Mnterhaltungsblatt des Jorwärls Nr. 8. Freitag, den II. Januar 1301 (Nachdruck verböte».) Dcv MAptl vom AZollerbröu. 8� Roman von R. von Seydlitz. Lieutenant Keßler, wenn er vom Ebeleinschen Gitterthor sich abends der Stadt zuwandte, dachte in letzter Zeit ebenso. es müsse in nächster Zeit wohl zu einer Entscheidung kommen. Aber ihm schlug das Herz nur in halber Freude bei dem Gedanken. Er war nicht gerade verschuldet, er hatte es nicht nötig, den Abschied zu nehmen; er konnte sich zuletzt auch ohne das Ebeleinsche Geld durchhelfen. Und er war sehr jung, nicht nur an Jahren. Und dem jungen Mann war Vivi Ebelein mit ihrem gezierten Wesen und ihren stechenden Augen— kein Ideal. Vernünftig War sie schon, die Heirat; und von den Augen abgesehen. war Vivi wohl kaum häßlich zu nennen.— Aber er kam nicht darüber hinweg: jemand andres war schöner; ein andres Augeupaar sah er lieber; ob Vivi ihn wohl je als Frau so von Herzen lieben würde, als die andre ihn jetzt liebte, die Roia, der er mit jener Heirat über kurz oder lang das Böse anthnn mußte, was die Welt Herz brechen nennt? Und der Bräutigam Vivis ging zagenden Schritts heim, und zog Civil an, um mit Rosa zusammenzutreffen, jedesmal mit dem festen Vorsatz. dem lieben herzigen Ding das schlimme Vorhaben zu gestehen; und jedesmal mit der ebenso festen Ueberzeugung, in ihre Augen hinein das böse Wort nicht sagen zu können. Vom Parkthor der Ebeleinschen Villa ging heut der Kastl sicherlich als der unschuldigste, unbekümmertste weg, ja er hatte eine stille neue Freude in« Herzen: „Selber Faß waschen hat er müffen!" murmelte er in Erstaunen.„Nachher bin ja ich am rechten Weg!"— Und diese bedeutsame Entdeckung hielt ihn lange gefangen.— Aber das Fräulein Vivi haßte er aufs tiefste. Wenn er einmal Brauherr sein würde— seine Tochter dürfte ihm nicht fran- zösisch reden, das war einmal gewiß; und wehe ihr, wenn sie einem„Haberfelder" jenials zum Gespött machen wollte. „Dera kinim i I" dachte der erzürnte zukünftige Vater von Brauerstöchtern. Und so kehrte er aus der sonnigen Blumenatmosphäre der Villenvorstadt wieder in den dunklen rauchigen Dunst» kreis der alten Brauerei zurück, in deren Höfe und Gänge selten einnial ein Sonnenstrahl fiel. Der Hollerbrüu, ein ehrwürdiges altes Gebäude mit schweren festen Wölbungen, engen runden Stiegen und ver» schwendcrischem Holzgesüge in dem hohen Dachstuhl, war im Laufe der Jahrhunderte durch vieles Um» und Einbauen nicht schöner geworden. Von Zeit zu Zeit einmal geweißt, sahen doch alle Wände abgenutzt und angeraucht aus; der stete Dampf und Rauch und die stete Benützung machte die Wände überall, wo Menschen vorbeistreisten, braun und speckig. Äußer ein paar Maschinen und einigen Neubauten und Uniändenuigen war im Hollerbräu noch alles beim alten. Herr Ebelein schwärmte nicht für hastige neumodische Um- wälzungen. Kaum daß er auf Drängen seiner Frau sich vor einigen Jahren entschlossen hatte, seine Wohnung im ersten Stock des Vorderhauses aufzugeben und in die Villa zu ziehen. Ihm wäre es im alten Hause behaglicher gewesen, aber für die Damen, besonders für die feinerzogene Vivi. mußte doch etwas geopfert werden. Dafür hatte er nun die liebe Not mit Pferd und Wagen und den umständlichen Ver- kehr nlit dem Comptoir. Denn Telephon gab's damals noch nicht.— Und nun war der erste Stock für die Gastwirtschaft dazu genommen worden, und wo er einstmals— es war schon lange her!— das Licht der Welt erblickte, wo seine Eltern gestorben, wo er die Geburt der Tochter durch ein großartiges Essen gefeiert hatte, da tobte jetzt allnächtlich der Lärm der buntbekappten Studenten, da schrien die Gesang- vereine und hockten die unzähligen kleinen Philistergesellschaften Mit und ohne Namen. Nun! Sei's drum!— Das Geschäft ging regelmäßig seineu Gang, mit dem Bräumeister war er zufrieden, und sein Obermälzer war eine Perle von unschätzbarem Wert. So gedieh die Sache ruhig fort; vom Export und dessen Gefahren mochte Ebelein nichts tvissen, und die gegen- wärtige Kundschaft genügte ihm. Alles in allem war der Hollerbräu ein rechtes und echtes Musterbild einer mittelgroßen altmünchner Brauerei, bei der alles fest und gut ist, die Mauern, der Kredit und der Sinn derer, die darin hantierten. Und mancher Sud war schon so gelungen gewesen, daß ganz München in die engen alten Gaststuben geströmt war, um von der Herrlichkeit zu kosten. Es that dem alten Ebelein doch recht wohl, wenn ein angesehener Bürger ihm gelegentlich versicherte, Hofbräu, Sternecker und Eberl seien dies Jahr„grad an elendiger Plempl, an elen- diger" gegen sein großartiges Gebräu. In diesen alten schweren Gewölben, unter dem Dämmer der engen Höfe spielte sich Kastls Bcirschenzeit ab; dort fing er bald an. im strengen Dienst der Münchener Lokalgottheit sich heimisch zu fühlen, er wärmte sich sozusagen seine Lagerstatt an und schlug Wurzeln; er fand, daß auch für ihn ein