Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 12. Donnerstag, den 17. Januar. 1901 tNacbdruil vttvole».) Der MAskl voui HollerbvÄu. 121 Noinan von R. von S c y d l i tz. 5raftl war bereit, die Bedingung einzugehen, aber lies; die H&ilde uickt los. Der Ringkampf hörte auf. und er behielt den Besitz ihrer Hände, deren Finger sich übrigens, sobald der Gesang anfing, um die seinen legten; während er leise und unmerklich näher und näher ruckte. Ja. sie fing an zu. singen: es schien sogar, daß sie rasch anfing, um die lästige Bedingung ihres Wafienstillftands thmseits zu erfüllen; sie dämpfte die Stimme so sehr es möglich war, und der warme melodische Klang war desto sicher. Wenn Deutsche absolut keinen Gncnd haben, traurig zu sein, so singen sie zunächst stets die traurigsten Lieder, die sie wissen, die Lorelei oder dergleichen. ?>gathe sing demgemäß, und weil sie eine ihr herzlich zcigethane Menschciisecle neben sich fühlte, daS düsterste der Lieder an: „Verlassen— verlassen bin i!" »ind Kastl lauschte mit ganzer Seele: zuletzt versuchte er ein paar Töne niitzusingen. aber das gelang ihm sehr daneben vorbei. „Jetzt bist zufrieden? fragte sie sofort nach dem letzten Ton. Ein obstinates, breites„Raa!" war die Antwort, und es entspann sich wieder ein Wortgefecht, aber die Hände blieben trotz aller Listen, plötzlicher Rucke und geheuchelter Schmerzen in seinen Fäusten gefangen. Dabei war sie an seine Schulter z» liegen gekommen, und flüsterte ihr er ins Ohr: „Geh, i bitt Di.— nur noch eins! Dann last i Di. Iveil D' gar so gern vo' mir forrmagst." Sie sagte nichts, aber sie begann ein neues Lied, in dem viel von einem Wassersall und von einem verschwundenen Schatz die Rede war. Jetzt war sie ihm so nahe, daß ihre Stirnlocken an seine Wange streiften: sie sang imprcr leiser, als sänke sie in Halb- schlaf. Er rührte sich nicht, nur sein Herz klopfte, daß man's hätte hören können. So blieben sie in völliger Entrücktheit bis zum Ende des Lieds.— Plötzlich aber, mit dem Ausklingen der letzten Note, sprang sie aus.— wie ein Korkstöpsel aus der Flasche, riß sich los und sagte: ..Jetz'— gut Nacht! I muß. m u ß fort!" Da sprang auch er ans lind schlang die Arme um sie.., sie zerrte lind bog sich seitwärts»lud zurück, und stemmte die kräftigen Hände gegen seine Bnist, gegen seinen Hals— er aber erzwang in stummer Wut einen hastigen Kuß.' der auch trotz Finsternis und Ringkampf den rechten Ort was-- Dann stieß sie ihn lachend von sich und sprang zurück... schlapp, schlapp, schlapp— in eiligen Sprüngen war sie um die Manereckc entschwunden.— So endete Kastls erste Gesangsstunde. Viele, viele, andre folgten, bis der Herbst kam und der stille Hostvinkel kalt und univirtlich wurde. Da saßen sie dann Arm in Arm irgendwo in der Wanne: denn bis dahin wußten es alle Leute im Haus. III. Arbeit und Liebe,— so lautete Kastls Devise nun für geraunie Zeit. Was so gemeinhin als Braubnrsch in der Welt lebt, wäre eigentlich damit ganz zufrieden gewesen. Der Magen»var versorgt, das Herz war versorgt,— und vor allem, der Ehrgeiz war versorgt. Denn cS konnte nun ja nicht fehlen, bei der mächtigen Protektion aus dem Eomptoir: er mußte vom Hinterburschen an durch alle Stadien des Brauerlebens hinaufrücken bis zum Bräumeister. Von da freilich geht's»licht so ohne weiteres auf höhere Stufen: denn Talent und 5teitntltisse machen eineil Menschen wohl zum Bräumeister; aber Geld— Geld allein, und zwar sehr viel Geld— mehr als Kastl dernialen geträunit hätte. kann einzig den Menschen zum selbstherrlichen Brauerei- besitzet machen. Und Leute wie der gute Kastl sind meist geneigt zu denken, daß