Anterhaltungsblatt des Horwäris Nr. 10. Dienstag, den 15 Januar 1S01 (Nachdruck verboleu.) Dcv vom �ollevbviiu. 10� Noman von R. von S e y d l i tz. Der Brönmeister trat vor Kastl hinein und bedeutete ihm, die kleine Thiire hinter sich zu schließen. Daun trat»er bis an einen der Bottiche, faßte emsthast und zärtlich an den Rand derselben, und ließ seine Hand da ruhen, indem er einige Augenblicke vor sich hinbrütete, um sich zu sammeln, denn er sollte den Kastl ins Siedgeschäft einweihen, wofür der Buchhalter ihni etwas Angenehmes in Aussicht gestellt hatte— Fürsprache bei einer Gehaltserhöhung oder duldsame Nachsicht bei irgend welchen Nebeneinkünften. Er ließ dem Kastl Zeit, und dieser benützte sie, sich in dem wunderlichen Raum umzusehen. Oben hantierte der Bierfieder, unten in einer der Pfannen, deren Helm ge- öffnet war, stak ein Bursch und putzte die Pfanne zum nächsten Sud aus: in der andren Pfanne aber brauste und zischte es in gelbbraunen Wellen auf, und der duftende weiße Qualm fuhr daraus empor. Ost hüllten die Dunstballen den Kopf und die Schultern des Bräumeifters ein, daß man nur den Leib und die Beine sah. Süß und weich duftete der stärkende Brodem, eine Art von luftfömiigen Brots, das man einatmen kann, statt es zu essen; die Lungen dehnten sich der milden Speise entgegen. In der brütenden Wärme und dm Halbdunkel, unter dem dumpfen Donnern der unsichtbaren Feuemng und dm dauernden Brodeln und Gischten aus der Pfanne, fühlte man es unbewußt, daß hier ein geheimnisvolles Werden sich vollzog, dem die beschäftigten Menschen nur überwachend und leitend anwohnen. Denn was sich in jenen Braupfannen und Maischgefäßen eigentlich vollzieht, ist und bleibt auch heute der Wissenschaft noch ein Rätfei, und aus Formeln und Büchern konstruiert man kein Bier. Millionemnal voll- zieht sich die geheinniisvolle Wandlung vor den Augen so vieler Hunderttausende von Brauern, seitdem Jean der Erste von Niederland den Trank erfunden; die feinsten Ab- Weichlingen und Aenderungen, die intimsten Kunstgriffe und kleinsten Merkmale hat die reiche Brau-Erfahrnng auf- gestapelt. und manchem tüchttgen Brauer vergeht das halbe Leben, bis er die kostbare Erfahrung sich lebendig zu eigen gemacht. Aber warum aus gemaischtem Malz die süße braune Würze wird, das weiß keiner, ebenso wenig,; wie der Arzt erklären kann, lvie ans Brot und Bier Blut und Fleisch wird. Das ist das Geheimnis des Magens und jenes das der Braupfanne. Der Bräumeister ging endlich einige Schritte weiter und kehrte dann zn Kastl zurück, der sich auf dem engen Steig um die Bottiche herum durch den heißen Qualm nicht weiter traute,— und wies ihm ein kleines Heukelgläschen vor, das er mitbrachte und das voll Bier schien. „Was ist decs?" fragte er. „Bier?" „Schmeck amal!" Kastl„schmeckte" und sagte:„Ah, dees is süß." „Würze",— das eine Wort als Erklärung. Dann nach einer Pause, nachdem er durch's GlaS gegen das Fenster ge- sehen:„Guter Bruch". Und dann wieder, zum Kastl:„Wenn gut gemaischt ist, muß die Würze im Glase bald klar werden." Wer Erfahrung hat, sieht daran gleich, ob's nach dem Sieden guten Bruch und Glanz hat oder nicht." Und in dieser Weise, sprunghaft und nicht immer verständlich, begann der erfahrene Praktiker seinen Unterricht zu erteilen. Ehe der Tag herum war, hatte der Schüler begriffen, auf lvas es ankam. Wie's zu machen war, das freilich lernt sich nicht in einem Tag, und die vielen Krinstausdrücke drehten sich zuerst in seinem Schädel in wildem Wirbeltanz.„Anschwänzen, — Würzcspiegel,— Borinaischer,— Pfaffe,— Dickmaischen, zweierlei,— Läutermaische,— Hopscnseiher,.— Oberteig"— Herr Gott, wer sich das alles merken soll. Und dann das Kreuz mit den zwei„Jnstrumentln", dem ewig angewandten Thermometer und dein so schwer ans- zusprechenden Saccharometer. der neuen Erfindung eines böhmischen Professors, die der Bräumeister nicht wenig lobte! Die zerbrechlichen Glasröhrchen überhaupt, in Kastls Fäusten: ja, es kostete Schweiß. Und die Arbeit war so anders als seine bisherige. Und aufmerken durfte er, wie ein Haftel- macher; denn da gings auf Minuten„zamm" und auf halbe Thermometergrade.