Hlntcrhaltungsblatt des Horivärts Nr. 235 Mittwoch, den 5. Dezember. 1900 druck oerbotcn.) 4ez Mute« AVolKon. Roman von Kurt Aram. Als aber dann vier Männer auf einer Bahre, und zwar auf der Bahre, auf der sonst die Toten auf den Kirchhof gebracht wurden, weil keine andre zur Hand war, Magda ins Haus brachten, bekam der Widerwille bald wieder"die Oberhand. Als nämlich Schäfer hörte, wie viele Menschen sich dem Haus näherten, ging er unlvillkürlich mit der Lampe die Treppe hinunter, zu sehen, was da wäre. Gerade als er unten war, ging die Hausthür auf, wurde Magda auf der Bahre furchtbar verstümmelt in das Haus getragen. Das Licht der Lanipe schien hell auf die Verstümmelte, die wie tot dalag. Schäfer stellte leicht zittcrud die Lampe hin und wollte mit zugreifen. „Weg, Du Feigling!" zischte ihn Otto an. Da nahm er seine Lampe wieder und ging stumm auf sein Zimmer zurück. Das Wort Ottos hatte ihn getroffen. Aus dem Widerwillen wurde heller Ekel, während er un- ruhig bin und her ging, immer wieder nach Magdas Zimmer horchend, wohin man die Verstümmelte brachte. Er knirschte mit den Zähnen vor Wut über sich. Er hätte sich erwürgen mögen. Was war er ein elender Kerl! Diese schwache Frau hatte tausendmal mehr Mut bewiesen als er. Pfui Teufel! Er spuckte aus vor sich selbst. Der Ekel setzte ihm so zu, daß er vor ihm nicht eher Ruhe bekam, als bis er sich gelobt: Du fängst ein neues Leben an. Ein Jahr geb' ich dir, sagte der Ekel in ihm. Arbeiten will ich, murmelte er. Ich weiß sa noch gar nicht, was arbeiten ist. Dies bißchen Bücher und Artikel schmieren! Pfui Teufel! ' Er schritt auf seine Papiere los, griff sie, warf sie in den Ofen und zündete sie an. Da wurde ihm ein wenig leichter. Irgend eine körperliche Arbeit werd' ich vornchnum. Nur endlich was thun, thun, thun!! Nicht nur genießen, auch schreibend genießen. Denn was andres war sein ganzes Ge- schmiere bisher nicht gewesen. Jetzt wußte er es ganz genau. Nichts als ein sich selbst genießen. Kein Arbeiten. Seine ganze Willenskraft war untergraben, unterwühlt von dem ewigen in sich hinein und über sich selbst Grübeln. Alles impulsive Handeln, jedes Thawerniögen hatte es ruiniert. Ab und zu drang ein Stöhnen von unten zu ihm. Dann lange, tote Pausen. Dann einmal ein lvilder Schrei, der ihm durch Mark und Bein ging. Dann wieder Stille, neues Stöhnen und Schreien. Und zivischcndurch wieder diese langen, peinigenden, schauerlichen Pausen. Da ihm jetzt einfiel, sein Hin- und Hergehen könne unten störe», gab er es ans, obwohl es ihm eine große Erleichterung und Ablenkung lvar. Er hockte sich aufs Bett. Er saß so, sich zu strafen, fast die ganze Nacht. Und in dieser Situation ist eine Nacht länger denn sonst zwanzig. In so einer Nacht kann man mehr über sich nachdenken als sonst in hundert Tagen und wird sich klarer über sich selbst als sonst in Jahren. Am andern Morgen reiste Schäfer mit demselben Zug ab, in dein er die Exkursion in die Hauptstadt gemacht, ohne sich erst von Otto zu verabschieden. Nun er selbst ivußte, daß er bisher ein jämmerlicher Genußmensch gewesen und sonst nichts, absolut nichts, war es nicht unbedingt nötig, sich das von Otto nochmal, womöglich in noch gröberer Form sagen zn lassen. Als er an MngdaS Schlafzimmer vorbei kam, stand er einen Augenblick still. Dann ging er leise weiter. Nein, er wollte sie nicht sehen. Er hatte auch an ihr erbärmlich, schlecht gehandett. Nur z« sehr. Ein Jahr geb' ich dir, hieß es wieder in ihm. Bist du dann noch wie heute, oder siehst du, daß du überhaupt nicht mehr anders werden kannst, dann hängst du dich auf, mein Lieber.'Neu besseren Tod Verdienst du dann gar nicht. Eigentlich dann den nicht mal. X. Der Sturm schwieg. Er hatte die Wolken so durcheinander geschwenkt, daß sie zu einer einzigen grauen Masse geworden, die bereit war, als Regen oder Schnee auf die Erde zu fallen. Aber noch konnte sie sich nicht entschließen. Als hätte selbst sie Mitleid mit dem vom Unglück so schwer getroffenen Dorf. Die Leute der Kleinstadt und des Dorfs vergaßen einmal, daß sie Beamte, Fabrikarbeiter, Händler. Geldverdiener, Klatsch- basen und Kleinigkeitskrämer waren. Sie besannen sich darauf, daß sie sozusagen in erster Linie Menschen sein sollten. Und kaum hatten"sie sich darauf besonnen, so flutete auch schon von allen Seiten werkthätige Hilfe, aus menschlichem Mitleid geboren, zu den abgebrannten acht Familien, die notdürftig in den Häusern der andren Arbeiter untergebracht waren. Und wenn sich unter den reichlichen Gaben auch viel unpraktisches