Hlnterhaltimgsblatt des Horwürts Nr. 246 Donnerstag, den 20. Dezemberr 1900 (Nachdruck oetdolen.) C] WlAVUfiS. Von W. G. K o r o l e n k o. Stepan streifte in der Niederlassnng nmher und suchte vor Kangcweilc Pferdehandel zu treiben. Er wollte seinen Falben � eintauschen und kam oft erst am Abend etwas angeheitert in unsre Hütte; aber wirklich betrunken war er nie. Wenn ich unsre Gäste bei ihren Besuchen beobachtete, fragte ich mich überhaupt erstaunt, ob das alles, was ich in jener klaren Somniernacht am fernen See wie im Fluge beobachtet hatte, nicht Phantasiegcbilde gewesen waren, und ob diese Leute denn nicht ein ganz ruhiges, ungestörtes Dasein führten, wie alle andern Menschen. Ich beobachtete Marusia und suchte sie oft zum Lachen zu bringen, jenes krankhaft. nervöse Lachen klang mir noch immer im Ohr, aber sie lächelte nicht einmal. Am dritten Tage eines solchen Besuchs trat ich einmal abends auf den Hof unsrer Hütte hinaus und bemerkte, daß es in der Nachbarhüttc, die dem Tartaren Abraschka gehörte, sehr lebhaft zuging. Hinter den kleinen Scheiben sah ich lebhaft erregte Gesichter, Abrain Achmetsianoiv trieb nämlich Branntweinhandel. ES war ein sonderbarer Mensch, dieser Abraschka? Weder er noch seine Frau Garifa, die man in der Niederlassung Maria nannte, trugen den specifisch mongolischen Typus. Er hatte ein rundes, allerdings sehr bräunliches Gesicht, aber die Züge waren weich und regelmäßig, und die großeil Augen hatten einen gutmütigen, fast zärtlichen Ausdruck. Sic war eine typische russische Schönheit, mit üppigen, beinahe schon zu starken Formen und einem kühnen Blick.„Unglück- verheißend" nennt der Volksmund einen solchen Blick. Abraschka war wahnsinnig in sie verliebt, aber man sagte, daß sie ihn oft hinterging. Als er cininal des Nachts unerwartet nach Haufe gekomnien war, hatte er aus unbekannten Gründen in der Nähe seiiler Hütte eine ftugel abgefeuert. Man munkelte am nächsten Tage, daß die Pelz- mühe eines gewissen Abdul Sabitullin von Schrotkörncrn durchlöchert worden. und daß einzig und allein die dicht gestickte Kappe seinen kahlen Schädel geschützt hatte. Sabitullin war ein Greis. Einige Zeit hindurch mied Sa- bitnllin sichtlich AbraschkaS Hütte und als sie einander eines Tags auf der Straße begegneten, stürzte Abraschka sich wütend auf den Alten, und man hatte Mühe, sie beide auseinander zu bringen. Aber ich sah Abrain und Maria drei Tage nach dem Schuß. Sic hatte ihr gewöhnliches, siegreiches Lächeln. in dem sich das Bewußtsein ihrer sinnlichen, berauschenden Schönheit deutlich spiegelte, und er blickte mit demütig ver- liebten Augen zu ihr empor wie imnier. Er genoß den Ruf eines verzweifelten Kopfabschneiders und des geschicktesten Diebs. Ich wollte lange Zeit nicht daran glauben. Er hatte mir und ineinem Gefährten schon oft in seiner Eigenschaft als Nachbar kleine Dienste er- wiesen, und seine Augen hatten dann immer eine so ehrliche, freundschaftliche Zuvorkommenheit ausgedrückt, daß ich den Erzählungen von seinen nächtlichen Abenteuern anfangs keinen rechten Glauben schenkte. Es machte mir sogar Vergnügen, mit ihm zu plaudern. Namentlich blickte ich gern in seine tiefen, kindlich gütigen Augen. Aber einnial, nach einem ziemlich ztocidecitigen Auftritt mit Maria, hatte er einige Tage hintereinander stark getrunken und kam dann Abends in unsre Hütte in sehr animierter, sogar etwas wilder Stimmung. Einige Augenblicke blieb er stumm. auf der Bank sitzen, während sein starker.Körper langsam hin- und herschwanktc. Dann schaute er mich plötzlich an. als wenn er sich erst be- sinnen müsse, Ivo er sei. und sagte: „Ach Du bist es! Ihr fahrt fort und läßt das Haus allein! Es steht leer die ganze Nacht'vie die ricsiacn Fangarme eines Fabeltieres. Am furchtbarsten Ivar, dah man deutlich beobachten konnte, daß die Wolke sich immer mehr der Erde näherte, wellenförmige Bewegungen durchzogen sie, als könnte sie ihre eigne Schwere nicht mehr tragen; man hatte die Empfindung, als niüßte die ganze Masse mit all ihrer Macht auf uns herabstürzen. Ein unheimliches Schweigen lastete jetzt auf uns allen. „Seht zu," sagte Stepan Plötzlich,„auf Eure Hütte kommt es." Ein halbverrückter Kirgise, der in unsrer Nähe wohnte. erhob seine Büchse und schoß in die Luft. Die Wolke zog langsam weiter, mit denselben sonderbaren zitternden Bewegungen; jetzt hing sie über den äußersten Hütten der Niederlassung. Ringsumher