— Und Kastl hatte gewähnt, je höher man stiege, je tiefer man eingeweiht würde, desto kräftigere Fäuste brauchte nian, desto schwerere Lasten gelte es zu heben! Die neue Arbeit war körperlich nur in einem Punkt für ihn ermattend: in der langen Dauer. Zwölf Stunden, vom Einteigen der Schüttung an bis zum Ausschlagen aufs Kühl- schiff I Und immer und ewig das heikle Ablesen am Thermo- meter, und eine fast lächerliche Sorge um halbe Grade und halbe Minuten. Ein Labsal Ivar's ordentlich, wenn er da- zwischen einmal zur Feuerung hinausspringen konnte und schüren und schaffen vor der hellbrennenden Glut. Abends, oder vielmehr nachts, denn es war stets stock- finster, wenn er zur kurzen Ruhe entlassen war, setzte er sich gern abseits in einen Winkel und erfrischte sich, aber dabei bewegte er das Gelernte und Geschehene unablässig im Kopf: denn mit dem Zutritt zum eigentlichen Handwerk hatte sein Ehrgeiz und sein Eifer einen neuen Stachel gefühlt. Ohne- dies waren die meisten jüngeren Burschen, die abends eine Stunde frei hatten, entweder um die Küchcnmädel herum- oder sie hockten zusammen und„dischkerierten" in ihrem Wäldlerdialekt. Mit dem fränkischen Buben, besonders seit er unter hohe Protektion geraten ivar und ihnen nicht mehr diente wie zuerst, hatten sie wenig zu schaffen. Aber die Einsamkeit war dem Kastl nicht unangenehm, und besonders seitdem es eine Zweisamkeit wurde. Eines Morgens nämlich, nachdem er zum hunderstcn- male eine erste und zweite Dickmaische bereiten gesehen und das werdende Gebräu unter der Aufficht des Gestrengen in den Läuterbottich hinübcrgeschöpft hatte, too es nun der vor- geschriebenen dreiviertelstündigen„Ruhe" überlassen wurde, holte sich Kastl ein Bier an der Schenke und biß in sein Brot, während er in seinen offenen Schuhen über den Hof schlappt� um sich einen Sitzwinkel zu suchen und unterin Trinken seinen Gedanken nachzuhängen. Es ivar etwa zehn Uhr, und drüben in der Küche kochten schon alle Töpfe für die Mittagsmahlzeit. Er setzte sich in einem offenen Bogen nieder, wo einige Stufen zuni Flcifchkeller hinabführten. Hier war er ungestört und blickte sinnend um sich. Das alte düstere Gebäude um« ragte ihn von allen Seiten. Hinten im zweiten Hof, wo daS Sudhaus war, hörte man eüriges Geräusch— weniger freilich als heutzutage, denn so viel Maschinen gab's damals noch nicht;— ganz weit hinten hämmerte ein Schäffler; von», durch den Thorbogen, unter dm eine Menge Gäste vor der Sommerhitze geborgen ihren Frühschoppen an Klapp- tischen tranken, hörte man den Lärm der Straße. Hier drinnen aber war's kühl; oben leuchtete ein Viereck wunder- blauen Himmels hinab; und dort oben flogen zeitweilig Vögel durch die Luft; auch eine blendend weiße Wolke zog langsam da oben vorüber. Weiß nicht warum, aber der Kastl vergaß auf einmal das Kauen und Trinken und erinnerte sich an den fchnee- frischen Windhauch der grünen wilden Isar.— Es war geradezu. als ob er jetzt nicht mehr in München wäre; die Isar hatte er nicht mehr gesehen seit dem ersten Tage. Das Leben war hier doch etwas gar zu verflixt eintönig.— Er wurde melancholisch und pfiff leise vor sich hin. Da hörte er eine schöne Weiberstimme aus der schwarzen Tiefe des offenen Vorratskellers tönen, an dessen schwerer Bogenthür der Schlüssel steckte; eine große Holzkugek baumelte vom Schlüsselring. Die Stimme sang lustig und hallend weiter, und endlich kam sie näher, man hörte Tritte auf den vertretenen Stein- stufen, und zuletzt kam ein großer Korb mit Gemüse und einigen abgestochenen Hühnern zum Vorschein, nebst einer Hand und einem bloßen Arm. darunter Schürze und Rock und ein Fuß im Pantoffel. Und endlich die Sängerin selbst: das Agerl l Das Agathl ivar in der Küche ungefähr auch Haberfeldcr, denn sie hatte Hühner und Gemüse zn putzen, Fische herzu- richten, für Feuer und Geschirr zu sorgen und daneben noch im hintersten Hof die Gesellschaft Hühner und Tauben zu Pflegen, die dort von Malzabfälleu reichlich gedieh. Sie war ein langes schlankes junges Ding mit rabenschwarzen Haaren, lebhafter Farbe und sprechenden Augen, etwas knochig noch, aber kräftig und weitarrsschreitend, wie sich's gehört. Ihre Wiege hatte irgendlvo am Türkengraben gestanden, nnttwegs zwischen der Stadt und Schwabing; Eltern hatte sie nie gehabt; als Kostkind für ein paar Mark monatlich ernährt, war sie lang und lustig aufgeschossen zwischen den niederen Häuslein und den kleinen Gärtchen, bis sie als Magd in die Stadt„verzogen" war. Denn der echte Türken- grabler„reist" nach München, wenn's auch nur zehn Minuten weit ist. Jeht trat sie aus der Thüre, warf diese ins Schloß und drehte den kugelbeschwerten Schlüssel. Da sah sie quer vor- gelagert die Schlappschuhe und Beine des Kastl und hemmte plötzlich ihren Gesang. „Du singst aber schön," meinte er da, seine Beine weg- ziehend, um Platz zu machen. „Wie?" „Schön singen kannst." „Na frcili, passiert.— Wann mer des bisscl sing'n net Hütt!— Bei dera Arwet und Schinderei..." „Geht der d' Arbeit besser, wann d' singst?" fragte er dagegen.„Ich möcht selber sing'n könna,— i kann's aber net." „Geh' zu! Probier's halt." Damit wandte sie sich ab, ihn noch einmal freundlich mit ihren dunklen Augen an- sehend.