Mnterhaltungsblatt des Vorwärts N?. 251. Sonntag, den 30. Dezember. 1300 U] HMQvufis. (Nachdruck vertoten.) Von W. G. Korolenko. (Schlub.) Aber Stepnn sagte das nicht. Im Gegenteil, seine Augen, die noch vor ein paar Minuten so kühn und trotzig der Gefahr entgegengeschaut hatten, die sogar herausfordernd gewesen waren, wurden trüb und traten förmlich in ihre Höhlen zurück; das Gesicht wurde blaß, und seine ganze Aufnierksanikeit konzentrierte sich auf die Zügel seines Pferdes, als wenn er über einen Abgrund reiten würde. Das Pferd wollte rascher laufen, es wieherte und der Schaum trat ihm vor die Zähne, der schöne Kopf bekam einen leidenden gequälten Ausdruck, während es nur langsam vorwärts konnte. Aber sein Reiter schien zum Automaten geworden zu sein, und die Hand ruhte schwer und fest auf denk Zügel. Maria schritt bald seitlich in einiger Entfernung von ihm und bald vor ihm. Ihre Stinime wuchs und wurde immer leidenschaftlicher. Und dieselbe Leidenschaft und dieselbe felsen- feste Ueberzengung sprachen aus Abrains Ton. Seine Herr- lichen Augen blitzten und schlugen förmlich Funken, die Stimme bebte und zitterte vor moralischer Entrüstung. Die Stimmen von Abraschka und Maria wurden immer lauter, das Lachen der Menge immer höhnischer. Ich hatte Angst, es könnte zu einer Katastrophe kommen, und lief rasch über die Straße, um unser Thor zu öffnen. Ich war überzeugt, daß Stcpan zu uns kommen würde und wollte ihn von unsrem Hofe aus schützen und die Menge zurück- weisen. Und wirklich lenkte er schon das Pferd um die Ecke, als plötzlich etwas ganz Unerwartetes geschah. Die schöne Tatarin, die sich immer so würdevoll benahm, ließ sich von ihrer Leidenschast hinreißen. Sie trat plötzlich vor und machte vor aller Welt in der Richtung nach Stepan zu eine schamlose Bewegung. In unsren Augen kann eine solche Bewegung immer nur die Frau selbst schänden, aber ich habe schon oft bemerkt, daß das Volk so etwas als eine schreckliche persönliche Beleidigung auffaßt. Es war auch hier so. Stepan zuckte zusammen, und einen Moment schien es, als würde sich sein Pferd sofort auf die Tatarin stürzen. Aber et hielt es noch im letzten Augenblick zurück, während es sich auf die Hinterfüße stellte. Die Menge teilte sich und machte freie Bahn und einen Moment später war Stepan unter dem Lärmen und Johlen der triumphierenden Menge in einer wirbelnden Schneewolke verschwunden. Das war ein vollkommener moralischer Sieg der einen Seite>md ein vollständiges Unterliegen der andern. Es war der Sieg des in seiner Einfachheit einheitlichen und in sich gefestigten Verbrechens über die schwankende, sich ihrer selbst schämende Tugend.-- Am selben Abend beschlossen mein Gefährte und ich. in die kleine Niederlassung am See hinauszureiten. Wir hatten beide das Bedürfnis, Stepan zu sehen, um ihm direkt oder indirekt unsre Sympathie auszudrücken. Wir machten uns vor Sonnenaufgang auf den Weg und waren bei hereinbrechender Nacht an Ort und Stelle. Es war jetzt schwer, die Landschaft zu erkennen. Rings- umher war alles verschneit, der Wald war ganz weiß, hinter ihm stiegen bei dem blassen Mondlicht die undeutlichen Konstiren der Felsen auf, der See war gefroren und mit einer dicken Schnceschicht bedeckt, nur an einer Stelle war ein immer wieder erneutes Loch im Eise, um Wasser schöpfen zu können. Me kleinrussische Hütte war leer und die Fensterscheiben dicht mit Eiskrusten bedeckt. Hinter ihr stand eine winzige jakuttsche Winterhütte mit schiefen Wänden, die wie ein Schnee- Haufen aussah; ich hatte sie im Sommer gar nicht bemerkt. Jetzt erglänzte ein Feuerstreifen hinter den kleinen Fenstern und aus dem Rohr stieg kerzengerade eine weiße Rauchwolke auf. Sie verlor sich hoch oben in der klaren Mondnacht. Alles war weiß, blaß und durchsichtig. Hundegebell empfing uns schon auS der Ferne, und aus der knarrenden Thür trat Timocha mit einer mächttgen Holzstange in der Hand, er schien sich auf die mehr zu verlasse» als auf sein Gewehr. Marusia empfing uns Höstich, aber Stepan war nicht da. In der Hütte war seine Abwesenheit kaum merkbar. Es war ziemlich eng, aber bequem und einladend, und Marusia und der Arbeiter schienen ganz behaglich zu leben. Sie wußten nichts von den Vorgängen in der Niederlassung, sie wußten nicht einmal, daß er hinübergcritten war. Wir er- fuhren, daß er oft wochenlang nicht nach Hause kam. Sein Leben schien sich mehr und mehr von der Hütte am See und den Beiden, die da wohnten, zu trennen. Wir mußten schließlich Marusia den Grund unsres Ve- suches erzählen. „Jetzt wird er's noch toller treiben", sagte Timocha. Auf die Näherei in Marusias Schoß fiel einc