Interhaltungsbtatt des vorwärts Nr. 236. Donnerstag, den 6� Dezember 1900 Machdruck vcrboleu.) *7] Ankev M>olke»T. Roman von Kurt Aram. Franz Kranz stand während der Verhandlungen auch in der Nähe. � Sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe.. Was er gewollt, hatte er freilich erreicht; aber die Marie Jung war dabei zu Grunde gegangen; und doch nur. um in ihren Besitz zu gelangen, hatte er es gethan. Außer- dem hatte er gar nicht gedacht, daß der Säger nicht der- sichert sein könnte. Wer hätte auch denken können, daß es zu Anfang dieses aufgeklärten Jahrhunderts noch einen so der- -chrobenen Burschen gab. Aber sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe zumal die Marie Jung nun doch verloren war. Fast war es ihm unangenehm, daß Wilhelm Säger sich weigerte, seinen Verdacht zu äußern. Es war ihm sogar ..»lötzlich zu Mut, als müsse er laut hinausschreien: Ich, ich oin's gewesen l Aber dann graute ihn wieder so vor dem Zuchthaus, daß er schwieg. Im Grunde fühlte er sich daher erleichtert und atmete auf, als er merkte, das bei dem ganzen Untersuchen nichts berauskam. Daß Franz Kranz es gewesen sein könne, daran -»achte kein Mensch, da niemand einen Grund dafür wußte. Auf die Frommen geschimpft hatten sie alle, nicht weniger wie cw. Wenn es darauf angekommen, konnten sie alle es gethan haben: und doch hätte sich keiner dazu für fähig gehalten. So mußte man denn den Brand irgend einer Unvor- üchtigkeit zuschreiben. Auch der bekannte Handwerksbursche stellte sich im Protokoll mit unfehlbarer Sicherheit ein, der m der Scheune genächtigt, unvorsichtigerweise wahrscheinlich glühende Tabakasche ins Stroh habe fallen lassen, und als er gemerkt, was er angerichtet, sich rechtzeitig aus dem Staube gemacht. 'Franz Kranz wurde immer unruhiger, je sicherer er sich fühlte, daß nie ein Verdacht auf ihn fallen würde. Er lauerte am Abend vor dem Hause, in dem Wilhelm Säger nnt seiner Familie untergebracht war. Er wollte ihn sehen, allein sprechen und ihm dann vielleicht doch einiges, alles lagen. Dann würde er ihn gewiß anzeigen, der fromme Heuchler l Er empfand eine krankhafte Neugier, herauszubekommen, was der fromme Heuchler thun, wie er sich bei dem Geständnis benehmen würde. Wie gefährlich das für ihn selbst werden könnte, daran dackne er nicht; und wenn ihm der Gedanke auch einmal unklar durch den Kopf ging, beruhigte er sich damit: Du kannst ja fortlaufen. Du wirst es ihm nur allein sagen und auf freiem Feld. Und wenn sie ihn doch erwischten? Dann war es eben sein Verhängnis. Viel lag ihm gar nicht daran, da die Marie Jung nun doch tot war. Als es ganz dunkel geworden, trat Wilhelm Säger wirklich aus dem Haus. Sofort duckte sich aber Franz Kranz in eine Ecke, daß er nicht erkannt würde. Dann schlich er leise hinter ihm drein. Wilhelm Säger ging zu der Stelle, wo vor ein paar Tagen noch sein HauS gestanden, wo jetzt nur noch ein rauch- geschwärzter, qualmender Trümmerhaufen zu finden. Eine Welle sah er starr auf die Trümmer. Dann fiel er in die Äniee. Er betet wohl, dachte Franz Kranz dicht hinter ihm. Ver- stehen konnte er den Kniecnden nicht, aber er hörte mit Schrecken, wie Säger stöhnte und schwer seufzte. Kurz entschlossen tippte er ihm auf die Schulter. Säger sprang sofort auf, weil er nicht wollte, daß jemand feine Schwäche sehe. „Geh' e paar Schritt mit, ich Hab' der was zu sage," sprach Kranz leise, heiser. Wilhelm Säger that es. Langsam gingen die beiden dem nahen Wald zu. Keiner sprach. Sag' ich's ihm oder sag' ich's ihm nicht, dachte Franz Kranz und konnte zu keinem Entschluß kommen. Plötzlich blieb Wilhelm Säger stehen, und ehe es Franz Kranz gedacht, ergriff er ihn vorn am Rock und schüttelte ihn. „Du, Du bist's gewesen. Du Schuft! sag's!" keuchte Säger, aber immer darauf bedacht, nicht zu laut zu werden. Kranz ließ sich ruhig schütteln. Er fühlte sich so feig, so jämmerlich feig unter dem Griff dieser Hand. Säger hätte ihn in dem Augenblick totschlagen können, Franz Kranz würde sich schwerlich gewehrt haben. Endlich ließ ihn Säger los.„Sag's, warst Du's oder warst Du's nit?" „Ja. ich war's." Säger wandte sich wieder dem Dorf zu. Kranz ging still hinter ihm her. Beide schwiegen eine ganze Weile. Nun sagte Franz Kranz leise:„Jetzt zeigst De mich an?" Säger schwieg in schwerem Kampf mit sich selbst. End- lich sagte er laut und feierlich:„Nein, ich net. Das ist nicht meines Amtes. Thu Du's. Nimm auf Dich, was menschliche Ordnung Dir zur Strafe auferlegt, und reinige Dein Gewissen. Ich thu's nit. Gott führe meine Sache. Ihm Hab' ich sie übergeben." „Sei doch kein Narr! Du wirst mich doch nicht lausen lasten?!" Säger sah ihn groß an.