Hlnterhaltungsblatt des Dorwäris ?!?. 248. Sonntag, den 23 Dezember 1900 (Nachdruck verboten.) ii] Msrufia. Von W. G. K o r o l e n k o. „Die jakutische Wache. Sie müssen gehört haben, daß die Tataren wieder zu Gast kommen. Wenn wir jetzt an die schmale Stelle kommen, wo die Furt ist, können uns leicht ein paar Schrotkörner entgegenfliegen." Er lachte gutherzig und lustig auf. Aber als wir an die Furt kamen, empfingen uns keine Flintenschüsse, sondern eine Stimme rief laut meinen Namen. Wir blieben wie angewurzelt stehen. „Gottes Wunder," lachte der Pole,„was ist das? Sie müssen hier Freunde haben." Auf dem dunklen Fluß wurde die Silhouette eines Reiters sichtbar, der die Furt durchritt und ein zweites Pferd am Zügel führte. Er kämpfte siegreich gegen die starke Strömung, und nach einigen Minuten erkannte ich Stepan und meinen Flüchtling Sierow. „Ich habe ihn an der Furt aufgefangen." sagte er, auf mich zukommend,„gerade als er das Ufer betreten wollte. Ich habe gleich erkannt, daß es Ihr Pferd ist und dachte, Sie würden bald herkommen, sonst hätte ich es Ihnen bei Tagesanbruch gebracht." Ich drückte ihm»vanu die Hand und sagte:„Ich dank' Euch, Stepan I" „Aber das ist ja gar nicht der Rede wert! Aber wer ist das?" fragte er plötzlich und beugte sich im Sattel vor, um das Gesicht meines Begleiters zu sehen. „Ein Diener Gottes in menschlicher Haut," antwortete der Masur lustig.„Bin mit dein da mitgeritten, dachte, wenn Gott will, find' ich mein Pferd mich wieder." „Ah I Euch ist auch ein Pferd fortgelaufen? Schon lange her?" fragte Stepan etwas zerstreut. „Vor zwei Jahren während der Heuernte ist mir das elende Vieh weggelaufen und es soll sogar einen Reiter mit- genommen haben. Das Pferd, ua, also Gott sei mit ihm, aber wenn ich nicht noch nml für den Reiter einstehen muß." „Wie kommt Ihr jetzt hier her Stepan?" fragte ich, um den Witzen meines Begleiters, die nur unter den gegebenen Verhältnissen durchaus nicht am Platze erschienen, ein Ende zu machen. „Ich hatte Geschäfte bei den Jakuten", antwortete er ans- weichend und führte sein Pferd ins Wasser, ohne meine weiteren Dankesworte anzuhören. Wir machten Kehrtum, den wiedergefundenen Sierow am Zügel führend. „Was nianchmal Menschen für Glück haben!" begann mein Begleiter wieder in demselben Tone:„Könnte ich nicht auch in die Bande aufgenomnien werden?" „Was wollen Sie sagen? In was für eine Bande?" „Nun ja, also begreifen Sie denn nichts? Wozu ist der Stepan denn hier? Glauben Sie, er hält Wache, ob Ihr Pferd vielleicht kommt?" Seine Bemerkung berührte mich sehr unangenehm. Plötzlich blieb Pekarsky, der ein paar Schritte vor mir ritt, wie lauschend stehen. „Was giebt's?" fragte ich. „Ach, hvl's der Teufel I" sagte er,„ich habe keine Lust zu einer Begegnung in diesem Winkel." „Ja, wem wollen Sie denn hier begegnen?" fragte ich ungeduldig. „Und wen erwartet Ihr Freund denn an der Furt? Und warum Ivar denn Abrains Pferd heute den ganzen Tag angebunden und Abassows und Achmetows und Sajhalows?" „Mit Abrain ist Stepan im Streit." „Ja, freilich, sie streiten miteinander und dann stehlen sie alle zusammen." Unwillkürlich regte sich auch in mir ein leiser Zweifel, namentlich als wir an einer andern Stelle hielten, und mein Begleiter sehr bestimmt sagte: „Sie reiten über die Felsen, sie wußten, daß wir unten sind." Wirklich hörten wir über uns auf den Felsenvorsprüugen das Krachen von Zweigen und das Klappern von Pferde- Hufen. IX. Als ich am nächsten Morgen erwachte, kam mir das nächtliche Erlebnis wie ein Traum vor. Doch ein Blick auf den Sattel, der in der Mitte der Stube lag und die nassen Oberkleider führten mich in die Wirklichkeit zurück. Ich zündete mir eine Cigarre an und streckte mich be- haglich aus. Die Fensterscheiben waren dicht mit Schnee be- deckt, aber ich merkte doch, daß es Heller geworden war. Draußen bellte mein Hund, und als ich in meine dicken Filz- schuhe fuhr und ihm öffnete, sprang er freudig an mir empor und legte dann zärtlich die kalte Schnauze auf den Rand meines Lagers, als wenn er mich daran erinnern wollte, daß auch er an der nächtlichen Exkursion teilgenommen hätte. Im Hof wieherte mein Pferd, das ich zur Strafe an einen Pfahl gebunden hatte. Ich war in einer hellen, fröhlichen Stimmung und dachte mit einem gewissen Stolz daran, wie ich den Gefährten von meiner Arbeit für das allgemeine Wohl— denn das Pferd gehörte uns allen gemeinschaftlich— erzählen wollte. Aber bald stieg etwas in mir auf, das meine gute Laune ver- scheuchte. Wie eine kleine boshofte Schlange war es, sie zischte und biß und erinnerte mich fortwährend an etwas Trauriges, Ekelhaftes. Ja l Und diese Sache mit Stepan, fiel es mir plötzlich ein, und meine Freude