dies Geld eignes Geld fein müsse: von Gründllugell habeil alle 5lastl der Welt meist keinen Dunst. Ja. der Magen und das Herz waren versorgt. Denn im Frühjahr— gerade ein Jahr, nachdem er schüchtern und zaghaft die nihstischen Räume des Hollerbräu zum erstenmal betreten, ivard der.Kastl»nit gutem Gehalt— fünfund- siebenzig Mark monatlich und sieben Litermarken pro Tag,— als ehrsamer„Hinterbursch" angestellt: und was das Herz betrifft, so entwickelte das liebe Agathl eine geradezu Phäno- nienate Fähigkeit, sich voin Kastl.' und nur von ihm allein. lieben zu lassen,— so daß sein Glück auch in diesem Punkte zu gerechtem Neid Gelegenheit gab. Man duldete sein Glück, wie man ihn selbst von Anfang geduldet hatte. Aber eS war unerhört: und eigentlich ärgerte man sich weniger darüber, daß er Glück hatte, als daß er es war. so ein zugelaufener Bub aus einem ziemlich fremden Land, Franken genannt, wo zwar recht guter Hopfen wächst— nächst dem Saazcr wohl der beste der Welt � aber ein Land, aus dein noch nie ein Bräubursch nach München gekonimen»var. Das wnnnte die wäldlcrischen Kollegen etwas; aber wie gesagt, sie ertrugen es. Das alte deutsche Sprichwort sagt: Hans im Glück wirft auch der Ochse ein Kalb. Wer einmal bei dem verrückten Frauenzimmer Fortuna Hahn im.Korbe ist, dem schlägt das Unwahrscheinlichste gut aus. So auch nnt dem Kastl.„ Denn richtig, wie er sich znm Militär stellen mußte und alle erwarteten, ihn auf ein paar Jahr in blauem Röcklein in eine Kaserne verbannt zu sehen— entdeckte der Arzt bei ihm ein beginnendes Herzleiden, und er kam glatt und flott frank und frei!-. Und sonderbar,'s Agathl, die ihn doch nun hätte hart entbehren müssen, war die niedergeschlagenste Seele unterm alten Dach des Hollerbrän an dem Tage. Denn so sind die Weiber: ein schön bunt angezogener Soldat, den man nur Sonntags auf zwei Stunden haben kann, wiegt bei ihnen ein gewöhnliches graues oder braunes Menschenkind bei weitem auf— wenn dies letztere auch jenseits des Hofs beim Bier- sieden beschäftigt ist und man ihn am Tage so und so oft sehen und abends mit ihm schöne Lieder siilgen kann, Ein Rückschlag von ihrer schlecht verhohlenen Betrübnis wars deini auch, was dem Kastl den sonst so fröhlichen Abend etwas verdarb.„Bin ich denn wirklich— herzleidend?" grübelte er besorgt. Aber der Oheim, der jetzt erster Bllchhalter und die eigentliche Seele des Geschäfts>var, tröstete ihn. Er saß mit deni Kastl zusammen und sie feierten den Tag: es war im Ratskeller, ganz hinten, neben dem grünen Ofen, in einem der kleinen Holzverschläge. Kastl hatte eben seiner Besorgnis Ausdruck verliehen; der Oheim aber lächelte boshaft und still für sich hin. Dann nahm er sein' Portefeuille aus der Brust- tasche, zog einige Hundertmarkscheine hervor, zählte sie bc- dächtig und mehrmals und schob'sie wieder ein: zuletzt sagte er gemütlich: „Mei' Lieber,— a Brauer stirbt an Gicht und Rheuma- tismliS— aber an an Herzleiden stirbt nur, wer sauft, t- Saufsr Du gar so viel?".. „Daß i net wüßt. Ratürlff an Durst--" „Scho recht. Wer arbcit't, brauch ts Löschen mehr wie aner, der daheim am Schreibtisch hockt. Aber's bekommt ihm a besser. Mach Der ka Sorgen nit. Wenn D' magst, gehil mer morgen znm a Bersichernngsdoktor: da hörst glei die Wahrheit." Und er erhob sein Glas:„Prost. Kastl.— Du bist g'snild wie nix. Laß Der nix ci'reden. Du hast's Glück und 's Geschick— Du sollst mer amal a Mordskerl werden.— Prost!" Dann aber, wie er sich den Bart wischte und eine ncne Cigarre anzündete, kam er auf sein altcS Thema. „Sixt i Hab ka Kinder net, i Hab uix'n af dera Welt,— als wie Di.— Na, na, nix danken!