Hnterhaltungsblatt oes Horwüris Nr. 14. Sonntag� den 20 Januar 1S0I tNachdruck verboleii.) Dev Nastl voitt Holle vfcvmt. 14] Roman von R. von S e y d l i tz. Heute, am Tisch, hatte Hans das Lager- und Gärthema eigentlich selbst heraufbeschworen, bis der Alois und der Kastl sich in diese Sache fest verbissen hatten; er hatte dabei nur in technischen Ausdrücken gesprochen:„wenn's Bier an- greift— wenn's verstochen hat— Trieb geben— Ganter, Sattelfaß, doppelte Sattelung"— und dergleichen mehr. Aber nun, da die beiden glücklich augeheizt waren und gegeneinander über die Maßkrüge weg debattierten, hatte er sich zu seiner hübschen Nachbarin gewendet und den ganzen Zauber seiner Persönlichkeit auf ihr Herz wirken lassen. Und da8 wollte Wohl etwas heißen! Denn er hatte Ringe an drei oder vier Fingern, eine Uhrkette mit faustgroßem Bündel kleiner Anhängsel,— die Uhr selbst war seit langem„beim Reparieren"; dazu ein prachtvolles dreifarbiges Corpsband über der Weste und einen sehr feinen Anzug, der beinahe wie bar bezahlt aussah. Nur den weißen„Stürmer" seiner Verbindung hatte er nicht auf; denn am ersten Tage hatte ihm ein Student auf der Parade am Marienplatz das feine Ding herabgeschlagen, mit der empörenden Behauptung, seine „Akademie" sei nicht anerkannt und sein„Corps" eine Spielerei unreifer Jünglinge. Dadurch war er etwas stiller und klüger geworden und trug einen Hut für 2,80 M. auf seinem weisen Haupt. Agathe gegenüber spielte er natürlich den flotten Studio. Er erklärte ihr die Bedeutung des schönen Corpsbands, renommierte nnt unzähligen Duellen und Mensuren, bei denen er„natürlich" nie einen Schmiß erhalten, dagegen aber viele schreckliche ausgeteilt hatte, und versprach, ihr gegen ein „Zwickebussi" ein hübsches Medaillon zu schenken, das er an der Kette trug, wenn sie ihm dafür in Zukunft„grad a bißle gut" sein wolle,'s Agathl lachte und amüsierte sich köstlich. denn der Salvator hatte auch sie bereits angeseligt; und Herr von Haas ließ ihr keine Ruhe, erzählte Schnurren und machte die feinstcu Witze, zwickte und kitzelte,— kurz, er machte die schnellsten Fortschritte. Da kam der Mann mit den Affen, und nun war sie vollends närrisch. Haas ließ das„Tierle" unter komischen Reden anr Faden hinaufkrabbeln rurd schnitt selbst die nötigen Affengefrißer dazu, was ihm übrigens leicht wurde. Als nun der Kastl mit seinem Affen sich zu ihr wandte, sagte sie nur über die Schulter: „Dank der recht schön— i Hab scho' cin'n" und kicherte weiter mit dem gewandten feinen Herrn. Kastl überlegte, den Affen in der Hand, ob er nicht der- pflichtet sei, sich über die schnippische Ablehnung und das Gc- kicher schwer zu erzürnen; aber da brach gerade wieder ein brausender, begeisterter Gesang aus— Jöcmi das herrliche Lied vom Kanapee war von der Musik intoniert worden. Und da sang alles mit, Agathe und die andren desgleichen, der Alois gröhlte in wildem Baß drein und Kastl that endlich auch mit und spülte zuletzt seine unklaren Empfindungen mit einem ausgedehnten Trunk hinunter. Was ja stets das beste ist! Nun war an ihm die Reihe, die Krüge zur Schenke zu tragen und füllen zu lassen,— das Amt ging am Tisch Heruni,— und als er sich am niederen Ausschanksenster stieß und drängte, rief ihn der Oheim an: „Kastl, komm' g'schwind heraus, Herr Ebclein will Dich sprechen, ich Hab mit ihm a lang's und a breit's geredt,— a vo' Dir, mei' Bub. Schau, daß d' bald kommst." Na? Was war denn jetzt da? dachte Kastl, trug die ge- füllten Krüge zu feinem Tisch und eilte hinaus. Draußen, im frischen Windhauch, frei von dem Wahn- sinnigen Länn und dem dicken Dunst der Halle, atmete er erst ein paarmal tief, um etwas zur Besinnung zu kommen. Denn er mußte doch vernünftig reden können, und er besann sich geraume Zeit, was er vorher mit dem Alois besprochen hatte. Endlich fiel's ihm wieder ein, und er ging, den Ohm zu suchen, um nnt ihm vor den Gestrengen zu treten. Was konnte der nur von ihm wollen? Und gerade hier und heut? Ein gutes Gewissen hatte er ja; denn die im letzten Jahr von ihm begangenen Verbrechen bestanden ledig- lich in einem zweimaligen abendlichen Durchbrennen mit dem Agathl während des Faschings; und die Kollegen hatten der- gleichen mehr als er auf dem Kerbholz; und es war schon fast zwei Monate her; was konnte der Alte nur wolle»? Oheim Ringelmann saß neben seiner Frau, aber er zeigte sich nicht gewillt, den Kastl zu begleiten. „Geh' nur zu! Wirst scho' seh'n, wie der Wind geht!" Und Kastl ging.— Der Tisch der Geivappelten war fast leer, die Damen waren, zum Trost Kastls, alle fort, die mefften Herren auch; Herr Ebelein saß einsam an einer Ecke und wartete augenscheinlich. Jetzt sah er auf und erblickte den Kastl. „Ja. Wastl,— oder wie?— Kastl?