Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 242. Freitag, den 14. Dezember. 1900 (Nachdruck verboten.» St Mtarttfia« Von W. G. K o r o l e n k o. Es war ein auffallend häfflicher Mensch. Sogar llei einer sehr lebhaften Phantasie konnte man in ihm unmöglich den alücklichen Nebenbuhler Stepans vermuten. Während die ganze Kleidung StcpanS sauber war und sogar etwas Stutzerartiges hatte, war dieser Feldarbeiter wie in Schmutz getaucht. Gesicht und Hals waren staubig und mit Schweig bedeckt, der eine Aermel des Hemds war zerrissen, eine alte Mutze aus Hirsch- sell bedeckte nachlässig die staubigen Haare, die über der Stirne kurz geschnitten waren und nach rückwärts frei über die Schultern fielen, was ihm etwas Pricsterliches gab. Sein Alter war schwer zu bestimmen, AO, 45, 50, vielleicht sogar noch mehr. Es war eine von jenen klotzigen Gestalten, die immer wie mit einer Rinde bedeckt sind. Weder das leichte Spiel und das Feuer der Jugend, noch die Stumpfheit des Alters treten recht bei ihnen hervor, die farblosen, von Sonne und Unwetter wie gebleichten Augen hoben sich kaum ab in dem grauen Gesicht und nur wenn nian genau hinblickte, bemerkte man den Aus- druck einer gewissen Gutniütigkeit. Die jakutischen schlechten Pantoffel aus Renntierfell hatte er abgeworfen und seine riesigen, schmutzigen Füge sahen unbeholfen unter den blauen Baumwollhosen hervor. ..Brod und Salz," sagte ich, mich verneigend. Er schaute mich einige Augenblicke an, ohne zu antworten und sagte dann: „Seid gegrüßt, zum Imbiß willkommen!" «Darf ich mich zu Euch setzen?" ..Werdet doch wr�l nicht den ganzen Platz fortnehmen?" Marusia kümmerte sich nicht uin mich. Der Unbekannte fuhr noch ein paarmal mit dem Löffel in den Topf, dann schaute er mich neugierig an und fragte: ..Woher seid Ihr? Ein Russischer? Ich nannte mein Gouvernement. ..Wo ist das? Hinter Kijew?" «Ja!" «Das ist weit", sagte er. Dann legte er den Löffel fort und bekreuzigte sich. „Danke Hausfrau." «Und woher seid Ihr. Alterchen?" fragte ich. „Wir? Aus Katuck." „Und schon lange hier?" «Was soll ich Dir sagen Brüderchen? Zivanzig Jahre werden es sein." „Das ist lange", sagte ich unwillkürlich. «Mir scheint's nicht mehr laug; wenn man erst fünf Jahre hier ist, denkt nian nicht weiter daran." „Manifeste sind seit der Zeit herausgekommen!" «Ja ich weiß... Ich kann jeden Augenblick gehen, wohin ich will. Aber wohin soll ich gehen?" Mir fiel unwillkürlich wieder Stepan ein. Der war aus dem Gefäilgnis geflohen und hatte ganz Sibirien durch- wandert mit seiner Marusia. Mir wurde so weh zu Mute, als ich diesen hier sah, wie ein entwurzelter Stamiu kam er mir vor, den die Wellen auf eine Sandbank getragen haben. Er zog einen Tabaksbeutel und eine Pfeife aus der Tasche und nahvl eine glühende Kohle vom Feuer, die runzlige Hand schien gegen die Hitze ganz unempfindlich zu sein. «Wohin soll ich gehen?" wiederholte er noch einmal, eine dicke Rauchvolke ausstoßend. Mein Herz krampfte sich zu- sammen bei dieser Hoffnungslosigkeit, die sogar schon das Bewußtsein des Schmerzes verloren hatte.„Nein Bruder, her bin ich mal gekommen und hier sollen meine Knochen ruhen." Er schaute mich an. Halb versteckt hinter den grauen Wolken feiner dampfenden Pfeife und in den alten grauen Augen schien ein Gedanke aufzuflackern. «Ganz so wie Jermotacw, als wir uns im N... sker Distrikt trafen. So jung war er. Ich kann hier nicht leben, hat er immer gesagt. Nun hat er schon einen grauen Bart." Und er schaute mich wieder an. „Von welchem Jerniotaew sprecht Ihr? fragte ich, Piotr Jwanowitsch?" »Ja. ja, kennst ihn Bruder?" „Hab' ihn ein paarmal gesehen."'• «Er llchntc sich mit dem Rücken gegen einen Stamm und streckte sich behaglich aus, wie ein Mensch, der seine Ruhe genießt. „Hat er Dir'nicht erzählt, wie wir im N... sker Distrikt zusammen den Boden bebaut haben?" „Nein, er hat's mir nicht erzählt." „Nicht erzählt?" wiederholte der Alte halblaut.„Nu. ja. richtig, wenn ich's erzählen wollte, würdest Du es vielleicht nicht glauben, am Ende sagst Du dann, der alte Timocha lügt." „Erzählt doch, Alterchen, und dann werden wir sehen." Marusia, die unterdes das Geschirr zusammengeräumt hatte und sich zum Gehen schickte, blieb stehen. Timocha stieß ein paar Tabakswolken aus, schob seinen zerfetzten Asiam(tartarisches Sommerkleid) zurecht und begann zu erzählen: „Also, das heißt, man hatteuns zusammen in den N... sker Distrikt geschickt, ins Orotschonskische. Die Jakuten hatten uns da so eine Jurta gemacht, und Frühjahr war's. Da sitzen wir denn zu Hause in unsrer Wohnung, heißt es. und schauen uns an. Was sollen wir thun. mein Freund, Du mir von Gott Geschickter? Weiß nicht, Piotr Jwanowitsch sag' ich I Wenn wir ein Pferd hätten und einen Pflug und Saatgut, könnten