„Liebet Eure Feinde, segnet die Euch fluchen, thut wohl denen, die Euch hassen, bittet für die, so Euch beleidigen und verfolgen." Säger ließ Kranz stehen und kehrte in das Dorf zurück. Franz Kranz stand lange auf demselben Fleck und sah Säger nach. Er glaubte nicht daran, daß ihn Säger laufen lassen würde und nicht anzeigen. Er hielt das für frommes Gethue. Säger würde sich schon gleich anders besinnen. Er wartete nur darauf. Aber nichts erfolgte. Da sprang Franz Kranz plötzlich schnell ins Dorf, auf sein Zimmer, raffte zusammen, was er für nötig hielt und floh. Wenn der mich laufen läßt, sagte es ihm, wäre ich doch ein Erznarr, wenn ich mich selbst anzeigte. Und die andre Stimme in ihm, die das jetzt erst recht wollte, be- schwichtigte er, indem er dachte, ich kann mich ja immer noch selbst anzeigen, wenn eS mir unerträglich wird, so weiter zu leben.... Vorläufig will ich versuchen, ob ich nicht wo anders, weit fort von hier, doch wieder ganz ruhig werden kann. Außer dem Amtsrichter Roth gab es noch einen, bei dem wenig von N titleid zu sehen war. Es war der Geist- liche, zu dessen Amtsbezirk das schwer getroffene Dorf ge- hörte. Hatte bei Amtsrichter Roth die Wollust alle andren Empfindungen aufgefresjen. so hatte dasselbe bei dem Geist- lichen der Kirchenfanatismus zu stände gebracht. Für ihn gab es nur eins: Unfre teure, evangelische Kirche, die er völlig mit dem Christentum identifizierte. Diese evangelische Kirche war nun nach dieses Geistlichen Ansicht von allen Seiten bedroht. Nicht nur durch die Römlinge und Päpst- lingc, sondern gerade so sehr durch die Lauheit der evangelischen Vornehmen wie durch die„ungesunde" Frömmigkeit der Sektierer. Hierzu gehörten alle, die nicht genau und in jeder Be- ziehung das wollten, was er für gut hielt. Unter all diesen Gefahren war er fast der einzige treue Diener der evangelischen Kirche und kam nie aus der Gereiztheit und Zornwütigkeit gegen fast alle Menschen heraus. So konnte er es auch nicht unterlassen, am Grabe der Marie Jung gegen die ungesunde Frömmigkeit der Sektierer zu donnern. lvaS sonst oft reichlichen Beifall im Dorf ge- fanden, bei dieser Gelegenheit aber böfeS Blut machte, da die große Trauerversammlung eins war in der Empfindung des Mitleids über den grausigen Tod des Mädchens, des schönsten im Dorf. Wenn die Dorfleute über dein Mitleid alles andere vergaßen, hätte das ihrer Meinung nach der Pfarrer erst recht thun müssen. Als der Geistliche nun bei der Beerdigung Magdas, die zwei Tage daraus stattfand, hier die Gelegenheit wahrnahm. ohne Menschenfurcht Zeugnis abzulegen von der beklagenswerten Lauheit der Vornehmen der teuren, evangelischen Kirche gegenüber, wurden die Arbeiter noch aufgebrachter: denn die Frau Direktor hatte ihr Leben für ihresgleichen gelassen und stand erst recht hoch in der allgemeinen Achtung. So rotteten sich denn am Abend die jungen Burschen zusammen, zogen zum Städtchen, brachten dem Pfarrer eine Katzenmusik, be- warfen sein Hans mit Schmutz und schlugen ein paar Fenster ein. Da sich der Geistliche dadurch qcfährdet glaubte, war es ihm natürlich wieder ein neuer Beweis dafür, wie die teure, evangelische Kirche gefährdet sei, und er redete sich nur tiefer hinein in Zorn und Groll gegen die bösen Buben, die lauen und ungesunden und auch die Päpstlinge und Römlinge, obwohl die hiermit gewiß gar nichts zu thun hatten. (Schluß folgt.) LlaknemilsettlAzclftliche Meberfichk« Von Curt Grottewitz. Bei der Leichtigkeit und Schnelligkeit des modernen Verkehrs kann es nicht wundernehme», daß sich zwischen verschiedenen Ländern und Erdteilen ein reger AuStanjch nicht nur ihrer toten Produkte. sondern auch ihrer lebenden Raturobjekte entwickelte. Wer indes ge- hofft hatte, dadurch tiefgehende Umwälzungen etwa in dem Be- stand unsrer nutzbaren Pflanzen oder Tiere zu sehen, der wird sich sehr enttäuscht fühlen. Denn bisher hat kein einziges importiertes Tier und nur eine Pflanze, die Kar- toffel, einmal eine epochemachende Bedeutung in Europa gehabt. Aber die Einführung der Kartoffel ist schon lange her, und auch Mais und Tabak, die für Südeuropa innncrhin von großem Wert sind, haben sich dort seit mehr denn hundert Jahren eingebürgert. Trotz- dem find eine Menge Tiere und besonders Pflanzen gerade in den letzten Jahrzehnten mit gutem Erfolge eingeführt worden. Doch das find Zierpflanzen und Luxustiere, die selbstverständlich nur eine be- schränkte Ausbreitung finden können. Es find aber außerdem auch eine Anzahl nutzbarer Pflanzen nud Tiere importiert worden, und «S werden noch immer solche eingesührt und zu acclimatisieren ver- sucht. Nur in wenigen Fällen aber haben sich diese Lebewesen einiger- maßen dankbar erwiesen, selten haben sie sich ivirklich bewährt und wohl nie sind sie«»entbehrlich gewesen. Trotzdem wird man es nicht aufgeben, immer neue Versuche z» machen. Oft tritt der Erfolg auch erst später ein; die Futterpflanze Serradella, die schon seit langen Jahrzehnten in Deutschland ein- geführt ist, hat sich doch jetzt erst eine weite Verbreitung errungen und über de» Wert eines Baums wie der amerikanischen Roteiche konnte man selbstverständlich erst nach hundertjährigem Versuch ein Urteil, in diesem Fall ein günstiges, bekommen. Jüngst weist F. Mewius im»Zoologischen Garten"(1900 Nr. 11) in einen, Artikel »Zur Acclimatisation des