Platz im Geschäftsgefüge war, und der Verkehr mit allen um ihn her wurde bald ein offener und behaglicher. Spaß und Unter« Haltung gab's freilich zu Anfang wenig für ihn. und wenn am späten Abend in den finsteren Ecken weibliche Stimmen lachten und schrien, schaffte er ohne Unterlaß noch an seiner Arbeit. Hinten, im zweiten Rückgebäude, wo früher die Mälzerei gewesen war, die jetzt draußen vor der Stadt lag. im Keller- geschoß, trommelte in aller Frühe die Schar der Mägde überm Bratklopfen. Da konnte er manchmal dabei sein, denn den jungen dummen Buben weihte die Köchin ohne Besorgnis in die Mysterien der Wurstbereitung ein. Das war ihm dann ein Labsal; er klopfte wie närrisch aufs Fleisch los und pfiff den Mädeln lustige Lieder dazu vor; bis die Stunde seiner eignen Arbeit schlug und er ins Sudhaus eilte, um seinen Vorgesetzten, den Bicrsiedcr, zu erwarten. In der steten, festen Arbeit erstarkte sein Körper, der von Natur schon mächtig veranlagt war, zu immer größeren Leistungen, und er freute sich selber darüber am meisten, wenn er einmal mit Aufgebot aller Kräfte ein Stück Last gehoben und getragen hatte, das die andern vergeblich zu lüpfen ver- suchten. Da hatte er dann allerlei Extravergünstigungen dafür, eine geschenkte Maß und dergleichen, auch Neckereien und kleine Ringkämpfe mit den andren Burschen. Einer der Bierfahrer besonders hielt große Stücke auf ihn und machte ihm den Vorschlag, Kutscher zu werden. Aber das mochte er nicht, er hielt streng an seinem Vorsatz fest. Und auch in der Gaststube vorn, wohin er einmal gerufen wurde, weil ein fremder Herr ihn sehen wollte, vor dem er Kraftproben ablegen mußte, wurden ihm verlockende Vor- schlüge gemacht. Der fremde Herr, seines Zeichens Athlet. und selbst ein bewunderter Kraftmeier aus einer Cirkus- gcscllschaft, erzählte ihm viel,— wie er selbst einstmals bis zum Haspelanten in einer Nürnberger Brauerei gediehen, dann aber das öde Gewerbe abgeschüttelt und sein wahres Talent entdeckt habe.— Der Herr Buchhalter saß dabei, er hatte den» Kastl seit jenem Brief ein gewisses spöttisches Interesse bewahr!; Kastls Ablehnung imponierte ihm offenbar, denn er sah ihn mit Staunen an. „Willst denn Deiner Lebtag Faß waschen, Wastl?" fragte er ihn zuletzt. „Kastl heiß i," verbefferte zum zehntenmake der Gefragte. „Wie?" „Kastulus!" erklärte er geärgert. „Kastulus I Ah, da schau! Kas— tu— Ins!" machte der Buchhalter boshaft; denn der Name war in Oberbahern selten. „Js des a Verwandter von Dir, den s' neuli' abgethan hab'n i' der Frohnfest'n?" Jetzt war's dem Kastl zu dmnm, denn seit einigen Tagen hatte er viel darüber zu höre» bekommen, der geköpfte Raub- mörder, der denselben Vornamen geführt, war in aller Munde, und des Gespötts war im Vurschenzimmer und abends beim „Steruenwirt"— dem Abendbier der Burschen— kein Ende gewesen. Kastl drehte sich kurz weg und ging hinaus, aber das Gelächter am Stammtisch ärgerte ihn, als er die Thür in der Hand hatte, so sehr, daß er beschloß, den Buchhalter zur Rede zu stellen.— Abends spät lauerte er ihm auf, als er die Schenke verließ. Er versäumte sogar zun, ersteniualc die Arbeit ciwas deswegen. Aber in ihn, kochte die Wut. Es war ihm gerade recht, daß ein paar Leute herumstanden, besonders einer von den Vorderburschen; die niochten's nur hören I „Sö. Herr Buchhalter, ich Hütt' Ihnen was zum sagen," begann er, vortretend. „Ah— sich da, der— Kah— stuhl— lnhs I" machte der andre:„was giebt's? Hast Dir's überlegt? Ja.— sixt, der Herr is scho lang furt. Gelegenheit vcrsäunit. Fix muß mcr san in dcra Wölt I" „Nein, Herr Buchhalter." entgegnete Svnstl und vertrat ihm resolut den Weg. indem er zur mehren, Feierlichkeit sein feinstes Hochdeutsch aufschte:„ich wollt nur srag'n, ob Sie sich das überlegt haben, net ich!—" Der Buchhalter begann etwas zu ahnen und nahm die Cigarre aus den, Mund. Wollte der Lausbub ihn gar am End' thätlich angreifen?„Was denn?" „Herr Buchhalter, Sie haben nnch vor den andren Leut'n für'n Narr'n gehalten. Ich mächt nur frag'n, weg'» waS?" „Bist Du verrückt. Kastl?—" „Des»et grad.— Aber ich frage nur"(wieder fein hochdeutsch und recht laut),„ob das dazu gehört, daß ich mir das— dees g'fall'u lass'n muß." „Des kannst halt'n wie d' magst I" rief lachend der Buch- Halter.—„Willst vielleicht rauf'n? Da bist an den Unrechten gekommen. Deine Bräuerfäust' und meine Hände— das gab' ein ungleiches Paar." „DcS waß i wohl. Drum will i a net rans'n. sondern frag'», grad wie Si im' des g'fragt ham."