Interhaltungsblatt des Horwäris Nr. 244. Dienstag, den 18 Dezember 1900 (Nnchdrucl verboten.) 7] Mnvufitt. Von W. G. K o r o l e n k o. „Habt Ihr Euch während der ganzen Zeit nicht Eure eigne Wirtschaft einrichten können?" Timocha kratzte sich den Kopf. Ja, siehst Du, das... Ich will Dir was sagen, Vnlder.... Gegangen wäre es schon und heiraten hätte ich können, aber siehst Du, eine Schwäche Hab' ich: Geld ist nicht da, und wenn es auch je da ist, mit dem Geld hat man immer Sorgen." Er lächelte schuldbewußt. „Ich lebe schon das vierte Jahr bei Moaia. Ihr Brot esse ich. Was ich brauche, kauft sie mir. Sic sorgt schon für mich. Das ist gar keine Frau, das ist Gold. Wen» ich in andre Hände gekommen wäre...." „Und Stepan?" „Was, Stepan? Du hörst doch, wie er schießt. Zum Jagen ist er gut, einen Vogel kann er im Fluge schießen, auf dem Teiche trifft er zwei, drei Enten auf einmal, in einer Reihe, das ist alles wahr." Er lachte wie ein Erwachsener, der die tollen Streiche eines kleinen Buben erzählt. „Ein Kopfabschneider, was ist da viel zu reden? Wegen seiner Kühnheit ist er ja auch hier. Aus dem Gefängnis ist er fortgelaufen, sechs Buraten haben ihn angefallen und zu zweit hat er sich befreit. So ist er. Wie soll er an den Pflug denken. Bruder. Mit Arbaschka Athmeto sollte er zu- sammen kommen, sie würden zusammen Dinge machen, daß man bis ans Meer davon hören würde, sogar in Kijan. Oder zu den Goldgruben sollte er gehen. In den Goldgräbereien, sagte er immer, würde ich in einem Tage ein Mensch werden. Euer ganzes Gut, sagte er, würde ich an einem Tage ver- kaufen und tvieder kaufen. Und das ist wahr, er wäre längst in den Goldgräbereien oder tvieder im Gefängnis, wenn nicht das Weib.. Er schwieg wieder und fügte nach einigen Minuten hinzu: „Tranen wollen sie sich lassen, das heißt ssie Maria will es; nach Landstreichcrart sind sie ja eigentlich verheiratet." Ein schiefes, geringschätziges Lächeln flog über die welken Züge. „Um den Weideirbaum hat man sie wohl herumgeführt und siehst Du, das genügt ihr rncht. Vom Popen will sie sich trauen lassen." „Aber er ist ja ein Landstreicher?" »Ja. ja, so einer, der nicht weiß, wie er heißt und wo- her er ist, aber hier ist ja nicht Rußland. Weißt es selbst, Bruder, was das hier hier für ein Land ist; für einen ein- jährigen Ochsen wird sie schon irgend einer trauen." Er seufzte schmermütig und schüttelte den Kopf. „Dahinter steckt sie immer, Maria. Sie will nicht so leben, es soll alles gut sein und in Ordnung. Und ich sag' ihr immer: Es wird nichts bei Euch herauskommen." „Warum denn?"' Er machte eine vage Handbewegnng und betrachtete nach- bcnklich den halbangekleideten Fuß, als Ivenn er aus diesem uugcivohutcn Anblick die ganze Kraft seiner Argumente schöpfen wollte. „Nimm zum Beispiel einen Topf, hau' gut auf ihn los. Er wird Dir springen unter der Hand." „Nun ja, er wird springen." „Und jetzt gieß Wasser hinein, es wird heranSrinnen, denn siehst Du, Bruder, der Topf hält es nicht mehr." „Also?" „Nun ja, also." Er schloß plötzlich seinen Satz, wahr« schcinlich in der festen Ueberzeuguug, seine Gedanken ganz klar ausgedrückt zu haben. „Laß Dich trauen, sag ich, oder laß Dich nicht trauen, ist doch alles eins. Hörst Du, er schießt schon wieder!" „Ihr habt Stepan nicht gern, Timocha." Er schien mich nicht recht zu verstehen. „Was soll ich ihn denn gern haben, er ist doch kein schönes Mädchen, daß ich ihn lieb haben soll?... Was geht's mich an? Meinetwegen kann er sein Gut an allen vier Seiten zugleich anzünden." Er zog endgültig seine Schuhe an und stand auf. „Er hat keinen richtigen Grund... ist kein natürlicher Mensch... wenn er zu arbeiten anfängt, ruiniert er das Pferd, stark wie ein Teufel ist er. Er bricht durch wie ein Bär, dann wirft er es fort." Er dämpfte die Stimme noch mehr und sagte: „Abraschka, der Tnrtare ist einmal gekommen, sie hat ihn mit der Ofengabel sortgejagt. Und dann bin ich aufs Moor nm Moos hinausgefahren. Und da sah ich die beiden zu- sammen in der Steppe spielen. Ihre Pferde wollten sie tauschen, und ich glaub', Abraschkas Pferd ist sogar ge- stöhlen...." Einige Minuten später schritt er schon hinter dem Pfluge, die sorgsame Hand ans dem Griff. „Nu, nu, fürcht' Dich nicht!" ernilinterte er das Pferd. „Komin', mein Liebling, arbeite. Nein, Du lügst!" schrie er einem unsichtbaren Gegner zu und stemmte sich mit aller Kraft gegen den Pflug, wenn eine starke, angefaulte Baum- Wurzel die eiserne Schaufel des Pflugs hinauszuschleudern suchte. Als er sich mir wieder näherte, verklärte ein freudiges Lächeln das Gesicht. „Weizen werden wir dies Jahr säen zum erstenmal. Du sollst sehen, was für Weizen»vir bekommen werden, diese Erde ist wie Zucker." Er war wie verwandelt. All' die bitteren Erinnerungen und Befürchtungen, die ich in ihm aufgewühlt hatte, schienen hinter diesem einzigen Gedanken zu verschwinden. Die Erde ist wie Zucker hier. Durch eine sonderbare