wurde alles ganz still und ganz dunkel. Die Hütten blieben natürlich unversehrt, aber als die Wolke langsam über unsre Köpfe zog und schwerfällig ihre Fangarmc bewegte wie ein riesiges nebliges Wundertier, da wurden wir alle ganz still. Noch einmal ertönte ein Schuß aus der Büchse des verrückten Kirgisen. Nach einigen Minuten zog die dunkle Masse über den Fluß. Ihre schweren Formen bedeckten die Spitzen deS hügligen Ufers und schienen dort festzuhängen. Als die Gewitterwolke hinter einer hohen Bergwand verschwunden war, bedeckte ein weißes Schueefeld den unteren Absatz, auf dem noch griine Lärchenbäume standen. Es sah aus, als wenn jemand mit einem Riescnpinsel einige nachlässige Striche über den Berg gezogen hätte. Ich fuhr wie aus einem sonderbaren, phantastischen Traum auf. Ueber der Niederlassung spielten wieder die dichten gelben Strahlen der spärlichen Herbstsonne, fremde Leute standen um nnch herum und sprachen aufgeregt und laut durcheinander. Und alles schien mir so sonderbar und fremd und unbegreiflich. Ich konnte sogar nicht begreifen, warum ich hier war und was ich hier thun sollte. Auf der Schwelle unsrer Sommerhütte stand Manisia. Sie klamnierte sich mit der einen Hand an den Pfosten, das erschrockene Gesicht sah sonderbar alt aus und ihr Atem ging keuchend, stoßweise. Nur die Eingeborenen blickten ruhig. „Nun, Bursch, sieh' Dich vor!" sagte mein Freund Tiniofej, ein Halbjakute.„Jetzt kommt, der Sturm. Oh jeh!" Wirklich erhob sich bald darauf ein scharfer Wind, wie ein Bote, der dem nördlichen Flüchtling folgte; die Wolke mußte der letzte Ausläufer eines Schneesturms hoch oben im Norden gewesen sein. Als die Nacht herabsank, schneite es in kleinen, spitzen Flocken. Aber der Wind kam wieder aus den Felsenrissen hervor, er kehrte den Schnee zu kleinen Haufen zusammen, packte ihn von neuem und wirbelte ihn wieder in die Luft hinauf. Dort, wo vor einer Minute alles weiß war, lag wieder die bloße harte Erde. Stepan und Mansiia rüsteten eilig zur Heimfahrt. Ich bat sie, noch zu bleiben. Ich war zu jener Zeit ganz allein; aber Stepan schüttelte den Kopf: „Nein, Herr," sagte er,„jetzt kommen die Schneestürme und die dunklen Nächte, und ich bin nüt den Tartaren im Streit." Ich bereitete ihnen noch einmal Theo und begleitete sie bis zur Schwelle. Nach einigen Minuten waren sie in der matten Dämmerung der anbrechenden Nacht verschwunden und der Wind verwischte die Räderfpuren ihres Wagens. (Fortsetzung folgt.) Avilkophtrnes«nv n?iv. Die Aiifführmig der„Fraueilherrschaft" im Berliner Theater war entzilckcnd. Ein leidiger Zufall verhinderte uns, die Kritik an dein Tage zn schreiben, an dein sie sonst fällig gewesen wäre._ So mnsscn ivir jetzt— einige Tage nach dem Fest—_ von einer eigentlichen Kritil absehen und dafür einige allgemeine Betrachtungen wiedergebe», die uns während der Ausführung in de» Sinn kamen. Das erfrischte und erquickte alles I DaS strahlte und glänzte und lachte I Derbe Pofsenfeenen und Scencn der anmutigsten Grazie und Scenen, denen ein ernster politischer Gedanke den Hintergrund gab, zogen in buntem Wechsel vorüber. Eine gute Komödie wirkt wie ein frisches, stählendes Bad. Von allem Staubigen und Verdrossenen wird die Seele gereinigt. Man fühlt sich frei und leicht, und so war es kein Wunder, daß am Ausgang ein Jonnialist mir gegenüber meinte:„So einen brauchten wir heute I" Gewiß, wir brauchten ihn. Aber würde er nicht ver- boten Ivcrdcn, Herr Kollege? Ich fürchte sehr I Vergegenwärtigen wir uns einmal den Inhalt. Athen und Sparta führe» Krieg. Die Weiber find des langen Haders müde, nicht eben aus Gründen einer hohen Staats- raison,, sondern weil der Krieg ihre Männer zn sehr in Anspruch nimmt. Bald sind sie auf einen und bald sind sie auf mehrere Monate fort. Inzwischen muß, die Frau allein seil?, was schon an sich hart genug ist, auch wenn man felsenfest auf die Männer bauen könnte. Aber' den Teufel auch— wer kann das schließlich? Wer weiß, was sie in der Ferne treiben. Der Zustand ist einfach unerträglich und so beschließt nian, ihm ein Ei, de zu machen. In naiven Possen- scenen, die ivir nicht ganz mehr genießen können, zeigt Aristophaues, wie die Weiber die Macht an sich bringen. Aber wer möchte an diesen phantastischen Scenen mäkeln, wenn gleich darauf das goldene Motiv der Komödie aufblitzt? Welches Mittel Ivcudcn die Weiber an, um die Männer zur Nachgiebigkeit zu zwingen? Sie