Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 19 Sonntag, den 21. Januar 1901 «Nachdruck verbolen.) Drv Vststl vom Hollerbviiu. ISZ Roman von R. von S e y d l i tz. Wortlos, im Takt und ohne zu rasten durchgeht, wie ein Schnitter das Feld, der Mälzer den Haufen und wirft die goldgelbe Frucht mit der Schaufel auf, daß sie sprühend auf die andre Seite fällt. Denn der keinienden Frucht ist auf der Tenne nur scheinbare Ruhe gegönnt. Thermometer und Uhr— und am sichersten der Blick des erfahrenen ObermälzerZ bestimmen, wann ein„Naßhaufen umgesetzt", ein„Wachs- Haufen gewidert" und ein„Althanfen gearbeitet" werden soll. Streng bestimmt ist die Bewegung bei der Arbeit: die erst- erwähnte bedarf nur eines„Stiches", die zweite ztvcicr „Stiche", die dritte ihrer drei.— Und wenn die Zengungs- kraft der Milliarden Keime zu mächtig wird, muß Alarm ge- schlagen und alle Mann zum„mischen" herangeholt»Verden. Prüfend mißt der Erfahrene von Stnude zu Stunde die Länge der hervorschiebenden Würzelchen er notiert im Mälzereimannal genau, tvann es spitzt, gabelt, und wenn es droht, Filzmalz zu werden. Der Müchener zumal weiß, daß kurzes Gewächs seinem süßen. schivcren Bier vor- teilhafter ist imd vermeidet ängstlich die sogenannte Führung auf warnien Schweiß, d. h. er verhindert die rasche Ertvärmnng der� lebenden Hansen. Ob solche Ereignisse mittags oder nachts eintreten, ob der Bursch ans dem Bett oder vom bescheidenen Mahl»veg an die Arbeit muß, das weiß selbst der Oberniälzer nicht oft voraus, denn mit der Triebkraft in der Natur, mit Temperatur und dergleichen „hat's seine Mucken". Darum ist das Mälzen kein Kinder- spiel, sondern ein vcrautivortnngsvoller Porpostendienst der gesamten Brauerkunst. Unablässig giebt's zu beachten, zu bedenken-, ein Fenster muß auf der Windseite geschlossen, ein andres geöffnet werden; einige Stellen im Wachshanfen müffen flach auseinander gezogen»verde»,»veil da der Boden»värmer zu sein scheint und das Keimen zu sehr beschleunigt; doit»vieder wird stark übereinander geschichtet,»veil unter dieser Stelle um diese Jahreszeit eine kalte Quelle im Boden rinnt. Ist endlich das»varme feuchte Brutbett zu richtiger Reife gediehen, so tritt die gesamte Masse eine neue Reise an, zur Schivelke. Da hat dann das lustige Wachsen ein jähes Ende — der brütende, duftende Dunst verzieht sich, und Korn und Kenn trocknen allinählich, oft noch mit der Schaufel nmge> hänselt, ein. Dann aber öffnet sich der Höllenrachen der töd- lichen Darrhitze, und auf der Horde glühendheißem Gitter- bode» eifrig bearbeitet und„»ungeschlagen", verfliegt die kauin geborene Pslanzenscelc»vürzig duftend zmn Dunstschlauch hinaus, und vom goldbraun geröstete»» Korn bröckelt das vol'her fo saftstrotzcnde und lebensfrohe Wurzelgelvirr, zr» jäminerlicher Mmnie eingedorrt, stanbtrockeir herab und fällt in dauerndem, knisterirdett Regen zwischen den heißen Röhren der Wäruiekamnicr oder„Sau" in die Tiefe. Das Malzkori» aber kommt in die großen numerierten Massengräber der Malzkästen, von Ivo es dereinst zu neuem Leben im Maisch- bottich envacht.— Dieser einfache Vorgang und seine strikt innegehaltene hundertfache Wiederholung bildete seit Jahren des Kastl ein- zigeS Lebensintcresse. Unter dem ewigen Einerlei schivmide»» ihm die Tage, die Jahreszeiten in Arbeit und Schlveige». Sein gellendes Pfeifen, sei»» Singen, das frohe helle Blitzen der Al»ge»i hatte aufgehört. Ueber seine Jugend sollte unn eininal Gras wachsen, schien eS; und gar die Weiber— die schienen ihm»vie störende Schatten, die durchs Leben fahren. Sein hitziger, kindischer Ehrgeiz hatte sich abgekühlt, er strebte »ichc mehr heftig nach oben; er glaubte, er Nii'ifse es abwarten, bis nian ihn hiuailfbcrief. Seine Wange»var bleich »nid wächsern gelvorden,»vie die tveitc»» Keinifelder auf dcr Tenne, als sollte jener Arzt vo»i damals recht behalten mit dem Herzleiden. O ja, sein Herz war krank ge>vesen fcitde»»»; aber erhalte das längst überwunden. Es war eine Art frei- willigen, weltlichen Mönchtnins ii» ihnr airfgekonnnen; und er fand es gut sa; die Arbeit»var still, er hatte begriffen, worauf es aiikain und rasch die Ersahrungen sich zu»Nitz ge- macht. Er achtete es nicht für bedenklich, ans der