— Und da er sah, daß alles ringsum aufmerksam war, vertrat er dem Buch- Halter vollends den Weg und that seine Frage: „Warum hab'n S' nnch siir'n Narr'n V I Hab Eahna nix tho». I bin a arnier Bursch, i bin da auf'nommen worn, daß i waS lern. Wenn n,i d' Burschen sekkieren. zahl i's ihna ham. wie's kininit. Wann aber Sie mach'n. daß all's über mi lacht in der Gaststub'n. na Hab i an schwer'n Stand; und am End is unscrauer a net von Holz. Z'letzt kann mi so was aus'm Haus treib'». wenn i's net aushalt. Nachher steh i wieder af d'r Gass'», und Hab mei bisset Brot verlor'»". tFortsehuiig folgt.) Klus deL tttttfisralifisIcn Lvoislv. Die P h> l h o r ni o n i f ch e» Konzerte zn Berlin sind ein so charaltcristisches Bild dessen, Ivos der gegenwärtige.Geschmack des PublikiiiiiS und seiner hoiiplsöchlichen Führer will, daß zn ihnen auch der mit Interesse zurückkehrt, der vieles von ihnen bedauert und dieses Bednnern auch bereits mchnnolS ausgesprochen hat. Sie sind anßerdcin auch im allgcnicincn ein schönes Pcugnis dessen, was heutzutage ein gut ausgestattetes Orchester unter guter Führung leisten lann, und mnrlicrcn zugleich znni großen Teil den Stand der gegenwärtigen Kvmpositioiiskunst. Nehmen wir gleich das Beste an ihnen voraus, so können wir mit lebhafter Anerkenniing die Kapelle selber rühmen, die in, Laufe eines Monats eine solche Fülle alter und neuer wie neuester Musikstücke zu bewältigen bekommt, daß sie schließlich niit dem größten Teil der bisherigen Musiklitteratnr innig vertraut sein und mit allem Ncuauftanchendcn rasch vertraut werden muß. Der Proben können dabei unmöglich viele sein; wie es heißt, ist je eine Probe das übliche. Eine solch« Arbeitsweise unterscheidet sich beträchtlich von der jener vielgcnnnntcn Meininger Kapelle, die nach dem seiner- zeitigen Muster Biilows das verhältnismäßig Wenige, das sie zur Bcrarbcitnng bekommt, bis aufs feinste durchstudieren kann— mag man mm an der betresscndcn DarstellungSIveise mehr oder weniger auszusehen haben. Bei mehrbeschäftigten, aber tüchtigen Spielern wird sich nun die Kürze deS Stndicrcns nach verschiedenen Seiten verschieden geltend machen. An der Gewandtheit der Spieler im Einzelnen und im Gesamtspiel sowie am Erfassen des Gesamt- geistes eines Werks wird es wohl am wenigsten fehlen; schwieriger wird es bestellt sein mit dem Eindringen in die feineren Details, insonderheit in die Elemente deS Ganzen. Das aber, was grade dabei hauptsächlich in Betracht konunt, ist der Rhythmus, als ein Hauptbestandteil dessen, was die Elemente des Ganzen als solche unterscheiden läßt, was also nach dem heutigen bewußten sowie zu jeder Zeit nach de», schon in einem dunklen Gefühl liegenden Stand der musikalischen Ausdruckskinist die„Phrase" ausmacht. Das Ge- ftaltcn dieser Elemente und das Aufbauen der größeren Teile auS lhncn— beides allerdings nicht bloß eine Angelegenheit des Rhythmus — ist nun wohl das Borlragsproblem, das die eingehendsten HWicii verlangt. Der Dirigent wird freilich seinen Geist. seine Stärken und Schwächen auch schon bei wenigen Proben in die Ansdrucksweise des Orchesters hinüberführen. Dirigenten, deren Stärke nicht eben in der Rhythnük engeren Sinns(der Längenunterscheidung der Töne) und in der Metrik engeren Sinns sGewichtuntcrschcidnng der Töne) liegt, werden es auch in der Phrasienmg nicht weit bringen; Dirigenten, deren Stärke gerade in der Rhythmik(weiteren Sinnes) liegt, werden dazu besonders befähigt sein, werden aber vielleicht ans andre rhythmische oder dem Rhythmus verwandte Fragen— scharfe Klarheit der Taktgliederung, wuchtiges Accentuieren— ein besondres Gewicht legen. So macht es z. B. der Leiter der Sinfoni» Konzerte der königlichen Kapelle, Weingartner. Ein Gegenstück zu ihm ist der Dirigent der populären' philharmonischen Konzerte, R c b i c e k; er geht wenig darauf aus, den Aufbau der Takte scharf herauszuarbeiten und noch weniger darauf, ans diesem Aufbau hinwieder die Phrasen einleuchtend zu' gestalten; auch die zu beiden Aufgaben gehörende Ausführung der Accentverschiedenheiten tritt nicht eben als eine besondre Leistung hervor. In TschaikowSkyS „Smtbnio pathetiqne" sind die beiden Mittelsähe, bei ver- hältnismäßig geringen sonstigen Vorzügen, gerade rhythmisch interessant. Die neuliche Wiederaufführung dieses beliebten Werks zeigte die ge- nannten Schwächen des Dirigenten hier besonders stark. Auch Mendelssohns„Hcbridcn"-Ouverlüre, wie immer man sonst über den Vorzug gleichmäßigerer oder abwechselungsreichercr Vortrags- weise dieses Wogcnbild'cs denken mag, verlangt schon in dem gleich mit dein ersten Takt einsetzenden Hauptmotiv ein plastisches Ge- stalten, dessen Mangel hier um so unangenehmer auffiel, als auch die Deutlichkeit zn wünschen übrig ließ— die sich freilich beim richtigen Führen der Phrase am ehesten einstellt. Weniger Bedenken dieser Art machten einige einfachere Stücke, die in jenem „Populären" kamen. So ein jedenfalls noch nicht weit be- kaiintcS„sinfonisches Gedicht" von Dvorak„Die Wald- taube", eine darstellende Musik, die sich aber die steilen Höhen moderner Programmkomposition und auch die geheimnisvollen Tiefen moderner Polyphonie erspart und dafür durch hübsche, meist gering- wcrtige Melodik wirkt. Das gilt ja von Dvorak überhaupt. Öb dieser Komponist nicht besonder? geeignet wäre, an