Jdeeuassociation fiel nur plötzlich ein langbeinige Spinne ein, der Mäher nennt man sie in meiner Heimat. Wenn man ihr ein Bein ausreißt, bewegt sie das verstümmelte Glied weiter in der alten Weise, als wollte sie durch die Bewegung allein den Körper weiterschieben. War eS nicht etwas Aehnliches, was Timocha sein schweres Schicksal tragen ließ? Aus seinem Dorf, ans seiner Umgebung herausgerissen, machte er in der Fremde sciue gewohnten Bewegungen nach seiner„russischen Art". Vom Pfluge zur Saat und von der Saat zur Ernte, wenn das Feld auch nicht sein ist, wenn der Besitz auch morgen an allen vier Ecken angezündet wird. Er wird anderswo hinwandern und wird wieder den Boden bebauen. Und so immer»veiter, vom Winter zum Frühling und vom Frühling wieder zum Winter,»vie ein Tropfen, den die geheimnisvolle Kraft des Lebens von der unbekannten Quelle zur unbekannte» Mündung treibt. Und jetzt begriff ich das Rauschen des Walds, das mit seiner elementaren Ge>oalt innner in meine Gedanken an Timocha eingegriffen hatte, seine unklaren Reden hatte es gedeutet. Aber als ich jetzt langsam durch das Gestrüpp zurückging. dachte ich»vieder an Marusia. Am äußersten Rande des Walds bemerkte ich plötzlich einen jungen Lärchenbamn. Vor Jahren hatte der junge Stamm einen Uebersall erleiden müssen, wahrscheinlich hatte ein Feind seine Larven in das Mark des Bäumchens gelegt und das hatte sein Wachstum gehindert, es hatte sich bogenförmig gekrümmt und>var ver- unstaltct worden. Aber nach einigen Jahren des Kampfs hatte der schlanke Stamm sich plötzlich aufgerichtet und hatte die alte Richtung wieder gefunden, der Baum hatte gesiegt. Und sein Kampf»var nicht vergebens geivesen; unten fielen die vertrockneten Nadeln und Zweige ab, aber oben an der Spitze »viegte sich eine dichte grüne Krone. Mir war zu Mute, als»vürdc ich jetzt die Tragik dieses einsamen Winkels verstehen. Dasselbe Bestreben dieser zerbräche- neu Frauenseele hielt diese ganze kleine Welt zusammen. Ueber dieser kleinrussischen Hütte schlveble sie, über den sorgsam vor Frost geschützten Geinüsebeeteu und über der kleinen Birke, die ihre Zweige über das Dach ausstreckte. Birken sind in der Gegend selten und sie war gewiß von Marusia gepflanzt»vorden. Und Timocha, der elvige Arbeiter, wurde durch diese Kraft aufrecht erhalten, und sie allein»var es, die Stepans Wildheit bändigte. Das weißlich»natte Licht der Sommernacht lag über den Wiesen und über dem See und der schlafenden Hütte, als ich Plötzlich von meinen Gedailken verfolgt, von meinem Lager -* - 9' ausfuhr: Mein Gefährte und ich lagen in einem offenen Hcuschnppe», die Stille und die weite einsame Ebene lenkten die Aufmerksamkeit auf alles, was nur irgendwie hervortrat ans diesem leblosen Hintergründe. „Sie schlafen nicht?" sagte mein Gefährte. „Ich bin vor ein paar Minuten aufgewacht." „Haben Sie nichts gehört?" „Nein, wie so?" „Mir schien, daß jemand weint." „Vielleicht schien es Ihnen bloß." „Kaum. Dieser Stepan muß ein Kerl scinl Wie denken Sie?" „Sic waren länger mit ihm znsainmen, ich habe ihn nur erzählen hören." „Landstreicher- Idylle," sagte er sarkastisch.„Sie haben natürlich schon eine Novelle daraus gemacht; ich möchte wissen, ob auch nur ein Wort daran tvahr ist." „Warum?" „Nim ja, ich weiß schon. Bei Ihnen zeigen alle Menschen gleich ihr innerstes Ich und alle sind ungemein groß ver- anlagt. Da liegt auch so einer." Er erhob sich halb und schaute Tinwcha an, der neben ihm lag. Der Alte hatte das Gesicht im Heu vergraben nnd schnarchte entsetzlich, dabei zitterte er wie im Todeskampf. Augenscheinlich ließ er meinen Gefährten nicht schlafen und ich glaube, er hatte auch nnch geweckt. Ich gestehe es, in diesem Augenblick hatte auch ich die Empfindung, als läge etwas bewußt Freches, Aufdringliches in diesem homerischen Schnarchen, wie ein höhnender Spott über unsre empfind- lichen Nerven. lFortsctzimq folgt.) Sittv ixvxtc NLttNltgefiszichke. Später und mühseliger als die Geschichtsforschung und GeschichtZ- dmstelliiiig andrer geistiger Prodnktionc» hat sich die der Musik ent- faltet. Aus tiloßcm Saiiuucl- nnd Liel>hal>erir>erk heraus und über aladcmische Gleichgültigkeit hinaus ist eine Musikivisscuschast eull standen, die zwar innner noch ihre historische Seite allzusehr auf Kosten der systcniatischcii bevorzugt, sonst aber sich gleichwertig neben die älteren Wifseuschafte» stellen darf nnd nun auch von einigen lvcnigc» NniversitätSprofessoren vertreten wird— die erste ordentliche Professur im Deutschen Reich wurde erst t8v7 vergebe». Ihre bisherigen Hanptverdicnste hat sie ans Gebieten errungen, die dem Popiilarinteresse ferner liegen; Geschichte der antiken Mlisik, Geschichte der Notenschrist nnd der Instrumente, Begrimdung der Konsonanz usw. Daher auch der Mangel an Darstellungen, die den neueren Zeiten in einer sowohl wissenjchafllicheu als auch allgemein onzichcndcn Weise gerecht werden. Glücklicherweise