Darre, also siebzig Grad Hitze, schnell hinabznlaufen, nur nachzu- sehen, ob unteii in der Tenne anch ordentlich gewidert werde, oder in den Hof hinaus,>vo die Holzspaltcrei bei 16 Grad Kälte nicht vorwärts ging i--- weil die betreffenden Burschen sich lieber mit Schneeballen»varfen, nin»varm zu werden. Endlich hatte es ihn denn anch ein paarmal erlvischt, und in den so»nnskelstarken Körper zog das Rhenina ein; zuerst hier, dann da, jedes Jahr irgendwo eirren Rest zurück- lassend fürs nächste; Kastl»vnnderte sich nicht»venig, als ihn die Widerstandski-aft seiner Glieder zum erstenmal i»n Stich ließ und er sich schniieren und Pflegen mußte wie ein Spitaliveib. Und der Arzt war>»te ihn noch niehr;„wer's nicht pflegt, dem schlagt's aufs Herz; und na' iS bald ruin." Er verfiel dann in trübes Sinnen:„Sollt' ich sterben müssen, eh ich--? Das, was.er sich nicht zi» denken tra»lte: sein altes Ziel»var's, die Bierhcrrschast. Das schlummerte imnicr noch im Ginnde seiner Seele. Aber der schöne Traii,n, der ihn» vor Jahre»» so greifbar nahe stand, »var im Laufe der Zeit vor ihm entiviche», innner höher und ferner; nicht daß er je gez>veifelt hätte, die Erfüllung zu er- leben, aber er fühlte es jetzt immer deutlicher, es gehörte zu solcher Erfüllung etivas»nehr als seine Arbeit und sein Sinnen. Er hatte recht, es gehörte der glücklich mit dein sei»ic» zusammentreffende gute Wille andrer dazu.— Und hierzu»var ihm ja der Oheim immer gut— mehr als erdachte. Und wenn ja eininal ettvas wie Ungcdlild in ihm sich regte, dann ging er hinters Haus, a»» den zerfallenen Zaun, und setzte sich dicht an das rauschende Gewässer; und der Jsarbach flüsterte ihm allerlei zu»ind brachte ihi» »vieder zur Ruhe. Denu es ist ettvas Eigires nmS Jsar- wasser: es versteht besser wie andre Fluten, alle Verwirrung zu bannen. Schon an jenem ersten Tage, da er dein Irrlicht der Lisi nachlief—(mein! wie»veit hinter ihm lagen jetzt solche Dinge)—, hatte er in der kühlen, keuschen Stronilnft seine Vmst gedehnt. Seitdem hatte ihn das »vilde grüne Wassertveib in ihre»» Bann genommen; und jetzt die letzten Jahre»var ihn» eigentlich die umfließende Flut zun» Wahrzeichen einer neuen Heimat geworden.— Heimat! Was ist Heiiiiat einein jungen Menschen wie Kastl! — Einiilal war er inzlvischen zu Hans gelvesen in Allersdorf, hatte den Vater tviedergesehen und's Mutterl auf dem Friedhof besucht; er konnte dort heitern Muts sei»», denn sein Gehalt verschaffte in» alten Vaterhaus gutes Leben und reich- liches Genießen.— Aber Heimat»var ihm Allersdorf lange nicht mehr.— Und die andre Heiniat, die an einer trenliebenden Brust— die hatte er noch nicht zi» finden vermocht.— Eine dritte gute Heimstätte giebt's fiir den schaffendeii Mann: die Stätte seiner ehrlichen Arbeit. Ja, seine Arbeit war dem Kastl lieb. Aber zur Heimat wurde ihn« die Malztenne so»venig»vie ehedem das Sudhaus. Er brauchte daneben noch die Isar. Und das war zivar ein danerndes, aber sehr platonisches Verhältnis; und in» Grunde hatte die gl»te Freundin Isar recht viel an ihm zu kühlen und zu frischen, und er zweifelte zuerst manch- mal, ob sie's auch immer vermöchte. Aber sie verniochte es. An ihrem schneegeborencn Busen hat sich schon»nanches größere Erdenweh gestaut, und nianches Herz ist an ihin kühl und hart eworden,»vie der bleiche KaÜschroffen, ans dem die schnelle lut entspringt. „Der Kastl?— der sitzt hinterm Hans, am Wasser, und thnt rasten." So hieß der Bescheid, den Ringelmann sich holte, als er»vieder eininal besnchcnShalber in der Mälzerei vorsprach. Und Ringcliilan>i*gi»g durchs Haus, die kleine Treppe hniab,»»eben der Darrfenerung durch und trat auf den dreieckigen Gerümpcllvinkel hinaus,>vo»»eben einem Hanfe»» kleiiigeschlagener Braiuikohlen Kastl am Wasser saß. „'ß Gott Kastl." „Ja, Ohin?.'ß Gott!" „I setz mi zu Dir a Weng, ausrasten,— Wie geht's alletveil?" „Passiert. Magst an Tnurk? Wart, i hol Der ei»»'»l." Und dann, wie sie mit dem Madkrug zwischen sich, geruhig dasaßen, erfolgte zunächst einiges Geschwätz. Dann aber rückte der Oheim heraus. „A schön's Trumm Leben bist setz da heraußen, gelt?" —„Mir is's grab recht da." „Schon. Aber alleweil und alleweil— „Was denn alleweil?" „Willst denn grad da alt und grau werden?