— Dees is amal»net Narrheit, jeder hat ane.'s is net. weil Du meiner Schwester ihr Sohn bist,'s is nur, weil i halt amal mei Narrheit an Dir g'fresj'n hah.-- Mi sreut'S halt. Und damit juck. Und jetz laß mer mei Ruh." Und er sprang auf etwas andres über, wie um seilte Rührung zu verbergen; — 46— „ItcBevmoxgcn geht der Salvator an,— Sonntag,— Du bist doch frei?" „Schon!—" „Nachher nimmst's Agathl mit naus, daß's arme Hascherl a a Freud hat." Denn zu dem Verhältnis hatte der Oheim stets seine vollste, das heißt meist stillschweigende, Einwilligung gegeben: besser im Hause als außernr Hans!— Schließlich, wozu war sonst so ein Mädel da? Daß der Kastl ihr die Ehe nicht versprechen würde, das meinte er bestimmt hoffen zu dürfen. „Also— abgemacht: mir gehn mitsammen nans. Därfst Di nit schenicrn weg'n mein' Weibsbild. Die waß's lang." Kurz, der Oheim war ein Prachtkerl, wie er im Buche steht. Kastl hätte für ihn tausend Tode erleiden mögen. Er hing an ihm wie an einem Evangelium. Der arme Oheim I In stillen Stunden klagte er Wohl über ein verfehltes Leben: alle Kenntnisse, alle Routine im Brauwesen, besonders in geschästlichen Dingen, besaß er nun Wohl im Laufe der Jahre. Zu nichts andrem hatte er Lieb und Lust, als zur Brauerei. Aber selbst schaffen und arbeiten, seinen Ehrgeiz austoben lebenslang: das war ihm, dem schwachen, niageren kränklichen Menschen für ewig verboten. Wie schwer er das empfunden hatte, wie ihn Tantalus- quälen seit Jahren folterten— ah. das war nicht zum sagen. Aber da war, wie ein Geschenk vom Himmel, der Kastl hereingeschneit und in ihm hatte er den sofort er- kannt, der das erreichen konnte, was ihm verboten war. Denn der hatte nicht nur Muskeln, um auszuführen, was der Kopf gebot, Muskeln haben sie ja alle die dumpf hinlebenden Tröpfe, die um die Pfannen, Bottiche und Fässer herum- hantieren!— sondern er hatte vor allem den intelligenten Schädel, in den des Ohcinls Weisheit bequem hineinging und in dem sie Feuer fing I Und es ist die Frage, ob der Oheim durch die Eni- deckung Kastls nicht vielleicht noch glücklicher geworden war, als der Kastl durch die Auffindung seines Protektors. Denn jetzt war es Licht in ihm geworden. Es war eine— nun ja, sagen wir niedere Natur, der Ringelmann, ein kleindenkender Egoist, der in kleinlichen Verhältnissen und Neigungen aufgelvachsen war, und alle Aussicht gehabt hatte, in kleinlichen Dingen seine Existenz auszuleben. Die Frau, die ehemalige Haushälterin, war ihni ein öder trauriger Ersatz für das, was sonst den Aermsten zur freudigen Pflichterfüllung treibt: die Familie. Aber hier hatte sich vor einiger Zeit bei ihm das Schicksal ein wenig gerächt; das Schicksal, das er sich selbst geschaffen. Denn für etwas Ideales schwärmen mutz auch der trockenste, engherzigste Mensch; einen geheinien Winkel, wo's ihm heimlich kätzchenhaft begehrlich wird, schafft sich jeder. Und so hatte Ringelmann denn auch seit einem Jahr neben der Ehe, die kaurn diesen Namen verdiente, hinausgegriffen, und eines jener in den„Neuesten Nachrichten" beginnenden Verhältnisse angebandelt,— um eben„etwas für sich" zu haben. Seinen Bedarf an Eigarren deckte er bei Fräulein Creszenz Dam- hubcr, aber er brauchte das Rauchkraut nicht zu zahlen. Denn er hatte den winzigen Laden selbst bezahlt und ein- gerichtet. Und da der Gehalt eines Buchhalters dazu nicht langte, so führte er seit geraunier Zeit nebenher Privat- geschäfte, als gelegentlicher Verkaufsagent und Vennittler von Hopfengeschäften. Aber alles das erschien selbst ihm bald lästig und drückend. Da war der Kastl erschienen. Der starke, schöne, junge Kerl, der ein Leben