Mterhaltungsblalt des Vorwärts Str. 243. Sonntag, den 16. Dezember. 1900 (Nachdruck verboten.) 6] ZMavuM. Von W. G. Korolenko. „Herr Du mein Gott!" seufzte Marusia. Ihre Augen hatten sich weit geöffnet, und das Gesicht drückte ein ungeheures, fast schmerzliches Mitleid aus. Timochas ruhige Erzählung mußte die tiefsten Seiten ihres Seins berührt haben. Mir fiel unwillkürlich Desdemona ein, wie sie sich von Othello seine Abenteuer erzählen läßt, und ich mußte lächeln, als ich meinen Othello anschaute, wie er den runzligen Finger in die Pfeife steckte. „Ich bin mit dem Pferde stehen geblieben und die Mütze flog mir nur so vom Kopf vor Schreck. Das kann nichts andres sein als Zauberei, dachte ich, sie haben's verhext, denn sie haben Zauberer. Du weißt doch, Bruder, beißendes Gift haben sie und eine große Macht beim Tenfel. Das Pferde- geschirr hängen sie an der Wand auf, dann löschen sie das Feuer aus, schlagen auf die Trommel und beginnen zu tanzen und zu rufen. Und dann kommen eben die unreinen Mächte aus dem Walde zu ihnen. „Heilige Mutter Gottes!" stöhnte Marusia auf. „Und'was war's wirklich?" fragte ich. Er schaute mich an, und in seinen grauen alten Augen sprang es wie ein Funken auf. „Das Kreuz habe ich geschlagen und bin doch näher ge- ritten. Und was denkst Du Bruder... Sie, d. h. das Weibsbild, hat in der Nacht von Sonntag auf Montag ihr ganzes Volk auf die Beine gebracht. Ich schlafe und denke an nichts, und das Pack macht sich auf meinem Acker zu schaffen vor Sonnenaufgang. Alle Schollen, wie sie da waren, haben sie mit den Händen wieder umgedreht, das Gras, versteht Du, nach oben und die Wurzeln wieder nach unten. Aus der Ferne hat's wie eine richtige Wiese ausgesehen." Marusia lachte hell und dabei doch eigentümlich nervös auf. Ich schaute sie unwillkürlich an. Eine gebrochene Existenz verrät sich oft im Lachen und dies ungleiche, Plötz- liche, fast krampfhafte Lachen war nur ein deutlicher Beweis, daß das Schicksal dieser Schönen nicht leicht mitgespielt hatte und daß sie es nicht leicht trug. Sie wurde verlegen, raffte rasch das Geschirr zusammen und ging in den Wald. Nach zwei, drei Minuten tauchte sie schon wieder an der andren Seite des Felds auf. Vor ihr trabten zwei Kühe mit schwerfällig wackelnden Köpfen, sie trieb sie wahrscheinlich zum Melken in den Stall. „Na. Alter, und Ihr macht noch nicht Feierabend?" fragte ich. „Nein, bis Mitternacht geht die Arbeit fort; es ist dann weniger Ungeziefer da, und die Pferde haben es leichter." Ich schaute ihn mit erneutem Interesse an. Seine ein- fache kindliche Erzählung hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Es war wie der Kamps seiner höher entwickelten agrikolen„Art" wie er sagte, mit der Weltanschauung eines niedrigen Stamms. Etwas Sagenhaftes lag darin. Dieser Kampf um den Streifen Ackerland, ein Kamps mit einer Schar von Halbwilden, die vor Sonnenaufgang seine Arbeit zerstören. Ich blickte seine unscheinbare Gestalt unwillkürlich mit einer Art Ehrfurcht an. Was ist das für ein Mensch, dachte ich. der Held eines eigenartigen Epos, der bewußt eine höhere Kultur auf eine niedrigere pfropft, oder der Bauer- Automat, der bereit ist, unter allen