— Ihr Gewand flatterte im langen Schreiten, dann lief sie die Stufen zur Küche hinab, drüben jenseits des Hofs, und war fort. (Fortsetzung folgt.) «Nachümck verboten.) Isnvbrgev Schnee. Obgleich der Schnee im allgemeinen eine blendend Ivcißc Farbe hat, die dazu führte, daß jedes besonders reine und schöne Weiß als Schneeweiß bezeichnet wird, hat man doch öfters farbigen Schnee beobachtet. Schon im Altcrtnnr hatte man bemerkt, daß der Schnee zulvcilen einen hell- bis scharlackroteu Schimmer oder auch stroh- gelbe, griine oder branne Farbcntöne annimmt, so daß zum Bei- spiel der ältere PlimuS zu der Ansicht neigte, daß der Schnee durchs Alter roc»verde. Auch später' wurde öfters in Sannnlungen auffallender Naturereignisse, wie zum Bei- spiel in der„Chronik der Seuchen" von Schnnrrcr, von farbigem Schnee berichtet, ohne über die Ursache dieser Erscheinung etwas mitzuteilen. In neuerer Zeit war es besonders de Sanssnre, dessen Ansmerksaulkeit bei seinen Alpenreisen auf den roten Schnee hingelenkt wurde. Er entdeckte denselben im Jahre 1760 auf dem Beben und sah ihn besonders schön 1773 ans dem St. Bernhard in der Schweiz in Höhen bis zu 2800 Meter. Später fand ihn auch Ramond auf den Spitzen der Pyrenäen und Kapitän Roß 1813 an der grönländischen Küste, wo er die etwa 200 Meter über dem Meere liegenden.Scharlachklippen"(cnmsorl cliffs) entdeckte, welche die Wände der Baffinsbai im schönsten Rot er- glänzen ließen und stcllcmveise eine Tiefe von 3 Metern und in der Nähe von Kap Uork eine Nusdehuuug von acht Seemeilen hatten. Seit dieser Zeit ist der rote und rötliche Schnee öfters hier und da angetroffen und vielfach zum Gegenstand gründlicher Untersuchungen gemacht worden, ivie z. B. von Parreh auf seiner Reise nach dem Nordpol, besonders in den von den Schlitten gebildeten Furchen, von Franz Bauer, von E. v. Carpcnticr(1818)/ Hooker, Wrangel(1823), Ramond, Ehrenberg(1838) und namentlich von Nordenskjöld und Dr. Verggreen(1870) sowie andren Forschern.— Aber auch den grünen Schnee, den schon der Botaniker Unger untersucht hat und von welchem Dr. Kjellman Proben aus Spitzbergen und Dr. Berlin von Grönland mitgebracht hat, sowie den braunen und strohgelben Schnee hat man öfters beobachtet. So fiel in und unr Kasan am 14./26. März 1865 bei ziemlich starken, Südwestivindc ein gelber Schnee von der Farbe des Strohpapiers, der den Boden etwa 2 Centimetcr bedeckte und eine große Verbreitung gehabt zu haben scheint, da er auch zu Simbirst, etwa 30 Meilen von Kasan entfernt, bemerkt wurde. Ein ähnlicher Schneefall fand am 22. Ja- nuar 1864 auch in Schlesien statt. I» beiden Fällen scheint jedoch der frisch gefallene gelbe Schnee dem Wesen nach vom anderwärts bemerkten roten, grünen oder brannci, Schnee erheblich verschieden gewesen zu sein. Wie sich denken läßt, hat dieser farbige Schnee daS Nachdenke» der Forscher herausgefordert, doch dauerte es eine geraume Zeit, bis man der lvahren Ursache jener Färbung auf den Grund kam. Wäh- rend Saussure n, einte, sie stamme von einem vom Winde herbei- geführten roten Vliitenstaube, obwohl er keine Pflanze kannte, die »ine» derartige» rote» Staub erzeuge, glaubten andre, sie werde durch einen roicn, eisenhaltigen Mcteorstanb erzeugt, wogegen Ro- mond annahn,, daß die Färbung durch Glimmer hervorgerufen werde, der von de» durch Sonne, Wasser und Luft zersetzten Felsen her« rühre. Damit stand aber die Beobachtung von Roß im Wider- sprnch, der in einer Gegend im hohen Norden, wo gar keine Glimmerfelscn vorhanden sind, den roten Schnee fand. Selbst die Untersuchung der von Roß mitgebrachten roten Kügelchen, welche zweifellos die rote Farbe dieses eigenartigen Schnees verursachten, brachte nicht sogleich völlige Aufklärung, da man sich nicht über ihre Natur einigen konnte. Wahrend einige Forscher sie zun, Tierreiche zählten und dieselben Gelatine enthalten sollten, wurden Rees von Eisenbeck und Ramond darüber einig, daß die roten Kügelchen nichts andres seien, als„im oxydierten Schnee organisch gewordenes Glimmerpulver", wogegen Franz Bauer— der den rote» Schnee zuerst mit dem Mikroskop untersuchte und die färbende» organischen roten Kiigelchen darin erkannte— sie für die gestielten Köpfchen eines winzigen Brandpilzes, Wrangel aber für eine Flechte und Scoresby für eine Art kleiner braunroter Tierchen hielt, die in dem nördliche» Polarineere häufig sind und zuweilen ganze Strecken der See rot färben, daher auch dem Eise und dem darauf liegenden Schnee eine rote, gclblichrote oder gelbe Farbe geben. Hooker entdeckte zuerst die Algennatur des bezeichneten Organismus, die Agardh dann zweifellos erwies. Letzterer gab dieser neuen Alge außer dem poetischen Namen„Schneeblüte" den wissenschaftlichen„karnioisinfarbenes Schnee- Urkorn", während Ehrenberg, der ihre Entwicklung beobachtete, indem er aus den Alpen herrührende Proben auf Schnee anSsäetc und sie zu kettenartig verbundenen, erst grünen, dann rolwerdenden