der uns nun bcvorstcheuden Entwicklung einer.lIebcrbrettl"-Musik mitzuarbeiten? Im übrigen möchte ich an diesem Komponisten, der mir sonst im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung nicht so wichtig scheint, daß ich glaube, seinen Werken näher nachgehen zu müssen, eine Bc- sonderhcit hervorheben. Erhört nicht gerne ans; er spricht gerne weiter, nachdenr er gesagt, was er zu sagen hat; er könnte sogar so, wie er's thnt, noch' lange weiter sprechen. Das mag jemand freuen oder ärgern; jedenfalls liegt darin eine besondere Verwertung des' formalen Teils, der als„Coda"(Schweis. Anhängsel) nach Erledigung der Themen und ihrer eigentlichen Behandlung nochmal ans dies oder das zurückkommt, noch da eine niolivische Schönheit unterstreicht, dort eine Stimmung verstärkt, u. dergl. in. In der„Waldtaube" ist die Coda zu einem„Epilog" geworden, der vielleicht den intcrcssantcstcn Teil des Ganzen bildet. — Jenes Konzert brachte, neben kleinerem, auch noch ein altcS Lieblingsstück virtuoser Geiger, das Konzert v-änr von Paganini, eine jener Zwrckmusike», die heute doch schon seltener geworden sind. Herr W i t e k. der erste Konzertmeister der Kapelle, spielte es mit der Geläufigkeit, ohne die derartiges nun einmal nicht gut zn bringen ist. Eine hervorragende Weichheit des in der Hauptsache jedenfalls guten Tons fiel unS bei diesem Geiger nicht besonders auf; innigere Kiinsllerschast zn zeigen war schon durch die Liompo- silion nicht gerade erleichtert. Nach dem Typus dieses Beispiels sind die populären philharnionischcn Konzerte in der Hauptsache immer zusammengesetzt, nur daß die, welche nicht eigentlich als„ S i n f o n i e- K o n z e r t e" bezeichnet sind, noch„Populäreres" in der Wahl der Stärke und zumal in der Buntheit des Programms bringen, lieber diese Eigentümlichkeit fast aller gegenwärtigen Konzerte haben wir, zumal zur Kritik deS Wertes ünsercr„'philharmonischen", uns oft genug ausgesprochen. Wem cS darum zu thnn ist, vielerlei Musik aiifzunehme», wird sich die unter den gegenwärtigen Verhältnissen anzuerkennende Ein- richtung der„Populären" mit ihren mäßigen Preisen gern zu nutze machen. Neben ihnen vertreten die im engeren Sinn so genannten„Phil- harmonischen Konzerte", die großen,„vornehmen", den Typus gesell» schaftlich hervorragender Veranstaltungen. Die eigentümliche Mischung von wirklichem Bildungsinteresse und Bildungsschein, von Interesse an künstlerischen Sachen und an Personen als den Hauptmittel» fach» lichcr Zwecke, die unsre„oberen Schichten" besonders in der Pflege der Musik kennzeichnet, aber auch die eigentümliche Mischung von innerer künstlerischer Feinheit und äußerlichem WirkungSdraiig, die heute den„berühmten Künstler" macht; all das giebt einem solchen Konzert seine charakteristische Physiognomie. Der Dirigent dieses Chklus, Nikisch, repräsentiert den modernen Kapellnieister- TypuS mit allem Glanz. Temperament und insbesondere Pikantcric im Herausbringen(oder vielleicht mehr im Hineinbringen) auffallender Einzelheiten machen ihn zum richtigen Liebling deS Publikums. Jene intimere Aufgabe eines Dirigenten von heute, die endlich gewonnene Phrasierungslehre immer breiter und tiefer in die Praxis zn führen, bleibt dabei doch noch zurück.„Im Anfang war der Rhythmus", sagte Bülow, der wohl größte Praktiker der Phrasierung. Aber der Rhythmus ist noch im Anfang"— so könnte das Wort für heute lauten. Einer der typischen Lieblinge des Publikums, der Pianist Edouard Risler, spielte im 6. dieser Philharmonischen Konzerte die ganz einzigartige und auch in der Orchesterbearbeilnng Liszts' nicht umgebrachte„Wandrer-Phantasie" von Schubert. Herr Nisler gab darin viel des Einschmeichelnden, Hingebungsvollen; von gläu- zender Technik nicht erst zu sprechen. Aber das ganz Eigenartige des Stücks liegt in der Rhythmik der vier Töne, die sein Hauptmotiv ausmachen, und die das Stuck mit den mannigfachsten, zum Teil nicht einmal melodisch anspruchsvollen Verwendungen dieses einen rein rhythmischen Motivs erfüllen. Auf die rhythmische Plastik dieser Töne kommt alles an, und gerade darauf ivar die Aufmerksamkeit des Spielers am ivenigstcn gerichtet, wie es denn bei den so häufigen Aufführungen dieses Stücks aller- meistens zu gehen pflegt. Zu einem besseren Treffen dieser Plastik dürfte es sich empfehlen, daß die Vortragenden in jedem der vier Sätze das Zeitmaß anfangs recht mäßig nehmen, ganz nur darauf bedacht, die jeweilige Bedeutung jener vier Töne.' die in einem extremen Tempo am ehesten schwindet, nachdrücklichst zu Gehör zu bringen, und daß sie sich erst dann ins Ucberschnelle und Ueber- langsame stürzen. Der letzte Satz wird so auch seinen unleugbaren Formalismus verlieren, zumal tvenn er nicht, wie es von RiSIer geschah, gebaut sondern gestaltet und dann auch mit G e- walti gleit im besten Sinne des Worts ausgeführt ivird. Dasselbe Konzert machte uns mit dem längst berühmten, aber hier noch Ivenig gehörten Franzosen V i n c c n t' d' I n d y bekannt. Seine.Sinfonie für Orchester und Klavier über einen Sang ans dem Gebirg"(cbaot, montagnard, Hirtcnmelodie oder dergl.) ist ein jedenfalls bedeutendes Werk, das schon durch seine Weiterbildung der Form des Klavierkonzerts— innigste Einfügung des durch Harse ergänzten Klaviers in das orchestrale Ganze— und durch seine Erfüllung deutscher Kompositionskunst mit französischer Lebendigkeit (zumal in dem grotesken Finale) eine nähere Betrachtung verdienen würde, wenn es auch für einen an deutsche Musikgeschichte getvöhute» Geschmack mehr äußerlich als innerlich wirkt.