Ilnterhaltungsblatt ves'Vorwärts Ztr. 2. Donnerstag, den 3. Januar 1901 «Nalbdniil onboten.) Der Napkl vom Hollerbrön. 21 Roman von R- von Seydlitz. Kastl warf sich ins Gras des Abhangs nnd starrte träumend vor sich hin. Unten aus der Wiese zog eine Schaf- Herde langsam vorbei. Die Wiese war frisch und grün, aber merkwürdig viel Scherben lagerten verstreut herum, alles graue, kurze starke Geschirrbrocken Der Münchener nennt das Lktobcrfestsamen. Denn es sind zerjcherbte Matzkrüge vom leytcn Oktober her. Richtig. Matzkruge waren es einmal gewesen, das sah er jetzt Und das gab ihm einen zweiten Gedanken von packender Grobe ein: die vielen Tausende von Hektolitern brauchten ja auch hunderttausende von Kehlen, um sie aus- zutnnken l Und dieser zweite Gedanke brachte in ihm ungefähr die Wirkung hervor wie ein fester Trunk aus frisch angestochenem s�af; es wurde warm und lebendig in ihm. ein angenehmes Summen und Prickeln belebte ihn. er warf plötzlich seine Kappe hoch in die Luft und lachte für sich hin. Denn eine so riesige Stadt wächst ja noch jährlich an und verbraucht darum jährlich immer mehr und kann auch jährlich mehr schaffen für auswärtige Konsumenten, denn das hätten die Biercxportwaggons wie die Geschirrbrocken dem Kastl gleich zu Ansang verraten können das meiste Münchcncr Bier rinnt in sremde Kehlen, entweder als Exportware oder als Reisekost zuströmender Fremdenmassen.— Also, schloß Kastl, müssen sie da jährlich mehr Brauer brauchen können — es konnte nicht fehlen, auch er mußte seinen Platz sinden. Und endlich tauchte in ihm ein dritter, noch klarerer und nicht minder wärmender Gedanke aus: daß ja all das viele Bier bereitwillig bezahlt wird, daß ja der Trinker der bereiteste Zahler ist. daß ein jeder oft das Letzte opfern möchte, um nur den gewohnten guten Tropfen zu haben Schneider, Schuster, Metzger und Bäcker, die frei- lich der Menschheit wichtiger und näher sind vom ersten znm letzten Tag,— die läßt man warten. Aber am Schenktisch tauscht man Münze um War?! das ist einmal gewiß, das Geschäft ist das flotteste, weil da auch das Geld am flüssigsten ist. Wie er sich das so hin und her überlegte, wurde ihm immer wärmer und heiterer zu Mut' er fühlte es. er hatte seinen Finger in den vollsten Topf gesteckt und begriff nicht. daß nicht alle Leute auf denselben guten Gedanken kommen konnten, den er gehabt halte,— Brauer zu werden. Es konnte ja kein vernünftigeres Beginnen geben. Da war weite Aussicht und guter, sicherer Gewinn, da konnte es nie- mals jehlen So lange Hopsen wächst und Gerste reift, so- lange Menschen Durst haben, und frohe Gesellen bei einander bocken— ist der Brauer und sein Gebräu dabei als erstes Erjordernis zum Dasein Mein I Was wär' die Welt ohne Bier I Und hier, in München, war die allerhöchste Hochschule der edlen Kunst, hier kannten sie allein und ganz genau das echte Geheiniiiis, den Gerstensast in herrlichster Art zu brauen, so daß sein Ruhm über die ganze Welt strahlte. Da mußte Geld und Ehre zu holen sein für einen jeden. der mit guiem Willen, einem gejchcidten Kopf und hartgearbeitetem Korper mit angriff l Was der junge Bursch, der da schwerklotzig im Gras lag, dunkel und halb unbewußt, aber richsig, herausfühlte. das-übersetzten die Gelehrten der Nationalökononrie oder die des Brauivesens in ihre respektiven Phrascnidiome; sie reden von der eminenten Bedeutung des Biers als Exportartikel und volkswirtschaftlichem Nähr- und Genußmittel, sie reden vom Gerstentrank als hochwichtigem Kulturfattor und historisch- aermanischer Errungenschaft von der beliebten„weittragenden Bedeutung"— kurz, sieredensehrschön. aber im Grundeist's nichts andres, als was der für seine Sphäre intelligente Bursch träumte, als er in Heller Sonne München, sein Ziel, die Stadt der Braukunst und des größten Durstes, vor sich aus- gebreitet sah, bereit, ihn in sich aufzunehmen. Auch er war dereit, sich hineinzustürzen und zu sehen, wo er durch Fleiß und Helles Aufnierken und Lernen wieder aus dem untersten Gewühl auftauchen würde zum Licht, um zu verschnaufen. Denn auch das fühlte er wie eine Art angenehmen GrauenS. das länn« durchwcbte. rauchende Ungeheuer wollte ihn nur einschlucken. um ihn womöglich zu verdauen. Aber dazu gehören zwei, und Kastl war schon auf der Schule bestrebt gewesen, sich nicht ver- bauen oder..unterbuttern" zu lassen; er hatte danach getrachtet, bei jeder Rauferei entweder den Gegner unterzudriickcn. oder doch wenigstens, ivie jener Pfarrer scharfsinnig unterschied, selber oben zu liegen. Aus seinen hellen Augen blitzte eS nach und nach immer kühner und munterer. Vom bier- getränkten Münchener Boden auf stieg in ihm eine Art von Rausch des Ehrgeizes, eine Begeisterung des festen Willens zu Kops. Wenn je ein kindischer Held der Naivetät einen tollen, ver» messenen Schwur gethan hat. etwas Abentciierlich-llnmögliches auszusühren, über das weise Feiglinge ihren Kopf schütteln, so war's der Kastl. Denn in seines Hoch- und Bühnendeutsch übersetzt, hätte er