proklamieren den Generalstreik. Sie streiken im Bett— ich bitte um Verzeihung, wenn das deutlich klingt, aber Aristophaues gicbt mir Mut. Das Motiv hat in all seiner Einfachheit etwas von explosiver Gewalt. Der bloße Streik macht schon die Männer komisch und es bedarf keiner Kalauer mehr, um uns zu», Lachen zu bringen. Aber auch die Frauen oder doch die Frauen Herrschaft erscheint durch das Motiv in ironischer Beleuchtung. Es charakterisiert die Weiber, daß sie gerade auf diese Weise die geschichtlichen Händel schlichten wollen. Andrerseits aber charakterifiert es auch die Männer, daß sie damit Erfolg haben. Der Humor des Aristophaues lacht Über beide Parteien. Er verspottet weder die Männer noch die Frauen, sondern die Schwächen beider Geschlechter. Es wirkt unendlich komisch. wenn schließlich die Männer zu Kreuze kriechen und den weisen Satz proklamieren, daß es bester ist, mit den Weibern Frieden zu halte», als nnt den Männern Krieg zn führen. Es ist das eine artige Ohrfeige— für die Männer. Einmal ernst gemacht mit diesem Satz, wurde er ja zu einer feigen Schürzen- abhängigkeit führen, in der weder die Athener, noch gar die Spartaner einen erhabenen Zustand erblicken konnten. Andrerseits liegt in diesem Ausgang auch ein satirischer Stich für die Frauen; oder charakterisiert es sie nicht, daß sie in diesen. Zustand ein Ideal erblicken? So lacht Aristophaues weder über dieses Gebrechen der Frauen oder jener Schwäche der Männer, sondern über nicnschlichcs Gebrechen und Schwachen überhaupt, und eben das macht ihn bedeutend. Der Humorist lacht nicht über einen einzelnen Thoren oder einzelne Mängel der Welt. Er lacht über die Thorheit und die Welt überhaupt. So oder ähnlich heißt es bei Jean Paul. Ob ein moderner AristophaneS nicht verboten Iverden würde? Man denke zunächst an die politischen Nuspiclinige». ohne die die Komödie nicht denkbar wäre. Man denke sich einen Man», der n»it gewissen intimen Beziehungen zwischen Großindustrie und Negicrung nicht zufrieden wäre und die beteiligten Zeitgenossen nun drastisch und»utcr Namcnsiiennuug ans der Bühne zausen wollte. Kann man sich das in Preußen denken, ohne sich sofort einen Polizei- kommissar dazu zu denken? Ich kann cS leider nicht. Oder man denke an den Krieg mit China und denke sich einen Dichter, der den Krieg mißbilligt, sei es nur. daß er ihn grundsätzlich verurteilt oder sei es auch nur, daß er gewisse Begleiterscheinungen nicht billigt. Man hat ja den Soldaten die allzu offenherzigen Briefe verboten, obwohl es sich i» ihnen doch nur um charakteristische Einzelscenen handelte. Was würde man erst mit dem Koinödiendichter thun, der die sinn- fälligen Wirkungen der Bühne in den Dienst seiner Sache stellte! Man würde sich schwerlich damit begnügen. ßh» zn verbieten. Man denke an die lex Heinze und denke sich eine Satire, die den ganzen verwegenen Chnismns hätte, den die verdammte Heuchelei dieses Gesetzentwurfs verdient— verboten, rettungslos verboten I Nein,„»sie Zeit würde den Aristophaues nicht ver- tragen I Nicht etlva iveil es uns an lächerlichen Zustände» gebricht oder weil eö uns an Leuten fehlte, die die Peitsche deS Dichters oerdicnten— das ganz gewiß nicht. Plate» hat in einem Vers den Grund erschöpfend angegeben:„Nur ein freies Volk ist würdig eines Aristophaues". Also kämpfen wir zunächst um die Freiheit I Selbst aber wen» die Polizei den modenicn Nachfahren des alten Griechen dulden würde— das souveräne Publikum, der gebildete Haufe, die wohlverständigen Lcnte würden ihn ver- bieten. Man denke sich de» ungekürzten, unverfälschten AristophaneS— und unser Publikum, in dem das„junge Mädchen", die biedere Hausfrau, der moralisch gefestete Ehemann eine so große Nolle spiele». Man ivürdc den Dichter ein„Schivein" nennen, wie man Zola so genannt hat. Man würde ihn zn den zuchtlosen Individuen und unsittlichen Autoren lverfen. Der Direktor iväre bankrott, der ihn zu seinen, Hausdichter machte. Man denke nur an Anzengrnber, der ja in seinen„Krcuzelschreibern" das Motiv der„Franenherrschaft" benutzt hat. Das Motiv ist da, aber die erotische Verwegenheit des Griechen fehlt. Das soll geiviß kein Vorwurfsei». Jeder muß»ach seiner Art dichten und ich bekenne geni, daßich die„Krenzel- schreiber" höher stelle als die„Franenherrschaft". Unsre Zeit aber erkennen wir am besten, wenn wir sie an der erotischen Verivegen- heit des Aristophaues messe». Wie feig und