— sz. Kleines Feuillekon» — Etwas vom Rotwelsch. In der„Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins" behandelt Professor Friedrich Kluge unter andren Geheimsprachen auch die Gaunersprache. Sie ist die reichste Berufssprache, die wir kennen. Nur die Waidmannssprache hat gleich alte und ebenso reichhaltige Zeugnisse aufzuweisen. Seit den: 13. Jahrhundert kennen wir das Rotwelsch durch zahllose Wort- liste». Das Wort„rotivelsch" selbst ist gannersprachlich: es bedeutet Bettlersprache(rot— Bettler). Das Wort„Stromer" begegnet schon im Rotivelsch des 14. Jahrhunderts als„Kehlabschncider". „Hochstapler" stammt ans dem 18. Jahrhundert, aber das einfache „Stapler" begegnet niit der Bedeutung„brotsammelnder Bettler" schon im 16. Jahrhundert. Der„Ganner" hat seinen Namen von dem rotivclschen jonor(Falschspieler), das ebenso alt ist.„Schtvindler" ist ein Gaunerivort, das erst um 1800 in der deutschen Verbrecher- spräche auftritt. Man sieht ans diesen Beispielen, daß unsrc Gemein- spräche eine große Fülle von Worten ans dem Rotivelsch übernommen hat. Woher stannnt diese Gaunersprache unn? Soivohl Judcndentsch wie Zigeunerisch sind durchaus vom Rotivelsch verschieden und geben nur cinzcliie Bestandteile her. Das Rotivelsch wurzelt zum größten Teil wirklich in nnsrer Volkssprache, aber nicht in der Volkssprache einer einzelnen Landschaft, sondern die niedrigen Sprccharten der verschiedenen Landschaften liefer» dazu die Bansteinc. Wie schon er- wähnt, ist das Judcndentsch ein starkes Element der Gaunersprache. Bei einein allen Chronisten ivird das Rotwelsch geradezu als „keimisch"(jüdisch) bezeichnet. Auch den» zigcinlerischen Sprachgebiet ist maiiches entnommen, so balo(Schwein), grai(Pferd), charo (Degen), rnaro(Brot) usw.— — Tie Versorgung dcS antikcn RoinS mit Wasser. I» einem vor der„Itnilätutioii of civil Engeneers" in London gehaltenen Vortrage, über de» die„Illustration" berichtet, verwies der Vorsitzende des Vereins, Mr. Mauscrgh, die Behauptung, als seien die alten Römer mit Wasser in, Neberfluß versorgt worden, in das Gebiet der Fabel. Das Wasserquantuni, das durch die von Frontinns beschriebenen Aquädukte täglich nach Rom geleitet wurde, schätzt Prony auf ungefähr 1 400 000 Kubikmeter. Aber Maufergh weist die Absurdität dieser hohen Ziffern nach, die eine schlechter- dings unmögliche Schnelligkeit des Abflusses voraussetzen. Schon früher war Herschel auf Grund eingehender Studien zu dem Ergebnis gelangt, daß die neun Wasserleitungen, mit deren Auf- ficht Frontinns betraut ivar, Ivahrfihcinlich nur 315 000 Kubik- meter liefern konnten, von denen hinwiederum 112 000 unterwegs verloren gingen oder nutzbar gemacht wurden, so daß nur 203 000 nach Ron, kamen. Wir wissen überdies von Plinins, daß die neun Aquädukte Roms nur selten gleichzeitig funktionierten und daß im allgemeinen stets zwei oder drei wegen Reparaturen außer Benutzung waren, so daß inan das täglich in Rom verbrauchte Quantum Wasser auf cliva 144 000 Kubikmeter veranschlagen muß. Demnach trifft nach Maßgabe der Bevölkerung Roms im ersten Jahrhundert». Chr. ein Volumen von 144 Liter auf den Kopf— ziemlich tvenig, wenn man bedenkt, daß durch die Bäder und die öffentlichen Springbrunnen ein großes Quantum verbraucht wurde. Auch muß man in Rechnung ziehen, daß die Bevölkerung ihren Bedarf aus zahlreichen andren Quelle» bezog.— Musik. — Die Musik- A u t o g r a p h e n s a m m l u n g Ar« taria soll, wie ein Posten in dem soeben erschienenen Etat des preußischen Knltnsministeriunis besagt, für den Preis von 200 000 Marl erivorben iverden. Die Firma„A. Artaria n. Comp." war zur klassischen Mnsikzeit Wiens der erste und bedeutendste musikalische Verlag der östreichischen Hauptstadt, und eine Reihe von Generationen hat es sich angelegen sein lassen, das Archiv des Hanfes zu ver- mehren und seinen kostbaren Besitzstand zu erhalte». Allen Kennern der Musikgeschichte ist diese Handschristensammlung als die größte und kostbarste bekannt, die jemals in Privatbesitz gewesen ist. Neben de» Originalen unsrer ersten musikalischen Meister, Kompo- sitionen und Briefe, etwa 3000 Blatt, enthält sie eine Fülle von den Komopnisten revidierter Abschriften ihrer hervorragendsten Werke. Die Zahl der Jnedita ist hierbei außerordentlich groß. So finden sich allein in den Abschriften Haydnschcr Werke nicht weniger als 140 un- bekannte und nnacdrnckte Kaunnermusikwerke. Von Beethoven sind außer den Niederschriften seiner herrlichste» Werke, der„Neunten Sinfonie", der„WÜssa solernnis" nicht weniger als 2000 Blätter von Mnsikfragmenten vorhanden, ivelche die bekannten, auf der hiesigen königlichen Bibliothek bewahrte» Mannskripte auf das glänzendste vervollständigen und so ein fast lückenloses Ganzes ans Beethovens Nachlaß bieten. Sorgfältige sachverständige Prüfung hat ergebe», daß beide Handschristcnbestände sich aus das glücklichste ergänzen.