveton-Redactenr. Er tvird von einer kleinen Frau der„Leibalte" genannt, Iveil ihr Mann auf der Universität sein LcibfuchS«var. Die kleine Frau liebt ihren Mann nicht, sondern den Leibalten, den sie heiraten wird, wenn fie erst von ihrem Mann geschieden ist,— das ist der Konflikt und seine Löstmg. Das Ganze ist im Grund« eine Spielerei, aber gerade witzig genug,«m ein hannloses Publikum in vergnügte Stimmung zu bringen. Die Darstellung mit Hofmeister(sehr gut!), Thür»er, Maria Mallinger, Wagner und Höflich war ausreichend. Hoffentlich bringt das Stück der Seceffions« Buhne den ersehnteil Kaffenerfolg.— E. ß, In. Freie Volksbühne.„Der Bund derJugcnd" von Henrik Ibsen.— Nach zwei gewaltige» Tragödien, nach Tolstojs„Macht der Kiusternis' und BjörusouS Doppeldrama„lieber nnsre Kraft", brachte die Freie BoUsdnhne am letzterr Sonntag cktvas zrmr Lacken: FbsenS Komödie„Der Bmrd der Fugend". Die Freie Volksbühne that gut daran, für eine Abwechselung im heiteren Sinne zu sorgen, denn nichts verträgt fich— selbst im Theater— ans die Daner schlverer, als allzuviel Tragik, Das stark mit feiner Satire gewürzt« Jntriguenspiel mit dem schnellen Tempo seiner Handlung und dem reichlichen Maß von komischen Verwicklungen war demi auch ganz dazu augettzau, die Lachlust der Zuschauer hervorzurufen. Gespielt wirrde, bis auf einige kleine Alisirahmen, gut. Das Ensemble des„Lesfing-Theaters" stand bei dieser Aufführiurg vor keiner neuen Aufgabe. Herr Ncunraiiu-Hofcr hatte den„Bund der Jugend" bereits in den eisten Togen dieser Saison gebracht; damals ist auch auf den Inhalt des Stücks an dieser Stelle näher eingegangen worden. Auch diesmal stand Hubert Rensch als Rechtsanwalt Steinhoff im Vordergrund der Darstellimg. Herl Rensch brachte den„Streber und Glücksritter" mit jeiner eminente» Kunst des Sich-sclbst-Belngeus so liebenswürdig und glaubhast zum Ausdruck, daß mau auf Augenblicke vergessen konnte, ivelckie» tiefe» Ernst Ibsen ui diese gefährliche Komödianteiisigur ge« legt hat. Steiuhoffs Gegenstück, Hütlenarzt Dr. Aetder, wurde von Josef Klein gespielt, leider nicht mit der pointierten Schärf«, die diese am tiefsten durchgebildete Figur des Jbscnscheu Stücks ve» langte; Sprache und Gesten»vare» etwas allzu stark gekünstelt, man merkte an allen Ecken und Enden den Schauspieler heraus. Etivns stark aufgetragen hatte auch Hans Pagay als Daniel Hefte; fast machte es den Eindruck, als wollte er dem Publikum, das ihm gegenüber mit Beifall nicht kargt«, etwas extra zu gute lhuu. Lebenswahr« Charnkterkuust entwickelten hstigegen M a t h i e u Pfeil als Kaimuciherr PtalSberg. JuliuS D e p p e als Moujen und Karl Waldow als Pächter Dransfeld. Schwach und theatralisch ivirkte Willy Ernnwalds Buchdrucker Aslaksen. Die weiblichen Rollen, die in dem vorliegenden Stück unter« geordneter Art jindf, wurden nur in einem Falle glücklich verkörpert. Lore Jona war eine prächtige Madam Rundholm, während Frau Eysoldt gerade in der AuseinandrrsetzungSsceue mit ihrem Manu und der Familie des Kaumierherrn Malsberg gänzlich versagte, eine Wirlnng, die durch das Geniachte der Seen« selbst noch verdoppelt wurde. Zum Schluß möchte ich noch eines Mitspielenden gedenken, des — Souffleurs, der sich naiuentlich für den Rechtsanwalt Steinhoff stark ins Zeug legen mußte. Sonderbar wirkte es auch, daß die auf dem Programm verzeichneten Namen.Steinhoff" und„Felder" ans der Buhne„Stensgard" imd„Fjelder" gesprochen wurden.