— Hast noch nie an Dei' Zukunft'dacht?" „Wie denn— mei' Zukunft?" replezierte Kastl, etwas beunruhigt durch des Oheims Worte. —„No,— a so halt.... I Hab gmoant, Du willst amal höher'naus, als wie grad Mälzer bleib'n Deiner Lebtag." — Kastl schwieg.— Der Oheim faßte ihn also fester: „Jetz paß auf,— Du bist mcr gar a so a Tropf wor'n in Dene Jahrn. Z'erscht Hab i dees gut g'heißen. Von Dene Sachen vo' damals red'n mer nixn. Aber i moan, in dera lang'n Zeit solltst doch amal anderscht denken'lernt hab'n.— Da i' d'r Mälzerei hast g'lcrnt, was D' lernen kannst; lang scho'.— Jetz moan i, solltst amal wieder was anders schmecka, als wie Malz und wieder Malz". „I' d' Brauerei'nei' niag i nimmer", sagte Kastl dumpf, wie für sich. Der Oheim schwieg jetzt selber, wie um einen großen Wurf zu erwägen. Dann sagte er ruhig: „'s giebt doch andre Bräuer z' München, als wie grad d'n Ebelein"._(Fortsetzung folgt.) SonnfAgsplsttvevei. Man muß nämlich wissen: Ich gehöre zu den außerordentlichen. vom Schicksal bevorzugten Menschci«, die einen Frack eigeickünrlich befitzen. Es ist der modernste Frack, der fich denken laßt, es ist geradezu der Frack des neuesten Kurses. Denn er ist jederzeit fähig, irgend ein prächtiges, erinnerungsreiches, geschichtsschweres Jubiläum zu feiern. Am 18. Januar beispielsweise waren es gerade fünfzig Jahr her, daß er zum erstenmal an einer Hochzeit teilnahm. Und heute, da ich diesen Gedenkartikel fiir meinen Frack schreibe, sind genau fiinfnnd- zwanzig Jahr verflossen seit jenem bedeutsamen, für seine ganze künstige Entwicklung entscheidenden Tage, da an ihm zum erstenmal eine schneiderliche Reparatur vollzogen wurde. Drei Generationen haben in diesem Frack geschwelgt, gehofft und gefürchtet. Seit 15 Jahren bin ich sein Besitzer; ich bin der Majoratsherr des Fracks. Ich habe ihn in Exaniensnöten getragen, er zierte mich, als ich mich auf dem Standcsaint darein ergab, für eine ganze Ewigkeit— und als ich in Leipzig vor dem Reichsgericht dagegen ankämpfte, für drei Viertel Ewigkeit ins Gefängnis gesperrt zu werden. Ja, mein Frack hat sogar wiederholt Umwälzungen in der Mode hervorgerufen. Ich habe des öfteren die Erfahrung ge- macht, wie sorgsam man inich anschaute, wenn ich mich in meinem Frack an öffentlichem Orte zeigte. Vier Wochen darauf trugen alle Modelöwen der Stadt einen Frack solchen Schnitts, dieweil sie wähnten, der meinige sei allerletzte Neuheit. So hat sich denn der Majoratsfrack der Joc-Dynastie bis zu diesem Augenblick seine unverwelkliche Jugendfrische bewahrt. Aber so ein Frackbesitz verpflichtet auch. Es geht von ihm ein unwiderstehlicher Anreiz aus, ihn ans den Finsternissen des Schranks hervorzuholen, ihn abzubürsten und ihn irgend wohin zu führen, allwo solche Kleidungsstücke als Unifonn vorgeschrieben sind. Da ich mich nun um meines Besitzes willen nicht häufiger verheiraten oder Prozesse provozieren kann, so treibt mich der schwarze Kampfgenoffe dreier Generationen ebeit in andre Gelegenheiten. Und in diesem Sinne sagte er neulich zu mir:.lloo, ich'langiveile mich, führ' mich auf den Mctropolmaskcnball. Das soll ja das Feinste sein, was gegenwärtig in Berlin zu schauen ist— ein Hunde rtniarkbazar." Natürlich gehorchte ich. das bin ich den: ehrwürdigen Alter schuldig, und ich redete mir zugleich ein, um den Unsinn zu recht- fertigen, daß es ja auch des wissenschaftliche» Interesses nicht ent- behrte, einmal zu sehen, wie das begüterte Berlin karnevalistisch vergnügt ist. Draußen im Westen und Süden Deutschlands, da Hab' ich die Tollheiten des Kamevals, der das ganze Volk packt, lachend geschaut— aber wie wird sich die eingesperrte Lustigmacherci in Berlin äußern? So schleppte nnch denn mein Frack zum großen Maskenball des Metropol-Theaters. Kurz nach Mitternacht erschienen tvir beide, mein Freund und ich, in diesem üppigste» Theaterraum Berlins, dessen Linien und Lichter orgiastisch schivelgc», wo Liebesgötter aus alle» Nischen und Winkeln kichern— ich meine architektonisch. Der Theatersaal ist wie ans Parfüm, Puder, Schönheitspflästerchen, weich kosenden» Lachen und galanten Küssen gebaut! Eine Mark Garderobe... Hm, kein ehrlicher Trödler würde ineinen Mantel und Hut höher beleihen als hier