Umständen, wohin immer ihn auch sein Schicksal verweht, sein ein- faches, primitives Werk zu thun, in derselben prinntiven Art. Ich erwog diese Frage während einiger Minuten. aber mir kam von nirgends eine Antwort. Nur ein leichtes traumhaftes Rauschen kam vom Walde her und er- zählte etwas und versprach etwas, aber statt der Antwort brachte es nur Vergessenheit und einlullende Müdigkeit. Und Timochas Gestalt blickte mich noch immer so un- bestimmt an. „Timosej ," wandte ich mich nach einer kleinen Pause wieder an ihn.„wie ging's dann weiter, wie habt Ihr dann gewirtschaftet?" „Nun was, Bruder, die verfluchte Macht hat doch gesiegt. Die Tajonscha hat mit dem Asseffor ein Langes und Breites gesprochen. Du weißt schon selbst, wie das ist. Also, mit einem Worte, man hat mich und Piotr Jwanowitsch in einen andren Distrikt geschickt... Jetzt sind sie schon selbst zu Verstand gekommen. Ich habe gehört, jetzt ackern sie schon selbst." „Und wie war's im andren Distrikt?" Da habe ich mit Piotr Jwanowitsch zwei Jahre gelebt." «Nun und was?" „Also, es ging nicht gut. Ich habe ihm gesagt: Du, heißt es, Piotr Jwanowitsch bist jetzt der Wirt und ich der Arbeiter, also zahle mir Lohn. Und er sagte: Damit bin ich nicht einverstanden." „Was, er wollte keinen Lohn zahlen?" „Ja, wie soll ich das sagen? Wir werden Kameraden sein, hat er gesagt, alles zur Hälfte; was mein ist, hat er gesagt, ist auch Dein. Hm I Komisch l" „Und was weiter?" fragte ich neugierig. Aber er starrte eigentümlich vor sich hin und lächelte, dann erzählte er ab- gehackt, stoßweise, als wenn die Geschichte seines Zusammen- lebens mit Jermolaew ihm keine zusammenhängenden Er- innerungen und auch keine sympathischen Eindrücke hinterlassen habe. „Zum Beispiel: Er schenkt dem Iwanow ein Kalb. Und ich frage: Wozu das? Nun, sagt er, Iwanow hat keins und wir haben drei. Soll er sich selbst eins aufziehen, sage ich. Wir haben uns oft herumgestritten. Nein, Hab ich zuletzt ge- sagt, laß mich wieder ziehen, Piotr Jwanowitsch. Na, also, da ging ich von ihm fort, zum Narosta als Arbeiter." „Und wofür hat man Euch hergeschickt?" fragte ich, als ich merkte, daß das erste Thema erschöpft war. „Mich?" Er schaute mich halb unwillig an, wie ein Mensch, dem es Mühe macht, seine Aufmerksamkeit auf ein andres Gespräch zu lenken. „Wegen meiner Sache. Die Hauptsache, weißt Du, ist immer der Boden. Also, siehst Du. das sind immer solche Geschichten: Sie, heißt es. sagen so, und der Mir(ruffische Dorfgemeinde) sagt so. Der Gouverneur sogar ist gekommen. Ihr habt den Termin überschritten, sagt er.... Wir sagen, der Boden gehört uns. unsre Großväter haben ihn schon be- baut, frag, wen Du willst." „Habt Ihr Frau und Kinder in der Heimat zurück- gelaffen?" „Nein, siehst Du. das war es eben. Die Frau ist mir beim ersten Kind gestorben. Und das Töchterchen hat die Großmutter genommen. Also da hat mir der Mir gesagt: Du, Timocha, bist ein alleinstehender Mensch, ein freier Mensch. Na, also und da, also da ist es eben so gekommen. Er hatte offenbar keine Lust, die Einzelheiten erst auseinanderzusetzen, aber die Sache war auch so klar. Der Mir ist hilflos vor dem formalen Recht, und da hatte