— oe. Die Tegernseer im Bellealliance-Theaier haben am Sonnabend mit der Anffiibnmg des von Ganghofer und Neuert verfaßten Schauspiels„Der Geige um acher von Mittenwald" eineir Erfolg errungen, wie er ihnen bei ihrem hiesigen Gastspiel trotz allem wohl noch nicht beschieden war. Di« braven Leute haben gezeigt, daß sie fich nicht mir i» harmlosen Lokal« Possen ergehen, sondern ihr Spiel auch zu wahrhaft tragischer Höhe emporheben können. Bein, der Held des Stücks, von Wengg Wiggl ausgezeichnet dargestellt, ftest uiu die schöne Afra. Sie gicbt dem Dränge» der Mutter nach und reicht dem ivohlhabenden Geigenmacher dir Hand, obgleich ihre Liebe einem armen Berufs- genossen des Freiers gehört, einem Mann, der nn Schmerz über die Ausjichtslosigleit einer Verbindung auf die Wanderschaft gegangen ' ist. Der arme Vitus wird von dein ahnungslosen Beni selber ans der Fremde znrückgenifen, damit er ihm in seinem Geschäft �nr Seite stehe> Beni erfährt als nnfreiwilli�er Zeuge von der Herzens- innigkeit zwischen der braven Frau und denr braven Gehilfen und beschlieht, den Heroismus ein bißchen auf die Spitze treibend, durch freilvillige» Tod die Bahn für das Paar freizumachen. Im Augenblick als er sich in den Abgrund stürzen »vill, fordert ihn ein Verleumder von ungefähr heraus. Bcui fällt einem Messerstich zum Opfer: die Verfolger des fliehenden Mörders hält er im Sterben mit den Worten zurück: Laßt ihn laufen; ich bin ihm doch Dank schuldig, weil er mir eine Sünde erspart hat.— Neben W e n g g W i g g I zeigten sich H e r t l E d i und T r i b c n- b a ch e r L i n a in der Darstellung der Hauptrolle ihrer Aufgabe würdig; ferner machten sich namentlich W e r n er Hans und Sachs Heini in der Wiedergabe komischcr Charaklenollen um den Erfolg des Stücks verdient.— Musik. Ins Zimmer einer reichen Tänzerin schleicht nächtlicherweile der Einbrecher. Oft von Angsteindrncken dnrchschanert sucht er ver- gebens einige Winkel ab. Ein Geräusch jagt ihn hinter eine Gar- dine. Die Tänzerin kehrt heim, vom Baron begleitet; seine Geschenke Iveist sie, auf ihre eignen Schätze zeigend, zurück, sein Gehen befiehlt sie. Zum Schlafen noch zu erregt, lebt sie wieder ihrer Kunst, probiert ihre neue Rolle. wiegt sich durchs Zimmer. Den Ver- steckten treibt eS, zuzugreifen; doch nur seine Hand wagt sich langend vor. Schaudernd sieht die Tänzerin in» Spiegel die Hand; Schreck unterbricht ihr Rege»», doch sie tanzt noch bis zur Wand, erreicht den Schlüssel,»virft ihn dem drunten weilenden Baron zu— nun soll sie des Einbrechers Beute»verde»», aber vor der Ohn- mächtigen wird der Eindringling liebesschivach, und vor dem z»» Hilfe gekomnienen Baron hat er das Spiel verloren, nnd die Kiinst- lern» gehört ihrem Netter. Kein gesprochenes Wort hat die Scene begleitet. Nur einfache, schaurig eindringende nnd magisch tanz- lllirbelnd« Weisen dringen ans dem bescheidenen Orchester hinauf zur Bühne, auf der das'..Mimodrama':„D i e H a n d' von Henry B e r ä n h gemimt wird. Und der Zuhörer fragt»vohl, an»velchen Symbolismus und an welche verfehlte Programmninsik er ge- raten sei. Rein— die Sache nimmt ihre» Gang viel'nmnittelbarer. Man denke: ein Kunstwerk mtt eindringendster Darstellung des Seelischen, mit streng motivierten Höhepunkten der Wirkung,»nit Bcr- sicht auf moderne Extranrusik in» Orchester und auf scenische Breite! Die Hand, die sich vorschiebt nnd vom Moudenlicht so fahl beglänzt, von »ein ihr zngehörigen Thema in, Orchester so geheimnisvoll erläutert vird: sie ist kein'Symbol, sie schreibt keinein König einen Spruch an die Wand, sie ist nichts als die gierende Hand eines ängstlichen Brutalnrenschen. Und die Musik Berenys»vill nichts als einerseits