Moschusochsen" auf jenen im arktischen Nordamerika lebenden Wiederkäuer hin, ein Tier, das zur Eiszeit in ganz Europa verbreitet Ivar nnd sich dann mit dem Eise in die kältesten Gegenden Nordamerikas zurückgezogen hat. In den Jahren 1869/70 wurde der Moschusochse, der etwa die Länge, aber nicht ganz die Größe unsres Hansrinds erreicht, von der deutschen Nordpol-Expedition auch in Grönland aufgefunden. Wegen seines zottigen Fells, das den Körper des Tiers fast überall, mit Ausnahme der Beme bedeckt und tief zu Boden schleppt, hat der Moschnsochse ein ziemlich wildes Aussehen, doch ist er ganz hannlos und zeigt sich sogar neugierig. Für die Indianer des nördlichen Amerikas und für die Eskimos ist das Tier von großem Nutzen, sein Fleisch soll dem Rindfleisch gleichen und nur dasjenige vom Stier zur Paarungszeit wegen seines starken Moschusgeruchs ungenießbar sein. Die Milch wird aber der besten Kuhmilch gleichgestellt. Dieser ohne Zweifel in seiner Heimat sehr wertvolle Wiederkäuer ist bis jetzl lebend noch nicht nach Europa gebracht worden, und Mewius fordert daher zu einem Acclimatifationsversuche mit dem Tiere auf. Er be- zweifelt freilich selbst, ob dieses gelinge» werde. Er führt das Urteil schwedischer Fachleute an, die der Meinung sind, daß der Moschnsochse sich nicht einmal in Lappland einleben werde, da ihm hier bereits das Klima und die Nahrung nicht zusagen werden. Die Hauptnahrung für das Tier bilden nämlich die Blätter nnd Zlveige der Polarweide. Aehnliche niedere Weiden giebt es nun auf den europäische» Hochgebirgen in Menge und, wen» überhaupt, so würde hier wohl der Moschusochse die meiste Aussicht ans Einbürgerung haben. Für das Flachland würde er, selbst wenn er hier alle Existenzbedingungen fände, doch nirgends das Rind ersetzen können, hier lvürde die' Einführung eines solchen Tieres von vornherein zwecklos sein. Selbst im Norden steht die Bedeutung des Moschnsochse» hinter der des Renntiers erheblich zurück. Das Vorkommen des Renntiers macht ja überhaupt erst die Existenz des Menschen in den nördlichsten Gegenden möglich, und inan versprich, sich zum Beispiel für die kulturelle Entwicklung Alaskas sehr große Vorteile, seitdem gezähmte Renntie, e von Lappland dahin «ingeführt werden. Dagegen ist dem Rcnntier in Grönland «in großer Feind im Polarwolf erstanden. Dieses Tier, das eine weiße nordische Abart des gemeinen Wolfs darstellt, ist, wie A. G. Nathorst in einer schivedischen Zeitschrift mitteilt, von Nordamerika her in Ostgrönland eingewandert. Als die deutsche Nordpol-Expedition in den Jahren 1869 uiid 70 Grönland besuchte, fehlte der Wolf noch gänzlich. Es ist überhaupt nur einmal früher eine Spur von einen» solchen im westlichen Grönland bemerkt worden. Damals waren dagegen die Remitiere in ganz Grönland noch sehr häusig. Bei der letzten schwedischen Expedition im vergangenen Jahre, an� der Nathorst teilnahm, waren die Remitiere in Ostgrönland ganz selten 1 und sehr scheu getvorden. Auch beobachtete man eine Menge Spuren von Überfallenen Renntieren, sowie vom Wolfe selbst. Derselbe ist. wie sich nachweisen läßt, von der Nord- spitze Grönlands die Ostküste herabgewandert, indem er dabei den Moschnsochse» folgte, die hier sehr häufig sind. Diese letzteren Tiere scheinen aber jetzt, wo der Wolf eine leichter erreichbare Beute ge» funden hat, vor dem Raubgesellen ziemlich sicher zu sein. So ver- schiebt sich denn hier der Bestand der Tierwelt ohne Zuthun des Mensche» und ohne daß er es hindern könnte, in einer Weise, die für ihn sehr wenig, erwünscht ist. In viel größcrem Ilmfange, als die Acclimatisationsversuche mit Tiere» werden die viel einfacheren mit Pflanzen jahraus, jahrein angestellt. Einige Beachtung verdient die Einführung einer neuen Baralenart. Die Batate oder Uamswurzel sviosoorea. Batatas) ist für China und Japan dasselbe, was für uns die Kartoffel ist. Sie hat vor dieser den Vorzug, daß ihr Ertrag noch größer ist, aber sie hat arlch bedeutende Nachteile. Denn einmal liegen ihre Knollen sehr tief in der Erde, so daß also die Ernte sehr schwierig ijt, dann aber brauchen die Knollen bis zu ihrer Reife mindestens drei Jahr. Die Batate wird in Südenropa hier und da angebaut. In Deutschland hat sie das Klima nicht ertragen können. Nun sind mit einer neuen Bareatcnart Dioseorea Fargesii in der Umgebnng von Paris Versuche augestellt worden, über die jetzt D. Bois im Bull, äs la societe botanique de France(Vol. XLVII p. 49) berichtet. Der Missionar Farges hatte diese Batate in der west- chinesische» Provinz Sze-ch»e» gesammelt und 1896 war sie zum erstenmal in der»Revue Horticole" beschrieben worden. In dem Klima von Paris, das keineswegs milder ist, als das der Rhein« gauen und der süddeutschen Weingegenden, hat sich die Batate bis- her-ausgezeichnet gehalten. Ei» großer Vorzug der neuen Art ist es aber, daß ihre Knollen nicht sehr tief in der Erde liege», nnd daß daher die Ernte bei weitem leichler und also auch billiger ist. Die Qualität der Knollen soll