Thräne; es war ein Hemd, das sie für Timocha nähte. Zwei Wochen später erfuhren wir, daß Stepan nach den Goldgrübereien gegangen war. XI. Fast ein Jahr verging. Anfang Frühling, aber von einer andren Seite her, als gewöhnlich, kam der Assessor Fedesejcw in die Niederlassung. Er übergab uns Briefe und Zeitungen, dann bat er uns Platz zu nehmen und sagte: „Ja. richtig, was für eine unangenehme Geschichte l" „Was denn?" „Dort unten am See. So einen Kerl haben sie dort, Timofej oder so was AehnlicheS. Ein Arbeiter, der bei ihnen gedient hat, oder weiß der Teufel ivas er ist." „Ja, ein Arbeiter." „Er ist verwundet oder hat sich selbst unvor>'itig vcr- wundet. Eine geheimnisvolle Geschichtet Haben Sie gar nichts darüber gehört?" „Nein, nichts. Ist er schwer verwundet?" „Nein, leicht. Es geht ihm schon besser. Ich habe es von andren erst erfahren, sie selbst sagen gar nichts. War Stepan nicht bei Ihnen?" „Er ist längst nach den Goldgräbereien ausgewandert." „Ist gar nicht so lange her, daß er bei mir war. um sich einen Paß zu holen. Nach authentischen Nachrichten war es zwei Wochen vor diesem Ereignis..." Und plötzlich einen vertraulichen Ton anschlagend, fuhr er fort: „Unter uns gesagt, ich bin überzeugt, das ist seiner Hände Werk." Und mit einem listigen Lächeln fügte er hinzu: „Also da haben Sie's, Weiberherzen I Wissen Sie noch, was ich Ihnen alles vorgeschwatzt habe? Liebe. Idylle, Treue.... Und ich sage Ihnen, dieser Arbeiter ist häßlich, Qua... Qua... Also wie heißt es denn?" „Ouasimodo?" „Ganz recht. Ouasimodo. Ich komme gerade von dort, ich habe ein Protokoll aufgenommen." „Nun, und?..." „Er sagte, er sei selbst schuld, er habe unvorsichtig'mit der Flinte gespielt. Aber die Wunde ist so, daß das einfach ausgeschlossen ist.... Verstehen Sie?" „Und das Gefängnis ist wieder besetzt?" „Wie Heringe im Faß stecken sie dort," sagte er mit der gewohnten Handbewegung.„Und überhaupt, verstehen Sie meine Herrn, das ist streng vertraulich, ganz unter uns..." Er schaute nach der geschlossenen Thür hinüber und sagte: „Dann müßte man nämlich noch eine zweite Sache auf» rühren. Und es ist schade um den Geistlichen..." „Also wirklich? sagte ich.„Eine Landstreicher-Ehe?" „Woher ivissen Sie's?" „Ich wußte, daß sie die Absicht hatten, sich trauen zu lassen. Also es ist Stepan doch gelungen." „Wieso Stepan?" „Ja, ivem denn sonst?" „Also wer's gemacht hat. weiß ich nicht, aber er hat sich trauen lassen, der Arbeiter. Und so ein Kerl, sage ich Ihnen, und hat sich doch alles so großartig einzurichten verstanden I" Also sogar diese Bemühungen Stepans waren schließlich Timocha zu gute gekommen. Mir fiel Stepans Haß gegen Timocha ein, und was er übhr das listige Wesen des Alten gesagt hatte. Und doch war ich auch jetzt fest überzeugt, daß seine Rolle in der ganzen Sache rein passiv gewesen war, wie immer. Marusia hatte ihn einfach geheiratet. Zerbrochen, zu Boden geworfen, hatte sie noch einmal die Frau und die Wirtin in sich aufrichten wollen. Dazu mußte sie ihre Wirt- schaft erhalten und ihre Winkel, und zur Wirtschaft braucht man einen Wirt. Das war alles nichts andres als eine Schale, in die sich diese kranke Seele, wie eine Puppe ein- gesponnen hatte. Und übrigens. Wer weiß! Mir fiel der Abend ein, den ich mit ihnen draußen am Felde verbracht hatte. Tiniochas Erzählung und Manlsias heiße Augen und der schmerzliche Aus- druck ihres Gesichtes. Und ich dachte daran, daß in dieser Frau, die mit all ihren Kräften danach rang, die Bäuerin in sich zu erhalten, dieser typische Feldarbeiter vielleicht auch noch andre Saiten hätte anschlagen können. Aber das alles war mir zu unklar und nebelhast, um meine Hypothese dem Assessor Fedosejew auseinander zu setzen. XU. Ich habe vor kurzer Zeit einen Brief von dort bekommen. Eine nieiner Bekannten beantwortete ausführlich alle meine Fragen nach Menschen und Verhältnissen. „Uebcr Stepan ist es schwer, etwas Näheres zu erfahren," schrieb sie.„Btan hat förnckich an ihn vergessen. Maria, ihr jetziger Name ist Zacharowa. lebt noch immer„in der Hütte am See". Der Ort hat eine gewisse Berühmtheit erlangt, und die Regierung schickt gern Russen hin. von denen man hofft, daß sie sich mit Feldarbeit befassen werden. Es ist der verheißungsvolle Ausgangspunkt einer Kolonie geworden, die gewiß einmal Bedeutung erlangen wird. Marusia hat zwei Söhne; der eine ist schon ziemlich groß und ein prachtvoller Arbeiter. Beide sprechen kleiurussisch besser als russisch. Auch Timocha ist ein guter Arbeiter, aber alle Welt behauptet, daß Maria die eigentliche Wirtin dort draußen ist. Uebrigens be- handelt sie ihn mit allen äußeren Zeichen einer gehorsamen Gattin. Er trinkt manchnial ein bißchen und schlägt sie dann. Sie erzählt das gern. A. I.. die in ihrer Nähe wohnt, meint sogar, daß sie mit einem gewissen Stolz von den Schlägen spricht, die ihr Bauer ihr giebt." Sie hat sich aufgerichtet, dachte ich, als ich den Brief zu Ende gelesen hatte. Mir fiel wieder der junge verkrüppelte Lärchenbauer ein. Sogar diese Schläge l Wahrscheinlich dachte Marusia. daß sie in ihrem Heimatdorf doch auch irgend einen Timocha geheiratet hätte, wenn nicht all' das, was sie aus ihrer Sphäre hinausgerissen hatte... Und ihr Bauer dort, zu Hause, hätte wahrscheinlich auch getrunken und dann hätte er auch geschimpft und geschlagen. Es war eben einer von ihren Leuten der gesetzliche Ehemann. Aeder Mensch hat seine individuellen Glücksbegriffe. Während meiner Studentenzeit, in meiner Jugend er- zählte mir einmal ein Kollege folgende Geschichte. Er hatte plötzlich seine Lektionen verloren und war an die äußerste Grenze der Not gekommen. Er hatte schon zwei Tage fast nichts gegessen, als man ihm neue Arbeit antrugt Er schlich mühsam durch die Straßen in das betreffende Haus und dachte, daß er den Auftrag kaum würde ausführen können. Wenn er wenigstens ein Angeld bekommen würde, dachte er, einen Rubel, gerade einen Rubel. Und seine Einbildung malte ihm plötzlich ganz deutlich den gelben Schein. Mit dieseni Bilde vor Augen hörte er die Erklärungen des Bestellers an. Schließlich bot ihm dieser ein Angeld an und zog einen Zehnrubelschein aus dem Portemonnaie. Der Student schaute enttäuscht den Schein an, er hatte etwas andres erwartet. „Einen Rubel", sagte er mit stumpfer Gier. „Aber gestatten Sie." „Einen Rubel", wiederholte er mechanisch und eindring- sich,„einen Rubelt" Der andre zuckte die Schultern, und mein Kollege erhielt das Gewünschte. Und in diesem Augen- blick fühlte er sich vollkommen glücklich. Auch Marusia hatte vom Schicksal ihren Rubel ertrotzt. Ob sie wohl auch glücklich war? Uebrigens enthielt der Brief noch eine Nachschrift. „Ich habe A. I. Ihre sonderbare Frage wiederholt. Sie findet in Marusias Lachen nichts Eigentümliches, sie macht überhaupt den Eindruck eines vollkommen normalen Menschen." Also Marusia hatte sich wirklich aufgerichtet. Ich las den Brief zu Ende und vor mir erstanden die Bilder und Er- innerungen, die ich jetzt dem Leser erzählt habe. Die Nach- richten über Marusia bereiteten mir ein gewisses Gefühl der Genugthuung. die krampfhaften Anstrengungen dieses jungen gebrochenen Wesens waren also doch nicht einflußlos geblieben. Aber wenn ich jetzt die vergilbten Blätter durchsehe, auf die ich einst in kurzen Zügen Stepans Geschichte nieder- geschrieben habe, dann durchzuckt ein tiefes Weh mein Herz. Und von der Musterwirtschaft am See möchte ich.einen Blick hinüberwerfen in das Schicksal eines einsamen unbefriedigteu Menschen, der vielleicht schon längst irgendwo zu Grunde ge- gangen ist.—_ (Nachdruck verboten.) Nmevikanifchev Humov. Von I. C a s s i r e r. In den letzten beiden Jahrzehnten hat uns der amerikanische Humor oft und herzlich lachen gemacht, und auch jetzt noch erheitern uns die neuen Blüten, die er unausgesetzt treibt. Daß die Amerikaner eine humoristische Ader besitze», wird niemand mehr leugnen ivolle»; schwieriger ist es aber zu sagen, worin denn eigentlich der Humor unsrer transatlantischen Vettern besteht. Das ist eine teinesivegs so leicht zu beantivorteiide Frage. Auch der vor- liegende Aufsatz verzichtet darauf, diese Frage lösen zu wollen; er will nur in einigen Beispielen zeigen,' welcher Gattung der amerikanische Witz angehört. Da haben ivir in erster Reihe: den Humor der Ü e b e r t r e i b u n g. Im amerikanischen Humor scheint die Uebertreibung überhaupt das wesentliche Element zu sein. Die Dankees haben ja ohnedies schon den Ruf, eine Nation von„Aufschneidern" zu sein, und viele Aussprüche ihrer Humoristen sind ganz dazu an- gethan, diesen Ruf noch zu erhöhen. Ein charakteristisches Beispiel hierfür bietet der bekannte Schriftsteller Mr. Lolvell. Er erzählt uns von einem Neger,„der so schwarz ivar, daß mau mit Kohle auf seiner Haut einen Iveißen Strich machen konnte". Bei einer andren Gelegenheit spricht er von eine»! init Schindeln gedeckten Dache. dessen Schindeln„so täuschend wie Marmor angestrichen waren, daß sie im Wasser nutcrsanken". Der genannte Autor hat ans diesem Gebiete sehr viele Nachfolger gefunden, denn ein Schriftsteller vcr- sichert seine Leser allen Ernstes, daß er eine» Baum kannte,„der so groß war, daß es zweier Männer und eines Knaben bedurfte, wenn man bis zu seinem Gipfel aufschauen ivollte". Der- selbe vertraucnsloürdige Forscher berichtete ferner in seinen Reise- beschreibnngeu, daß er einst einem Boote begegnet ist, das von solch geringem Tiefgang war, daß man es selbst dort, wo nur ein ivenig Than gefallen mar, benutzen konnte". Ein andrer Reisender traf einen Man»,„der so korpulent war, daß wenn sein Schatten zufällig auf ein Kind fiel, dasselbe getötet wurde, denn so schwer war»ocü sein Schatten"! Freilich, solche Naturmerlwnrdigkeite» und solch wunderbaren Anblicken begegnet man nur in jener von der Natur so sehr begünstigten Gegend, die man elivas weg- werfend mit„da unten, im Osten" bezeichnet. Ganz im Einklang mit dein wunderbaren Charnltcr der wunderlichen Söhne von„da nuten im Osten" steht es, daß ein im zarten Alter von sünszehn Monaten stehendes Kind von Hause tveglausen wollte,„weil es gehört hatte, daß seine Eltern es Caleb rufen wollten". Leider berichtet die Geschichte nicht, was aus diesem viel- versprechenden Jüngling geworden ist. Ziveifellos wird er es noch einst bis zum Präsidenleu der Vereinigten Staaten bringen, wenn er es nicht vorgezogen habe» sollte, eine Forschungsreise nach dem Monde anzutreten. Es ist auch nicht unmöglich, daß er sich nach Kentucky begeben hat und dort die berühmte Salbe erfunden hat. die diesem Staate so große Berühmt- heit verschafft hat. und die von solch wunderbarer Wirkung ist. Hut zu»! Beispiel ein Hund durch irgend einen unglücklichen Zufall seinen Schwanz verloren, so braucht man nur auf die Stelle, an der der Schwanz saß, ein wenig von dieser Wniidersalbe zu reiben und— bald wird daran ein neuer Schwanz gewachsen sein. Vielleicht ivar aber auch er jener gewitzte Knabe, der einen alten Schwanz, den er gefunden hatte, tüchtig mit dieser Salbe einrieb und damit das staunenswerte Resultat'erzielte, daß am Schwänze ein zweiter Hund wuchs, der dein ersten so ähnlich war, daß man beide nicht mehr von einander unterscheiden konnte. Diese Geschickte erinnert an das Zeugnis, welches einst Josh Rillings über die Wirtjamkeit eines gewissen Haaröls ausstellte. Er sagte darin:„Ein paar Tropfen davon zerrieb ich auf dem Griff meines Spazierstocks, auf dem schon seit mehr als fünf Jahren nichts mehr gewachsen ist. Und waS war die Folge? Jetzt muß ich meinen Spazierstock jeden Tag am Griffe rasieren, bevor ich damit aus- gehen kann." Das sind nur einige wenige Proben des Humors durch Ueber- treibung. die sich aber sehr leicht noch vermehren ließen. Nur zwei kleine Blüten dieser Gattung, die wir in einer amerikanischen Zeitschrift fanden, wollen wir hier noch. anführen: Auf die Bemerkung, daß an eiueni gewissen Tag eine strenge Kälte geherrscht habe, erwiderte ein unverfälschter Aank'ee:„Kalt? Na, ich sollte wohl meinen, daß es kalt war. Ich kam an dem Abend nach Hause, steckte das Licht an und kroch dann in mein Bett. Dann wollte ich das Licht ans- blasen,— ja, prost Mahlzeit, das ging nicht mehr, denn die Flamme war gefroren,— ich mußte sie jetzt abbrechen." Die andre Er- zählung handelt von einem sehr merkwürdigen physiologischen Experiment. Ein Mann aus unsrer Bekanntschaft hatte seiner Ge- sundheit wegen sehr viel eisenhaltiges Wasser trinken müssen. Einst wurde er des Diebstahls einer Kuh beschuldigt und desWege» zu einet Gefängnisstrafe verurteilt. In, Ge- fängnis schnitt er ftch an seinem Arm eine Ader auf, und dem entströmenden Blute konnte er so viel Eisen entnehmen, das; er sich daraus ein Brecheisen verfertigte, mit dessen Hilfe es ihm auch ge- lang, sich einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Die Verbindung verständiger mit unsinnigen Bemerkungen oder allerlei Behauptungen, die mit ernsthaftester Miene vorgebracht werden, bringen den Hnnior der Ueberrasckung mit seinen überaus kölnischen Wirkungen hervor. Hierfür liefert uns Artemus Ward Beispiele. Er erzählt von einem jungen Mann, der von der Aushebung befreit zu werden wünschte und das da- mit begründete, dab er der einzige Sohn seiner verwitweten Mutter wäre,„die ihn unterstützte". An unrichtiger Stelle angewandte Ausdrücke oder falsch gebrauchte Fremdworte lassen diese Art des Humors entstehen. Artemus, der um seine Geliebte freit, macht dieser das Kompliment, datz sie wie eine.Gazelle" sei, und fügt dann erläuternd hinzu:„ich glaube, das sollen ziemlich hübsche Dinger sein". In der Hitze seiner Leidenschaft versteigt er sich zu dem Wunsche,„er möcklte Fenster an seiner Seele haben, damit seine Angebetete seine Gefühle auch sehen könnte".„Denn da drinnen wütet ein' so mächtiges Feuer, daß man in ihm alles Fleisch und sänitliche Rüben der umliegenden Ortschaften zu Mittag kochen könnte". Eine so heiße Liebeserklärung verdient aber auch eine glühende Antwort. Und Betsy bleibt die Anrwort nicht schuldig, sie schlägt nicht lange auf den Busch, sondern geht schnurstracks aus ihr Ziel los. Sic findet, daß gegen ihre Liebe weder der Vesuv noch die andren feuerspeienden Berge anfkonnncn können, und wenn Artcmns auch das meine, was er gesagt habe und mit ihr zusammengekoppelt zu werden wünsche, so habe sie bereits„eingehakt". Noch viele andre Beispiele dieser Art Hunior finden wir bei Artemns. Nach der Belagerung von Richmond begegnet er einem„farbigen" Pfarrer und fragt ihn:„Sind Sie sich auch bewußt, welch erhebendes Gefühl es gewährt, endlich befreit zu sein? Sagen Sie offen, lieber Herr Bruder, erscheint es. nicht auch Ihnen wie ein Traum, oder ist wohl jcniaud im stände diese erhebende Thatsache in ihrer ganzen Große zu erfassen?" Dhihig erwiderte der„farbige" Pastor, daß er eben einen Schnaps trinken wolle. Eine dritte Gattung des Humors, die wir den Humor der Philosophie nennen mochten, erinnert an tzie bekannten „Gedankensplitter" der„Fliegenden Blätter". Es isr amerikanische Art, Gemeinplätze und sclbslvcrständliche Dinge mit der ernslesten Miene von der Welt vorzutragen, als lväre soeben eine Entdeckung von allergrößter Tragweite gemacht worden. Oft äußert sich dieser' philosophische Humor in Form eines Epigramms, wie beispielsweise:„Viele Leute prahlen so sehr über ihre Ahnen und ihre Abstämmling, während doch gerade ihre zahl- reiche Rachkommenschaft das meiste an ihnen ist." Zu beiden Seiten des Occans findet man solche Leute, und in unsrem Zeitalter der „Snobs" sind sie keineswegs selten. Dod Diles' bekannte Aussprüche weisen viele derartige Aussprüche ans:„Es ist gottlos, am Sonntag zu betrügen: das Gesetz trägt dieser Thatsache. Rechiinng, indem es das Offenhalten der Läden verbietet."„Das Sinnbild der Wohlthätigkeit sollte ein Kreis sein, denn gewöhnlich endet sie dort, wo sie angefangen hat, nämlich— bei sich selbst." Josh Billings, der auch in Deutschland bekannt ist. hat diese Gattung des Hnniors vielfach bereichert. Sein Witz und seine Weisheit, die er in kurzen, treffenden Aphorisnien zum Ausdruck bringt, sind oft von ganz eignem Reiz und vielen seiner Aussprüche haftet noch der frische Erdgeruch an. Nach ihm„muß es doch furcht- bar sein, dumm zu sein, denn jemand kann dumm sein und braucht es nicht einmal zu wissen", eine Wahrheit, die den hohlköpfigen Stutzern und Gigerln unsrer Zeit nicht genug empfohlen werden kann.„Wenn ich gefragt würde," schreibt Billings,„was heutzutage die Hauptbestimmung des Menschen ist. so würde ich ohne Zögern antworten: Zehn Prozent". Seine Ansichten über weibliche Erziehung klingen aus de» Sätzen:„Ich zweifle keineswegs, daß es wohl möglich wäre, Frauen so zu erziehen, daß sie nicht mehr vom Kochen verstehen als viele Geistliche vom Predigen, und wenn sie so gebildet sein werden, daß sie eine be- liebige Stelle im Virgil vom Blatte herunter werden übersetzen können, dann werden sie auch ein Baby aus der Wiege nicht mehr wo anders hin setzen können, ohne ihm Schaden zu thun." Seine Behauptmig, daß es zwei Dinge in der Welt gicbt, auf die man niemals genügend vorbereitet ist. nänilich—„Zwillinge", wird tvohl niemand bestreiten wollen. Ebenso wenig die, daß Unglück und Zwillinge selten allein kommen. Aus diesen und andern pessimistisch klingenden Aeußcrnngen zu schließen, sollte man meinen, daß Josh Billings mit Sarah Ganip übereiustinunt, die das Leben für ein Jammerthal hält, in dem die Freude nicht zu finden ist. Dem ist jedoch nicht so, und er selbst warnt vor einer derartigen Auffassung:„Der Mensch ist zur Trauer geboren." Das war die private Meinung eines gewissen Bunis, eines Schotten, den man von Kindheit an zum Dichter erzogen hatte. Wir beide, ich und er, stinimen aber m diesem Punkte nicht übercin, was jedoch bei großen Geistern nicht selten ist...„Der Mensch ist nicht zum Trauern, er ist zum Lachen geboren". Durch eine absichtliche Vernachlässigung aller Regeln der Grammatik, durch eine willkürlich gewählte Orthographie und durch Ezcentritäten des Stils werden von amerikanischen Autoren mit Vorliebe starke Wirkungen auf die Lachmuskeln erzielt, und diese Ader des transatlantischen Hnniors, den man wohl den H u in o r der Orthographie nennen darf, gilt für Amerika geradezu als charakteristisch. Leider lassen sich hierfür keine Beispiele geben, da die Pointe des Witzes in der Uebersetzung verloren gehen müßte.—_ Kleines Feuilleton. tb. In den Zwölfen. Es liegt kein Schnee auf den Wegen, aber man spürt es doch, daß Winter ist, harter Winter. Eine dichte Eisschicht deckt den See. Dünn ist sie nur, aber sie ist doch da. Man hört das Wasser dagegenschlagen. Es gurgelt und stöhnt in den Tiefen und hebt sich immer von neuem, die Fessel zu sprengen. Aber die Fessel hält gut. Langsam gehe ich am See entlang. So still ist es rundum, still und tot. Schwarz steht der Wald und regungslos. Unter meinen Füßen raschelt das lvelke Laub, sonst nicht ein Laut. Auf dem Wrackholz am Ufer sitzen Krähen. Sie lassen die Flügel hängen und rühren sich nicht. Es ist noch früh am Nachmittag, aber trotzdem bricht bereits die Nacht herein. Drüben über den Bergen sitzt die Dämmerung und spinnt graue Schleier und wirft sie aus über Stadt und Land. Sie flattern und schweben nnd legen sich über Feld und Heide immer dichter nnd dichter, nur noch Sekunden, und die Dunkelheit ist da. Denn es ist Winter nnd die Zeit der Zwölfen, die Zeit der langen Nächte. Das Licht ist überwunden. Das Licht schinachtet in Kelten nnd Banden, die Finsternis hat gesiegt. Ein Windstoß konnnt vom Wasser her. Er jagt durch den Wald und wächst an und schwillt. Sturm I Die dürren Beste knacken unter seinen harten Griffen. Die jungen Tannen biegen sich, die alten wetterfesten Eichen ächzen und knarren. Tief, tief im Walde stürzt ein Baum. Und ich horche dem Liebe, das der Sturm sich singt; der Winter- stnrui, der Stnrin der langen Nächte. Und er singt von dem Kampf des Lichtes und der Nacht, dem uralten ewigen Kampf. Ein wildes Triumphlied singt er sich, wie dröhnendes Hohnlachen klingt seine Stimme durch den zitternden Wald. Von dem Frühling singt er, der die Erde deckte mit jungem Grün, von wogenden Aehrcnfeldern und duftenden Blumen, von all dem jubelnden Leben lachender Sommerszeit. Von der Sonne singt er, die so hoch am Himmel stand, so golden, so strahlend, und so schön, so siegcssicher m ihrer wannen lcbcnweckendcn Kraft. Und immer wilder wird sein Lied. Und er singt: Ich habe sie doch bezwungen! Ich bin der Riese aus Nebelhciin, der Stnrmriese, der Winterriese. Frost heißt mein Brnder, uicine Schivester die Nacht I Ich habe das Laub von den Bäumen gerissen, ich habe die bunten Blnuien geknickt. Ich fegte die Felder leer. Und iiiei» Bruder, der Frost, schmiedete eisige Fesseln und schlug das Leben in Ketten und Vanden nnd nahm ihm all seine Lebens- kraft. Und meine Schwester, die Nacht, breitete ihren Mantel aus, nnd er ist dunkel und dicht und läßt die Sonne nicht mehr scheinen. Ich habe das Licht besiegt. Der Herr der Erde werde ich sein! Biegt euch, ihr Bäume, wenn ich dahcrfahre mit Brausen, biegt euch vor mir bis zur Erde. Wer sich nicht biegt, den werde ich zerschmettern. Mein ist die Macht, ich bin der Herr, zittern sollt Ihr vor mir l So singt der Sturm. Und der Wald steht nnd hört ihn mit Beben, und das Leben hält seinen Atem an. Tod und Stille überall. Dichter und dichter wehen die Schleier der Nacht. Da— Da, drüben im Westen— ein Leuchten, es kriecht entlang an den Wolkcnrändern, hell— immer heller— die Wolken zerreißen— strahlend in goldner Glorie steht die Sonne da. Die sinkende Sonpe ivirft einen letzten Blick auf das Land. Und der ganze Himmel ein Flammenbrand— tiefblau, Purpur- rot, violett... Und die ganze Welt ein Flamnienbrand, lrcht- umwoben, goldunihancht. Und mitten in all der leuchtenden Glut der Wald, der starre, der tote Wald l Der tote Wald? Der lachende, lebende knospende Wald. An allen Besten hängt es dick und voll, schwellendes Leben quillt aus allen Rinden, junge Knospen, junges Grün. Und es ist ein Raunen m den Ziveigen, ein Wispern und Flüstern, wie von heimlichen Stimmen, ein Kichern und Lachen an allen Ecken und Enden. Die Sonne sinkt. Die goldne Glut verblaßt. Aber die raunenden Stimmen bleiben und flüstern weiter, und es klingt ihr Flüstern wie höhnender Spottgesang wie lockender Ruf zum fröh- lichcn Kampf. „Julzeit! heilige Zeit I Sonnenwende I Trotz dir Winter, trotz dir Tyrann, der du dich aufblähst als Herr der Welt. Schmiede uns in Ketten, eisiger Frost, hülle uns in Nacht ewige Finsternis; wir leben doch. Wir biegen uns unter deiner Faust, wir schweigen, wenn du daher fährst mit Brausen, aber wir leben doch. Wir warten auf unsre Stunde. Wir stehen kahl in Armut und Dürftigkeit. in nnsrem Innern aber quillt es und treibt Leben, daS du nicht töten kannst, Leben, das erst erstarkt unter deinen Ketten. Wir wissen, daß unsre Stunde kommt. Wir haben das Licht gesehen. Und wer das Licht gesehen hat, kam, nicht sterben. Trotz dir Winter, Trotz dir Tyrann! Was ist uns der Wahn deiner Herreugröfee? Julzeit, heilige Zeit. Sonnenwende! Aufwärts geht eS, dem Licht entgegen l— — Zittcrbcwcgungen deS KtzrperS und der Erde. In