erbärmlich und nieder- trächtig sind wir doch in allen erotischen Dingen geworden. Es lebe die Monogamie, korrigiert durch Ehebruch, Prostitution und Masseusen- Wirtschaft I Wenn sich dann der erotische Trieb in Unreinlichkeit ver- liert, wenn in der Protistution perverse Neigungen großgezogen werden und schließlich in einem Riesenskandal-Prozeß explodieren, w?,,,, die natürliche sexuelle Empfindung in Patschuli untergeht und nur noch die Unsittlichkeit reizt— was thuts? Es lebe die Mono- gamie! Kein Mensch mit gesunden Sinnen glaubt an die Mono- gamie als ein gesellschaftliches Faktuni, aber die bürgerliche Welt zwingt jeden, den Glaube» zu heucheln und' seinen Töchtern einen Znstand als erhaben zu preisen, den er selber besser kennt. Ans diesem Widerspruch zwischen Sei» und Schein resultieren schlechtes Gewissen und feige Angst. Man noch seine Töchter vor jedem freien Wort bewahren, weil sonst die Dressur in die Brüche gehen könnte, die man Erziehung zu nennen beliebt. Man darf sich auch selbst durch kein freies Wort verdächtig machen, sintemalen man seine Autorität bewahren muh. Die Moralität unsrer Zeit kann nicht leicht ärger verdächtigt werden, als durch diese feige Furcht, natürliche Dinge mit natürlicher Offenheit zu behandeln. Iliid darum freue ich mich, daß AristophaneS nicht Anno 1900 in Berlin lebt. Rur wer ihn nicht liebt, könnte ihm es wünschen.— Erich Schlaikjer. Kleines Feuillelon. — Was einem Kaufmann in Rnf-land passiere» kann, darüber weih ein Freund der„Brest. Zeitung" folgendes zu er- zählen:„Ich kam mit einem tadellosen Pah nach Moskau, den ich sofort bei»reinem Eintreffe», laut Vorschrift, der Polizei übergab. Am dritten Tage nach meiner Ankunft sitze ich abends im Kreise der mir befreundeten Familie, bei der ich Wohnung genoriumn, am Samovar. Ilm 10 Uhr wurde ich hinnnsgernfen, ein Geheimpolizist wolle mich sprechen. Klopfenden Herzens gehe ich n»d finde einen Polizisten, der mir erklärt:„Sie müssen sofort mit ans die Polizei." Ich bitte den Hansherrn, nrir beizustehe», und er begleitet mich. Wir erklären dem Polizisten, wir kämen sogleich hin.„Nein," entgegnete der Mann,„Sie müssen mit mir koninKul" Also eine förmliche Verhaftung. In höchster Anfregnng fahren wir, in Begleitung des Beamten, nach dem Polizeibnrean. Dort war gerade eine grohe Verhandlung. Ein Manit protestierte eifrig dagegen, dah man ihn per Etappe verschicken wollte. Mein Herz war bis an die Stiefelsohlen ge- rutscht. Und eine halbe Stunde verbrachte ich so in Qual, Angst und Aufregung. Es war 11rz Uhr in der Nacht, da wurde der Mann ab- geführt und ich kam an die Reihe. Ich hatte inztvischen mein Ge- wissen auf das eingehendste untersucht, Ivelchcs Verbrechen ich tvohl begangen haben könnte, dah man mich um Mitternacht verhaftete. Aber init dem besten Willen koinite ich nichts finden. Ganz geknickt trat ich vor den Tisch des Beamten. Der nahm sofort meinen Pah zur Hand, auf dem ein roter Stempel glänzte, und gab ihn mir mit verbiudlichcin Lächeln. „Bitte, nehmen Sie Ihren Pah, er ist vollkommen in Ordnung." Ich stand und ivartete, was nun kommen ivürde. „Aber, es ist gut, Sie können gehen," sagte der Beamte wiederum in liebeusivürdigsten Tönen. Jetzt stieg aber doch die Galle ei» bihchen in mir auf. „Man läht doch keinen Menschen um Mitternacht verhaften, um ihm das zu sagen!" meinte ich in gehobcucin Ton. „Aber doch! Wir müssen spätestens am dritte» Tage Ihnen den Pah zurückgeben, und zwar Ihnen persönlich. Deshalb muhte ich Sie heute abend hierher bitten lassen. Nicht wahr?" „Herr...!" versuchte ich aufzubrausen. „Aber nun seien Sie ganz still und setzen Sie sich keinen Un- aunehmlichkeiten aus!" rief der kleine Beamte mit strenger Miene. Zähneknirschend ging ich von dannen. In dem Vorderz'imnicr stand mein Polizist in Civil, und zog die Mütze.