verschwand. Sollte Pekarsky wirklich recht haben? dachte ich mit einem Gefühl der tiefsten Niedergeschlagenheit. Hat Stepan mir wirklich nur den Dienst erwiesen, weil er die Tataren erwartete. Hat er es in seinem kleinen Reich nicht länger aushalten können, und hat die prosaische Tugend seiner Marusia, die er einst in einer Sphäre, die ihm mehr zusagt, gefunden hat, und der unerträgliche Timocha ihn nicht länger zurückhalten können? Wollte er wieder ins Leben hinaus- gehen und frische Eindrücke sammeln? Absonderlich war das nicht. Hatte doch sogar dieser kleine nächtliche Ausflug auf meine Stimmung wie erfrischend und neubelebend gewirkt. Es ist so einsam und öde im Winter dort draußen. Aber was wird Manisia jetzt thnn? dachte ich weiter. Wie wird sich ihr Leben entwickeln? Wird es stürmische Scenen dort draußen geben oder demütige Thränen? Ver- söhnung oder Unterwerfung oder vielleicht gar eine Trennung? Wird sich das stille Häuschen am See in die Schatzkammer und den Pferdestall einer organisierten Diebsbande ver- wandeln? Und was wird Timocha thun? Wird er fortziehen oder seinen Geschäften nachgehen, ohne sich um die Wirtsleute viel zu kümmern? Und es kann ja nicht lange dauern, bis das Ganze der Regierung in Jakutsk zu Ohren komnit, und dann beginnt für das Paar die alte Geschichte: Lange Märsche unter Bewachung oder in Ketten, und dann das Ge- fänguis und schließlich die Flucht. Und das Häuschen am See wird zerfallen und auf den Gemüsebeeten wird das Un- kraut eniporschießen, wie in den Gärten, die man vor Jahr und Tag auf Befehl des Gouverneurs angelegt hatte. Ich hörte Schritte im Flur, ein frischer Luftzug blies durch die offene Thür und Pekarsky trat ein. Sein Acußeres erinnerte ein wenig an einen Zwerg; er war nicht groß, aber der Kopf war stark entwickelt und von einem dichten blonden Bart umrahmt, die Spitzen des starken, ungeheuer abstehenden Schnurrbarts sahen wie zwei Henkel aus. Seine grauen Augen funkelten, ein gewisser weicher Humor und ein ungeheures Wohlwollen strahlten aus ihnen. „Also stehen Sie auf," sagte er lachend,„und machen Sie mir Thee, Sie sollen was Neues zu hören bekommen l" „Was giebt's denn?" „Ja, was giebt's denn? Die ganze Niederlassung ist auf den Beinen I Schreckliche Aufregung!" Er schüttelte die letzten Schneeflocken von seinen Kleidern und fügte lachend und mit den Augen zwinkernd hinzu: „Passen Sie auf! Die Tataren werden jetzt sagen, Sie seien an allem schuld. Ich bin nicht dabei gewesen, nlerkru Sie sich das." Dann erzählte er mir die Nachricht, die sich wie ein Blitz durch die Niederlassung verbreitet hatte. In der Nacht hatten die Iflfarcn einen kühnen Rankizug in die Hütte eines Wohl- hobenden Jakuten unternommen. Sie hatten dabei denselben Weg gehabt wie wir. Sehr oft wnhten die Jakuten im Lorhincin von solchen Ueberfällen der Tataren, aber getvöhnlich gelang es diesen, die Ausnrerksamkeit der Feinde in eine falsche Richtrnig zu lenken. Dieses Mal hatten sie die Gegner wirklich genistet gestinden. Als sie die Pferde versteckt hatten und sich vorsichtig der Scheuer näherten. wurden sie mit zahlreichen Flintenschüssen empfangen und gleichzeitig bemächtigte sich eine andre Schaar von Jakuten der tatarischen Pferde. Im Handgemenge, das nun folgte, ließen sich zwar die Jakuten zurückdrängen, aber zwei Pferde und noch dazu die besten, blieben als Siegesbente in ihren Händen. Bei Morgengrauen waren die vier Tataren, je zu zweit auf einem Pferde, niedergeschlagen in die Niederlassung zurückgekehrt. Auch Abrmn Achmetsianow war darunter gewesen. Der braune Hengst, ans den er besonders stolz war, weil er der 'beste Renner in der ganzen Umgegend war, fehlte jetzt auf einem Hose. Wie ein gestörter Ameisenhaufen wogte die Niederlassung durcheinander. Die Thüren der Hütten schlugen den ganzen Tag auf und zu, Nachbarn und Nachbarinnen liefen von Hof zu Hof und hier und da hörte man die Tataren laut schimpfen.'Die tatarische Einwohnerschaft der Niederlassung war sehr zahlreich und eigenartig zu? sammengcsctzt. Kirgisen und Kalmücken waren darunter. Atschinskcr Tataren aus den asiatischen Steppen und die alten Einlvohner des Jrkntsker Gouvernements. Sie alle hatte der leidenschaftliche Hang zu Raubzügen, eine Leidenschaft, die die Kultur noch nicht hatte übe münden können, hierher gebracht, und die Religion und Not hielten sie zusammen; aber auch unter ihnen gab es Feindseligkeiten und Spaltungen. Jetzt, nach diesem unerwarteten Ereignis, zeigte sich die Demoralisation in furchtbarer Weise. Sie überschütteten einander mit Vorwürfen und Verdächtigungen und nannten sich gegenseitig Verräter, sie konnten es sich nicht vorstellen, daß die feigen, schwerfälligen Jakuten selbst die Initiative