das bloße Auf- bewahrnngsgeld kostet. Würde ich dreimal de» Ball besuchen, so wäre mich'der Liebhaberivert meiner Garderobe durch den Garde- robentribut überholt. Indessen, diese Mark macht Stmunung. Ich bilde inir bereits ein. daß ich gewohnheitsmäßig Bakkarat spiele. aus allen Rennen meine Pferde Jansen lasse und die Balletkuirst fördere. Schon auf der teppichbelegten lichten Treppe thut sich die Zauber- weit auf: Es wandelt hinauf— sehr viel Hals, sehr viel Rücken und äußerst viel Bein— weidlichen Geschlechts. Drinnen spielt man jnst den Opiumwalzer. Die Bühne ist in eine Art japanisches Theehaus verwandelt. Reisige Herolde, denen bäum- wollene Perrücken mu die geschminkten Heldengesichter wild flattern, grenzen mit Hölzemen Speeren eine Tanzbahn ab. lind zwischen den Speeren tanzen etliche Paare: Eine Griechin, deren Gewand bequem durch den Hühnerangenriug gezogen»verde» kani», den sie offenbar unter den fleischfarbenen Seidenstrümpfci» in den be- ängstigend winzigen Schuhen tragen muß, ein paar roffeurige Satanellen, Kolossalgestalten in schwarzen, roten, bronzefarbenen Dominos, ein Khaknnädchen, viel hagere Jugend und verfettetes Alter, das meiste recht kostspielig, Seide, glitzernde Steine, rosige Fett- schminke. Die Weiblichkeit tanzt mit Vorliebe untereinander, mit ge- Iverbsmäßiger Leidenschaft und studierter Grazie. In gemessenen Paul-", lachen sie auch, lachen in jener ailfgezogcnen Fröhlichkeit, »vo man innen die schnärrenden Räder rasseln zu hören glaubt. Die Herren stehen, Chlinder auf den edlen Häuptern, gruppemveise zusammen ui»d starren. Wären sie selbst numeriert, man könnte sie nicht unterscheiden, so gleich sind sie in ihrer Uniform gelanglveilter Geist- losigkeit. Aber sie sind sehr anftnerksam, tauschen laut ihre Ansichten über die Vorzüge der einzelnen weiblichen Masken; sie reden Steck- briefe, nur daß sie sich nicht auf die Feststellung der Gesichtseigeuheite» beschränken, sondern geivissenhaster und vollständiger verfahren. Die Herren sind höchst sorgsam, gilt es doch, die Wahl für die nächste Zukunft zu treffen. Aus den Logen werfen vergnügungssüchtige Dainen krainpshaft ohne Unterlaß die papicrne» Riesenschlangen in den Saal; eS ist göttlich. So etlvas von Heiterkeit ist nur in Berlin denkbar. Ein früh Betrunkener drängt sich redeselig durch die Menge. Er ulkt alle Danren an, ist entzückt über die Fülle ihrer Reize, umamit eine nach der andren und,»vein» er lallt:„Liebste meines Herzens, ich vergehe vor Liebe, Du Schönste des Paradieses"— dann birst alles vor Lachen, und die Griechin hat alle Mühe, die Reste ihres Geivands am Schlüsselbein festzuhalten. Diese Griechin muß überhaupt über hervor- ragende Geisteskräfte verfüge»; denn»vie»väre es sonst möglich, daß sie ihre lockere Kleidung nicht irgeudivo in einen» Winkel vergißt... Der Betrunkene ist augenscheinlich ein Kunstprodukt, er ist ver- »»»»»tlich von der Direktion angestellt,»im Leben in die Bude zu bringen. Blumenmädchen drängen sich an die Männer und setzen ihnen revolverartig ihre weißen Nelken auf die Brust, jede Blume tostet ein kleines Vermögen. Jeden Augenblick soll inan Pralines, Cigaretiei» oder Gigerlstöcke kaufen. In den Wandelgängen schreitet ernst und»vachsam der Fencrlvehrina»»», der einzige Mensch in dieser Versaminlnng, der einen vernünftigen Ziveck erfüllt.... Karneval, Karneval, Karneval! Allmählich finden sich die Herzen. Man hat geprüft und ge- fnnden. Die Paare ziehen sich in die Ncbenränme zurück, und die goldenen und silbernen Sektpfropfen fliegen. Ich erlvische einen stille»» Winkel und richte niir daselbst eine Einsiedlerklnuse ein. Als icd mir beim Kettner den billigsten Rüdesheimcr bestellte— sechs Mark die Flasche!