„Das Trinkgeld, bitte," sagte er. jetzt sehr bescheiden. „Was lvollen Sie?" rief ich ganz baff vor Erstaunen. Doch in aller Gemütsruhe erklärte mein Mann:„Aber, Väterchen! Ich habe Dich doch hierher gebracht— und Du willst mir jetzt nicht einmal ein Trinkgeld geben?" Und ich gab I— — Sitzgelegenheit für Angestellte im Altert, im. Der „Münch. ANg. Ztg." wird geschrieben: Eine ganz nierkwürdige An- dentung einer Frage, deren gesetzliche Regelung in nnsren Tagen erstrebt wird, ist mir dieser Tage im klassischen Altertum begegnet. Was sagt das 20. Jahrhundert dazu, dah die Frage„der Sitz- und Ausruhegelegenheit für Verkäufer und Verkäuferinnen" schon vor soft zweieinhalb Jahrtausenden polizeilicher Verordnung unterlag oder jedenfalls unterliegen konnte? Es handelt sich natürlich nicht ganz genau um den Fall, der die Welt unsrer weiblichen Bazar- Angestellten bewegt. Erstens waren die damalige» Magazine anders eingerichtet; und man konnte auf dem athenischen Markt oder in den kleinen Buden von Pompeji nicht alles, von eingemachten Früchten bis zu orientalischen Teppichen, an einer Stelle kaufen, und dann sahen an und für sich die meisten Verkäufer und Verkäuferinnen im Altertum. Auf den pompejanischen und herkulaneischen Wandgemälden sitzen Handwerker und Verkäufer zumeist; sie stehen nur dann, Ivenn sie den Kunden, für die auch Sitzgelegenheit besorgt ist, etwas zeigen oder aufrolle». Nur ans einen: Relief im Vatikan(Laden eines Messerschmieds) stehen Vcr- käufer und Käufer zu Seiten eines mit Messern gefüllten Schränkchens, das in der Art ist. wie hausierende Solinger Meffer- schnnede sie noch heutzutage auf dem Rücken tragen. Da nun Per- käufer und Vertäuferinnen im Altertum meist Sitzgelegenheit hatten, so hatte dafür die Gesetzgebung nicht einzutreten; dah sich aber die Marktpolizei dann» zu kümmern das Recht hatte, können wir aus einer griechischen Komikcrstelle entnehmen. Die Athener waren bekanntlich grohe Freunde des Fischessens, die Fischhändler waren schon vor 2000 Jahren ebenso grob wie es ,hre berühmten iveiblichen Nachkommen in der Pariser Markthalle heut» zutage sind; sie sahen hochmütig da. liehen die gute» Athener warten und bedienten sie langsam. So erlieh also ein geivisser Aristonikos eine Verordnung, die ihm den Ruhmestitel eines zweiten Solon ein- trug: die Fischhändler dürften ihren Handel nicht mehr sitzend be- treiben, sondern mühten beständig stehen. Und wenn sie die Leute dann noch nicht flott bedienten, wollte Aristonikos sie auf einem Gen'iste stehend in unbequemer Lage verkaufen laffcn. Mag nun die Komikerstelle Persiflage sein oder nicht, jedenfalls läht sie er- kennen, dah die antrke Polizei das Recht hatte, sich unr solche Dinge zu bekünmicrn. Und wie sie dafür sorgte, dah das Publilinn vor Erinüdnng bewahrt wird, würde sie im umgekehrte» Fall geivih auch dafür gesorgt haben, dah die armen junge» Mädchen namentlich vor der Festzeit, wo sie besonders an- gestrengt sind, in den freien Sekunden Ansruhgelegenheit haben müssen— wenn es in dem Altertum nötig gewesen wäre. Die vor den Festen besonders angestrengten weiblichen MetierS des Altertums, als Kranzwinderinnen, Blrnnenhändlerinnen, Kopfbinden- Verkäuferinnen usw., hatten Sitzgelegenheit; und die Grieche» hätten niit Recht von Barbaren gesprochen, die solch' arnreS Mädel den ganzen Tag stehen lassen. Allerdings hatten die Ver« käufer des Altertums auch einen Vorteil, dah sie nicht so müde wurden: weibliche Wesen kauften selten ein, zumeist besorgten dies Männer. Die kaufen rascher ein und lassen sich nicht so vielerlei zeigen— um am Ende nichts zu kaufen, Ivie dies viele Damen thun.— Hygienisches. — G i f t st o f f in versilberten Glas- und Por« z e l l a» w a r e n. Der amerikanische Konsul in Mainz hat kürzlich an die Regierung der Vereinigten Staaten einen Bericht gesandt, worin er eine» schweren Vorivurf gegen«in deutsches Fabrikat richtet, der einer Aufklärung dringend bedarf. Es wird geradezu vor dem Kauf von versilberten Glas- und Porzellainvare» gewarnt, die be- sonders ans Frankfurt. Stuttgart und Berlin ausgeführt werden. Bei gewissen Arten dieser Ware wird das Silber angeblich durch ein galvanokanstisches Verfahren aufgetragen, das ein Eintauchen der Gegenstände in Bäder verlangt, die stark mit?ha»kalium versetzt sind. Die so behandelten Flächen von Glas und Porzellan sind mm nie- mals völlig glatt, sondern mit unzählige» feinen Sprüngen bedeckt. In diese setzt sich das Cyaukalinm fest und kann während der weiteren Be» arbeitnng nicht entfernt werden. Es ist eine natürliche Folge, dah der Gebrarich und sogar die blohe Handhabung derartiger Gegen» stände zu Vergiftungserscheinungen führen kann. Eine Firma hat angeblich diesen Teil der Fabrikation ganz nnfgegeben, weil sich schädliche Einflüsse auch bei den Arbeitern zeigten. Da das Cyan- knlinn, ein in Wasser sehr leicht löslicher Stoff ist, so läht es sich nicht ivohl denken, dah es nickt durch sorgfältiges Waschen auch aus dcir feinen Spalten sollte entfernt werden können. Trotzdem aber ist es zutreffend, dah die Herstellung dieser Waren ans Grund eines andren Verfahrens, bei denr überhaupt kein Giftstoff mehr zur An- Wendung gelangt, schokr mit Rücksicht auf die Arbeiter dringend wünschensivert ist.