ergriffen hatten. „Und wissen Sie was?" sagte Pekarsky nachdenklich, während wir unfern Thee schlürften:„Lassen Sie vor der Hand nichts von Stepan verlauten." „Warum? Denken Sie an eine ernsthafte Untersuchung?" „Ach was. Untersuchung! Aber schweigen Siel" Und er fügte lachend hinzu: „Diesem Gerechten müßte ich jetzt eigentlich eine Kerze weihen. Ich habe ihn gestern vielleicht beleidigt." „Sie denken also, daß..." „Glauben Sie denn wirklich, die Jakuten haben daS allein gemacht? Niemals I Irgend jemand hat sich an ihre Spitze gestellt". Von diesem Tage an waren die Jakuten wie verwandelt. Der ersten tatarischen Niederlage folgten noch andre. Zweimal schleppten die Jakuten gefangene Tataren vor Gericht, und oft folgten sie ihren Feinden dicht auf den Fersen und erbrachten dann klare Beschuldigungen und Beweise. Nach dem ersten Mißerfolg waren Abrain und seine Freunde des Nachts auf den Schauplatz ihrer Niederlage hinausgeritten. Sie hatten im Dunkeln mit den Fäusten gedroht und die Auslieferung der beiden Pferde verlangt. Aber man hatte sie bloß ein- geladen, näher zu kommen. In der nächsten Nacht wagten sie sich nicht mehr hinaus. Verstreute tatarische Familien, die sich im Jakntengebiet angesiedelt hatten, verließen freiwillig ihre Wohnstätten und flüchteten in die Niederlassung. Die Jakuten, die früher schon vor dem bloßen Namen der Tataren Angst gehabt hatten und tatarische Kolonisten unterstützten und ihnen sogar Grund und Boden zuwiesen, entzogen ihnen jetzt jede Hilfe, so daß auch ganz friedliche Tataren, die nur infolge der zweideutigen Haltung ihrer Stammesgenossen den Haß der Jakuten auf sich lenkten, schwer leiden mußten. Zu dieser Zeit zeigte mir Abram den schwer heimgesuchten Metullah. Uebrigens zeitigte diese Wendung der Dinge auch noch andere schwerwiegende Resultate. Früher hatten die Tataren geraubt und geplündert, aber niemand erschlagen. Jetzt waren sie zu allem bereit, und bei den nächtlichen Streif- zügcn gab es oft auf beiden Seiten Verwundete. Eines Tags kam Pekarsky mtt sauersüßer Miene zu uns, er zog mit komischer Tragik seine Mütze und machte uns eine lächerlich tiefe Vcrneignng. „Können Sie Ihren Freund nicht irgendwie zurück- halte»?" fragte er, sich an mich wendend. „Wie nleinen Sie das? Welchen Freund?" „Den jakutischen General I Früher zogen die Tataren gegen die Jakuten, jetzt sangen sie an, in der Nieder- lnssnng zu arbeiten. Und wir sitzen hier unter ihnen wie Mäuse in der Falle. Heut' nacht sind zwei Speicher er- brachen worden. Einer von den beiden erbrochenen Speich ern gehörte dem Postmeister. Unsre Niederlassung bildete die letzte Station des Postwegs, und die Post kam einmal in zwei Wochen. Das„Amtsgebäude" sah elend genug aus. Aber der Post- meister war doch eine Art Beamter und bei be- sonders feierlichen Anlässen trug er sogar einen kleinen Degen. Zwar, was die Unantastbarkeit der Poftgüter an- belangt, so war seine Moral ziemlich eigenarttg; er betrachtete es, zum Beispiel, als sein gutes Recht, Gold rubel, die mau den Verschickten oder den Skopze» aus Rußland sandte, in Papiergeld umzutauschen. Aber er war ein tagendhnster Mensch und nach dem Diebstahl in scineni Speicher schickte er sofort einen Boten in die Stadt. Stepans Name ging von Mund zu Mund, trotzdem Pekarsky kein Schwätzer war und ich überzeugt bin, daß er niemand außer uns seine Gedanken anvertraut hatte. Sogar die Kinder auf der Straße spielten schon Tataren, Jakuten und Stepan, und bei den Kalmücken erzählte man sich an den langen Winterabende» Wuudergeschichteu von dem helläugigen Russen._(Fortsetzung folgt.) SonntsgsplAuvvLei. Ach Ivill nicht prophezeien: denn da behält man immer Unrecht. Aber ich habe doch den Argwohn, datz ivir mit dem nunmehr auch von den schärfste» Kopsrechnern zugestandene» endgültigen Ende des 19. Jahrhunderts das letzte Wcihnachtsfest feiern. Das wird, um es gleich vorweg zu nehme», nicht die Schuld des Weihuachtsmanus sei». Der bleibt, wie ich schon neulich mit- teilen konnte, der Sache— er sagte neulich wütend:„dem Schwindel"— schon diesmal fei«. Er hat sich inzwischen nichi eines Schlechteren besonnen und hat in einem Rimdschreiben sein lebhaftes, aber heuchlerisches Bedauern ausgesprochen, daß er nach Loge seiner Amtsgeschäfte nicht im stände sei, dem schönen Feste beizuwohnen. Zugleich bittet«. das ihm erwiesene Wohlwollen gütigst auf de» Berliner Weihnachtsmortt übertragen zu wollen. Der gut« alt« Herr scheint also nicht zu wissen oder nicht zu wünschen, daß die Groß- bazare inzwischen die Mission des Weihnachtsmanns— allerdings ?cgen Barzahlung— übernommen haben. Die eigentliche Ursache eines Grolls und seiner Menschenscheu aber liegt ivohl darin, daß man in unsrer