—, gleitet ein Zug der Verachtung über sein Antlitz— niemand anders nnter den Hunderten trinkt Rheinivein, alle be- rauschen sich im Heidsick Monopol oder zinn mindesten an einer an- ständigen nionssicrcnden Hansinarke. Jedoch mein Rüdesheiiner hat sein Gnies', er»virkt abschreckend, als Warnungstafel. Av und zu verirrt sich ein Rotkäppchen, eine Schivarzivälderin, ein Pierrot. eine Königin der Nacht in meine Nähe und sind aufrichtig geivillt, meine Einsamkeit zu erheitern. Sobald sie aber die Flasche sehen, fliehen sie erschreckt: Blos Rüdesheiiner, nein. daS lohnt nicht. Nur Sekt! In»»»einer Nachbarschaft haben sich drei Herren»iiit ihre» Dainen niedergelassen, der eine ist ausgezeichnet durch Gigantenhände, er redet kein Wort, trinkt nur und klatscht niit seinen Gigantenhände», unaufhörlich seine»» Mädel auf den quabbligen Nacken, die diese Troimnelei»nit himu, lischer Geduld erträgt.' Dann siihrt er sie in den Saal, tanzt ein paar Runden, kehrt»vieder, schiveigt, trinkt und beginnt von neuen» das Werk, den akustisch gut veranlagten Rücke» seiner Dame niit den Giganteuhäude» zu bearbeite». Wer mag diese Fröhlichkeit ermessen. Die zivcite Dame ist von einer nervösen Geschwätzigkeit, sie entdeckt an ihre»» Partner Märchcnaugen, lacht grell, in den Ausbrüchen ihrer Wonne voi» Hustenanfällen unterbrochen. Die dritte endlich trägt den neuesten Sternberg-Witz vor,»nit einer sanften Selbstverständlichkeit, die erschreckt: sie ist»vie eine Märtyrerin der Zote. Aber ihr Opfer- mut hat auch bei den Herren stürmischen Erfolg. Dan» berichtet sie von etlichen Bekannten, man hört etlvas vo» Einil, Hugo und Julius— es müssen wohl gelvöhnliche Sterbliche sein, denn sie gönnt ihnen nicht eininal den Herrentitel. Indessen sie Iveiß auch, Ivas sie Standespersonen schuldig ist. und so erzählt sie:„Als ich vorgestern mit meinen Herrn Grafen nach Hanse ging..." Dann steige ich»vieder in den Saal herab. Dort hat fich die Stimmung inzlvischen verändert. Der Sekt hat seine Schuldigkeit gethau, und bei»vildcr Musik tanzen sie ausgelassen. Man kankanicrt sogar ei» wenig, voll deS süßen WeinS. Jetzt sieht man auch eine exotische Schönheit, ein Mischlingsmädchen, halb Siam, halb Mulak- strnhe. Ihre Augen glimmen wie unter schwcirzer Asche—»inn fürchtet fich mit dem Frackcirmcl in ihre Nähe zu kommen, er könnte sengen. Ihr Geficht ist schon fnst licht, nur am Kinn nnd unter den Augen sind noch schwärzliche Stelle», als Ijätte sie ein Schornsteinfeger angefaßt oder als wäre ihr ein rahmiger Topf ins Gesicht geflogen. Die Schwarzweiße ist viel umworben. Jetzt endlich, nttter dem Zwang des Alkohols brechen auch die Leidenschaften hervor und rasen nackt. Dort an der Bühne ent- wickelt sich eine schöne Eifersuchtstragödie. Sie ist ei» ganz junges Weib, frisch, kräftig und temperamentvoll, eine eigensinnige Stirn, große braune Rehangen mit Tigerappretnr. Wenn sie lächelt, blickt sie aus sanften Rehangen; zürnt sie aber, so erwacht der Tigerblick. Und sie zürnt zumeist. Ein greisenhafter Lebe- sängling hat sie schwer beleidigt. Visher war dieser Lebe- sängling recht mnntcr. Er hüpfte auf einem Bein, holte alle Augenblick die Banknotentasche hervor, in der die Tansendmarkscheine fich drängte», nnd wenn er eine Nelke bezahlte, nahm er ein paar Hnndertmarknoten zwischen die Lippen, weil er aus Ranminangel nicht wußte, wohin sonst damit. Dann stieg ihm leider der Chanipagner allzu heftig in den Kopf, seine Eifersucht erwachte nnd er herrschte die Rchäugige an:„Wer war gestern morgen bei Dir? Gestehe, Weib, Du hast einen--." Ach. Seine Majestät König Ludivig der Fromme würde sich unaufhörlich im Grabe herum- drehen, wenn er wüßte, wie schlimm sein Name heruntergekommen I Die Rehängigc bekam wegen der Beschuldigung einen Wut- anfall, der in der Folge aus ihrem benebelte» Hirn nicht inehr wich. Sie erhob drohend die Arme, schrie, heulte, vergoß Thränen, sprühte Tigerblicke. Entsetzt floh der Lcbcsängling, und saß zitternd mit aschfahlem Gesicht in einer Ecke. Aber die Beleidigte ließ ihn nicht los, bewachte nnd verfolgte ihn mit ihren Augen und erklärte seier- lich, sie würde ihn erwürge» und wenn sie sechs Wochen dafür ins Kittchen käme. Ich suchte die Rasende zu trösten. Einen Augenblick lächelte sie süß, und das Reh kam wieder zum Vorschein, dann aber verfinsterten sich ihre Mienen, und sie klagte mir ihre Not unter stürzenden Thränen:„Nichts zu machen, mein Herr, nichts zu machen, ich tanze nicht mehr nnd will auch nichts trinken. Ich muß den Schuft haben, der mich so beleidigt hat. Weil er ein reicher Kerl ist und ich ein armes Mädchen, glaubte er sich alles herausnehmen zu können. Ich erlvürge ihn und ivenn ich sechs Wochen ins Kittchen komme." „Das ist nicht sehr