Hnterhaltungsblatt des Horwärts Sir. 3. Freitag, den 4 Januar. 1901 (Nachdruck verboten.) Der Msskl Vom �ollvrbvön. 3� Roman von R. von Sehdlitz. Jetzt aber wandte sich Kastl an der Schwelle des Gartens um und sah, daß zwei Mädchen ebenfalls hinter ihm in den Garten wollten. Jessas, die Lisi! Wahrhaftig, das war sie, die eben ge- sprochen. Die Lisi von der Hopfenpflückerei! Er erkannte sie sofort: sie hatte ein rotbraunes, wollenes Tuch um den Kopf, in der Hand einen kleinen Korb, den sie hin und her schlenkerte und der offenbar nichts oder doch wenig enthielt: dazu einen verschlissenen Sonnenschirm mit schmutzigen Spitzen, eine abgeschabte flockige Jacke und einen Rock von un- bestinimter Farbe. Die schiefgetretenen Stiefelchen mit hohen Absätzen entbehrten seit langem der nötigen Färbung. Das ganze Aeußere verriet eine edle Nichtachtung nichtiger Eleganz, gepaart nüt einem sonderbaren, undefinierbaren Strich von Koketterie, der sie unzweifelhaft wieder erkennbar machte. Ja, die Lisi l— Er redet sie auch sofort an, als sie vorbei wollte: „Ja, Lisi, was ist denn dees?" Sie sah ihn überrascht und ctlvas schnippisch an, aber sie hielt still, und ihre Gefährtin strolchte derweilen un- behindert über den groben Schotter des Wirtsgartens ivcitcr. Er half ihr:„Von: Hopfenblad'n I Denkst nimmer dran? Der Kastl bin i, von Allersdorf I" — Da schlug sie eine helle Lache auf ruid rief ihm ein freundliches Grüß Gott zu.„Raa, wie sich aber dees trifft, gelt?" Das klang, als ob sie sich der Begegnung freute: und das freute wieder ihn. Bei ihr war's zwar weitläufige Phrase gewesen, aber im Grunde kain der Kastl auch ihr recht gelegen: ja sie erinnerte sich der fidelen Tage unter den Hopfenstangen nach und nach deutlicher und dabei auch beut- licher an den Kastl. Denn dieser und sie hatten miteinander die höchste Hetz gehabt und waren von der ausgelassenen Horde der Pflücker die ivildesten, beim Tanz abends die heißesten, beim Krug die besoffensten gewesen. Wer von der Hopfenernte nichts weiß, der kaiur auch nicht ennessen, welche Bedentung solche Superlative haben. In jenen wenigen Tagen, da der goldene Hopfen, die graziöseste der Feldfrüchte, vollbliihend von den zartrotcn Stengeln hängt, wo der leichte Spätsommerwind in den fränkischen Hügeln ganze Wellen des berauschenden Duftes aufweht und der gelbe Blütenstaub in der Sonne schimmert, da füllen sich die Ivetten Hopfengaue nüt einer sonderbaren Schar von Leuten. Aus aller Herren Ländern kommen sie da gelaufen— meist baisuß, zerlumpt, verlvildert und verdächtig, — und verdingen sich zum Blad'n(Pflücken).— Das ist ein Leben! Die mittelalterlichen Bettlerreichstage, die Lumpen- Märkte und Vagabundenmessen sind nichts dagegen gewesen. Ist's der geheime Einfluß des Lupulins, wie die Chemiker den betäubenden Extraktstoff des Hopfens nennen, oder ist's der reiche Lohn, das ungebundene Leben, die heitere, leichte Arbeit oder die allgemeine Vermischung der Tausende von fragwürdigen Gestalten, die hier einmal ganz unter sich sind— genug, die wenigen Tage herrscht ein tollhäuslcrisches Treiben unter den vollsaftigen Blütenranken, auf und an den hochbeladenen Wagen, und abends in den Kneipen, in den Höfen, Winkeln und Gassen aller Ortschaften, soweit das Land von Hopfenstangen starrt, wie eine ungeheure grüne Armee von Lanzknechten. Kastl hatte dies seltsame Herbstfest seit der Kindheit ge- kannt und gewaltig Geschmack dran gefunden. Die tiefen Ein- blicke in die dunklen Seiten und niedersten Schichten der Menschheit waren ihm nicht erschreckend mehr, nur wie ein wilder, aber erlaubter Spaß erschiene». Außerhalb der Pslückzcit freilich dachte er, wie alle daheim, anders und ehrbar: außer der Zeit hätte er Bekaimtschaften wie die Lisi daheim vielleicht vermieden, wenn nicht verleugnet. Aber heut und hier, unter dem verwirrenden Eindruck der großen wildfremden Stadt, in deren Rachen er sich tollkühn gestürzt lund vor der er jetzt doch schon ein übermächtiges Bangen der Vereinsamung fühlte,— jetzt war ihm die etwas rauhe Stimme der Lisi wie die eines ersehnten Freundes erschienen, und er hielt ihre rote grobe Hand fest, um durch die Reihen der Tische und Bänke zu gehen bis zu einer freien Ecke, wo sie sich nieder- ließen. Dabei schwatzten sie ninnter miteinander. „Was thust denn Du da in München?" „Da bleib' ich. Ich such' mir Arbeit." „Da bleibst? Das is gscheid,— Hab'n sie Dich nimmer brauchen können daheim?— Geh, setz' Dich her. Machst Mittag da?" „Natürlich. Und an Mordshunger Hab' ich. Wann man so lauft—" „Zu Fuß fahrst nach der Stadt? Da schau.— Also, jetzt ess'n mir was." Und Lisi gebcrdete sich als Stammgast, kommandierte die dicke alte Kellnerin, von der sie übrigens ziemlich verächtlich behandelt wurde,— und bestimmte das Mcnu des Diners. Snpp', Fleisch und Gemüs'. Fränkisch war's zwar nicht ge- kocht, aber Kastl würgte alles hastig hinunter, daß ihn: das Fett ums Kinn lief. Denn er hatte Mordshunger, wie angekündigt.