— Aus dem Pflauzeuleben. — Das Zittern des Espenlaubs, hat die Erklärungen der Botaniker herausgefordert. Bekanntlich beruht diese Beweglichkeit des Blatts der Espe und andrer Pappelarten auf einer elastischen Ver- düninuig des Blattstiels am oberen Ende, dicht unter der Blattspreite, während der untere Teil des Blattstiels starrer ist. Kcrncr meinte, daß diese Einrichtung darauf abziele. das härtere Gegeneinandcrschlagcn der Blätter beim Winde und gegen die Zweige zu verhüten, da die Blätter der Pappeln sparsam genug an den Äcsten verteilt sind, um sich bei dieser leichten Be- wegung im oberen Blattstiel nicht zu erreichen. Da diese Erklärung aber unleugbar etlvas Gezlvungcues hat(denn man muß doch sagen, daß ein solcher Schutz allen Baumen gleich lviinscheuswert sei, wenn er nötig wäre), so stellt Henry I. Colbourn eine andre Vermutung auf, wonach eine solche Beweglichkeit des Laubs im Luftstrome besonders Bäumen, die an feuchten Orten lvachscn, nützlich sei, lvcil sie die Wasservcrdunstnng in den Blättern befördere, und that- fächlich lvachscn Espen. Weißpappcln und andre Pappeln am liebsten auf feuchtem Boden. Der„Promcth." fügt dem noch hinzu, daß an sumpfigen Orten wachsende Bäume einer besonders starken Wasseraufnahme und Vcrdunslnng bedürfen, weil Sumpflvasser weniger»nneralische Bestandteile enthält, als das Bodenlvasser trockener Orte. Da der Snmpfbaum also zn seiner Ernährung mehr Wasser bedarf, so muß er größere Mengen mit seinen Wurzeln auf- saugen und durch seine Blätter verdunsten. Diese Annahme würde uns zugleich die langgedehnte Form des Weidenblatts erklären, ivelches ohne Ziveifel' besonders geeignet ist, viel Wasser zu ver- dampfen.— Physikalisches. bt. F a r a d a y u ud die e n g l i s ch c S ch ul e der Elektriker. Mit dicsein Vortrage eröffnete die' Urania im neue» Jahre würdig die Reihe der Miltlvochs-Vorträge, welche den FreitagS-Vorträgen der Royal-Jnstitution, an welcher Faraday ein halbes Jahrhundert lang geivirkt hat, nachgebildet sind. Ein Landsmann des großen Forschers, Prof. S i l v a n u s T h o in p s o n. ivar eigens auS London herüber geloinmen, um das Leben, die Forfcherarbeit und den Ein- fluß zu schildern, ivelche» Faraday auf die Entwicklung unsrer Au» fchaunngcn über die Elcktricität ausgeübt hat. Und dieser Einfluß ist ein umwälzender und grundlegender ge« Wesen. Zu einer Zeit, in welcher man gar keine Schwierigkeit darin erblickte, eine unvermittelte Wirkung zlveicr Körper auf einander durch den leeren Raum anzunehmen, fühlte Faraday sich von einer solchen Vorstellung im höchsten Maße abgestoßen und bildete andre Anschanungen ans, welche heute die Grundlage unsrer Kenntnis von der Wirkung der Elcktricität bilden. Auch der große Landsmann FaradahS, der unsterbliche Newton, welcher 150 Jahre früher die Lehre von der allgemeinen Gravitation oder Schlvere der Himmelskörper begründet hatte, glaubte nicht an eine unvermittelt durch den leeren Raum wirkende Kraft. Daß die Sonne eine Wirkung auf die 20MillivnenMcilen entfernte Erde ausübt, ohnedaß zwischen beiden Körpern sich ctlvaS befindet, tvaS diese Wirkung übermittelt, schien ihm eine ganz undenkbare Vorstellung. Da er aber über solche Zwischenwirkungcn. nichts feststellen konnte, sprach er von der Gravitation als einer Kraft, deren Wirkungen sich so darstellen lassen, als ob es sich bei ihr um eine reine Fernkraft hanoke. Als dann auf Grund der Newtonschen Lehre � die Wissenschaft von Erfolg zu Erfolg eilte, gewöhnte man sich an die Vorstellung der Fernkräfte, und die darin liegende Schlvierigkeit wurde allmählich ganz übersehen; dies Uebersehe'n war ein so vollständiges, daß man sogar die Gesetze der magnetischen und elektrischen Kräfte, ivelche einige äußerliche Aehnlichkeit mit der Wirkung der Schwere zeigtet», nach diesem Muster zu erforschen suchte und sie ohne weiteres als Fernkräfte annahm. Aber zu derselben Zeit, in welcher auf Grund dieser Vorstellungen auf dem europäischen Kontinent die glänzendsten Gelehrten mit dem Ausbau der elektrischen Theorien beschäftigt waren, cirl'citete in England der stille Forscher, der nnabhängig und frei von diesen venvimnden Volstellnunen eine schier endlose Fülle neuer Thatsachen auffand, welche nnsren Kenntnissen von der