wir das Land bebauen. Man braucht nicht mehr, und so werden wir wohl beide zu Grunde gehen. Ein Pferd, sagte er. würde ich schon kaufen, und einen Pflug könnte man auch für Geld bekommen, von nah oder weih aber pflügen, sagte er, kann ich nicht, habe noch nie in meinem Leben gepflügt. Schon gut. sagte ich. Du kannst es nicht, aber ich kann's. Werden schon beide satt werden. Kauf nur ein Pferd und alles andre. Nun, und er hat ein Pferd gekauft, um ein Pflugeisen und um die andren Sachen ist er dreihundert Meilen gesahren, bis in die Niederlassung, Grund und Boden hat man uns abgetreten, alles gesetzlich, viel Boden ist dort." In diesem Augenblick ertönte ein ferner Schuß. „Er schießt schon wieder," sagte Timocha mit einem eigen» tümlichen, halb sarkastischen Lächeln.«Na. wir haben einen Platz am Walde ausgesucht, der Wald ist dort gut, heimatlich. Fichtenboden, sag' ich Dir. Bruder, taugt nicht, denn Fichten- nadeln sag' ich Dir, sind hart, sie zehren am Boden. Laubholz ist süß. Na, also mein Piotr Jvanowitsch fuhr zu den Skopzen um Saatgut und blieb zurück, und da kam so ein kleiner warmer Regen, den ganzen Schnee fraß er sofort aus. Das Gras, sag' ich Dir, Bruder, das kroch nur so aus dem Boden heraus, als wenn Hefe in der Erde gelegen hätte. Also. denke ich, was soll ich da noch viel warten? Wie der Morgen kam, habe ich gebetet und mich ein paarmal bekreuzigt und bin aufs Feld hinaus gefahren. Marusinka, noch ein bißchen Thee." Marusia goß aus dem Theetops den dicken Zicgelthee in eine Schale und reichte sie dem Alten. Sie schien sehr auf- merksam zuzuhören. „Nun," sagte er, langsam schlürfend,«gequält habe ich mich ordentlich. Der Boden war dort noch nie bebaut worden, das Pferd war wild, etwas andres als den Sattel hatte es überhaupt nicht gekannt.' Kaum spanne ich cS ein, so läuft es mir davon, mit dem Pflug in den Wald. Natür- lich, so wie die Wirte sind, so sind auch die Tiere. Na, ich Hab' es doch untergekriegt. Die Hände habe ich mir fast wund gerissen an den Zügeln, aber wie der Abend kam, hatte ich doch schon ein Viertel von einer Dicsiatina gepflügt. Mein Feld Hab' ich mir angeschaut und mein Herz in der Brust hat gelacht. So hat Gott doch in der Einöde ein Feld er- stehen lassen, dachte ich. Wie ein Samtstreisen lag es vor mir, der gepflügte Boden. Aber es wurde auch endlich Zeit. Feierabend zu machen. Zu Hause, dachte ich, in unserm Dorf läuten sie jetzt gewiß zum Abendgebet. Und schau, Bruder, wie ein Wunder war es. Kaum daß ich eS dachte, so hörte ich auch die Glocken, einmal, zweimal, dreimal kam so ein Ton über den Wald, wie eine Glocke. Die Mütze habe ich gezogen und habe mich bekreuzigt, und dann ist mir eingefallen: Gott und alle Heiligen, auf fünfhundert Werst ist doch hier keine Kirche ringsum." Marnsia seufzte tief ouf. „Nun, ich Hab' doch Feierabend gcniacht und bin nach Hause gefahren. Und unsre Hütte, sag' ich Dir, so eine jakutische natürlich, war nicht weit, so eine Werst vom telde. Ich komme nach Hause und vor meiner ütte sitzen zwei Jakuten. Die Pferde haben' sie an einen Baumstamm gebunden, sitzen da auf einem Balken und sprechen und warten auf mich. Sie hatten sich schon so den ganzen Tag um mich herumgedreht. Ich pflüge, und sie schauen zu. Na, dachte ich, mich geht's nichts an, bin nicht auf einen Mord ausgegangen, dachte ich, ich pflüge bloß. Ich kam näher und grüße, und sie antworten ebenso. Und sie rufen mich auf den nächsten Tag zur Jajonscha. Wenn ich Euch der Reihe nach erzählen soll, in unserm Distrikt war ein Weib die Obrigkeit, Jajonscha heißt es in ihrer Sprache, die Witwe von so einem Stammesältesten. Nun auch gut, Alles was wir thaten, wußte sie gleich. Ich Hab' nur eine Reihe zu pflügen geendigt und die zweite kaum angefangen, da wußte sie es schon. Nun und jetzt riefen sie mich zu ihr. Auch gut, dachte ich. Also am nächsten Tage, es war so wie so ein Sonntag. Hab ich gefeiert, statt auss Feld bin ich zu ihr gegangen. Sie ist doch die Obrigkeit, dachte ich. Wie ich hinkam, waren schon viele Pferde vor der Hütte an- gebunden und sie selbst saß im Hof. Verbeugt habe ich mich. Du Russischer, Du, sagte sie, was machst Du eigentlich??c»n, weißt nicht selbst, was ich mach? Den Boden bebau ich. Also ich spreche zu ihr auf meine Art, russisch, und ein alter Jakute übersetzt. Du darfst das nicht machen, sagt sie. Von so einer Einrichtung haben wir schon gehört, aber bei uns erlauben wir das nicht. Wie ist das, sage ich, wenn man uns einmal den Boden gegeben hat, bin ich der Wirt und was soll ich denn mit deni Boden thnn, soll ich ihn anschauen oder was? Den Boden, sagt sie, haben wir Dir gegeben zu einem Gottcswerke, mäh', was Gott gepflanzt hat, und ver- derben lassen wir den Boden nicht. Also schau, Bruder, ivas