— Und dann stießen sie mit den Maßkrügen zusammen und Lisi sagte studentisch:„Prost" und wischte sich mit einem zer- knüllten Tuch den Mund: Kastl that's mit dem Handrücken, und das Fett und die paar Schnittlauchbrocken glänzten jetzt auch auf der Haud. Die Sonne glitzerte blendend durchs Lanbdach der Bäume und blinkerte über die gedrängte, gemischte Gesell- schaft in Hemdärnieln, Arbeitsjacken, Blusen und zerschlissenen Taillen hin,— dazu plärrte die laute Musik lustig und un- enuüdet weiter, und das laute Reden, Lachen und Zanken küinpfte mit dem Straßeiilärm auf dem Platz draußen. Das war ein Leben I Kastl trank seine Maß aus, und Lisi schrie sofort nach der Kellnerin. Er erstaunte: sollte er mehr wie eine Maß haben? Sie hatte noch die Hälfte in ihrem Krug.—„Weißt, ich kann nimmer so viel sanf'n. Bin heut' schon im Ewigen Licht gesessen seit in der Früh." Und sie gab ihm andeutende Erkläningen über diese idealste aller Münchener Volkskneipen. Jetzt bekam er die zweite Maß. und zugleich kam die Freundin Lisis, die Kathi, vom Nebentisch heran, wo sie nüt andren Bekannten gesessen. Sie brachte noch zwei Weiber mit, und diesen folgten drei Männer in schäbig-elegantcn An- zügen. Sie brachten ihre Krüge nüt und rückten eng an- einander. Lisi nahm einem eine Cigarre weg, die dieser gerade anzünden wollte, und reichte sie Kastl hin, neben den sie sich jetzt eng angedrängt hatte. „No, no!" schrie der Beraubte, aber Lisi patschte ihm übers Gesicht:„Halt's Maul, Peterl, kriegst a andre näxstes Mal. I muß halt für den Meinigen sorgen. Weißt, des is jetzt niei' neuer." „O mei, das geht g'schwind," rief die Kathi lachend und die andren lachten überrascht mit: der Beraubte holte eine neue Cigarre aus der Tasche und biß sie ab, dabei den Kastl mit Interesse und beinahe mit Hohn betrachtend. Sie sahen jetzt alle auf ihn, und er wurde plötzlich knallrot unter seinem braunen Sattel von Sönimersprossen. Er traute sich nicht, die Cigarre anzuzünden, sie abzuweisen noch weniger, denn er wollte Lisi nicht kränken. Zuletzt rauchte er aber, und im allgemeinen Geschwätz der andren saß er zuhörend da. Er verstand nicht viel. Das ganze Gespräch bestand aus Anspielungen, faden Witzworten, unerklärlichen Bezeichnungen Münchner Dialekts und vielem Lachen. Dabei war das gute Bier nicht vergessen. Die Kathi trank„mit Verlaub!" Kastls zweite Maß leer, und es wurde neuer Vorrat gebracht. Vom Trunk, vom Rauchen und der Musik, nicht zum geringsten Teil aber auch von der Nähe der Lisi wurde dem Kastl jetzt wärmer und wärmer. Müdigkeit und ein inneres unbändiges Freudegesühl übennannten ihn. Es rauschte in ihm wie oben der Wind in den Zweigen: alles um ihn her begann glänzender, lustiger, frischer auszusehen. Er lehnte sich rückwärts an die Mauer, zwickte die Lisi in den Arm und zog sie rückwärts zu sich. So saßen sie und begannen ein lustiges Austauschen von Erinnerungen von der Hopfenzeit her. Es mußte ihm bald klar werden, sie meinte es ganz ernst mit ihm. Entweder hatte sie augenblicklich keinen Schatz, oder er war nicht vorhanden, kurz, ihr sogenanntes Herz war gegenwärtig frei. Ihn machte diese Entdeckung jetzt nicht unruhig wie sonst vielleicht; er war geneigt, ihr vom Trunk gedunsenes Gesicht für zartgerötet zu halten, und ihr freches, schlampiges Venehmen schien ihm nur heitere Fröhlichkeit. Dazu ließ sie ihm nicht Zeit zum Besinnen. Sie hielt ihn fest umfaßt und ließ ihn fleißig trinken. Dabei raunte sie ihm allerlei tolles Zeug ins Ohr.— Kurz, der Eroberer von München war zunächst sogleich einnial selbst erobert. Ter junge, schwere Kerl, der so einen gesunden Landgeruch um sich hatte, gefiel ihr überdies je länger, je besser. Schon war er etwas stark bierselig und kümmerte sich nicht viel um die andren am Tisch; aber hier und da redete er doch mit hinein, jetzt schon kühn und unverzagt. Und gar, als ihn eines der Mädchen fragte, was für Arbeit er schaffte, anrwortete er stolz und freudestrahlend lauten Tons: „Brauer!" Darüber entstand einiges Verwundern. Denn in dieser Art Gesellschaft sind selten einmal Brauburschen zu finden. Der eine der Männer bog sich abseits zu einem andren Tisch und stieß einen dort Sitzenden an: „Hast gehört, Jackl. da is einer von Euch und wies ihm den vergnügten Kastl. (Fortsetzung folgt.) Nakuvmist'ettsitzÄMiilze Meb erficht. Von Curt Grottewitz. Wer köunte all die Probleine aufzählen, die uns das vergangene Jahrhundert ungelöst hinterlassen hat l Wir brauchten nicht im ge- ringsteu besorgt zu sei». daß das»enc SAnlurn leine Arbeit nicht vorfinden nitb sich ans Mangel an Stoss in unnütze Gedonten- spielereien verliere» werde, wie es dein verflosicnen Jahrhundert in seinen ersten Fahrzehnte» erging. Wenn sich auch in der Kunst und im Leben einiger tonangebender Bevölkennigsschidrteir eine Steigung zur Mystik und Nomantik bemerkbar niachl, so ist doch kam» irgend welche Gefahr borhandcn, daß sich von neuem in die Wissenschaft, und»un gar in die Statnrwissenschafr ein