verfügt das deutsche Geistesleben über eine Persönlichkeit, die mit einer sonst so seltenen Vereinigung von theoretischer Gründlichkeit, allseitiger Be- wandcrthcit und praktischer Einsicht bereits die allermeiste» Gebiete der Musiklitteratnr im weitesten Wortsinn mit einem Erfolg bc- arbeitet hat, dessen äußerer Wert seinem hohen inneren Wert aller- dings noch lange nicht gleichkonnnt. Die zahlreichen Schriften auf- zuzahlen, in denen Prof. Hugo Riemann, derzeit Docent der Musikwissenschaft au der llniversität Leipzig, teils wiedergebend und teils neuschaffend und immer fortschreitend die Interessen sowohl der Theorie als der Praxis gepflegt hat, würde an dieser Stelle»»möglich sei». Für den Anteil iveilcstcr Kreise an musikalische» Dingen dürfte wohl keine so erwünscht gekommen sein wie die Geschichte der Musik seit Beethoven �1800— 1900). Berlin und Stuttgart, Verlag von W. Spcinann 1901"(8,20 M., gebunden 10 M.). Es ist wahr- lich leicht, dieses Werk mit gutem Geivisse» jedem engeren oder weiteren Interessenten als eine meisterhafte Leistung zu' empfehlen. Uni so größer ist die Verlegenheit des Kritikers, wenn er nun an- gesichts eines Buchs von niehr als 800 Seiten großen Formats auch nur einen Bericht über das darin thatsächlich" Dargebotene geben, geschweige denn mit den ungezählten Zustimmungen und Wider- sprüche».kommen soll, die sich ihm— und in andrer Verteilung schließlich jedem Leser— vor einer solchen Leistung aufdränge». Von alle dem, was sonst zu sagen ist, drängt sich dem Bc- trachter die Bcwunderiiiig des Geschicks auf, mit dem der Verfasser seinen, doch so leicht zu bloßen Anrcihniigcn verleitenden, Stoff ent- wicklungsgeschichtlich behandelt nnd gemeistert hat. Allerdings ist von einer geschlossenen Entwicklungslinie keine Rede. Diese massenhaft neben und hintereinander hergehende», bald sich verflachende», bald sich abstoßenden Erscheinungen der Musik in» 19. Jahrhundert machen glatte Gruppierungen unmöglich. Die vier„Bücher", in die das gesamte Werk zerfällt:„Bis znin Tode Beethovens(Beethoven, Schubert. Weber)",„Epoche Schnniann- Mendelssohn",„Epoche Wagner-Liszt",„Epigonen", und die fein gegliederten llntcrabteilnnge» dieser Hauptabschnitte sind eben linvermeidliche Hifsmittel, um überhaupt mit der Materie zurechtzukommen; daß dabei manches Ver- wandte getrennt, manches einander Frenidartige zusamnieii- 4—.... gebracht werden muß, weiß und betont der Verfaffer ebenso, wie es jeder Einsichtige würdigen wird. Aber gerade inmitten dieser Gruppicrnngsschwierigkeiten hat Riemann einen besonders verdienst- lichen Griff angewendet. Ist schon gegenüber sonstigen geistes- geschichtlichen Darstellungen, die sich auf Höhepunkte»md Hauptpersonen zu beschränken Pflegen, Niiemanns Eingehen auf die Ge- samthcit des Kleineren nnd Mittleren ein gewaltiges Verdienst, so ist um so verdienstlicher das, waS wir kurz die historischen Wnrzclnngen nennen möchten. Ter Verfasser führt keine sachliche oder persönliche Hnuptcrscheinnng ein, ohne all den geschichtlichen Fäden nachzugehen, die aus weiter historischer Ferne her bis zu dieser Erscheinung zu verfolgen sind und je nachdem auch noch über sie hinaus weiter leiten. So beginnen die jeweils ciiicm Hanptnieister gewidmeten Kapitel mit zurück- greifenden Paragraphen und schließen zum Teil mit ana- logen vorgreifenden; das inmitten dieses Rahmens stehende Hauptbild tritt nun so plastisch und perspektivisch wie möglich hervor. Glänzende Beispiele dafür sind die Kapitel über Schubert und über Weber; dort der Beginn mit einer Genesis des„Klavierlieds", hier der mit einer Skizze ans der Opcrngeschichte»nid mit einer Heraus- arbcilnng des Entstehens der„Romantik"— wobei auch E. Th. A. Hoffmann seine Stelle erhält. Die jetzt so beliebte und in bestimmten Grenzen unentbehrliche Nnffasfimg der Geschichte eines einzelnen Gebiets als abhängig von der(kurz so zu nennenden) Geiamtgeschichte weist der Verfasser, vielleicht zu sehr, in ihre Schranken zurück. Richtig ist im allgemeinen die Ablehnung einer musikalischen Gcschickilschreibmigmif politischer G»-nndlngenndderAppell an die inneren Entwicklnngskrästc der Musikgeschichte selber. Daß aber Riemmm nach dem Verhältnis der musilalischen Geschmackstvandlungcn zu sonstigen Gcschinackswandlnngen und schließlich zu sociale» Vor- gängcn und Zuständen nicht fragt, scheint uns doch ein Mangel zu sein. Erscheinungen in der Slilgcschichte der bildenden Kunst, die selbst lviedcr nicht nur direkt ästhetisch, sondern auch technisch, materiell, gesellschaftlich usiv. bedingt sind, kehren zum Teil auf andren Gebieten ivicdcr. Die Ansetzung eincS„musikalischen Rokoko" ist angesichts einiger Seiten im Schaffen von Bach und besonders von Hahdn und Mozart nicht abzuweisen; ein„Biedermeierstil" drängt sich auch in der Musik der ersten Halste des 19. Jahrhunderts nnt aller Plumpheit vor; n. dgl. m. Das Fortschreiten von den» gut bürgerlichen Optimismus eines Hahdn zu wescnllich andren Zügen eines Bcelhoven, Chopin, Wagner ist doch nicht bloS individuell und immanent musi- kaiisch. Usw. Noch bcachlcnZwcrlcr scheinen uns die Zusammenhänge des MnsilschaffcnS und der Musi kp siege cinciscils mit dem Stand des BilduugSwcscnS überhaupt und andrerseits mit dem der nmsikalischcn Erziehung selber zu sein. Jene Seite hat Ricmau» überhaupt nicht angeschnitten; diese hat er mit ivertvollcn Paragraphen über „Konservatorien".