das für Menschen sind I Nun, aber alle andren Stanunes- führer standen herum und warteten, wie sich der Russe vor ihrem Weibsbild verantworten wird. Du verstehst das falsch, sagte ich, denn Gott hat befohlen, daß man arbeiten soll. Arbeiten kannst Du schon, sagte sie, wir leben auch nicht ohne Arbeit. Wenn es so ist, werden wir Dir schon lieber eine Luch geben und eine ztveite vielleicht und einen Stier dazu zuni Züchten. Das Gras kannst Du mähen und das Vieh füttern, dann hast Du Milch und Fleisch, nur diese Sünde führ' nicht bei uns ein. Was für eine Sünde? sage ich. Nun ja, eine Sünde, sagt sie. Gott, nicht wahr, hat es so gcniacht, daß bei Dir zum Beispiel oben die Haut ist und unten das Blut. Nicht wahr? Ja, sag' ich, das ist richtig. Und wenn man Dir die Haut abzieht und inwendig hineinlegt und das Innere nach außen, was wirst Du sagen? Das könnt Ihr mit mir überhaupt nicht machen, sag' ich, mit einem russischen Menschen. Und was machst Du mit der Erde? sagt sie. Ihr russischen Menschen seid zu klug, sagt sie, Ihr fürchtet Gott nicht. Gott hat es so gemacht, daß das Gras oben ist. die schwarze Erde unten und die Wurzeln auch unten. Und Ihr habt Gottes Werk unigedreht, die Wurzeln nach oben und das Gras habt Ihr in die Erde gelegt. Die Erde wird krank werden, sie wird uns kein Gras geben und wovon werden wir dann alle leben? Schau her, dachte ich, was sie herausgeklügelt hat, sprich einer niit ihnen, mit diesem Pack I Wenn ich nur ein Gelehrter gewesen wär! Später hat mir ein Geistlicher gesagt, ich hätte ihnen antworten sollen, wie es in der Schrift steht: Ich Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen. Und woher soll das Brot konimen, wenn man nicht pflügen soll. Siehst Du, Bruder, auf jedes Wort ist eine Antwort da, man weiß sie nur nicht immer. Nun, ich wußte nichts zu ant- Worten in diesem Falle, sie hat mich mit ihren Worten ge- schlagen, die Zauberin.... Ich brauche mit Euch gar nicht zu reden, sagte ich. denn Ihr sprecht ganz andre Worte. Ihr habt Eure Art, d. h. die jakutische und ich habe meine russische Art und ich werde nicht abstehen von ihr und Piotr Jvauowitsch auch nicht. Wenn ich Dir offen sagen soll, Bruder, so eine Wut ist damals in mir auf sie alle auf- gestiegen. Ihr Lumpenpack, sagte ich, und Teufelsbrut, wie viele Ihr seid, sollt Ihr zu Grunde gehen. Ein Volk, das kein Brot ißt, von Milch nähren sie sich und von Fleisch und von persaulten Fischen! Na Mo und Piotr Jvanowiffch und ich, wir mußten Brot haben. Einem Menschen, der an Brot gewöhnt ist, gieb ihnr zehn Rubel in die Hand.. „Und was geschah?" unterbrach ich ihn. „Ich Hab' geschimpft und dann bin ich fortgegangen. Ich dachte so: und wenn mein Leben drauf geht, von meiner Art laß" ich nicht. Wenn nur Piotr Jvanowitsch schon da wäre, dachte ich. Wie ich nach Hause gekommen bin, habe ich das Pferd getränkt und gefüttert, habe zu Gott gebetet und habe mich früh schlafen gelegt, ein Beil habe ich zu mir genommen auf alle Fälle. Am nächsten Tage, einen Montag hatte Gott geschenkt, fahre ich wieder hinaus auf mein Feld. Ich schau und schau, was ist da geschehen? Bei Gott und allen Heiligen, der gepflügte Streifen ist wieder verschwunden. Lauter grünes Gras."(Fortsetzung folgt.) Das Knieholz. Vor der Ortsgruppe Breslau des NieseiigebirgSvereiiiS sprach dieser Tage Prof Dr. P a x über„Das Knieholz". Im„Bote» ans de», Riesengcbirge" findet sich über den Vortrag folgender Bericht: Das Knieholz ist, Ivie die meisten ander» Nadelhölzer, unduldsam gegen andre höhere Holzgeivächse nnd erscheint daher in reinen Le- ständen, zwischen denen kann» irgendivo ei» Lanbholz das tiefe Grün der Nadeln unterbricht. Es meidet auch eine zu große nnd dauernde Dnrchfenchtnng des Bodens. An de» sumpfigen Berglehnen bildet es die Umrandung für eine andre Flora, i» der die Holzgeivächse mir durch granfilzige Weide», eine seltene Art der Johannisbeere nnd die Bergebcrcsche vertreten sind. Aber nicht alle andre Vege- tation wird voni Knieholz unterdrückt. Gräser nnd Halbsträucher siedeln sich gern in seinem Schutze an; ihre Wurzeln durchziehen den moorigen Untergrund, den an der Oberfläche dichte Polster von Moosen und Flechten bedecken. Hierdurch wird der Boden unter dem Knieholz stetig feucht gehalten, nnd somit sind es ganz aiigen« scheinlich die Knickiolzbestände selbst, die den Abfluß der in ihrem Schutz entspringenden Quellen regulieren. So erlveist sich das Knieholz von der größten Bedeutruig für die Bewäffenmg des Bodens, nnd ztvar nicht nur für die weite» Hochflächen nnsrcs Gebirges, sondern auch das Vorland. Hatte man früher im Knieholz nur ein lästiges Verkehrshindernis gesehen, so erblickt der Forstivirt heute in ihm einen wichtige» Faktor, der das übrige Pflanzenleben bestimmend