mystischer Geist einschmuggeln sollte. Es ist ja gerade das größte Verdienst des vorigen Jahrhunderts, daß es definitiv die Lehre Platos und Hegels überwand und nicht mehr die Ideen für das Reale und die sichtbare Welt mir für den nrebr oder minder»n- genrnien Ausdruck der ewigen Ideen hielt. Von de» vierziger Jahren an war sich zum mindesten jeder Naturforscher darüber klar, daß eine Idee mir das Hilfsmittel des nieiischlicucn Geistes ist, die Dinge der Wirklichteit znsanmieirzufasse». Leicht aber begegnet es diesem oft recht unzulänglichen Hilfsnuttel, daß es die Wirklichleu falsch wiedergicbt und dann, zu einer starren Macbt geworden, die' Erkenntnis der Wahrheit aufhält. Darum hielten sich jene bahnbrechenden Naturforscher dcS verflossenen Jahrhunderts ganz allein an die Beobachtung der Natur. So fruchtbar jedoch diese Methode ivar, sie genügte ans die Dauer doch nicht, soll nicht eine Wissenschasl gänzlich in Kleinkram und Aufspeicherung tote» Materials versinken. Es sind Ideen nötig, um das Gewonnene zu verarbeiten und neue sjiele für die Arbeit zn zeigeir. Eine Zeitlang gabeil Darwins Ideen den geistige» Faden ab, an dem der gewonnene Beobachtungsstoff bequem aufgereiht werden konnte. Bereits schien es aber, als ob die ganze Wissen- schaft eine unendliche Materialsamnilmig für die darivinistischc Lehre werden sollte. Doch von neuem gährt es jetzt von befruchtenden Ideen auf dem ganzen Gebiet der Naturwissenschaft. Das Problem des Lebens harrt»och immer der Lösung, neue Versuche tauchen auf, den Mechanismus der organische» Entwicklung zn erklären. Die Chemie sucht alle Prozesse der Snbstanzcn- Veränderung auf inechanische Kräfte zurückzuführen und ebenso will die Physik die bcrschicdensten Kräfte als ErscheinungSfornien mecha- »ischer Energien deuten. Kurzum, das große Ziel rückt immer näher, die ganze Welt al§ eine zusammenhangende Ketle von BeweaungS« kräften zu erkennen. Mehr als je lockt die Aussicht, daß olle Gebiete der Natiirivisscnschaft sich einmal berühren und auf eine gemeinsame Basis gestellt werden können. Die Nähe des Ziels kann leicht dazu veranlassen. Abgründe, die uns von ihm noch trcilnen, mit der trügerische» Brücke der Phantasie zu überbauen. Darum ist gerade jetzt Nüchternheit geboten, nicht zene Nüchternheit, die ans blasiertem Herze», aus Trägheit oder Gedankenarmut entspringt, sondern die trotz inneren Feuers das Auge klar behält imd nicht in den Dingen versinkt. Es kann vorkommen, daß selbst ein Teil dessen, was sicher erworben schien, durch neue Thatsachen wieder in Frage gestellt ivird. Auch dann darf liebgewordener Theorien wegen die. Methode der soliden KorjchiMg nicht verlassen werden. Auch in dieser Beziehung sind noch viele Hiiideruiffe zu überwinden gerade jetzt, Ivo neric Thal- fachen manche alte Lehre Darwins umzustoßen oder doch wcnigsteiiS «iiiziischräuken scheinen. Es soll hier einmal ans die sogenannte Schutzfärbung hingewiesen werden, die Tiere ihrem Aufenthaltsort ähnlich macht und sie darum vor den Blicken ihrer Feinde ver- birgt. Diese ganze Theorie der Schutzfärbung enthält ivahrschein» liest«in gutes Stück Stnbengelehrtentum. Ganz vorzügliche Beispiele. die gegen die Theorie sprechen, enthält ein Artikel der „Naturwissenschaftlichen Wochenschrift"(1900 Nr. 44).„Aus dem Tierleven der Sahara" von Franz Werner- Wien. Der Verfasser macht darauf«uifmerksam, daß die weitaus größte Anzahl der Wnsteniäfer keineswegs eine sandähuliche Färbung besitzt, sondern im Gegenteil schwarz aussieht. Die schwarze Farbe fällt aber mm gerade in dem hellen Sande am meisten auf, und die Lln- nähme, daß die Tiere dadurch den schivarzen Mondschaitcn der Wüste nachahmten, ist schon deswegen hinfällig, weil die Käser aus- gesprochene Tagestiere find und sich in der Rächt still verhakten. Dagegen fand Werner, daß alle diese Käserarten— es sind besonders Laufkäfer und Schwarzkäfer— Familien angehören, deren Vertreter in den verschiedenste» Gegenden der Erde schwarz gefärbt sind. Die wenigen sandfarbigen Käfer jedoch stammen von solchen Kerbtiergruppen ab. die an und für sich ein der- artiges Farbenkleid anfweisen. Es handelt sich also bei diesen Käfern gar nicht nm eine Anpassung, um«in Schutzmittel. sondern um ein Kolorit, das von ganz andre» fern- liegenden Ursachen abzuleiten ist. Werver meint, daß auch die fand- farbigen Käfer nicht bester geschützt seien als ihre schwarzen Ver- wandten. Denn die käserverzebrenden Tiere, Eidechsen, Vögel und kleine Naub-Säugetiere, sehen ihre Beute ebenso gut, auch wenn sie sandfarbig ist.