voll Gesund- hcit, Kraft und Entschlossenheit vor sich hatte; der sich wie zu ihm ergänzte, der bestiinmt schien, das zu sein, was Ringel- mann nicht sein konnte! Und da lvar urplötzlich eine Affenliebe zum Neffen er- wacht, ein Ideal ungeahnter Art. Für den Buben zu leben, für ihn zu arbeiten, für ihn meinetwegen zu betriigen oder zu stehlen, das schien ihm jetzt nicht nur glückseliger Lebens- zweck, das war ihm Pflicht. Denn das— er gestand sich's nicht, er dachte nicht so weit, aber es war so,— das war eine Aussicht, sein trübes nicht immer lauteres Leben zu etwas edlerem zu weihen; diese Liebe konnte manches Un- lautere weit machen, und an dieser Liebe beschloß er, mit Fanatismus zu hängen! Jetzt verblaßte das Jntereffe an seiner Geliebten, jetzt ab's für ihn kein häusliches Interesse mehr, jetzt saß er für astl am Pult des Comptoirs, jetzt trieb er für ihn, den noch Unwissenden, seine Agenturgeschäfte; alles, alles für ihn, seinen Abgott, seinen starken, herrlichen Sohn, den ihm der Zufall geschenkt. Und er machte auch kein Hehl daraus, er bemutterte ihn aufrichtig und öffentlich, er gönnte dem Buben alles Gute und Heitere; und so auch das Agathl, und so auch den Salvaror. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vervoleii.) Von Gerhart Hauptmann. Es poltert der Zug durch die Moudscheinnacht, Die Räder dröhnen und rasen. Still sitz' ich im Polster und halte die Wacht Unter sieben schnarchenden Nasen. Die Lampe flackert und zittert und zuckt, llnd der Wagen rasselt und rüttelt und ruckt, Und weit, wie ins Reich der Gespenster, Weit blick' ich hinaus in das däininrige Licht, Und schemenhaft schon' ich mein blasses Gesicht Im lampenbcschienencu Fenster. Da rast eS nun hin mit dem brausenden Zug, An Wiesen und Wäldern vorüber, lieber Mauern, Stakete und Zäune im Flug, llnd trüber blickt es und trüber. llnd jctzo, wahrhaftig ich täusche mich nicht, Jetzt rollen über mein Schattengesicht Zu>ei schiverc und leuchtende Tbränen. lind tief in der Brust mir, da klingt es und singt's. llnd fiebernd das Herz und die Pulse durchdringt's Ein wildes, ein brennendes Sehnen. Ein Sehnen hinaus in das Mondscheinreich, Das fliegend die Drähte durchschneiden. Sie tauchen hernieder und steigen zugleich, Vom Zauber der Nacht mich zu scheiden. Doch ich blicke hinaus, und das Herz wird mir weit, Und ich lulle mich ein in die selige Zeit, Wo nächtlich tanzte am. Weiher Auf Mondlichtstrahlen die Elfenmaid, Dazu ihr von minniger Wonne und Leid Der Elfe spielte die Leyer. Der Elfe, er spielt. b>e Leyer so schön, Die GräSlein, sie nn len ibm lauiche». Der Mühlbach, im Sturze, hielt an und blieb stehn, Vergessend sein eigenes Manschen. Maiblumen und Rotllee weineten Tau, llnd wonnige Schauer durcbbebten die Au, Und Sänger lauschten im Haine; Sie lauschten und lernten vom Elfe» gar viel Und stiimiite» ihr duftendes Saitenspiel So zaub'risch, so rein wie das seine. Vorüber, vorüber im sausenden Takt. Kein Zauber nimmt Dich gefangen. Der Dn schivindelhoch über den Katarakt Und tief durch die Berge gegangen. Du rasender Pulsschlag der fiebernden Welt Du Dämon, der in den Armen mich hält Und trägt zu entlegener Ferne l Ich bliebe so gern im Mondenschein Und lauschte so gerne vergessen allein Der Ziviesprach seliger Stemel Rauchmasien umwölken das traumhafte Bildl Und schlingen weiß wogende Reigen. Doch unter mir stampft es und schmettert es wild, Und unter mir will es nicht schweigen. Es klingt wie ein Acchzen, es rieselt wie Schtveiß, Als schleppten Cyklopen hin über das Gleis *) Wir entnehmen dieses Gedicht der empfehlenswerten Halb- Monatsschrift„Das litterarische Echo".