einen gewaltigen Monolog halten müssen, an dessen Schluß er in die blaue Lust der Theresienwiese hinaus die erschütternden Worte gerufen Hütte:„München, dich erkenne ich. ich weiß, wo du zu fassen, zu treffen bist, ich weiß den Schlüssel, der mir alles öffnet, ich kenne das Zaubcrkraut, das mir deine Reichtümer zeigt und herbeizieht, sich' dich vor, große Stadt, ich. der arme Schlucker, sage eS dir voraus, ich, der junge fremde Bursch hier draußen, trete in dein Thor ein mit dem festen Willen und den« besten Talent, in dir mächtig zu werden und zu wachsen, bis ich einst deiner Herr sein werde i du bist gewarnt, wilde, große, unfreundliche Masse da vor mir: jetzt bereite dich vor zum Ringen l" Und lvas dergleichen Schönes noch sonst in Schauspielen gesagt zu»Verden pflegt. Aber Kastl vermochte nicht, seinen Gefühlen solchen Ausdruck zu geben; und von dem Marsch. der Aufregung und Freude und von der so nahe vor ihn» liegenden Erfüllung seiner Hoffnung nach und nach betäubt,— schlief er friedlich ein. Er überließ es dabei weishcitsvoll seinem Genius— denn jeder Eroberer seit JuliuS Cäsar hat einen solchen— jene Rede an München z,» halten und das Münchener.Kindt auf das nahende Schicksal in Gestalt des Hegcbart-.Kastls aus Allersdorf. Bezirksamt Spalt, aufmerksam zu machen. Der GeniuS»»»»ßte offenbar feiner Pflicht getreulich nachgekommen sein und bereits in den Seele» vieler Münchener begeisterten Anhang geiveckt haben! denn es erscholl vom nahen Bavaria- keller her plötzlich ein vielhundertstimmiges dreifaches Hoch. Kastl erivachte und rieb sich die Augen. Er war weit entfernt, das Hochgcschrei eines im Kellergarten Versammelten Turnvereins auf sich zu beziehen, denn er ivnßte ja von der Rede und Kriegserklärung seines Genius nichts i aber er verspürte Hunger und brach auf. um nun ernstlich und festen Schritts in die Stadt ein- zuziehen. Der Marsch ins Herz von München»väre eigentlich ein eignes Kapitel»vert. Denn die Sache glich auss Haar der Odyssee; eine köstliche Irrfahrt»var's und die Nymphe Kalypso fehlte auch keinesivegS. wie sogleich berichtet werden soll. Zunächst zog thn das Riesengebände an. das am Ende der Layerstraße steht und jedem Münchener als Pschorr- brauerci bekannt ist. Danials»varen gerade die mächtigen Neubauten karun vollendet. und Kastl ahnte nur aus der Konstruktion des Ganzen den Z>veck. Also»vieder eine große Brauereil Das Ding stieg ihm iminer mehr zu Kopf. Erhobenen Hauptes schritt er die Bmicrstraße hinab. blickte stolz über viele Faßfnhrcn hin. die die Straße entlang zogen. und nahm sich vor,»licht zn arg zu erstaunen über all das verivirrend Große und Scltsaine. Die Häuser wurden immer höher, die Tramlvagen klingelten— und die Menschen hasteten in gedrängter Menge an ihin vorüber. Aber Kastl hatte ein Palladium gegen all das in sich: sein sroheS Hochgefühl. auf dem Weg zu seinem Ziel zu sein. Er überwand also glücklich eine natürliche Neigung, überall Maulaffcn seil zu haben, und schlug sich tapfer durch bis auf den Bahnhofplatz.— Aber da wurde es ihm doch etlvas zu bunt. Da fuhren die Tranüvagen links nnd rechts, und große Omnibusse»nit vielen Leuten und Koffern rollten eilig davon, dazu Lastwagen. Karren. Droschke»» und elegantes Privatgejährt I Der Bahnhof— das alte Gebäude mit seiner Krcuzgangsront düntte ihm ohne Maßen herrlich, und, da c§ nicht regnete, war der weite Platz trocken und gangbar. Drüben, schrägüber, aber war etwas Besonderes im Gange. Denn von da tönte aus einem Wirtsgarten prächtige Blech» nmsik. Das war der Sterngarten. Ich weiß nicht, ob je ein bayrischer Landmann, seit der Sterngarten existiert, in München angelangt ist, ohne dies feuchte Fleckchen zu betreten, ehe er sich in die tieferen Ge- Heininisse der Großstadt verliert. Kundige behaupten zwar, daß in> Königreich eine ziemliche Partei existiert, die, vom Bahnhof hervortretend, sofort irgend einen Passanten anredet: „Sie, wo ist denn da der Schimmelwirt?"— die also diesem Wirtshaus den Vorzug geben. Aber die Majorität zieht in den Sterugartcn, gegenüber dem Bahnhof, wo die ver- trauenerweckcnde Musik unter den Bäumen hervorschmettert; das ist sicher und konstatiert. Das Blechgetön ist eine der besten Ideen dieses Jahrhunderts, denn es zieht unwidersteh- lich jedes Herz an, das unter einer grauen oder roten Guldenknopsiveste schlägt. Im Begriff, den brandenden Ocean den Großstadtlebens zu betreten, zagenden Fußes und mit un» sicherer Haltung des langen Steckens, tritt man auf den Platz. Da plärrt von drüben vergnügt das harmonische Blech, und unter den grünen Zweigen klappern die Krüge: da soll einer Wider- stehen! Kastl machte gar keinen Versuch zu widerstehen; nachdem er entdeckt, daß die Musik nicht einem Hochzeitszug angehörte, sondern festsaß, und nachdem er besonders scharf beobachtet, daß Eintretende kein Entrecgeld entrichteten, faßte er den weltmännischen Entschluß, sein Mittagbrot einmal unter rauschender Musikbegleitung zu verzehren und sich den nötigen Mut zu holen für alle weiteren Fahrten. Diese weiteren Fahrten waren ja ohnedies etwas schwieriger Statur. Denn daß nicht jedermann in dieser sakrisch großen Stadt wissen konnte, wo der Ohm Ringelmann wohnt,— das hatte er schon einsehen gelernt. Und dann hatte er nur noch ein zweites Ziel: die Brauerherberge, von der er ein- mal vor Jahren zufällig den Namen gehört hatte; na, die wäre am Ende zu finden,— denn den Namen der Gasse wußte er auch.