gut sein, aber doch die der alten chinesischen Batate nicht ganz erreichen, auch sind die Knollen nicht sehr groß, nnd ihre volle Entivicklung dürfte ebenso tvie die der alten Namsivurzel sicher drei Jahre in Anspruch nehmen. Immerhin ist auch die neue Batateuart ergiebig genug. Nach zwei Jahren besaßen die bestent- ivickelten Knollen den Umfang einer großen Apfelsine nnd wogen dabei 120 Gramm. Vielleicht könnte die neue Art besonders dadurch großen Wert erlangen, daß man sie mit der alten Damswurzel kreuzte. Es wäre dann die Hoffnung vorhanden, daß eine neue Züchtung entstände, welche die besten Eigenschaften der alten wie der netten Batatenart in sich vereint. So geht denn die Bereicherung eines Lands mit neuen nützlichen Lebeivescn ziemlich langsam vor sich. Da? neue Gut will nicht nur im- portiert, souden' wirklich erworben sein. Bisweilen dauert es auch lange, bis eine neue Einführung an den Platz gelangt, an dem sie wirk- lich eine Lücke ausfüllt. Zu diesen Gedanken muß man angesichts eines Artikels komme», in dem Schwappach über die Aufforstung der Dünen im südwestlichen Frankreich berichtet(»Zeitschr. f. Forst- und Jagdwesen". Jabrg. 31, Heft 11.) Die nordwestliche Küste fder Gironde, jener französifchen aus atlantische Meer stoßenden Provinz. ist von jeher durch Stürme der See hart mitgenoimnen und viel- fach zerrissen worden. Seit dem siebzehnten Jahrhundert hat man der Zerstörung auf künstlichem Wege, besonders durch Aufforstung Einhalt zn th'un versucht, freilich ohne nennensiverten Erfolg. Jetzt dagegen scheint man dadurch zum Ziele gelangt zu sei», daß mau die Verhältnisse der Meeresküste genau berücksichttgte und die Pflanzen dafür ausfindig machte, die für jene geeignet sind. ES wurde zunächst eine Vordüne geschaffen, die vom Strande an etiva hundert Meter weit landeimvärts verläuft und auf dieser Strecke in sanfter Böschung etiva 10 Meter ansteigt. Auf dieser Vordüne wurde die Saudsegge, der Strand- Hafer(Fl�mus avenarms), die beide schon oft zur Befestigung der Dünen angeivandt ivorden find,»nd die Kriechweide angesiedelt. An diese Vordüne schließt. sich die hohe Düne an. Diese wurde mff- geforstet. Es wurde hauptsächlich die Secstrandkiefer(Finne maritima) hier ansgefäet. die auch wild an den Küsten Südeuropas wächst. Aber es wurden»eben ihr auch einige Baumarten an- gesiedelt, die aus fremden Erdteilen stammen, nud die hier also, wo es galt, Flugsaud und Stnnn Trotz zu bieten, eine paffende Ver- Wendung fanden. Es sind dies die gemeine Akazie, die bekanntlich aus Nordanicrika stammt, und deren Wert für Landgegenden nicht zn unterschätzen ist, sodann aber der Götterbaum, eine sehr schöne chinesische Gehölzpflanze, die auch bei uns in Parkanlagen häufig zu sehen ist, und die dreidornige Gleditschie, die der Akazie äußerlich einigermaßen ähnelt und die ihr auch verwandtschaftlich nicht sehr fern steht. Es giebt also geiviß Fälle, wo fremdländische Pflanzen sich als sehr brauchbar erweise». Aber sie spielen doch meist eine sekundäre Rolle, und in dem vorliegenden Fall tvaren schließlich für den Erfolg doch inländische Pflanzen ausschlaggebend. Es galt nur, die richtigen zu finden. Den geringfügigen Resultaten mit den neueren Einführungen flehen die günstigen Ergebnisse gegenüber, die man mit der Verbesse- rung des einheimischen Materials erzielt hat. Alle unsre Kultur- pflanzen und Kulturticre sind durch verständige Züchtung in den letzten Jahrzehnten außerordentlich vervollkommnet ivorden. Oft ist es ein verhältnismäßig einfacher Versuch, der zu bedeutenden Verbesserungen führt. So können die Versuche, die Clausen zunächst an unsren Getreidepflanzcn ausgeführt hat. zu einer allgemeinen Vcrbeffernug dieser wichtigen Frnchtgräser führen, wenn die Ergebnisse jener Versuche überall berücksichtigt werden. In einem Artikel im»Journal für Landwirtschaft" iBand 47, Heft IV) berichtet Clausen Über diesen Versuch. Bei Weizen, Roggen und Gerste find die größten Körner zugleich die schwersten, ein Ver- hältnis, das für den Hafer nicht zutrifft. Bei ihm kommt es häufiger vor, daß schwere, also gehaltreiche Körner kleiner find, als leichtere. Während man daher bei den ersteren Getreidepflanzen die schweren Körner durch ein geeignetes Sieb von den leickteren trennen kann, bedarf man zur Auswahl der schwersten Haferkörner stets einer centrifugal wirkenden Kraft, durch welche die schweren Körner von den leichten getrennt werden können. Diese Trennung ist in sofern sehr wichtig, als Clausen durch Versuche festgestellt hat, daß die Aussaat von schweren Körnern einen weit größeren Ertrag liefert, als eine gleichschwere Menge von leichteren Körnern. Bei Roggen, Weizen und Gerste befinden sich die größten Körner zugleich in den größten Nehren. Eine Aus- saat schweren Saatguts bringt hier Pflanzen von langen Behren mit großen Körnern hervor, während der Strohertrag in beiden Fällen der gleiche ist. Es ist also von höchster Wichtigkeit, daß das zur Aussaat bestimmte Getreide nach der Schwere der Körner aus- gewählt wird. Dadurch wird eine Pflanzenrasse gezüchtet, welche mehr und schwerere Körner liefert als bisher. Die Mühe, ein besseres Pflanzenmaterial zu erzielen, ist hier verhältnismäßig gering. So einfach es scheint, neue nützliche Tiere oder Pflanzen einzuführen, die andre Länder hervorbringen, so haben sich doch diese Be- strebnngen in neuerer Zeit fast alle als wertlos erwiesen. Der Fortschritt liegt hier ohne Zweifel darin, daß das einheimische Material am richtigen Platze verwendet und durch Züchtung ver- bessert wird.