„lluierrichtS-Rcformcn"». dergl.'bereichert, zi» denen freilich zerstreute Einzelheiten ailS den übrigen Teile» dcS Werks zugezogen sein wollen(E. F. Richters Lehrbücher könnten kritischer angefaßt sein). Es scheint uns dies aber mindestens iveit weniger zu sein, als Ricmann selber und zwar gerade hier bieten könnte. Die Forderung, die wissenschaftliche Behandlung der Pädagogik nnch ans das Bildiingswcsen der Künste anszndchnen, ist nn» einmal seil mehrere» Jahren erhoben und freilich infolge»in- günstiger Verhällnisse nur erst in kleinsten Anläufen befriedigt worden. Wenn aber einer die Geschichte und Theorie der Musik« Pädagogik vorwärts bringen kann, so ist es Rieinan». Und nun steht der Berichterstatter vor der Aufgabe, zn Dutzenden von Einzelheiten mit feiner kritischen Zustiniinnng oder Abweisung herauszurücken oder vielmehr den Leser z» verschonen. Es ist ja gar nicht anders denkbar, als daß mau die und die Komponisten zn gut, andre zu schlecht bchaiidclt glaubt. Darauf einen Nachdruck zn legen ist »u» so unbescheidener, als es»iemandein eine Schande mache» wird, zuzugestehen, daß seine Kenntnisse an diese»uiglanbliche Fülle von Material, das Niemäm» hier verarbeitet hat, nicht heranreichen. Man verslnnioit beinahe vor dieser Ueberzahl von Komponistcunnmen nnd Opnszählen, znnial aus neneier Zeit und z. B. auch in Eng- Innd; und ma» gewinnt die Sprache vielleicht erst wieder bei den» Gedanken, daß es eine stärkere Blamienmg»msrer beschränkten Konzert- programnic schivcrlich. wieder giebtals diese historische» Demonstratioueil — spcciell fällt die beträchtliche Menge größerer Kamnlermusikwerke ans. Innerhalb dcS oft recht eiuförmigcn Trabs, in welchem hier ungezählle Koinpoiiistcmiaineu vorüberziehn, möchte wohl jeder Leser den oder jenen stärker betont, plastischer herausgehoben, tiefer gewürdigt wisse». Bei Einem Namen allerdings dürfte der Dissens über Ge- schmacksache hinausgehen. Die von uns oft beklagte Verkennung Julius Zcllncrs hat nämlich auch der Verfasser, der sich doch sonst von keiner fremden Ansicht schleppen läßt, mitgemacht. Die kann» <5 Zeilen, die diesen» Sinfoniker und Kaiimiermusiker gewidmet sind, ciithalten nicht mir kein einziges Wort der Würdigung, sondern sind auch nicht korrekt nnd erwähnen nicht einmal die Preislröüniige» und bedeutsamen Anfführnuge» der Zellnerschen Werke. Einigen Kon»- ponislcn, die ähnlich wie Julius Zellner als selbständige Bewahrer und Wciterbildner des klassischen und ronimitischen Schatzes zu riihnicn sind, ist Niemaun besser gerecht geworden, wenn man auch vielleicht einen Volkmanu, einen Kiel, eine» F. Lachner. einen Rheinberger, einen Lalo, einen Grieg, noch runder ans der Menge herausgehöbei», bei Grieg seine speciellc Be- dentnng für die Harmonik aiiseinandergesetzt wissen möchte u. dgl. in. Ans älterer Zeit scheinen mir Schuberts Klaviersonatcu zu Ivenig geschätzt. Berlioz zu Gunsten Liszts zu sehr herabgesetzt zu sein, welch letzterer hiuwieder wohl zu gut wegkommt und sogar ob seiner Trausskriptionen gepriesen wird. D�Albcrt könnte mehr bekommen, Alexander Ritters Liederkompositionen intimer gewürdigt werden. Innerhalb des Opercttenkapitels sollten den Offenbach doch«Hoff- mannS Erzählungen" höher stellen, könnte Audran noch eine Licht- nummer bekommen, Hellberger aus dem Späteren herübergezogen Iverden. Das Kapitel von den„Etildemneistern" sollte bis heute fortgesetzt Iverden, mit einer markanten Hervorhebung von Tansig's «Täglichen Studien". Unter den Neuesten fehlen nur ganz wenige: so der Liedcrkoinponist Hans Richard, der nlehrseitige Koinponist und Musiklitterat W. Mauke, der Lisztschüler und Liederkomponist Conrad Ansorge, der Dichtnngssinfoniker Karl Zinnner, der Kom- ponist und Sänger unterhaltlicher Lieder Eugen Hildach(während Rücknnf nnd Koschat mit Recht gerühmt, die«grötztel, Bänkelsänger" mit Recht blohgcftellt sind); auch der virtuose Orgelspieler und -Koinponist Otto Diencl, der Gcsauglchrer und.Kunstgesang"- Verteidiger Ludwig Schultze-SIrelitz, der Aesthetiker Richard Wallaschek sind vergessen worden. Fünvahr Wenige 1� Ein Verdienst nnsrcs Buches, für das es kaum irgend welche Vorgänger haben dürfte, sind die— man möchte fast sagen: exakten Charakterisierungen der groszcn Tonmeister. Vielleicht jeder Leser wird durch den Paragraph«Das Erbe Beethovens" über diese Dar- legung Beethovens als des grostcn Rythmikers überrascht sein, freudig ob der neuen Erklärungen, traurig