— Aber jetzt vor allem hinein! Und essen!— Eben wollte er das Thor zum Garten betreten, als er hinter sich eine Stimme hörte, die ihm so bekannt vorkam. Er horchte darauf. Es war eine weibliche Stimme und Plötz- lich stand ihm die vorjährige Hopfenernte zu Haus vor Augen I Dort mußte er, in jenen fröhlich-ausgelassenen Tagen, dies Gerede schon einmal gehört haben. „No,— mir war's gnua I" Zum Teufel nochmal— das Wort kannte er doch, die Stinime kannte er ja-- Und, ehe er sich zum Umwenden ermannt hatte, um die Sprecherin zu sehen, tönte die alte sonderbare Phrase wieder: „No, mir war's gnua I" (Fortsetzung folgt.) Nns drv mnMnlislhen LVoche. Eine„miisilalischc Neujahrsbetrachlung" findet kaum eine gc- wichtigere Frage vor als die: wie ivcit steht es jetzt mit der Heran- bringnng der Tonkunst an die größere» Vollskreise? Dafür scheint nicht bald ein Unternehme» so aussichtsvoll angelegt zu sei», wie die„Volks-Siiigalademie" zn Dresden, Schon ihre Zusammensetzung ist bemerkensivert. Angeregt durch das Gefühl des Mangels jedes künstlerisch-musikalischen Einflusses auf die Arbeiter- sckrnft bildete sich im Herbst 1900 jene Akademie und zwar ohne feste Vereinsformen. Eine größere Zahl aktiver sinnsiziereiider) und eine kleinere Zahl passiver'(hörender) Mitglieder, deren jedes 10 Pf. Wocbenbeitrag zahlt, haben einen sünfglicdrigen Vorstand geivählt, der sämtliche künstlerischen und geschäftlichen Angelegenheiten selbständig besorgt. Von allen gesellschaftlichen Beziehungen, von Fest- lichkeiten u. dgl. tvird vollständig abgesehen, dagegen das Erscheinen zu den Uebnngcn mit auffallender Strenge überivacht. Eine eigcnt- liche Förderung von Parteiseite ist dem Unternehmen bisher nicht zu teil geworden, ivohl aber haben sich künstlerische Kräfte für die Sache interessiert, und in dem früheren Mitleiter des Nicode-Chors, Jo- Hannes Reichert, hat die„Volks-Singakademie" ihren Dirigenten und überhaupt ihre» künstlerisch leitenden Geist gefunden. Die aktiven Mitglieder bilden einen gemischten(aus Männer- und Francnstimmen bestehenden) Chor, dessen Leistungen also doch ivohl die Hanptthätigkcit einer solchen„Singakademie" bilden iverden. Vorläufig aber scheint man einer öffentlichen Produktion noch ein gründliches Einübe» vorangehen z» lassen. Wie ich höre, befürchtete inan anfangs, daß manches noch Fremdartigere in den zu studierenden Chören abschreckend wirken werde, doch steigerte sich mit jedem weiteren Eindringen in die Eigenart der musikalischen Objekte auch das Interesse der Beteiligten. In die Oeffentlichkcit trat die Akademie einstweilen mit fremden und zwar instrumentalen Lirästen. Das erste„Sinfonie-Konzert" fand am 17. November 1900 statt. Sein Programm, historisch aufgebaut, war eine im ganzen geschickte und nicht übel abgerundete Auslese aus Haydn, Mozart, Beethoven, Weber und wurde ergänzt durch eine bescheiden gehaltene und doch für ein erstes Eindringen genügende Erläutening, die im Preis der Eintrittskarte zu 25 Pf. einbegriffen war. Der Verkauf der Karten lediglich durch Arbeitervercinignugen sicherte vor einem Ergebnis wie jenem im Hoftheotcr zu Weimar, in welchem neulich zn einer für Arbeiter bestimmten Vorstellung die Karten auf dem Wege des öffentlichen Verkaufs in ganz andre Hände gekommen waren. Der Erfolg des Dresdener Konzerts scheint, nach den etwa 2500 Nach« fragen, von denen nur 1700 befriedigt werden konnten, und nach den uns vorliegenden Zeitungsberichten zn urteilen, imponierend geivesen zn sein; die vornehme Rnhe, die spccicll gerühmt wurde, ist ja von solchen Veranstaltungen her bekannt. Das zivcite Konzert soll an» fangs Februar 1901 stattfinden und Mozarts Es- änr- Sinfonie bis zu einem Schumannschcn Quartett eine Auswahl ans klaisischen und romantischen Werken bringen. Im April will endlich die„Volks- Singakademie" selber mit einer Anffiihrung der„Jahreszeiten" von Haydn � jedenfalls eine gute Wahl— hervortreten. Parallel z» der Thätigkcit der Singakademie werden von einem eigenen Komitee dort„Volkstümliche Dichterabende" veranstaltet, deren erster am K. Dezember stattfand und— freilich mit einer tveniger runden Einheitlichkeit und Klarheit als beim Akademie- konzert— Deklamationen und Gesänge enthielt. Interessant ist die llebersicht über„Volkslonzerte", die einer jener Zeitungsberichte bei dieser Gelegenheit giebt. Danach sind solche Konzerte«bereits seit Jahre», zuerst in den großen Konzerte» des rhciuisch-wcstfälischcn Jndustriebezirls, dann in Mainz, Frankfurt, Nürnberg. Berlin. Lest'zig und an andren Orte» veranstaltet worden. In Nürnberg bewilligte die städtische Verwaltung vor zwei Jahren 12 000 M, snr diesen Zweck. In Berlin hat das Komitee für Volks- tnmliche Konzertanfführnngen in den Jahren 1894—98 12 große Konzerte veranstaltet, darunter 8 kirchliche mit eine»» Gcianit« besuch von über 22 000 Arbeitern. In Dresden haben sich der Verein „Vollslvohl" durch seine„Volksnnterhaltnngsabende". der Stadlverein für innere Mission durch„Volkstümliche Koinponistenabende", die „Dreyßigsche Singakademie" durch billige Oratorienaufführnngen in dieser Richtung hohe Verdienste crlvorbcn".