Zeug befand, wie alte Tanzschuhe und Weiße Ballmieder, so zeugte doch auch das von Teilnahme und that wohl. Im Kllib wurde gleich eine Sammlung veranstaltet, die ziemlich viel einbrachte. Die„Erholung" wollte da natürlich nicht zurückstehen und sammelte ebenfalls. Wer keinem Verein angehörte— es gab aber nicht viel solche Menschen— der hatte Gelegenheit, dem Apotheker, der von Haus zu Haus ging, von dem Seinen mitzuteilen. Der Realschuldirektor Walter erließ, nachdem er sich sogar von zwei seiner geliebten leinenen Hosen getrennt hatte, einen schwungvollen Aufruf in den Blättern des Ländchens, der auch etwas einbrachte. Als das erste Lesckränzchen stattfand unter. den Damen der vornehmen Welt, erschienen alle mit großen Strickzeugen be- waffnet. Selbst die ästhetische Frau Amtsrichter Blau hatte nichts dagegen einzuwenden. Auch sie nahm einen wollenen Strumpf in Arbeit für die Abgebrannten. Als alle glücklich saßen, wurde zunächst einmal Probe gelesen, um zu erkennen, ob auch die Stimmen der Partner zu einander paßten, denn das war die Hauptsache. Der dicken Frau RealschubDirektor� Walter wurde der Rudenz übertragen, weil sie eine lyrische Stimme besaß, wie sich Frau Blau ausdrückte. Fienchen Schneider, das Bräutchen, die deshalb für die Bertha ausersehen, las zur Probe mit großer Inbrunst: Da seh' ich dich in echtem Männerwcrt. den erste» von den Freien und den Gleiche», mit reiner, freier Huldigung verehrt, groß wie ein König wirkt in seinen Reichel«. Frau Realschuldirektor Walter-Rudenz fuhr begeistert fort Da seh' ich dich, die Krone aller Frauen, in weiblich reizender Geschäftigkeu, in meine», Haus den Hiinmel mir erbauen und, wie der Himmel seine Blumen streut... „Hopla I Mir ist eine Masche von der Nadel gefallen. Entschuldigen Sie einen Augenblick, meine Herrschaften." Als sie die Masche wieder eiugefangen, fuhr sie gleich höchst pathetisch fort: mit schöner Anmut mir das Leben schmücken und olles rings beleben und beglücken. Selbst jetzt verzog Frau Blau nicht das Gesicht. wenn sie auch heftige Schmerzen über solche Entweihung empfand. So weich und versöhnlich hatte das Unglück selbst sie gestimmt. Auch im Dorf vergaß man alle kleinlichen Feindschaften. ja man vergaß sogar, daß Wilhelm Säger der frömmste der Frommen war. Hatte ihn doch das Unglück am schwersten getroffen, da er Haus und Scheune nicht versichert, weil das gottlos, weltlich wäre. Nur in dem Amtsrichter Roth konnte kein Mtleid auf- kommen, weil seine verdorbene Phantasie daS nicht zuließ. Als er mit Amtsrichter Blau in das Dorf fuhr, um Nach- forschungcn anzustellen, ob etwa Brandstiftung vorliege, hörte er zwar scheinbar sebr aufnierksam den genauen und poetischen Berichken zu.' die Platzmeister Reusch den Herren gab; in Wirklichkeit aber lustierte sich seine Phantasie an den Bildern der brennenden Häuser, aus denen halb oder noch weniger bekleidete Frauen und Mädchen, grell beleuchtet von den Flammen, ins Freie stürzten, ohne in ihrer Angst sich im geringsten darum zu kümmern, wie viele oder wie wenige ihrer. Schönheiten das Nachtgewand verhüllte. Es wurde festgestellt, daß in der Scheune Wilhelm Sägers der Brand ausgebrochen. Es war gut, daß Wilhelm Säger nichts versichert hatte, sonst wäre er gewiß in den Verdacht gekommen, das Feuer selbst angelegt zu haben. Der Mann benahm sich zu sonder- bar. Er war augenscheinlich gar nicht sehr niedergeschlagen, wie doch gerade bei ihm zu erwarten gewesen wäre. Er blieb äußerlich ganz gleichmütig, als ginge ihn die ganze Geschichte am wenigsten etwas an. Als Blau ihn fragte, ob er vielleicht einen Verdacht habe. ob er vielleicht jemand die Schandthat zutraue, die Scheune angezündet zu haben, bejahte es das laut und deutlich, ver- weigerte aber jede weitere Auskunft, da es sich nur um einen Verdacht handle. Wäre es aber mehr, würde er auch nichts sagen. Zu richten, sei Gottes Sache und nicht der Menschen „Er ist entschieden unnormal, nicht ganz zurechnungsfähig. Man müßte ihn eigentlich ein paar Wochen auf einer Irren- anstalt beobachten lassen, meinen Sie nicht auch, Herr Kollege?" murmelte Blau dem Amtsrichter Roth zu. Der nickte gleichgültig, denn seine Phantasie hatte Besseres zu thun. Du scheinst mir auch nicht ganz normal, dachte Blau ärgerlich über seinen Kollegen und wandte sich wieder der Untersuchung zu, bei der aber nichts herauskam. Wilhelm Säger hatte in der That einen Verdacht, denn Franz Kranz hatte ihm noch kürzlich gedroht, er würde ihm das Haus überm Kopf anstecken, wenn er die Marie Jung nicht frei