angenehm," bemerkte ich aus persönlichen Er- fahrungen. „Das ist mir ganz gleichgültig, mein Herr. Nichts zu machen. Er muß mir'ran I Er hat mir gesagt, ich hätte einen— I Mein Herr, ich soll einen— haben. So eine Gemeinheit. Nnd bloß weil er gestern bei mir einen Freund gesehen. Aber ich versichere Ihnen, es ivar ein anständiger Herr, der gestern bei mir lvar, ein hochanständiger Herr. Sieben Kinder hat er. verheiratet, und Offizier ist er. Es ist ein anständiger, hochanständiger Freund, der mich besucht, wen» er nach Berlin kommt. Er ist'n Offizier, hat 'nc Frau nnd sieben Kinder. Ein hochanständiger Herr I lind dieser Schuft behauptet, das wäre mein—. Erlvürge» werbe ich ihn..." Die Musik spielte die sinnige Weise: Ans dem Baume Sitzt'nc Pflaume, Die möchte ich gerne Habens Da sagte mein Frack zu mir: Joe, kehre heim. Du Haft genug! Ich folgte dem Befehl. Die Dnmmcrnng lag über Berlin, und das erwachte Leben der Arbeit wehte mit reinem Athem. Eine dürftig gekleidete Frau sprach mich an, und als ich vorbei gehen wollte, bat und bettelle sie flehentlich:„Nur eine Tasse Kaffee schenken Sie mir, mein Herr! Ich bin die ganze Nacht umher, gelaufen—>»»sonst. Ich frier« so, seien Sie gut, mein Herr!" Und als ich sie anblickte, sah ich in ein Gesicht, das nicht log... Karneval, Karneval, Karneval I ck o c. sMeines Feuilleton. ckg. Tie Chrlichen. Linder Vorfrühling. Märzluft in: Januar. Der Wind ging frisch, in der Sonne aber war eS beinahe warm, nnd die Sonne lag heut überall. Mit ihrem hellen, goldne» Licht kroch sie in die enilegenstcn Winkel und lockte die Menschen heraus. Draußen im Walde war es schwarz von Spaziergängern, wie an eiucm schönen Somincrtag. Auf der Chaussee bildeten die Equipagen eine fast nnabsehbäre Kette. In das Räderrollen und Peitschenknallen mischte sich das helle Klingeln der Radler, daS langgezogene Tuten der Metorivagen. Die drei Damen kamen von Pnulsborn her. Sie hatten in der Försterei Kaffee getrunken, nun strebten sie dem Bahnhof zu. Die beiden älteren gingen langsam nebeneinander. Das junge Mädchen lief innner drei Schritt voraus, stöberte durch die Büsche und unter- suchte den Stand der junge» Knospen.„Wir werden es bald grün haben." sagte sie. „Na das hat noch Zeit," erwiderte die Mutter, auch die andre Dame lachte:„Ja, so schnell geht es Ivohl doch nicht. Fräulein Martha." Fräulein Martha kam langsam den Hang herauf und gesellte sich zu den andern:„Nun, wir haben ja nächste Woche Februar, und der ist dock manchmal schon sehr schön." „O, der läßt auch zu wünschen übrig." Die Mutter lachte,„aber da haben wir das Jagdschloß noch einmal." Sie blieb stehen und auch die beiden andren hemmten ihren Schritt:„Wie schön I" Ihnen gegenüber lag das Schloß, verwittert und altersgrau, der See davor, halb noch gefroren, halb schon in blinkendem Wasser, lichtblau glänzend im Wiederschein des Himmels. An einer offenen Stelle tummelte fich eine Schar Enten, sie tauchten und schwamuien, nur der Erpel hielt es mit dem Trocknen. Feist nnd glänzend saß er auf einer Eisscholle und putzte seine Schtvanzfedcrn, jede einzeln. Es war das einzige Leben in dem Bild, um das der Wald seinen grünen Rahmen spannte. „Ist das nun nicht wundervoll?" sagte die Mutter,„auch im Winter I Ich freue mich, daß wir herausgefahren sind." „Welch ein Frieden über mllem liegt," stimmte Fränlei» Martha bei,„man wird ein ganz andrer Mensch hier draußen, nicht wahr, Frau Reinhard?" Die andre Dame nickte:„Ja, ich sage auch immer, die Natur weckt unsre edelste» Gefühle. Wir müßten wieder mehr mit der Natur leben. Alles Schlechte fällt da von einem ab." „Im Walde möchte ich leben," intonierte Fräulein Martha mit frischer, heller Stimme, brach aber schon nach den ersten paar Worten mit einein lallten Aufschrei ab:„O, Gott, was ist das? Hat sich da einer erhängt?" Es hatte sich aber keiner erhängt, eS war eine Boa, halb hing sie in dem Weidcngebüsch, halb lag sie über dem Erdboden. Martha hob sie auf:„Die hat einer verloren." „Ja, es scheint ivohl so I" sagte die Mutter. „Solche schöne Boa!" Frau Reinhard ließ sie bewundernd durch die Finger gleiten,„die war nicht billig, echter Strauß. Zwanzig Mark hat die wenigstens gekostet!" „Wenn sie dafür noch zu haben