beherrscht, und er läßt sich seine Pflege dringend angelegen sein. Wer vor 30 Jahren unser Ricsengebirgc durchwandert hat, als noch undeutliche Pfade durch das Knieholz der Weißen Wiese siihrten oder schwer passierbare Wege den Wanderer am Elbfall hinauf- gelciletcn, wird sich schwerlich des Eindrucks erivehren. daß die fort- schreitende Kultur und damit die Eingriffe in den Bestand des Knie- Holzes den Wasserreichtum ank den Hochflächen des Kamms ungünstig modifiziert haben, indem weile Gelände dadurch trockener geworden sind. Noch macht das eine Einivirlung ans die Artenzahl unsrer Flora nicht gellend, da das mit Knieholz bestandene Areal noch ein recht bedeutendes ist. Ans der böhmischen Seite des Gebirges liegen noch 3900 Hektar mit Knieholz bestandenes Gebiet, ans der schlesischen niit Ausschluß des Jsergebirges noch Iö71 Hektar; aber immerhin erkennt der Botaniker schon heute ein schwaches Zurück- treten fcuchtigkeitliebender Arten gegen früher. Wem die Beobachtungen in nnsrem Gebirge noch nicht Ivarnend die Lehre geben, das Knieholz zu schonen, der wird die Bcdcntinig dieses wichtigen Strauchs zu würdigen lernen, wenn er die Gipfel und Kämme der Ostkarpathen besteigt. Der Vortragende schilderte, in ivelch' verhängnisvoller Weise dort die iniansgesctzte Vernichtung der Knieholzbcstände durch die nmvissendcn Hirten, in deren Augen diese Bestände nur das Weideland entwerten, ans die ganze Physiognomie deS GcbirgSlands einwirkt. Die entholzten Gebiete trocknen ans, fast alle scuchtigkeitlicbendcn Arten der Flora sind selten geworden, und Ivo diese Flora noch erscheint, zeigt sich jede einzeliie Pflanze auffällig verkümmert im Vergleich zu den in früherer Zeit gefundenen Exemplaren. Die Matte selbst aber trägt an den geeigneteren Lehnen eine ans Borstengräscrn gebildete kurz- halmige, fahle Grasnarbe, der namentlich auf Kalkgcstein die Gewalt des NegenS Boden und Nahrung stetig entzieht. Aber auch daS Thal wird entwertet, weil die nun kahlgcwaschcnen Felsparticn rascher verwittern, und von ihnen Steinstürze herniedergehen. Der Redner charakterisierte sodann den Habitus des Knieholzes und widerlegte den ziemlich verbreiteten Irrtum, daß das Knieholz nicht eine selbständige Abart, nnr eine unter dem Einfluß des Berg- klimas entstandene Form der gemeinen Kiefer darstelle. Das Knie- holz ist offenbar zum Ertragen bedeutender Kältegrade befähigt, wird aber auch durch die Art seines Wachstums geschützt. Die elastischen Reste biegen sich unter der Last der winterlichen Schneedecke und be- graben liegt unter dem weißen Mantel der Knieholzbcstand, bis im Mai die warmen Strahlen der Sonne ihn befreien. So erwacht er nach fünfmonatlicher Winterrnhe zu neuem Leben; das bedeutende Quantum atmosphärischer Niederschläge, ohne welches das Knie- holz nicht zu gedeihen vcrniag,' liefern ihm die Regen- güsse und häufigen Nebel des Gebirges. Das stärkste Wachstum erfolgt in de» ersten zwanzig Jahre». Schon im sechstel» Jahre, in liiigiiiistigercu Lagen freilich später, trägt der Strauch die erste» Vlüte», die im Juni oder Juli zur Eiitwickkuug gelangen. Die Zapfen aber bedürfen zu ihrer Ausbildung mindestens zwei Jahre. In, ersten Jahre fitzen sie als graubraune, noch etlvas saftige Gebilde aufrecht an den Zweigen; im zweiten erscheinen sie fertig ausgebildet � und stehen wagerecht vom Ziveige ab, aber gc- wöhnlich erst im Frühjahr der dritten Vegetationsperiode öffnen die Zapfen ihre Schuppen und streuen die Samen aus. Im Herbst kann man am Knieholzbusche ohne Schwierigkeit Zapfe» aus vier ver- schiedenen Jahrgängen finden. Im mährischen Gesenke fehlt das Knieholz als urwüchsige Pflanze, die dortigen Bestände sind Erzeugnisfe der Forstkultnr, in den Beskide» und Karpathen aber treten wieder alte Bestände auf. Das ursprüngliche Fehlen des Knieholzes im Gesenke hängt äugen- schcinlich mit den PflauzeMvandernngen zusammen, die während der Eiszeit die Flora der mitteleuropäischen Gebirge so tiefgreifend modifizierten. Das Verbreitungsgebiet des Knieholzes erstreckte sich früher über die Ostkarpathen hinaus bis zur Moldau und Wallachei, im Westen verbinden die Standorte in, böhmischen und bayrische» Walde das fudetifch-karpathische Verbreitnngscentrnm mit de» Alpen. Iura und Schwarzwald bilden die Grenze der Verbreitung gegen Westen. Das ganze westliche Europa entbehrt der Krunmiholz- kieser, auffälligerweise aber tritt sie in«inen, Teil der Abruzzen wieder aus. Die wirtschaftliche Vedeutnug des Knieholzes ist hervorragend; die Bewohnbarkeit beS höheren Gebirgs läszt sich zum guten Teil aus das Vorhandensein des Knieholzes zurückzuführen, denn die ur- sprünglichen Siedelnngen am Kamm unsres Gebirges wären wohl nicht entstände»/ wenn dort nicht- das Knieholz sich reichlich als