— 3lus der» Tierleben. — Der Gemsbock auf der Leiter. In den Mit- teilnngen des„Deutschen und Oestreichische» Alpenvereins" schreibt H. H e h:„Die nngeivöhnliche KIcttersertigkeit der Gemsen ist ztvar oft und oft gepriesen, ihre Kühnheit und Ausdauer, sowie ihre Leistungsfähigkeit unzählige Male bewundert worden, allein wer viel ins Gebirge kommt, wird doch manchmal durch neue Beobachtungen überrascht. In der Nacht vom 24. zum 2S. November war im Gesänse(Stciennark) starker Schneesall eingetreten, der auch noch Ivährend der ersten Tagesstunden des 25. airhielt. Als ich mit Herrn R. Pinkcr an diesem Tage im ersten Morgen» grauen bei lustigem Flockengcivirbel den Wasserfallweg empor- stieg, farrden wir vom Wasserfalle weg eine ganz frische Gems- sährte; das Tier muhte also unmittelbar vor uns gegangen sein. Dah dasselbe jede Biegung und jeden Zickzack des Steigs getreulich verfolgt hatte, erregte zwar unser Interesse, setzte uns aber nicht in Erstanneu: die Anlage des Wasscrfalltvegs folgt ja fast ganz genau einer alten Gemsfährte, die kühnen Springer haben also das erste Recht auf die Begehung dieses Wegs. Unser Interesse wuchs aber, als wir bei einer etwa anderthalb mannshohen, fast senkrechten Felsstufe sahen, dah der stahlsehnige Felsgeher nicht seit» ivärts ansgcbogen war, wo ihm Rasenbänke ein leichteres Empor» kommen gewährt hätten, sondern dah er getreulich auch diese Weg- stufe auf der Wcganlage genommen hatte. Unser Staunen er- reichte aber den Höhepunkt,' als wir zur erste» jener hölzernen Leitern kamen, deren drei in mehr oder weniger steile. mit schlüpfrigem schwarzen HnmnS erfüllte Rinnen eingefügt sind rnid die etwa 8, beziehungsweise 12, beziehungsweise 32 Sprossen besitzen. Das kühne Grattier hätte hier entweder seitwärts neben oder teilweise zrvischen die Leitersprossen treten können, es hatte dies aber nickt gcthan: die Fährte in dem ganz jungfräulichen Schnee zeigte uns, dah unser vierfühiger Vorgänger sich auch hier die Wcganlage zu nutze gemacht und getreulich jede dritte Leitersprosse zu paarweisem Hufansatze benutzt hatte und zwar ohne auch nur einnral von einer der zivar breiten, aber zum Teil durch die Benutzung ruirdgctretcneu und vom nassen Schnee schlüpf- rigen Sprossen abzugleiten. Die gleiche Bemerkung machten wir auf der zweiten, gleich nach der Emesruhe angebrachten und ebenfalls a»f der längsten, bis nnmittelbtu nn die Stcigbänmc führenden Leiter, deren Neigungswinkel geimh gegen 3c> Grad beträgt. Nicht cimnal hntte die Genise dns Neben- oder Zwischenterrain benutzt, sondern sie war ganz regelrecht ans den Leitersprosse» gegangen. Hier knapp n»> Fntze der 6l) bis 70 Grad geneigten Stcigbänme war das Tier nach links abgewichen sanch der alte Gcnisioechsel führt dort links), nm nnmittelb'ar oberhalb, nn der Ausmündung des Zelsstcigs. wieder znnl Wege zu kommen. Vielleicht war unser Vortrcter jener feiste, schon ganz im schwärzlichen Wintcrklcide prangende Bock. der uns dann später von« linksseitigen Gewände ziemlich gleichgültig und sehr„von oben herab" beäugte, und der erst, nachdem wir ihm in froher Laune einen lauten Morgeiigrnfe zugerufen, behäbig abtrollte.— Vielleicht haben andre schon öfter ähnliche Beobachtungen gemacht i die kühne» Grattiere leisten ja auch an schwindelnden Wänden und auf luftigen Graten ganz andres als das einfache Beschreiten von schiefliegenden, dicksprossigen Leitern. Allein dort sind sie auf ihren: ureignen Boden — eine Leiter aber ist ein menschliches Hilfsmittel, und ich hätte nie geglaubt, dast eine Gemse sich eines solchen bedient, würde ich den Beweis nicht selbst gesehen haben."