gäbe, die er offenbar behext habe, oder vielniehr hypnotisiert, wie er sich schnell verbesserte als Mensch, der lange in der Großstadt gelebt und etwas auf Bildung hält. (Fonseyung folgt.) lAachdruck verioten.) Vegenivettev. Von G u st a V Wied. Deutsch von Ida Anders. Es war an einem Abend, als ich ans der Stadt ging; eS war windig und regnete und schulte, und die Telepbondrähte Über meinem Haupt sangen ihre mcrlwürdigcn melancholischen Lieder. Ich watete mitten auf der Straße in dem schmelzenden Schnee, der an meinen Stiefeln festklebte, durch das Leder drang und meine Füße frieren ließ. Nicht einen Menschen traf ich. nicht einmal einen Hund. Als ich über den Markt ging, warf ick einen Blick auf das erleuchtete Zifferblatt der Rathans-Ubr: Es war ein Viertel auf Elf. Alle Läden waren dunkel und geschlossen; nur in der Apotheke und drüben beim Barbier war Lichi: und ans einzelnen Häusern fiel der Lanipenschein matt durch die herabgelassenen Gardinen. Die Luft war dick und schwarzgrau, und große feuchte Schneeflocken schlugen mir jeVn Augenblick ins Gesicht, schniolze» und rannen meine Wangen Himmler, den Hals entlang und unter den Kragen, auf Brust und Rücken. Ich schauderte und schritt kräftiger ans, um in meine warme, erleuchtete Stube in der Villa drüben auf der andern Seite des Hafens zu kommen. Uiilcir am Zollamt stand eine Laterne und brannte in der Ecke zlvischen der„Mole" und der„Hafenbriicke". Wie sauste der Wind vom Fjord her und warf Schnee in großen, langgestreckten Fetzen über die Holzstapel ans dem Ziiiimcrplatz und gegen das alte untersetzte Packhaus aus riesengroßen Steinen, dessen Schornsteine miter den schweren Stößen zitterten und dessen Sturmhaken in beinahe regelmäßigen Zwischenräumen gegen die Mauer klatschte. Ich zog den Rockkragen höher um die Ohren und blickte auf die Brücke hinaus, deren Planken von der Näsie patschig waren, und deren Eisengeländer im Lichtschein der einsamen Laterne glänzte. Unter der Laterne am Brückenkopf stand ein kleiner Knabe von sechs, sieben Jahren, die Hände in die Hosentaschen eingebohrt. Er stand und trampelte mit den Füßen in die Schncepfützen, um sich warnt zu halten. Er hatte kein lieberzeug an. nur eine Mütze, die ihm im Nacken saß. und dann Holzschuhe an den Fußen. Als ich an ihm vorüberging, sagte er:„Gu'n Ta' I" und trabte langsam neben mir davon. Er hielt sich dicht an mich auf der See- feite, so daß ich ihn vor den Windstößen schinnte; denn der Wind hatte hier freien Spielraum. Er strich quer über die Brücke und rasselte mit den eisernen Ketten dort an den Klappen. Auf der Brücke selbst brannte leine Laterne, und wenn ich auf den Knaben herunterblickte, konnte ich ihn nur als einen schwarzen Klumpen erblicken, der neben mir davon ttottelte. Ich wartete darauf, daß er reden sollte; aber er trabte nur immer vorwärts, die Hände in den Taschen und den Kopf ein we»ig vornüber geneigt. Er sah so energisch ans, der kleine Bursche, so cntschlosien. Schade, daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte I „Du bist also in dem Wetter spazieren gegangen?" begann ich. ,Ja— a." „Wo bist Du geweien?' „Ich war oben in der Avotheke.' „Soo—o? Ist bei Euch jemand krank?" „Ja, mein Bruder und ineine kleine Schwester." „WaS fehlt ihnen?' „Mein Bruder hat eine Halskraukhcit, und meine Schwester hat Scharlachfieber." „Das ist ja schlimm I Du bist doch wohl nicht krank?" „Nein: aber Mutter meint, ich werde es noch." „Ja, aber Du sollst auch nicht in solchem Wetter fortlaufen." „Mutter bekam kein Geld vor heut Abend; es ist doch Sonn- abend." „Friert Dich nicht?" „Rein, ich habe Stroh in den Holzschnhen." Der Kleine sah während des Sprechens nicht auf; er trabte nur davon und starrte auf die Erde. „Was thut Deine Mutter?" fuhr ich fort. „Sie näht Säcke für de» Kaufmann Müller." „Und Dein Vater?" „Der ist tot I" , Soo—o?" „Ja. Aber Mutter sagt, das war gut, denn er konnte doch nicht leben." „WaS fehlte ihm denn?" „Er hatte Schleim in den Lungen; aber Kanftnann Müller giebt Mutter doch monatlich fünf Mark, und das ist ja viel mehr als mir für die Miete." „Wie viel Zimmer habt Ihr denn?' ftagle ich. „Wir haben natürlich eins." sagte der Knabe verwundert,— „und dann die Küche zusammen mit Madame Bastian." „Und wo liegt Ihr nachts?" „Svren Peter liegt bei Mutter, und ich liege bei Sofie auf fder Schlafbank.