Brennmaterial dargeboten hätte. Das feste zähe Holz des Stranchs ist Material für eine nicht unwichtige Hausindustrie geworden, und das aus allen Teilen des Strauchs- zu gewinnende Terpentinöl hat früher das Knieholz zu einer-wichtige» Nutzpflanze für den Gebirgs- bewohner gemacht. Da aber der Zuwachs in der jährlichen Vegetationsperiode nur ein geringer ist, erwächst schon hieraus eine ernste Gefahr für die Existenz des Strauchs. Es fehlt nicht an zahlreiche» pflanzlichen und tierischen Schädlingen, die dem Knieholz zusetzen, aber diese ver- mögen seine Existenz niemals ernstlich z» gefährde», wenn der Mensch es schont, wenn er eine rationelle Ansbcutnng dieses Naturprodukts verlangt. Man hat schon darüber geklagt, daß das Habmichlieb und andre Standen in uns, ein Gebirge ernstlich gefährdet seien durch den Touristenverkehr. Von de» verlangte» Polizeimaßnahnicn aber ist hier nicht viel zu erwarten, und es wird den Touristen auch»ieiuals gelingen, das zarte Habmichlieb auszurotten, denn es wächst auch an zahlreichen Stellen, zu denen Touristen absolut nicht hingelangen. Alle wirklich geeigneten Maßnahnten zu», Schutze der Gebirgsflora, so schloß der Redner, lassen sich zusannnenfassen in die drei Worte: »Schone das Knieholz I"— Kleines Feuilleton. io. Die Wissenschaft vom Durst. In der Litterawr über den Durst streiten sich zwei Gegensätze, die tragische und die komische Darstellung derart miteinander, daß man»ach einer eigentlich wissenschaftlichen llnterslichnng seiner Erscheimnig gar nicht zu' fragen gewohnt ist. Ans der einen Seite eine Sintflut von guten und schlechten Witzen, anf der andren Seite die ergreifendsten Er- zählnngen von den Leiden solcher, die, angefangen' von Hagar und Jsniael in der Wüste, an den Leiden des Durstes nahezu ver- schmachteten. Selbstverständlich habe» auch die Gelehrten die Ur- fachen und Folgen des Durstes zn studieren versucht und haben sich ihre bestimniten Anschauungen darüber gemacht, aber es ist wenig darüber in leicht verständlicher Zusmninenfasiinig ver- öffcntlicht worden. Die eigentliche Wissenschaft vom Durst hat vor„och nicht hundert Jahren begönne,,. Früher wurde einfach angenoinmen, daß ein verdickter, klebriger Zustand des Bluts die einzige Ursache deS Durstes wäre, und man fragte sich gar nicht, wie denn daraus die eigentümliche, allgemeine»nd örtliche Empfindung des Durstes z» stände konnnen könnte. Erst in, Jahre 1815 kam in dem bcdcutrndcn Werke des Arztes Dumas ans Moni- pellicr eine neue nnd wissenschastlichcre Ausfassung des Durstes zum Ausdruck. Nach einer Reihe verschiedener Experimente kam dieser Forscher zu dem Schluß, daß der Dnrst eine Folge aller jener Ur- fachen wäre, die den, Blut wässerige Flüssigkeit entziehen. Wie der Hunger in Beziehung zu der Lymphe steht, so der Durst in Bc- ziehuug zum Blute,' jener bedeutet einen Mangel der ernährenden Säfte,' dieser einen Ueberschnß. Um die Empfindnng des Hungers oder Durstes zu erreichen, müssen nun selbstverständlich die Nerve» einer entsprechenden Beeinflussung unterliegen.»nd diese geht eben beim Hunger von den Lymphgefäßen und beim Durst von den' Blutgefäßen ans. Die Getränke diene» dazu, die festen Bestandteile im Blute feucht zu erhalten, die flüssigen zu verdünnen und überhaupt die Zähigkeit des Bluts und die Bildung von festen Massen zu ver- hindern. DaS Durstgefühl geht schließlich aus den, Reiz hervor, den der Znstand des Bluts vennittclst der Nerven der Blutgefäße, die in diesem Falle übermäßig erhitzt und zu stark mit Blut gefüllt sind, auf das Gehini ausübt. Diese Sätze können als die allgemeine Theorie des Durstes gelten, neben der es noch eine lokale Theorie giebt, da doch auch der bekannte Zustand der trockenen Kehle erklärt werden muß. Keinesfalls ist das Gefühl der Trockenheit im Schlünde als die Ursache des Durstes anfznfassen, sonder» nur als eine Be- gleiterscheinung, denn es ist versuchsweise erwiesen worden, daß der Durst durch die direkte Einführung einer Wassermenge in die Adern gestillt>,'erden kann und daß umgekehrt der Durst durch Befeuchtung des Schlundes bei esuem Tiere, das mit einer Magenfistel be- haftet ist, nicht gelindert werden kann. Der Durst ist also eine all» gemeine Erscheinung i», Organisniiis, nach Stahl geradezu ein Vorgang in den Zellen. Die Empfindungen des Durstgefühls zu untersuchen ist dann die Aufgabe der Psychologie, die zunächst das Durstgesühl in zwei wesentliche Elemente unterscheidet, den Schmerz und den Autrieb des Willens zu dessen Beseitigung. Isin die Bc- dentung des Durstes für das menschliche Lebe» zu verstehe». muß man sich vergegenwärtigen, daß das Wasser den Hauptbestandteil aller Getvebe bildet und diese z» etwa drei Viertel zusammensetzt. Das Wasser ist geradezu das Hanptclemcnt des