aufgeklärten Zeit von Könitz nicht mehr an ihn glaubt. Schade drum I Wir haben eine Illusion weniger. An die Stelle der harzdnstigen und fchnee- luftigen Phanwfie bärbeißiger Güte tritt die zifsenr- mäßige Einsicht in die raffinierten Grausamkeiten des Produttions- Prozesses, in dem Millionen zum halben oder ganzen Tode verurteilt werden, damit ein paar Glückliche frei und reich davon komme». Ich tranro wehvoll über dies Berschivindeu einer lieben Märchen- gestaft, auf die Gefahr hin. von den emsthaften Kollegen im lolalcu und politischen Teil des„Vorwärts" wegen Verbreitung unsinnigen Aberglaubens aus der Partei ausgeschlossen zu werden. Indessen, es ist eben nicht die Flncht des Weihnachtsnmmis, an dem das Christfest sterben wird, nebst allen Kerzen, Fichten, Pfeffer- knchen, Trommeln, Puppen, Bilderbüchern und Karpfen. Es droht ihm eine größere Gefahr: die Industrie will eine ernstliche Agitation gegen die Feier entfalten. Ich ziveiflc nicht, daß der Bundesrat sich den wohlerwogenen Gründen der Industrie nicht widersetze» wird und alsbald durch einen Gesetzentwurf das Verbot des Weihnachts- festes anordnen wird und dann werden ivir die Herreu Pastoren von den Kanzeln gegen die gottlosen Orgien der WeihnachtsanZschweifiingen und Verschwendungen weltern hören. Herr H. A. Bueck, der Kommandaut des NeichSschfffs, hat in einem schönen und tiefdurchdachteu Schriftstück all die schweren Be- denken der Industrie gegen das Weihnachtsfest im Härmen des Central« Verbands gutachtlich zusaimuengestellt, und am heiligen Abend wird der Graf Posadowsky daS Aktenstück unter dem Weihnachtsbaum finden. Es hat aber den svlgendcn Wortlaut: „Seil geraumer Zeit beobachtet die Industrie niit wachsender Bc- sorgnis die schlimmen Wirkungen des sogenannte» Weihnnchtsfcstes, die es in nationaler, politischer, wirtschaftlicher Hinsicht nnsübt. ES ist eine vollkommene Vcrkennung der wirklichen Interessen der Industrie, wenn man zn Gunsten der Fortübung diese« gefähr- licheu und unftimigen Brauchs ans die mannigsächen Anregungen hinweist, die die Industrie aus der zn dieser Zeit üi die Erscheinung tretenden gesteigerten Kauflust empfängt. Die Industrie hat vielmehr umgekehrt das Interesse an einem regelmäßigeu, gleich- mäßig ans einer gewissen Höhe sich haltenden Geschäftsgang und hat nur Schaden von plötzlichen Springfluten der Nachfrage, denen nur eine um so tiefere Ebbe folgen muß. Außerdem giebt eS Mittel. Ilm das Weihnachtsgeschäft über das Jahr glcichniäszig zu verteilen. So könnte man z. B. an sämtlichen Geburtstagen der Bnndesfiirften und ihrer direktc» Nachkommen eine allgemeine Geschenkspflicvt ein- jnhrcn, und es wäre leicht, der Unzweckmätzigkeit kleiner und minder- wertiger Eiuzelspcnden dadurch abzuhelfen, daß sich die Massen unter Führung der Unternehmer in größere» Verbänden znsnmmenschließen, die dann mit vereinten Kräften einen migcmesienen Tribut an die Höfe entrichten. Auch wurde sich das Sed'ansest dazu eignen, daß an diefeni Tage sänrtliche Angestellten ihre» Chefs und sämtliche Beamten ihren Vorgesetzten entsprechende Zeichen ihrer Dankbarkeit widmen. Ans die Weise kommt Sinn und Ordnung in die Geschenksfeiern, wir erhalten die Gewähr, daß die Gaben stets nur würdige Personen treffen und die Industrie sowie der Handel erhält die Aufträge in größerer Regelmäßigkeit und Stetigkeit, abgesehen davon, daß so auch das Maß der Gesamt- aufwciidnngeu zweifellos steigen wird. Einen ganz besonderen Unfug sieht die Industrie darin, daß heute gerade diejenigen mit Geschenken bedacht werden, die gar keine Verwendung für sie haben: die Kinder, von denen es ja bekannt istj, daß sie in volkswirtschaftlich äußerst unrationeller Weise die Erzeugniffe der Industrie willkürlich und leichtsinnig zerbrechen und sonst zu Schanden macheu. Diese Einivcndungen sind aber verhältnismüßig harmlos gegen- über den furchtbaren polmjch- socialen Schädiginigen, die daS Wcihnachtsfest mit sich bringt. Die Industrie geht nicht so lveit, den Kultus des Stifters der christlichen Religion überhaupt zu verwerfen und zu bekämpfen, wenn auch dieser nicht ungefährlich ist. So ver- dient sich die ehrenwerten Herren der Kirche um die richtige und die Interessen der Industrie fördernde Auslegung jener alten Ucberlieferungen macht, ihr Einfluß ist doch nur gering in den Köpfen der Massen. Ihnen gilt der Stifter des Christentums als ein Revolutionär, der sich gegen alle Obrigkeit und Autorität ans- lehnte, der die Armen über Gebühr feierte und die Laster des Reich- tums und der Reichen in geradezu aufreizender Weise aufbauschte. Welchen Einfluß eine solche einseitige Auffassung ans die Halbgebildeten und de» Pöbel haben muß, bedarf keiner Erörterung. Und nur