„Man darf," sagt der Forscher, der lange Zeit in der Wüste gelebt hat,„die Fähigkeiten der Tiere, ihre Beute zu erwerben, nicht nach denjenigen bemessen, die irgend ein mehr oder weniger stnvenhockender Zoologe im gleichen Falle entfalten würde. Denn das Auge desjenigen, lvclcher, öb nn» als Sammler oder des NabrungseriverbS halder auf die Jagd geht, ist durch die Uebmig außerordentlich gejchärst, und ebenso wie dem Sanmiler auf dem Sandboden der Wüste auch die bestangcpaßten Tiere bei schärferem Ansehen doch ansfallen. so dürfe» lvir dies auch für die Insekten- ftesser annehmen." Sodann führt Werner a», daß ein fand- gelber Käfer aus der sonst schivarzen Tenebrionidcn- Familie mit Stacheln bewehrt ist. Die Sandfarbe muß also nickt besonders nützlich sein, wenn der Käfer zn seinem Schutze außerdem der Stacheln bedarf. Ferner beovachtete er, daß verschiedene sandfarbige Eidechsen und Schlangen vor dem Mensche» fliehen oder sich in den Sand eingraben, obwohl man doch aniielimen müßte, das; sie viel leichter einer eventuelle» Nachstellung eiirgeveu würden, wenn sie sich ruhig vcrbiclten und sich dadurch von dem Sande nicht abhebe» würden. Dann ist auch ein Gecle sandfarbig, der bei Mondschein auf den Hügeln der Sanddüne»»mherstreift. Wenn aber Tiere wie Gazellen, Mäuse, Reptilien, Asseln, Spinnen in der Wüste ein sand- farbiges Kleid trage», so ist das geivitz kein Beweis sür Schutz» bedenlung der Färbimg, denn diese Tiere haben auch in andren und zwar nicht lvüsteuartigen Gebieten eine gleiche, helle, graue Farbe. Kurzum die Sandfarbe der Wiistentiere kann keineswegs als Aupassnug a» ihre» Aufenthaltsort gedeutet werden. Es mag mit der Schntzfärbiing mancher andre» Tiergrnppe ähnlich bestellt lein. So plausibel die Danvinsche Theorie der schützenden Fardenaupnffnng auch erscheinen mag, ihre Geltung ist keinrSivegs so sicher, oder sie darf jedenfalls nickit überall angewandt werden, wo zufällig oder ans bestimniten Gninden die Färbung eines Tieres einnial mit der- jenigcir seiner Umgebung übereinstinnut. Wie leicht man sich mit der Annahme einer Schntzfärbiing täuschen kann, zeigt recht gut der folgende Fall, über den P. Magnus nach einer Mitteitimg der.Allgenicinen Fischerei-Zeitmig" Nr. 12) berichtet. Es werden zwei verschiedene Varietäten des Kadl- janS bcobachlet, eine graue und eine rote. Der Leiter der nvrwe- gischen Tiefsce-Expedition. Hjorih, hat mm festgestellt, daß der graue Kabljan jederzeit nur a» dem sandigen, mit hellfarbenen Tange» bc- deckten Meeresboden z» finden ist. während andrerseits die rote Ab- ort immer an Stellen zu bemerken ist, wo role und braune See- algen vorkommen. Hjorth„schließt daraus", wie die„Fischerei- Zeitung" sich ausdrückt,„daß diese verschiedene Färbung nicht dem Charakter verschiedener Spielarten entspreche, sondern jedesmal je nach der Färbung des Grunds zu stände konmie, und eine Schutz- anpassung sei, die de» mmmchr der llnigebrnig ähnlich gesärvten Fisch seinen Feinden minder auffallend macht". Das ist der Theorie zn Liebe eine Dichtmig, wie sie so ungeheuer häufig ist. Zunächst hätte Hjorth ans dem Vorhandensein zweier angeblich ihrer Nm- gebung gut angepaßter Kabljansormen im Gegenteil schließen müssen. daß sie zwei wirklich verschiedene Abarten seien. Denn sind sie das nicht, so ist es doch viel schwieriger zu verstehen, daß die Färbung eines Fisches einnial grau und einmal braun sein sollte. Wie ivill man das nach der natürlichen Auslese, auf der doch Darwins Schutzfarbcnthcorie beruht, erklären? Menschlich gedacht, spricht allerdings gerade der Umstand, daß der Fisch unter roten Pflanzen rot nnd unter grauen grau wird, außerordentlich für eine Schutz- färbung. Doch hören ivir weiter. Die Annahme HjorthS fand durch einen inleressante» Versuch eine Bestätigung. Ein roier Kablia» ans den, großen Belt wurde in ein Aqnariumbecken init dmillem Grunde und dunklen Wandungen gesetzt und war schon nach 21 Stunde» grau geworden. Es ist also lein Zlveifel, daß sich der Fisch je»ach seiner llnigebung verändert. Aber die Umstände, nuter denen diese Veränderung erfolgt, sprechen sehr lveiiig für eine Aiipassmig im Darwinschen Sinne. Denn wenn der Uebergang von cinciii Kolorit ins andre„schon" nach 24 Stunden erfolgt, so habe» alle Feinde des Fisches, die sich auf Schonzeiten nicht einlassen, genügend Gelegen- heit, den Kabeljau zu erbeuten. Wenn nun. ivie das doch sehr wahrscheinlich ist, alle diese Fische gelegentlich von den grauen unter die roten Algen und umgekehrt schwimmen, so wird die ganze Schutzfärbung illusorisch. Charakteristisch für die Schutzdentung um jeden Preis ist eS mich, daß der rote Fisch in einem dunklen Gefäß nicht dunkel, sondern grau wird, ferner daß die sogenannte rote Varietät unter roten und braunen Pflanzen lebt. Entweder sind die Feinde des Kabeljaus halb blind, und dann können sie rot mich nicht von grau unterscheiden, oder sie können sehen, nnd dann unter- scheiden sie einen roten Fisch sehr wohl von braunen Algen. Also auch aus diesem Grunde ist die Bedeutung der Farbe als eines Schutz- mittels in diesem Fall sehr problematisch. Ein andres ähnliches Beispiel kann nnS dagegen einen Hinweis geben, welche Ursachen denn die gewiß in vielen Fällen nicht 'wegzuleugnende Uebercinstinimling zwischen einem Tier und seiner Umgebung wirklich besitzt. Eine im Meere lebende Krcbsart, die Seegarneele(Hippolyte varians), kommt in