Elektricität eine völlig neue Grundlage gaben. Danach ist es lediglich das den Raum erfüllende Agens, nenne man es nun Liether oder wie man sonst ivolle, in welchem Veränderungen magnetischer und elektrischer Art vor sich gehen, die von Teilchen' zu Teilchen sich fortpflanzend die Wirkung auf die entfernten Magneten und Ströme übertragen. F a r a d a y hat nicht die regnläre fachmästige Ausbildnng eines angehenden Naturforschers auf einer Universität genossen, und viel- leicht war es gerade dieser Umstand, der ihn vor den zu seiner Zeit gangbaren Vorurteilen der Schule bewahrte; doch nur vielleicht. möglicherweise hätte sein Genius die Vorurteile durchbrochen, auch wenn er in ihnen groß gelvordcn wäre. Seine Schulbildung war eine sehr geringe. Als Sohn armer Eltern geboren(1791)— sein Bater war Grobschmied—, die mit Kindern reich gesegnet waren, konnte er nur eine niedere Schule, und auch diese nur wenige Fahre besuchen. Schon zu Anfang seines 13. Lebens- jahrs kam er zu einem Buchbinderrueister in die Lehre, dem er zn- nächst als Laufbursche diente und des dem er denn sieben Jahre lang das Handiverk lernte. In dieser Zeit bildete er sich emsig durch eigne Arbeit weiter. Im letzten Jahre seiner Lehrzeit besuchte er an vier Freitagen die Vorlesungen, die der berühmte Chemiker D a v y an der Royal-Jnstitution hielt. Notizen über diese Vor- lesungen sandte er ein Jahr später, als er sich an Davy um eine Anstellung in dessen Laboratorium wandte, an diesen zugleich mit seinem Briefe. Davy stellte ihn zunächst als Laboratoriums- gehilfen, später als Assistenten an und nahm ihn in den beiden folgenden Jahren. 1813 und 1814, auf eine groste Reise ins Ausland, nach Frankreich, der Schweiz und Italien, als Gehilfen mit. Diese Reise brachte Faradah mit den bedeutendsten Naturforschern, mit Ampöre, Humboldt, Gay- Lussac, Volta u. a. in persönliche Berührung und erweiterte seinen Gesichtskreis in ungeheurem Maße; sie ersetzte ihm durch die Fülle von Anregungen, die er empfing, gleichsam das mangelnde Univer- fitätSstudiinn. Nach seiner Rückkehr wurde er Assistent an der Royal-Jnstitution, später Direktor des Laboratoriums, welche Stellung er bis an sei» Lebensende(1807) bekleidete. Seine erfolgreiche Arbeit war lediglich der Ansflust des Dranges nach Klarheit über die Zusammenhänge in den Naturerscheinungen, nie hat er sie zn persönlichem Gewinn zu verlverten gesucht..Dazu habe ich keine Zeit', lautete seine Ant- wort, als ein Freund ihm vorschlug, auf seine Entdeckungen und Erfindungen Patente zu nehmen. Die erste Anerkennung fanden seine Ideen in England, wo sie von Maxwell weiter ausgebaut wurden. Auf dem Festland wurden sie besonders von H e I m h o l tz aufgegriffen, durch den an- geregt Hertz die schönen Versuche ersann, welche das thatsächliche Vorhandensein der elektrischen Wellen jedernmim vor Augen führten, die in der drahtlosen Tclegraphie bereits zu praktischen Erfolgen ge- führt haben. Doch ebenso wenig, wie bei den elektrischen Kraft- Maschinen— auch sie beruhen ja auf der von Faraday entdeckten eleklro-ningnetischen Induktion— liegt hier die Bedeutung in der praktischen Anwendung, die immer eine mehr oder niinder zufällige sein muh; die größte Bedeutung dieser Arbeiten liegt in ihrem Wert für die menschliche Erkenntnis.— Technisches. gr. Das Lukas> Licht. Da? elektrische Bogenlicht hatte bisher den Vorzug, für die beste Beleuchtung in Bezug auf erreich- bare Lichtstärke und Wirtschaftlichkeit des Betriebs zu gelten, da die Gasteckmik trotz der gewiß ungeheuer bedeutenden Verbesserung durch die Erfindung des Glühstrumpfs sich bis jetzt vergeblich bemüht hat, einen gleichlvertigen Beleuchtungsgegcnstand zn schaffen. Wohl ist es gelungen, für manche Zivecke in Form der Preßgas- und der Hydro- preßgas-Beleuchtung den Vorteil zu erreichen, daß das Gas wenigstens bezüglich der Lichtstärke mit dem elektrischen Bogenlicht konkurrieren konnte. Leider sind aber Preßgas und HydropreßgaS mir anwendbar, wennman die zum Betrieb derselben unbedingt nötigen besondren Anlagen herstellen lassen kann. Weil nun diese umständlichen Gasbelenchtungs- Arten sowohl im Betriebe, als mich in der Bedienung sehr teuer zu stehen komnien, so haben sie nicht Eingang finden können, znmal sie auch in der Konstruktion sehr kompliziert sind und daher mit großer Vorsicht und Sorgfalt gewertet werden müssen. Das neue Lukas-Licht, welches in Berlin zunächst in der Friedrich- straße, zwischen Tauben- und Leipzigerstraße, als Straßendelcnchtnng erprobt werden soll, ist eine Beleuchtnngsart, die den Lenchteffekl der Preßgasbcleuchtung mit der Einfachheit des gewöhnlichen Gas- glühlicht-Brcnners verbindet. Dieser Erfolg wird in geradezu über- raschend einfacher Weise dadurch erzielt, daß der Cylinder dieser Gasgliihlicht-Jntensivlampe in eine lange Röhre, die als Schornstein bezeichnet wird, mündet und so eine Luftströmung