— Diesem Bericht können wir aus unsrer, freilich auch lvieder nicht allumfassenden Kenntnis noch folgendes hinzufügen. In Berlin harte der„Ausschuß zur Ver- anstaltung von Volksaufführungen", der mit dem oben crivähnren Komitee identisch sein dürfte, am 1. Oktober 1900 bereits sein acht« undzivanzigstes Konzert gegeben; seither ist»ins allerdings von diesen Bestrebungen nichts Neues uulergckommen. Dagegen war schon mehr als einmal die Rede von einer beabsichtigten Eingabe au den Magistrat, nach dem Vorbild andrer Städte eine Stadtkapelle zu gründen, nachdem dieser bereits eine frühere Petition ab« geschlagen hatte; ein solches, ans Mitgliedern der Vereinigung der Berliner Musiker zn bildende Stadt-Orchester solle dann im Rathausiaal populäre Koiizerte geben. Zu München waren im Jahr 1892 von»„Verein für Volksbildung" volkstümliche Konzerte veranstaltet worden, die zugleich ein Muster für eine ideale Konzertsorin überhaupt geben wollten(Bericht darüber i» der„Neuen Musik-Zeitnng", 5. und 12. Mai 1897). In Wien sind bereits zahl- reiche Anläufe zu verschicdcntlichen Popularkonzerten gemacht Ivordcn, anscheinend ebenfalls nur mit teilweise»» Erfolg; die jüngste»Iiis vorliegende Nachricht meldet die Absicht der Aktiengesellschaft Wiener MnsikverlaghauS, ein Volksopernhaus zu gründen, mit dem Programm der Pflege volkstümlicher alter und neuer Meister, der Anffiihrung von Oratorien, Kirchenfestspielen. Vokal- und Jnstrumentalkonzerten, der Förderung junger Talente und der Hebung des Geschmacks. In Zürich besitzt die den weitesten Erziehungsanfgaben dienende Pestalozzi» gcsellschaft eine eigne Konzertlominission, die— wie das neue „Ccntralblatt für VollSbildinigSlvefen" uutern» 15. November 1900 be- richtet— bisher im ganzen 19 Gratis-Volkslonzerte und verschiedene sonstige Produktionen niit lebhaftem Erfolg veranstaltet hat, aller» dingS mit zerfahreneren Progrannnen, als»ach dein Muster jenes Dresdner Konzerts wünschenswert wäre. In London haben»vährend des vorigen Winters die zn Battersea eingerichteten Voltskonzerle so gute Erfolge erzielt, daß ihre Zahl für die jetzige Wiutersaison ver- doppelt iverden sollte. Mit dem Gedanken an solche Fortschritte suchte ich an einem der letzten Abende»ach einen» Konzert, das ivcnigstens einigermaßen über engste Interessen hinaus der Vermittelung der Kunst an iveitere Kreise dienen könnte. Allein das Joachim-Quartett, das ich an» gekündigt fand, lvar ausverkauft, und von dieser Seite her ist denn auch das allerwenigste zu erivarten. Das nächste Konzert, in das ich geriet, war»vieder'eins von denen, die der Vorführung eines Solisten vor die enge» Kreise der Liebhaber diente. Elisabeth Gerasch besitzt eine sympathische, geschmeidige Altstimme, mit einer guten Vokali- siening und Aussprache überhaupt und nnt einer sonoren Tiefe, in der die Töne auch sitzen. Uni so dürftiger ist die Mittellage; in dieser und zum Teil in der Höhe sind die Töne großenteils nnfest, zitternd und im Zusammenhang damit nicht iinmer ganz rein— beispielsweise klang in dein Lied„Angedenken" von P. Cornelius der Anfang der von der Höhe verabsteigenden Hauptmotive»vie zer- brochen. Indessen verbindet sich das Innige und Ausdrucksvolle ihrer Stimme mit jener zitterigen Art zu einem eigentümlichen Ein- druck, der c»vn dem in der Moderne beliebten Begriff„mondän" entspricht. Für eine Komposition wie Beethovens„Resignation" pasit diese Gesangsweise nicht übel; das Lebhaftere, Kräftigere liegt der Sängerin nicht so gut,»nd besonders in der Hohe Pflegt ihr ein solcher AnSdmck zu mijsiingen. Die vorgetragenen Lieder von Robert Kahn haben manches Hübsche an sich; vor der Groß- ziigigkeit der Kompositionen eines Cornelius halte» sie doch nicht stand. Eine besondere Freude bereitete uns die Sängerin mit der Borführiing zweier Volkslieder von G. Mahl er, ähnlich denen mit Orchester, die uns voriges Jahr in einem Wagnervcreinskonzert dargeboten wurde». Möhler spricht eine eigne Sprache; die lebhaft aufsteigenden, vorwiegend ans einen Endaccent losgehenden Phrasen in dem einen jener Lieder sind etwas ganz Charakteristisches, ein interessantes Seitenstück etwa z» jenen absteigenden Phrasen dort bei Cornelius. Leider fehlt es uns in dieser Beziehung noch so gut wie ganz an einem Eindringen in solche Verschiedenheiten der»nisi- kalischcn AuSdruc'sweise, wie ja ancb eine entsprechende Betrachtung der Stilvcrschiedenheit im Satzbau nusrer