— Denn ich habe ja das Scharlachfieber gehabt." Ein Windstoß kam und puffte mich zu dem Knaben hinüber. Und ich konnte hören, daß er über meine schaukelnden Bewegungen leise lachte. „Es ist toll, wie der Wind geht!" sagte er. „Aber es ist doch gut für die Armen, daß eS thaut." „Ob d i e wohl erfroren sind?" sagte er und nickte zu einer der unangezündeten Laternen ans dem Wall hinüber, der eine Fortsetzung der Hascnbrücke bildet.—„Du solltest nur sehen, was für eine» Aal Hans Jensen geftcru bei Lindholm ausgestochen hat!" plaudefte er los.„Der war so dick wie ein Arinl— Kannst Du Aale ausstechen?" „Das kann ich wohl." „Wonach ivarst Du übrigens in der Stadt? Bist D» auch in der Apotheke gewesen?" „Nein, ich ivar auf der Post mit einem Brief." „An wen war der Brief?— An Deine Mutter?" „Nein, der war an meine Braut." „Wo wohnt sie?" „Sie wohnt drüben in Jütland." „Und wo wohnst Du?" fragte der Kleine weiter. »Ich wohne dort in dem roien Haus neben der Fabrik." „Na da.-- Kommst D u in diesem Sommer mit auf den Jahrmarkt?" „Ja— ich denke doch— kommst Du?" „Nee— nicht vor nächstes Jahr, denn ich habe keine Hosen." „Könntest Du nicht Lust haben, mich zu besuchen?' „Nee—." „Nicht!— und warum nicht?" „Nein, denn ich habe keine Sachen, sagt Mutter." „Ja, aber Du könntest vielleicht bei mir etwas bekommen." „Hast Du denn Sachen zu verkaufen?" „Nee— nee. daö gerade nicht, aber ich habe doch wohl ein paar." „Ja, aber das brauchst Du doch selbst!" „Ja— a, aber ich habe viel", sagte ich. „Raa, denn kann vielleicht Sören Peter auch bei Dir ein paar Hosen kriegen, denn er hat auch keine." „Das könnte schon sei», ja." „Adieu," sagte er dann plötzlich und blieb stehen.—„Und Dank ür die Begleitung," sagte er. „Adieu, adieu."— sagte ich.„So, hier gehst Du lang?" „Ja— a," und er begann schon wieder mit seinem Schaukeltrab. .Hör' mall" rief ich.—„Willst Du einen Zehnpfenniger haben?" „Ja— a! Danke!" „Ich nahm meine Geldbörse und gab ihm zehn Pfennige. „Danke!" sagte er und trabte davon. Aber plötzlich machte er wieder Halt und wandte sich nach mir unr .Daun kann iÄ ja vier Pfennige bekommen?" fragte er, und Sofie und Sören Peter jeder drei?" .Jawohl," rief ich zurück. Und dann klapperte der Knabe in Schnee und Dunkelheit hinein.— Kleines Feuilleton» — GcdachtniSknnst. Gedächtnis ist das Vernrögen beSmenfch- lichen Geistes, Vorstellungen und Gedanken anfznbewahrcn, um sie willkürlich durch die Erinnerungskraft in das Veivnsttsein zurück- zurufen, wobei jedoch zu bemerken ist, daß nur selten ein Jndividnuni Gedächtnis für alles hat, sondern die Köstlichkeit und Bestinnntheit, mit welcher sich jemand pofitiv« Vorstellungen aneignet, fast immer von dem Verhältnis zn seiner weiteren Gedankenkette bedingt ist. So wird der Geschichtsforscher am leichtesten Jahreszahlen, der Ncchnnngsbeamte Ziffern oder der Mathematiker Formel» merken, während das Bnswcndiglenren vieler verschiedenartiger Dinge den Kreis unsrer Vorstellmigen ertveitert und in so viele An- knüpfungSverbältnisse leitet, dast endlich dadurch eine Verwirrung entsteht, die sich nicht ganz klar durchschauen läßt. Es giebt indessen auch Personen, die von der Natur mit einer austerordentlichen Ge- dächtuisstärke ausgestattet sind. So erzählt uns die Geschichte, dast Tbemistokles 20000 Athener beim Namen zn nennen wnstte, dast Mühridat 27 Sprachen kannte, Elisa r und Napoleon zugleich mehrere Briefe verschiedenen Inhalts diktierten und Scaliaer den Homer in drei Wochen ausivendig lernte. Der Mathematiker Wallis merkte sich eine Reihe von 50 Zahlen und berechnete, in einer finsteren Kamnier stehend, deren Quadratwurzel, und Donella— wnstte das ganze Corpus juris Wort für Wort herzusagen, während Leibniz und Enler die Aenside ausivendig lernten und der Nechenkünstler Dase stannensiverte Anfgabeu löste. Ob diese hier genannten Gedächtnis- beide» sämtlich in die Geheimnisse der Mnemotechnik eingeiveiht waren, dürfte sich schwer ermitteln lassen, in neuerer Zeit jedoch ist diese Kunst, welche schon der griechische Dichter Simonides kannte, vielfach gepflegt worden. Bon diesem wird erzählt, dast er bei einem Gastmahle des Skopas von der Tafel weg in den Voriaal ge- rufen wurde, und als er wieder in den Speisesaal zurückkehrte, dort die Decke eingefallen und sämtliche Gäste erschlagen fand. Simonides erkannte die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Leichen durch die Erinncnmg, wie sie nach der Reihe gesessen hatten, und verfiel da- durch auf die Idee der Mnemvlechink, in welcher er später noch höchst merkwürdige Proben abgelegt haben soll. Diese Kunst stand mit der römischen und griechischen so eigentümlichen Beredsamkeit in naher Berbüidnng. Spätere Versuche, die