verschiedenen Varietäten vor, die je den roten, gelben, braunen, grünen Meeres- pflanzen, auf denen sie leben, in der Färbung gleichen. Die englischen Forscher Keeble und Gamble haben vor kurzem interessante Untersuchungen über die Färbungsphysiologie der Seegarneele in den „Proceedings of the Royal Society"(IVOO S. 461) veröffentlicht. Es soll von den Resultaten der Abhandlung nur erwähnt ivcrden, daß die einzelnen Varietäten streng an den Aufenthalt der Pflanzen gebunden sind, denen sie im Kolorit gleichen, daß sie aber, auf andersfarbige Pflanzen gebracht, nach einem Verlauf von vielen Tagen doch die Farbe ihres neuen AnfenthaltsortS annehmen. Man erkennt daraus recht deutlich, daß jedenfalls nicht etwa die natürliche Auslese alle Garneelcn, die auf grünen Pflanzen leben, mit Ausnahme der grünen Individuen, vernichtet hat. Es ist gar nicht gesagt, daß diese Tiere dadurch erhalten blieben, weil sie die Farbe ihrer Umgebung besitzen. Sicher ist allein, daß sie, sobald fie auf eine Pflanze gelangen, die Farbe derselben an- nehmen. Es ist ein schlimmes Zeichen Darwinistischer Berschnlnng, daß wir Farbengleichhcit durchaus mit dem Begriff der Schutz- färbung verbinden. Wenn wir in die finstere Nacht hinausgehen, werden wir dunkel, aber cS wäre verkehrt, anzunehmen, daß wir in der Nacht sicherer n>ären wie am Tage. So ist cS mich mit vielen Tieren. Sie nehmen die Farbe ihrer Umgebung an, Ivcil sie sie annehme» müssen. Die Schneehasen niüffen weiß werden, weil die Kälte die Ausbildung von Pigment verhindert, die im Dimkcl» lebenden Tiere müssen bleich werden, weil der Mangel an Sonne ebenfalls die Bildung von Farbstoffen unmöglich macht. Wahricheinlich aber nehmen viele Tiere die Pigment- stoffe in ibre Hanptzellen auf. die sie in ihrer ttingebimg vorfinden. Ist es ein Wunder, wenn die Garneelcn, die von roten Pflanzen leben, den roten Farbstoff in ihre sarbeiitragendeu Zellen (die sogeiiaiinten Chromatophoren) ausnehmen, diejenigen aber, die sich von gelben Gewächsen nähren, sich mit dem gelben Pigment schmücken usw. So ist diese merkwürdige Farbciiübcreinstiumuing zwischen Tier imd Umgebung sehr leicht verständlich. Daß die Fnrbcnglcichhcit dann mitunter Tieren zugleich zum Schutzmittel werden kann, ist nicht nuSgeschlossen. Aber in sehr vielen Fällen ist das sicher nicht der Fall. ES giebt doch so migrhcncr viele Tierarten, die sich von andren Tieren nähren. Da nun fast alle diese Beute- tiere angebliche Schutzfarbcn tragen, wie sollten sich alle jene Tiere ernähren I Wären sie so dumm, ihre Beute nicht trotz der nugeb- lichen Schutzfarbcn zu erkennen, so würden sie längst ausgestorben sein. Wenn die Schutzfarbcn jedoch nicht schütze», so ist ivohl irgend etwas nicht richtig in der Theorie!— Kleines L'ettilleknn» — Amerikanische Wiistenfahrteu. Wie Asien und Afrika birgt auch Nordamcrila in scincin Innern weite Gebiete, deren Wafferarmut. Vegclationslosigleit und Ocdc sie zu echten Wüllen stempelt. Auch hier giebt es unabsehbare Saiidslächen, sleinbesäte Wildnisse. Salzseen und Oasen. Aber ivie anders stellt sich die Reise des inoderne» Mrnscheu durch diese Wüsten dar, als der roinantischc Wüstcurilt in der Sahara I Hier giebt es keine Kamele, die sich um die Btinmen drängen, keine arabischen Treiber und wiehernde Pferde. Wo eine Wüste, deren Durch- lrenzung wünschenswert erscheint, den Pfad des Reisenden sperrt, da zieht sich schnurgerade die Eisenbahn hindurch. Die Oasen sind mit mälbtigcn Waffertürmcn ausgestaltet und weder Sandstürme noch irgend andre Gesahre» der Wüste vermögen es, den Menschen zu hindern, pfeilgeschwind die Nnwirtlichkeiteii zu durchfliegen. Abseits vom Schiciieiistrang ist allerdings die Wüste jungfräulich geblieben. Fst der tägliche Zug vornbergebraust, so ist die Ivette Ein- samlcit verlassener, denn jemals. Die Karawanen, welche wohl früher mit Wagen und Pferden die Einöden durchkreuzten, sind ver- jchwimdeii, die wenigen Jäger und Indianer sind ausgestorben. Ans meiner Reise von Mexiko nach St. Francisco hatte ich einige der anffalleiidstcn Wüsten Amerikas zu durchqueren; später auf der Fahrt nach dem Osten noch einige weitere. Es ist seltsam, ans einer solchen Fahrt bekommt man trotz aller Geschwindigkeit sehr viel von den Phänomenen der Wüste zu sehen, noch mehr von ihnen zu fühlen; das letztere vielleicht mehr als auf einer nonnalen Reise ans einem Reittier, jedenfalls mehr als einem lieb ist. Als der Zug von Mexiko ans fich nordlvärts in Bewegung setzte, da ließ ich es mir wohl sein, und dachte nicht, daß die Fahrt so mancherlei Qualen dringen sollte. In den bequemen Sitzen der prächtigen Pullman-cars spürte ich kmim die Erschütterung der Fahrt, und bei einer angenehmen Temperatur genoß ich behaglich die schönen Landschaften des mexikanischen Plateaus, welche vor den großen blanken Scheiben voriiberflogen. Bald stellten sich aber solche Plagen nnd Qualen ein, daß mir meine gesamten Eisenbahnfahrten in Amerika, so viel schöne Gegenden ich auch in migeiichnier Fahrt durchmessen habe, fast mir in den Bildern schmerzensreicher Wüstenfahrten im Gedächtnis haften blieben. Siebt man den Zug von fern hermibrmiscn, so ist sein Weg durch eine Saudsäule gckemizeichiict; wird eine sandige Gegend passiert, so hört man mit lrnitem Geräusch die Sandkörner ans das Dach und wider die Scheiben prasseln. In Mexico. Texas nnd Arizona stieg während der Fahrt in den Mittagsstunden die Hitze ans eine fast unerträgliche Höhe.