die Rücksicht auf die anerlenncnsiverten Bemühungen der Geistlichen bewegt die Industrie, ihre diesbezüglichen Wünsche einstweilen zurück« zustellen. Anders steht es um das Weihnachtsfest. Der notwendige Schutz der nationalen Arbeit erfordert es gebieterisch, daß dieses im Grunde ja auch heidnische Fest sofort und gründlich ausgerottet werde. Ist es schon eine üble Wirkung, daß Wochen lang durch die Schau- stellung glänzender Produkte die Begehrlichkeit derNichtbcsitzenden auf- gestachelt und schon das zarte Kindergemüt mit den Bazillen der Unzu- friedenheit und Mißgunst erfüllt wird, so ist der allgemeine Geist des Festes geradezu verhängnisvoll. Ein Blick in die socialdemokratische Presse, die stets mit besonderer Wärme gerade dieses Fest feiert— der eine Umstand sollte allein den Regierungen zu denken geben— eine flüchtige Musterung socialdemokratischer Weihnachtsartikel ge- nngt, um die gewissenlose Frnktifilation zu umstürzlcrischen Zwecken in ihrer ganze» Gefahr klar zu machen. Der Hinweis auf die all- gemeine Gleichheit und Brüderlichkeit, die Betonung des Jiltor- nationale», das im Nebelgefühl der Menschheit schweift, und vor allein die den uaturgesctzlichcn Kanipf unrs Dasein, den nationalen Bedürfnisien und den Interessen der Industrie gleichernraßen widersprechende Hninanitätsdusclci derFriedensanbetung müssen in den Revolutionären den Wahn erzeugen und beseitige u, daß sie die eigentlichen Vertreter und Vollender des von den höchsten Autoritäten des Staats auerkaunten und verbreiteten ChrislenlumS sind. Die Industrie, der Staat, die wirkliche Wcltordnnng weiß nichts von Gleichheit, Brüderlichkeit, Friede»— in der Ungleichheit, in der Unterwerfung, im Krieg liegt der Fortschritt der Kultur, der nationalen Wohlfahrt und Arbeit, die Sicherung von Thron und Altar. Das Wcihnachtsfest aber nährt— entgegen den Thatsachcn deS realen Lebens— unklare Hoffnungen, utopische Träume und m der Folge mnstnrzlerische Ideen. Es ist darum eine der dring- lichsten Ausgaben der Regierung, diesen von dem Staat selbst gespeisten Born der Revolution anszulrockae». Für die Vorbereitung eines diesbezüglichen Gesetzentwurfs stellt der Centralverband der Industriellen gern sein Bureau und seine Beamten zur Verfügung." Also, Kinder, feiert dieses Weihuachtsfest, als wäre es das letzte.—_ Joe. Atts ttva muMstliMr» WVockxr. I» Berichten über inusikalische Auffiihrnugeii, namentlich über Leistungen von Gesangs- und Jiistrumentalsolisien, hört oder liest man hänfig Keimzeichnlmgen der Schönheit oder llnschönhcit der einzelnen Töne. Es wird da gesprochen von dem iveichen Ton irgend eines Klavierspielers, von dem vollen Ton irgend eines Violinspiclers, von dem große» Ton des einen, dem kleinen eines andren, dem rauhen eines dritten Säugers. Ich furchte, wir bc- wegen uns da wohl alle auf einem recht schwaiileudeu Boden, und meine, es thäte eine Festigung«nsrer Begriffe hier sehr not. Auch in Berichten über bildende Kunst dürfte es nicht viel besser stehen;„weiche Farbeiigebling", transparente Lichter u. dgl. m. sind Vezeichuugc», die jedenfalls auf vorhandene Bei- schiedenheiten hinweisen, aber uns doch keine Sicherheit darbieten. Bei der wissenschaftlichen Theorie ist ivcnig Hilfe zu finden. Sie beschränkt sich höchstens darauf. Verschicdeuheitcn sinnlicher Er- scheinnngen, also der Töne, Farben usw. festzustelleil, die in diesen überhaupt liege», noch ganz abgesehen von individuellen Tugenden und Untugenden ihres Hervorbringens. Beispielsweise sind ni'it dem Begriff der Helligkeit weder die psychologische Farbenlehre noch auch die' Tonpsychologie genügend verläßlich zurechtgekouimcn. Die letztere begnügt sich z.' B. damit, den höheren Tönen etwas Helles, den lieferen etivas Dunkles, eventuell Diwipses zuzuschreiben ssogenannte„Siimesanalogie"). Allein hier muß hinfort hinzugefügt werden, daß verschiedene Sänger, ja selbst ver- schiedene Exemplare einer Jnstrumentenart„dunkel" und„hell" sein könne», abgesehen von der Tonhöhe; ja es mögen tiefere Gesangs- und Jnstrumentalstimmen einen helleren Klang besitzen als höhere. Im Gesang kommt noch die Verschiedenheit der Vokale hinzu: ei» hohes u ist dunkler als ein tiefes i. Noch mehr: ein und dieselbe Gesangsstünme kann auf einein und demselben Vokal in der Tiefe heller,' in der Höhe dunkler singen. Ein guter Gesang- lehrer ist im stände, die Skala aufwärts zu singen und dabei imuier dunkler zu werden(„Hören Sie,>vie ich in den Keller hinunter- steige?"). In der Tonpsychologie ist auch von Glätte und Rauhigkeit der Töne die Rede, insofern der Hauptsache nach manche— meist eben die tieferen— Töne, durch„Schwebungeu" ihrer.Obertöne" mit einander, raich oder selbst brummig werden, andre himvieder ohne diese Störung sich durch Glätte auszeichne».