— 4 Aus dem Pflanzenleben. SS. Die Heilkraft von P f l a n z e» b l ä t t e r n. Der Organismus einer Pflanze ist ebenso wie der eines Tiers nach einer erhaltenen Verletzung bestrebt, deren Gefahren abzuivenden und»ach Möglichkeit eine Heilung oder Ergänzung des verwundeten Glieds herbeizuführen. Es ist eine alltägliche Beobachtung, daß sich solche Heilvorgnnge an den Stämmen von Bäumen, die durch Zufall oder Absicht eine Verletzung erfahren haben, vollziehen, neu aber ist eine sorgfältige llntersuchnng, die der amerikanische Botaniker W a l l a c e über die Heilkraft bei Pflanzenblättern angestellt und in der Zeitschrift„Populär Science" jnntgeteilt hat. Er stellt sich die Frage, ob Blätter, die durch heftige Drehung ihrer Spitze oder auf andre Weise verletzt worden sind, mehr oder weniger erfolgreiche Versuche zu einer Ausheilung des Schadens machen. Das Blatt einer Pflanze ist ein Organ, daS zur Einatmung, Ausatmung und zur Anähulichnng sAssimilation) der anfgenommenen Nahruugsstofie bestimmt ist, es besitzt, wie jeder weisi, Adern und Rippen, die eine Säftevertcilung erzeugen, ebenso wie die Adern bei den Tieren. Längs des Blattrands verläuft eine besondere Ader, die jene inneren Rippen und Adern an ihren äutzercn Enden miteinander verbindet. In der That ist nun bemerkbar, dast an den verletzten Teilen eines Blatts ein Gewebe von frischem und gesundem Aussehen erscheint, dessen Entstehung nur einem HcilimgSvorgang zugeschrieben werden kann. Wichtig aber ist die Frage, ob das Blatt auch»ene Adern zu bilden vermag. Um diese Frage zu entscheiden, machte Wallacc folgenden Versuch: Es wurde ein Blatt des Giftsumach wegen der besonderen Zähigkeit und Lebenskraft dieses Baums ausgewählt und dann ein Teil der Blattspitze abgedreht, ohne das Blatt von denr Stengel loszulösen. Dies geschah in der Weise, das inöglichst viel Adern des Blatts verletzt Iverden«lichten. Zunächst stellte•sich heraus, dcch das Blatt die gcringftc Widerstandsfähigkeit gegen Verwundungen in einer Richtung parallel zu den Blatiadern besitzt. Zehn Tage»ach diesem im Sommer vorgenommenen Eingriffe betrachtete der Botaniker das Blatt unter einen: Vcrgröszrrnngsglase. Es zeigte sich, dah sich an den Wundräudern Haare gebildet hatten, die längs der Adern am zahlreichsten waren. Daraus ging hervor, das; auch die heilende Kraft zunächst der Adern am stärksten tvar, da diese eben die Kanäle darstellen, in denen die Stoffe zur Wiederherstellung des GewebS herangeführt werde». Nachdem noch eine Woche vcr- gangen ivar, erschien der nutzerste Blattrand verwelkt, während die Jnneutcile der verletzten Pflanze ein hellgrünes Aussehen zeigten, ein Beweis, daß sich ein neues Blattgrün gebildet hatte. Von einer Wiederherstellung der verletzten Adern selbst war nichts z» erkennen. aber es schien ein neuer Blattraud entstehen zu wolle», der durch die Entwicklung der frisch erzeugten Haare erkennbar gemacht wurde, während der übrige Teil der verletzten Blatlspitzc immer mehr verwelkte und schließlich abfiel. Nachdein in: ganzen 37 Tage vergangen waren, wurde das Blatt abgepflückt und unter ein Mikroskop gelegt. Eine Untersuchung ergab, daß ein sehr entschiedener Heilvorgang ein- getreten war. Alle die zerrissenen Adern und kleineren Kanäle waren durch einen neuen Rand vereinigt worden, der sich längs des Wund- risics gebildet hatte, und längs dieses neuen Rands ivar auch eine neue Ader zur Verbindung der innere:: Adern entstanden. Aus diesen Beobachtungen zieht' der Forscher folgende Schlüsse: In den durch gewaltsame Eingriffe verletzten Blättern spielt sich ein deutlicher Hcilvorgang ab. ES bildet sich eine neue Randader, während die nutzlos gewordenen Teile auf deren Aiißenseite sterben und abfallen. Die Heilung zeigt sich an: kräftigsten in den Zellen des Blatts, die längs der größeren Adern gelegen find.— Meteorologisches. — Ein glänzendes Meteor. daS durch einige besondere Erscheinungen anfficl, ivar au: Sonutagnachnuttag rttva nn: 4 Uhr 50 Minuten in Hamburg, wie der dortige„Korresp." berichtet, sichtbar. Es bewegte sich in ungefähr nord- südlicher Richtimg und zeigte während seiner mehrere Sekunden dmiernden Dnrchqncrung der Atmosphäre einen außerordentlich helle:: bläulichen Glanz. Nach- dem es ohne auf die Erde zu fallen, unter Erlöschen den Bereich der Lufthülle wieder verlassen hatte. blieb seine Bahn in einer langen leuchtenden Spnr sichtbar. Einen Moment bestand diese in einer scheinbar scharfen, schnurgeraden und schmalen, gelb leuchtenden Linie. Die zunächst bedentendc Helligkeit verlor dann sehr schnell an Intensität und der gelbe Glanz verschwand; zugleich verbreiterte sich die Linie zu einem Bande, daS mm in weißer Farbe mit der annähernden Helligkeit einer von der Sonne bestrahlten Wolke sich reichlich 10 Minuten lang deutlich erhielt und Nur ganz langsam an Helligkeit abnahm. Während dieser 10 Minuten verwandelte sich allmählich das gerade Band in eine flnßartig