— Mit welchen Gedanken erinnerte ich mich an die schwärmerischen Berichte von Wüsten- reisenden: wie hatten alle die köstliche ozonreiche Luft gelobt, die behag- liche Stimmiiiig des Reifens mit einer wohlaiisgerüsteten Karawane. Allen Reisenden misres Zugs wurden Rachen« und Nasenschleimhaut in der schrecklichsten Weise entzündet und nach jeder mehrtägigen Reise hat man tagelang zu kurieren, um des Katarrhs wieder ledig zu weiden. Jeder Zeit herrschte ein großes Gedränge an den Behälter« mit Eiöwaffcr, welche in den Waggons angebracht waren. Beqnemlich- leiten aller Art waren ja vorhanden, aber fie vermochte» nicht über den Einfluß der Naturgelvalte» Herr zu Iverde». Welche Arbeit war das jeden Morgen, in dem kleinen Behälter all' den Staub von Gesicht nnd Händen zu waschen, ihn von den Kleidern not- dürftig abzubürsten.... In Rordmexiko wechselte noch manchmal Wüste mit schön be- bantcm Land; weite Strecken waren auch typische Steppen. Hier und da war die Ferne begrenzt von seltsam gesonnten Hiigelreihen, welche besonders am Abend in zauberhasten Farben glühten; spitze Kegel oder abgestutzte Tafelberge tauchten am Horizonte ans und verjchtvanden wieder. In eiiizelucn Gegenden war ein kleiner Stausee gesliiassen worden. von dem Kanäle ausgingen: überall war dort iiiitten in der Wüste eine baumreiche Oase emporgeschossen. Die Flächen sind dann bedeckt mit rosigen, tveißen, gelben Blumen. Hier und da sieht man einige Pferde; Kühe in Herden. Ein einsamer Reiter sireicht mit Hunden durch das AiteinisicngestrüPP. lieber den Herden schweben Geier. Je weiter«vir nach Norden kommen, desto eintöniger wird die Wüste! selten ragt noch eine N»ceapalme empor, auch die Kakteen haben aufgehört, die Wüslenvegetation zu dominieren. Plötzlich sind wir mitten in echter Saiidivüste, Dünen verlaufen Ivie Wellen weit- hin. Hier übt der Wind seine Kräfte; er läßt die Dünen wandern und wirbelt mächtige Sandhosen bis zur Höhe der Wolken auf. Wieder ein rascher Wechsel: ein See taucht ans: ein fast violett gefärvtes Waffer in der graiigclben Steppe, umgeben von grell- grüiicii Stränchern; dahinter eine Kette blaßvio'letter Hügel und ivcit im Hintergrund kühn und prächtig gezackte Berggipfel im schönsten Blau. Dann folgt wieder Wüste, ödeste Sandwüste. Wie die asrilanische, so hat auch die amerikanische Wüste nnd Steppe ihre eigne Pflanzen- und Tierlvelt. Die Pflanzenformen uiilcrichciden sich typisch von den altweltlichen vielfach durch ihre Größe. Vor allen Dingen find die Niiccaö nnd die Kakteen ans- fallend. Während in Mexiko erstere vorherrschte, war in Arizona die Fläche weithin mit den riesigen Säulenkakteen bedeckt, welche kolossalen Kandelabern gleichend, starr in die Luft ragten. Es ist ein sehr eigenartiger Anblick: eine weite Ebene, voll dieser steifen Gebilde, während den Bode» mir hier und da dürre Artemisia- ftmiden überziehen; ans der gelben Erde erscheint jede einzelne Säule kräftig grün gefärbt, ihr dimkelblnuer Schatten sticht scharf vom lliitcrgniiide av. Auch in Arizona giebt es weite Gebiete mit gänzlicher'Vcgctationslosigkeit. Da bringt aber die Maimigfaltigkeit der geologischen Erscheiiinngen Abwechslung. Bald ragten ans dem Smidmeere, dessen Wellen durch die Thätigkeit des Windes in langen parallelen Reihen geordnet sind, starre Felsen und Steinmasscn empor: oft wie Klippen in der «ee, indem das Gandineer an ihnen emporznbranden scheint. Dann kreuzt der Zug eine Hügelkette, deren Hänge durch die Wirkung der Erosion gänzlich zernagt sind; da sieht man wie aus einem Durchschnitt die Scknchtmigen klar und deutlich, welche uns die EntstehinigS- geschichte der Hügel berichten.(Aus:.Von den Antillen zum fernen Westen". Reiseslizzen von Franz Doflein. Jena. Gustav Fischer.)