Dichter nur erst ganz wciiig versucht worden ist; und ebenso fehlt es dort an einem Eindringen in die Art, wie verschiedene Sänger die Phrasen des Komponisten gestalten, und hier in die Art, wie verschiedene Deklamatoren die Sätze des Dichters gestalten. Vermutlich hätte ich diesen Mangel »och cigcnS empfunden, ivcnil ich den Vortrag von Tennyfons s, En och Ardcn" durch den Recitator Emil Tschirch mit mclo- dramatischer Klnvicrbcgleitnng von Richard Siran f;— und mit diesem selbst am Klavier— hätte besuchen können. Von spcciell fachkundiger Seite höre ich darüber. abgesehen von dem übers Melodram überhaupt zu Sagenden, die Mitteilung, daß der Gesaintiiiidrnck in> allgemeinen ganz harnrvnisch war. Die Komposition sei sehr stimmungsvoll, feinsinnig, apart und doch ein- fach. Der Deklamator besitze zwar einerseits ein nur wenig modulationsfähiges Organ, achte nicht genug auf erforderliche Kunst- Pansen und lasse soivohl die Sätze— durch eine zu geringe Be- achtung der Jnlerpnnktionen— als auch die Stinnnnngen zn sehr incinandcrflieffen. Andrerseits aber sei seine Sprache schön und dcnltich, was ihn allerdings im Verein mit der schönen Sprache der Dichtung, zn einem Begünstigen des Pathos verleite. Trotzdem vcr- füge er über ein gutes Mast echter Empfindung.— sz. ZMvines FenMekon» k. Japanische Kinderlieber. Mie die soeben erschienene .Zeitschrist für Vvllstmide" berichtet, hat Dr. R. Lange, Profcffor des Japanischen am orientalischen Seminar in Berlin, in einer der letzten Mitteilungen des Instituts eine Sannnlnng von japanischen Kinderlicdern veröffentlicht, die er selbst in Tokio niit Hilfe eines dortigen Volksschnllehrers gesamniett hat. Es ist der erste Versuch nack dieser Ricktung. Die Liedchen sind reimlos, da die japanische Poesie keinen Reim kennt. Sic bestehen ans Verse» von sieben oder fünf Silben, auch so, das; beide Arten darin vorkommen und die stcbensilbigen den fünssilbigen vorangehen. Manche Liebchen erinnern an deutsche. So lautet das japanische Schneckcnlied:„Schnecke, Schnecke, stecke Deine Hörncr raics! stecke Deine Hörner raus I stecke Deine Stöcke raus, Schnecke I Denn dort giebt's Krawall. Stecke Deine Horner raus. Deine Stöcke raus!" Deutsche Reime verkünden de» Käfern de» Brand des Häuschens oder des ganzen Landes; die japanischen Kinder rufen ähnliche SIeinic den heimziehenden Vögeln zn. In Tokio singe» die Kinder den Raben, die abends zn Neste fliege»:„Nabe. Herr Komzaimon! Dein Haus brennt ab. Hurtig geb dahin und giesie kaltes Wasser dranf! Hast Du kein kaltes Wasser, so gieße heißes Wasser dranf! Hast Du kein heißes Wasser, so gieße Thce darauf!" In Osaka singen die Kinder:„Die Weihe ruft toto, des Vaters Hans brennt ab. Der Rabe schreit kaka, der Mutter Hans brennt ab. Schnell lehrt zurück»nd gießet Wasser dranf!" Für die Fledermäuse giebt es Lockrufe, die sie veranlassen sollen herabzukonnnen:„Flcder- maus, Fledermaus, Bergpfeffer sollst Du haben. Unter der Weide das Wasser sollst Tn zn trinken haben. Das Waffer dort ist uns zu scharf, das Wasser hier ist süß". Die Libelle ivird gelockt, sich fangen z» lassen:„Fliegst Du dorthin, da ist der Höllenfürst; kommst Du hierher, laß ick Dich frei I" In einem längeren hübschen Liebchen heißt es:„Gehst Du über diese Straße, gehst Du über jene Straße, in der dritten Straße vor» ist ein Born gegraben. Die Reifen sind von Eise», das Scköpffaß ist von Gold. Oben auf dem Faß zum Schöpfen sitzt'ne Wasserjungfer. Husch fliege Wasserjungfer, he fliege Wasserjungfer! Wenn Du aber sitzen bleibst, zwack ich Dir die Flügel ab!"— c. Der Telegraph als Fetisch. Der Telegraph zivischen dem Kap und Kairo macht schnelle Fortschritte; die Linie ist jetzt bis zu einem Punkt gelegt, der fünfzig englische Meilen jenseits Käsanga in Dculsch-Ostafrika liegt. Die ganze Länge der Linie Ivird über 6600 englische Meilen betrage»; fast llOW Meilen vom Kap sind schon vollendet, der ägyptische Telegraph geht 1700 Meilen südlich, so daß noch über 1000 Meilen zn vollenden sind, lieber die bereits vollendete Arbeit und über daS Verhalten der Eingeborenen gegen- über dem Telegraphen machte der Sekretär der Afrikanischen Trans- continental Telegraph Company, I. F. Jones, folgende intcr- «ffänte» Angabc»:„Wir haben viel iveniger Schivicrigkeiten mit den Eingeborenen gehabt, als wir erwartetet». Die Linie geht! durch das Gebiet vieler kriegerischer Stamme, aber sie sind weit davon entfernt, sie zu zerstören, sie leisten im Gegenteil beim Bau Hilfe. Die Techniker gaben nämlich den Eingeborenen zunächst ein oder ztvei elektrische Schläge und bewirken dadurch, daß ihnen die Linie zum Fetisch ivnrde, an dem sie sich nicht zu vergreifen ivagen. Man hatte auch prophezeit, daß Ivilde Tiere, besonders Elefanten und Büffelocksen, der Linie Schaden zufügen würden, aber bis jetzt hat nian noch keine derartigen Schtvierigkeiten erfahren. Die großen Hindernisse haben darin bestanden, daß fast undurchdringliche Wälder zu durchschneiden waren. Dazu kommen natürlich die außerordent« lichen Transportschwierigkeiten; alles Material muß Tansende von Meilen befördert iverdcn. Die Taxen werden bedentcnd niedriger sein als 3,50 M. für das Wort, welchen Satz jetzt die Seekabel- Gesellschaft für Telegramme von Kapstadt nach England erheben".