—.... Kleines Feuillekon. — Ueber die Granatfischerei in Biism» berichtet H. Barford in der Wochenschrift„Nerthns�: Die Nordseekrabben oder Garneelen in Eiderstedt unter dem Namen.Porren", i» Dithmarsche» als .Kraut" bekannt, von dem Ostfriesländer.Granaten", von den Franzosen.Crevette" und von den Engländern.shrimps" genannt, dürften heutzutage dank der schnellen Beförderung durch die Eisen- bahn selbst dem Binnenländer, wenn auch nur in, gekochten Zu- stände, nicht mehr unbekannt sein. Das Fleisch wird wegen seines süßen, nußartigen Geschmacks allgemein geschätzt. Aber noch ein andrer Umstand hat dazu beigetragen, daß der Fang und der Versand der Garncele besonders in den letzten Jahren einen rapiden Aufschwung genommen hat: der Rückgang in den Er- trägen der Ostsee-Krabb'enfisckerei. Vergebens haben sich Fischer und Gelehrte bisher um die Beantwortung der Frage nach den Ur- fachen des Rückgangs gefragt. Wir wollen bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß die Namen.Ostseekrabbe" und„Rordieekrabbe" recht unpassend gewählt sind; denn beide Arten find in beiden Meeren heimisch. Daß die eine Art hier die andre dort besonders gesange» wird, resultiert aus den verschiedenen Lebensbedingungen beider. Die Nordseekrabbe bevorzugt schlickigen Grund, der ihr an der schlcswig-holsteinschen Westküste in genügendem Maß geboten wird: sie ist eine Beivohncrin des Wattenmeeres. Da- gegen lebt die Ostscelrabbe auf sandigem Boden, namentlich in den Seegraswiesen. Von der Nordseekrabbe unterscheidet sich letztere hauptsächlich durch den Besitz eines ziemlich langen StirnschnavelS, der mit einem Kiele entspringt und an der Spitze etwas anfivörts gekrümmt ist. Beim Kochen färbt sie sich, ähnlich ivie der Hummer, schön rot, so daß sie sich schon dadurch vorteilhaft von der verwandten Art abbebt. An der Ostsecküste hatte man lange Zeit eine Abneigung gegen die Nordseegarnecle, bis diese sich doch schließlich auch hier das Feld erobert hat. Täglich preisen sie die Händler auf den Straßen Kiels mit lautem Rufe zum Kaufen an. Man bezahlt das Liter mit 40 Pfennigen; so teuer, oder besser gesagt, so billig konnte mau vor 20 Jahren hier in Kiel auch die Ostsectrabbe erstehen; heute aber bedingt sie einen Preis von 2 M. bis 2,50 M. das Pfund und dann ist sie noch nicht immer zu haben. Von den Nordseefischern tvnrde der Fang der Garneele seit langem betrieben, d. h. an nnsrer schleswig-holsteinischen Küste ehedem nur von alten Männeril und Weibern, die mit großem Korb und Streichhamen zur Ebbezeit auf das Watt hinal!swateten. um dort die natürlichen Wasserrinnen,.Prielen" ge- nanut, abzufischen. Der Ertrag war nur mäßig, entsprach jedoch vollends der geringen Nachfrage und dem niedrigen Preise. Meistens wurden die Krabben am offenen Feuer draußeii am Seedeiche ge- kocht und höchstens an die Leute in der Nachbarschaft verkaust. Der Erlös war sehr gering. So kostete ehedem das Pfund einen halben Hamburger Schilling(dro. ots vier Pfennige), an einen Versand war nicht zu denken, weil die Krabben auf der langen Reise sehr rasch verdarben. Mit dem Aus- bau des Eisenbahnnetzes änderte sich das Bild. Seit etwa zehn Jahren wird namentlich von Büsiu», das ohne Zweifel als der Ort der bedeutendsten Granatfischcrei an der preußischen lliiste anzusehen ist, ein schwungvoller Handel mit gekochten Krabben nach Hamburg, Kiel und auch wohl iveit im Binnenlande getrieben, weshalb die alte Fangmethode der gesteigerten Nachftag'e nicht mehr genügte. Büsum verfügt heute über eine ganze Flottille. Der erste Krabbenkutter wurde in» Jahre 1882 ausgerüstet; jetzt ist die Flotte der Büsumer Fischer auf 30 Stück angewachsen. Damjt ist nicht nur die Höchstzahl aller an den verschiedenen Stationen der Nordseeküste in Gebrauch befindlichen Fahrzeuge erreicht, sondern etz sind hier zugleich auch die stattlichsten Fahrzeuge vorhanden, meist große gedeckte Kutter von wenigstens 25 Kubikmeter Brntto-Raum- Inhalt.' Die Fischerfahrzeuge' müssen stark gebaut sein, weil die Fischer zum Fang weit hinaus fahren. Liegen die Fahrzeuge im Hafen des im Sommer recht belebten Bnde-Orts vor Anker, fahren sie mit geschwellten Segeln hinaus oder herein, so bietet sich dem Be- schauer ein stets aufs neue interessierendes Bild dar. Jedes Schiffrepräsen- tiert einen Wert von 2—3000 M. und wird von zwei Personen bedient. Mit Eintritt der Ebbe segelt die Flotte hinaus vor die Büsumer Bucht. Während das Fahrzeug