(Berlin. F. Fontane u. Co.) Die Ballade stammt aus Hauptmanns Frühzeit und erschien erstmals in der„Allgemeinen Deutschen Universitätszeitung". (l. Jahrg. 1887 Nr. 7.) Ter Dichter hat den Text vor dem Wieder« abdruck im„Litt. Echo" nochmals einer Durchsicht unterzogen. Den Zug mit ehernen Armen. Und wie ich noch lausche, beklommen und bang, Da wird aus dein Tönegewirr ein Gesang Zum Grauen zugleich und Erbarmen. Wir trage» Euch hin durch die duftende Nacht Mit triefenden Wangen und Brüsten. Wir haben Euch güldene Hänser gemacht, Indessen wie Geier wir nisten. Wir schaffen Euch Kleider. Wir backen Euch Brot. Ihr schafft uns den grinsenden, winselnden Tod. Wir wollen die Ketten zerbrechen. Uns dürstet, uns dürstet nach Eurem Gut I Uns dürstet, uns dürstet nach Eurem Blut l Wir wollen uns retten—! uns rächen I Wohl sind wir ein rauhes, blntdürstend Geschlecht Mit schwielige» Händen und Herzen. Doch gebt uns zum Leben, zum Sterben ein Recht Und nehmt nns die Last unsrer Schmerzen! Ja, kömiteii wir ahnen, im keuchenden Lauf Nur einmal erquickend, tief innerlich auf, So, weil Du den Elfen bewundert, So sängen wir Dir, mit Domiergctv», TwS Lied, so finster und doch so schön, Das Lied von uns rem Jahrhundertl Willst lernen, Poetlein, das heilige Lied, So lausche dem Ratzen der Minen, So meide das schläfrige, tändelnde Ried Und folge dem Gang der Maschinen; Beachte de» Funken im singenden Draht, Des Schiffes schivindelnde» Wolkeupfad, Und weiter, o beuge Dich nieder Zum Herze» der Armen, mitleidig und mild, Und was es Dir zitternd und weinend enthüllt, Ersteh' eL in Töne» Dir wieder I Es poltert der Zug durch die Mondscheiimacht. Die Räder dröhne» und rasen. Still sitz' ich im Polster und halte die Wacht Unter sieben schnarchende» Nasen. Die Lampe flackert und zittert und zuckt, Und der Wagen raffelt und rüttelt und ruckt, Und tief ans dem Chaos der Töne, Da quillt es, da drängt es, da perlt es empor Wie Hymnengcsänge bezaubernd mein Ohr I» erdenverklärender Schöne. Und leise auf schwillt es und ebbend verhallt's Im schmetternden Eisengeklirre.. Und wieder erwacht es. und himmelauf wallt's Hervor aus dem Tvnegewirre. Und immer von neuem versinkt es und steigt's. Un!5 endlich verweht's im Tumulte und schweigt's Und läßt mir ein heiszes Begehren, Das sinueberiickende Zaubergelön Bon binimlischeu Lenzen auf irdischen Höh'n Zu Ende, zu Ende zu hören.— Kleines Feuilleton. ck. Neber das ungeheure Wachst»»» der aiiicrikanischcu Millionen Vermöge» berichtet ein Londoner Blalt: Die Vermögen vor hundert Jabreu waren im Vergleich mit dem angehäufte» Reichtum, den heute etiva zivanzig Menschen in Amerika habe», winzig. Summen, wie sie Rockefeller oder Morgan zur Verfügung stehen, hätte man 1800 für eine unbeschränlte und widernatürliche Macht gehalten. Dabei vennehrten allein im Jahre 1900 23 ameri- kanische Millionäre ihr schon so riesiges Vermöge» um nicht»veniger als 1200 Millionen Mark I John D. RockesellerS Vermögen, das 2000 Millionen Mark überschreitet, vermehrte sich allein um 900 Millionen Mark. Natürlich>var dies nicht alles in Bar vorhanden, viel davon steht auf Papier, aber es ist auch so gesichert,»ind auf diesen Besitz werden Zinsen und Dividenden gezahlt; der Nutze» wäre nicht gröber, wenn das Papier in Goldwert umgeivechselt würde. Diesen» einen Gewinner stehen unzählige Verlierer gegenüber. RockesellerS Gewinn iin Jahre 1900 ist leicht zu schätzen. J»n Beginn des JahrS be- hanptete er unter Eid. in Standard Oil-Aktien 124 000000 M. zu besitzen. Diese erfuhren, ehe das Jahr um»vor. eine Preissteigerung um 400 Proz. und werden jetzt auf fast 3»zvollen