über das, was uns zum Verständnis jenes Grostcn noch fehlt, und ablehnend etwa»nr gegenüber der wohl zu weit gehenden Schätzung seiner letzten Werke. Riemaun besitzt freilich einen selbstgesundcncn Schlüssel zur Eröffnung dieses VcrstäildnisscS: seine PhrasierungSlehre, der er nur eben auch eiiicu eignen Platz in der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts hätte geben solle». Unter den sonstigen Charakteristiken mögen noch applaudiert sein: die Spohrs(dessen Kammerinnsik wohl zu gering eingeschätzt ist); die Schumanns, dessen Ausdruck im Lied wohl etwas zu günstig beurteilt ist; die Chopins; die der Progralnrnuiusik; die der Berliner Reaktion(vielleicht mit einer Ueberschätznng Joachims und cincni zil weit gehenden Wunsch nach akadeinische» Normativen). Richard Wagner wird wohl für manchen zu wenig tief, zu sehr bloß musikalisch gcfagt sein, obschou hinwieder das Kenn- wort„Operisierung des Dramas" jedenfalls etwas Verdienstliches hat; und Siegfried Wagner steht doch seinem Vater nicht so nahe, wie Riemnn» meint. Dagegen ist die Ernüchterung, die unser Buch bezüglich der„tragischen Operetten" Bizets und Mnscagnis bereitet, und zum Teil auch die bezüglich Wcingartncrs verdienstlich. Wohl etwas zu gut kommen>vcg der Oratorienmachcr Pcrosi und vielleicht mich die Französin Chaminade. Ilnd noch besonders zu klagen hätte ich über die iveilgehcndc Schätzung des Brahms: sein Mangel an Wohlklang, an Warme, an motivischer Selbständigkeit und an zu- treffender Deklamation im Lied, in der er selbst hinter früheren zurücksteht, und die von Brahms freilich unbeabsichtigte Verdrängung andrer durch ihn fehlen eben bei Riemaun. Vielleicht hängt damit auch die Neberschätzung Hansliefs in unfrei» Buch zusninme». Und in der Erklärung des moderuen Dirigeuleutums vcnuisscn wir»och de» Gedanken, dast sich Komponisten- nnd Dirigentcnbcruf schließlich ebenso differenziere» müssen ivic Künstler- und Lchrerbcrnf. Möchte doch auch tiefer Entwicklung Rieman» bald ei» kräftig Wörtlein widmen!— sz. Kleines«Fenillekon» — Nuscr WeihnnchtSgrbäck. I. B n tz c r schreibt in der „Kölnischen VolkSzeitung": lieber ganz Deutschland ist die Sitte ver- breitet, an Weihnachten besondere Backware» zn genießen, und fast jeder läßt sich historische Vergangenheit nachweisen und alther- gebrachter, oft viclhundcrtjährigcr Brauch. Unsre weltbekannten Leb-, Honig- oder Pfefferkuchen sind sehr alt. In Rom kannte ninn be- reits vor Beginn uusrcr Zeitrechnung ei» unsrem Honigkuchen ähn- licheS Gebäck,«Panis mellitus" genannt. Unsre ersten deutschen Honigkuchen bestanden aller Wahrscheinlichkeit nach aus gc- röstctcm und dann zwischen Steinen zermalmtem Korn, mit Honig zn einem Teig geknetet. Je»ach dem Orte ihrer Fabrikation tragen unsre heutigen Pfefferkuchen sehr ver- sckiiedcnen Charakter. Wir kennen seit Jahrzehnten Nürnberger, vrnunschwcigcr und Thorner Pfefferkuchen. Unter letzteren werden ganz besonders die sogenannten Katharincheu bevorzugt. Des ältesten Rnlnncs deutscher Honigküchlcr dürste sich unbestritten Nürnberg,„des heiligen römischen Reiches Bienengarten", erfreuen. Die alte Leb- luchcnstadt hat darin prächtige Leistungen zu stände gebracht, wie dies am besten die schöne Formcusammlnug im dortigen germanischen Museum bezeugt. Der Lebkuchen genoß bereits im Mittelalter Welt- ruf und cin Lobredncr berichtet ans dem 16. Jahrhundert: die Kinder halten einen solchen Lebkuchen höher als Silber und Gold. Das Wort Lebkuchen ist heute noch in Süddeulschland ge- bräuchlicher als Honig-, Pfeffer- oder Gewürzkuchen. Ueber die Bedeutung und das Herkomme» des Wortes ist man nicht recht einig. Nach einigen soll es von dem altdeutschen, noch jetzt ini OLnabrückischeu beliebten Worte lebbs(sehr süß) herstammen. Sodann lesen wir auch folgendes darüber:«Das Wort Lebkuchen stammt von libum her, einem lateinischen Wort, das Fladen be- deutet." Christoph Weigel aber gicbt folgende Deutung:„Weil der Honig, sowohl innerlich als äußerlich gebraucht, ein znr Lebens- Unterhaltung sehr dienliches Mittel ist und viele hundert Jahre be- währt gefunden worden, daß mancher dadurch sein Leben sehr hoch gebracht und nächst Gottes Beihilfe ein hohes Alter erlangt, so mag der von Honig bereitete Kuchen hiervon den Namen Lebkuchen be- kommen haben, als welcher das Leben gleichsan» stärke und mit neuer Kraft begebe!" Pfefferkuchen erfrente sich schon sehr frühe allgemeiner Beliebt- heit, so daß der alte Vielwisser Wagenseil sich folgendermaßen darüber äußerte:«Beim Anblick der Honigkuchen, die in Nürnberg gebacken werden, länft allen Feinschmeckern das Wasser im Munde zusammen." Früher ging die Sage, daß die Thorner Bäcker den Teig zn ihren delikaten Waren 50—69 Jahre alt werden ließe», und daß ferner die Kinder dieser Zünstler sich nur untereinander heiraten durften, wobei es denn Sitte gewesen sei, den Töchtern statt jeder andren Mitgift einen großen Bottich voll