vor dem Winde langsam dahin treibt, schleppt'es die»Knrre", ein sackförmiges, nach hinten sich ver- engerndes Netz, am Meeresboden dahin, oft in einer Tiefe bis zu 20 Meter. Die Oeffnung der Knrre wird von einem eisernen Rahmen umspannt, dem Kurrbanm, der eine Länge von 6 Meter und eine Höhe von 3 Meter aufzuweisen hat; die Netzlänge beträgt etlva 8,50 Meter. Die Maschen haben am Eingang eine Weite von 16—17 Millimeter, am Steert eine von 12 Millimeter. Die in dichten Scharen den schlickigen Boden bedeckenden Krabben werden durch eine schwere Kette, welche das Netz hinter sich herzieht, auf- gescheucht, schnellen empor und geraten so ins Netz. Das Kurren dauert reichlich eine Stunde. Dann wird das Netz heraufgeholt und der Fang an Deck entleert. Zunächst siebt man die Garneelen und zivar außenbords, damit die kleineren und kleinsten Tiere sofort wieder in ihr Lebenselement zurückkehren können. Größere Ganieelen ragen höchstens mit ihren Schwänzen durch die Maschen hervor. Der Fischer taucht das Sieb auch wiederholt in das Wasser und reinigt so die Tiere zugleich von dem Sand, welcher ihnen anhastet. Mit beginnender Flut kehren die Fischer wieder heim. Während der zweistündigen Rückfahrt werden die großen Granate gekocht. Im Raum des Fahrzeugs steht ein eiserner Kochherd auf einem cementierten Fußboden; der Schornstein ragt über Deck hinaus. Zum Kochen benutzt man Seewasser, dem noch einige Pfund Salz zugesetzt sind. Sofort nach dem Anfkoche» schüttet man die gesiebten Garneelen ins Wasser, der Grapen wird mit einem eisernen Deckel verschlossen. Kocht das Wasser nun wieder auf, dann werden die Garneelen mit einem Kätscher ans dem Keffel gefüllt und zun, Ablecken und zur Abkühlung auf Sieben ausgebreitet, nachher in Körbe verpackt, fertig zum Versand; denn kaum haben die Fischer ihr Fahrzeug vertäut, dann werden die Körbe auch schon ans bereitstehende Karren ver- laden und zur Bahn gebracht. Die Händler haben Eile, damit sie den.Anschluß" nickt verpassen. Ich hatte Gelegenheit zu beobachten. wie die Krabben mit mir zugleich von Büsum kommend in Kiel an- langten. I» neuerer Zeit versendet man die Krabben auch in dicht verschlossenen Blechdosen auf größere Entfernungen. Die Haupt- fangzeit erstreckt sich von Anfang März bis in den November hinein, selten weiter in den Winter, weil der Ertrag alsdann spärlich ist. Die Ausbeute eines KntterS ist natürlich erheblichen, durch den Wechsel der Witterung bedingten Schwankungen unterworfen; sie balanciert pro Tag zwischen 50 und 400 Pfund. An Ort und Stelle wird das Pfund durchschnittlich mit 10 Pfg. bezahlt. Büsum verschickt jährlich etwa 400 000 Pfd. Krabben; dies Gewicht entspricht einer Stückzahl von mehr als 20 Millionen. Natürlich wird der Versand der gekochten Krabben in schwüler Sommerzeit sehr erschwert. Um auf alle Fälle die Ausbeute rationell zu verwerten, hat man in Heide und Marne Krabben-Konservenfabriken errichtet. Die Tiere iverden ausgeschält und in Blechdosen hermetisch verschlossen. In Büsum besteht eine Krabbenextrakt-Fabrik, woselbst die Krabben ein- gekocht und nach der Methode der Fleischextrakt-Fabrikation weiter verarbeitet werden.— Volkskunde. — Alte Sterbegebräuche in Holland. Während eZ vor einem Vierteljahrhnndert noch in vielen Gemeinden der Provinz Seeland auf dem platten Lande allgemeine Sitte war, vor ein Sterbehaus das sogenannte Totenstroh zu legen, hat man jetzt mit diesem Gebrauch gebrochen. Nur selten kann der Fremde die Frage stellen:.Was dedeutet daS Bündel Stroh vor der Wohnung?" Un- verändert lautete dann die Antwort:«Nun ja, es ist ein Toter in der Wohnung I" Die Größe des Bündels stand mit dem Alter des Verstorbene» in Zusammenhang. Nur an einigen Orten befolgen noch alte Leute diese Gewohnheit, aber ob sie die Bedeutung derselben begreifen? Es scheint, so schreibt die.D. Wchztg. in d. NiedcrI.", bei den ältesten Bewohnen» Seelands Sitte gewesen zu sein, die Leichen der Verstorbenen auf Schiffen in der See zu verbrennen, eine Gewohnheit, die mit der Einführung des Christentums wegfiel, aber doch wurde soviel Ivie möglich an den vorväterlichen Leichcnfcnern festgehalten; so blieben z. B. noch sehr lange die Abendbegräbnisse mit Fackeln im Schwang, die Leichenmahlzeiten und auch daS Legen von Leichenstroh, das nach dem Begräbnis verbrannt Ivurde. Mögen nun die Abend- begräbnisse gänzlich als abgethan gelten und die eigenartigen Mahlzeiten große Seltenheiten sein, so wurde das Legen von Totcn- stroh doch noch lange Zeit beibehalten; es muß aber jetzt allmählich weichen. In einigen Jahren wird auch Ivohl diese Eigenartigkeit der Vergangenheit angehöre». Ein Begräbnis in den östlichen Provinzen ist für Städter stets eine merkwürdige Begebenheit. Sofort nach dem Tode eines Gemeindenntglieds sorgen die Bauernfrauen für das.afleggcn", das.verhenuekleeden" mildem„hcnuelleed" iToten« üceb), das i» einem ordentlichen Hnnsholt stets vorhanden sein muß. Die Männer konnncu zusammen und losen über das„anzeigen"(ansagen), das