seiner Antrittsvorlesung zu der ihm übertragenen Professur der Physik an der Universität Leipzig sprach Prof. Dr. O. Wiener über die Erweiterimg unsrer Sinne und kam dabei auch auf die Ge- dankeniibertragungen zu sprechen. Wie erstaunlich die Leistungen von Personen sind,' deren Sinne durch Anlage oder Hebung an Empfind- lichkeit den Sinnen eines Durchschnittsmenschen überlegen find, das beweisen die Versuche der Gedankenleser. Der Gedankenleser empfindet die kleinsten Druckschlvaukungen der unwillkürlichen und mibewußten Zuckungen der führenden Hand derjenigen Person, die an ein Wort, einen Gegenstand, eine Handlung ge- sammelt und kräftig denkt. Die Leistungen des besten Gedankenlesers werden aber übertrofien durch einen Apparat, den der Psychiater Robert Sommer in Gießen gebaut hat, und welcher gestattet, die unwillkürlichen Bewegungen eines Fußes, einer Hand und insbesondere eines Fingers auszuzeichnen. Diese Kurven zeigen plötzliche Schwankungen, wenn z. B. das aus einer Anzahl Wahl- worte gedachte Wort ansgcsprocheu ivird, und verraten dieses dadurch. Der Apparat dient in erster Linie der Aufgabe, die feinen Unter- schiede verschiedener Nervcukranlheitcn zu erkennen. So sind die Kurven der Zitterbewegnugen des Alkoholikers andre als die des Paralytikers.— So gut wie die kleinsten Zittcrbetvegnngen des menschliche» Körpers, können wir auch die geringsten Schwankungen des Erdbodens mit geeigneten Instrumenten erkennen. Dazu dient unter andrem ein in nahezu horizontaler Ebene schwingendes Pendel, ein Horizontalpendel; es trägt an seiner Achse einen Spiegel, der daS Bild einer punktförmigen Lichtquelle auf eine mit lichtempfindlichem Papier versehene, durch Uhrwerk angetriebene Trommel wirft. Ein durch von Rcbeur-Paschwitz vervollkommnetes Horizontalpcndel er- zeugt auf der Trommel Kurven mit zum Teil gänzlich unerivarteten Perioden, deren Aufklärung uns die Kenntnis nichtiger Zusammenhänge verspricht. Bor allem zeichnet es Erschntternngen auf, die auch von weit abliegenden Erdbeben herrühren. So machten sich selbst in Japan stattfindende Erdbeben an den, in Straßburg auf- gepellten Justrmneiit bemerklich.— Naturtviffenschaftliches. — Ta st haare auf den Vordcrfüßen derSäuger. .Es ist allgemein bekannt", schreibt Frank E. Beddard iw�Nature", «daß Raubtiere und andre— namentlich nächtliche— Säuger in verschiedenen Teilen ihres Gesichts mit zahlreichen langen Haare», die man Tasthaare nennt, versehen sind. Die Schnurrhaare der Katzen sind wohl daS bekannteste Beispiel. Aber es ist nicht so all- gemein bekannt, daß bei denselben Tieren sehr häufig ein Busch lauger Haare, zu den, ein Ncrv läuft, auch auf dem Handgelenk vorhanden ist." Solche Tasthaare finden sich bei Lemuren, Raub- ticren, Nagern und Beuteltieren, im besonderen bei allen Tieren, die ihre Vorderfüße zum Klettern und Ergreife» der Nahrung benutzen, nicht aber bei Huftieren, welche ihre Vorder- beiiie nur als Laufbeiue benutzen. Im allgemeinen sind sie nicht sehr ausfällig, oft nicht einmal merklich dicker als die umgebenden Pelzhaare,'manchmal aber in der Farbe verschieden. So fand Beddard sie z. B. schwarz bei einem blaßbraunen Eichhörnchen und weiß bei ciner schwarzen Katze. Wo sie nicht in der Farbe vcr- schieden sind, kann n>ai, sie in ihrer größere» Straffheit und auch in der Verdickung der Nervenendigung fühlen. Bei einem neugeborenen Klctterbeutler waren sie deutlich vorhanden, aber bei einem Känguruh vdn entsprechendem Alter war keine Spur einer mit dicken Haare» besetzten Hauterhöhuug vorhanden, ebenso wenig wie bei Huf- tiereu.— Meteorologisches. 33. Ueber ein außerordentliches Meteor, das an nicht ivcniger als 2ö3 Stellen in 32 englischen Grafschaften, fcnier in Wales, ans der Insel Man und in Irland am 2l. Oktober gesehen worden ist, hat jetzt ein Mitglied der Britischen Astronomischen Vereinigung sämtliche Nachrichten gesammelt. Das Meteor erschien in einer Höhe von etlva 110 Kilon, etern über der Erde und legte mit einer Geschwindigkeit von 13 Kilometern i» der Sekunde eine sichtbare Bahn von 102 Kilometer» zurück. Die Größe des Feuer- ballS wird mit verschiedenen Ausdrücken wiedergegeben: so groß wie eine Cricketkugel, wie eine große Orange, ein Fußball, eine Kokosimß, ein Straußenei, ein Kindskopf, ein Laib Brot, eine Straßenlaterne. ein Viertellitcrglas; es ist auch mit einer großen, gut brennenden Cigarre verglichen worden. Andre Angaben.' aus denen eine bessere Vorstellung entnommen werden kann, schildern den Körper als viele Male größer als den Jupiter, größer als die VeiiuS. ein Fünftel oder ein Sechstel des Monds, ein Viertel deS MoudS, die