— ich Hütt' Dir was zu sagen." Damit erhob er sich, schwer und müde.„Auf das Bier da muß ich a Paar Schritt lauf'n. Mein Wagen is fort; niagst a Stückl mit nnr zehn?'s is Dei Schad'n net."— Und Kastl konnte natürlich nur ja sagen und sich freuen. Bös war ja der Alte nicht, also konnte nur was Gutes kommen. Aber der Gedanke an den Herrn von Haas und das arme Hascherl, die Agathe, die jetzt ganz in des Löwen Klauen saß, machte ihm Unruhe.„Na— es wird ja bald aus sein, dann lauf' ich schnell zurück!"— Und er ging mit. Ebelein verabschiedete sich von den andren Herren und ging gemächlich zum Garten hinaus, Kastl stieg andächtig neben ihm her, in Erwartung großer Dinge. Sie bogen in die Hochstraße ein und wandelten langsam über den Häuptern der Auer und Haidhausener dahin. Wieder leuchtete wie an jenem ersten Tage ein herrlicher Abendschein über der Stadt, und die rauschende Isar sang ihr Zauberlied, erfrischend und herzstärkend wie immer. Von den Türmen klangen die Glocken hundertfach her und arbeit- sames Hämmern und Klopfen drang aus den Werkstätten unten herauf. Ebclein fing das, was er zu sagen hatte, nicht gleich an. Denn in ihm arbeitete noch andres heut als die Sorgen des Geschäfts. Und er konnte sich nicht gleich von jenen andren Gedanken losmachen. Es betraf jenen Lientenant Keßler, der einst so nahe an der Verlobung mit Vivi gewesen war. Der unentschiedene junge Mann hatte seitdem— noch nicht um die Tochter an- gehalten, und Ebelcin, dem Vater, war das sehr recht. Denn für die Tochter hatte er bereits einen andren Plan. Er hatte einen entfernten Neffen bei sich im Hause, der Elektrotechnik studierte, und der gescheidte junge Mann schien dem Vater eine viel aussichtsreichere Partie. Bis jetzt war zwischen den jungen Leuten noch nicht viel„los gewesen", aber das hatte ja noch gute Weile. Der Karl war außerdem in seinen ersten Semestern und hatte viel Wichtiges zu thun, pauken, trinken und dergleichen, was einen Jüngling ernsthaft beschäftigt und Zeit, Kraft und— Geld erschöpft. Ganz charakteristisch für den alten Ebelein war dabei folgendes. Er lieh dem Neffen in allen kleinen Nöten gern Geld, denn er wollte ihn dadurch an sich fesseln. Aber zu- gleich lieh er dem Lieutenant Geld— um einen Vorwand zu haben, ihn einmal recht gründlich abblitzen zu lassen. So ist der Mensch; die gleiche Waffe zu entgegengesetzten Zwecken zu schwingen— das machte ihm den größten Spaß, und be- sonders weil er's heinilich vor den Damen that. Es wäre dem Alten nie eingekommen, daß er den jungen Offizier dmnit auf eine schiefe Bahn brachte; denn dieser fing nach und nach an, mit seiner noch stets gleicherweife geliebten Rosa un« vernünftige Ausgaben zu machen. Was ihn, Ebelein, aber bedrückte, war der Kampf mit seiner Frau; diese protegierte nach wie vor den Lieutenant, Vivi hatte sich, der Mutter gehorsam, völlig in die Ein» bildung hineingelebt, daß der Lieutenant ihr bestimmt war. Der Vater aber machte kein Hehl aus seiner Vorliebe für den Neffen Karl, den Frau Ebelein nattirlich bald gründlich haßte. Ebelein schwieg also heute zunächst dauernd, anstatt seinen Plan, den er mit Kastl hatte, bald herauszugeben. Aber Kastl war das gewohnt; Schwätzer brauen kein Bier.— Endlich fing er an; feierlich begann er, das heißt also hochdentsch. aber dazwischen glitt er inimer wieder ins Münchncrische aus. „Ich habe schon diel Gutes von Dir gehört; ich be- obachte Dich seit langen» Du bist einer, der das Zeug dazu hat. daß einmal was aus ihm wird. Darum denke ich dran, wie nian's macht, daß Du mir nicht versauerst in der kleinen Tagesarbcit. die jahraus jahrein dieselbe ist.— Hast eppa'n Wunsch für Dich, na sagst'»!" lFortsetzung folgt.) Avnow Vöcklw. Das Lebenswerk Arnold Böcklius, ein Schatz von seltenem Reich- tun», ist abgeschlossen. Ein glückliches Künstlerschicksal ist zu seinem Ende gelaugt. Nicht daß fich sein äusjeres Leben in immer glücklichen Bahne» vollzöge»» hätte; auch an ihn ist in den Ansängen seiner Laufbahn die Not herangetreten, anch ihn hat eine giftige Kritik jähr- zehnte laug mit ihren» Unverstand verfolgt, ui»d sein Lebensabend »var durch körperliche Leiden»nid andre Trübungen umdüstert. Aber dies alles hat den Künstler in ihm nicht berührt, er ist unbeirrt seinen Weg gegangen und hat, ohne nach rechts oder links zu sehen, voll zur Entfaltung gebracht, was in ihm gelegen. Seine Be- gabung war, ganz abgesehen von den künstlerische» Fähigkeiten. außerordentlich glücklich. Sein unabhängiger Sinn, sein überlegener Verstand machten ihn gegenüber den äußeren Einflüssen selbständig; er nahm nur an, was seinem Wesen zusagte nud stieß alles andcre rnhig von fich ab. Wohl hat er Einflüsse erfahren, hat voi» den Alten gelernt und das Schaffen seiner Zeit beobachtet, aber niemals hat er fich von