Kügelchen sich entwickeln sah, sie„Schncekügclchcn"(Lpffaerolia. nivalis) nannte» wie sie noch heute heiße». Obgleich diese Alge auf den Schnee- und Eisfeldern wuchert, ist sie doch kein abgesagter Feind der Wärme. Sie erscheint, wie am Pol, so auch im ewigen Schnee unsrer Gebirge stets im Sommer bezw. bei milder Temperatrir erst als leichter rosenroter Anflug, dann mit zunehmender Farbcnticfe, und verwandelt sich schließlich in eine schwärzliche Masse, welche zum einen Teil aus absterbenden Teilen, zum ander» aus eingekapselten„ruhenden Sporen" besteht, in welche das Leben dieser winzigen Organismen sich zurück- zieht, um so zu überwintern. Dem, in dieser Fonn können sie, wie alle niederen Lebewesen, die stärksten Tcmperaturwcchsel ertragen, wie durch Versuche festgestellt worden ist. Man hat derartige Organismen einer trockenen Hitze von 100 Grad, sowie der höchsten künstlich zu erzeugenden Kälte ausgesetzt, ohne ihre Lebenskraft zn zerstören. Selbst jahrelanges Lagern kann die Kein, kraft dieser Sporen nicht zerstören; denn selbst die von verschiedenen Polarcxpeditionen mitgebrachten eingetrockneten Ueberreste des roten Schnees wurden»och nach Jahren zu»euer Entfaltung gebracht. So können jene ruhenden Sporen auch ohne Nachteil die halbjährige Winteruacht der Polarländer überdauern oder unter der Schneedecke mehrere Jahre ruhen bis der wärmere Sommer ihre Lebenskeime wieder weckt, den» auch n»sre Schnee- Alge verlangt, wie schon erwähnt, eine über den Nullpunkt hiunns- gehende Wärme zu ihrer gedeihlichen Entwicklung, und diese bieten selbst die Polarregionen in ihren, kurzen Sommer iufolge der Klarheit und Trockenheit der Luft auch bei niedrigem Sonnenstande. Falsch wäre es, anzunehmen, daß die Schncekügelchcii in reinem Sckmee sich zn entwickeln und gedeihen vermögen; sie bedürfen vielmehr einer mineralischen Unterlage, wie schon aus einer chemischen Analyse hervorgeht, die zahlreiche Mineralstoffe, wie Kalk, Kieselsäure— letztere wahrscheinlich ein Bestand- teil des das Schlcimkiigclchen umhüllenden Häutchens— Eisen usw. in ihnen nachweist. Jene Stoffe enlniinmt diese Alge der Oberfläche des Schnees, der bekanntlich bei längerem Liegen meist grau erscheint. infolge einer dünnen Schicht Stands, der nach NordenskjöldS Untersuchungen durchweg aus der Lust niedergeschlagen wird. Dabei ist dieser Forscher der Ansicht, daß es sich hierbei nicht bloß um einen von den Luflftrömnngcn herbeigeführten irdischen Staub handelt, sondern um einen Meteor- Staub, da er eine beträchtliche Menge nietallischer Bestandteile enthält, die sich niip dem Magnet ausziehen lassen und lvahrscheinlich, wie die metallischen Meteorsteine, vorwiegend aus Eisen, Nickel und Kobalt bestehen. Da er mithin von u»sreui gewöhnlichen erdreichen Staub erheblich ver- schieden ist, so hat ihn Nordenskjöld Kryokvnit d. i. Eisstanb genannt. Dieser Staub ist es aber, welcher der Schnee- und Eisflora zur Unter- läge dient. Außer den„Schiieekügelchcn", der Alge des roten Schnees, fand der Botaniker Dr. Bcrggrcn auf der von Nordenskjöld untenionim- »lenei, ersten Expedition nach Grönland im Jahre 1870 eine zweite, der„Schneeblüte" nahe vcrivaudle Alge von rotbrauner Farbe, die in großer Menge auftrat, aber nur auf mit Kryokonit befallenem Eise wucherte und demselben eine purpurbraunc Farbe verlieh. Da die Alge bis dahin noch unbekannt war. erhielt sie den Namen'.Ancz'Ionema Nordenskjöldii(Nordcnskjölds Krumm- faden).— Wunderbar. ist es jedenfalls, daß in dieser kleinen dunklen Alge sich die Sonne gewissermaßen selbst ein Werk- zeug schafft, um ihre in Polarregionen verhältnismäßig geringe Kraft auf die starren Eisflächen mit Erfolg wirken zn lassen. Man fand nämlich auf genannter Expedition im Eise zahlreiche Löcher, die bc- sonders stark»nt den, Krummfaden besetzt waren, woraus man mit Recht den Schluß zog, daß die kleinen Algen mit ihren duiilclbraniicn Korpern mehr Soimeiistrnhlen verschlucken, als die mit Kryolonit gefärbte graue oder gar weißgläuzcndc Eismasse, weshalb die Algen- kolonien infolge Wegschmelzens von Eis immer tiefer versinke», bis die Strahlen der»iedrigstehenden Sonne sie nicht niehr treffen könne». Auf diese Weise geben sie der wärmeren Luft eine vermehrte Angriffsfläche auf die Eisdecke und beschleunigen so das Abschmelzen der- selben erheblich. Vielleicht, meinte Nordenskjöld, haben wir es diesem mikroskopischen Wesen zum guten Teil mit zu verdanken, das; die Eiswüsten, welche in der Eiszeit Europa und Amerika ans weite Strecken vom Pole südwärts bedeckten, überhaupt wieder weg- geschmolzen sind und schattigen Wäldern und fruchtbaren Feldern Platz gemacht haben. Von diesen und andren echten Schnee- und Eispflanzen sind die unechten wohl zu unterscheiden, denn auch andre