Hälfte des Monds und sogar größer als der Mond. Es hat den Anschein, als ob in Wahrheit der Durchmesser des Meteors, wie er in den Gegenden, über die es gerade hinwegstrich, gesehen wurde, von der Hälfte deS Monds bis zu dessen Ganze» betragen haben muß, also geradezu eine ungeheure Raturerscheiunng dieser Art. Die Schätzungen der Helligkeit waren ebenso verschieden. Es imirde beschrieben: Heller als die Venus, gleich dem Licht des Monds im letzten Viertel und gar ebenso hell wie der Vollmond. Von dem Astronomen wird es nicht für unwahrscheinlich gehalten, daß sich der Glanz deS Meteors in einigen Gegenden Ivirklich bis zur Mondhclle erhoben habe. Die Farbe des Meteors war eine bläuliche. Fast uinnittelbar darauf folgte noch ein zweites von geringerer Größe und geringerem Glanz, das in der entgegengesetzten Richtung über den Himmel zog. Im Verlauf von 3 bis i Stunden wurden dann noch einige weitere beobachtet.— Technisches. — Lack aus Holz. Das Holz besteht im wesentlichen auS der Ccllulose, dem Gniudstoff der Zcllwandungen und dem sie im Laufe des Wachstums verdickende» Lignin. einem chemisch sehr wenig erforschten Gemenge von Stoffen. Die Verwertung des bisher nur als Beruureinignug des Zellstoffs bekannten, beim Kochen mit Sulfit entfernten Lignins strebt, wie von der„Tech». Rdsch." berichtet wird, ein patentiertes Verfahren an, nach ivelchcm Holz mit der doppelten Menge Anilin im Drucktopf auf 230 Grad erhitzt wird. Es tvird dadurch das Lignin oder die inkrustierenden Stoffe von der Ccllu« lose getrennt, welch letztere als Nebenerzeugnis gewonnen werden soll, sich aber tvohl zu», größten Teil zersetzen dürfte. Das Lignin ist in dem Anilin gelöst enthalten und wird aus ihm entfernt, in- dem letzteres zum größten Teil abdestilliert und dem Rückstand ein geeignetes Fülluugsmittel(z. B. Aether) zugesetzt ivird. Das ab- geschiedene, noch eine geringe Menge Anilin enthaltene Produkt bildet eine tief braun gefärbte breiige Masse, die schichtweise aufgetragen, langsam zu einer elastischen, stark glänzenden, harten und gcruchloscu Lackdecke eintrocknet.— Humoristisches. — A u f m e r k s a m. Theaterdiener(bei der Prennere zu einem Herrn im Parkett):„Der Herr Direktor läßt Ihne» sagen, eS wäre sehr ratsam für Sie, das Theater zu verlassen l" Herr:„Warum denn?" Theaterdiener:„Weil Sie dem Autor so auffallend ähnlich s e h e» I"— — Nobel.„Sieh nur, Mama, was für goldblondes Haar die Töchter des Arbeiters Schulze haben!" „Aber Irma, merk' Dir: bei Kindern von Tagelöhnern spricht man höchstens von semmelblonden Haaren I"— — In der Verlegenheit. Forst er(bei der Treibjagd): „Ihr Standnachbar, Herr Professor, hat mir soeben erzählt, Sie hätten eine Kuh totgeschossen!" Professor:„Nnfiun— Sie sehen ja, daß meine Jagd» tasche völlig leer ist!"— l.Flieg. Bl.") Notizen» — Die. L e i p z i g e r I l l u st r i e r t e Zeitung' hat dieser Tage ihre 3000. Rummer ausgegeben, die Schöpfungen Franz Stucks in gut gelungenen Holzschnitten zur Anschauung bringt.— — Benno' Jakobsons„Frauen von heute" geht am Silvesterabend im Nesidenz-Theater zum erstenmal in Sceue.— — Der„verein zur Förderung der Kunst" veranstaltet in Ge- meinschaft mit dem„Goetbe-Bund" am 17. Januar in der Philharmonie ein Goethe-Fest, welche« zugleich die Premiere von WolzogenS„lleberbrettl" bringen wird. Das lieber- brettl wird dann»och an zehn Jannar-Abendcn in der SecessionS- bühne als„Buntes Theater"„arbeiten".— —„Die Sybille von Tivoli", eine neue Oper von A I f r e d S o r m a n n. ist vom Berliner Opcnihaufe zur Auf- führung angenommen.— —„Im Namen de? Gesetzes", eine komische Oper von Siegfried Ochs, wirb am 10. Januar durch den„Berliner Opcrnverein" in der„Reuen Philharmonie" aufgeführt werden.— — MaScagnis neue Oper„Masken" gelangt am 17. Januar zugleich in Mailand. Verona. Venedig. Genua, Rom und Neapel zur Aufführung. Der Komponist wird der Aufführung in Venedig beiwohnen, da die Oper einen venetianischen Vorwurf behandelt.— — In Karlsruhe hat man dieser Tage ein auS Mozarts Jugendzeit stammendes. bisher nahezu unbekannt gebliebenes Konzert für drei Klaviere an die Oeffentlichkeit gebracht.— — Lola Seth scheidet am Schluß dieser Saison aus dem Verbände der Wiener Hofoper aus, um fortan dem Hamburger Stadttheater anzugehören.— —„C y r a n o de B ergera c" wird gegenwärtig von dem Komponisten Puccini zu einer Oper verarbeitet, zu der Giobbe das Libretto schreiben wird.— — DaS P r e i s a u s s ch r c i b e n für das R i ch a r d W a g n e r» Denkmal in Berlin ist fertiggestellt und gelangt vom 2. Januar ab zur Versendung.— Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.