erzeugt, die das Gas mit großer Geschwindigkeit mit sich fortreißt und den ent« sprechend großen Glühstrnmpf zum Glühen bringt. Die dichte Ver- bindung zwischen dem Glascylinder der Lampe und dem langen Abzugsrohre wird mittels einer Asbestscheibe gesichert. DaS Lukas- Licht(so nach seinem Erfinder.Lukas' benannt) bedarf also keiner besonderen Anlage, sondern wird wie das gewöhnliche GaSglühlicht leicht an jede Gasleitung angeschlossen, ist sofort betriebsfertig und wird durch einfache? Ziehen an dem Kettchen des KleinstellerS ws« die elektrische Bogenlampe sofort zur vollen Leuchtkraft gebracht. Der große Vorteil dieser neuen Beleuchtung liegt nun in dem äußerst geringen Verbranch an Gas, so daß sich diese Lichtquelle wesentlich billiger stellt als eine elektrische Bogenlampe. Eine Bogenlampe von 8 Ampere, die bekanntlich leider immer mit einer zweiten Bogenlampe zusammen brennen muß, um wirtschaftlich zu arbeiten, selbst dann, wenn nian nur eine intensive Lichtquelle benötigt, kostet bei einem Strompreise von SS Pf. für die Kilowattstunde LS.S Pf. Das neue Lukas-Licht dagegen braucht nur 330 Liter Gas pro Stunde, in Städten, wo, wie zur Zeit in Berlin, der Kubikmeter Gas 16 Pf. kostet, stellt sich mithin die Brennstunde der Lnkas-Lampe nur auf 8.S Pf. Das elektrische Bogenlicht entwickelt 4SS Normalkerzen Lichtstärke, während das Lukas-Licht, trotzdem es dreimal billiger ist, sogar SOO Kerzen Leuchtkraft entfaltet. Wie bedeutsam die Kostenersparnis ist, läßt sich aus dem folgenden Beispiel leicht ersehen: Ein Geschäft, Ivelche? bis abends 9 Uhr geöffnet ist, braucht im Jahre an 1066 Stunden künstliche Beleuchtung; sollen nun durch- schnittlich SOO Kerzen Leuchtkraft von einer Lichtquelle entfaltet werden, so kostet die elektrische Bogcnlampeu-Belcnchtung rnnd 270 M., während das Lukas-Licht nur 90 M. Gas verbraucht. Die Bogen- lampe bedarf bekanntlich täglich des Nachsehens und des ungemein häufigen Ersatzes der Kohlenstifte, dagegen braucht die LnkaS-Lamve nur etwa alle 3—14 Tage der Erneuerung der Striinipfc im Jnterefse der Jurensivität des Lichts.— Humoriftislsies. — Böser Handel. Er st er Journalist:„Was haben Sie denn für den aufreizenden Leitartikel bekommen?' Zweiter Journalist:.Hundert Mark.' Erster Journalist:„Donnerwetter, das ist aber ein an» ständiges Honorar.' Zw eiter Journalist:„Ach, nicht doch, ich meine hundert Mark Strafe.'— Zwischenruf. Dichter(sein Drama vorlesend):„Der Erste floh, der Zweite floh, der Dritte floh desgleicben.' Theaterdirektor:„Allmächtiger I Das ist ja das reine Flohtheater I'— — Ach s o I Der Radfahrer Haxlingcr steht mit seinem Freund Tretloff vor einem Barnnm-Plakat: „Da mußt grab staunen, was der Baninm nicht alles bringt I' .DaS ist währ, er hat sogar einen Radfahrer, der sich selb st über den Bauch fährt.' „Na— ist's möglich I' „Ja-- mit der Hand natürlich.'— (.Lust. Bl.) Notizen. —„Herr Goldner' ist der Titel des neuen Lustspiels von Georg Hirschfeld, deffen Erstaufführung im Deutschen Theater stattfinden wird.— — Hedwig Niemann-Raabe wird im Februar im Berliner Theater in.I-urobvrougs' in der Hauptrolle(baskische Bäuerin) gastieren.— — Ober- Regisseur Rcncker vom Deutschen Theater in Prag wurde zum Direktor des Züricher Stadt- theaters für die nächste Saison gewählt.— — Maeterlinck soll jetzt am M ü n ch n e r Marionetten- t h e a t e r aufgeführt werden.— Bei Siernenschein?— — Frau S ch u m a n n- H e i n k tritt mit dem Beginn der nächsten Saison als ständiges Mitglied in den Verband des Opern- Hauses ein, ebenso Frl. A n n a R h e i n i s ch. die während zweier Jahre an das Stuttgarter Stadtlheater beurlaubt war.— — Die nächsten Novitäten des Opernhauses werden .Samson und D a l i l a' von St. Saens und„Der Pfeifer- tag' von Schillings sein.— — Max Schillings, dem Maeterlinck seine Dichtung „Schwester Beatricc' zur Komposition eingesandt hatte, hat das Anerbieten mit der Bemerkung abgelehnt, daß das Werk ungeeignet zur Komposition sei.— c. Eine Versteigerung von Instrumenten der alten italienischen Schulen hat kürzlich in London stattgefunden z sie hatte eine größere Anzahl von Liebhabern angezogen. Zwei Geigen von Gian- Battista Guadagnini wurden für 14S bezw. ISS Pfd. Sterl. verkauft; der Geigenbauer, der Schüler seines Vaters, der selbst ein Schüler von Stradivarius war, war das Haupt der Schule von Cremona. Für ein Violoncello von Ferdi- naudo Gagliano wurden 400 Pfund gezahlt, für ein andres von Giovanni Battista Rngeri, der in Cremona gegen Ende des 17. Jahr- Hunderts arbeitete, SS Pfund.— — In O l m ü tz(Mähren) hat eine Frau bei der unlängst statt- gehabten Volkszählung die Rubrik.Hauptbeschäftigung' mit der Angabe.Schwiegermutter' ausgefüllt.— Die nächste Nummer deS Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 13. Januar.__ Verantwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Druck und Verlag v»- Max Vading in Berlin.