— dp. Pariser Zeitungen im Jahre„Le Rappel" erzählt in seinem Neiijahrsartikel, daß es rnn 1. Januar 1801 in Paris nur 14„autorisierte" Zeitungen gegeben habe. Durch die Verordmmg des Ersten Konsuls Napoleon vom 17. Januar 1800 ivurden 73 Journale irntcrdrückt, ausgenommen war eine Anzahl Journale für Wissenschaft, Kunst, Handel; seit dem 17. Januar war nur ein einziges neu autorisiert worden. Die Zeimngen jener Zeit enthielten in der Regel 4— 12 Blatt in Oktavform. Der Inhalt der Ausgaben vom 1. Januar des Jahres 1801 cnt- hielt fast keinerlei Hinweis auf den Jahrestvechsel, da noch der Revolutionskaleuder in Gebrauch war; nach diesem lvar der benannte Tag der 11 Nivüse des JahreS 1X� Von offiziellen Enipfängcn in Paris ist daher auch»irgends die Rede, nur von dein Empfang der „Delegationen feiner Unterthanen' seitens des preußischen Königs wird berichtet. Infolge eines Attentats auf den Ersten Konsul vom 3. Nivösc wird am 11 Nivüse ein Dekret Bonapartcs veröffentlicht, durch welches ein Kriegsgericht eingesetzt wird, das den„Verschwörer gegen die öffentlichen Gewalten" aburteilen soll. Der Ton der wenigen Jour- nale, die der Unterdrückung entgangen sind, ist naturgemäß ein wenig freimütiger; ninn beugt sich vor dein allgewaltigen Konsul. Die Annoncen jener Tage kündigen u. a. an: Almanach der ehrenwertcn Leute für 1801; Älmanach des IS. Jahrhunderts oder Neujahrs- Geschenk der guten alte» Zeit. Auch über die Eröffnung dcS Testaments Jcair Jaques Rousseaus ivird berichtet.— Theater. — Ueber das Theater der Japaner veröffentlicht Adolf Fischer im Januarheft von„Westerniaims Monatsheften" einen interessanten Anfsatz. Wie allenthalben ist auch in Japan das Theater aus religiösen Festspielen hervorgegangen, deren Keimen im fünfzehnten Jahrhundert eine aristokratische Kunstübung entsproß: Die„No-Spiele", eigenartige Aufführnngen, die aus Dialog. Musik und Tanz bestehen. Sie spielen noch heute eine große Nolle und repräsentieren gewiffermaßen das klassische Drama der Japaner. Ihre Verfasser waren nieist Angehörige des Hofadels, und die aristokratische Gesellschaft ist es, die sie auch jetzt hauptsächlich liebt und pflegt. Die No-Spiele sind durchiveg in strengem Stil gehalten, der sich von jedem Realismus entfernt hält. Ein Chor, aus mehreren Sängern bestehend, tritt auf und versieht ungefähr die Funktionen des Chors ini Drama der Griechen; ihre Gesänge haben den Zweck, den Zuschauer in die erforderliche Stimmung zu versetzen,»im»un die Geschichten von den Wunder» Buddhas und den Thateir berühniter Helden anzuhören. Die No-Bühne ist die schmuckloseste und einfachste der Welt; sie kennt weder Dekorationen noch Vorhang, ivcder Versenkungen noch maschi- nelle Beihilfe irgend ivelcher Art. An einem Spieltage gelangen sechs und mehr Stücke von etiva einstündiger Dauer zur Darstellung, von denen aber noch jedes einzelne von einem„Kihogen", einem Scherz- spiel, gefolgt ist. damit das Publikum sich von der scierlich-ernstcn Würde des Geschauten erholen kann. Im Gegensatz zu den No-Spielen steht das„Kabuki"(Ka— Gesang, bu— Tanz, ki— Kunst), das profane Schauspiel, der treueste Spiegel rmverfälschter japanischer Bräuche und Sitten. Als die eigentlichen Sckiöpfer dieses Volks- dramas gelten die Dichterin Onouo- Othu stöl3— 1681) und der Dichter Sathunma-Joun sgeb. 1593); als den japanischen Shakespeare betrachtet man den fruchtbaren Chikaniatsu- Monznimo»(1635 bis 1724), der über hundert Dramen verfaßte, Uji- Kaga(1635—1711) hatte das Verdienst, das erste Drama zum Druck gebracht zu haben, und die schöne Shintopricsterin Okuni war eine japanische Neurerin, die das ganze Theaterwesen reformierte. Die Frauen haben über- Haupt ehemals eine große Rolle für das japanische Bühnenleben gespielt: sie waren die Hauptdarsteller. Die Folge aber ivar eine bedenkliche Sittenlosigkeit, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts dadurch gesteuert werden sollte, daß den Damen das öffentliche Auftreten untersagt wurde. Nun traten junge Männer auch für die Frauenrollen ein, als aber dadurch die Unsittlichleit verschlimmert wurde, bereitete im Jahre 1652 ein neues Edikt auch den Männerdarstellungen ein Ende. Dadurch ent- wickelten sich die„Miugho-Schibai", die Pnppeuthratrr, die sich heute noch der größten Beiiebtheit ersreuen. Fischer erzählt sehr an- schaulich von diesen Spielen. Die Aktenre sind hier lebensgroße M arionetten, die in überaus kostbare Gewänder gekleidet sind; sie «verde» von Puppcnlenkern. nicht jede mir von einem, sondern oft von zwei oder drei Männern, beivegt, die nicht unsichtbar sind, sondern, meist in schlvarze Gewänder und Kapuzen vermummt, hinter den.Schauspielern" stehen. Zur Seite haben sie Recitatoren (G idahn), unter denen der berühmteste gegenwärtig Koshiji-dayn ist. der Recitator des großen Puppentheaters in Osaka, während Taniazo ebendort als gefeierter Puppenlenker tvirkt. Daneben aber blühte nun seit langem wieder daS Kabuki. Der Theaterbesuch ist dem Japaner keine Abcndunterhaltnug, sondern ein Fest, daS sich über den ganzen Tag erstreckt. Man nimmt die Kinder mit, Mütter nähren ihre Säuglinge während der Vorstellung, im Theater werden die Mahlzeiten eingenommen, die ein benachbartes TheehauS liefert, und in die zu jedem Platz ge« hörigen kleinen Feuerbecken Nopfen die Zuschauer unaufhörlich ihre Pfeifchen auS. Dabei ist man vollkonimen bei der Sache und nimmt an den Vorgängen auf der Bühne lebhaften, oft leidenschaftlichen Auteil. Unvergleichlich ist die Fähigkeit der Japaner, sich in die freilvillige Illusion zu versetzen, die die notwendige Voraussetzung jedes Kunstgenusses ist. Man nimmt an keinem Fehler gegen den .Realismus" Anstoß. Ein Tisch«vird unter Umständen als Berg. ein Stuhl als Schiff angenommen; berühmten Darstellern folgt oft auf Schritt und Tritt ein Theaterdiener(Kurombo). der sie mit einer an der Stange befestigte» Kerze beleuchtet, daß man ihr Mienenspiel besser beobachten kann, ein Pferd wird durch zwei verkleidete Kuli ersetzt, gefallene Helden kriechen auf schwarzen Tüchern von der Scene,— und niemand findet bei solchen Dingen etwas Merkwürdiges oder gar Komisches.