Anterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 16. Mittwoch, den 23. Januar 1901 «Nncbdmck oerboteu.) Dei? Nnfll L�ollevbvÄn. 16] Noman von R. von Seydlitz. Leider konnte das Agathl ihn beut nicht sprechen. Denn ihr neues Amt bannte sie von sechs Uhr an bis nach Mitternacht ans Ausgabefrnster, und vor lauter Reckinen, Anordnen und fragen kam sie zu keinem freien Augenblick. Morgen also l— Aber der zweite Tag verstrich wie der vorige— es war er- sichtlich, dag sie jetzt so hart eingespannt war wie noch nie! in der Knche hatte sie doch noch schwatzen und lachen können und herumsitzen und zeitweilig einmal hinaus entwischen zum Kastl in den finstern zweiten Hof, wo die Singstunden ihren Fortgang nahmen, seitdem das Wetter wieder mild war. Aber jetzt ging's ohn' Unterlaß hin und her am Fenster. Sie handhabte die Glocke fleißig, die beiden Kellnerinnen zu berufen, sie notierte eilig die ausgegebenen Speisen, überwachte Geschirr und Bestecke und rief ihre Befehle in die Küche hinein, als sei sie's nie anders gewöhnt. Frau Asam saß dabei. nickte und schlief und lobte sie abwechselnd, froh, nichts zu thun zu haben. Alles ganz schön; aber der Kastl blieb unsichtbar. Und am nächsten Tage war ein Jubiläum der Brauerei, wozu natürlich alles, was abkommen konnte, hinging; Herr und Frau Asam auch und die meisten Stammgäste; aber dafür war oben der Gesangverein und eine Studentenverbindung, und unten saßen viele Leute, die ihre Anhänglichkeit an den Hollerbräu durch eine Extramaß und viel Essen bekunden wollten. Da gab's denn noch mehr zu thun. Ehe es aber recht anging, am Nachmittag, fand sie Zeit für ihre Schreiberei, und flüchtete sich damit in den Hof. an einen der leeren Tische. Da kam der 5kastl und setzte sich zu ihr; in ihrem Amts- eifer und weil sie von den taufend auszuschreibenden Klcinig- leiten etwas zu vergessen fürchtete, war ihr der Besuch gar nicht recht: „Wart nur a Weng. I muß aufschreiben", murmelte sie, den Bleistift auf die Zunge nehmend. Sie faß, die Beine übereinander, die Ellbogen breit hin- gestemmt, das hübsche Köpfchen seitwärts geneigt und von der Arbeit gerötet, still da, ohne den Kastl eines Blicks zu würdigen. Ilnd Kastl, recht nahe bei ihr an der Ecke, sah geduldig zu. Sie rechnete und schrieb,— schrieb und zählte. Es dauerte lange. Eine Seite des Büchels war voll, jetzt schlug sie um, bügelte das Blatt mit dein Daumeimagel nieder und setzte wieder an. Iveiterzirschreiben. Da versuchte er zn unterbrechen. �Weißt, i muß naus zum Jubiläum." „So V" fragte sie flüchtig und schrieb. „Weißt, wo's is Sie schüttelte den Kopf, ohne aufzusehen. „In Harlaching,'s is weit und lang wird's dauern. Den ganzen Garlen hat der Ebelein gemiet't und's Haus derzu. Mir hat'S der Alois erzählt.— I geh naus als Schcnkkellner, was sagst da derzu?" Sie sagte gar nichts als:„Fünfzehn Salat, macht fünf- undsiebzig." „lieber hundert Gäste saus, sagt der AloiZ. Fünf Hckto- liter sind naus g'fahnr tvorn." Sie schrieb»veiter. Er wartete»viedcr, die zweite Seite wurde voll. Endlich versuchte er's anders. Er stieß mit seinem Knie an ihres. Wiederholt. Sie rührte sich nicht.— Endlich fuhr sie mit dem Kopf auf: „Du, seit»»et bös, aber i muß fertig machen". ..Mei. „Hernach rcd'n wer a Wörtl. Jetzt laß wer mei Ruh". „Hernach I— Hernach»mß i fort.— I»vollt Dir was sag'»». Glüctimmscheii»vollt i Der, daß D' Beschließerin bist."— „Geh weiter!" „Und vo' der neuen Beschließerin Hab i noch ka anzigcs Busserl kriegt." „Wart nur." sagte sie verwirrt, aber dann rief sie heftig: „Laß mi geh'n, sag i I I stör di a net bei dei'r Arbet." „Laß mi ansrcd'n, in era Minut'n bin i firti." „Also, was is denn nachat?" fragte sie endlich, den Blei- stift hinlegend, und sah ihn an. Der Blick»var etlvas kalt, — wohl im Eifer der gestörten Arbeit. Er besann sich einen Moment,»vie anfangen; sie ahnte natürlich,»vas kommen mußte. Endlich platzte er los: „Mit'n Haas sollst Dich a»veing in acht nehmen. Oder— i schlag den Saukerl tot... Decs sag i Der, daß D's weißt!!" „Jessas Marie no' mal I Kastl. bist denn ganz verruckt? Was sollt Ter denn ei?" Und sie griff»vieder zui»l Bleistift, wie um das Gespräch abzubreche»». Aber er faßte ihre Haird und sagte so»varm und ernst: „Ägathl,— weißt.—'s heißt doch, alte Liebe rostet nicht? Gelt, Du denkst an ini',»vann i auch net immer derbei bin? — Sixt. Dcint'wegen muß i jetzt d' Mälzerei draugeb'n und hierbleib'u. Na is s' do recht, daß D'»nir a an G'fallen thust?— Geh, sei lieb, sag»ner a gut's Wörtl.— Und laß'n Haas lausn...." „Kastl, i mein völlig. Du bist narrisch. Oder hast an Rausch?" „Kann scho sei', daß i an Rausch krieg, wann i Di an- schau." „Geh l Mach mi net a no dumm mit Dei' Gered." Er ließ aber nicht los. Er predigte ihr ein langes und breites von dein»vindigen Herrn und spickte die Predigt»nit Kerntvorten und Drohirngen. Er redete sich förmlich in Wut. Zuletzt war's ihr zu dumm, sie sprang auf, nahin Büchel und Stift und rief mit miLbrechenden ThräNw»: „Jetzt bist stad! i geh, i kann dees ner hörn. So an elendiges Geratsch. I denk, i bin alt gnua, daß i»vaß,»vas i thu.— Und»vaS»villst denn cigcirtli? Was is g'scheg'n? I werd' do no dcrfen mit»vcm Andern red'n als wie grab nur niit Dir?— Just red' t mit'n Haas, wann's mi freut. Grad' wcil'S Di ärgert, Du— dummer Bub. Du dilmmer I I bin no net verHeirat' mit Dir, mirk Ders I" Und damit stürzte sie schluchzend ab nach der Küche. --„Hengottsaxu no'mal," murmelte der 5tastl, als er allein faß, und schlug mit der Faust gegen die Tischkantc, daß es krachte.— Dann stand er auf und ging seiner Wege; im Sudhaus hatte er jetzt nichts zu thun. zum Glück— denn der Sud wäre übel geraten. Sondern er machte sich zurecht, um niit dem Wagen, der vor dein Thore»vartete, hinaus- zufahren. Draußen in der Luft und in der Sonne, auf der Land- straße wurde ihm»vohler. Denn es war gar schön unter- Wegs, und draußen in Harlaching erst recht. Alles war lustig verziert»nit Taimen und Fähnchen. Und das Wetter war mild»vie in» Mai. Und unten wieder, im Thale, rauschte die Isar,»md die Flösse kamen herabgeschwommen auf der milchgrünen Flut! Weit rechts lag die Stadt—»veit links, übenn Wald, blinkten die schneeigen, zackigen Berge. Ah. e? war herrlich Und dann ging die Arbeit an. Zunächst auch diese recht einförmig. Denn er hotte und sah nicht viel vom Fest. � nur einen Hektoliter nach dem andren zapfte er leer. Später, als eine Pause eintrat, kain er mit an die Thür vom Saal und sah über die volle Tafel und die Gäste. Ebelein saß in der Mitte mit Frau und Tochter; eben hatte er geredet, und es»var ein mächttges Anstoßen der Gläser hörbar gcivesen. „Der Brauerei" hatte sein Spruch gegolten. Jetzt aber stand ein fremder Herr mit Brille auf und schlug ans Glas. Seine Rede war lang, aber dem Kastl gefiel's, soiveit er verstand. Es war.»vie Kastl nachher erfuhr, ein berühmter Professor der technischen Hochschule; er sprach prachtvoll,»vie ein Buch, und er sprach so ganz, wie Kastl dachte, nur so viel klarer und großartiger, daß dieser in helles Eittzücken geriet und sich den Namen des Nedilcrs ivohl einprägte. WaS ihin eiustnmls»vie ein»virrer. aber schöner Traum ai» jenen» Morgen seiner Ankunft, a!S er an» Abhang der Therefienhöhe im Grase lag, geträumt hatte, das sprach der beredte Mann wie eine einfache Wahrheit sormvollendet auS: Die Münchener Bierherrschaft. „Einst gestand»nir ein Fremder", sagte der Redner,„daß ,l)n ncich München nur die drei czroßcn„B" hinzögen Bier. Bilder und Bauten. Der Mann hatte zwar dabei Kleinig leiten wie Wisjenschast, Theater und andres veroesfe". aber im übrigen hatte er recht. Wir. di» dem edlen Gersten- trunk nahe stehen, balt»"""» ans erste der drei„B". wir wisse»»"ier Weltruf aus dem Bier beruht, daß wir er- gölgeil, und>vir sind stolz darauf! wir dürfen die bedauern, welche über den Ruhm Münchens, eine Bierstadt zu sein. lächeln. Wir freuen uns. dasz wir keine Weinpansch- oder Schnnpsstadt bewohnen. Unser flüssiges Brot, das die Adern Münchens schivcllt. ist ein gesünderes Blut. Es ist nicht gleichgültig, wovon ein Bolk sich Jahrhunderte lang ernährt: ünsre Rasse ist gesund, unser Blut ist rein, unsrc Nerven sind noch ruhig, trotz aller Groszstädterei. Wie nitsre reine Höhenlust, wie die helle Sonne ist uns allen genieinsam und gleicherweise zugänglich und von allen mich gleich gern gesehen der allezeit bereitstehende Nektar der Erholung, der Nahrung— das Bier. Das ist eine Thatsache von höchstem kulturellen Werte. das ist ein Segen, um den Auswärtige uns mit Recht und ausrichtig beneiden können � und ferner können wir mit unan- scchtbnren Zahlen aufwarten, die jedem, der's noch nicht wisse» sollte, oder der's gern ableugnete, beweisen, was Er- zcugung und Export von Bier einer einzigen Stadt wie München einbringt. Aber selbst mit der stolzesten statistischen Aufzählung wollen ivir uns heute nicht plagen. Wir wissen, daß das Amt des Braucns ein verantwortungsvolles, ernstes und hohes ist. denn nur ein guter Trunk macht den Leib gesund, und nur im gesunden Leibe wohnt ein gesunder Geists in einem gesund und gut ernährten Bolle allein aber wohnt ein gesunder, frischer und klarer BolkScharakter 1" Hier riefen viele Bravo l „ilnd ich meine, ein klein wenig hängt es doch mit den Geheimnissen imsres Berufs zusammen, wenn bei uns ein friedfertiges Wesen herrscht und wir von den neuesten Segnungen der Civilisation auch die schlimmen nicht so leicht aufnehmen als andre Bölker. Eintracht und Besonnenheit wohnt leichter bei Bier trinkenden als bei Wein konsumierenden Nationen. Und wenn man ost hört, daß der Biergenuß roh macht, so ist dagegen zunächst zu fragen. waS für Bier diese Eigenschaft mehr zeigt.— nnsres oder ein andres.~ und dann, ob Wein oder Schnaps etwa darin bessere Folgen zeigen. Zuletzt darf auch noch etwas erwähnt werden. woraus Aicrseindc meist nicht achten Wenn uns einer zürnst. das Bier sei Gift, sei ein Feind der Menschheit, so antworten wir ihm einfach und wahr � Das Bier nicht. aber— das Saufen I" Der Redner ließ der schallenden Heiterkeit erst Raum. dann fuhr er fort: „Darum kümmern wir uns niit Recht um die Fehler der Konsumenten weniger als um die der Produzenten und überlassen es den Trinkern.. ihre Fähigkeiten nach Belieben hoher und höher zu steigern. Wir dagegen steigern nnsrc schöne und wichtige Kunst höher und höher. Schon ist die Wissenschaft mit aller Macht eingetreten. um die Gc- hcimnisse des Brauens ihrem wissenschaftlichen Wesen nach zu erkennen; und der eingefleischteste Praktiker erkennt heute schon willig an. daß Thermometer und Saccharometer die wichtigsten Handwcrkzeuge sind, lind Ivas die nur zu ost verkannte Schar der wissenschaftlichen Theoretiker er- kämpft hat. das wirkt als reiche Siegesbcute in den fleißigen Händen des schassenden Volks der Brauer und setzt sich uni in reichsten Segen von Seiten dcS ganzen kon- sumicrcndcit Publikums. Ersinnen, schaffen, verzehren; das ist der Weg. der zum Umsatz, zum Erwerb, zum National- Wohlstand führt. Denn in der Brauerei ist wahrhaftig der Reichtum deL Einzelnen der Wohlstand Aller." Wieder erscholl lebhafter Beifall. „Und wie unsrc Isar in vielen Bächen die Stadt durch- strömt, so durchdringt das Bier das ganze Leben des Volks wie ein wahrhaftes Blut- und Nervensystem. Und wie beim Blut im Menschcnleibe. so ist auch bei unsrem Gerstensafte die Temperatur die Hauptsache." Einige lachten verständnisvoll. „Und so lange Gerste reift und Hopfen blüht, und so lange unser Volk gesunde Nahrung gesund zu verdauen vcr- mag. wird dieser belebende Strom durch unser Dasein rauschen und schäumen, Stärkung. Heiterkeit und frohen Sinn zu ver- breiten, und unsre Stammesbrüder werden unser Werk mehr und mehr schätze» und lieben lernen und uns allen, unsrem liebe« München voran, wird immer reicherer Segen und Wohl- stand erblühen. Man sagt, das Bier beherrsche München. Gut, es herrsche nur weiter. Und dann wird der stets der Größte sein, der seincescits wieder über das Bier herrscht.— Darum; Hopsen und Malz— Gott erhalt's l" tFortsetzimg solgt.) MachdruS verboten.) Vov Gericht. Von A ii t o n T s ch e ch o f f. In N..., dem Hauptorte des Regierungsbezirks, erledigte eine Strafkanimer die zur Verhandlung stehenden Prozesse, und zwar in einem dem Staatsschatze gehörigen zimmetfarbigen Hanse, in ivelchenr abwechselnd die Provinzregierung, der Friedensrichter, die Bancrnkammer. der Alkoholausschiitz, die Kriegsverwaltnng und noch viele andre Jnstitutioiicn tagten. Ein Lokalbeamter meinte geist- reichelnd beim Anblick des Gebäudes:„Hier leben die Justiz, die Polizei und die Miliz. Es ist ein wahres adliges Mädchenpensionat." Doch ein russisches Sprichwort sagt, gerade bei den Ammen gäbe es einäugige Kinder, und so wirkte auch dieses Justizgebäude durch seinen traurigen Kaserncnanblick, sein Alter, seinen vollständigen Mangel jeglichen Komforts, sowohl ini Innern, wie auch im Aeußerii, auf den freien Mann, den Nichtbenmte». bennrnhigeiid und peinlich. Selbst an den prachtvollen Frnhlingstagen. wenn Bäiniie und Häuser in dem dichten Schatten verschwinden und in ruhigen Schlummer versinken. richtet es sich schwerfällig und plinnp iiber der friedlichen Landschaft ans, erdrückt sie mit seiner Masse, zerreißt die allgemeine Harmonie und will nicht einschlafen, gerade als könne sie die peinliche Erinnerung an begangene und nicht verziehene Schuld nicht verscheuchen. Das Innere erinnert an einen Stall und ist durchaus nicht anziehend. Man wundert sich, daß alle diese eleganten Staats- nnwaltc, Richter und Beisitzer, die bei sich zu Hause wegen eines Kindcrstreichs oder eines Flecks auf der Diele Sceueii machen, sich mit silmmeiidcn Ventilatoren, mit dem niedrige» Dust der giialmenden Kerzen und den schiefen, unaufhörlich Feuchtigkeit aiisschwitzenden Wänden zufrieden geben. Die Sitzimg des Gerichtshofs hatte um 10 Uhr begonnen. Die Fälle verschwaudeu einer noch dem ondern und wurden schnell be- endigt„wie ein Festmahl ohne Sänger.* Niemand lönnte sich eine klare Vorstellung von dieser bniitscheckigen Fülle von Menschen. Be- wcgiingeii. Reden, Unglück. Wahrheit und Lüge machen... Um ztvei Uhr hatte man bereits viel erledigt; man hatte zwei An- gcklagte zur Strafversetzung verurteilt, hatte einem dritten seine Ehrenrechte abgesprochen und ihn zu Gefängnis verurteilt, einen vierten hatte man freigesprochen und einen andren Fall vertagt. In diesem Augenblick rief der Präsident den Fall des Banern Nikolaus Karlamosi ans, der der Ermordung seiner Ehefrau an- gcjchuldigt war Die Znsamnicnsetznng des Gerichtshofs blieb die- selbe, doch am Vcrteidigcrtische erschien eine neue Pcrsönlichlcit, ein junger, bartloser Kandidat, der eine» Paletot mit hellen Knöpfen trug. „Man führe den Angeklagten herein I" befahl der Plnsidcnt. Doch der Angeklagte war bereits eingetreten und schritt auf seine Bank zu. Es ivar ein Bauer von 55'Jahren, groß, kräftig, vollständig kahlköpsig, mit einem teilnahmslosen Gesicht und einem langen röllichcn Bart. Ein schlanker, magerer Soldat folgte ihm. Als sie die Bank erreichten, passierte dem als Aufseher fnngierriiden Soldaten ein kleiner Unfall. Er stolperte plötzlich und ließ das Ge- wehr aus seinen Händen fallen, fing es aber wieder ans. wobei er sich jedoch heftig mit dem Kolben ans das Knie schlug. Im Publikum hörte man ein leises Lachen. Der Soldat wurde blutrot. ob aus Schmerz oder aus Scham über seine Ungeschicklichkeit, kann ich nicht sagen. Nach dem Verhör des Angeklagten, der Auslosung der Ge- schworenen. dem Ausruf der Zeugen und der Eidesleistung begann die Verlesung der Anklngc-Akte. Der Gerichtsschreibcr machte mit seiner engen Brust, seinem blassen Gesicht, seiner für ihn viel zu weiten Uniform, seinem Pflaster ans der Wange den Eindruck einer wandelnden Klinik. Er fing an, mit schwacher und dumpfer Baß- stimme zu lesen, schnell und leiernd, ohne den Ton zu heben oder zu senken, als fürchtete er sich, die Brust anzustrengen. Der un- aushörlich hinter dem Tisch der Beamten summende Ventilator begleitete seine Worte und das Geräusch, das sich im Saale verbreitete. lullte und schläferte die Zuhörer ein. Der Präsident,' ein noch ziemlich junger und kurzsichtiger Mann mit recht abgespanntem Gesicht saß unbetveglich in seinem Sessel! er hielt die Hand an die Stirn, um seine Augen vor der Sonne zu schützen. Das Murmeln deS Ventilators und des Gerichtsschreibers schläferte ihn ein. Als der Vorleser sich unterbrach, um eine neue Seite anzufangen, erzitterte er. blickte das Pnblikiim starr an und neigte sich dann zum Ohre seines Nachbars, den er seiifzeno fragte ■„Malwcj Petrowitsch, sind Sic bei Dcmjanoff abgestiegen?" „Allerdings bei Demjanoff,* versetzte sein Kollege, ebenfalls er-. zitternd. „DaS nächste Mal werde ich jedenfalls auch z» ihm gehe»; bei Tipjakoff kann man ja nicht bleiben. Die ganze Nacht herrscht da Lärm und Skandal. Es wird geklopft, gehnstet, und die Kinder weinen, es ist niierträglich." Der Staatsanwalt, ein korpulenter, vrnnetter Mann mit goldener Brtlke und hübschem, gepflegtem Bart, blieb unbeweglich wie eine Statue sitzen und las. die Wange aus die Faust gestützt, den»Kam" von Byron. Seine Augen drückten Ausmerksamkeit und Interesse aus, und seine Lider hoben sich immer mehr. Manchmal lehnte er sich in seinen Sessel zurück, blickte nachlässig vor sich hin und verttefte sich dann wieder in seine Lektüre. Der Verteidiger silhr mit der angefeuchteten Spitze eines Bleistifts über den Tisch und grübelte, den Kopf zur Seite neigend. Aus seinem Gesicht sprach nichts weiter, als die hartnäckige und resignierte Langeweile, wie man sie auf den Gesichtszügen von Schülern und Beamten bemerkt, die sich jeden Tag auf denselben Platz setzen und immer dieselben Mauern und Gesichter anstarren müssen. Die Rede, die er zu halten hatte, bekümmerte ihn wenig. Um was handelte es sich denn für ihn? Er nnissie auf Befehl des Gerichts- Hofs nach einer seit langer Zeit seststchenden Formel spreche»: dieses Plaidoyer, von dem er vorher wufetc. das; es langweilig und färb- los sein würde, vor temperamentlosen und gleichgültigen Geschwornen zu Gehör bringen, dann nach der Verhandlung durch Schmutz und Regen bis zur Station reiten und nach der Stadt zurückkehren, wo er von neuem den Befehl erhielt, nach einem andern Bezirk zu reisen und eine neue Rede zu halten. Ach. was führte er doch für ein langweiliges Leben! Der Angeklagte hustete nervös in seinen Aernrcl und erblaßte: doch bald wirkten auch auf ihn die Ruhe, die Eintönigkeit und die allgemeine Laugeiveile. Mit blöder Miene betrachtete er die er- schöpften Gesichter der Geschwonien und die Uniforme» der Beamten und blinzelte ruhig mit den Augen. Der ganze Iustizapparat und das Verfahren, das ihn in seinem Gefängnis im höchsten Grade aufgeregt hatte, trugen jetzt dazu bei. ihn zu beruhigen. Er fand gerade das, Ivas er nicht erivartete. Eine Anklage wegen Mords lastete auf ihm. und doch fand er weder drohende Gc- stchter, noch entrüstete Blick«. iveder Sühne heischende Worte, noch Mitleid mit seiner»ngewöhnlichen Lage: nicht ein einziger der Geschwornen ließ seinen Blick lange oder neugierig aus ihni ruhen. Die trüben Fenster und Wände, die Stimme des Gerichtsschreibcrs, die Haltung des Staatsanwalts, alles trug den Stempel der Kälte und Gleichgültigkeit, gerade als wäre der Mörder nur ein Rad im Triebwerk der Verwaltung, und als würde er nicht von Menschen, sondern von einer unsichtbaren, von Gott weiß ivem eingesetzten Maschine abgeurteilt. Der Muschik konnte nicht begreifen, daß man sich an diese Dramen des Lebens gewöhnt hatte und sie mit derselben Ruhe betrachtete. wie man die Toten in einem Spital be- trachtete. Er sah nicht. daß da? Gräßliche seiner Lage gerade in dieser maschincnartigen Gleichgültigkeit lag. Anstatt ruhig sitzen zu bleibe», wäre er gern ausgesprungen, um mit Thränen in den Augen um Mitleid zu flehen, hätte ein erschütterndes Geständnis abgelegt»nd sich vor Bcrzweislimg gewunden; doch alle diese Bemühungen' wären an der Geivohnheit und den abgespannten Nerven abgeprallt, wie die Welle, die sich an den Felsen bricht. AIS der Gerichtsschreibcr zu Ende gelesen hatte, fuhr der Prä- sident mit der Hand über den Tisch. blinzelte lange Zeit mit den Augen, warf einen Blick aus den Angeklagte» und fragte in schleppendem Tone: „Angeklagter, bekennen Sie sich schuldig. Ihre Frau in der Nacht des 9. Jmii ermordet zu habe»?" „Nein." erklärte der Angeklagte, indem er sich erhob. Der Gerichtshof nahm schnell das Zcugenvcrhör vor. Man per- hörte zwei alte Weiber, fünf Bauern utid den Bcanite». der die Untersuchung geleitel hatte. Alle ivaren mit Schmutz besudelt, von dem Weg und dem Warten im Zcugcnzimmer abgespannt und sagten traurig»nd düster dasselbe aus Sie erklärten. Karlamoff lebte mit seiner Alten»in gutem Einvernehmen" und schlug sie nur. wenn-r getrunken hatte. An, 9. Juni hatte man nach Sonneninitor- gang die Alte mit.zerschlagenen, Schädel gefunden, neben ihr lag in einer Blutlache eine Axt. Als man Nikolaus suchte, um ihn, daS Unglück mitzuteilen, fand.man ihn weder in der Asba.»och aus der Straße. Man durchsuchte das Dorf, ging in alle Schenken und Hütte», fand ihn aber nirgends. Er war verschwunden, doch zwei Tage darauf erschien er blaß, zerlumpt»nd am ganze» Leibe zitternd dciin Gemeindevorsteher. Daraus hatte man ihn gebunden und ins Gefängnis geworfen. „Angeklagter," sagte der Präsident, sich zu Karlamosi wendend. , können Sie dem Gerichtshofe nicht sagen, wo Sie die zwei Tage nach dem Morde zugebracht haben?" „Ich bin. ohne zu essen und zu trinken, über die Felder gelaufen." »Warum hielten Sie sich versteckt, weu» Sie unschuldig waren?' »Ich fürchtete, vor Gericht gestellt zu werden I" ..So. so l Nun, gut, setzen Sie sich>' lSchluß folgt.) Nleiuvs Feuilleton. th, Ter Wagenführer.„Abfahren I"— Der Schnsiner gab da? Zeichen mit der Glocke, langsan, setzte die Elektrische sich in Be- wegung. Ei>, schöner Wintertag. Klar und kalt wölbte sich der blaßblaue Hiiumel über den Feldern. Die Sonne war am Untergehen: ihre letzten Strahle» tauchten das eLand in goldenen Glanz. Lichtgcbadet lagen die Felder da. An den Gräsern hing Reif. Er funkelte und blitzte. Es war, als hätte man ganze Wagen voll Glimmerstaub über die Erde ausgestreut. Nur der Wald stand schwarz und dunkel wie eine unbewegliche Wand. Ab und zu öffnete sich eine Lichtung, und man sah über andre Felder weg bis dahin, wo der Horizont in graublauem Dämmerdnnst verschwamm. Rote Ziegeldächer tauchten auf. ei» niederer Kirchturn, streckte sich ans entlaubten Zweigen. Der feine durchsichtige Rauch, der darüber hinstrich, kündete das Leben des fernen Dorfs. Es war ein stilles friedliches Bild. Der Wagenführer sah daS alles nicht. Er sah auch nicht die beiden Eichkätzche». die rechts im Walde ihre Spiele trieben. Sie liefen an den Fichten auf»nd ab. Wenn das eine unten saß, ivar das große oben und lugte neugierig und verschmitzt um den Stamm. Dann jagten sie auf einmal i» tollen Sprunge» weiter. Er sah es nicht. Er hatte es schon so oft gesehen, das Bild hier. Wenigstens achtmal den Tag kam er daran vorbei, nun hatte es seinen Reiz verloren. Er war auch eigentlich zu müde zum Sehen. Er war grade zufrieden, daß hier draußen freie Fahrt Ivar, daß man nicht immer aufpassen mußte, ob Wagen kamen oder Menschen vorüber liefen. Er trug eine» dicken, pelzgefütterten Mantel, den Kragen hatte er hochgeschlagen, die Mütze tief in die Stirn gedrückt. Von dem ganzen Mann war nichts zu sehen. als die Augen und die Nasen- spitze, dennoch fror ihn. Es ging lein Wind, aber es zog hier vorn. Die kalte, schneidende Luft kam ihn, gerade entgegen, scharf und prickelnd drang sie ihm bis auf die Knochen. Er war müde. Nein, es war wahrhaftig kein Vergnügen, so von früh an hier ans dem Perron zu stehen, hin und her fahren, her und hin. immer dieselbe lange Strecke, durch Wälder und Felder. durch die Stadt mit ihre», Lärm und wieder in Wald und Feld hinaus. lind dabei noch immer auf der Lauer stehen, immer nach rechts und links schauen, gespannt wie der Jäger auf das Wild, ob auch kein Wage» kam, ob auch kein llnvorsichiiger vor die Räder lief. Er hatte Angst davor, so eine innere, grauenhafte Angst. Sie lag ihm förmlich im Leibe, er konnte sie gar nicht mehr los werden, er war erst immer froh, wenn die Straße» hinter ihm lagen; nun fuhr er ihnen wieder entgegen. Er richtete sich aus und sah aufmerksam den Weg entlang. Da vorn an der Biegung hatte der Wald ein Ende. Rechter Hand zog er sich »och ein Stückchen hin. Links tauchte» schon Häuser auf. einzelne Mietskaserne», die erste» Ausläufer der wachsenden Stadt, da- zwischen kleine Landhäuscheu. Sie lagen tief im Grunde zwischen Bäumen und Gebüsch versteckt. In einzelne» Fenstern brannte schon Licht. Man konnte direkt in die Zimmer hineinsehen. In den, eine» war die Familie gerade bei», Kaffee, der Vater saß in der Sofaecke: er war wohl eben heimgekommen, ein kleines blondhaariges Mädchen kniete vor ihm und zog ihm lachend die Stiefel aus. Der Mau» auf dem Wogen seufzte. Ja. das mußte gut thun, so einmal ausruhen könne». nichts mehr höre» von all dem wilden Lärm der Straße. Die Häuser wurden dichter, das Leben reger, noch ein paar Kirch- Höfe, dann war man richtig in der Stadt. Wagen rasselte» vorüber, der Menschenstrom wogte auf»nd ab. Hin und wieder huschte ein Kind über den Damm. Der Führer fluchte innerlich.„Unnütze Jöhrcn. iinmer waren sie dicht vor den Rädern— wie leicht lag eins drunter." Er schauerte zusammen. Da war sie wieder, die schreckliche Angst. Ah bah— gar nicht dran denke» I Warn», sollte es ihm passiere», gerode ihm. der so aufpaßte? Dummer Gedanke, daß er nicht von ihn, loS kam I Es war mittlerweile dunkel geworden, die Laternen brannten, wie zwei lange Lichtschlangcn säumten sie die Straße, ihre Flammen funkelte» und blitzten, tanzten auf und nieder. Tanzten sie wirklich? Er raffte sich auf— oh, was war das? Es schwamm ihm vor den Augen. Na ja, waS denn nicht noch? Schwach werde».etwa? Nee. mein Jungeken. jiebt's ja jar»ich. Jnmier aushalte»! Aber das war die verdammte Kälte und das lange Stehe», und niemals Ablösung— krumm und dum», wurde man dabei— krumm und dumm I Er gab sich einen Ruck und ver- fuchte stramm zu stehe», die Schiväche ließ ihn aber nicht. Und dabei der Lär», ringsu»,. der immer lauter und lauter wurde. Es brauste ihm i» de» Ohren, er sah wie durch einen Schleier und dabei dennoch erschreckend deutlich. Da links der schwere Kohlenwagen, er hielt sich dicht an den Schienen, wenn er nicht zur Seite fuhr, rempelte man zusammen. Herrgott, und da rechts kam auch ctwaS. eine andre Elektrische— sie hielt gerade auf ihn zu. in zwei Sekunden prallten sie aneinander. Aber„ein nein. was war ihm den»? Das war ja die Moabiter Bahn, die bog nach rechts ab. er ivar ja im Fieber, sah Gespenster— Gespenster. Aber da kam es wieder, ei» Wagen von rechts, einer von links, und da von vorn auch einer. � zwei, drei, imnier mehr, sie fahre» gerade auf ihn zu. vorwärts muß er, vorwärts, vorwärts, damit sie ihn nicht erdrücke». Er läßt die Glocke schrillen, daß sie fast zerspringt, in rasendem Tempo fliegt der Wage» die Straße entlang. Da— ei» gellender Aufschrei. Er weiß nicht, ivas er bedeutet, er weiß nicht, warum er den Wage» anhält, er hört mir immer diesen Schrei, diesen einen«nt- setzliche» Schrei, und dam« plötzlich ein Wort, ein Donnerwort! UeberfahskN. Er hat sie ja überfahren I Da unter den Rädern, da liegt fie ja I Eine alte Frau— o Gott, o Gott, o Gott I Die arme alte Frau I' Die Weiber lreischen auf, die Männer fluchen, von irgendwoher tönt jlinderiveinen! jammervoll, herzzerreißend. Zntm« dichter schwillt die Menge. Er sieht sie wachsen, er steht ganz starr, regungslos, er denkt nichts, er fühlt nichts, er wiederholt immer nur dasselbe:„Heber- fahren— überfahren!"— Kulturgeschichtliches. k. Die schlechte alte Zeit. Merkwürdige Züge aus dem Leben Englands vor 1d durch den Buschfluß eutivässcrt, desicu südlicher Quell- arm von einem»»geheuren Gletscher des Freshfleld-Firns, dessen nördliche Quelle bon den Lbcll- und Columbia-Gletscheni genährt wird. Gerade über diesem Zusammenfluß beider Arme erhebt sich ein großartiger, mit ewigem Schnee bedeckter Berg von 4333 Meter Höhe, der bisher unbekmutt war und»ach keinen Name» erhalten hat.— eHumoriktisckcs. — Mittel gegen Stenograph en.„Warum hält denn der Verein die Hände i» die Hohe?" „Ja. unser Fürst wird gleich'ne Ansprache halten, und die soll nicht in die Zeitnugen".— — Stoßseufzer. Englischer Soldat:„Das ist nun ein Krieg I So oft man sich gefangen giebt, lasse» einen die verdammten Boerei, wieder laufen I"— t.SiinpI.") — Ganz einfach. Es giebt Frühaufsteher und solche, die es jeden Morgen eine gcwiffc Uebcrwindmig kostet, ans den warmen Federn zu schlüpfen. Zn den lctzlren gehört ein zürcherischer Be- zirksrickler, den, es trotz alledem nocki nie passiert ist, daß er zu spät », die Sitzung kam. Als einmal darüber gesprochen wurde, nleinte die Frau BezirkSrichtcr:„Das ist ganz einfach: z'Abig tticii-i de Wecker richte und am Marge de Richter wecke."— Notizen. --- Rosegger arbeitet an einem»encn Roman:„Weltgift".— — Die„Nene Gemeinschaft" veranstaltet am 23. Januar im Beethoven-Saale eine Arnold Böcklin- Feier.— — Emil Thomas scheidet am 8. Mai d. I. aus dem Ensemble deS Thalia-Thenters ans und wird vom 11. bis 31. Mai im Hamburger Thalia-Theater gastirren.— — Das Schauspiel„D i e Kollegin" von Hern, an n K a t s ck wird an, 1. Februar im Stuttgarter Hoftheatcr die Erstaufführung erleben.— — Jenny Groß wird in, Dresdener Residenz- Theater die Rolle der Vivette in den, Mimodrama„Die Hand" spielen.— —„DeS Löwen Erwachen", eine Operette von I. Brandl. die im Apollo-Theater großen Erfolg hatte, ist vom Opernhans zur vilfführnng in Aussicht genommen worden.— — Der greise italienische Komponist Verdi ist von einem Gehirnschlag betroffen worden, der die Lähmung der rechte» Seite zur Folge hatte.— — Arnold Böcklin hat bis kurz vor seinem Tode an einem Bilde gearbeitet, das eine Darstellung der Pest giebt. Außer diesem Gemälde sind auch noch andre unvollendete Bilder in feine», Nachlaß vorhanden.— — M a s c a g n i hatte vor die Partitur seiner durchgefallenen Oper„Masken" gesetzt:„Mir selbst gewidmet als Zeichen hoher Achtung und u»wa»delbarer Zuneigung."— Verantwortlicher Redacteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.