Organismus, den man nicht mit Unrecht beseeltes Wasser genannt hat. In, Innern der Zellen, wie in den Geweben zwischen' de» Zellen erscheint das Wasser als die Flüssigkeit, die die festen Teile mit sich führt nnd löst. Diese Lösungen im menschlichen Körper gehorchen durchaus den physiologischen und chemischen Gesetzen aller Lösungen, n», deren Aufklärung in neuester Zeit die deutschen Ge- lehrten van t'Hoff und Pfeffer sich hervorragende Verdienste er- worden haben. Wie ferner Paget bewiesen hat, läßt sich ein nor- inaler von einem krankhafte» Dnrst„»terschciden, und zwar wird der letztere durch eine Verletzung einer bestiinnite» Gehirnwindung veranlaßt. Das Durstgesühl besieht, in allem genommen, aus drei Empfindungen: einen, allgemeinen Unbehagen, das sich in Schwäche nnd Reizbarkeit äußert, eine», örtlichen Schmerz im Hals oder Magen, dem Antrieb zum Trinken, begleitet von einem besondren Unbehagen, das in der Einpfindilng des Zwangs zusammenhängt. Oft wird uns die Notwendigkeit nur durch das Geflihl im Mund und in der Kehle angezeigt, oft aber tritt auch da? allgemeine Un- behagen hinzu,»nd die geistigen Störungen werden vorherrschend. Alle diese Erscheinungen hänge» also mit de», Zustand des BlutS zusammen und zwar, wie die Gelehrten sich ausdrücken, mit der „Steigerung des osmotischen Blutdrucks".— — GclfordS Eisenbahn ohne Lokomotive. In England ist, wie„Die Umschau"»ntteilt, eine Eisenbahn konstruiert worden, bei der die Bewegung weder durch Dampf noch durch irgend eine andre Zugkraft, sondern durch Gravitation hervorgerufen wird. Zu diese», Zweck ist die Linie in Abschnitte eingeteilt, deren Enden durch hydranlische oder andre Motore nach Belieben gehoben oder gesenkt werden können, u», de», Wege das notwendige Gefalle zu geben. Es scheint, daß der Wechsel ,», Gefälle fast imbe.wrkbar ausgeführt wird. Das System Gelford wird, wen» die praktischen Versuche die Hoffnungen des Erfinders verwirklichen, folgende Vorteile haben: Bei alle!, bisher gebräuchlichen Systemen vermindert sich die Ge- schivindigkeit in de», Maße, wie sich die Ladung vergrößert, bei dem neuen System dagegen vermehrt sich die Schnelligkeit entsprechend der Vergrößerung der Ladung und es sind keine Aufenthalte mehr nötig, u», Kohlen und Wasser einzunehmen.— Theater. Schiller-Theater: Die Maschinenbauer. Posse von Weihrauch.— Der Abend war sehr harmlos nnd sehr lustig Die„Maschinenbauer" stainmcn ans einer alten Zeit, die für die Berliner Posse allerdings zugleich die gute war. Bei aller Naivetät der Technik steckt in diesen Possen Charakteristik und in einzelne» Figuren auch komische Kraft. Wenn man von den heutigen Possen zurückblickt, wird mau unwillkürlich von Sehnsucht ergriffe», und es ist ganz begreiflich, daß ältere Kritiker ein wenig sentimental werden, wenn sie jener Zeit gedenken. Die Stimmung schlägt aber sofort um, wenn man die Dinge historisch betrachtet. Die neue Zeit kündigte sich in Berlin bald als eine Zeit des Kampfs an, und so mußte die alte Berliner Posse, die ans der naiven Freude an dem neuen Werden beruhte, allerdings z» Grunde gehe». Bereits in den Tagen, als die„Maschinenbauer" zum ersten- mal auf der Bühne des Friedrich- Wilhelmstädtischen Theaters er- schienen, drängten sich die Arbeiter— wie Alwin Räder im Programmheft erzählt— im„Handwerker-Verein" in der Sophien« straße z» den Vorträgen Lasialles. Im Rausch der Premiere hat man nicht gewußt, daß sich in der Sophieustraße bereits die neue Zeit des Kampfs ankündigte nnd hat so triumphiert ohne zu ahne», daß der Henker bereits an der Thüre stand. Die Zeit nach dem Untergang der alten Posse war trist. Man hatte zwar die Naivetät verloren, aber das Kapital wollte sich doch amüsieren und so entstand der Kultus gefällig ent- kleideter Chonnädet und der korrupte Börsenschwauk. Auch diese Erscheinungen werden vergehen, sofern sie nicht schon geschwunden sind. Das Variete nimmt einen immer größeren Ran», em, und wenn es gelingt, das litterarische Varisto ins Leben zu rufe», das in verschiedenen deutschen Städten spukt, brauchen wir den Unter- gang der alten Posse nicht mehr zu betveinen. Die Ausführung Ivar gut. S ch m a s o w hätte etwas mehr vom Bonvivant haben können, aber sein Humor schlug doch siegreich durch. Dann wären vor allem Holthaus und W a n d e r zu nennen, aber auch von den übrigen bot mancher eine gute Leistung. Es muß einmal darauf hlngetviesen werden, daß auch schauspielerisch an das Schillertheater ungewöhnliche Anforderungen gestellt werden. Sein Neperioir reicht von den„Moschinenbanern' bis zu Kleists„Amphitrhon" und vom schlesischen Noturalismus bis zum elegantesten Sardon. Um so verdienstvoller ist es, daß trotz- dem in den meisten Fällen etwas Tüchtiges geleistet wird.