— Aus der Pflanzenwelt. — Die Tuberose. W. Fiedler schreibt in der Wochen» schrift„Nerthus": Eine sehr beliebte Zimmerpflanze ist die all» bekannte, köstlich duftende Tuberose(Polyanthus tuberosa L.). Sie hat ihre Heimat in Ostindien und wird besonders im Orient in großen Mengen angebaut. Die Tuberose, auch Kronenlilie genaimt, hat einen zwiebelartigen Wurzelstock, aus dem sich der oft über einen Meter hohe Stengel erhebt. Derselbe ist mit schmalen, am Wurzelhalse mit etwas rinnenförmigen Blättern besetzt und trägt in einer Aehre die einfachen oder ge» füllten, weißen, mit starkem Wohlgeruch versehenen Blumen. Äie beim Maiglöckchen hat man es auch bei der Tuberose in der Hand, die EntWickelung der Blüte beliebig zu verlegen, man kann somit fast das ganze Jahr hindurch blühende Tuberose» haben, wenn man das Pflanzen der Zwiebel in entsprechenden Zeitabschnitten vornimmt. Die etiva«valnußgroßen, blllhbaren Zwiebeln pflanzt man einzeln in Töpfen von 10 Centimcter Durchmesser, die eine starke Scherbenunterlage haben und mit fetter, sandgcmischter Mist- bceterde gefüllt sind. Am besten gedeihen die Pflanzen, wenn sie bis zum Beginn der Blüte in ein Mistbeet gestellt werden, das viel gelüstet wird, doch entwickeln sie sich auch ganz gut im Zimmer, wenn man die Zwiebeln von Mitte April ab einpflanzt, wo die Luftwärme schon eine höhere ist. Während der Entwicklung und Blütezeit wollen die Pflanzen reichlich Wasser haben. Jede Zwiebel blüht nur einmal, sie zerfällt dann und an dem Zwiebelkuchcn bilden sich eine ganze Anzahl kleiner Zwiebelchen, die nach dreijähriger Kultur wieder blühfähig werden, vorausgesetzt, daß ihre Anzucht im Mistbeete geschieht. Bei Zimmerkultur gebe mau sich mit abgeblühten Exemplaren keine Mühe, es wäre umsonst; ebenso sind die angesetzten Brutzwicbcln in unsrcm Klima ganz wertlos. Auch der Handelsgärtncr ist heute davon abgekommen, abgeblühte Tuberosen- zwiebeln weiter zu kultivieren. Es hat sich gezeigt, das; diese Zwiebeln bei uns nie wieder so kräftig sich entwickeln und so reich blühen, wie das erste Mal. Fast alle blühbaren Zwiebeln werden deshalb aus Central-Amerikn und Italien importiert, dieselben sind für ganz geringes Geld käuflich und der Handelsgärtner ist geschützt vor Mißerfolgen in der Treiberei. Eine sehr beachtenswerte Abart ist die amerikanische Züchtung „ha, Perle". Der Blütenstiel Ivird etwa 60 Ceutimeter lang, die Blüten sind rein weiß, gut gefüllt und verbreiten einen sehr starken Duft. Diese Eigenschaften mache» sie besonders werlvoll für die Binderei.— Hnmoristislsirs. — Weihnachtscignrren. Deine Frau hat Dir gewiß auch Cigarren zu Weihnachten geschenkt. Nee, davon Hab' ich sie kuriert. Wie denn? Ich habe die vorjährigen alle zu Hanse verraucht.— (.Jugend") — Entschuldigungs-Zettel.„Ob mein Sohn könnte aus die Schule bleiben, wir haben einen kleinen Jungen gekricht, der Herr Rektor hat'S erlaubt."— — NeueS Zugtier. Ede:„Du, Lude, kiek mal, wie krummbeinig der Droschkenjanl dasteht." Lude:„Det is wahrscheinlich cen— DachSam eterl"— (.Lust. Bl.'j Notizen. — Agnes Gorma beginnt am Lcssing-Theater ein längeres Gastspiel im neuen L u st s p i e I Fuldas c.m 4. Februar.— — I n g e b o r g O s e l i o Björn son, die Gattin des norwegische» Hoftheatcr-Jnteudanten, wird in der nächsten Woche mit einem G a st s p i e l im Theater des Westens beginne».— — Leo T o l st o j s neues Drama„Die Leiche' hat daS München er Hoftheater zur Aufführung rrivorben.— —„Die M ä n n e r f r a g e", ein Lustspiel von Paul B l i ß und Joseph Witkowski, erzielte bei der Erstaufführung im Hamburger Thalia-Theater einen guten Erfolg.— — Nach dem Meridian von Green wich tvird seit dem 1. Januar nachts nunmehr auch in Spanien die Zeit amtlich berechnet.— — t. Ein neues Laboratorium für biologisch« Forschungen, die sich vorzugsweise ans die französischen Kolonienerstrecken sollen, ist an dem Pariser Naturhistorischen Museum eröffnet worden. Die Arbeiten sollen außer biologischen auch geologische und mineralogische Untersuchungen umfassen und genaue Belehrungen für die in den betreffenden tropischen und subtropischen Ländern sich aushaltenden Leute zur Beobachtung über die Gamm- lung und die Züchtung von Pflanzen und Tieren herausgebe».— — ck. Der Senator Procter aus Bennont(Nordamerika) hat die meisten M a r m o r b r ü ch e C a r r a r a s an sich gebracht. Man spricht von einer Kauffumme von 40 Mill. Mark.— Die nächste Nummer des Unterholtungsblatts erscheint am Sonntag, den 6. Januar. Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.