Pflanzen kommen auf dem Schnee und Eise vor, da mehr als vierzig verschiedene Arten entdeckt worden sind, sdie auf der Oberfläche des Schnees sprossen und gedeihen, während auf der Eisoberfläche nur zehn gefunden wurden. So hat man in dem grünen Schnee mannigfaltige Pflanzensorten nachgewiesen, und zwar nicht blos Alge», sondern auch Moose, freilich nur in ihrem den grünen Fadcn-Algen ähn- lichen Keimznstande und zwar meist in recht dürstigem Zustande. Wie man sich nun denken kann, haben diese winzigen Pflanzen auch vielfach Tiere, denen sie zur Nahrung dienen, in die weing anziehenden Regionen gelockt. Zu ihnen gehört n. a. der Gletscher- Floh, der hauptsächlich von der roten Schnee-Alge sich nährt, soivie mehrere Arten winziger Tierchen der Polargcgendcn, welche mit den Algen die Eigcntnnrlichkeit gemein zu haben scheinen, den Winter in eingekapseltem Zustande zu überdauern. ' Aus alledem geht hervor, daß die schöne rote, rötlichbraune, purpurbraune, gelbe und grüne Färbung des längere Zeit lagernden Schnees z. B. in den Polar- und Alpengürteln, organischen Ursprungs ist, die von winzigen Algen die Schnee- und Eisflora erzengt wird, während die Farbe des frischgefallenen SchneeS, soweit sie von der weifzen abweicht, wie z. B. die strohgelbe Farbe des bei Kasan ge- fallenen und oben angeführten Schnees, von zufällig durch irgend einen Znfall dem Schnee zngeführtcn winzigen Fremdkörpern, z. B. von Staub oder Rauch zc., herrührt.— O. E r d in a n n. Kleines Jseuillekon» ok.„Li hütet das Zinimcr".(Die Scene spielt in Li Hnng Changs Arbeitszimmer; nüchterne Einrichtung,„ort nouveau". Selbst im Orient richtet der„modern style" seine Vcrwüstungen a».. Gegenwärtig räckelt sich der sympathische Mandarin auf einem Fauteuil, die Füße auf dem Tisch, liest illustrierte Journale und raucht eine große Cigarre; neben ihm ein Cocktail. Ein Diener tritt ein.) Li Hnng C h a n g:„Was will man?" Der Diener:„Ein bevollmächtigter Gesandter wünscht im Damen Audienz." L i:„Antworte, das; man ihm schon eine gegeben hat." Der Diener:„Er will durchaus eintreten." L i(seinen Cocktail schlürfend):„Ich bin krank." Der Diener:„Der Gesandte ist gleich dem Säbel der Uli- gcrechtigkeit: er schneidet nicht in die Pomade." Li:„Nun gut, wir werden den fremden Teufel empfangen: aber richte mich vorher ein."(Li streckt sich ans der Chaiselongue aus, vergräbt sich unter den Decken; man verbirgt die Cigarrcn, die Journale und den Cocktail. Alsdann führt man den Gesandten hinein— den französischen, russischen, englischen, deutschen oder italienischen— der Leser wird gebeten, sich selbst die Nationalität zu wählen.) Der Gesandte(Mann ohne Varl, aber cercmoniell):„Ich habe die Ehre, Eure Excellcnz zu begrüßen." L i:„Licht der Sonne, ich bin ein Schnitzel von dem Nagel der Zehe des Bastards Deines letzten Sklaven." Der Gesandte:„Ich bin ganz der Ihrige." Li:„Mögen die hunderttausend Segen über Dich kommen." Der Gesandte:„Was macht Ihre Gesundheit?" Li:„Mein elender Körper zerfällt in Fetzen; ich kann weder trinken noch essen, noch rauchen, noch selbst sprechen." Der Gesandte:„Was ist denn Ihre Krankheit? L i:„Ein sonderbares Leiden, das mich für Momente über- fällt." Der Gesandte:„Ich würde dennoch gern mit diesen Vor- Handlungen zu Ende kommen. Sind Sie kräftig genug zur Bc- sprcchung? L i:„Das wird ans die Ilmstände ankommen." Der Gesandte:„Wir wünschen Frieden mit China zu machen." Li(die Nase heraussteckend):„Ich fühle mich nicht allzu schlecht." Der Gesandte:„Wir werden keine übertriebenen Forde- rungen stellen I" Li(sich austichtend:„Es geht besser und bester." Der Gesandte:„Vor allem vermeiden wir, daS Land zu ruinieren." Li(setzt einen Fuß auf die Erde):„Ich bin fast ganz munter!" Der Gesandte:„Man wird die Züchtigungen niöglichst beschränken." L i(stehend):„Mein Wort, ich bin geheilt." Der Gesa ii die:„Dann kann man also sprechen?" L i:„Gewiß. Da Ihr ja nichts fordert, werden wir Euch allcS bewilligen." Der Gesandte:„Pardon... wir sind doch nicht so naiv wie die Früchte des Birnbaums. Wir fordern doch einige Genug- thuungen." Li(plötzlich ernst):„Wie?" Der Gesandte:„Erstens eine Geldentschädigung." Li(fällt auf den Sitz zurück):„Au, die Schmerzen fangen wieder an." Der Gesandte:„Zweitens die Hiiirichtiing der Rebellen." L i(sich hinlegend):„O I das Leiden kommt zurück!" Der Gesandte:„Drittens eine Gebietsabtretung, die Rück- kehr der Herrscher nach Peking, die Auslieferung des Kriegs- Materials." L i(sich vor Schmerzen krümmend):„Ich sterbe I Ich sterbe I Zu Hilfe!"(Diener stürzen herein und tragen ihren Herrn fort.) Der Gesandte(zum Arzt):„Armer Mann I Was hat er denn?" Der Arzt:„Er leidet, wie das Land, an inneren Krisen." Der Gesandte:„lind Sie verordnen ihm?" Der Arzt:„Eine vollständige Entleerung.. Der Gesandte:„Ach!" Der Arzt:„... des Staatsgebiets von Fremden!"