— E. S, Musik. Das alljährliche Gastspiel von Francesch ina Prevosti im Theater des Westens mag leicht als eine eintönig wieder- kehrende Sache erscheinen, die den daran schon gewöhnten Kunst- freund kalt läßt. Allein wenn man, nach dem Vorüberziehen so mancher Erscheinungen während eines Jahrs, nun wieder diese Sängerin vor sich sieht, so merkt man wohl erst, was die Kunst au ihr besitzt. Ihre GesangLfertigkeit steht so hoch, daß darüber schwerlich mehr ein Wort zu verlieren ist. Ihre Schauspielkunst bietet nicht vieles dar; sie verfügt über eine nur geringe Mannigfaltigkeit von Mienenspiel und von Armbewegungen; und ihr Gebrauch der italienischen Sprache inmitten eines deutschen Ensembles ergiebt ja geradezu einen kunst- widrigen Eindruck. Aber das, was sie uns darbietet, ist an sich so künstlerisch, so vornehm, so warm zu Herzen gehend, daß es uns hoch hinaushebt über all das Gewöhnliche, über all das Effektsolisten- tum, über all das Gemachte und Kalte, das uns im Kunstleben rings umgiebt. Für junge Kunstfreunde, die ihren Geschmack, für junge Künstler und Künstlerinnen, die ihr Können bilden Ivollen, gicbt es nicht bald etwas so gut Erzieherisches, wie das Anschauen und Anhören und Miterleben dieser Leistungen. Dahinter tritt die Frage, wie sie gerade in diesem oder jenein Stück und gerade gestern oder heute gewirkt hat, weit zurück. Sie ist immer die gleiche; und zwar gilt dies, wenn von andren im üblen Sinn, so von ihr im ? Ilten Sinn— denn was an ihr zu allcrnleist wirkt, ist nicht die hauspielcrische Verwandlung, sondern die Eine Persönlichkeit. Nachdem die Prevosti heiicr bereits in mehreren bekannteren Rollen rnifgctrcte», wurde mit ihr oder für sie„R o nl e o und Julia" von ßl»ounod hervorgeholt. Diese nach Shakespeare ge- arbeitete Oper svon 1867) ist nächst dem„Faust" das geschätzteste größere Werk des Komponisten. Sie verdient diese Schätzung durch ihre wertvolle Behandlung des Orchesters und durch ihre lyrischen Momente. Wo ein andrer Ton anzuschlagen ist, dort versagt Gou- uods Knust für uns Heutige denn doch, von der gekünstelten Vision in der Ouvertüre an bis zu all den einzelnen Stellen, in denen die rhythmische Liederweise ans den Text paßt wie die Faust aufs Auge oder wie der„Faust" auf den Gonnod. Das Theater des Westens bot mich diesmal seine bekannten Vorzüge .einer Opernbühne dar, die im Gegensatz zur königlichen Oper zwar weitaus nicht über eine solche Fülle erster Kräfte verfügt wie diese, aber um so mehr nach einem künstlerischen Gefamtgeist strebt. Frl. B r a ck e n h o m m e rs Darstellung der kleinen, ungünstig be- dachten Rolle von JulienS Amine läßt wünschen, daß diese vorzügliche Altistin besser beschäftigt Iverde. In M a x B i r k h o l z als Lorenzo kernten wir eine tüchtige neue Kraft kennen. Herr E m e r i ch Walter hatte zwar gute Momente und manche weiche Töne, wird aber ein idealer Held wohl so lange nicht sein, che er nicht die Mängel seiner gesamten Erscheinung und darstellenden wie gesmig- lichen Kunst durch ein natürlicheres, mannigfaltigeres Bewegnngs- spiel und durch eine freiere Haltung der Mundhöhle beini Gesang überwindet. Von den übrigen Mitwirkenden ist erst recht nichts Neues oder Besonderes zu sagen. Alles in allem wünschen wir dem jetzigen Bestände des Theaters des Westens das wohlverdiente Hinauskommen über seine vielberufcucn Krisen.— sz. Volkskunde. — Ueber den Schmied sprach Dr. Max Bartels in der letzten Sitzung des„Vereins für Volkskunde". Nach der„Voss. Ztg." führte der Vortragende folgendes ans: Der Schmied erfreut sich im Volk eines ganz besonderen Ansehens, das zum Teil auf den, sei» Thun umgebenden mystischen Schimmer, zum Teil aber auf seinem wirklichen höheren Wissen und Können, außerdem auch wohl auf dem Respekt vor seiner Körperkraft beruht. Wenn dies Ansehen sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, so kann man von vorn- herein annehmen, daß es in älterer Zeit noch viel größer gewesen ist. Das spricht sich auch in de» Mythen und Sagen der Völker aus. H ephaistos, Vulcanus, Wicland und Minier, Sigurd(Siegfried) und Jlmarinen, der Schmied der filmischen Heldensage,' legen davon Zeugnis ab. Es leuchtet ein, daß am Ende der Steinzeit die Leute, die zuerst mit Metnllgeräten ans der Fremde kamen, naincnt- lich dann,»venu sie die Metalle anch selbst zu bearbeite» verstanden, auf die Steinzeitlcute den Eindruck von Zauberern machen mußten. Vielleicht haben sie diesen Eindruck auch noch geflissentlich verstärkt. Wir kennen verschiedene auf das Schmicdehandiverk bezüglicke Gegenstände aus vorgeschichtlicher Zeit, so einen bronzenen Ambos ans dem Pfahlbau vö» Wollishofen am Züricher See, einen achtzig Pfnnd schweren Schmiedehammer aus dem Berner Jura, einen eisernen Behälter mit verschiedenen Schmicdewerkzengen cbeiidahee. dann aus geschichtlicher Zeit die Darstellung einer Schmiede«uf einer antiken Vase, die Darstellung AdamS als Schinied(wobei Eva die Blasebälge hantiert) auf einem frühromanische» Religniarium aus Elfenbein(im Darrnstädtcr Museum), Einmeitzelungen auf Felsplatten !in Schlveden und Schnitzereien an norwegischen Holzkirchcn, betreffend bie Sigurdsage u. dgl. m. Bekanntlich' werden die Schmiede auf dem Lande häufig für allerhand Kuren(„Kurschmicd") in Anspruch genommen, sowohl fam Vieh, wie auch am Menschen, das steigert natürlich noch ihr Ansehen. Aber dieser Wertschätzung entspricht anch ein gewisser Hochmut der ehrsamen Schmiedemeister.'