Töne, die bei ihr in, späteren Verlauf der Partie gut zur Geltung käme»,, sotvie die einfachen, typische», Belvegungen, die für die irdische Kon- kretheit dieser Figur weitaus nicht zureichen, werden sie ivohl zu Rollen jener Art viel besser befähigen. A»lberde»n aber verfiigt Frau Björuson,»vie ihre anfängliche Darstellung der Margarete bewies, über ein so zartes, schleierhaftes Piano, daß man ihr, zugleich wieder», n im Hinblick auf ihre Beschränktheit iin Ausdruck, wünschen möchte, es entstünde eigens für sie eine besondere Art von Opern, so etivaS wie eine puppenspielartige Oper im Geiste Maeterlincks, mit tvirklichkeils«. ferne». HcheiniiiiSvSllc» Scheinen, die sich wenig uU,mi»ich nnr durch chre kalte Starrheit hindurch eine tiefliegende Wärnie nerinnten lassen, eine Wärme, die denn auch jener Gastin in irgend einem Hintergrund eigen sein und das ersichtlich etwas befremdete Publikum zu eiiicin verhältnismäßig geringen, aber wohlgemeinten Beifall veranlaßt haben»nag. Von den gar gewaltigen Schritten und Mieuenziigen dieser Margarete wäre ein gut Teil an Frl. B ra cke n h aurm er ab- zugeben gclvescn, welche die männliche Figur des Sybel, des Lieb- Habers der Margarete, gar z» weiblich und weichlich, aber sonst recht nnsdrucksvoll gab. Sie und Frl. D etsch y als Matthe zeigten jedenfalls wieder, wie viel das Theater des Westens an diesen beiden tresilichen Altistinnen besitzt. A l b i n Günther erweiterte als MephistopheleS den günstigen Eindruck, den wir von diesem stimmbegabten Bassisten bereits gewonnen haben, lieber den Theaterbösewicht kommt freilich auch er nicht weit hinaus, und eine einheitliche und individuelle Auffassung des Teufels gab auch er nicht. Allein maiiche Einzel- Helten wären glänzend, und schon seine reiche Bcivcglichkcit brachte eine erfreuliche Abwechslung in eine Gesamtleistung des Theaters, die trotz aller guten Regie und ungerechnet zahlreiche äußerliche Zivischenfälle doch langwellig war. Herr D e si d e r Aranyi singt bester, als die vielen Vorwürfe eines Tremoliercns eS erscheinen lassen! doch seine stille Tenorlyrik reicht nicht einmal für diese blasse Faustrolle aus. Trotz aller einzelnen und allgemeinen Ostern- haftigkeiten(TanzrhhthinnS an unrichtiger Stelle, Hervorkehren des Acnßerlichcn) würde diese in der Hansttsäche„vernünftige" Oper eine künstlerisch gründliche Durcharbeitung verdiene».— sz. Geographisches. en. Fluß IN n n d u n g e n unter dem M e e r e. Vor einigen Jahren ivurde man durch ein überraschendes Ereignis an der Küste dcS nordwestlichen Afrika auf eine merkwürdige Naturerscheinung aufmerksam, die bisher ganz unbeachtet geblieben war. Das zwischen dem Grünen Kap(Kap Verde) und der Brasilianischen Küste eben erst vollendete Kabel aus ganz neuem und vorzüglichem Material versagte mehreremal hintereinander den Dienst, und die Unter- snchnng stellte fest, daß es immer ungefähr an derselben Stelle gerissen war. Man prüfte nunmehr den Meeresboden auf das genaueste, um die Ursache dieser Strömung zu erfahren, und fand, daß sich dott am Meeresboden die Quelle eines Flusses befand, der das Kabel mit seinen Schuttmassen überschüttet und zum Reißen gebracht hatte. Die Herkunft dieses nntcrmcerischcn Süßwasser- Stromes blieb nicht lange im unklaren, denn man fand, daß sich an der afrikainsche» Küste gerade in gleicher Höhe mit der frag- lichen Meercsstelle ein Fluß in' die Sümpfe von Aof ergießt und sich dort in dem Sand des BodenS verliert. Es konnte kaum ein Ztveifcl darüber obwalten, daß es das Wasser des Flusses war, das sich in einer Entfernnng von 24 Kilometern von der Küste unterirdisch ins Meer