Gedächttiisfuust wieder zur Geltung zu bringe», waren erfolglos' erst Konrad Celles und Hans Schenkel stellten die seit Quintilian in Verfall ge- kommeite Gedächtnisknnst wieder her und vereinfachten sie durch er- leichternde Methoden, doch spielten sie dabei eine Art von Zauberenl und Hexenmeistenl, reisten in der Welt nmber und verursachten grostes Aufsehen. Der Pfarrer Kästner und Herr v. Aretin traten zu Ansang dieses Jahrhunderts mit neuen oder doch wenigstens sehr veränderten Methodeil hervor, und ihnen folgte der Geistliche Kainaigle, sowie der originelle Aims Paris, Joseph Fcliciano und Caftilho, welche 1832 in Frankreich Provcn ihrer Knniiserligkcit ablegten. In Dentichland trat Graf Mailath i»it einem nicht eben neuen System hervor. 1810 aber erschien der Däne Otto Revcntlow. welcher die Mnemotechnik auf eine hohe Stufe der Ausbildung brachte, während Hennann Kothe sei» würdiger Nachfolger war. Letztere beiden haben Lehrbücher der Mnemotechnik geschrieben. Die Kunst, das Gedächtnis zu beherrschen und es umfasfend, treu und fest z» machen, gründet sich auf Jdceiiassociation, indem man nicht die Gegenstände selbst in der Ersnncruiig festhält, sondern die wichtigsten Vorstellungen und Wendungen der fcstzithaltendcn Bilder in Zusammenhang mit andren Dingen bringt und diese als Erkciiiiungszeichen benutzt. Der Versuch, die Mnemotechnik und namentlich Otto Rcventlows System auch beim Unterricht der Jugend in Anwendung zu bringe», hat sich nicht bcivährt, indeni diese Methode bei ihrer Auwendung mehr die Phantasie, als den Vcr- stand in Anspruch nimmt, und deshalb den Geist der Jugend nicht in die Thätigleit versetzt, welche die wissenschaftliche Gangart vcr- langt. In die erste Reihe aller hier genannten durch ungeheure Gedächtniskratt ausgezeichneten Menschen gehört ohne Zweite! der Amerikaner Paul Morphy, welcher fabelhafte Erfolge seiner Fertigkeit gefeiert hatte: namentlich als Schachspieler Ivar er der erste, welcher acht Partien hintereinander ans dem Gedächtnis spielte, ohne ein Schachbrett zu sehen und ohne sich von seinem Platze zu erhebe». Kurz vorher hatte der ebenfalls tüchtige Schachspieler Paulsen aus dem Gedächtnis gespielt; er durfte jedoch bei diesem .Kampfe, welcher mehrere Sitzungen hindurch währte, die Erinnerung durch ein Schachbrett unterstützen. Der Schachspieler Paul Morphy besiegte alle damaligen Gegner: seine Liedlingsniethode war es, alle Bauern abzutauschen oder preiszugeben, um den Figuren einen freieren Wirkungskreis zu verschaffen, worauf er dann mit denselben rüstig vorwärts ging und den andren Spieler bald zur Niederlage zwang. So find mehr oder weniger Künstler, Schauspieler, Rhetoriker, Redner usiv. Meister der Gedächtniskuust und es liegt an ihnen, sich in dieser Kunst als Meister zu bewähren. Namentlich beim Sck- chspiel ist die Äusübiliig dieser Technik unstreitig von grobem setzen.—(»Köln. Lollsztg.") Kunst. — bl. Im Salon von Bruno und Paul Eassirer sind eine Anzahl Arbeiten von den, Franzosen Paul Co saune aus- gestellt. Der Maler war bisher bei uns so gut wie unbekannt; aber aucki in seiner Heimat wissen nur tvenige von ihm, der völlig zurückgezogen und vereimamt lebt. Die vierzehn Gemälde, die jetzt von ibm zn sehen sind, geben eincn hohen Begriff von seiner.Kunst. Es sind denkbar einfachste Motive dargestellt, Landschaften, Porträts und vor allem Stillleben von Blimien und Früchten; meist find die Bilder onid klein im Format. Cosanue steht neben Mouet, den, grosten Pfadfinder der modernen französischen Malerei. Wie dieser ist er von einer unbedingte» liiiist- lcrischen Ehrlichkeit; giebt er alles in durchaus persönlicher Anschauung. Auch er geht auf die malerische Erscheinung der Dinge. Er ist nicht so reich in der Farbe: mit durchdringender Schärfe der Analyic holt er die für den Eindruck bcstimn, enden Haupttöne hervor und streicht sie breit nebeneinander hin. Bisweilen wirken sie wohl etwas grell und unvermittelt, dann aber find sie, nanientlich in den Stilllcbcn von höchster Feinheit. Immer jedoch wohnt seinen Farben eine intensive Lelichtlraft innc. die er erreicht, ohne die Farbenzerlegung in die Kou,plementärtöue zu Hilfe zunehmen. Cesautie rückt indessen dadurch etwas von den Maler» seines Kreises ab, dast er die Formen stärker berauc arbeitet, dast auch die festen Linie» ins Gewicht fallende Elemente seiner Bilder sind. Aus dem grüne» Blätternicer der Baumkronen, in denen das Licht spielt, heben sich die wildverschlnngcneu Linien der Aeste wirkungsvoll heraus; die Formen eincs