— (Pierre V e b e r im„Temps".) — Der hypnotisierte Huilinier. Eine lustige Geschichte wird in einem Wiener Blatt erzählt: In einem renommierten Wiener Hotel trafen sich vor einigen Tagen einige Herren zu einein zwang- losen Souper. Unter den Gästen befand sich auch ein Breslaucr Gelehrter, den die Berufspflicht auf einige Tage nach Wien geführt hatte. Das Gespräch berührte allerhand Themata und war im besten Gang, als einer der Anwesenden von Dresturvcrsuchen bei Tieren sprach, die auf besonders tiefer Jntelligenzstufe stehen. Jeder wußte zu diesem'Kapitel etwas beizutragen. Der eine sprach von einer Katze, die das„Apportl" bringe, der andre von musikalischen Schlaugen, der dritte von Hühnern, die sich auf den Rücken legen lassen und regungslos liegen bleiben. Da nahm der deutsche Professor das Wort:„Ich glaube, meine Herren, Ihnen in dieser Beziehung einen besonders interessanten Fall erzählen zu könucn; ich besitze' bei mir zu Hause einen Hummer, an dem ich jederzeit mit Erfolg Hypnotisierungsversuche vornehmen kann. Ob ich ihn nun auf die Scheeren oder auf den Schwanz stelle, er behält jederzeit die Position, die ich ihm gebe, und entfernt sich nicht aus ihr, es sei denn, daß ich ihn umlege. Es ist mir wahrscheinlich geworden, daß sich mein Hummer in einem Zustand der Hypnose befindet."— Die Gesellschaft stimmte in herzhaftes Lachen ein. Kein Mensch glaubte an die Wahrheit dieser Erzählung, und ein Wiener Baurat meinte:„Solches Hummerlatein nuissen Sie uns nicht vorsetzen, Herr Professor." Aber der Breslaucr Ge- lehrte blieb bei seiner Behauptung und erklärte schließlich, den Belveis für die Wahrheit erbringen zu wollen. Er telegraphierte nach Breslau um seineu Hummer, erbat sich alle Vorsichtsmaßregeln bei der Beförderung des kostbaren Tiers und lud für den nächsten Abend alle Herren, die an dem Gespräche teilgenommen hatten, zur Pro- duktion ein. Dem Zählkellner wurde mitgeteilt, daß der Hummer am nächsten Tage nnkomme' und mit großem Respekt zu behandeln sei. Dann verabschiedeten sich die Gäste.— Die Gesellschaft hatte sich am nächsten Abend vollzählig im Hotel eingefunden. Der Tisch war solenn gedeckt. Und ehe man noch an die Absolvierung dcS Menüs dachte, ergriff der Vreslauer Professor � das Wort:„Meine Herren, ich will Ihnen sogleich das inter- essaute Exempcl vorführen..Im voraus mache ich Sie darauf auf- merksam, daß ich meinen Hummer seit seiner Ankunft vor zwei Stunden nicht gescheii habe. Auch muß ich Ihne» nicht erst betonen, daß Tiere dieser Art keinerlei Intelligenz zeigen, keinesfalls aber zu einer Person niehr Anhänglichkeit haben als zu einer andrem Mein Experiment wird Ihnen später, wenn Sie es versuchen, ebenso leicht sein, wie mir. Und nun, Jean,"— so wandte er sich an den Kellner,„nun bringen Sie meinen Hummer." Es dauerte gerauineZeit, bis Jeanwiedel das Zimmer betrat, hinter ihm kamen zwei Kellner mit Schüsseln und den Beschluß machte der Hotelier, der dem Gelehrten zurief:„So wirds wohl recht sein, Herr Professor?"— Einen Blick warf der Professtr auf die Speiseträger, dann wurde er blaß, obwohl es ihm rot voi den Augen wurde. Was er da sah, das war sein Hummer, abei nicht schwarz und lebensfrisch, sondern rot gesotten und mit Hummer- salat, Bohnen und Mayonnaise aufs prunkvollste adjustiert.— De> Restnurateur war unglücklich über den Irrtum, der einem sc intelligenten Tier das Leben gekostet hatte. Schließlich schickte mau sich in das Unvermeidliche, verzichtete auf die hypnotische Seance und verzehrte das kluge Tier bis auf die Schalen.— Theater. oe. Die plattkölnische Volksbühne, die seit Neu« jähr im Belle-Alliance-Theater zu Gast ist, führte air Sonntag unter dem Titel„Der Schuft er uudder Teufel" eine neue Posse auf, die schon deutlicher als das melodramatisck verbrämte erste Stück an das Puppentheater erinnert, aus welchem das Bestehen der Gesellschaft sich herleitet. Hier erschein' die höllische Majestät wie in der altdeutschen Schwankdichtuiij als der gemütliche Bursche, mit dem sich bequem eü Wort Deutsch reden läszt, nachdem man den ersten, recht umrötigen Schreck überwunden hat. In unsrem Falle geht der Gottseibeiuns mit Ttiuues, der als Meister Knieriem schafft, einen Pakt ein. Der Teufel soll ein Jahr lang mit der grinmnge» Tantippe des Schusters zusammenleben. Hält er diese Marter aus, so ist die Seele des ge- plagten Ehemanns verloren; im andern Falle aber kriegt Tünnes Zehntausend blanke Dukaten. Selbstverständlich verliert der höllische Wagehals ganz elendiglich die Wette; das böse Weib ist selbst dein Teufel über. Wie der Tiinnes, so begegnen uns auch die andren stehenden Figuren des Kölner Puppentheaters in der derben Poffe; zur Charakteristik der Wertschätzung, die in der Stadt der Dunkelmänner der frommen Salbung zu teil tvird, sei erwähnt, daß Schäl als Kölner„Urbild des Tartüffe", uns in der Gestalt des betenden Schleichers entgegentritt. Wir in Berlin, die wir uns die Poffe kaum noch anders vor- stellen könne» als niit Trikots, falscher Sentimentalität und dick oufgetrageneiit Selbstlob ausstaffiert, könnten am Ende aus der un- gekünstelten Derbheit der Kölner manchen Gewinn ziehen.