dem Ganzen die Atmoshäre geben, in der es am lebensvollsten lebt, nnd andrerseits zun» einzelne»» da? sagen, Ivas Worte nicht sagen könnten. Sie leistet nicht viel! ihre enge», ängstlich engen Themen gehen über daS nicht hinaus, Iva? auch in der Kleinwelt mancher Klavierlitteratur vorkommt, sie überbietet die»iroderne Jnftnimen- tieningSkunst durch nichts noch moderneres. Aber sie bohrt sich dein Hörer auch obne besondere Melodien markant ein, sie ist kurzweg auf ihrem Platz. Sie erweckt auch nicht die uns von Richard Wagner her geläufige Sehnsucht nach den» Wort: Diese nächtliche Scene»vürde durch'Worte un» das Beste ihrer Stimmung komme»«. Eine andre Frage ist die. ob nian einem solche»» Werk eine fort- zeugende Wirkring prophezeien könnte. Keinesfalls ist eS dazu an- gethan,»um etwa eine neue Knnstgattnng zu bahnen oder gar andre Arten drainatischer Verlvendnug von Musik überflüssig zu machen. Aber eines läßt es ui»s hoffen: eine Rilckivirkung auf das Ballett. Längst haben»vir»msre Sehnsucht nach einen» VorivärtSkoinmen der Kunst einer darstellenden Tanzbeivegung ansgesprochei». hinan? über das on, amentale Gehüpfe der seelenlosen und thatlosen Ballette. Allerdings hat Frau Aug»» sie Prasch-Greve», berg gemimt nnd getanzt, daß es eine Freude»var und die Herren MaxGrnbe und Herrmann Böttcher miinten ebenfalls gut. Allein all das, »vas im Können eigentlicher Tal»zkünstlcr an drainatischer Ausdrucks- fähigkeit noch schli!»,»»ert. dem kann ei» Ehrgeiz, die Auregnngen Bersiiys ztt benutzen, noch weithin z» gute kommen. Den» Verein„Berliner Presse' gebührt da? Verdienst, in seiner soirntägigen Mati,»ee zu Unterstiitzimgszlvecken dieses an Umfang kleine Werk an»» äußeren Leben gebracht z» haben. Voran- gegangen war. abgesehen von«inigennaßeil hnmoristtschen Vorträgen de? Herrn G u st a v Engels, eine.AnSgrabnng': Offen« bachs Operette„D orothee" Seliges Daznmal. da niai» sich »nit diesem niillimetertiefei« Eindringe»» in das Seelenleben der Personen»md in die Ausdrncksfühigkeit der Musik begnügt«! Doch Offenbach ist vor allem ein geschickter Theatermusiker: er führt ni»s von trivialen Arie» hinauf zu den Höhen eine? besseren Duetts, eines gutgemachtcn Quartetts und eines recht hübschen Terzetts. Künstler des Friedrich-Wilhelinstädlische» Theaters haben ihin— in der KönigUcheu Oper— gegeben,»vaS zu geben»vor: ??err Joseph I o s e p h i mit Gesangspartien, die ihm freilich nicht o günstig lagen. i»'ie die tiefere» seines»rnn allabendlichen Herrn Snobber; Fräulein H a n f i Reichsberg mit der Titelrolle, die sie tüchtig spielte und sang— sie sollte»uir nicht die Mittelregister so sehr in die Hohe treiben— und noch drei brave andre.— se. Humoristisches. — Die Spesen des Ruhms. Kouzertgeberin: „... lind weil ich so viel an» Instrument studiere, hat»»»ich»»»ein Hausivirt»»>»» 500 M. i» der Miete gesteigert." Kritiker:„Ach, da geben Sie doch einfach ei» Konzert weniger. da haben Sie die fünfhundert Marl wieder r a u s l'— — Verlorene Liebesmüh. Fremder:„Sagt mal, warum bessert Ihr das Dach nicht a»is?' Es regnet ja herein!" Ländlicher Wirt:„Hc»»te kann nian's doch net ausbesser», bei den» Wetter!' Fremder:„Ihr könitt es aber repariere»«, wcnir'S schön ist." Wirt:„We»»»'s schön»s, is' niminer nött'.'— — Gelehrig. Herr Barow, der Besitzer cmes großen Spccialitäteiithentcrs, spielt jeden Rachinittag im Kaffeehaus seine»» Klabrias. Sei» Partner ist ein großer Schlei», ihl, den er schon oft »vege» seiner Stümperei auSgezankt hat. Aber eines Tags touunt doch der Kartengcist über ihn', und»»achdem er eine Partie»nit Glrnlz beendet, triumphiert er:„Nu, Herr Barolv,»vaS sage» Sie heute zu meinen» Spiel!' Der erwidert trocken:„Wissen Sie, scitden» ich bei»nir die dressierten Ochsen gehabt habe,»vund're ich»»ich üvcrhallpt über nichts inehr!"