Apfels, einer Birne sind so rund und fest modelliert, dast sie fast plastisch ans dem Gemälde heraustreten. Es sind Bilder von ansterordentlichcn, Reiz der Farbe unter den ausgestellten, so ctiva das kleine Porträt eines sitzenden Herrn. die Acpfel auf dem Tisch, die sich rot prangend von dem wetstcn Tischtuch abhebe», die Blinueiivaie in tiefem leuchtende» Grün: hell strahlt das Sonnen- licht in den frischen Landschaften. Ein eigen schiinmentdes Blaugrau giebt de» Grundtou i» all diesen Bildchen, aus dem die übrigen entwickelt werden. Cesannes Farbe ist herber, sie hat nicht das Weiche, Eimchiucichelnde, das sonst den Bildern der Franzosen, etwa Monct, eigentüinlich ist, aber sie ist ein ausdrucksfahiges Instrument. Louis Corinth, der jetzt»acki Berlin übergesiedelt ist. hat in demselben Salon eine Reihe Bildnisse und Studien ausgestellt. Grade vor diesem in grosten Zügen hcruntergestricheuen Arbeiten wird man sich, wenn man an seinen grösteren Versuch, die „Salome" in der Secession, zurückdenkt, klar, worin die Bedeutung dieses Malers liegt, aber auch Ivo sein Talent begrenzt ist. Ber ollen Feinheiten im Einzelnen liest die Komposition des Ganzen eigentlich unbefriedigt: es ist, als erlahmte die Kraft des Künstlers in der Durchführung und ei» kühl abivögendeS, fast nach akademi- scheu Priiicipien arbeitendes Romponicreu träte an die Stelle der Frische und llninittelbarkeit, mit der der Maler in der Natur Er« tchautcs wiederzugeben venuag. Unter scinen jetzt ausgestellten BUdern fehlen solche Versuche, und mau erkennt daher besonders scharf, wie grost sein Talent in dem vielleicht engen Umkreise ist. Die Porträts wirken alle, als wären sie in einem Zuge mit flüchtigen Pinselhieben hingemalt,— kaum dast der Maler sich Zeit getassc» bat, den Grund ordentlich zu decken,— und doch, wie sicher und fest geschlossen ist die malerische Erscheinung der Dargestellten gegeben, und nnt welcher Charakteristik ist selbst der Ausdruck der Gesichter und auch die ganze Haltung des Modells crfastt l Der alte Herr, der sich in den Pelz schmiegt, der„bramsige" Logenmeister, der Herr mit dem Monocle, das sind durch die Klar- heit, mit der ihre Hauptzüge hcransgearbeitet sind, in ihrer Art geradezu Typen. Für eine seelische Vertiefung in kompliziertere Charaktere fehlt cS dem Maler anscheinend wieder an Ausdauer. Bei seine»» Liebennann sieht man eigentlich nichts als das Malerische des Gesichts, den eigentümlichen Kontrast zwischen der bleichen Hautfarbe und den dunkle« Augen, den schtvarzen Brauen und dem Schnurrbart, und sein Gerhart Hauptmann— sitzt in einem prächtig dargestellten Zimmer, während bei ihm selbst von dein Heiligen und dem Verbrecher, die sich auf seinem Gesicht seltsam mischen sollen, nur der Verbrecher getroffen ist. Prächtig ist tvicder„Elly", die Chansonuette, die ihr leichtes Röckchen kokett aufraffend graziös vor den Beschauer tritt. Ganz brillant ist auch der„Schtveiiiehof". Es scheint»ach diesen Arbeite», als ob Corinth selbst sich der Grenzen seines Talents bewustt lväre und in diesen alles,»vaö in ihm liegt, zu eutivickeln sucht. Reben einigen gute» Porträtbüsten und graziösen Statuetten von Fritz K l i m s ch(Berlin) enthält die Ausstellung endlich noch die neuen Arbeiten von Walter Leistikow. Sie erscheinen sehr schwächlich. Es sind zurcchtgeniachle Stimmungen aus der Mark und von den Dünen, glatt mid konventionell im Ton»nid ohne jede Vertiefung ziemlich stark auf den Effekt gearbeitet.— Völkerkunde. — Totenbräuche und A h n e n k n I t u s bei den Koreanern behandelte Charles Fnlvart in der letzte» Sitzung der Pariser Ethnographischen Gesellschaft. Es handle sich um fvrinliche Gesetze. Es stehe niemand frei, seine Toten so zu beweinen, wie es ihm gntdünke, einen Sarg frei zu wühlen oder während der Trauerzcit andre als die vorgeschriebenen Kleider zu tragen. Sogar in den Mahlzeiten sind während dieser Zeit Aende- rungen vorzunehinci». Ort und Art der Leichenbestaltung sind bis ins kleinste fleregclt. Am eingehendsten sind die Vor- schriften für den Fnll des Ablebens des Königs. Letzterer gilt als der Voter des Volks, daher ist jeder Koreaner verpflichtet,'um ihn ebenso lange zu trauern wie für einen nahen Verwandten, d. i. siebennndzwanzig Monate; die Vcstattinig findet erst nach fünf Monaten statt, während denen Vorbereitungen getroffen werden, die bis in die vertrautesten Fannlienangelegenheiten eingreifen. Was den Ahnenknltns betrifft, so hören' die hierfür vorgeschriebenen Eeremonien erst von dem vierten Geschlecht an endgültig auf. Wenn dieses Geschlecht allein vorhanden ist, wird die dem Verstorbenen geltende Gedenktafel begraben, und von da ab darf niemand mehr von ihm reden.