fünfzigjährigen Teigs niit- zugeben. I» den Köchbüchern des 15. und 16. Jahrhunderts finden wir bereits Anleitungen zn Wcihuachtsbäckereien, bei denen die in- dischen Gewürze eine große Rolle spielen, besonders als Würze von Pfeffer-, Honig- oder Gewürzkuchen, auch im Französischen, Eng- lischen und Italienischen so genannt. Auch die Apotheker übten sich in damaliger Zeit in dieser süßen Kunst, indem sie die ver- schiedenartigsteii gewürzten Leckerbissen herstellten, die wunder- samcn, buntschillernden Magenmorsellen, auch Kaiserbissen genannt, Korsuli imxeratoris, fei» gemengt ans Zucker mit wohl zwanzigerlei Gewürz. Ans dem Verzeichnis des Tafelkonsekts eines preußischen Hochmeisters finden wir bereits zn Ende des 14. Jahrhunderts Pfefferkuchen und Morscllen augeführt, und in dem berühmten Koch- buch von M. Rnmpolt 1581 nicht weniger als 50 Arten von Zucker- konsekt aus Mandeln, Anis, Zimmt, Näglein, Koriander usw. Im 16. und 17. Jahrhundert waren bereits Mandelgebäcke der ver- schiedensten Art bekannt und besonders bei den Angelsachsen beliebt. Der Teig wurde aus mehr oder minder grob gestoßenen Mandeln bereitet und nach Art unsrer Makronen ans Oblaten gezogen. Auch formte man zn Weihnachten aus Mandelteig Figuren aller Art, die man aus dem Alltagsleben, dem Pflanzen- und Tierreich nahm. In dem alten Köchbuche spielen Mandeln bei den Weihnachtsbäckereien eine große Rolle.— ck.„Lesen oder daö Lebe»!" Eine hübsche Theatergeschichte erzählt ein ehemaliger Thcaterdircktor in einem Pariser Blatte. Man hegt jetzt in Paris den Wunsch, ein Theater zn bauen, in dem nur junge lebende Autoren gespielt werden sollte». Man will den anfkommenden Kräften den Weg erleichtern, für die es jetzt so schwer ist, auch nur die Lesung ihrer Stücke von den vielbeschäftigten Thcatcrlcilcrn zn erlangen. Nicht jeder geht eben so entschlossen vor, ivie dies Paulin Deslaudes vor ctiva 60 Jahren that. Dieser war Säuger an der Opöra-Comique; aber als er merkte, daß seine Stimme schwand, sagte er sich eines schönen Morgens: „Ich will einen Einakter schreiben, und wenn ich Glück habe, werde ich dramatischer Autor!" Er schrieb den Akt und trug das Manuskript zum Ghiunase. Er war sehr gut mit dessen Direktor bekannt und bat ihn, sein Stück zn lesen.„Unmöglich," hieß es,„wenn Du ge- spielt werde» willst, besuche M. Scribe. Wenn das Stück gut ist, wird er es mit Dir zeichnen, und der Erfolg ist gewiß." DeslandeS wollte aber allein der Vater seines Kindes bleibe». Er ging ver- geblich noch zu verschiedenen andren Theatern und dann erinnerte er sich, daß Nestor Noquepla», der ein eifriger Besucher hinter den Coulissen gelvesen Ivar, seit kurzem Direktor des Variöto war. Er traf ihn nicht in seinem Theater— dort war er nur sehr wenig!— sondern im Ca so. Der Impresario war sehr liebenswürdig und be- stellte ihn zu sich. Zn der verabredeten Stunde kam er aber nicht, be- stellte ihn von nein in. kam wieder nicht, und so ein drittes und ein viertes Mal. Deslaudes geriet in Verzweiflung, ricfdann aberdramatisch: „Er hat mir versprochen, daß er mich hören wird, und ich schwöre bei allen Göttern, daß er sein Versprechen halten wird." Das Zimmer des Direktors lag damals auf einen kleinen Hof hinaus im ersten Stock. Es war im Sommer, daS Fenster stand offen. Des- laudes nahm eine Leiter, kletterte zum Fenster hinauf und gelangte so in das Zinnner des Direktors. Er wartete eine gute Stunde. Endlich erschien Rogueplan und war überrascht, Deslaudes in seinem Zimmer vorzufinden.„Wer zum Teufel hat Sie in mein Zimmer gelassen?"„DaS ist nicht Ihre Sache," antwortete der junge Autor. „Sie haben mir versprochen, mein Stück zn hören.... Sie werden es jetzt hören."„Ich habe keine Zeit!" sagte Rogueplan.„Sie werden sie sich nehmen," sagte Deslaudes und zog eine kleine Pistole aus der Tasche.„Lesen oder das Leben I"„Ich will das Stück lieber anuehinen, ohne es zn hören I" schrie der Direktor.„Nein, Sie werden es hören. Vorwärts, setzen Sie sich, ich fange an." Rogueplan sah ein, daß er nachgeben mnßtc, er steckte sich eine Cigarre an, nahm Platz nnd seufzte:„Vorwärts, wenn es denn sein muß, lesen Sie!" DcSlandes, der immer noch in der einen Hand seine kleine Waffe hielt, zog mit der andren sei» Mannskript, das„I-es deux Anges gardiens" betitelt war, und begann zu lesen. Der Direktor hörte in seiner Wut kaum hin nnd beschäftigte sich an- gelegentlich damit, mit Papierstiicken zu spielen, dann aber paßte er besser auf, allmählich wurde er imnier nichr interessiert und schließlich rief er:„Mein Teurer, daS ist ein hübsches kleines Stück st Das ist ein Juwel! Ich nehme es lieber zwei- als einmal. Sagew Sie, wie Sie die Rollen verteilen wollen, und morgen lesen Sie eS den Schauspielern vor." lind die„Deux Anges gardiens" wurden niehr als 500 mal in zwanzig Jahren in den VariöteS gespielt.. � Volkskunde. — Einen Einblick in die Volksmedizin und den mediziniscken Aberglauben gicbt Fossel in einem Vortrag:„Tierische Volks mittel in der steierischen Volksmedizin". Die aus den Lehren der Hnmoralpathologie geschöpfte und eingewurzelte Vorstellung von der Entstehung der Krankheiten aus der Verderbnis der Safte nimmt einen breiten Platz in der Heilkunde des Volks ein, das Gleiches mit Gleichem zu lösen sucht. Das Blut der Tiere, namentlich des Wilds, besitzt nach Sluschauung der steierischen G'.