„Spitz" oder„scharf" sind hier im Wesen wiederum die Höhenklänge. Und dergleichen mehr. Uusre Aesthetikcn haben ebenfalls keine besondere Neigung, auf derlei Fragen einzugehen. Sic halten sich in der Regel einerseits an die„Ideen" und andrer- seits an die im engeren Sinn so bezeichnete», d. h. zusammengesetzteren Formen und verschmähen das mehr Elementare als daS bloß„Sinnliche", noch nicht eigentlich„Schütte". So bleibt für den praktischen Kunstbeurteiler nur übrig, sich schlecht und recht auf eigne Faust zu helfen, mit der Gefahr, aus dein Unbestimmten nicht recht heraus- zukommon, und mit ocnr hoffnnitgsvolleii Abwarten ans die künftige Herstellnug einer auch hier Auskunft gebenden psychologischen und ästhetischen Lehre von den Ernpsiiiduttgen. Fachleute vom Gesa». bieten hier noch am ehesten einen Eriätz und eine Anfklärting über laiidlänfige Mißverständnisse dar. Beispielsweise unterscheidet sich eine Allstiunne von einer Sopraustiinme oder ein Baß von einem Tenor dem Wesen nach nicht eigentlich durch einen tieferen Toninnsang und eben so wenig durchs Dunkle gegenüber dem Hellen, sondern durch eigentümliche„Dicke" des' Tons. Daß aber demgegenüber das Wesen des Soprans und des Tenors in einer„Dünne" des Stimmklangs liege, das läßt hin» wieder unser geivöhnlichcr Gebrauch dieses Ausdrucks nicht zu. „Dünn" ist danach ein Klang vielmehr etiva im Gegensatz zu einem „vollen", vielleicht auch„sonoren" Klang; jene Eigenschaft findet sich ivohl am ehesten dort, wo aus der Stimme oder dem iustrumentalen Tou eines Natursäugers oder Naturipielers(„Naturalisten"), eventuell eines Anfängers, noch nicht durch die Ausbildung die„Fülle", der Reichtum an„Qualität" seines Tones herausgearbeitet ist. Ein so vcrvolllominiieter Ton ist selbst im Leisesten ivohl auch„tragfähig" (was sich am bestell aus der Ferne, besonders im Bebenraum, er- kennen läßt), muß aber noch nicht auch„groß", geschweige denn „üppig" sein; er kann zeitlebens„klein" bleiben. Jedetifnlls lvird er mit dem Vorzug am ehesten den des„Kernige>t"verbiudeu, nicht„leer",„hohl" klingen. Dazu gehört vor altem, daß er„fest" ist, daß er„fest sitzt", »ich't schwantt, nicht flackert. besonders nicht„tremoliert", sondern „gleichmäßig hernnsgesponncn" wird, obschon Kenner zwischen dieser Eigenschaft und dem„Tremolieren"(einer oft sehr nachlässig ver- ivendeten Bezeichinuig) noch die Eigenart des„Schmetternden" ein« ichieben tmd zu den Vorzügen rechnen— eventuell wird selbst auch das„Vibrieren" gebilligt und vom„Treinolicren" unterschieden. Habe» wir den Eindruck, daß einem Ton gleichsam an einer Seite etwas fehlt, oder gar, daß er„spitz" ist. so bedauern wir, daß es ihm an„Rundung" maugelt, meinen damit aber vielleicht nichts andres, als daß er nicht voll ist. obschon ein Ton, der nichts „Eckiges" hat, sonder»„rund" ist, immerhin auch ver- hältnismäßig„leer" sein kann. Vielleicht aber ist mit dem„rund" bereits etwas gesagt, was wir meinen, wenn wir uns freuen, daß der Ton nicht„rauh" ist. Diesen Nachteil trägt er jedenfalls dann, lvemi ihm Un- gehöriges beigemischt ist, wenn sich also zum Beispiel jenes „Brummen" von Obertönen oder gar die Folgen eines unreinen Zusanuncntreffens nicht ganz gleicher Töne ciiisiellcu, oder wenn Geräusche mit zu hören sind— beim Sänger und Bläser Lusthanche, beim Geiger gar ein„Kratzen" und dergloicheu. Ist ein Ton von all dem in der Hauptsache frei, so begnügen ivir uns etwa, ihn „glatt" statt„rund" zu nennen; glatt kann auch etivas FlacheS sein, und„flach" sind manche sonst gute G.esaugstöiic(zumal wenn sie den Borzug,„vorne" zu sitzen, bis zu einer Armut an Resonanz übertreibe»). Ist ein To» von allen geränschartigen Beimischungen völlig frei, so wird er„überirdisch",„ätherisch" oder in einein besonderen Sinne„ideal". Je weniger die Obertöne sich mit hereindrängen, desto mehr nähert sich der Ton ebenfalls diesem Charakter, ivird aber zugleich ziemlich„leer". Im entgegengesetzten Fall, zmual tvenu die Rauhigkeit, in mehrfachem Sinn des Worts, die höheren Töne„schrill" oder„schreiend" macht, liegt ein schwerer Fehler vor. Es ist dies einer der stärksten Gegensätze gegen das ivaS wir von einem schönen oder wenigstens angenehmen Sinnes- eindruck unter allen Umständen verlangen müssen: die„Milde". Mild soll jeder, auch der dramatisch leidenschaftlichste To» sein, mag er nun leise oder stark, schwach oder kräftig, siitz oder herbe, sanft und zart oder aber energisch»nd heftig sein. Sagen wir statt „mild"„schön", so ist das hier Gemeinte ebenfalls getroffen, wenn wir nur nicht„schön" zu enge nehmen, und hinwieder nicht auf höhere als ans solche elementare Eindrücke beziehe». Charakteristisch