— Skus dem Tierleben. — Die Wildziegen des asiatischen Rnhlands. Wie der„Prometheus" den.Sitzungsberichten der Dorpater Natur- forschcr-Gcsellschaft" entnimmt, leben gegenlvärtig in den Grenzen des russischen Reichs vier Wildziegenartcn, von denen zwei dem Kaukasusgcbiete, eine diesem und dem südlichen Turkestan und die vierte der letzteren Landschaft sowie Sibirien angehören. Es sind dies die beiden kaukasischen Tnre oder Steinböcke svapra caucasica und C. cylindricomis), der Bezoarbock und der sibirische Steinbock. Caxra caucasica bewohnt namentlich den Westtcil des grosien Kaukasus und geht nicht unter eine Höhe von LOOO Meter hinab; auch im ElbruSgebirge ist diese Art häufig. C!axra cylindricomis findet sich vornehmlich in den hvchalpinen Regionen des östlichen Grohcn Kaukasus, am häufigsten im Oucllgebier des Tschercck und Urusch. Der Bezoarbock belvöhnt in Turkestan den Kopctdagh bis an die Grenze AfghmtistnnS. Im Kaukasus findet er sich in Dagestan und am Südab'hange der Hmiptkette, in der Bakdast'arilsar-Schlncht. im Köldcrilor-Thal. Nie sucht diese Art die Wälder auf, sondern zieht stets die Felsen- und Wiesenregion vor. Austerhalb Rustlands be- Ivohnt diese Wildziege Kleinasic»; auch soll sie auf den Inseln Ginra, Euböa, Snmothrake und Kreta heute noch vorkommen. Auf Rhodos und Chpcni, sotvie in der Landschaft Troas war sie früher heimisch, fehlt aber jetzt. Den sibirischen Steinbock endlich trifft man in der Umgebung von Cbodschcnt, im Sarnfschauthal, in den Bergen zwischen ietztercin und Shr-Darja, sowie in den bis zur Kisil-knm sich erstreckenden Hochsteppen, ferner im Ferghnna-Gebiet und bei Wernyi im Alatau. Teilweise bewohnt er Lanbwaldunge» ztvischcn tllvv und 2300 Meter, geht aber auch in die Nadelivald« Region bis 3000 Meter, ja im Sommer selbst bis 4000 Meter hinauf. Austerhalb Rustlands findet sich diese Art in der Tartarei, in Kaschmir und Baltistau, im Pamir und im Himalaya.— Medizinisches. — Soirnenscheindauer und Infektion Skrank- h e i t e n. Es ist durch die Untersuchungen mehrerer Forscher fest- gestellt worden, dast daS Sonnenlicht einen vernichtenden Einflust auf viele Bakterien ausübt, wenn es Zeit genug hat, genügend lange einzuwirken. Da wir nun bei einer Reihe von Jnfeklionskankheiten annehmen dürfen, dast die Erreger derselben in der freien Natur vorkommen, von da ans in den menschlichen Körper eiulvanudrn und denselben krank machen, so würde eine sonnenscheinreichc Zeit die Gefahr des Befallenwerdens durch die Krankheit herabdrückcn, weil ein grostcr Teil der in der Natur vorkommenden krankheits- erregenden Bakterien durch das Sonnenlicht unschädlich gemacht iväre. Da man seit einiger Zeit die tägliche Dauer der Sonnenscheiuzeit an verschiedenen Orlen regelmästig durch selbstthätige Instrumente aufschreiben lästt, man andrerseits die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle an bestimmten Krankheiten mit einiger Sicherheit fest- stellen kann, so lästt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen diesen beiden Dingen: Sonnenscheindauer und Zahl der Erkrankungen wohl mit ziemlicher Genauigkeit untersuchen. Dr. I. Ruhemann hat sich dieser Aufgabe unterzogen und zunächst für die Influenza, sodann aber auch siir die akuten Erkrankungen der Atnmngsorgane und die Lnngenschlvindsncht«achzuloeisen versucht. dast die Anzahl der Sonnenscheinstrurdeu und die Zahl der genannten Erkrankungen im umgekehrten Verhältnis zu ein- ander stehen. Als Beispiel möge die letzte Jnfluenza-Epidemie des Winters 1399/1900 angeführt werden. Wie vielen ans eigner Erfahrung er- innerlich sein lvird, begann diese Epidenrie z. B. in Berlin ellva im Oktober 1899 mit verhältniSmästig wenigen Fällen und steigerte sich dann von Monat zu Monat, um etwa im Februar deS Jahrs 1900 ihren Höhepunkt zu erreichen. Umgekehrt dazu verhielt sich die An- zahl der Sonnenscheinstnnden. Der Oktober hatte»och 138 Sonnen- scheinslunden, der November nur»och 72, der Dezember nur noch S4, und im ganzen Januar hatte die Sonne sogar nur noch 10 Stunden geschienen. Es ist dies die geringste Zahl, ivelche, seitdem in Berlin die Sonnenscheiuzeit gemessen wird<1893), überhaupt vorgekommen ist. Die gröstten Erkranknnqsziffcrn finden sich meist etwas später als der niedrigste Werl der Sonnenscheinzeit. Dies erklärt sich dadurch, dast die durch den Mangel an vernichtendem Sonnenlicht üppig wuchernde» Bakterien erst einige Zeit brauchen, um in dem befallenen Körper die Krankheit hervorzurufen. Diese Zeit, die zwischen der «gentllche» Einwanderung des Krankheitserregers und dem Ausbruch der Krankheit liegt(die sogenannte Inkubationszeit), ist bei den ver- fchiedenen Krankheiten sehr verschieden(einige Stunden bis mehrere Wochen), und so kommt es. dast der Höhepunkt einer Seuche oft längere Zeit dem Höhepunkt des krankmachenden Einfluffcs nach- folgt.