- birgsbewohncr eine lvunderbare Kraft gegen alle Arten des Siech- timis. Die Weibermilch erfreut sich einer großen Beliebtheit als Arznei gegen Augencutzüudimgcn, die Kuhmilch mit und ohne Honig als'Wurmmittel, Honig allein oder Met als Schutz gegen Enipfängnis, oder andrerseits als geburtsförderndes Medikament. Galle und Harn der Tiere sind cbeufanS vertreten; der menschliche, besonders von Patienten selbst stannncnde llrin dient gegen Gonorrhoe und Wassersucht. Der lvtist der Haustiere ist ein gc- iuchtes Ingrediens zu Umschläge« bei Halsleiden, Atemnot und Bauchgriinnien. die Misljauchc eine keinesivcgs seltene Mixtur gegen Bräune, und Menschenkot bildet unter dem Namen des Goldpflastcrs ein verbreitetes Specifikm» in der chirurgischen Praxis. Lebende Tiere mancher Art dienen zum Ableiten von Krankheiten usw. Als Kuriosität sei crivähnt, daß die ägyptische Mumie, welche ivohl in allen Apotheken käuflich zu haben ist. den Ruf eines Arcaiunns bei Schwund und Auszehrimg genießt.—(„Globus".) Völkerkunde. — Ein Fetischdiener. In der„Revue des dcuxMondcS" veröffentlicht ein„Unbekannter" die Schilderung eines„Besuchs im Kongostaat". Aus dieser Schilderung sei hier eine Episode ivicder- gigeben:„Der Fetischdiener, d. h. der Wahrsager, der Arzt, der Weise des Lands ivar gerufen worden, um seine Künste an einer Iranken Frau zu zeigen'. Die Patientin, die in den Armen einer Freundin lag. befand sich in einem jännnerlichen Zustand, während der Fctischdiener, ein baumlanger Kerl mit einem Ziegenbarte, seine Zauberforincln hersagte. Er band der Kranken Kräuter um den rechte» Knöchel; mit der Spitze seines Messers ritzte er ihr die Stirn, so daß Blut floß; dann mischte er etlvas Wasser, Asche und eine zerstampfte Kolanuß durcheinander, um die Mischung durch ein Bambusrohr einzusaugen und sie der Patientin in die Ohren und Nasenlöcher einzublasen; die Frau schnitt bei dieser Operation ent- setzliche Grimassen. Der Medizinmann nahm dann aus seiner Tasche ein Stück Leopardenfell und rieb damit de» Körper der Fra»; darauf sprach er unter feierlichen Bewegungen dreimal seltsame Worte, die von den Anwesenden, welche dabei die Arme erhoben, wie um den bösen Geist zu bannen, rcsponsoricnartig wiederholt ivurden. Der Operateur rief den Geist bei seinem furchtbare» Namen, blies die Frau, die Versanunstnig und das Dach der Hütte an und beschwor den bösen Geist schließlich, sich nach den Tiefen des Urivalds Mahumbe zurückzuziehen. In dem ivildcn Rahmen, in welchen» sie sich abspielte, auf dem Gipfel eines hohft» Bergs, der Iveithi» den Wald beherrschte, in Gegemvart unsrcr im Kreise kauernden Karawanen, war diese Sceue fesselnd und ziemlich harmlos. Das ist jedoch bei den Fctjschdienern, verdächtigen Leuten, die man sehr genau überwache» muß, durchaus nicht immer der Fall. Sie erfreuen sich noch einer großen Macht und gehören einer Kaste an, die ihre Schulen und ihre Tradition hat. Ihre Sprache, die sehr schiver zu verstehen ist. ist gefeit und kann Profanen, beionderS aber Weißen, nicht mitgeteilt werden. Ein großer Einfluß auf den Geist der Bevölkerung giebt ihnen die Macht, irgend eine Person für ein zufällig sich ereignendes Unglück verantwortlich zu »nachm. Den» keine Katastrophe, kein Häuptlingstod ist mit natürlichen Gründe» zn erkläre»: irgend jemand hat das böse Schicksal angeblasen, nnd es ist Sache des Zauberers, den Schuldigen herauszufinden. Es ist leicht begreiflich, daß unter solchen Umständen die Korruption eine große Rolle spielen muß; die reichen Leute suchen durch Geschenke die Strafe von ihrem Haupte abzuwenden. Die Strafe ist furchtbar, und wer beschuldigt wird, unterwirft sich, um zu beweisen, daß ein Irrtum vorliegt, einer Art„Gottesurteil". Er verschluckt z. B. ein Gift oder läßt sich in das Ohr irgend ein Aetzmittel einblasen. Wenn er durch ein Wunder, oder vielmehr durch die käufliche Hilfe des Felischdieners unversehrt aus der Prüfung hervorgeht, liegt ein Irrtum vor und ein andrer wird verautlvortlich gemacht.