ihne»» bezioingen lassen. Und zu all dem kam seine Energie und sein scharfer Geist, die ihn, rastlos vorlvärts schreiten halfen. So koinmt es. daß seine Werke, chronologisch betrachtet,«ine stete Fortenttvicklung zeigen, zu jenen Höhepunkten in den achtziger Jahren, die heute bei jedermann als Meisteriverke gelten, bis erst in der letzten Zeit eine gewisse Müdigkeit der Hand bemerkbar wird. Aber nicht von dieser Entlvicklnng des Künstlers soll die Rede sein. Heute, wo der Blick auf das Ganze seines Lebenswerks ge- richtet ist und alle die Bilder, die er geschaffen, an unsrem Ange vorüberziehen, drängt sich vor allem die Fülle, der unerhörte Reichtum seiner Kunst auf. Nicht anszuschöpfeu»var der Born seiner Phantasie, zahllose Gestalten ivuchse» aus ihn» hervor, und uu- ermeßlich schien die Weite seiner Empffudung, die alles, was Menjchenherzen berührt, umspannte. Alle die Werke, in denen sich dieser Reichtum zeigt, anführen zu wollen,»väre vergebenes Mühen, Wir möchten den Leser bitten,!»mS in die Nationalgalerie zu folge»; die Beispiele, die dort anfbeivahrt»verde»», zeige»», wie verschiedene Seiten Böcklin anz»lrufen wußte. Der Frühlingstag. SproffendeS Leben überall. Mit laufend bunten Blumen bedeckt sich der ftischgrüne Wiescngrniid vorn, un» die noch kahlen Zweige der swrken Silberpappeln liegt es »vie ei» zartbrauner Hauch von den schwellenden Knospen. Rastlos zieht über der weiten Ebene eiue Flucht weißer Wolken herauf, durch die au einzelnen Stellen der blaue Himmel hindtirchschaut. in zartem Blau verliert sich die Ferne n»it den Bergen, die den Horizont begrenzen. Alles in dieser Ratnr atmet die feuchte Frische deü Frühlings. ES ist. als wehe ein Ivürziger Hauch aus dem Bilde zu den, Beschauer herüber.... Das Bild zeigt Böcklins Größe als Landschaftsmaler. ES ist eine„Landschaft im Charakter des Aniothals bei Florenz". Genau so»vie hier wird man fie freilich dort nicht wiederfinde». Böcklin arbeitete iiicht»vie die andre» heutige»» Maler. Er machte keine Studien in der Natur oder»ur ganz selten einmal eine Zeichnung nach irgend einer Einzelheit, er studierte fie mir mit dem Auge, aber mit seiiiem salkenscharfcu Auge erfaßte er immer das Wesentliche, und in seinem erstannlichen Gedächtnis speicherte er den geivoni»c»cii Eindnick auf, sodaß er»hu jederzeit frei venvenden konnte. Er beherrschte diese Formen alle,»nid er wußte sie in, Bilde so zu gestalte», daß sie wirklich lebendig»Verden. Wie die Bäume i» der Erde»vurzelu und ihre Gestalt, wie Erdboden»lud Waffer dem Auge erscheinen, m»d die ständig sich»vandelnde» Forme» der leichten Wolken,— alles das kannte er, ohne daß er es je mit den» Pinsel vor der Natnr selbst festzuhalten versucht hatte. Und anch in dem, was als das centrale Problem der modernen Landschaftsmalerei erscheint, in der Raumgestaltung und besonders in der HeranSarbeitung der Tiefendimension, ist Böcklin Meister. Man beachte einmal,»vie er au den Pappeln, die den in den Hintergrund führenden Weg um- säuineu, de», Blick in die Tief« zieht,»vie wundervoll die Kerne, in der noch eine Stadt sichtbar»vird, gestaltet ist und wie inachtuoll der Ran»» darüber sich»vvlbt>md die Wolken hoch oben schivevcn — die Brust weitet fich bei dem Anschanen dieser geivaltigen Höhe und Tiefe. So»vie hier de» Frühling hat Bööllin den ganzen Kreis der Jahreszeiten in»ciiiei» Ralurftimmungeu genialt. Den Son»n»crtag i» seiner jubelnden Freude, mit seinem gleißenden Licht und der titteriiden Lust vor den» tiefblau glänzenden Hiinmel und deu Herbst mit der purpimien Farbenpracht und der leisen Melancholie der ver» gehenden Schönheit hat er in vielen Bildern gefeiert. Heilere Stinimiingen wechseln mit tiefen schivcrmütigei» und»vilderregten. Nur der Winter schien ausgeschlosien. Böcklii» liebte Italien und seine klare Schönheit, die de» Blick in die größte Ferne gestattet, und er floh Deutschlaild mit semer schweren Lust, seinen trüben Tagen, seinem Winter. • Gefilde der Seligen. Zlvischcn den Pappeln hindurch geht der Blick in die sonnigen Gefilde. Um de»» Altar schivinge» sich die Seligen in» Reigen. Ui»ter den Bäumen lagen, z»v«i andre. die einen neuen Anköminling erlvarte». Ein jngendschönes Weib wird von einem Centaur aiif den» Rücken durch die dunkle Flut berangetrageii; sehnend schaut e» schon hinüber nach dein Ziel. Der Weg»st düster, schroffe Felsen, m die nur ein verirrter Sonnenstrahl trifft, engen ihn ein. Aus der Flut tauchen zwei Sirenen hervor und begrüßen die Komm ende mit ihrem silberhellen Gesang, ruhig ziehen zwei Schlväne ihre Bahn... Ein Farbenzauber, wie er sonst nicht gekannt ist, un>fäi»gt die Beschauer. Mit der bannende» Gelvalt der Töne fesseli» diese Farben das Auge, es»vird in eine andre Welt versetzt, in der es vollere, tiefere Farbeuiöne umschineicheln, als die unsre zu geben vermag. Ein gesättigtes Blau, ein tiefes Grün, ein leuchtendes Braun nud ein Purpurrot, an den» das Auge sich nicht satt scheu kann. Und ans»vie große cmfache Gegensätze ist diese reiche Skala gestinmit, »vie klar und nberftchtlich find die Farbe», geordnet, der braune Centaur gegen den blauen Wasserspiegel, der leuchtende und doch so zarte Fleischton gegen das purpurne Gewand, die hellen Sinnen gegen den dunklen Grund und der düstere Border« grund als Ganzes gegen die lichten Gefilde? In seiner Farbenwelt steht Böcklin ganz allein, abseits von dem große», Strom der Eni- Ivicklimg in der modernen Malerei, mit der er sonst mehr geineinsain hat, als man ziuiächft wohl glauben möchte. Auch sein« Formen- spräche ist einfach und eindringlich. WaS hat man nicht gespottet über die Schwäne, denen„ein Lineal in den lange» Hals gesteckt" sein sollte l Böcklin schien das künstlerische Princip, der starke AuS« druck der Ruhe in den geraden Linien»vohl wichtiger als die strenge Naturwahrheil, die ihn, doch auch nickt unbekannt»var. Die große Kunst der Verteilung der Fonneinnasscn über die Bildfläche, über die er gebot, tritt in allen seiueu Bildern hervor. » Meeresbrandung. Senkrecht stürzen die Felsen zun» Meer ab. N»tr ein schmaler Ausblick eröffnet sich zur Seite über die Ivette See, von der eben, fich hoch ausbäumeiid, eine gcivnltige Woge herein fährt. Hohl donnert die Brandung gegen den Fels, schämnend erließt sich der Gischt zlvischen die vorgelagerten FelS- blocke. In e»i,er tiefen Felsspalte steht ein Weib, das hi,»horch» auf den Ton der Brandung und in die Saiten einer großen goldenen Harfe greift, ihre»vilde Musik z»» begleiten.... Ich wüßte kein Bild zu neunei». in dein der»iilvergeßlich« Ein- druck der Meeresbrandung machtvoller gestaltet wäre. So stark »virkt das Bild, daß ihr dumpfer Ton in de»» Beschauer mitklingt. Jnuner hat Böcklin das Wesentliche heransgearbcilet. hier»ilir die brandende Woge. Ivnhrend das Meer selbst aus der Darstellung aus- geschaltet ist, aber in dieser Konzentratio» auf den eiuen Monient »virkt es machtvoller, als je ein Bild des ganzen MecrS es könnte. Böcklin hat oft das Meer gemalt, oder vielmehr immer nur eine Stimm»lng des Meeres, in der aber das Ganze gegeben»var. Er stellte das lustige Spiel der Wellen dar und die fchlvcre Stimmung des völlig ruhigen Meeres. Er bevölkerte dir Woge» mit jenen viel- erörterten Fabelwesen, deren Art erst befremdete, bis sie endlich ver- standen»ilid u» ihrer Eigenart gelvürdigt»vurden. Nicht als gelehrte NenliniScenzen aus den' Tage»'» des klassischen Altertums und ihrer alles belebenden Naturanschauung find sie entstaiiden, sonden» aus einer selbstschöpferischen Phaickasie, in der fich jede ausgeprägte Stimmung zu seltsamen Lebewesen verdichtete, durch die fie getragen und gesteigert wurde. Ebeiiso faßt Böcklin in unserni Bilde in der Gestalt des WeibeS, das die Harfe spielt, den Eindruck der Mufik der brandende» Wogen, der in der Naturdmstellung schon gegeben ist, noch einmal zusanunen. Es ist dabei merkivindig, daß die Gestalten so einfach uiid so charalteristisch erfunden sind, daß ihr Wesen sich dem unbefangenen Sinn sofort erschließt—»nieder cm Zeichen,»vie stark das Gefühl für die Natur und ihre Sliin« Mtuigrn bei Böcklin entwickelt war. • Eine Idylle Zwei Faune haben die schöne Schläferin, eine Quellnymphe in dem stillen Waldwinkel überrascht und hocken nun vor ihr, behaglich schmunzelnd der«sne, in sehn- süchtigem Schanen der aiidre.... Ein Farbenjnw«!, köstlich alle die feinen Nuancen des Grün in ihren» Kontrast zum Braun. Und»vie dem Künstler hier das lauschige Plätzchen das Motiv dieser Idylle gab, so steigert sich seine Phanrasi« vor großen Natur« eindrücke» ins Gigantische. Die Wolke. die ans die Berge drückt, giebt ihm die gra»»diose Idee des auf den» Gebirge angeschmiedeten Prometheus, der so riefig ist, daß er über ein ganzes Plateau himvegreicht. In dem gefahrdrohenden. Engpaß der Berge lagert ein Drache. Durch die slnrm- gepeitschte Hrrbstlandschaft jagen Furien den fliehenden Mörder. In dein düsteren heiligen Hain schreiten heidnisch« Priester zum Opferaltar. Die Reihe ließe fich noch lange fortsetzen; so mannigfaltig die emgeschlagencil Stimmungen sind, inuuer stehen Raturstimmung nnd Handlung in Einklang. « Pietd. Die Rächt lagert über der Ebene. Schwere blau- schwarze Wolken hängen tief vom Himmel herab. Vor» erheben fich blnmenbedeckte Marmorstnfcn, ans denen langgestreckt der Leichnam Christi ruht. Alles, der Marmor, die Blumen, der Leichnam, hat in dem Dunkel der Rächt einen fahl bläulichen Schimmer. Neber den Sohn hat sich die Mutter geworfen; ihr Geficht und ihr Körper ist völlig in ein dunkelblaues Tuch gehüllt, aber