er einfach zu seinen„eignen Hilfsmitteln" gegriffen. Timofej aber wurde der Vollstrecker mid das Opfer." „Also Ihr seid sür den Mir hergeschickt worden?" sagte ich. „Ja. ja, so wird's schon sein, für den Mir, siehst Du wohl, Bruder." „Und hilft Euch der Mir in der Verbannung?" Er schaute mich erstaunt an. „Der Mir, Bruder? Ja. ich mein', unsre Leute wisjen gar nicht, wo ich bin." „Habt Ihr denn keine Briefe geschrieben. Alterchen?" „Ich kann nicht schreiben, Bruder. In Rußland noch hat einmal ein Mensch für mich geschrieben, aber es muß wohl nicht richtig gewesen sein, es ist nichts herausgekommen. Und von hier wird ein Brief gar nicht ankommen, Bruder, das ist viel zu weit. Gehetzt haben sie mich, gehetzt, ach du mein Gott!... Was soll ich für Briefe schreiben? So vor fünf Jahren ist ein Mensch aus unsrer Gegend hergekommen. Sagt dem Timofej, hat er gesagt, daß man sein Töchterchen verheiratet hat. Ob es wahr ist oder tischt, ich weiß nicht, Bruder, vielleicht hat er auch gelogen." Er saß neben mir, band seine Schuhe um die schmutzigen Füße und sprach ganz gleichgültig. Ich schaute ihn an und mir schien, als wären seine Augen, diese alten von Sonn? und Wetter gebleichten Augen noch trüber geworden. Einige Augenblicke schwiegen wir beide. Dachte er an die ferne Heimat? An das Töchterchen, das vielleicht irgend jemand geheiratet hatte? An den Mir, der nicht einmal mehr wußte, Ivo sein„freier Mensch" war, dieser Timocha, den sie einfach geopfert hatten für das allgemeine Wohl? Es dachte wohl niemand mehr an ihn, vielleicht hatte ihn sogar die eigne Tochter vergessen. Dutzende von solchen Timochas waren ja im Dorfe geblieben und sie gingen hinter ihren Pflügen, auf ihren Feldern, genau so, wie er es gethau hatte. Und irgend jemand pflügt sein Feld, das schon längst wieder in Gemeinbesitz zurückgekehrt ist, so wie ein Kreis sich glättet auf der Oberfläche des Wassers, wenn man einen Stein hineingeworfen hat. Timocha war einmal und jetzt ist Timocha eben nicht � mehr da. Nur der alten Mutter thut vielleicht manchmal das Herz weh, und ein paar Thränen kommen ihr in die alten Augen. Aber nein, die Alte muß ja schon längst tot sein. Ich schaute ihn noch einmal an und konnte einer letzten Versuchung nicht widerstehen. „Timocha," sagte ich,„Dir werden viele Sünden ver- geben werden." Das Gesicht des Alten blieb gleichgültig. er verstand offenbar nicht, was ich meinte. Nur das Wort„Sünde" fesselte seine Aufnierksamkeit. „Ja, ja", sagte er nach einigen Sekunden,„wir sündigen, wir sündigen alle. Und wie viel Erde braucht denn der Mensch am Ende, Bruder? Drei Arschin genügen schon." Ich begriff, daß Timocha auch dieser Trost fehlte. Für ihn blieb der Mir der Mir, und der Boden der Boden, und die Sünde die Sünde, sein Schicksal war an keinen Gedanken und an kein Werk geknüpft. Und wieder umfing mich das eintönige, einlullende Rauschen des Waldes und verscheuchte alle deutlichen Eindrücke. „Und so lebt Ihr denn hier?" sagte ich. „Ja, so lebe ich als Arbeiter im fremden Land." tFortsetzung folgt.) SonnkktgsplAnvvvvr. Ganz Deutschland jauchzt, daß es wieder einen Kanzler hat, der reden kann, und auS dem Universum schallt das Echo