— Aus der Pflanzenwelt. — Der K a k a o b a n m(Dlroobroms. esoao) hat seine Heimat in der heißen Zone Amerikas. Von dort wurde er kurze Zeit nach der Entdeckung Amerikas nach Spanien eingeführt, hat sich von dort über ganz Europa verbreitet und auch in die Tropenländer Asiens und Afrikas Eingang geftmdcn; Erträge liefert der Baum allerdings nur in der heißen Zone. Der Stamm erreicht eine Höhe von 10 Meter»md wird 30 Eeutiineter im Durchmesser stark. Die ab- stehenden Zweige und Acste bilden eine ausgebreitete Krone, die von ungleich großen, 8 bis 30 Ceutimetcr laugen und 3 bis 10 Centimeter breiten Blättern dicht belaubt ist. Die Blätter haben in der Form viel Achnlichkeit mit den Blättern des Kaffeebaums, sind jedoch größer, von blaugrüner Farbe und glanzlos. Charakteristisch ist hier die scharfe Aderung, die bei Verautwortlicher Redacteur: Paul John in Berti der einjährigen Sämlingspflanze deutlich hervortritt. Die kleinen weißen Blüten haben einen rosenroten Kelch und duften schwach. Sie stehen nicht, wie die Blüten andrer Pflanzen, in den Blattachsen oder an den Spitzen der Zweige, sie bilden sich vielmehr bald hier, bald da aus der bräunliche» Rinde des Stamms, der Aeste nnd älteren Zweige, selbst ans der bloßliegenden Wurzel kommen sie hervor. Der Baum treibt das ganze Jahr hin- durch Blätter und Blüten, doch ist der Fruchtansatz nur sehr gering, man rechnet auf tausend Blüten nur eine Frucht. Da die Blüte sehr empfindlich ist, baut man den Kakaobaum nur in geschützten Lagen in Flußniederungen und Thälern, trotzdem aber werden häufig ganze Ernten durch starke Regengüffe— die in den Tropen nicht selten sind— und Stürme vernichtet. Ist die Blüte vorbei nnd haben sich die Früchte angesetzt, so finden sich auch schon andre Feinde des Kakaobamns ein. die den Ertrag schmälern helfe». Zuerst kommen Raupeu und Käfer, dann die Vögel, Affen nnd einige andre Säugetiere, und was diese übrig laffen, das fällt nach fünf- monatlicher Reifezeit dem Menschen zn. Trotzdem der Kaknobaum,>vie schon gesagt, ununterbrochen blüht und Fruchte trägt, so findet doch mir zweimal im Jahre eine wirkliche Ernte statt, die in die Monate Dezember und Januar nnd Juni und Juli fällt. Die Frucht des Kakaobaiuns ist von gurkeu- oder meloiicuähiilicher Form und cuthält in fünf Längsfächerii 50 bis 00 hellbraune, mandelförmige Samen, die in einen süßlichen, farblosen Fruchtbrei gebettet sind. Die Samen iverden gereinigt und zum Zwecke der Gärung und Zerstörung der Keimkraft aufgehäuft und mit Blättern bedeckt oder m Gruben gebracht. Ist die Gärung geschehen, so werden die Samen an der Sonne abgetrocknet. Die besten Sorten werden dann in Säcke ge- packt und so verschickt, die geringeren Sorten dagegen werden erst in den europäischen Landungsplätzen verpackt.—'(„NcrthuZ.") Humoristisches. — Diplomatische Künste. Clown(zum andern): „Weestc eigentlich, Aujust, die Diplomaten sind doch auch nichts weiter als Gaukler, mir daß sie nicht ihr eignes Leben, sondern das andrer dabei riskieren I"— — I m Wartezimmer. Junger Arzt(vergnügt):„Da hätten ivir also endlich misern ersten Paliente» I" Diener:„Ja, und gleich so e i n e n g r o ß e n d i ck e n l" — Boshafte Bestätigung. Hauswirt:„In incinein Hanse wohnen die Mieter wie im Paradies." „Das stimmt, ich kenne einen, den Sie erst kürzlich r n n s- g e s ch m i s s e n haben l"—(„Lust. BI.") Notizen. — Dem Schriftsteller Dr. Moritz Necker wurde, wie das „Litter. Echo" mitteilt, für seine Verdienste auf dem Gebiete der Kritik der diesjährige Preis der Fr ä b e I sti flu u g in Wien im Betrage von 1000 Kronen zuerkannt. Er ist der erste Kritiker, dem diese Allszeichnimg zu teil wird.— — Drei Einakter von Kadelbnrg Iverden am Slfl- vesterabend zum erstenmal im Schau spielhanse in Scene gehen.— — Das Schiller-Thcater erzielte riiicn Bruttogewinn von 50 452 Mk. Davon wird eine Dividende von 5 Proz. gezahlt. 4350 Mk. koiiimen cm Mitglieder und Angestellte des Theaters zur Verteilung.— —„Familie W a w r o ch" von A d a in»> s ist nach der „Brcsl. Ztg." von der Berliner Censur freigegeben worden. Das Stück soll demnächst am L e s s i n g- T h e a t e r zur Auffiihnmg gelangen.— — In B u d a p e st soll an Stelle des alten ein neues Ratio ii al-Theater mit einem Kosteiiaufwand von 5 000 000 Kronen errichtet werden.— — Engen d' A l b e r t hat eine dreiaktige komische Oper vollendet, die zur Zeit der Renaissance spielt.— — Das von Professor Hellmer geschaffene Wiener Goethe-Denkmal wurde am Sonnabend feierlich enthüllt.— — Eine p l a n m ä ß i g e hydrographische nnd bio- logische Durchforschung der Nord- nnd O st s e e, iv i e des nördlichen Eismeers ivii d im»lächsten Jahre begonnen werden. Deiitschlnnd, Dänemark, England, Holland, Norwegen und Rußland iverden sich an dieser wisseuschastlichen Durchforschung be- teiligen. Die Untersuchungsfahrteil sollen viermal im Jahre zu bestimmten, für alle Staalen gleichmäßig festgesetzten Zeilräumeii ausgeführt werden.— t,. Eine inte rnationale Lereillignng zur Förde- r u n g d e r E r f o r s ch u ii g von I n n e r a s i e n hat sich in Petersburg gebildet.— — Gegen Schweißfüße wird vom„Prakt. Wegw." unter andern Mitteln das folgende empfohlen. Man bade jeden Morgen die Füße in Alauiiwasser lind bestreue die Jliiicnsohle des Schuh- zengS vor dem Anziehen mit einem halben Theelöffcl voll Bor- säure.—_ i. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.'