über den aller- Hand ergötzliche Legenden und Geschichten umlaufen.— Technisches. — ReibungS- Widerstände auf den Straßen. Der„Institution Jiscbanical ok Engineers" in London legte, wie dem„Kl. I." geschrieben wird, Profeffor H o l n- S ch a w eine Art graphischer Darstellung des Widerstands gegen die Fortbewegung auf Straßen vor, den ein mechanisch getriebener oder irgend ein andrer Wagen je nach der Art der Fahrbahn, auf der er zu lmifen bestimmt ist, zu überwinden hat. Der zu vergleichende Widerstand wird durch eine grade Linie dargestellt, deren'Länge um so größer ist. je stärker der betreffende Widerstand auftritt. Die Darstellung. aus der der Einfluß der Fahrstraße auf die Fortbewegung der Wagen ohne weiteres ersichtlich ist, ist folgende: Art der Fahrfläche: Siraßcubahngeleise.................— Asphalt..'...................— Eisenbelcgte Straße................— Gut verlegtes Steinpflaster..............— Macadam 1. Klasse................— Pariser Steinpflaster................. 'Macadam mittlerer Klasse.............»■ Macadam untergeordneter Klasse.........,—— Trockener Rasen................... Harter und trockener Lehm............ Runde Kieselsteine..............> Gewöhnlicher Weg mit Sand.........——— � Zerkleinerte Steine gewöhnlicher Qualität.... Weicher Boden............ Trockener und fließender Saud....—————— i— Hnmoristislftes. — Die Gedanken Serenissimi:„Ganz intereffanteS Stück, dieser„Wilhelm Tcll"— aber äh, merkwürdig viel Citate."— — Amtliche Mitteilung. Die zum Termin von, 28. No- vcmbcr geladene Zeugin Ehefrau Rliiller ist von einem Kinde und deshalb vom Erscheinen in diesem Termin entbunden worden. B ü r g e r m e i st e r zu£. — Größtes LicbeSopfer. Gigerl:„Jnädigste, für Sie könnte ich janze Nacht ohne S ch n u r r b a r t b i n d e schlafe» I"—(„Jugend.") Notizen. — B j ö r n s o n s neues Drama„ L a b o r e in n s" ist vom Berliner Theater zur Aufführung angenommen ivörde».— — Wilbrandts„Die Tochter des Herr» F a bric i n s" wird Ende der nächsten Woche im Schiller-Theater in Sccne gehen.— — Im G r a z e r Stadtthcatcr wurde kürzlich die „Wallenstetn-Trilogie" hintereinander fort gespielt. Die Vorstellung begann um 2 Uhr nachmittags und dauerte bis 10 Uhr abends.— — Die Erstaufführung des Pfitzner scheu Musikdramas„Der arme Heinrich" im Operuhause ist auf den 19. Dezember ver- schoben ivordeu.— —„Die drei Wünsche" heißt eine neue Operette des Wiener Kapellmeisters Z i e h r e r; das Libretto stammt von Ä r e n und Lindau.— — Crescenzo Buongioruos Oper„DaS M ä d ch e n h e r z", init einem Text von I l l i c a. ivird im Hof- theater in Kassel im Februar in Scene gehen.— t. D e r gewaltigste Baum d e r S ib>v c i z ist nach dem „Schiv. Forst-Journ." wahrscheinlich ein riesiger Bcrgahorn im Melchthal. Der Baum steht in einer McereShöhe von 1330 Metern. Der Umfang des Stamms dicht über dem Boden beträgt 12,20 Meter, in IVe Meter Höhe über dem Boden 8,85 Meter. Die Krone besitzt, trotzdem sie durch das Alter bereits gelichtet ist, einen Durchmesser von 24—25 Metern.— — Vor dem T h e e r a n st r i ch der O b st b ä» in e kann nicht genug gewarnt werden. Trotzdem es eine so große Zahl von Mitteln gegen den Hasenfraß giebt, finde» sich, wie der„Prakt. Wegtv." schreibt, doch immer wieder Leute, die die Stännne damit beschmieren. Dadurch stirbt nicht»nr die äußere Rinde ab, auch die inneren lebensfähigen sogenannten Cambinmschichten leiden derartig, daß ihre Thätigkci't über kurz oder lang aufhört und der Baum ab- stirbt. Ebenso schlimm ist das Bestreicheil der Wunde» mit Theer; ähnlich wie beim Baumwachs wird das Gegenteil von dem er- reicht, was man erreichen will. Die Wunde braucht zehnmal mehr Zeit zum Vernarben und bietet den besten Herd für Krankheiten aller Art.— — Die„Neue Gemeinschaft" begeht ihr zweites Weihe- fest am Sonntag, den 16. d. M., mittags 12 Uhr, im Thcatersaal der. U r a u i a" in der Taubenstraße.—_ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 16. Dezember._ Verantwortlicher Nedactenr: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von N!nx Babing in Berlin.