persönlich zu geschehe» hat; ferner müssen sie sich darüber einigen, wer die Totenglocke zu läuten hat. Nach der Bekannt- machung des Sterbefalls gehen die.grocvencugers' nochmals aus, um zur Teilnahme am Begräbnis aufzufordern, meistens ein paar Stunden früher, als die Feier stattfindet, bei welcher Gelegenheit jeder erst ordentlich speisen kann. Ist auf diese Weise jedem Gerechtigkeit widerfahren, so erscheint der.doodenboer" mit einem langen Wagen mit zwei Pferden; der Sarg wird zur Hälfte darauf gestellt und festgebunden, und die Frauen nehmen auf dem Wagen auf Heusäckcn Platz. Nunmehr setzt sich der Zug in Bewegung zum Kirchhof, woselbst die Träger mit der Bahre bereit stehen. Allmählich verändert sich dies alles;'man teilt den weit Entfernten den Traner- fall per Brief mit. Auch die großen Mahlzeiten kommen nur noch selten vor, und mancher Leidtragende schließt sich dem Zuge unter- lveas cuL— Physiologisches. IS. Die geistigen Provinzendes Gehirns. Der Hallenser Netiröloge Hitzig hatte im Jahre 1870 durch Experimente die Entdeckung gemacht, daß ein Teil der Gehirnoberfläche in ver- schiedene Bezirke zu teilen ist, von denen jeder die Bewegungen gewisser Körperteile einleitet und beauffichtigt. Viele Forscher haben sich mit der Lösung der ans dieser Thatsache sich ergebenden Frage beschäftigt. Erstens entstand hieraus die Aufgabe, festzustellen, ob solche Bezirke in Wirklichkeit besondere geistige Organisationen dar- stellen, und zweitens, ob sie>vie eine tleine geistige Maschine in Bezug auf die Erscheinungen der freiwilligen und automatischen Bewegungen des Körpers wirken. Die Untersuchungen der letzten drei Jahrzehnte haben zunächst daS Vorhandensein derartiger geistiger Bezirke vollauf bestätigt, so daß man jetzt in der Lage ist, genau die Stelle im Gehirn zu bezeichnen, die z. B. die Bewegung eines Arms oder einer Hand veranlassen, wenn eine freiwillige Thätigkeit, wie etwa daS Schreiben oder Zeichnen geübt werden soll. Ein weiteres Problem, das für die Physiologie von großer Wichtig« keit ist, besteht in der Ermittelung, wie solche geistige Mittelpunkte auf einander wirken und vor allem, inwieweit sie zur Aufnahme von Gefühlseiudrücken und als Ausgangsstation zur Abgabe von Befehlen an die Muskeln dienen. Es ivird allgemein angenommen, daß die sogenannte Apperception, die bewußte geistige Auffassung, allen Aeußenmgen des WifleuS unmittelbar voransgehe» muß. Hitzig wies neillich in einem Bortrage darauf hin, daß wenigsteus bei den fleischfressenden Tieren die Pläne zu den von bestimmten Körperteilen auszuführenden Bewegungen in dem sogenannte» motorischen Centn»» des Gehirns entstehen, daS fraglos die Stelle ist, von der ans der endgültige Befehl zur Aussührung der Be- wegungen durch Rerventclegraphie crlaffen wird.— Technisches. — In der„EIcktrotcchuischen Gesellschaft' zu Köln sprach«n- längst Eisenbahn- Direktor Bork über: Elektrische Boll- bahnen unter besonderer Berücksichtigung der Versuche auf der Wamtseebahn bei Berlin. Der Redner warnte vor de» übertriebenen Erwartungen, die man vielfach für den elektrischen Betrieb hege. Es seien Bahnen mit Geschwindigkeiten von 200 bis 250 Kilometern die Stunde projektiert worden, die in absehbarer Zeit nie zur Aus- führung kommen würden, da die durch sie erreichte Abtllrznng der Fahrzeit auf etwa die Hälfte der gegenwärtig üblichen nicht die sür diese Bahnen aufzuwendenden riesigen Kosten rechtfertigen tvcrde. Andrerseits seien Projekte mit sehr großen Beschleuuiguugcu bei der Anfahrt ausgearbeitet, die tvohl auch an der Koslcnfrage scheitern würden. Die Staatsbahn erkenne gewiß an, deß der elektrische Betrieb insofern große Annchmlichkeitcu sür die Reiseuden und die durch- fahrcne Strecke biete, als die Ranch- und Rußbeläsligung fortfalle und das Geräusch wesentlich gemindert werde, doch konnte sie sich zur Einführung solcher Betriebe nur dann entschließen, ivenn die Betriebskosten miudcsteus nicht teurer seien, als beim gegenwärtigen Betriebe. Am meisten dürften die Vorteile des elektrischen Betriebs bei sehr dicht befahrenen Strccken'in dicht bevölkerter Gegend hervor» treten. auS diesem Grunde habe die preußische Vahuverwaltung ihre Versuche auf einer der verkehrsreichsten Strecken, nämlich der Wann- seebah» zwischen Berlin und Zehlendorf augestellt. Störungen haben sich bisher nie gezeigt, doch muß zunächst die Erfahrung des Winters mit seinem Schnee und Eis abgeivartet werden. Die bisherigen Auf- stellungen zeigen eine Ersparnis von stark 10 Proz. in den Betriebs- kosten gegenüber dem Dampsbelriebe, dazu läuft der Zng wesentlich ruhiger und erreicht schon nach zwei Minuten seine volle Fahrgeschwin- digkeit, während beim Dampfbetriebe hierzu etwa drei Minuten er- forderlich sind, was bei den nur etwa vierMinuten anseinanderliegenden Stationen eine Abkürzung der Fahrzeit ohne Erhöhung der größten Fahrgeschwindigkeit ermöglichen würde. Der Stromverbrauch steigt bis zu 1200 Ampöre, und betragt etwa 23 Wattftmiden