— Völkerkunde. — Die Vorliebe der Chinesen für Singvögel. Am beliebteste» ist die Lerche. Nirgends im ganzen Reiche ivird man«rien Chinesen, der sich im Freien ergehen will, von Hunden begleitet sehen. Statt dessen nehmen sie fast überall Käfige mit Lerchen oder andren Vögeln mit hinaus. An schönen Nachmittagen und Abenden schlendcni oft Gruppen von Menschen, die alle einen Vogelkäfig tragen, gemächlich durch die Straffen, oder sie setzen sich vor der Stadt auf den Boden, während fie den Käfig ihres Lieblings neben sich hinstellen oder in die Zweige eines Baums hängen. Am liebsten suchen sie sich dazu Stellen mit GraswuchS ans, weil sie hier einige Heuschrecken zu erwischen hoffen, die sie ihren Vögel» geben können. Einzeln machen sie sich wohl selbst hinter den Insekten her; gewöhnlich verbietet daS jedoch die Würde, und dann schicken die Besitzer der Lerchen entweder ihre Söhne danaS aus, oder sie halte» sich an die Vcr- käufer von Grashüpfern. Diese sind überall zu finden, wo cS Spaziergänger mit Vogelkäfigen in der Hand giebt. Sie laufen von frühester Morgenstunde bis zum Anbruch der Dunkelheit im Scknveiffe ihres Angesichts auf allen mit Gras bewachsenen Rainen, Hügeln und Thätem umher, wo sie auf die hüpfenden Heripferdchen fahnden. Zu deren Aufnahnie sind kleine, aus Bambus geflochtene Körve be- stimmt, worin es zappelt und wimmelt. Die gefangenen Tierchen werden entweder an die Lustivandler oder an die Bogelhändler verkauft. In Südchina zieht man die Lerchen aus den nördlichen Provinzen den einheimischen vor. weil sie beffer singe». Besonders auS der Provinz Tschili werden alljährlich viele nach dem Süden gebracht, daninter auch immer eine Anzahl von Lerchen aus der Mongolei, die von allen am geschätztesten find; für ein gutes Exemplar der mongolischen Art läfft sich in Hongkong leicht ein Preis von SV M. erzielen. Reben den Lerchen findet man bei den Chinese» verschiedene Arten von Droffeln, ferner Kanarienvögel. Alle diese Vögel werden in braunlackierten, gerännngen Käfigen ans Bambus gehalten, auf deren regelmäffige Reinigung man durchschnittlich viel mehr achtet, akS auf die der eigenen Behausung. Die Siügvögel sind denn auch trotz ihres erzwungenen Aufenthalts in den dumpfen Wohnungen einer eng gebauten Chinescnstadt an- scheinend meist recht zufrieden und schmettern lustig ihre Lieder. Im Sommer, wo alle Thüren und Feiister geöffnet find, ist ein solches Konzert für unsren Geschmack oft reichlich laut, während es deu Chinesen gar nicht ohrenbetäubend genug werden kaim.— s.Köln. Ztg.') Physiologisches. en. Die Wider st andsfähigkeit deS menschlichen Körpers gegen elektrische Ströme ist mit ganz besonders sorgfältigen Mitteln von Dr. Jellinek in Wien untersucht worden, und zwar hat er für seine Versuche\ eine gröffere Zahl von Elek- tricitätsarbeirern benutzt, also Leute, die beruflich mit elektrischen Strömen zu thun haben und infolge dessen alle Experimente selbst mit starke» Strömen ruhig über sich ergehen lassen, während die mit der Wirkung elektrischer Ströme nicht vertraute» Personen geivöhnlich eine zu grohe Ae»gstlia>.nt zeigen. Jellinek suchte 80 Arbeiter gleichen Alters und von möglichst ähn- lichen körperlichen Anlagen aus. um an il ne» die Wirkung der elektrische» Ströme auf den Blutdruck zu messen. Sämtliche Versuchspersonen standen im Alter von 20—30 Jahren, erfreuten sich einer vollkomnieuen Gesundheit und waren frei von Alkoholismus und Bleivergiftung, welche letzter« bei der Beschäftigung mit Accumulatoren häufig eintritt. Unter den Eleltricilätsarbeiler» mag es keinen einzigen geben, der nicht schon gelegentlich am Schaltbrett oder an andren Apparaten mit hochgespannten Strömen in Be- rühning geraten ist und bei diesen oder ähnlichen Ge- legenheiten' heftige elektrische Schläge kennen gelerick hat, auch bewegen sich diese Arbeiter vielfach in Räumen, die von elektrischen Wellen durchflössen iverden. Zunächst nahm der Wiener Gelehrte nur solche Arbeiter vor. die schon seit Jahren ausschlietzlich mit starken Strömen zu thu» gehabt hatten. Er lieh Gleichströme und Wechselströme von nur 50 bis 1ö0 Volt Spannimg ö— 10 Sekunden auf sie einwirken, auherdem auch hoibgespannte Ströme, diese aber mir für einen Augenblick. Die Versuchspersonen hatten aber auch garnichts