ergießt und zum Reißen des Kabels Veranlassung gegeben hatte. Diese Vermutung wurde dadurch noch wahrscheinlicher, daß sich daS mit der Reparatur beschäftigte Schiff eines schönen TagS plötzlich mit einer Menge von Orangeschalen, Kalebassen, Zeug- stücken usiv. umgeben sah, die wohl keinesfalls von der 140.Kilo- mcter entfernten Mündung des Senegal komme» konnten, sondern Ivahrscheinlich aus der unterirdischen Flußmündung in die Höhe ge- stiegen Ivaren. So merktvürdig diese Thatsachc erscheint, steht sie doch keineswegs beispiellos in der Erdkunde da. Eine ähnliche Unterirdische Flußmündung besitzt z. V. der Rownna an der oft- afrikanischen Küste, der' sich gerade auf der Grenze zwischen deutschem und portugiesischem Gebiet dem Meere zuwendet, und ei» gleiches findet nördlich des durch ein furchtbares Erdbeben seiner Zeit allbekannt gewordenen Orts Arica in Chile, früher zu Peru gehörig, statt, Ivo ein Fluß plötzlich in, Sande venchtvindet und un- sichtbar dem Meere zueilt, um einen breiten unterseeischen Fluß zu bilden. Ein andrer Fall entsprechender Natur ist auch ivestlich des peruanischen Hafens Talora zu beobachten, Ivo sich auf dem Meeres- boden in 18 Kilometer Abstand von der Küste ein echtes Flußbett gebildet hat. Im Hinterlande der Küste befinde» sich dort eine Reihe von Seen, deren Gewässer in eine Felsspalte abfließt und wahr- schcinlich am Meeresgründe erst wieder den Boden verläßt. In der Nähe der Insel Sa'ba in de» Kleinen Antillen entdeckte Kapitän Lugor»litten im Meere das Vorhandensein einer beträchtlicke» Süßwaffermasse. die in konzentrische» Kreisen vom Meeresgründe aufzuquellen schienen. Man braucht aber gar nicht so weit zu gehen, um auf solche Launen der Natur zu treffen. Es giebt z. B. etwas Aehnliches an der Atlantischcii Küste von Süd-Frankreich, Ivo sich das Wasser de? große» Sumpfs von Ossegore durch die Sand- niaffen � des Gestades in einen unterirdischen Kanal, der ivahrscheinlich einer alten Mündung dcS Adour entspricht, in das Meer ergießt und unter dessen Oberfläche anstritt. Wen» ein Geograph etne Kur in Biarritz benutzt, so hat er Gelegenheit, diese Verhältnisse in nächster Aiche zw studieren. Wir finden aber auch in andren europäischen Seestaaten noch weitere Beispiele, so an dem Meerbusen des Hnmber in England und lueiter südlich an der St. Margaret-Bai, Ivo große Siißwässermassen durch Spalten des Erdbodens unterirdisch ins Meer geleitet werden. Zinn Schluß sei der berühmteste Fall dieser Art geuanut, die Katadothren des ftopais-See in Mittelgriechenland, die schon im Altertum als. unterirdische Ableitung des großen Binnen- waffers zum Meere bekamit waren.—_ Berantioortticher Rrdacteur: Robert Schmidt n» Bei Medizinisches. Heilkräftiger Mnskelsaft. Der Pariser Gelehrte Charles Richet bat vor der dortigeil Akademie der Wissenschaften einen Vortrag über die beilkräftige Wirkung eines Stoffs, gehalten. dcir er als Muskelsaft oder eigentlich als MuSkelferum bezeichnet. Es ist der Saft, der dadurch erhalten wird, daß man frisches Fleisch bis zum äußersten zusammenpreßt, eine rote Flüssigkeit, die in der Wärme gcttmit. Außer Mineralstofieu erhält sie auf jedes Kilo- gramm etwa 50 Gramm Eiweißstoffe. Dieses Muskelsecum ist. wenn es unter die Haut oder ni die Adern geimpft wird, in einer Dosis von ö'5iubikcentimctcrn pro Kilogramm des Gewichts für Tiere äußerst giftig, es veranlaßt eine beträchtliche Herabsetzung des Blut- drnckS, und es erfolgt der Tod des TierS unter starkem Erbrechen. Die Sektion ergiebt eine starke Blntausfüllniig der Eingetveidc und der Leber. In klefiieren Mengen dagegen hat es sich als einziges Heilmittel gegen die Tuberkulose bei Tieren erwiesen. Frisches Rindfleisch giebt unter einem Druck von 25 Kilogramm pro Quadratcentimcter etwa 33 Proz. Mnskelsaft, gefrorenes Fleisch vis zu 60 Proz.