—(„Lust. Bl.'j Notizen. — Der Dichter und Schriftsteller Ludwig Jacobs w Ski ist an» Sonntag im Krankenhaus am Urban an Hirilhautentziindnug, noch nicht 33 Jahre alt. gestorben. Facobowsk» stainmte mis den» Posenschen, war aber schon als Kind iiach Berlin gekommen. Ein schönes Fonntalent ern»öglichte eS ihm, als Ronianschnftsteller („Werthet, der Jude',„Loki� Roman eines GottcS'). als Lyriker <„Alis Tag und Tra»im") und als Dramatiker(„Dijab, der Narr') Beachtung zu errmge»«. In den letzten Jahren redigierte Jacoboivski die„Gesellschaft" nnd versuchte durch 10 Pfg.-Hefte moderne Lyrik „unter das Volk" zu bringen. JacobowSli hatte als Schriftsteller weder ein eigenes Gesicht,»och eine Sprache, die ihm gehörte, nntcr den he»ite in ganze» Rudeln»»»nhcrlauseiiden„Weibcheiisängcrn" ragte er aber wie ei» Charakter.— — Der englische Schriftsteller OScar Wilde ist in Paris im Alter von 44 Jahren gestorben. Den» deutschen Publikum»vurde der Na>»»e des Vcrstorbeiiei» dnrck» einen Sensationsprozeß bekmmt, der vor vier Jahren in London spielte. Ein oder der andre hat Ivohl auch einmal etlvas von der„grünen Nelke" vernommen.— — Eine illnstrierteBeethoven-Biographie, mit Bilder»» von Max Klinger. Franz Stlick, Sascha Schneider»». a., ans der Feder des Wiener GaleriedirektorS Dr. Theodor v on Frimin el. erscheint dieser Tage bei der BerlagSgcsellschaft „Harinonie" in Berlin.— — Der 10V. Geburtstag des»»»»grische» Dichter? Michael Börösmarty»vnrde in ganz Ungarn festlich be- gangen.— — Der Gemcmderat von>Stnttgart hat beschlossen, auf die Daner von zehn Jahren zu dei» Unterhaltuiigs- und Betriebskosten der iieiien Volksbibliothek jährlich 0000 M. beizusteuern.— — Gabriele DA n n n n z» o S dramatische Schöpfung„D i e tote Stadt' erscheint dieser Tage bei S. Fischer in Berlin in Buchfoun.— W»,— Otto Ernst» Lustspiel„Flachs n» an n als Er- zieh er' erzielte bei der Erstaufführung i»»» Dresdener Schau- fpielhatlfe einen glänzenden Erfolg. Das Stück wird in Berlin noch in» Dezentber an» L e s s i n g- T h e a t e r in Scene gehe».— — Arthur Schnitzlers nei'.cs Drama„Der Schleier der Beatrice'»st bei der Erstauffühnnig im BreS lauer Lobe-Theater durchgefalle».— — Das neue Werk Siegfried WagnerS, die dreiaktige Oper„Herzog Wildfang',»vird in» März nächsten JahrS im M ü» ch e i» e r Hoftheater feine Erftanfführnng erleben.— — Der vi e rt c Sinfonie-Abend der königlichen Kapelle findet unter WeingartnerS Leitung a», 7. Dezember statt; die Novität des Abends ist„ N i c c i o', eine sinfonische Dichtung von S a n d b e r g e r.— — Johann Strauß' nachgelassenes Ballet„Aschen- b r ö d e I'»vird erst in, Jamlar am O P er n h a» s e zur Aufführung gelangen.— — Max Seliger. Professor an, Kiinstgelverbe-Mnseiim, geht als D i r e k t o r an die L e i p z i g e r Kunstgewerbefchiile.— — An Stelle L u d>v i g Knaus', der, seit 1374 Mitglied de« Senats der Akademie der Künste, ans dieser Stellung auf seinen eignen Wunsch ausscheidet, ist E r n st H i l d e b r a»» d als Senator vorgeschlagen ivorden.— — Bei den Ausgrabungen in Pompeji tvnrde eine 1,19 Meter hohe,»vohlerhaltene griechische Bronze st atue gefunden, die einen Jüngling darstellt und dm Stil des fünften Jahrhunderts zeigt.—___ »eraiitwortlichtt Rtdactenr:«obert Schmidt in Berlin. Druck und Verla» von Max Babing in Berlin.