dagegen, vorüber» gehend mit Strömen von 3—500 Volt Bekanntschaft zu mache». Im Interesse des Forschers sei noch bemerkt, daff er diese Ströme stets zunächst an seinem eignen Körper versucht hatte. Die Versuche haben gezeigt, daff der elektrische Strom ziemlich bedeutende Schwan- kungen des Blutdruckes in den Gefäffen des menschlichen Körper? hervorruft. Ein Gleichstrom läfft den Blutdruck sofort nach der Ein- Wirkung erheblich steigen, erhöht zuiveilen auch die Häufigkeit der Herzschläge, aber bald tritt ivieder eine Beruhigung eüi. Von andrer Wirkung sind die elektrischen Wechselströme, die als weit ge- fährlichcr durch verschiedene Unglücksfälle leider schon genugsam berüchtigt worden sind. Merkwürdigerweise führen sie eine Verminderung des Blutdrucks herbei, gleichzeitig aber eine zuweilen auzsallcnd be- schleumgte Herzthätigkeit. Eine kurze Einwirkung hochgespannter Ströme erzeugt zunächst ein Herabsinken des BluldruckS, dann aber stets ein Ansteige», währeud die Herzthätigkeit geivöhnlich verlangsamt erscheint, so daff Jellinek einmal nur 42 Pulsschläge nach einem solchen Experiment gemessen bat. Eine merkwürdige Erscheinung war nnfferdem bei diese» Versuche» zu Tage.«treten, nämlich eine bei der Einwirkung des StrouiS ein- tretende Versteifung gewisser groffer Adern. Bei einigen sehr jungen Arbeiten«»ahin die grosse Pulsader a»« lluterarm eine so starre Beschaffenheit an. daff sie sich wie ein Federkiel anfühlte, und zeigte aufferden« zuiveilen eine leichte Schlängelung: ebenso auffallend war die Beschaffenheit der Schläfeuader, die gewöhnlich weit hervortrat. eiueu geschläugelten Verlauf und eiu starkes Pulsieren erkenneu lieh. Bei Elcktricitätsarbeitern scheint dieser Zustand der Adern im Laufe der Jahre unter dem Einfluff häufiger elektrischer Eimvirkiuigcn chronisch zu«verde», er ist aber auch schon bei ganz jungen Arbeitern beobachtet«vorden. Im übrigen scheint dieser Beruf keine daucnrde Störung der Gesundheit mit sich zu bringe««,«ven» nicht einmal durch Berührimg mit zu starken Strömen gradezu ein lhrglücksfall eintritt. Endlich ist noch z«« ertvähnen, daff der Widerstand des mei«schlicheu Körpers gegen den Durchgang des elektrischen StronrS sehr verschieden ist und bei emigen Personen mir 16 000, bei andren dagegen 60 000 LH»« beträgt. Je gröffcr der Widerstand deS Kör- pcrs, desto grösser ist begreiflicherweise auch die Empfindlichkeit gege«« den Strom.— Humoristisches. — E i n g a» z S ch l a u e r.„Hicslbauer, ich habe Ihnen ge- sagt, Sie solle», weil Sie bloff drei Kreuze mache«« können, z>v e i Zeugen«nitbringen, die Ihre Unterschrift bestätige«» l... Haben Sie diese Ze»igen?' „Da san s', Herr Gerichtshof!' „DaS find ja vier!' „Die andern z>voa san zum bestätigen,— meine zwoa Zeug«, köiina u ä m l i' a a' net schreib'» I'— — Unüberlegte Bescheidenheit.„Sie haben«nir das Leben gerettet, junger Mann.... Wie soll ich Ihnen eS danke»!?* „O, bitte— das ist ja gar nicht der Rede«vertl*— — Raffiniert.„Mein Mann ärgert mich in letzter Zeit so oft! Wenn ich«mr«vützte, wie ich mich dafür räche«« könnte?' „Weifft Du was! Koch' ihin feme Leibspeise und laff' fie anbreiinen!'— Notizen. --- Die„Reue freie Volksbühne' bringt am Sonntag im Thalia-Theater Ibsens„Wildente' zur Anfsühriing.— — Emil Thomas scheidet mit dem Schlnff dieser Saison ans dem Thalia-Theater aus. Es schivebeu Unterhaudlungeu zwischen dem Künstler und den, Schaiispiclhanse, wo Thomas vom Oktober vis zun« Dezember gastiere» soll.— — Hauptmanns„Michael Krämer" erzielte bei der Ausführung im B r e s I a n e r Lobe-Theater einen starken Erfolg.— —„A h a s v e r in Rom" von Juli»rs Hör st. ein Drama »ach dem Epos Robert Hamerlings, wird an« 18. Januar zum erstenmal im Hamburger Stadttheater in Scne gehen.— — Der Franz Schubert-Berein giebt am 25. Januar im Künstlcrhaus seinen 2. Schubert-Abend.— — Heinrich Platzbeckers Operette„Der Wahrheit«- m u i« d", die demnächst am Theater des Westens in Scene geht, errang am Köiiigsberger Stadt-Theater einen groffen Erfolg.— c. Von den Bayreuther Festspielen 1001. Die Sitze für beide Cykle» von„Der Ring des Nibeluiigen" sollen bereits vollständig ausverkauft sein, obgleich die Vorstellungen erst in sieben Monaten stattfinden werden.— — Die Turiner Akademie schreibt den„Br e s s a- P r e i s" im Beirag von 9600 Franken aus für Gelehrte und Erfinder aller Nationen. Preisgekrönt«vird die auffallendste und nützlichste Eilt« decknng oder aber das berühinteste Werk auf sämtlichen naturwissen- schaftlichci« Gebieten und auf dem der Mathematik, gegebenenfalls auch auf dem der Geschichte, Geographie ober Statistik. Die Schlnff- frist der Anmeldung ist der 31. Dezember 1902.— Verantwortlicher Ncdacteur; Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.