— Hnmoristischcs. — M a ii muß sich zu helfen w i s s e n. Ein Stadtivirt hatte an einem reizend gelegenen Punkte im Hochgebirge das Wirts- hau?..zur schönen Aussicht" eröffnet. Trotz vorzüglicher Küche, guter Bcdicnimg und mäßiger Preise blieben die Gäste ans? die Tonriste» nahmen ihre» Proviant vom Thal an? mit und suchten sich„schöne Aussichten" nach eignem Geschmack. Der Wirt ward kleinmütig' bevor er jcdocki zusperrte, wollte er es nock mit einem letzten Mittel versuchen: er strich im Schilde die „schöne Aussicht" und nannte sein Wirtshaus„zum gefähr- lichen Ab st u rz". Seit dieser Zeit war eS immer boll'— — Besorgnis. Patient:„Dbrf ich den» Wein trinken?" A r z t:„Ja, aber eßlöffelweise!"• Patient:„Herr Doktor, wenn mir da nur nicht der A r m in ü d e wird!"— — Druckfehler.(AuS einer Vereiiiszeitnng.)„Mit schönen Torten ist uns nickt geholfen", sagte der Präsident zum Bäcker- meister Krause,„wir wollen Thaten sehen l"— („Meggcud. Pinn. Bl.") Notizen. — BjörnsonS Drama„L a b o r e in u 5" wird im Stuttgarter Hoftheater sciuc Premiere erleben.— — Arthur Schnitzlers bisher noch nirgends gegebene Plauderei„E p i s o d e"(aus„Anatol") wird im Bunten Theater aufgeführt werden.— '— Das Wiener B u r g t h e a t e r verhandelt mit Gregor! vom Schiller-Theater. Gregori soll noch im Laufe dieser Saison in Wien gastieren.— — Das Pachtverhältnis des Direktors Lang kämm er inr W i e d e n c r- T h e a t c r in Wien ist gelöst worden, dock verbleibt Langkanmier bis zum Saisonende als Direktor, wobei die Eigen- tiimcr die verfallene Kaution mit 22 000 Gulden zu Gunsten des Personals in täglichen Rate» zur Verfügung stellen.— — Rudolph Lothars Komödie„ H a r l e k i u" Errang bei seiner AnMhrung am Dagmar-Theater in Kopenhagen einen großen Erfolg.— — Alfred Lichtwarks Plaudereien?„ P a l a st f e n st e r und F l ü g c l t h ü r" sind in zweiter umgearbeiteter Auflage bei Bruno und Paul Cassirer in Berlin erschienen. Von demselben SJerlag ist auch ein neues Buch Lichtivarks:„Die E r z i c h n n g d e S Farbensinns" ausgegeben worden.— — Professor Dr. T h i l e n i u s wird mit Erlaubnis des KnltnS- minifteriumS an der Berliner Universität ein e t h n o l o g i s ck c S Museum errichten. Diese? Institut wird das erste seiner Art in Verbindung mit einer preußischen Universität sein.— — Katharina Schratt ist kürzlich vom P a p st e empfangen worden.— Die Gallmayer hatte es bloß bis zu einer Wallfahrt nach Maria Zell gebracht.— — Die Gesellschaft der Freunde des Louvre hat diesem einen Wandteppich, der da? Jüngste Gericht darstellt und in« 16. Jahr- hundert in Brüssel, sehr wahrscheinlich»ach Kartons von Qileutin Masins ausgeführt ist, geschenkt.— Die Arbeit kommt aus der spanischen Sammlung des Herzogs von Alba und gehört bei diesem zu einer Reihe von fünf Stücken, von denen heute zwei Privat- besitzern. zwei andre dem Museum von Amsterdam gehöre». Die seltene Arbeit hat 70 000 Fr. gekostet.— '—Eine der gewaltigsten B r ii ck e n der Welt wird demnächst den Mccresteil zwischen der City und North-Sidney überspannen. Mit dem ersten Preis von 20 000 M. ist der Entwurf von Enitwell(London) gekrönt worden, der ztveite(10000 M.) wurde dem von Norman Selfe eingereichten Plane einer deutscke» Firma zuerkannt: der begleitende Kostenanschlag für den Brücken- bau beläuft sich im ersten Falle auf 68'/», im andren auf 26 Ve Millionen Mark.—_ Et«. Druck und Verlag von Max Badlag in Bertm.