auf den Tonneukilometcr. Ans der auf den Vortrag folgenden Besprechung ergab sich, daß ans strategischen Rücksichten die Durchführung des elektrischen Betriebs für alle Strecken nicht ins Auge gefaßt werde» könne, da im Kriegsfälle die stromführenden Leitungen zn leicht zerstört werden könnten, auch für etwaige Bewegungen in Feindesland Dampflokomotiven zur Verfügung stehen müßten, es handle sich zu- nächst nur um die Einführung des elektrischen Betriebs für Vorort- und Stadtbahnen. Für Fernbahnen lvürden solvohl von privater Seite in Deutschland, wie von ausländischen Bahnen ausgedehnte Versuche unter Verwendung von Drchstrom als Betriebskraft ge- macht, sodaß auch auf diesem Gebiet bald wesentliche Fortschritte rmd Erfahrungen vorliegen dürften.— Humoristisches. — Verschnappt. A:.Mir ist eine anonyme Karte zn- gegangen, ans der ich Lnmp und Halsabschneider genannt werde!' B:„Die wird irgend ein guter Freund geschickt haben!" A:„Das glaube ich nicht; es nmß einer gewesen sein, mit dem ich geschäftlich zn thnn gehabt habe!'— — Großer Unn er schied(Pfälzisch). De Hannarm(Johann Adam) isch emol e paar Woche noch'm Herbscht vun re Kcrwe heein- gange;'s war schun gege Marge. Er geht nämlich immer früh heem, de Haniiavm, wann er so wu gcivcst isch. Wie er vors Dorf tummt, sieht er am e Boom angelehnt e Mann stehe. Bim Räherhingucke merkt er, daß eS e Stadthcrr isch, schön un fein angczoge. De Kopp hat er zienilich tief nunner- geboge g'hatt un sei G'sicht Hot misg'iche wie Appelbrei. Dabei macht er die gröschte«iistrengimge, uff e ganz deutlichi Art sei innerschte G'stehle aiisicdricke. „O Du armer Deiwel ruft Hannarm,„deß kenn' ich. Gell nunner zu Hot de Neue(Wein) besser g'schmackt wie nnff z n V"— — AuS dem Kataloge des Musikalienhändlers K l i m p er m an«: Dir möcht' ich meine Lieder weihen.... mit 5 Proz. Rabatt. Es war ein König in Thüle........... vierhändig. D» hast Diamanten und Perlen........ für 50 Pf. Der Eichwald braust............ vierstinimig. Reich mir die Hand mein Leben., mit Angabe de? Fingersatzes. Dn, du liegst nur im Herzen.,,. in ganz llciiicni Format. Ein Schäfermädchen weidete..... leider etwa? abgegriffen. Ich wollt', mein Liebe ergöffe sich...... in Leineneiubaud. Das Gebet der Jungfrau......... mit Lederrücken. O dn mein holder Abendstern....... schon gebraucht. Die Liebe vom Zigcnnerstamm....... neu eingetroffen. Ich bete au die Macht der Liebe..... im Schaufenster.— („Meggend. hum. Bl.') Notizen. — Ernst E ck st e i n S letzte Arbeit, der Roma»„Der Pfarrer von Alsberg" wird im Herbst 1901 illustriert bei Adolf Bonz u. Co. in Stuttgart erscheinen.— —.Ueber unsre Kraft, II. Teil", ist min endgültig freigegeben. Das Stück wird demnächst im Berliner Theater in Srciie gehen.— — Gerhart Hauptmanns„Michael Kram er" wird, etwa Ende nächster Woche, am selben Tage im Deutschen Theater in Berlin und im Münchner H o f t h e a t e r in Scene gehen.— —„Der Marquis bon Keith", Ernst Wedekinds neue Komödie, wird im Renen Theater durch das Mcßtholersche Emscmble zum erstenmal aufgeführt werden.— — Der Akademische Verein für K n u st» n d Litte- r a t» r beabsichtigt, einzelne Werke des 10. biö 18. Jahrhunderts durch die Ansführnng der Bühne>msrcr Zeit ivicdcrzngewinnen.— — Charles CastmnnnS„H n b a k n k im Wetter- Häuschen" wird vom Berliner T h c a t c r als Weihnachts- Novität gebracht iverdcn.— — In Nürnberg eröffnet am 22. Dezember Direktor Mcßthaler eilt zweites Theater, das den Namen„ In t i m e S Theater" fiihren wird.— — Wilhelm Leibi der Maler ist in Würzburg an Herz- lähmung gestorben. Leibi war am 28. Oktober 1844 in Köln geboren, studierte von 1864 an, nachdem er zuerst Schlosser gewesen, in München bct Piloty und Ramderg, lebte ein Jahr in Paris und war feit seiner Rückkehr in dem oberbayrischen Dorfe Aibling an- sässig. Eine eingehende Würdigung des Dahingegangenen iverdcn wir in Misker nächsten Nummer bringen.— — Preisausschreiben. Die Abteilung sür Tier- und Pflanzenschutz der Gesellschaft von Frrimden der NatiiNviffenschastcn zu Gera wünscht fiir die urur, zur Maffciivcrbrcitnug bestimmte Prcisschrift„Deutsche Jugend, übe Pflauzcnschntz!" eine paffende Zeichnung fiir den Umschlag zn erhalten, nach welcher fich derselbe in ein bis drei Farben in Buchdruck herstellen läßt. Da? Format des HeftS wird lZVzzn 21 Ccntimctcr(Hochoktav) betragen; für den in Schriftsatz erfolgenden Titeleindruck muß entsprechender Platz frei gelassen werden. Für das unbeschränkte Eigentumsrecht des besten Entwurfs ist ein Preis von SO M. ausgesetzt. Einsendungen sind bis zum 10. Januar 1901 an den Vorsitzenden Emil Fischer in Gera (Reuß), Laascncrstr. 10. zn richten.— — Die Sammlung fiir den N a n s en- F o n d S in Schweden und Norwegen hat rimd SSO 000 Kronen ergeben. Außerdem schenkte ein Ingenieur dem Fonds einen Wafferfall von 4000 Pferdekräften im Schätzungswertc von 125 000 Kronen.—_ Verantwortlicher Nedacteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Badinz in Berlin.