kann dann ein Klang immer noch sein, in mannigfacher Weise, und er muß dabei nicht nur etivas„Mildes" charakterisieren. Dies wären einige ungefähre Andeutungen in einer Sache, in der ivir Bestimmteres eben noch nickt als Allgenieingut besitzen. Indessen kann wenigstens jeder Beteiligte, ja selbst Fcrnerstehende sie selber nachprüfen und zwar zum Teil sogar auch auf andren Enipfindnngsgebieten: der Geschmack von Speisen, von Cigarren zc. bietet in gewissen Grenzen Analogien dar. bei denen sich ersichtlich auch mit mehreren von jene» Bezeichnungen operieren läßt. An- geregt lvurden wir zu jenen Andeutungen durch die Eindrücke zweier air sich nicht eben bedeutungsvollen Konzerte: durch das der Violin- spielerin I u a n i t a B r ö ck m a n n und durch das des Klavier- spielers Edmond Monod. Bei beiden Künstlern gab ihr Ton erfreuliche Gelegenheit, über die besprochenen Vorzüge von Tönen nachzudenken. Der Ton der Geigerin ist„klein", je nach Bezeichmmgsart sogar„schmächtig", aber in der Regel„solid", „kernig", nur selten durch kleine Geräusche getrübt, und anscheinend recht tragfähig.„Mild" und„weich" ist er auch, aber vielleicht nicht eben„süß". Der Ton jenes Klavierspielers ist ebenfalls„mild" und„rnnd" und noch dazu sehr„zart". Auch„anmutig" mag er sein, ohne deshalb auch das Lob deS„Graziösen" verdienen zu müssen. Indessen geraten wir damit zum Teil bereits in eine Kritik der Ausdrucksweise des Künstlers hinein. Darüber wäre viel zu sagen: genug daran, daß Monod für Durchschnittsfordcrnngcn ü b e r dem Durchschnitt des landläufigen Könnens steht. Seine Hervor- holung einer Ivohl we»ig bekannten„Ana" von Bach(Manuskript auf der Hofbibliothek in Wien) machte miS mit einem durch Verbindung von Melodie, Verständlichkeit und künst- lerischem Ernst geradezu wnndersamen Stück bekannt. Für Stücke mit gewaltigen Höhen(selbst in Schuberts„Moment rnusical" As-dur) und subtilen Feinheiten(wie Schümanns „PapillonS") müßte der Künstler noch beträchtliche Studien und zwar namentlich auf dem Gebiete der Rhythmik mache». Auch Frl. Brockmann wirkt im Weichen, Lieblichen am besten. Allein mit der Solidität ist es noch nicht gethan. Etwas von einem kühnen, artistischen Schwung könnte ihr nicht schaden, etwas Frische, Ueppig- keit, man möchte sagen: etivas Sündhaftes I Vorläufig, vor einer Vertiefung ihrer Technik und sozusagen ihres künstlerischen Herzens, ist ihr jedenfalls Beschränkung ans das Vorspielen von Stücken an- zuraten, die nicht zu viel Gewichtiges enthalten.— Sie spielte mit dem Philharmonischen Orchester unter R e b i c e k, der im Eingang die Coriolan-Ouvertnre von Beethoven vortnig, und zivar so solide, so gleichmäßig, daß der strengste Mechaniker seine Freude daran haben koimte._ sz. Kleines Feuilleton. bl. Der Händler. Bei der Brücke am Museum hatte er seinen Platz. Es war kein angenehmer Platz. Der Wind pfiff von allen Seiten, und aus dem Wasser stieg es feucht herauf. Es gingen aber viele Menschen hier vorüber. Den ganzen Tag flutete die Masse auf und ab. DaS war die Hrnlptsache. Aber kalt ivar es doch, wenn man lange hier stand,— er lief hastig ein paar Schritte hin und her.— Dann zog er das Uhrwerk des kleinen Blechspielzeugs von neuem auf und setzte eS auf die Erde: Gravitätisch stolzierte der Strauß über den Damm. Der Chinese im Wägelchen drehte seinen Sonnenschirm, der Seehund patzte mit breiten Beinen dazwischen. Es sahen nicht viele Menschen nach ihnen hin. Sie hatten es alle eilig und hasteten vorbei. Sie hatten auch ihre Einkäufe schon gemacht, drinnen in der Stadt in den großen Bazaren, und die, die sie»och nicht gemacht, besaßen einfach kein Geld, nicht einmal genug für einen Seehund. Ja es war ein fauler Tag heute, oberfaul. Der Mann stampfte mit den Füßen, die ihm schon wie abgestorben am Körper hingen. Sieben Groschen eingenommen I— Ausgerechnet sieben Groschen, noch nicht einmal den Einkaufspreis hatte man raus, vom Verdienst gar nicht zu reden und dafür stand man hier den Tag über und hungerte und fror l Er warf einen verlangenden Blick nach den Kneipe», die drüben in der Burgstraße ihre hellen Fenster aufthaten. Wenn man dort mal'rüber könnte!'Ne ordentliche Tasse Kaffee, die mußte gut thun.— So was Warnres in'n Leib und den»'n halb Stündchen am Ofen sitzen und die Beine lang ausstrecken— aber nein man ja nicht.— Ja glicht denken so was.