ist, die weißen Federn sind ja auch echt, sehen Sie nur, nichts geklebt". Martha zog die einzelnen heraus. „Ja, was thut man nun, man nimmt sie doch wohl mit?" „Liegen bleiben kann sie auf keinen Fall!" pflichtete die Mutter bei. „Vielleicht ist die Dame noch in der Nähe, die sie verloren hat", sagte Frau Reinhard. „Nun dann«verde»«vir sie ja treffen." Martha»ahm den Fund über den Ann und ging weiter, die beiden Damen folgten. „Ja«venu die unehrlichen Leuten in die Hände gefallen wäre, konnte ihre Herrin sie in die Lust schreiben, Sie geben sie doch ivenigsteus zurück," sagte Frau Reinhard. „Ja, selbstverständlich." Die Mutter nickte.„Das wird doch jeder anständige Mensch th»n. Ich schicke sie morgen»ach dem Fundbnrean." „Man kann doch gefundene Sache» nicht behalten—" Fräulein Marthas Stimme klang etivas pikiert. „Manche thun es allerdings," meinte die Mutter, uiid auch in ihren Worte» lag es Ivie leise Anzüglichkeit. Frau Reinhard blieb stehe»:„Wir könnten ja auch hier mal fragen, ob jemand«vas verloren habt. Da drüben gehen ein paar Damen." „Na schreien Sie nur nicht etlva aus: Wer hat eine Boa ver- loren?" „Da möchten sich viele melden," höhnte Fräulein Martha. „Martha trägt ihn ja doch auch.— Wer ihn verloren hat,«vird ihn ja schon sehen— Du hast ihn doch über dein Arn«, nicht wahr, Martha?" Die Mutter sah auf die Tochter. „Aber»atürlick, hier ist er ja." Sie streckte den Arm mit der Boa unter dem Cape hervor und tvarf Frau Reinhard einen vorlvnrfsvollcn Blick zu. Frau Reinhard antivortcte nicht gleich, sie ging Iveiter nnd schlug mit dem Schirm in die Büsche, dann blieb sie«vieder stehen:„Ja. es ist auch«virklich eine schöne Boa. Ich«vollte meiner Liese auch schon immer eine kaufen— der würde die da gerade passen." Sie «varf eine» verlangenden Blick aus die Boa. „Ja, Martha soll auch eine haben, ich bin bloß noch nicht dazu gekommen, sie zn besorgen. In den nächsten Tagen gehe ich aber, «vas, Martha? Auch schwarz und weiß ivie die." „Ja, Mama." Sie tauschten einen Blick. Sie hatten unterdessen den Hu»dekchlen-See erreicht, nun stiegen sie durch den Wald zum Bahnhos empor. Fran Reinhard ging jetzt voran, immer drei Schritte, und ließ die Augen umher- wände rir. „Sie benutzen ja die Stadtbahn, Frau Reinhard." Martha blieb stehen.„Da müssen Sie ja durch den Tunnel, da müssen«vir uns doch hier verabschieden." „Ach, ich fahre heute auch Potsdamer Bahn." Frau Reinhard stand schon auf dem Perron:„Ja, hier ans dem Bahnhof könnten Sie die Boa auch abgeben,., hier ist doch auch ein Fundbureau?" Sie sprack sehr laut. „Müsse» wir noch lange auf den Zug warten 1" fragte die Mutter statt aller Antivort. „Er kann in zehn Minuten da sein,— ja ich hätte doch gedacht, wir«oürdeu die Dame noch treffen, die die Boa verlöre«« hat." „Mein Gott,«varum schreien Sie den» so?" Martha«varf ihr einen Blick zu. In der Nähe wurde j»au aufmerksam; aus eiuer Gruppe, die dicht am Schalter stand, kam«iue Daiiie:„Ach eine Boa, die Damen reden von einer Boa, verzeihen Sie, haben Sie eine Boa gefunden? Drüben am Grnnewaldsee. Schwarz und weiß, ans echten Straichfcdern." „Ja, hier ist sie!"— Martha nahm sie unter dem Cape herbor. Mit einem Freudenschrei rifj die Dame sie ihr ans der Hand: „DaS ist sie! O, ich danke Ihnen I Sie haben sich damit getragen ... ich.. „Aber bitte, das war doch selbstverständlich I" Martha wehrte ab. „Wir hätte» sie morgen nach dein Fundbureau geschickt", pflichtete die Mutter bei. „Der Zug I Der Zug!"— Der einfahrende Train schnitt jede Iveitere Rede ab. „Es ist erst der nach Charlottenbnrg", sagte Frau Reinhard. „Ja, Sie ivarten noch ans die Potsdamer Bahn I Ich möchte doch nach der Stadtbahn hinüber gehen." „Wollen Sie uns verlassen? Aber bleiben Sic doch I" Die beiden andern sagten es fast einstimmig. „Nein, nein, ich bin da schneller zn Hans. Ach, sehen Sie, da drüben kommt schon mein Zug." Sie riß sich los und eilte nach dem Tunnel. Martha sah ihr nach, die sreundliche Miene war plötzlich von ihrem Gesickt Verschlvnnden. Dann ivaudte sie sich zu ihrer Mutter:„Oller Neidhammel, wenn sie sie man gefunden hätte I"— Aus de»n Pflaiizenlebc». — Der F r ü h l i n g s- S a f r a n. Arthur Härder schreibt in der