— Humoristisches. — Kaufmännisch..Vom Heiratsvermitteler? Was schreibt er denn?" „Er verpflichtet sich, bestelltes Herz und Hand baldmöglichst zu effekluieren."— — Ein harter Schlag. Wirt:„Bus is, Zenzi! Kreditiert lvird nimmer, schreibt er, und wenn i binnen acht Tag meine zweitausend Mark Lieferungsschulden uet zahl, nncha klagt er." „Jessas na, ja wer denn?" Wirt:„Der Rostfleischlieferant."— s.Simpl.") — Gemütlich. Colporteur:„Hier bringe ich wieder eine Lieferung von, Konversationslexikon!" Kunde(schwerkrank):„Ach, das wird wohl die letzte sein, die ich annehme!" Colporteur:„Unsinn, Sie werden doch jetzt nicht sterben!... Was wollen S' denn mit dem unvollständigen Werk anfangen?"— Notizen. — Eine neue Zehn Pfennig-Bibliothek wird seit kurzem vom Wiesbadener Volksbildungs-Verein unter dem Titel: „Wiesbadener Volksbücher" beransgcgebe». Die ersten fünf Bücher enthalten Werke von W. H. Stiehl, H. Hansjackob, Rosegger, DickenS und Stifter.— — Ein Versdrama„Glück" von Ludwig Jacobowski ist vom Berliner Theater zur Aufsührnng angenommen worden.— — DaS Central-Theater bringt als nächste Novität Benno Jacobsons Bnrlesk-Opemte„Die Schöne von N e>v D o r k".— — Die japanische Schauspielerin Sada Dacco, die ivährend der Pariser Weltausstellung mit grostem Erfolg auftrat, lvird im Mai nächstens JahrS mit der Gesellschaft ihres Gatten im Residenz- Theater gastieren.— — Die musikalische Bibliothek von Johannes B r a h in s bestand, wie der italienischen VierlcljaKrsschrift„La Bibliotilia" ans dem Nachlastinvcntar deS Meisters initgeleilt lvird, aus 488 Bänden, die über Musik handeln und 1419 Nummern Musik, lvornntcr zahlreiche Vollpartitnren. Im Studierzinnncr von Brahms fanden sich anstcrden, 182 musikalische Antographen und ei» unvollständiges Lpernlivretto von Turgenjew. Unter den musikalischen Antographen war eines von Beethoven, zwölf von Mozart, einige von Schubert, einige gröstere Fragmente ans Tristan und Isolde von Wagner und drciunddrcistig eigenhändige Mannskripte Brahmsscher Kompositionen.— ♦ Die Photo graphische Gesellschaft hat 27 Ge- mlä l d e französischer M c i st e r in Photogravürcn grasten Formals reprodncicren lassen. Das Verzeichnis der Kunstblätter nennt die Maler Bvucher, Chardiu, Laueret, Pater, de Troy und Watteau.— — In Lehden starb dieser Tage der Kupferstecher Johann Wilbelm Kaiser im Alter von 87 Jahren; seine beiden Stiche „Die Nachtwache" nach Reinbrandt und die„Scbütiersmahlzeit" nach Bartholomäus van der Heist sind seine bekamitcsten Werke.— — Das bayrische Kultusministerium beabsichtigt an einer central gelegrneu Anstalt in München für Gylunasialschüler Unter- richt in der russischen Sprache erteilen z» lassen. Bei dieser Ncnernng kommt namentlich in Betracht, dast in Rustland eine sehr starte Rachfrage nach deutschen Technikern besteht.— Biichcr-Einlauf. — M. von II 1)1:„Verse und Sprüche." Berlin. E. Ebering.— — D r. E d m u n d S a l I>v ü r k von W e» z e l st e i n: „Stimmen der Einsamkeit." Berlin. E. Ebering.— — Er» st P r e c z a n g:„Der verlorene Soh n." Drama. Berlin. Verlag: Expedition der Buchhandlung BorivärtS. Preis 1 M.— — Karl Böttcher:„Ausgewiesen." Drama. Zlveite Auflage. Zürich. Cäsar Schmidt.— — Friedrich Haas:„Die irdische Gerechtigkeit." Schauspiel. Zürich. Cäsar Schmidt.— — Max Kauf m a n n:„Leiden des moderne» W e r t h e r." Roman. Zürich. Casar Schmidt.— —„ S p e m a n n s g o l d n e s Buch der Kunst". Eine Hausknnde für Jedermann. Berlin und Stuttgart. W. Spemaun. Pr. 6 M.— — Hugo R i e m a n n:„Geschichte der Musik seit Beethoven (1800—1900)." Berlin und Stuttgart. W. Spcmann.— — Leo T o l st o j:„Moderne Sklaven." Bevollmächtigte Ueber- setzung von Wladimir Czuinickolv. Leipzig. Engen Diederichs.— — Bruno Wille:„Materie nie ohne Geist." Berlin und Bern. Akademischer Verlag für sociale Wiffenschasteu.— — Gtaf und Gräfin B a n d i s s i n:„Spemanns goldnes Buch der Sitte." Berlin und Stuttgart. W. Spcmann. Pr. 0 M.— Werantwortlicher Redacteu:: Robert Schmidt tu Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.