und unregelmäßig gekrümmte Schlangenfom:, wobei es immer breiter Und weniger scharf umrissen wurde, bis es sich nach längerer Zeit in einen langgezogenen Nebel auflöste, dessen schwacher weißer Schimmer immer undeutlicher wurde und endlich ganz verschwand. Da die Erscheinung gerade in die Zeit des Ucbergangs von der hellen znr dunklen Däinmernng fiel, so liegt die Erklärung nahe, daß das durch die Ncibnng nn der Luft zun: heißesten Glühen erhitzte Meteor an seiner Oberfläch« glühend gasförmige Substanzen entwickelte, die in der Bahn zurückblieben und sich bei nur kurzen: eignen Leuchten schnell zu flüssigen und dann festen Teilchen verdichteten, die als Staub in der Lnft suspendiert blieben. Während man dieses Selbst- leuchten bei nächtlichen Stenrschnnppenfällen sehr hänfig zu beobachten Gelegenheit sindet, ist die lange Sichtbarkeit der Spnr nainentlich in dieser Deutlichkeit nnd bei Tageslicht eine ungleich seltenere Erscheinung und wohl darauf zurückzuführen, daß der schwebende meteoritische Staub unten seitwärts von der für uns bereits unter den Horizont gesunkenen Sonne beleuchtet wurde. ähnlich tvie die Spitzen hoher Berge noch längere Zeit hell beleuchtet bleiben, wenn es in: Thal und in der Ebene bereits dunkel gc- worden ist. Von dem tief blan gefärbten Abendhinnnel mußte sich der Staub tvie eine strichförmige Wolke abheben. Da starker Wind ans Westen, also quer zu dem Strich webte, so wurde die gerade Richtung bald abgelenkt und die Umrisse unbestimmt. Schließlich reichten die wenigen»md zum Teil diffusen Strahlen der bereits weiter hinter der' rollenden Erde zurückbleibenden Sonne nicht mehr aus. um den gleichzeitig mehr und mehr zerftrenten Nebel für unser Auge«och sichtbar zu erhalten.— Humorisiisches. — Unter Kollegen. D r.: A.:„Dr. X... ist zum B a h n a r z t ernannt worden. Was sagst Du dazu?" D r. B.:„Hm, das ist eine Art E i s e:: b a h::- U u g l ä ck!"— — Bitter. Geck szu einen: Fräulein):„Verschmähen Sie inich nicht, ich würde Ihnen ein Licht sein in der Nacht des Lebens!" Fräulein:„Ich danke, ich brauche kein Nacht- licht!"—(„Meggend. hum. Bl") Notizen. —„Die Tochter des Herrn Fabricius" geht bereits heute im Schillcrthcnter in Scenc.— — Georg Engels hat seinen Vertrag mit deni Deutschen Theater gelöst.— — Die Titel der drei S ch w ä n k e v o n G u st a v K a d e l- bürg, die an: Sylvestcrabcnd in: Schauspielhaus in Scenc gehen, laute:'::„Das schwache Geschlecht",„DaS Pulverfaß" und„Der neue Vormund".— --„Sylvester nacht." ein Schwank von M c i l h a c und H a l c v y. wird im Lessing-Theater am Sylvestcrabcnd aufgeführt werden.— — Ein nencö A n f f ü h r u n g S v e r b o t kommt auS Kiel. Der dortige Polizeipräsident hat die Anfführnng der Operette„Frau Lientenant" am Stadtiheater nicht gestattet.— — W i l b r a n d t s Bearbeitung der„L y s i st r a t e" wird am Deutschen B o l k s t h e a t e r in Wien zur Anfführnng ge- langen.— — Theodor Brandt, der frühere Direktor des Berliner ResidenzthcaterS. gründet in Stuttgart ein neues st ä n- diges Theater mit ganzjähriger Spielzeit.— — lieber eine neue G e r b st o f f p f l a n z e machte jüngst Dr. P. Esser, Vorsteher des städtischen Pflanzcngartcns in Köln, überaus auzichcnde Mitteilungen in der Kölner Gartenban Gesell- schaft. Die ans dem Süden von Nordamerika stammende, perennierende Pflanze ist eine Ainpherart und heißt Ruinex hyrneno- sepaliis; in Amerika wird sie auch ivohl Cauaigreivurzel genannt. Ihre Eigentiinilichkeit besteht darin, daß sie in ihren Wurzelknollen einen hohen Gehalt m: Gerbstoff besitzt. Während Eichen- rinde z. B. nur etwas mehr als 9 Proz., Quebracho 22 bis 24 Proz. an Gerbstoff enthalten, weist die Canaigrclvurzel nicht weniger als 40 Proz. auf. Leider sind n:it den: Gerb« stoff 53 Proz. Wasser verbunden, das allerdings durch Trocknen auf 25 Proz. zurückgeführt werden kann, aber immerhin den Tran?- Port wesentlich verteuert. In Amerika hat sich nenerdiiigS eine Ge- fellschaft gebildet, die auf einer weiten"Fläche die Caiiaigrewnrzel angepflanzt hat und die Wnrzelstöckc zu Extrakt verarbeiten will. Wenn die leicht wachsende Pflanze bei uns sich als wintcrhart er- lveist, was Dr. Esser in: städtische» Pflanzengarten festzustellen ge- denkt, so könnte sie für sandige, unfruchtbare Gegenden von großer Bedeutung werden.— Verantwortlicher Redactenr: Paul John in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin