Nnt«rhalt«ngsblatt des Vorwärts Nr. 18. Freitag, den 25 Januar 1901 (Nachdruck verboten.) Vor Molskl trocn Wiollrvbveiu. 18] Roman von R- von S e y d l i tz. Herr Ebelein wurde mittlerweile sehr alt, und sein frtiberes fleikie.es Schaffen in siedend heißer Darre und im eiskalten Gärkeller zahlte das Alter ihm mit der Brauer- krankbeit heim, mit Gicht und Rheunra. Er hatte keine Söhne, und lange konnte er's nicht mehr treiben. Aber er sträubte sich als alter, einfacher Mann der früheren Zeit sehr dagegen, aus dem Kollerbräu eine Aktiengesellschaft zu machen und sich zur Ruhe zu setzen. Seine Frau dachte anders: sollte sie ihn überleben, so hätten die anfragenden Kapitalisten dann wohl bei ihr leichter Gehör gefunden. Ter Kastl war dem Alten ein Trost; aber er brauchte jetzt auch solchen Trost. Denn in neuester Zeit ging es nicht mehr so wie ehedem. Die Achskunden fielen stetig ab und wandten sich mehr und mehr den so schnell größer gewordenen Brauereien zu, die in diesen Iahren sich den Weltmarkt eroberten. Es wurde unterin Hollerbräudache viel hin und her beraten, es wurden auch ein paar neue Maschinen gekauft, aber zmn Bau einer „niechanischen Bierfabrik" im riesigen Stil fehlte dem Ebelein doch noch inanche Million. Ohm Ringelmann wußte davon mehr als andre, er war der einzige, der helfen konnte; aber er that, als wüßte er nichts— damit er nicht helfen mußte. Denn Ringelmann war, wie er selbst es nannte, ein Manu ganz und gar für sich. Er war schlecht und recht, was man einen Egoisten nennt. Oder noch richtiger, sein Lebensschicksal hatte ihn gezwungen, bisher nur die selbstsüchtige Seite seines Charakters in Aktion zu bringen. Ohne Zweifel hatte er bessere Seiten an und in sich, aber zur Bcthätiguug dieser fehlte ihm bisher die Gelegenheit. In seiner Art war er wie sein Neffe ein strebsamer Mann. In der Jugend, daheim in Allersdorf, hatte er sich bald unter die Flügel eines Hopfenhändlers gesteckt und war durch dessen Protektion vorwärts gekomnien. Anfänglich wollte er selbst einmal ein reicher Hopseuhändler werden; etwas Höheres kennt man ja im Hopfenlande nicht. Aber in der Schreib- stube des Händlers war ihm nach und nach sein Ideal ver- schoben worden, und wie er später nach München kain, da lockte ihn die Brauerei. Da war, so schien's ihm, mehr zu holen. Und so ward er Buchhalter in einer Brauerei und war gut angeschrieben Ivegen seiner scharfen Kenntnis der Hopfenbranche. Der Hollerbräu war ihm Dank schuldig dafür und er stand dort seit Jahren in gutem Ansehen. Jnzlvischen chatte er eine Liebesheirat gemacht— das heißt seine Köchin gefreit, um den Lohn zu sparen— und nun saß er seit Jahren, mit erträglichem Ge- halte langsam vorruckend an den Pulten im Comptoir des Hollerbräu. Aber das war nicht, was er wollte. All diese Jahre hin- durch hatte er rastlos an seinen hohen Plänen geschmiedet. Theoretisch war er vielleicht einer der besten Äeiuier des Brau- Wesens. Aber er renommierte mit der Kenntnis nicht. Kaum einer durste etwas davon ahnen. Daftir suchte Ringelmann sich nach und nach Fäden anzuspinnen, die ihn dereinst zum Mittelpunkt einer mächtigen Verbindung machen sollten. Er beobachtete genau alle Braubeflissenen, die ihm unter öle Augen kamen, und in den letzten Jahren hatte er eine be- sondere Freundschaft mit dem Gärführer geschlossen,— eine Freundschaft, die ini Hollerbräu selbst gar nicht zu Tage trat; er hatte dann den Lutz, den windigen Burschen, anzu- stellen gewußt,— aber all das war wenig zu seinem Ziel. Da war"enn plötzlich der Kastl aufgetaucht, und der schien ihm der Morgenstern zu sein, der ihm endlich den heran- brechenden Tag verkündete. Und den Kastl hatte er dann ganz unter seine Fittiche genommen, und eine dankbare ver- trauende Seele aus ihm gemacht. Außeroalb. der Brauerei knüpfte er nicht minder jede irgend aussichtsreiche Verbindung fest, die sich ihm bot. Besonders hatte er's dort darauf abgesehen, mit der Finanzwelt sich freundschaftlich zu stellen. In München ist aller Ueber- gang aus einer„Welt" in die andre leicht genug, die vielen Kneipvereine, Kegel- und Tarockgescllschasten führen wie von selbst dazu; und auch hier ist's das Bier, das den demo- kratischen Brei, das bequeme Bindemittel bietet, um die heterogensten Gesellschaftsschichten, ohne daß es auffällt, ein- ander nahe zu bringen und sie zu vermischen. Nach vielem Umhersuchen hatte er auch endlich uu sehr exklusiven Kegelklub„Hallodria" dem unter anderm auch ein Minister an- gehörte, Ausnahme gefunden und dort die getroffen, deren er bedurfte. Besonders war's da der Bankier Mindelheimer, an detr er sich heranzuschleichen wußte. Da Mindelheimer Bilder und Skizzen sammelte, so entwickelte Ringelmann in den letzten Jahren ein uniibtmtrossenss Talent, solche von Künstlern um ein Butterbrot herauszulocken. Und Mindel- heimer war dafür dankbar. Er gab dem dienstfertigen Buch- Halter gern guten Rat, ließ ihn hie und da einmal etwas an einer kleinen Spekulation verdienen, und war dafür, ohne daß er's besonders merkte, zum größten Teil in die Geschäfts- geheimnisse des Hollerbräu eingelveiht. Bald war es ihm klar, daß Ringelmann recht hatte, wenn er den Hollerbräu als einen unrettbar abnehmenden Mond hinstellte, und daß Ringelmann wohl ein bejsers Schicksal verdiente, als lebens- lang an dies sinkende Schiff gekettet zu sein. Mindelheinier überlegte: der alte Ebelcin wollte be- kannternmßen nicht gründen. Andrerseits wäre ja viel Geld zu verdienen gewesen, wenn der Hollcrbräu mit einigen Millionen auf die Höhe der Zeit gebracht werden konnte. Aber da das nun nicht ging, wäre nicht— noch Platz in München für eine neue Brauerei?— Und mit Ringelmann an der Spitze? Aber bei einem gemütlichen Essen, zu dem er Ringelmann geladen, wehrte sich dieser gelvaltig gegen solche Idee». Denn erstens, sagte er, sei er nur Theoretiker einerseits und Kauf- mann andrerseits. An der Spitze einer lebensfähigen Brauerei soll aber eiu praktisch erfahrener Brauer stehen, — und wäre es ein gewesener Bräubursch. Und dann,— warum so eilen? Ein neues Unternehmen muß sich erst zur Anerkennung durchringen; der Hollerbräu aber wäre an« Ende doch noch zu haben; ja billig zu habe», wenn er fortführe, inuner schlechtere Geschäfte zu machen. „Und zuletzt,— das begreifen Sie doch, verehrter Herr, ich bin Beamter dieses Hauses. Ich kann doch nicht ohne weiteres da austreten und--, nein, das wäre doch zu undankbar.— Lassen wir den Ereignissen ihren Lauf. Herr Ebelein ist alt; und ich bin überzeugt, der Hollerbrän ver- liert jedes Sudjahr nrehr und mehr Kundschaft." „Ja, wenn das der Fall wäre." „Es ist der Fall, Herr Mindelheimer. Dies unter uns gesagt, natürlich!" „Versteht sich!" «Wenn die Konkurrenten wüßten, wie leicht es wäre, den Rückgang des Geschäfts noch zu beschleunigen!" —„Wenn das möglich wäre!"»uirmelte Mindelheimer, wie traumverloren seinen Champagner schlürfend. Und Ringelmann nahm auch sein Glas und flüsterte hinein: „Es ist möglich..." — Mindelheimer rückte sich zurecht, bot Cigarren an und sagte laut: „Auf alle Fälle, lieber Ringelmann,— Sie wissen, ich bin da,— das Kapital ist da,— und das Vertrauen zu Ihnen auch. Und lvenn's einmal dazu kommt,— den tüchtige» »lauer, den wir brauchen—" „— Hab' ich, Herr Mindelheimer. Hab' ich schon lange. — Und wie ist's mit dem Grützner für vierhundert Mark?" fragte er, schnell aufs Bildergeschäst überspringend.. �„Ist ja spottbillig." „Aber kaum eine flüchtige Skizze zu nennen."— Und sie sprachen von andren Dingen weiter. — Seitdem hatte Ringelmann mit den zwei Leuten aus dem Hollerbrän, de.'i Gärführer und dem Lutz, noch intimere Freundschaft geschlosstn. Dem letzteren bezahlte er die Schulden und dem ersuren wußte er allerlei merkwürdige chemische Entdeckungen mitzweilen, durch die der Gärprozcß ver- bessert werden sollte. Nur merkwürdig, das Publikum dachte anders. Die mit heimlichen Versuchen verbesserten Sude wurden in der Stadt unehrerbietig genug Plempel genannt und gemieden. „Abi geht's mit'm Hollerbrau. alleweil abi," hieß das Verdikt der Stadt.„Schad is schon, so an alt's gut's Haus.— Mci! 's nimmt halt all's amal a End in dera neu'n Zeit.— Aber schad is." Ringelmann widersprach nie, wenn solche Urteile ihm zu Ohren kamen. Er bedauerte achselzuckend das Mißgeschick wie etwas Unabwendbares, und schwieg, als großer Charakter, der unschuldig mit leidet. Denn an ihm, am Comptoir konnte der Fehler ja nicht liegen; und er selbst wußte noch einen Ort, an dem kein Fehler vorkam: die Mälzerei. Da draußen walteten zwei gute Geister, der Obernuilzer und der Kastl, und um die konnte jeder Konkrirreut den Ebelein be- neiden.--- Ein Mälzer darf eigentlich nie schlafen; er muß sich die Ruhe aus den vierundzwanzig Stunden so nach Gelegenheit zusammenklauben. Noch weniger darf er zeitvergessen in der Kneipe hocken, schöne Bücher leseir oder an des Liebchens Kammerfenster einige niou�begläirzte Stunden versenszen. Am allerwenigsten aber darf er der Meinung sein, daß es Feiertage giebt. Denn er macht keine eigne Arbeit, sondern er überwacht die Arbeit der Natur, und die weiß vom Ausruhen und von christlichen Festtagen nichts. Eine stille, Wunder- liche, ewig gleiche, mit peinlichster Pünktlichkeit und Auf- merksamkeit zu thuende Arbeit ist es. Wenn die gereinigte Gerste aus dem Trieur in den Weich- stock gelassen ist und sich dort in verschiedenen Aufgüssen am Lebenselement, dem Wasser, hat satt trinken können, wird sie unter die Erde in jene weiten dunklen Hallen gebracht und schön glatt aufgeschüttet, um zu kurzer rascher Lebenshoffnung verführt zu werden. Denn hier täuscht der eigennützige Mensch die ewig werdebereite Natur, und ein sehr empfind- sames Gemüt könnte veranlaßt sein, Thränen zu weinen über die Milliarden keimender Pflanzenseelen, die da, noch mitten im Werdedrang, abgetötet»verde», damit einige Tausend Menschen Gelegenheit haben, sich brutal zu betrinken. Dunkel, feucht und still ist's unter den flachen Gewölben, die Treppe, die hinabfiihrt, schlviimnt von Wasser,— denn das Waschen und Abspülen nimmt kein Ende,— und trotz der Dunkelheit, der vielen Arbeit und der Größe der Räume liegt kein Körnchen abseits vom Haufen, wo der Fuß es zer- treten könnte. Denn aus den faulenden Brocken würden Pilzkeime emporsteigen und die kostbare Malzsaat vergiften. Ein betäubender Geruch, der an frische Gurken erinnert, umfängt uns. Durch die feuchte Luft schnnmert am Ende, hinten im Raum, ein Licht, das nur so lange brennt, als der Malzbursch es zur Arbeit braucht. (Fortsetzung folgt.) AUtS.vev mttfiltaliptlhen Moche. Es wäre interessant, die Bezeichnungen zusammenzustellen, mit denen man verschiedenartige Musik fein kennzeichnen»vill.- Mast spricht von.Salonmusik" und meint damit eine so geringwertige Musik, daß sie nur für einen völligen Verzicht auf künstlerische Au- spräche patzt, ettva mit dem besonderen Gedanken an das Primitivste in Melodie- und Harmonieführung: man spricht von.Liedertafel- musik" in analoge»» Sinn, etwa mit dem besonderen Gedanken ai» stereotypen Rhythmus, an stereotype Wendungen, an uuselbstäildige Stimnunführung; man spricht von„Kapellmeisternmstl", Ivo der erfahrene Fachniaiin der Komposition und der Orchesterbchandlung zwar das Gegenteil von primitiver Melodie- und Harmonieführung leistet und insbesondere in einer gewandten Stimmführung und etwa Instrumentierung ein großes Können, jedoch über diese handtverks- mätzige Routine' hinaus kein höheres künstlerisches Schaffen dar- bietet. Man spricht weiterhiii von„guter Mnsik" in zwei wesentlich verschiedenen Fällen: einerseits dann,»venn gesagt werden soll, satz eine Musik nicht etwa, wie jemand vermuten könnte, ehw»linder- wertige Notdurft, sondern eine ganz echt tonkünstlerisch� Leistung ist— in diesen» Sinn haben Gluck und Wagner„gute Musik" gcichrieben; andrerseits dann, wenn eine Kompofition. mir eben korrekt und „nicht übel" ist— solche Musik haben insbesondre viele Theorie- lehrer, Direktoren und Dirigenten gemacht, und v«n ihr ist jene „Kapcllineistermnsik" ein„ausgezeichneter Fall". August Kinghardts smifte Sinfrnne, C-rnoll hat schon d a s günstige Symptom an sich, dafe sie ,n solchen Bezeichnnngen iiicht rastlos aiifgeht. Sie � entschieden mehr als „gute" Musik im spöttischen Sinne des olotz Korrekten und nrcht lieble»; sie ist„gute Musik" in, Si,� des künstlertsch Wertvollen, doch lange nicht so, datz sich ihrettvegen die Muse der Musik be- sonders erregen brauchte. Sie leistet Bemerkenswertes in der freien und mannigfaltigen Führung, der Stimmen und noch»nehr in dem Umstand, datz sie mit einer sehr bescheideuen Orchestrierung(zwischen „kleinen," und„großem" Orchester die Mitte haltend) viel erreicht; ihre Klangwirkungen sind gerade wegen des geringen Aufwands von Mitteln verdienstlich. Dazu kommt noch manche innige Lyrik in den Motiven. In» übrigen aber stehen wir' hier doch wieder der„Kapellmeistermusik" nahe, zumal bei den» Vielen, das sich als„rein formal" bezeichnen laßt, und noch»nehr der „Liedertafelniusik", obschoi» es hier nur Instrumentales gilt: denn die gleichbleibende, sich einförmig aufdrängende Rhythmik und Metrik, die zu den ganz besonderen Antipathien der „Neudeutschen" gegen das meiste an ihren Vorgängern gehört, ist nicht nur auf Unterbretteln und Ueberbretteln, sondern auch hier wieder so vorherrschend, datz man sich Ivnndern darf, wie denn kein besserer»nid vorwärtsgreifender Geschmack daran Anstotz nimmt. Klughardts Oratorinm„Die Zerstörung JernsalcnrS", das»ins im vorvorigen November dargeboten war,' hatte»ms bereits alle diese Eigenheiten gezeigt, vielleicht»nit noch etlvas»nehr lyrischer Grütze und auch noch mehr Liedertafelei, als diesmal zu finden waren. Die Berliner Erstaufführung(der zu Dessau nachfolgend) geschah in» 7. P h i l h a r n» o i» i s ch e i» Konzert, dessen Probe wir hörten. Wenn wir diesmal und in vielen solchen Fällen die rühmenswerte Bewährung dcS Philharmonischen Orchesters nicht erst noch erwähnen, so geschieht dies lediglich der Abkürzung halber, Merkwürdig aber war, datz der, selber dirigierende. Kom- ponist sich nicht bemühte, trockene Stellen seines Werks in der Aufführung flüssiger zu machen; so zogen von dem ohnehin wenig originellen„Scherzo" die dnö Thema bringenden Takte ohne irgend eine gestaltende Bcwegmig dahin.— Im selben Konzert spielte die»veitberühnite Geigerin W i l n> a Norman- N e r Ii d a(Lady Halle) das Becthovensche Violinkonzert. Sie spielt„gut" im besten Sinne des Worts, echt künstlerisch; die Art, wie sie den Ton in der gediegensten Weise gleichsam heraus- und fortspinnt, bildet ein Seitenstück zu der Gesangskimst einer Lily Leh- mann. Vor eine», Vergleichen mehrerer und' mehrfacher Leist, mge» wird»nan freilich nicht gut auch über den Ausdruck in ihrer Dar- stelliing das letzte Wort sprechen. Für dieKalegorie der zwischen„gut" und„gut" stehenden, sozusagen „anständigen" Musik haben wir ein weiteres Beispiel in den niannig- fachen und recht mannigfach zu bewertenden Kompositionen dcS nliisikalischen Lokalhciligcn von Berlin, W i l h e l m B e r g e r s. ES kommt einem schwer an, datz nian durch eine solche Charakterisierung den Verdacht eriveckt, als schtiebe man diesem bescheidenen Mann und vielseitigen, viel hübsche Eindrücke schenkenden Koniponisten ein -Unrecht zu. Allein die drei Gesänge, die neulich in einen» Konzert ans drei reichhaltigere von ihm folgten(„Nachtroman",„Der Wald- see",„Lied des Korsaren"), sind doch so, datz man in ihnen Beilagen zu irgend einem musikalischen Familienblatt vermntcn möchte.'— Von diesem Konzert ging die Hanptabsicht dahin, eine neue Klavier- firma zum erstenmal in Berlin einznsühren: Ed. Seiler in Licgnitz. Man täusche sich nicht über die Schwierigkeit, ein neues Pianoforte auf einmal Hören hin und ohne Vergleiche zu beur- teilen; hat man dann den Flügel niehrmnls mit eignem und mit fremden Spiel sowie mit mehrfachen Vergleichnngen andrer Firmen erprobt, so konimt»nan vielleicht zu ganz andrem Urteil. Doch geht nian wohl nicht iveit fehl, wenn man hier den gesang- lichen Ton in der unleren Mittellage(etwa Barhton- und Tenor- Inge) anerkennt und die Frage suspendiert, ob die Höhe den klappernden und die Tiefe den brninmenden Ton, die auf dem heutigen Klavier kann» zu überwinden scheinen, verbessert hat. Herr Waldemar L ü t s ch g bespielte den Flügel mit seiner gewandte», klaren Technik; eine tiefere Wirkung ivar allerdings nicht fest- zustellen. Um zwei die Erwartung spannende Konzerte haben mich äutzere Zufälle gebracht. Die Seltenheit einer Vertretung der Zither' auf dem Gebiet kiinstlerisch höherstehender Musik und ineine lieber- zeugung, daß dieses Instrument, besonders im Ensemble, über die gebräuchliche Alpenklimperei hinaus zumal� durch Stimnuings- bilder wirken kann, weckten mir ein Interesse an dem Konzert vom letzten Dienstag, das ein„ F i d i c i n i a'- Orchester" vorführen sollte.(Lckes, lateinisch, für Saiteninstrument, fMieer» für Zitherspicker), bestehend aus Streichquintett, Flöte und ö Zithern— also anscheinend ohne Streichzither und Schotzgeige oder Strxichmclodion. Das vielseitige Programm»vird lvohl diese tÜcht nb?» gedachte Zusammenstellung gut bewährt haben; eine Gesundheitsstörung hinderte mich an dem Bestich des Konzerts. Aus denichlcichzeitigen Sinfonie-Abend der Philharmoniker, den» AndLiikei» L o r tz i n g s gewidmet, wird mir berichtet, datz die Sängerin Marie R ö d i g e r vom Stadt-Theater in Magdeburg einen jugendfrischen, lieblichen, sehr hohen Sopran mit guter Schule �— besonders- in der hohen Lage-- besitzt; die Kopstöne seien namentlich im piano schön. Dagegew�sollte sas Hervor- stotzen der stärker betonten Worte unterbleiben.'.Si/. bekam sehr viel Beifall und gab eine. Arie ans„Figaros Hochzeit' zu. Auch der bereits bestens bekannte und anerkannte Sänger' A»exander Heineman ii erntete kräftigen Beifall. sz. Kleines Feuillekon« TaS Gliick. Das Glück stand unthätig und rastend auf einem Hügel, zu dem hinan zwei Pfade in entgegengesetzter Richtung aus dem Thal sich wanden. Und das Glück, launisch und znfallsfroh, wie es ist, wartete auf den, dem eS sich in der Eingebung des Augen- blicks bescheren wollte. Da plötzlich tauchten zu beiden Seiten dcS Hügels, fern im Ost und im West, wo die Pfade sich im Horizont verloren, zwei Pünkt- lein auf, kaum erst fichtbar, dann größer und deutlicher, zuletzt als Menschen erkennbar, die dem Hügel zustrebten. Und das Glück entschied in feiner Selbstherrlichkeit, indem es sich in unsichtbare Schleier hüllte: „Der zuerst diesen Hügel erreicht, soll mich besitzen!" Von Westen her kain ein starker, gefestcter Mann geschritten, mit klugen Augen und Iveltcrfahrencn Lippen, vielleicht ein Staats- mann öder ein Kanfniann, oder gar beides. Von Osten her nahte leichten und bebenden Ganges mit blühen- den Wangen und begeisterter Stirn ein cdelgebildeter Jüngling, die Leier in der Hand. Das war ein Dichter. Und wie sie so schritten, der kluge Mann langsam und vorsichtig, der Jüngling in fröhlicher Hast, jubelte das Glück dein holden Sänger zu und wünschte sein eigen zu werden. Und das konnte nicht ausbleiben, denn der Abstand zwischen dem Jüngling und dem Hügel war nur mehr gering, während der andre in seinem ruhigen Schreiten noch ferne war. Da flog vor dem Antlitz des Dichters aus einer Stande am Wegrand hervor ein leuchtender, bundfarbiger S ch m e t t e rlin g in der ganze», leuchtenden Pracht des Sommers. Und als ihn der Jüngling erschaute, blieb er stehen, griff in die Saiten seines Jnstrnments und sang in jauchzenden Tönen ein Lied von der Schönheit des Falters und den Freuden der Jahreszeit, während sein Auge voll Sehnsucht dem Entflattcrnden in die Räume des Himmels nachblickte. Während er so stand, hatte der ruhig schreitende Mann den Hügel erreicht und faßte die in bebender Abwehr ausgestreckten Hände der herrlichen Frau. Das Glück aber, dessen angstvolle Blicke dem Gebahren des Jünglings verzweifelnd gefolgt waren, zerdrückte eine Thräne im strahlenden Götterauge und neigte sich stumm dem andern.— Eugen L i r s ch t.(„Bohemia".) Theater. — K ü n st I e r h a u s: Schall und Rauch. Also eine neue Gesellschaft von Künstlern und Künstlerfreunden. Die Herren K a y ß l e r und Reinhardt vom„Deutschen Theater" haben sie mit Herrn Martin Zickel zusannnen ins Leben gerufen. Ich hasse die meisten derartigen Gesellschaften, aber die neue liebe ich. 'Es war sehr nett. Anfangs fürchtete ich, daß das norddeutsche Gespenst der Steifheit die Sache stören würde. Aber es ging gut. Laune, Frohsinn und lebhaste Unterhaltung stellten sich ein. Es ivar sehr nett. Was will die Gesellschaft? Keine Fachsimpelei— glücklicher- weife. Amüsieren will sie, indem sie Dichter, Musiker, Schau- spielcr usw. parodiert. Es ist eine geschlossene Gesellschaft und das ist gut. Damit ist ein ungebetener und unangenehmer Gast beseitigt: die Ceiisur. Die Ccnsur haßt verwegene Sckerze und verwegene Pointen. Verwegene Lustigkeit aber brauchen wir. Wen» die neue Gesellschaft brav wird, tret' ich aus. Bravheit haben wir 'genug. Aber geschloffen I Gehen geschlossene Gesellschaften die Oeffeiit- lichkeit an? Doch 1 In solchen Vereinen uud nur in solchen �Vereinen kann der Stil für ein neues Variöte geschaffen . werden. Es bildet sich allmählich eine Tradition,' Kräfte werden geweckt und vorhandene geschult. Vielleicht wachen wir eines :Tages auf und haben wahrhaftig das neue Tingel-Tangel. Jeden- falls: arbeite» wir und kämpfen wir gegen die Ccnsur I Mehr kann man von uns nicht verlangen. DaS Progranim war fanioS. Neben einigen Musiknummern eine Parodie auf Maeterlincks„I/Interieur", ein bißche» Bosheit fürs Premierenpublikum nnd dann eine glänzende Schmieren- anfführuiig von Do» Carlos. Ich habe Thränen gelacht. Nachts um halb ztvei— mitten im Programm— mußte ich fort, weil die letzte Wannseebahn rief. Meinen' Gesamteindruck fasse ich so: das nächste Mal lasse ich die Bahn fahren nnd kneipe durch. Meine Recensio» erscheint dann ztvei Tage später. Aktualität ist Schall uud Rauch.— E. S. Musik. Fri e d ri ch- W i lh e I m st ä d t i sch e s Theater. In den 70 er und 80 er Jahren des 19. Jahrhunderts nahm an der Blüte der Wiener Operette als einer der Lieblinge des Publikums auch Karl Mi Höcker teil, nicht der Größte der Operettenkomponistcn �und' nicht uuschnlbig an dem Widernatürlichen auf diesem musik- dramatischen Gebiet, doch immerhin ein Schöpfer von vielem Froh- sinnigen und Achtbaren, nach welchem wir uns ans der englischen und aus der französisch-berliuischen CirkusopSrcttc mit Recht zurück- sehnen, lieber sein langgespicltes Volksstück„Drei Paar Schuhe", über seine rasch vorübergehende„Musik des Teufels" uud über manches andre hinaus hatte er uns vor beinahe zwanzig Jahren sein erfolgreichstes Werk, den„Bettelstudentcn", gegeben, der durch die echt opereltische Figur des�Obcrsten Ollendorf, durch d.cn Sang„Ach ich Hab' sie ja nur auf die Schulter geküßt� und durch das Konplet„Schwamm drüber!" sozusagen ein„Gemein- gut der Gebildeten" geworden ist. Nun ruht auch Millöcker, der noch lange nicht seinen Ruhm überlebt hatte, bei den Toten. Als seiii letztes Werk war im Jahre 1896„Das„Nordlicht" herausgekommen; jetzt haben wir diese Operette unter andreni Titel— das neue Textbuch ist vom Jahre 1901— im F r i e d r i ch W i l h e l m- städtischen Theater vorgesetzt bekommen. Vorgestern(Mitt- woch) gab es also die erfolgreiche Premiere voni„Damen- s ch n e t d e r". Der Text stnnimt von Hugo W i t t m a n n. dem bekannten Fenilletonisten nnd Librcttiften, und von Louis Herr- m a n». Text und Musik verraten bald das Vorbild des„Bettel- studentcn". Wie dort, so steht auch hier ein zunächst un- erkannter Adliger im Mittelpunkt der Handlung— es ist ein wegen einer VolkSbefrciungsschrift flüchtiger Graf, der mit dem Bräutigam der Nichte des Stadthauptninnns von Wilna, einem Damenschneider, verwechselt wird. Wie dort Ollendorf, so ist hier dieser Stadthanptmann, Jussupow(ein Mann vom«hohlen Hand- werk"), der komische Brummbär. Und den Sangesweisen in jener wie auch in fremden Operetten(z. B. dem„Rur für Natur") sind auch hier manche Einzelheiten nachgebildet. Trotzdem aber zeigt dieses Nachlaßwerk ein Ringen nach' dem Vorzug einer wirklichen Dramatik nnd nach einem Weiterbilden des lieblichen. Ueber die Zerreißung in Gesang und gesprochenen Dialog, sowie über das Dominieren einzelner Rummeni kommen wir zwar auch hier nicht hinaus. Allein es sind zum Teil wiederrny Anläufe gemacht, solche Nttinmerii aus dem Fortgang des Ganzen herauswachsen zu lassen; und zur Milderung des an sich immer schroffen Uebergangs zwischen Sprechen und Singen ist ein Mittel verwendet, das zwar nicht unbekannt, doch meines Erinnerns noch in keiner Operette so nachdrücklich verwendet worden ist wie hier: die Einschiebung je eines„melodramatischen" Stückchens zwischen Sang und Sprache. Im übrige» ist die mnsikalische Situation die alte: zahlreiche und mannigfache hübsche Melodie» und Sätze(beispielsweise das Duett des zuni Liebcsspicl gezwungenen PaarS) und daneben Trivialitäten uud Accent- Verdrehungen, daß sich die Couliffen krümmen könnten— zumal dort, wo die Handlung willkürlich unterbrochen und durch irgend etwas gehemmt wird. Der ganze dritte Akt ist ei» einziges Un«: heil... Unter den Darstellenden seien mit Ehren genannt die beiden Bräutigams, Carl Streit mann und Friedrich Becker; dann der Jussupow Joseph Josephi, die Fürstin Jenny Door(der noch festere Gesangstöne zu wünschen wären) und die Marina H a n s i R ei chsberg, die reizende Riesin, bei deren so gut künstlerischen Leistungen wir nur noch eine bessere Durchbildung der hohen Töne wünschen möchten.— sz. Medizinisches. ss. Das iv ändernde Herz. Daß gelegentlich Menschen mit dem Herzen ans der rechten Seite geboren iverdeu, ist allgemein be- tamit. Dagegen dürfte nur der Arzt, imd auch dieser nur in seltenen Fällen, gehört oder selbst beobachtet haben, daß das Herz bei einem Menschen wandern oder, richtiger gesagt, von der linken auf die, rechte Körperhälfte sich hiuübcrlagern kann, nnd zwar soweit, daß der Herzschlag in der Gegend über der rechten Brustwarze und sogar� in der rechten Achselhöhle zu spüren ist. Die Ursachen zu einer solchen Verlagerung des Herzens können verschiedene sein: Zu- saninienzichung der rechten Lunge infolge von Schwindsucht, Flüssigkeitsergüsse in die Brusthöhle, Lungenvergrößerung, auch eine Magenerwciterung oder eine Vergrößerung der Leber �kaim die Lage des HcrzenS beeinflussen.' Die meisten Fälle sind zurückzuführen auf einen Flüssigkeitserguß in die linke Brusthöhle, eine Zusammenschrumpfimg der rechten Lunge oder der rechten Brusthöhle, endlich Geschwulste auf der linken Brustseite oder i», Zwerchfell. Dr. Thomas aus Chicago hat in der letzte» Sitzung der dortigen Gesellschaft für innere Medizin einen Mann mittleren Alters vorgestellt, bei dem das Herz ebenfalls auf der rechte» Körper- Hälfte gelegen war. Der Herzschlag war in der rechten Bnistwarze fühlbar, der obere Rand lag über der fünsten Rippe, der rechte Rand in der Achfellinie, der linke an dem rechten Rande des Brustbeins und der untere in Berühnmg mit der Leber. Im übrigen zeigte die Untersuchung allgemeine Blutarmut, eine gewisse Schwäche und Atemnot, dunkle Gesichtsfarbe sowie eine ziemliche Abmagerung. Der Manu war seit sieben Jahren. Gummi-Arbeiter und hatte bei dieser Arbeit erhebliche Mengen von zersetztem Seifen- stein und von Schwefelkohlenstoff einzuatmen. Irgend eine erhebliche Anlage zur Schlvindsucht konnte nicht»ach? gewiesen werden, ebensowenig hatte der Mann eine Lungen- oder Brustfell- Entzündung durchgemacht. Seit den sieben Jahren seiner Arbeit litt er an Husten und kurzem Atem, ferner häufig an Kopfschnierzen und Schmerzen in der linken Brust. Im übrigen ist er nur einmal an einem heftige» Rheumatismus krank gewesen. Tuberkulose war wahrscheinlich nicht vorhanden. Die Verlagerung des Herzens mußte. wohl mit der Arl seiner Bc- schäfti'gung zusammengehangen haben. Zur Behandlung empfiehlt der Arzt lediglich die Beseitigung der Ursache, da sich alsdann das Herz wieder an seine richtige Stelle zurückzieht. Wenn, der Zustand schon zu lange angedauert hat, ist eine vollständige Wiederherstellung der normalen Herzinge allerdings nicht zu erwarten.— Aus dem Tierleben. — Die Brutverhält nisse der Kuhstärlinge. A. L o r e» z e Ii schreibt iin„Prometheus"(Berlin. R. Mückeü« bcrger): I» Amerika stiebt es keine echte Stare. Die daselbst lebenden starähnlichen Vögel zeige» erhebliche Abweichungen von den Staren der Alten Welt, besonders hinsichtlich der Nahrnngs- aufnähme und des Nestbaus. In systematischer Beziehung stehen die Stärlinge der Neuen Welt zwischen den Staren der Alten Welt und den Webervögel». Unter ihnen erregen die Kuhstärlinge sd-lolotlinis), welcke die Schmarotzer von den weidenden Kühen ablesen, besonderes Interesse durch ihre Fortpflanzungsverhältnisse. Die Kuhstärlinge leben gesell- schaftlich und gehören zu den wenigen Tieren, die eine sogenannte polhandrische Lebensweise führen, wahrscheinlich, weil die Männchen weit zahlreicher, fast dreimal so stark als die Weibchen find. Bei ibnen herrscht die freie Liebe, darum sind Kämpfe um den Besitz des Weibchens selten, und sie nehmen keinen Anstoß daran, wen» andre Männchen ihrer Angebetete» Gunst- bezeugungen erweisen. Die Fortpflanzungsverhältnisse der Ruh- stärlinge erinnern in manchen Beziehungen an diejenigen des Kuckucks. Auch sie haben außerordentlich hartschalige Eier, ivelche, wie sich ans der Form und der Stellung der belegten Nester ergiebt, mittels des Schnabels in das Nest gebracht werden. Die Eier eines Weibchens sind unter sich gleich, weiche» aber hinsichtlich der Farbe und der Zeichnung erheblich von denjcmgen andrer Weibchen ab und stimmen ebenso selten mit denen der Pflege- eilern übercin, wie das bei denjenigen des Kuckucks der Fall ist. In abnlicher Weise wirft der Kuhstärling gewöhnlich die Eier des recht- mäßigen Besitzers des Nestes zum Neste hinaus, bevor er sein Ei bineinlegt, und oft versucht er sein Ei in halbfertigen oder ver- lassencn Nestern unterzubringen. Oft findet man auch die Eier des Kuhstärlings auf den» Erdboden. Darum gehen viele Eier verloren, so daß im' glücklichsten Falle kaum die Hälfte der Eier zur Eni- Wicklung gelangt. Jedoch ist die Zahl der von einen» Weibchen ge« legten Eier wiederum ziemlick» beträchtlich; bei einer süd- amerikanischen Art(Molothrus bonariensis G. Niel.) hat Bendin (nach einem Bericht in„Naturen") iir einen» Sommer 60 bis 100 ge- fuuden. Wenn ein Kuhstärling legen will, so verläßt er seine Kameraden in aller Stille und wartet die Gelegenheit ob, bis er ein passendes, unbewachtes Nest findet. In erster Linie bevorzugt er die Nester kleiner Singvögel und namentlich solche, in denen die Gelege»och nicht vollzählig sind. Man findet darum nur selten frische Eier der Kuhstärlinge neben bebrüteten Eiern. Die Entwicklung der Eier des Kuhstärlings dauert nur zehn bis elf Tage, während sie bei denjenigen des rechtmäßige» Besitzers des Nestes vierzehn bis sechzehn Tage beansprucht, so daß das Verhältnis hier ganz demjenigen bei unsrem Kuckuck entspricht. Außerdem wächst der jrmge' Kuhstärling weit schneller als seine Pflege- geschwister, so daß er dieselben bald aus dem Neste verdrängen kann. Die nieisten Eier dieser Schmarotzer unter den Vögeln finden sich in bodenständigen Nestern. Ost kommen mehrere Eier der Kuh- stärlinge in demselben Neste vor; ja in einem Falle wurden sieben Eier in einem Neste gefunden, besten rechtmäßiger Besitzer nur ein Ei gelegt hatte. I» solchem Fall stammen zioei oder mehrere der LAihstärlingseier von einem und demselben Weibchen, was bekannt- lich bei den» Kuckuck niemals vorkommt.— Meteorologisches. an. Der grüne Strahl de rausgehenden Sonne ist kürzlich wieder einmal gesehen worden. Es ist dies eine viel umstriltene Erscheintmg. die schon manch einer beobachtet haben wollte, ohne niit seiner Erzählung Glaube»» finden zu können. Sie besteht migcbliÄ darin, daß der erste Strahl der aufgehenden und wohl auch der letzte der untergehenden Sonne eine deutlich grüne oder blaue Färbung befitzt. Da nun die menschlichen Sinne in keiner Beziehung so unzuverlässig find, wie in der Wahrnehmung von Farben, so hat»nan gewöhnlich angenommen, daß derartige Behauptungen auf einer Täuschung beruht haben müssen. In den letzten Jahren aber ist der grüne oder blaue Strahl mehrfach von so vertrauensioürdigen Personen gesehen worden, daß doch ivohl etivas daran sein muß.' Zuletzt hat ihn der rrissische Meteorologe Hansky vom Gipfel des Moni Blanc im vorigen September ivahrgeironimeii, als er dort Studien über die sogenannte Sonnenkmlstante machte. Er beschreibt das Ereignis folgendermaßen:„Die Atmosphäre»var höchst durchsichtig, der Horizont von außergeivöhnlicher Klarheit, so daß noch Berge deutlich zu erkennen»varen, die über 100 Kilometer voin Mont Blanc entfernt liegen. Im Augenblick des Sonnen- ausgangs wurde ich durch einen sehr lebhaften Lichtstrahl von rein grüner'Farbe und von etlva einer halben Sekunde Dauer überrascht. Danach erschien sofort die Sonne selbst glänzend und ganz gelb. ohne eine rote Färbung. Die Feuchttgkeitsmestmig ergab, daß die Luft fast gar keinen Wasscrdanipf enthielt und auch in» höchste»» Maße staubfrei>var." Hansky versucht nun auch eine Erklärung der mertivürdigen Naturerscheinmig: Die erste» Strahlen werden in das irdische Lnftmeer verstreut und,»venn sie eine sehr große Luftschicht zu durchdringen haben, iverden die am stärksten brechbaren Strahlen verschluckt. Ist viel Wasserdampf vorhanden, so bleibt nur der rote Teil und ein schlvacher Strahl vom Grün des Spektrums übrig, ist aber die Luft sehr trocken, so tritt der grüne Teil der Lichtstrahlen stark hervor, und dann sieht man diesen im ersten Augenblick des Erscheinens der Sonne, indem gleichsam das Farbenspektrum vor dem Auge des Beobachters vorüberzieht. Der Astronom und Meteorologe Janßeir, der Begründer der Wetterwarte auf dem Mont Blanc- Gipfel, fügt diesem Bericht hinzu;„Die Erklärung ist zutreffend. aber es muß bemerkt werden, daß es noch»nehr die Ab» Wesenheit voi» Nebel als die von Wasserdanrpf ist, die zur Erscheinmig des Schauspiels beiträgt, den» ich habe den grünen Strahl sehr deutlich alich in» Stillen' Ocean gesehen, als die Sonne über den» Meer aufging, wo die Luft doch stets mit Feuchtigkeit ge- sättigt ist. Es ist noch' zu bemerken, daß die ungeheure Luftschicht, die von den Sonnenstrahlen vom Horizont bis zmn Gipfel des Mont Blaue durchmessen werden muß, die Zerstreuung des Licht? vermehrt und danrit die Sichtbarkeit jener Erscheinung begüirjtigt, indein sie derei» Dauer erhöht.— Huinoristiscstcs. Schwäbisch. Uf ein Rädli bin i g'sässe, Ha nf's Wegli nüt gstchaut. Und ä Nägli chimnit in's Reifli, Und»if eniol pfcifet's laut. Doch da nehm i schnell ä Stöpfli Mach das Löchli fescht zu, Und dam» fahr i»vieder weiter, Bin ä lnscht'ger Radlerbu'.— — Klassischer Wunsch.„O, hätt' ich uimmcr diesen„Tag" geseh'n!"—(Schiller, Wallensteins Tod IV 2.) — Schul Humor. Sextaner Schnridt erzählt von dem Cen- tauren Chiron, der viele Helden unterrichtete. Lehrer:„Wenn Chiron unterrichtete, Ivos»var er also? Schüler ftockl. Lehrer:„Sieh doch mich an, Ivas bin denn ich?" Schüler(an den Centauren denkend):„Halb Mensch, halb Tierl"—(„Jugend".) Notizen. — Einen Otto Ludivig-Abend veranstaltet das Schiller-Theater am 3. Februar in» Bnrgersaale des Rat- Hauses.— — Die zweite Serie der Sondervorstellungen des Berliner Theaters wird an, 3. Februar mit„M« i st e r O e l z e" von Johannes S chlaf eröffnet. Es folgen„Die lu st igen Weiber von Windsor" von Shakespeare. die Fragmente und Skizzen„Robert Guiseard"(Kleist) und ,E l p e n o r" und„S a t y r o s"(G o e t h es.— — Zur Begründlmg eines„Sächsischen Volkstheaters" wird ein Preisausschreiben erlasse»» in Höhe von 2500 M. und 1500 M. für die beste» Dialektstücke. Die Einsendung n»t»ß bis zun» 1. Oktober 1901 an Hern» Georg Ziuimermann, Berlin, Hedeinannstr. 7, erfolge»».— —„Der P a st o r s s o h n", eil» Schauspiel von Ferdinaird Bonn, ist von» Stadttheater in Köln zur Aufführung an- genominen»vorden.— — Halbes„Jugend" erzielte bei der Aufführung im Deutschen Volkstheater in Wien i»ur einen mäßigen Erfolg.— —„Die kleine Sirene", ein Luftspiel von A l o h s Rudolf erlebt am 25. Januar in» Dresdener Schauspielhaus seine Erstaufführung.— — Volksvorstellungen zu ermäßigten Preisen»verde»» laut Beschluß der Stadtverordneten künftighii» im Sladttheater zu Halle a. S. veranstaltet»verde».— — In Paris gelangen beide Teile von„Ueber unsre Kraft'" demnächst zur Aufführung.— — Dvette G nilbert beginnt am t. Februar ein Gastspiel in» Merropol-Theater.— — R e b e l s Mysterium„Thanatos" wird in» Schiveriner Hostheater am 23. Januar zun» erstenmal in Scene gehen.— — Frau Oselio Björn so»» gastiert an» Freitag in» Theater des Westeirs als„ C a r in e»»".— — Julie Kapacsy-Karczag wird in nächster Zeit im Theater des Westens in den Operetten„Das Modell" und „Die schöne Helena" gastiere»».— — Die„Neue freie Volksbühne" veranstaltet am Sonntagabend im Gewerkschaftshaus einen Projektiv ns- Vortrag:„Arnold Böcklin. sei»» Leben und sein Werk."- — VIII. Internationale Kunstausstellung 1901 im Glaspalast zu München. Die Einsendung von Kunst- werken hat vom 10. April bis zum 1. Mai zu erfolgen. Die Er- öffnung findet am 1. Juni statt.— � u. Um das Abblättern frischgestrichener Garten- möbel zu ver»neiden, wäscht man die Gegenstände erst sorg« fältig ab, bestreicht sie dann mit kochendem Leinöl uud trägt, nachdem dieses abgekühlt ist, die Farbe auf.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 27. Januar. Berantivortlicher Redacteur: Robert Schmidt in Berlin. Druck und Verlag von M«x Bading in Berlin.