— Theater. Neue Freie Volksbühne:„Der Erbförster" von Otto L n d iv i g. Das Stück ist berühmt, hat seinen Platz in der Littcratnrgeschichte und der Platz wird von vielen Leuten bekränzt. Ich vermag keine fnschm Blumen zu den bereits vorhandenen zn legen. Gewiß— es steht ein Dichter hinter dem Stück, aber seine Kraft ist schwach; sie quält sich nnd quält sich und schläft hänfig ganz ein. Trotzalledem könnte man vielleicht das Stück mit reiner Freude genießen, wenn man über den Konflikt hinweg könnte— das kann ich indessen ganz und gar nicht. Der Konflikt liegt in dem Gegensatz zivischen geschriebenem und ungeschriebenem Reckt— soweit, so gut. Welche Voraussetzungen aber hat Ludlvig diesem Konflikt gegeben? Ein Förster ist der Privatbeamte eines Guts« bcsitzers. In seiner Nähe wohnt ein staatlich angestellter Förster, der ihm den Gegensatz der Stellung noch besonders zum Bewußtsein bringt. Trotzdem ist der Man», den doch mitunter Sorgen um seine Familie beivegen niüsien, über die Natur seiner Stellung so sehr ini Unklaren, daß er an ein Absetznngsrccht deS Gutsbesitzers nicht glaubt. Soll ick das etwa für Naivctät halten, die in der Einsamkeit des Walds gewachsen ist? Ich bitte sehr um Verzeihung— eS ist das indessen eine Naivctät, die im Theater znsammengefabelt ist, nnd nur im Theater existiert. Seiner Naivctät kann der Gedanke, daß er jemals abgesetzt ivcrden sollte, unfaßbar und ungeheuer- lich erscheinen. Der Gedanke, daß er überhaupt nicht abgesetzt werden könnte, ist nur durch grenzenlose Beschränktheit erklärlich. Und selbst dann nicht einmal l Wenn es um die Bedingungen der Existenz geht, giebt es so beschränkte Menschen gar nicht. Ludlvig hätte deni Förster den Glauben an das Recht deS Gutsbesitzers lassen müssen. Er hätte dann ans seinem menschlichen Recht heraus gegen die harte Nollvcndigkeit kämpfen und fallen können. Und lvciter I Wie entsteht der Konflikt? Aus einem philiströsen Zank zwischen zwei Philistern bei einem philiströsen Skat. Der Förster kämpft schließlich gar nicht gegen das private Recht— das thäte er, wenn auch der Besitzer des Rechts selbst mit dem besten Willen nicht auf seine Ansprüche verzichten könnte. Dann tväre Notwendigkeit in dem Stück. Der Förster kämpft auch nicht einmal gegen die Despotenlaune des Besitzers. DaS wäre weniger. aber immerhin ettvas. da es die K o n s e q u e n z e n des privaten Rechts zeigen Ivürde. Er kämpft gegen eine komische Grille des Besitzers, der fortwährend nur den einen Wunsch hat, sich auf gute Art seines Rechts zn entäußern. Sobald in dem Stück auch nur e i n vernünftiges Wort gesprochen wird, ist es ans. Tragische Konflikte lassen sich aber gar nicht beseitigen, am wenigsten durch ein Wort, nnd so enthält schließlich der«Erb- förster" überhaupt keinen Konflikt, der diesen Namen verdiente. Und immer weiter I Was soll der Unglücksfall im letzten Akt, wo der Förster aus Versehen seine Tochter erschießt? Er soll, grob gesagt, melodramatisches Leben bringen, da dem Dichter kür >v i r k l i ch e S Leben der Stoff' ausgegangen ist. Das nenne ich einen Thcatercoup, der so unfein ist. daß auch Herr Sudennann darauf hätte verfallen können. Ludlvig meint— nicht ohne Selbstgefälligkeit— in einem Brief, daß seine Dichtung furchtbar, schlicht und wahr sei. Nach allem Vorausgegangene» meine ich, daß der Konflikt komisch eingefädelt, unmöglich begründet und schließlich mittels sentimentaler Theatermache durchgeführt ist. Der„Neuen freien Volks- bühne" soll trotz alledem kein Vorwurf gemacht lverden. Das Stück enthält im Einzelnen manches, das eine Aufführnng recht- fertigt. Die Darstellung bot viel Gelungenes, vor allem Reicher in der Titelrolle.— L. S. 00. DaS Bellealliance-Theater scheint dem Berliner Publikum nach und nach die sämtlichen deutschen Votksdialekte vorführen zu ivollen. Nach den Mecklenburgern kamen die Oberbayern nnd nach diesen kam am Nenjahrstnge die plattkölnische Volksbühne. Die Herren Direktoren Milowitsch«nd Baum bemerken erlänternd auf dem Zettel, daß sie das Theater mit darstellendem Personal erst vor sieben Jahren gegründet hätten; früher, bis vor hundert Jahren zurück sei das Kölner Hämmschen- Theater mit Puppen gespielt worden. Die Wanderlust scheint aber auch schon früher ein Merkmal seiner Mitglieder gewesen zu sein, denn vor 26 Jahre» hatte es zur Domzeit ans dem Gänsemarkt zu Hamburg seine Zelte aufgeschlagen, und es befremdete mich danials lehr, daß die kleinen Leute ihre Prügel mit einein jgaiiz andren Platt accompagnierten als unser einheimischer Kasperle. Mit dem Dialekt hatte es nun am Neujahrstage keine Not, und auch das vom Kreuzgebirge herbeigeströmte Publikum bewies durch seine Heiterkeit, daß es sowohl für den Dialog und die Couplets in dem„Original-Lebensbild". das sich„Drei Tage aus dem Kölner Leben' nennt. als auch für die darin aus- geteilten Prügel volles Verständnis hatte. Mir als einem Plattdeutschen erschienen die Kölner merkwürdig wie keine andern Dialektkünstler zuvor. Von Ostpreußen bis FrieSland wird das Niederdeutsch, so sehr seine Mundarten von einander abiveichen, immer behäbig breit gesprochen, bedächtig, wie der Menschenschlag ist, der sich in dieser Sprache äußert. Eigentlicher Witz glänzt in ihr, von seltenen Ausnahme» abgesehen, nur da, wo er sich ganz ttocken giebt, und will der Plattdeutsche sür seinen Bedarf rein durch die Sprache eine erlustigende Wirkung erzielen, so muß er schon Missingsch, hoch mit platt vermengt reden. Seine eigentlichen Schönheiten entfaltet das Wasserkauten-PIattdentsch nur im milden Humor und da, wo es im Zorn, den Rordseeivogen gleich, einmal mächtig aufwirbelt. Wie anders das Kölner Platt, wie anders die Leutchen, die eS reden I Das ist alles quecksilbern lebendig; die stehenden Figuren des Kölner Theaters erinnern gar au die italienische Komödie. und die übersprudelnde Faschingslustigkeit, die unsereiner aus dem rauhen Norden ja nieinals begreifen lernt, ist uns doppelt vcr- wunderlich, wo wir der Ausgelassenheit in einem dem nnsrigen ver- wandten und doch für ihre Sprünge wie geschaffenen Dialekt be- gegnen. Ein Wunder ohnegleichen, daß Menschen von südländischer Lebhaftigkeit platt reden, daß eine so ehrwürdige Sprache aus innerem Lebensd'range Kabolz schießt! Den Inhalt des bunten Stücks, in dem die Kölner sich geben, wie sie sind, auch nur anzudeuten, ist schier unmöglich. Es geht zu- meist derb posscnhaft darin zu. und doch gelvahrcn wir auch Bilder von wirksainer Tragik. Verzwciflnngsansbrüche. die sich bis zum Selbstmordversuch steigern und um so rührender wirken, als das lustigste und liebenswürdigste Mädchen im ganze» Stück in diesen Jammer hineingetrieben wird. Gespielt wurde flott: immerhin fiel uns nur eine hervorragende Künstlerin auf. ES ist dicS die Soubrette Elsa B a» m. eine Schauspielerin, die sich getrost den besten ihrer Art zur Seite stellen kann.— Technisches. — en. Wie künstliche Edelsteine hergestellt werden. DersHauptbestaudtcil der künstlichen Edelsteine ist, mit Ausnahme ganz besonderer Qualitäten, das Glas, aber kein gemeines Glas, sondern ein solches, das minder größten Sorgfalt zusammengesetzt und geschmolzen wird. Von seiner vollkommenen Klarheit und Einheitlichkeit hängt nämlich die Güte des zu erzeugenden«chmucksteins in erster Linie ab, wie man denn einen mit allen Mitteln der Kunst geschaffenen künstlichen Edelstein auf den ersten Blick von den billigen Waren unterscheiden kann, die zu Schleuderpreise» in den Bazaren verkauft werden. Das zur Nachahmung von Edelsteinen benutzte Glas wird im allgemeinen als.Straß' bezeichnet und zeichnet sich durch seine vollkommene Durchsichtigkeit aus. Man kann cS auch nur aus durchaus reinem Quarz oder am besten geradezu aus Berg- krhstall herstellen, iveil der Quarz sehr häufig kleine eisenhaltige Adern enthält, die das Glas bei der Schmelze färben würden. Ebenso müssen das zu der Glasmasse zugesetzte doppeltkohlensaure Kali und die Mennige chemisch rein sein, Bestandteile von ge- ringerer Wichtigkeit sind Borax zur Beschlennignng des Schmelz- flusses und etwas Arsenik. Die Zusammensetzung des besten Glases für küiistliche Edelsteine besteht in 32 Prozent Bergkrystall, 50 Prozent Mennige, t? Prozent doppcltkohlen- saures Kali, 1 Prozent Borax und Prozent Arsenik. Bei vollendeter Anwendung aller durch die Erfahrung gegebenen Kunstgriffe entsteht aus dieser Mischung cm Glas, dcffe» Farben- spiel mit dem des Diamanten in Wettbewerb trete» und das außerdem durch Verstärkung deS Mennigegehalts und den Ersatz des doppeltkohlensauren Kali durch das seltene Element Thallium»och erhöht werde» kann. Alle diese Stoffe müssen mit größter Sorg- falt pulverisiert, abgewogen und gcmischt»verde», dann»verde« sie in Oese»» gebracht, die'anf eine gleichniüßige, gerade zur Schmelzung genügende Teniperattir erhitzt sind. Die geschmolzene Masse»vird langsain zum Erkalten gebracht,»vobei sie nicht die geringste Erschütterung erleiden darf, damit keine Liistblasen entstehen. Für die farblosen Steine ist die Fabrikation des Grundstoffs damit beendet»nd der Straß»vandert damit in die Hände des Steinschneiders, der ihn spaltet, poliert und schleift»vie einen eckten Edelstein. II»» farbige Edelsteine nachzuahmen, muß der Straß natürlich gefärbt»verde». Zu diesen, Zweck»vird er zunächst pulverisiert und mit dem färbe- gebenden Pulver innig vennengt, dann von nenei» in den Schnielz- öfen gebracht und 30 Sttniden lang in der Schmelze erhalten, »vorauf die iveiterc Behandlung ebenso vor sich geht»vie bei den»»in- gefärbten Straß. Für die Erzeugung verschiedener Farben»verde», folgende Stoffe benutzt: für gelb(Topas) chlorsaures Silber, für grün (Smaragd) Knpferoxhd. sür blau(Saphir) Kupferoxyd vermischt nlit