— nicht mal denken,— vom Denken zum Thun ist nicht weit, und er hatte das Geld wahrhaftig so lose, um es in den Kneipen zu ver- jubeln l Energisch drehte er den hellen Fenstern den Rücken und sah nach dem Museum hinüber, da war eS dunkel, da kam man nicht in Versuchung. Der Magen knurrte ihm aber doch. Er schüttelte unwirsch den Kopf. Mochte er knurren, er niußte sich eben gedulden, konnte sich Verantwortlicher Redacteur: Paul Joyn in Berlb 12- auch gedulden. In drei Stunden war es neun, dann hörte der Handel aus, dann ging eS nach Hause und zu Hanse gab es gleich Kaffee, sie heben ihm'welche» auf. Also, Ivozu die Aufregung? Er drehte sich wieder um und sah fast herausfordernd nach den hellen Fenster» hinüber; mochten die immer glänzen; ihm thate» sie nichts mehr. Dann lachte er plötzlich heiser auf; er dachte an seine Frau. Hatte die große Rosinen im Sack gehabt mit dem Sttaßcnhandel. Der sollte sie rausreißen aus allem Elend, der sollte womöglich noch was übrig lassen zu Weihnachten. Ach ja— Weihnachten! Kuchen— Weihnachten I Mochten die Jöhren froh sein, wenn sie am heiligen Abend'n Stück Brot in Kaffee stippen konnten; er konnte nichts dafür, daß er schon fünf Wochen keine Arbeit hatte und. daß hier auch nichts zu verdienen war. WaS ging sie Weihnachten an?— Ging es sie ivirklich nichts an? Warum ging es sie nichts an? Warum sollten seine Kinder keinen Weihnachten haben? Eine wilde Wut flammte in ihm empor. Da liefen sie alle vorbei mit ihren Paketen. So viel Geld kam unter die Leute, warum nicht etwas auch zu ihm? Warum kauften sie ihm nichts ab? Sie sollten kaufen— sollten— sollten.— Mit heiserer Stimme schrie er in das Publikum hinein:„Ran, meine Herrschaften, nehme Se sich'n Kaiser von China in seine Hofkutsche I Wer will'n Kaiser von China und'n vergnügten Seehund?" „Hat der'ne putzige Stimme!" sagte eine Dame und blieb stehen. Ihre Begleiterin lachte laut auf':„Er quakt wie'n Frosch, der heiser ist!" »'n Jroschcn der Kaiser von China I' Der Mann hielt ihr daS Spielzeug gerade unter die Nase.„Nehmen Se'n mit, schönes Fräu- lein, für ihren kleinen Jungen." „Pfui, wie empörend I" Die beide» Damen schreckten zurück und eilten weiter. Ein paar junge Leute, die daS Ganze mit angehört, schrieen auf vor Vergnügen»nd blieben stehen.„Beißt er?" fragte der Kleine und zeigte auf den vergnügten Seehund. „Wenn Du'» ärgerst, schnappt er zu." sagte sein Begleiter. „Ach wo. er is'n gutes Sich—»ich Ivahr Sie,— er is'n gutes Vieh?" Der Kleine stieß den Händler in die Seite, der fuhr mit einem grotesken Sprung zurück:„Na Sie Männelen— an- fassen iS»ich I" Dabei humpelte er auf einem Bei», als wäre er durch den Stoß lahm geworden. Die jungen Leute lachten auf, ein paar andre blieben gleichfalls stehen und stimmten in das Ge- lächter ein. „Ob er'n gutes Vieh ist, will ick wissen"— bcharrte der Kleine. Der Händler zwinkerte ihn von der Seite an: „Na— Fensterladen in'n Kaffee stippen thut er»ich." Brüllendes Gelächter. Der Händler schrie von neuem;.'» Jroschcn der Kaiser von China! Wer nimmt'» Kaiser von China mit?— n Jroschcn der Kaiser von China in seine Staatskutsche I" „Det is zu deicr!" sagte eine Frau. Der Händler fuhr herum:„Wat? Zu deier? Wenn'n Bülow man so billig kriegte, denn däht er sich freue»!" Die Leute lachten von nenem, ein Mann trat vor.„Her mit'm Kaiser von China!" Der Händler nahm ein Spielzeug aus seinem Tragekorb und wickelte es ein, dann ivandte er sich an ein junges Mädchen, daS verlangende Blicke auf seine Sachen warf: «Na, Fränleinche», was soll's denn sein?" Die Kleine ivieS schüchtern auf das Spielzeug:„Geben Sie mir doch einen Seehund!" „Schön, Fränleinche», hier iL'n Seehund— futtern Se n jnt!" „Mit Schlagsahne?" fragte ein Herr. „Ja, mit Schlagsahne."' Der Händler nickte und verzog das Gesicht. NeueS Lachen.— Der Händler steckte das Geld in seine Ledertasche, sein Herz schlug.... So, man konnte also doch noch Geschäfte machen, es war am Ende doch»och etwas mit Weihnachten? lind er fing von neuem an zu schreien, und seine Stiimne gröhlte und quiekte und grunzte in allen Tonlagen und sein Gesicht verzog sich zu imnier verrückteren Grimassen. „Geben Sie mir'n Kaiser von China!" sagte eine alte Frau. Die beiden Studenten, die auch stehen geblieben waren, gingen kopfschüttelnd Iveiter. Der ältere tippte an seine Stirne:.Ekel-' Haft— wie sich'n Mensch so zum Fatzke macheu kann— einfach ekelhaft I"— Humoristisches. — Gefährliche Statistik. Professor der Tech- n o I o g i e:„... Deutschland erzengt alljährlich eiwa Milliarden Ziegel. Demnach fallen auf jeden Kopf der Bevölkerung 5S Ziegel!"— — Diagnose.„Ich weiß nicht, was das ist, Herr Doktor, niein Man» spricht imnier im Schlafe!" „Ach, gönnen Sie ihm das— er wird wohl bei Tag nie recht zu Worte koimnen!"—, — Angenehme Aussicht.„Bitte, reißen Sie mir den Zahn— ich kann's vor Schmerzen nimmer aushalten!" „Ja. wenn S' nur den furchtbar d ü n n e n Hals nicht hätten— da derf ma' sehr achtgeben, daß der Kopf nicht mitgeht I"— _(.Flieg. Bl.") . Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.