man fühlt durch das Tuch den schmerzdurchzuckten Körper»nd die Hände streicheln krampfhaft den geliebten Toten. Da öffnet fich der Himmel, ein Lichtstreif fällt aus seinem Glanz hernieder und ein Engel beugt fich segnend zu der Mutter herab, Trost in das gequälte Herz ergießend... Wieder spricht die Farbe ihre ergreifende Sprache, in dein Gegensatz ztvischen dem tiefen Blau des untere» und der Skala der roten Töne des oberen Bilds. Der Schmerz der Mutter packt den Beschaner. und er ist dargestellt, ohne daß man sie selbst sähe das einfache Motiv greift tiefer als es vielleicht die kunstvollste direkte Darstellung vermöchte. DaS ist der Böcklin,>vie er sich selbst gemalt' hat. mit den, Pinsel in der Hand aus die Weisen des fiedelnden Todes lauschend. Er hat hingehorcht auf die ganze Welt menschlichen Gnipfindimgslebe»?, er hat die Lebensfreude gemalt und den Erust des Todes, er hat die innige selbstvergeficiie Frömmigkeit des geigenden Eremiten geschildert und die herbe Melancholie oder die trotzige Kraft des in fremdes Land einbrechenden Abenteurers in großen Symbolen gestaltet.— Sonnkttgsplanvrrei. Als ich am 18. Januar nachts, nachdem ich in der Leizigerstraßc 23 mal mit knapper Rot der Gefahr entgangen war, anf dem Felde der Preußenehre zu fallen, in meinen stillen Vorort fuhr, setzte »»ich da» unergründliche Schicksal neben einen lebendigen preußischen Feldwebel. Der Dust � des Militarismus umfing meine Sinne, ich erschauerte ehrfurchtsvoll und die bloße Nähe des schön gewaudetcir Manns wirkte auf mich so verwirrend, daß ich größenwahnsinnig mich selbst für einen Heldensohn hielt, deffcn Name an. Morgen des Tags die Ordensliste der aushorchenden Welt gekündet. Doch diese Wnnderstimmnng sollte noch erheblich wachsen. Denn der Feldwebel neben nur Hub plötzlich an zu schwärmen. Eher kann man die Blume der Königin der Nacht unter die Kascrncnhofblüthcn rechnen, als einen preußischen Fcldivcbcl unter die Schwarnigeisler. Indessen mein Feldwebel— ich setze Deinen Kopf. lieber Leser, zum Pfand— schwarmgeisterte, und zwar gründlich. Dieses bevorzugte Mitglied der Garde war nämlich am Mittag des selbigen Tags bei der Hostafel gewesen, nnd der Abglanz des Festes strahlte noch anf seinen frischen Zügen..Sie können sich das gar nicht denken", versicherte der Feldwebel,„wie so etwas missieht." Ich lauschte gespannt, um Einzelheiten aus dieser erhabenen Welt zu erfahren, m der ich nicht zu verkehren pflege. Er schwelgte in stumm«» Erinnerungen, Daun— nach einer Weile fuhr er fort: „Und wissen Sie, wer ganz in meiner Nähe faß, der kleine Menzel, wiffen Sic, der Maler! Er hat ja den Schivarze» Adlcr- orden." Mit einer gewissen gömierhaft-herablassenden Schalkhaftigkeit hatte er die Anwesenheit des llcinen Menzel ertvähnt, und da er voraussetzte, daß man sich wunderte, wie ein so nuttiger Eivilist in dieser Gesellschaft geduldet würde, wies er auf den Grund seiner Anivesenheit hin: den Schwarzen Adler-Orden. Da hat er mm einmal ei» Anrecht, bei Hofe zu tafeln. „Ja. und abends war ich dann im Opernhause. Das heißt, es Wurde ein Schauspiel gegeben, aber im Opcrnhause." Jetzt hielt ich den Atem an vor lauter Spannung und Andachti Denn nun wünschte ich ctlvaS über den„Adlcrflug" z» hören. Der Mnscnmajor Lanff war ja tvieder einmal zum Dichten angetreten und hatte ein„Spiel" zur Preußenfeier verfertigt und es mit genialen, Einfall„Adlerflug" betitelt. Ich interessiere mich ge- iegcntlich für die moderne Kunst und wünschte also aus erster Quelle zu hören, was das mit dem Lauff-Adlerflng iväre. Der Feldwebel täuschte denn anch nicht meine Hoffmmge». Er verfiel wieder in Schwärmerei: „Zuerst wurde ein Stück gegeben, wissen Sie, das war specicll zu dieser Vorstellung gedichtet Wörde»». Es war herrlich, ich versicher« Ihne», ganz herrlich." Nur dies eine Wort der Kritik äußerte der Feldwebel, mehr über Inhalt und Wesen des Spiels konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Aber es genügt ja auch: Mein Vertreter der militärischen Bolksseele fand Lauff herrlich. Also mußte wohl der Major es verstände» habe»,, die Tiefen des deutschen Ge>nüts aufzuwühlen.... Der Feldwebel war am Ziel angelangt. Bevor er ausstieg, faßte er«och einmal die Eindrücke des großen Tags zusammen: „Man hat's ja auch z» Hause nicht schlecht. Aber»eben der Pracht verschivindct doch alle». Es war erhaben— eine Erinnerung für'S ganze Leben." Und mein preußischer Feldlvebel seufzte tief vor Rüqrnng, er seufzte— darauf darf Du getrost Gift»ehine», lieber Leser. Denn ich erzähle Dir keine Märchen.... Was der Feldwebel berichtete, war alles ganz aufrichtig«nd echt. Der Mann war wirklich aufS äußerste erregt und tief er» griffen. Er hatte wirklich Eindrücke fürs Leben erhalten, die Hof» tasel stellte