Robaltoxyd, sür violett(Amethyst) Kobaltoxyd nlit etlvas Braunstein, für rot(Nubin) Chlorgold. Diese Stoffe haben zum Teil eine uii- gemein stark färbende Kraft, da z. V. ein Teilchen Chlorgold genügt, um 10 000 Teile Straß mit einer rubinroten Farbe zu versehen. Wenn die unechten Edelsteine nach diesen Regeln der höchsten tech- nischcn Erfahrung hergestellt werden, sind sie nur für einen ge- wiegten Kenner von ihren Mustern zu unterscheiden, allerdings nur in frischen! Zustand, denn der falsche Edelstein ist nicht haltbar, er nutzt sich leicht ab, wird blind und verliert die Farbe und da» Feuer. Zur Nachbildung der nicht durchsichtigen Steine tvie Türkis, Opal. Chalcedon»vird selbstverständlich auch ein nicht durchfichtiges Glas benutzt, das durch eine Beimischung von einer kleinen Menge Zinkoxhd zum Straßpulver erzielt wird.' Die Farbe des Türkis»vird dann durch eine Mischung von Knpferoxhd mit Kobalt gegeben. Außer diesen, wie gesagt, schnell vergänglichen Schmucksteinen werden noch sogenannte.dublierte Steine' hergestellt, die mit einer feinen Schicht von Granat überzogen»verde» und da» durch eine größere Härte erreiche»». Auf diese Weise»verde» Nach» ahmungeil von Smaragden und Saphiren in den Handel gebracht, deren Minderwert nur durch die femste Prüfung mittels eines Ver» größerungsglases nachgewiesen werden kann.— HumoriftisttieS. — Ueberboten..Kerl, Du lügst»vie ein Chines." »Und Du, Du— Du lügst wie ein chinesischer Oberförster'— — Auch ein Triumph. G o st(zum Piccolo):.Warum bist Du denn heute so stolz?' Piccolo:.Da drüben sitzt ei» Gast, der ärgert sich mei netwege».'— — Entgegenkommend. Gerichtsvollzieher: Sagen, Sie, Herr Meier, über die Pfändung welcher Gegenstände würde sich Ihre Schlv>egern»utter am meisten ärger»?'— (.Meggeud. Hunt Bl.") . Notizen. — Der dänische Dichter Sophus Schaudorph ist am Neujahrstage in Kopenhagen, 63 Jahre alt, gestorben.— — Bertha von Snttner arbeitet an einer Fortsetzung ihres Romans„Die Waffen niederl'. Das Werk wird den Titel.Marthas Kinder' führen.— — Halbes neues Werl, das am Lesfing- Theater zur Auf- führnng gelangen»vird. führt den Titel«Haus Rosen- Hägen'.— — Zum Neubau des Stadttheaters in Posen »verde» im Extra- Ordinarium des nächsten preußischen Etats 830000 M. als Staatsbeilrag gefordert; die Stadt Posen hat 440000 M. beizutragen.— ck. Amerikanische Theater st ati st it. In seinem vor kurze,» in Nclv York erschicneiien Buch m1he Tbeatre and its People" stellt Franklin FyleS fest, daß«S in den Vereinigten Staaten 5000 Theater giebt, die ein Kapital von 100 Millionen Dollar repräsentireen. Die Amerikaner geben jährlich gegen 70 Millionen Dollar sür Thcatervcrgnügen aus, und jeden Abend sitzen in den Vereinigten Staalen gegen anderthalb Millionen Per» sonen in dcir Theatern. Auch Einzelheiten über die gezahlte» Gagen »verde» mitgeteilt. Nur zehn Schauspieler und fünf Schauspielerinnen in Amerika bekommen mehr als 250 Dollar wöchentlich. Die Gagen find im allgemeinen höher als die in England gezahlten, die schlecktest bezahlte Ebocisti» erhält zwölf Dollar wöcheiitlich. Interessant ist die Feststellnng, daß niemals»veiliger als zlvanzig Gesellschaften in den Vereinigten Staaten„Onkel Toms Hütte' spielen.— — Die„G e s ells ch a s t der Schiveizer Komponisten' veranstaltet am 22., 23. und 24. Juni 1901 ein großes M u j i l j e st in Genf.— — P e r o s i s Oratorium„Weihnachten" wird Ende Januar in 8. blaria sopra Minerva in Ron» zu»» erstenmal aus- geführt»Verden.— — Der Äun st verein für die Rheinlande und Westfalen hat beichlosien. daS Giebelfeld über dein Hauptportale deS im Bau begriffenen KnnstanssieNungSpalastcs durch ei» Werk der Bildhaiierkuiist zu schmücken und hat zu den» Zlveck einen Welt» beiverb unter den in Düsseldorf ansässigen oder daselbst gebürligen Bildhauern eröffnet. AIS Honorar für die AuSfühnmg des Werts, »vclches als Relief gedacht ist, sind 12 500 M. ausgesetzt. Außerdem sollen noch ein ziveitcr Preis von 1000 M. und ein dritter PreiS von 500 M. zur Verteilung gelange»,»vährcud der erste Preis in der Uebertragnng der Arbeit bestehen lvird.— — Die Nniversität Cambridge hat eine malayische Biblio- thek geschenkt erhalten; die Sainmlung besieht aus 63 Hand» schriften und etlva 50 lithographischen oder gedruckten Büchern in »»alayischer Sprache.— — Ein von der Berliner Verlagsbuchhandlung W. Herl et ausgeschriebener Preis von 2000 M. ist den» Rechtsanwatt Dr. A l f r e d Kor» für seine gcineinvcrständliche Darstellung des neuen Handelsgesetzbuchs znerkannt worden.— — Ein unterseeischer Fernsprecher. Zivische» Keylvest. der äußersten Südspitze Floridas, und Havana auf der Insel Kuba wurden dieser Tage zum crsteiimale unterseeische Ver- suche mit dem Fernsprecher auf dem Kabel, das beide Punkte ver« bindet, unternommeil. Die Entfernung beträgt nahezu hundert Meile». Die Versuche gelangen insofern, als bei laiigsaincin Sprechen jedes Wort deutlich gehört wnrde.— Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.