seines Ruhms. Allerdings wird man es auch preisen, wenn wir demnächst uns eines taubstummen Kanzlers erfrcnen sollten; dann würde man eben bedeutsam darauf hinweisen, wie gut es wäre, daß er nicht die Geschwätzigkeit des Parlaments zu vernehnien brauche und auch der eigenen Redelust widerstehen müsse. Ist einmal ein sterbliches Wesen zu der Höhe emporgeklommen, wo es ihm vergönnt ist, alle Gescheh- nisse im Deutschen Reich zu verantworten, so mag es einen Charakter oder eine Charakterlosigkeit besitzen, welche es wolle � die tiefsinnigen Seelenforscher der Telegraphen- bureaus und Zeitungsfabrikcn werden stets beweisen, wie gerade ein so gearteter Mann eine historische Notwendigkeit für uns sei.' Kann sich irgend jemand, der den Prehstimmen über unsren' Kanzler der beredte» Niedlichkeit aufmerksa», gelauscht/ vor- stellen, daß Bernhard v. Bülow etwa im dritten Jahre seines Daseins an Diphtheritis hätte sterben können! Nein,, das ist eine unhenk- bare Vorstellung, hätten wir ihn nicht gerade jetzt und gerade auf diesem Posten, so wäre ein klaffendes Loch in der deutschen Ge- schichte, in dem all' unsre Herrlichkeit versänke. Aber in der That, Graf Bülow verdient es, Liebling des Volks zu sein und wir sind dankbar dem künstlerischen Zug,' der gegen- wärtig das deutsche Geschick beherrscht und der uns auS den wohl- berechncten Gründen dramatischen Kontrastes nach dem Kanzler des Schweigens den Meister des Redens bescherte. Es ist eine Wonne, so viel Geläufigkeit zu vernehmen. Man wecke den Grafen Bülow in der tiefsten Nacht aus dem Schlafe und er wird, ich wette, sofort jede gewünschte Sache glänzend rechtfertigen, sofern man ihm nur ein paar Augenblicke Zeit läßt, um erst sein Haar zu scheiteln. Erstellt ein rhetorisches Maschinengewehr dar, das seine Patronen automatisch ergänzt. Leider hat die Ungeduld und die Ferienbegehrlichkeit unsrer Abgeordneten dem Grafen Bülow die Gelegenheit geraubt, sich vor dem endgültigen und unwiderruflich letzten Untergang des Jahr- Hunderts in einer umfassenden Anfsührung seines geistige» Reper- toirs zu produzieren. Unerwartet und voreilig schloß der Reichstag bereits am vierten Tage die Etatsdcbatten, so eützog man dein Kanzler die Möglichkeit, am fünften Tage, wie er beabsichtigt hatte, eine glanzvolle Mustcrschaustellung seiner verschiedenen Weltanschan- ungcn in einer blendenden Serpentintanzrede zu veranstalten. Ich glaube jedoch keine Indiskretion zu begehen, wenn ich von meinem regen Verkehr in der Wilheluistrahe Gebrauch mache und nachfolgend den Verlauf dieses verlorenen fünften Tags wenigstens infoweit stizziere, als die geplante Rede des Grafen Bülow in Betracht kommt. Der Reichskanzler hätte also dieses ausgeführt: M. H. Die Redner aus dem Hause haben trotz meiner früheren Erklärnngen ihre Beschwerde darüber wiederholt, daß wir es unter- lassen haben, den alten Präsidenten Krüger zu empfangen. Ich kann nur nochmals erklären, wir haben für diese dringende Maßnahme die triftigsten Gründe gehabt, die ich Ihnen sagen lvnrde, wenn mich nicht das Staatsgeheimnis zum Schweigen verpflichtete. Nur so viel kann ich ihnen verrate»: Herr Krüger trug in seiner Rock- tasche den Weltkrieg!