ihm«inen A,lSdruck höchster menschlicher Größe dar und die öde BerSparade eines kommandierten GelegenheitSmachers erfüllte ihn mit Empfindungen, wie wir sie nur in den seltenen Stunden künstlerischer Weihe genießen dürfen. Die prunkende» Feste erreichen thatsächlich die Wirkung, die sie haben solle», bei Tausenden. Zehn- tausend«,» und Hunderttausenden. Wenn die paar Moralisten der herrschenden Klasse sich heut« bitter beklagen über die Zlinahme prunkender Festlichkeiten, über dies endlose Jubilieren, dieses nuabläsfige Triumphieren, so bleiben sie durchaus unklar über den tiefere» Zweck der flitternden Agftation. Es ist kein Zufall, sondern eine tragikomische Notwendigkeit, daß die Vertreter einer sinkenden Macht durch bunte Fahnen nnd grelle Lichter die rebellierenden Masse» zu betäuben suchen. Der süß« Bratengcruch wirkt auf knurrende Mögen betäubend, einschläfernd. Gewib, für das im Klassenkampf mündig geivordene Proletariat hat das Gepränge allen Reiz verloren, es hat die Höhen der Menscheiiwelt geschaut, und sein Sinn ist darum ftir die glitzernden Nichtigkeiten erstorben. Indessen draußen scharen sich noch die Massen der Gleichgültigen und Dnmpfoi, sie lassen sich noch ivillig leiten und sie begeistern fich ehrlich, wenn die Hoflieferanten«nd Kom- merzienräte, die Warenhäusler«nd Bankdircttoren wieder einmal feenhaft»verde» und das Elend der knnstfeindlichen Steinhorden, die den Weltftadt-Himmel stehlen. durch zahllose Glühlainpen in all seiner Roheit bloßstellen. Diese Massen finden»virklich ihre Freude daran, die Barbarei, die mau Illumination nennt, zu de- staunci», und sie drängen sich mit Wollust durch die»virbelnde Flut der Menschen, die in patriotischer Erregung Püffe austeilen»nd erdulden. Das Ivüste Gefecht blendender Lichter kitzelt ihre Nerven und jeder goldstrotzende Lappen beivegt sie zu andächtiger Bewunderung. In dem Einerlei ihres niedergedrückte« Werktag- daseinS ist ihnen solch ein Festtag wie eine Erfrischung und em Erlebnis,«»d sie vergessen sich selbst darüber und ihre wahre Mission. So wird«ine Feier, die jeder Innerlichkeit entbehrt»nd nichts von volkstünilicher Herzhaftigkeit besitzt, doch zu einer Massentveide, anf der sich die Darbenden tummeln und satt sehe»,. Was thut'S, wenn anf den Plätzen inmitten des elektrischen Farbengeflunlers greife Krüppel voin Morgen bis in die Rächt hinein auf dem eisigen Bode» hocken und patriotische Festlieder auf kläglichen Mnsillnaschinen leier»— man schreitet Voniber, giebt vielleicht ein paar Bettelpfennige, weicher gestimmt durch die Herrlichkeit deS Tags, und ergötzt sich an der Größe und dem Reichtum deS Vaterlands.... An der nächsten Straßenecke drückt den» Patrioten dann vielleicht ein gclvandter Mann eine Karte in die Hand, aus der gedruckt steht Treffpunkt der fashionablen Welt. iHciratslnstige junge Witlven) Restaurant„Gefilde der Seligen", ... Straße Rr.... Heute zur Feier des LOOjährigcn KrönungSjnbilänmK aufgehobene Polizeistunde. Sieben junge Damenschönheiten fauch Witwen). Helles Bier 1b Pf. Münchener, Grätzer nfw. Alle Patrioten laden freundlichst ein: Die feschen 3 Witlven. Joe. Lpolzogrus..Vnnkes T Henker": fSecessionsbühne.) Nusre Zeit ist eine Zeit der Unruhe. Die Industrie hat in ihrem Vordringen die behagliche-Ruhe auS der Welt gescheucht. Die friedlichen Nester, in denen»nan sich im» des Lichts gesellige Flamme versammelte, wem» das Stadtthor sich geschlossen hatte, sind vcr- schwundcn, und die Eisenbahnen donnen» durch das Land. Die Zeiten, Ivo man für den genau bekannten lokalen Markt pro- duzierte»nd sich einer gesicherten Existenz erfreute, siud dahin. Die Welt ist ein wirtschaftliches Ganze gelvorden, und»ieinand vermag die„Konjunktur" so sicher zu über- schauen, daß er vor Ueberraschungen sicher wäre. Man reagiert in Verlin auf Dinge, die in einem ganz andren Weltteil geschehen. Eine Maschine, die in Amerika erfunden wird, kann in der Beuth- straßc ein Dutzend Arbeiter brotlos inachen. Die Zeit ist von U»»- richen nnd Kamps erftillt. So kam es, daß der Klassicismus sterbe»» mußte. Für seine kontemplative Ruhe und seine getragenen Zihythmen ivar kein Raum in der bewegten modernen Welt. Man brauchte eine Kunst, in die die Unruhe der Zeit himiberfluten konnte, tu der sich modern leben, leiden und känrpfcn ließ und so siegte der Realismus. Nur Thoren können wähucn. daß dem siegenden RealisinnS von gewissen kurzlebigen Mode»i Gefahr drohe. Die Zeit hat den Realismus gebracht nnd er ivird erst schivinden, wenn die Zeft einer andren geivichcu ist. Die klaffenden Gegensätze der Großstadt, die tausend Wunden. an denen die Ge- sellschaft blutet, die dnntlr Unterströmung von Laster nnd Elcnd, die nnter dem modernen Leben einhergeht, dnS alles kann nur der Realismus in seiner nuerschrockeneu Sprache schildern, So hat die Unruhe der Zeit den Realismus geschaffen. Nicht immer aber und»ichr überall setzte sich diese Unruhe in Kunst um. die nervöse Abspannung, die sie mit sieb brachte, stand dem Kunst» geuutz im Wege. Die Kunst will Ruhe, Sammlung und innere Kräfte, und gerade Ruhe. Sammlung und innere Kräfte wurden von der Zeit verschlungen. In weiten Kreisen entstand ein Bedürfnis nach Amüsement, ein berechtigtes Bedürfnis, um es gleich zu sagen. Jeder hat ein gutes Recht auf Zerstreuung, Erholung und sinnliche Erfrischung. Nur schade, daß inan das Amüsement im Theater suchte. Das Theater kann nicht ansschliestlich amüsieren, ohne gleich» zeitig zu sinken. Auch die heitere dramatische Kunst hat den Hinter- grund des Ernstes und stellt geistige Ansprüche, die zu befriedigen für die meisten Menschen ganz und gar kein Amnsement ist Die Komödie mußte verflacht, korrnmpirt, verdorben werden, bevor sie ivillig dem Amüsement dienen konnte und das war eine höchste un- angenehme Folge der an sich berechtigten Sehnsucht nach Zer- streun ng. Trotzdem man aber die dramatische Kunst nicht ohne Uner» schrockenheit herabwürdigte sich erinnere an Blnmenthal). erreichte man doch nicht ganz, was man wollte. Das Theater bekam trotzdem einen ge- fährlichen Konkurrenten! DaS Barisls, für das wir endlich wieder die hübsche leichtsinnige Bezeichnung.Tingeltangel" einführen sollten. Das Tingeltangel besorgte das Amüsement weit besser und hatte zudem in den Augen aller anständigen Menschen den Vorzug, dast es nicht erst zu sinke» brauchte, um seine Zivecke zu erreiche». Die dramatische Fornr mustte korrumpiert»Verden, um den Amnieuren zu Willen zu sein. Das Couplet dient von vornherein dem Amüsement und kann dabei eine ganze Reihe künstlerischer Vorzüge besitzen— Grazie, Geist, Leichtsinn, Keckheit, und zigeunerhafte Tingeltangel- Frechheit. Leichte Musik, Tanz und pikante Kostünie— all das ist noch dazu ganz von selbst mit dem Couplet verbündet. Es mußte daher ganz von selbst der Gedanke entstehen, lieber das Tingeltangel zu heben, als das Theater herab- zuziehen. Insofern haben wir es im„bunten Theater' sUeberbrcttl) ganz und gar nicht mit einer Litterntenschriille zu thiin, sondern mit einer Erscheinung, die genau so eng mit der Zeit zusammenhängt. Ivie etwa das realistische Drama Ibsens, und die danim auch die Zeit für sich hat. Ist die Erscheinung also an und für sich keine Litteratenschrnlle. so bestand und besteht doch die Gefahr, daß sie durch Litteraten« schrullen ruiniert werden kann. Der rechte Litterat lebt in einer sehr engen Welt und begreift nicht leicht, daß andren Mensche» diese Welt ganz eminent gleichgültig ist. Er kennt symbolistische Dichter. denen entgangen zu sein andre Leute zu den freund« lichen Geschenken deS Schicksals rechnen. Er läuft so« mit Gefahr, Dinge zu parodieren, die zwar in seinem Gehirn eine Rolle spielen, im übrigen aber Leuten von Gehirn gleich- gültig find. Das„bunte Theater' verliert jede Bedeuttmg, wenn es ein Theater für Litteraten wird. Man hatte bei der Premiere den Eindruck, daß Wolzogen seine Sache versteht, und daß somit der rechte Mann am rechten Platze steht. Etwas weniger„litterarisch' hätte es aber trotzdem sein können. Eine weitere Gefahr droht dem „bunten Theater" von jener deutsche» Feierlichkeit, die man in einer unhöflichen Aufwallung auch als deutsche Lange» weile bezeichnen kann. Es besteht die Gefahr, daß der gründliche Deutsche das Tingeltangel nun gleich so energisch.hebt'. daß er eS aufhebt. Die Piuse des Tingeltangels muß eine herum- ziehende Gauklerin bleiben, die es mit ihrer künstlerischen Jungfern» schast gerade so genau nimmt, wie mit ihrer Jungfernschaft im all- gemeinen. Wolzogen hat ohne Zlveifel auch das begriffen. Nichts- destoweniger hätten wir gewünscht, daß der erste Abend unter den alten Jungfern(die jungen sind toleranter) etlvaS mehr Entsetzen geweckt hätte.... Aber freilich I Wolzogen loird vielleicht antworten:„Sie haben gut reden, mein Herr, aber ich muß meine Couplets erst der Censur vorlegen und den Charakter dieser segensreichen Institution scheinen Sie nicht zu kennen". Ich kenne ihn leider. Das Tingeltangel braucht Freiheit, Freiheit und noch einmal Freiheit. Es muß olleS angreifen dürfen, was eS zwischen Himmel und Erde giebt und dazu auch noch das, ivaS es im Himmel oder unter der Erde geben mag. Run leben wir aber in Preußen, also in einem Lande, wo man das Wort.Freiheit" nicht niederschreiben kann, ohne von melancholischen Anwandlungen heimgesucht zn werden. DieCensnr würde gewiß— selbst vom Standpunkt der Junker aus— am gescheitesten handeln, iveim fie�fünf gerade sein ließe und dem Tingeltangel gäbe, Iva? ihm nun eimnal gehört. Die Censur kann aber gar nicht gescheit handeln, weil ein gescheiter Tensor eben nichts Besseres ihnn könnte, als sich am Thürpfosten seines Arbeitszimmers aufzuhängen. Die Censur wird leben und rensurieren und damit stehen wir vor der un- angenehmsten Gefahr, die dem jungen Unternehmen droht. Der Teufel soll eine lustige Gauklerin bleiben, wenn man alle Wegstunde von einem Gendarm angeschnauzt und nach feinen Kunst- und sonstigen „Verhältnisse»' befragt wird. Selbstverständlich hatte denn auch tleich der erste Abend unter der Censur zu leiden. Die politischen äuplets waren einfach gestrichen, und wenn Wolzogen im Ervtischen die kecke Rote angeschlagen hätte, die wir hören wollten,»väre er vermutlich auch gehindert worden. Das.bunte Theater' ist ein Kind der modenien Zeit, wie das ernsthaft realistische Drama auch Lerantivottlicher Redacteur: Robert Schmidt in Be 3 und wie das ernsthaft realistische Drama muß tS leider mit Polizcichikanen rechne». Trotz alledem und alledem aber war der erste Abend verheißungsvoll. Ein Tanzlied von Bier bäum wurde mit entzückender Grazie vorgetragen und getanzt. Da ein Programm im Theater auch gegen Barzahlung nicht zu haben war, bin ich leider verhindert, die Namen der darstellenden Künstler niederzuschreiben. Eine Parodie auf d'Ammncio erfrentedas Publikum mit Recht, wenn die Satire auch nicht übermäßig scharf und witzig war. Ein humoristisches Gedicht von Wolzogen wurde vom Dichter selbst vorgelesen und zwar so einfach und gut, daß das Vorlesen an und für sich ein künstlerischer Genuß war. Daß man eine kraftvolle Ballade Lilie nerons durch Schattenbilder illustrierte, war ge- schmacklos und zwar— was schlimmer ist— eine Geschmacklosigkeit, die nicht einmal lustig wirkte. Mit der Schlußpantomime vermochte ich mich nicht zu befreunden, obwohl von der mitwirkenden Dame Gutes geleistet wurde. Alles in allem sehen wir der Entwicklung des.bunte» Theaters" mit Juteresse, aber leider nicht ohne Bangen entgegen.— Erich Schlaikjer. Humoristisches. — Zu viel verlangt..... Also jeder muß hier Mit- glied der Feuerwehr sein?" „Ja— a' Schand is'S! Neuli' Hab' i' bei mein' eig'na Haus mithelfen müssen— löschen I"— — Gestörte Illusion. Gelegenheitsdichter: „Sie haben mich hierher bestellt!" Privatier:„Jawohl. Ich mochte ein recht schönes Gedicht zum Geburtstag meiner Iran I" — Dichter:„Sehr wohl I... Dürste ich Ihre Gemahlin wohl einmal sehen?" Privatier:„Nein— nur deeS net... sonst wird'S nichts l"— — Zu devot. Sie:„Wie, jetzt kommst Du erst ans der Kneipe? Er:„Ja, aber ohne meine Schuld— unser Direktor war bis jetzt da!" Sie:.Deshalb hättest Du doch früher gehen können I' Er:„O nein: er ist ja auf meinem Hut gesessen!"— (.Flieg Bl.') Notizen. — Eine bereits seit Jahren vorbereitete Böcklin-Biographie von Henri M e» d e l s o h n wird nächstens im Verlage von Ernst Hossmann u. Co. in Berlin erscheine».— — Eine öffentliche Giordano Brnno-Feier wird der Giordano Brnnv-Bund für einheitliche Weltanschauung am 17. Februar, dem Todestage Brunos, miltagS im Beethoveujaale der Philhannouie veranstalten.— — Max Drehers neuestes Bühnenwerk.Der Sieger' wird im Deutsche»Theater seine Erstanffnhrung erleben.'— — Joseph Laufs hat ein neues Schauspiel.K a r w o ch c", da? im Ruhr-Kohlengebiet spielt, vollendet.— — Oe st reichische Schauspieler werden am 9. Februar nachmittags im Berliner Theater eine Ausführung von Anzen grubers„Der ledige Hof' veranstalten.— — Eine französische Schauspielgesellschaft wird im März in Berlin gastieren.— — Unter dem Namen„Schall und Rauch" veranstalten die Herren Knyßler, Reinhard und Zickel am 23. Januar im Künstler- hause einen heiteren Vortragsabend, der Persiflagen und Karikaturen des Berliner Kunst- und Theaterlebens bringen wird.— — Ein staatlich subventioniertes serbisches Theater soll in R i s ch errichtet werden.— — Maseagnis neue Oper„Maschere" wurde überall— die Erstaufführung ersolgte in mehreren italienischen Städten zu- gleich— vom Publikum abgelehnt.— — Der Salon Cassirer eröffnet heute eine neue Ausstellung. Sie enthält eine Sammlung von Gemälden und Radierungen und eine Bronzegruppe von Anders Zorn, Mora, eine Sammlung des jungen Münchener Künstlers Robert B r e y e r und ferner eine Kollektiv-Ansstellung sranzöfifcher Impressionisten, die etwa 30 Werke von Claude Monet, A. Sisley und Cam. Pissarro zeigt.— — Klingers Marmorfigur.Kauernde' ist von der Wiener SeeessionSausstellung weg von einem dortigen Privattnann angekauft»vorden.— — Em Taucher hat bei der Insel K h t h e r a eine über- lebensgroße Statue ans Erz, die einen HermeS oder Apollo darstellt, auf dem Meeresgrunde gefunden.— — Der IS. Kongreß für innere Medizin findet vom IS. biS IS. April ISVI in Berlin statt.— li». Druck und Verlag von'ZRax Bad««« in Berlin.