Wochenschrift„NerthuS"(Altona- Ottensen. Chr. Adolfs): Einer der ersten Frühlingsboten ist der Frühlings- Safran(Erocus vernus All.), kurzweg mich KrokuS genannt. Oft deckt noch Schnee das Erdreich, wenn dieser Frühliugsvcrküuder seine hübschen Blüten der Sonne zukehrt und Nachtsröste und Frühlings- stürme suche» ihm seine Blülenprncht zn bernichten. Der Frühlings- Safran ist in Südenropn heimisch, kommt aber auch noch in der Schweiz, in Süddeutschland und selbst in England bor. Er ist die Stammart aller im Handel befindlichen und in den Gärten gepflegten Kroknsarten. Der KroknS ist infolge seiner groficn Anspruchslosigkeit und leichten Kultur eine allgemein beliebte FrnhlingSpflanze: in jedem Garten ist er zn finden und selbst als Ziinmcrpflanzc hat er sich das Feld erobert. Fehlt ihm auch der Tust, der uns andre seiner Ge- nofiett so angenehm macht, er gleicht diesen Mangel lvieder ans durch eine grofie Blütenfülle und durch den Farbenreichtum und den Glanz seiner Blumen. Jeder kennt den prächtigen Friihlingsblüher und deshalb erübrigt es sich auch, ans den Krokus näher einzugehen. Seine Blüte ist entweder weis;, gelb, blau, violett, rot oder bnnt und im Verhältnis zur Pflanze sehr grofi. Die Pflanze ist sehr hart und kann im Freien unbedeckt bleiben. Besonders schön machen sich Rasenplätze, in die man Kroknszwiebeln eingesetzt hat. Sic stören dort nicht im geringsten, haben sie abgeblüht, so werden sie bei dem nächsten Rasenschnitt mit abgeschnitten und kommen erst im nächsten Frühjahre lvieder zum Vorschein, durch Zwicbelbrnt reichlich ver- mehrt. Der FrühIingS-Safran ist mit jedem Gartenboden zufrieden, besonders aber liebt er einen gut gedüngten Sandboden und eine freie Lage, wohin die Sonne gut kommt. Ist die Pflanze auch nicht empfindlich, so soll nian doch in schneenrmen Wintern mit Laub oder dergleichen decken, die Schntzdecke muß aber zeitig im Frühjahr lvieder entfernt werden. Zum Treiben der Krokus nimmt man nur die stärksten Ziviebeln. Man rechnet auf einen ll) Centimeter im Durchmesser haltenden Topf bis<1 Ziviebeln, die man von Angnst bis Oktober in sandige Mistbeeterde pflanzt. So lange keine stärkeren Nachtfröste auftreten, bleiben die Töpfe im Freien stehen, erst dann werden sie in die Ueberwinterungsrnmne gebracht. Sind die Zwiebeln bewurzelt, so wird reichlicher gegossen, immer aber wird darauf gehalten, daß der Standort möglichst kühl sei. Bei einem zu warmen Stand gehen die Zwiebeln' zu sehr ins Kraut und ersticken die sich bildenden Blüten. Da im Wohnzimmer meist eine trockene Luft herrscht, empfiehlt eS sich, die Töpfe mit Glasglocken zu bedecken, was die Entwicklung der Blätter und Blüten ivesentlich beschleunigt. Die Vermehrung der Krokus geschieht fast nur durch Brutzwiebeln, wohl aber auch aus Samen, lvas aber nur dann Wert hat, wenn man neue Sorten zn züchten beabsichtigt. Die Zwiebelbnit wird nur alle drei Jahre abgenommen. Man pflanzt dieselbe einzeln im Freien in Abständen von mindestens 10 Centimetcru und bringt die Zwiebeln 12 bis 1ö Centimeter tief in gut gegrabene und gedüngte Beete.— Technisches. — Ein neuer Pariser Bahnhof. Im„Neuen Pester Journal" berichtet I. S i k l o s y aus Paris: Wenn man, vom Palais Bourbon kommend, nach dem Quai d'Orsay geht, leuchtet einem ein riesiges weifieS Gebäude wie ein Feenpalast entgegen. Es ist auch ein Palast, und das ein gewaltiger Prachtbau: Der neue Orleans-Bahnhof! Mitten in der Stadt, mitten unter andern Häusern ist er errichtet worden. Das Ivar aber ganz einfach: das monumentale Stationsgebäude braucht eben nicht mehr Platz, als eS selber einnimmt; die Züge fahren ans unter- irdischem Weg heran, sämtlich von elektrischen Lokomotiven befördert, so daß die Nachbarschaft nicht einmal durch Rauch Verantwortlicher Redacteur: Robert Schmidt in Bei s belästigt wird. Der glänzende neue Bahnhof wird'lange weiß und rein bleiben. Das ist der wahre Bahnhof für das neue Jahrhundert. Von.der alten Hauptstation, draußen an der Ansterlitz-Brücke, hier herein und ebenso bis dort hinaus wird alles I elektrisch befördert. Am Gebäude draußen strahlen zwei Transparent- � uhren, deren Zifferblatt so riesig ist, daß der längere Zeiger, der in einer Stunde herum muß, keinen Augenblick ruhig bleibt. Inwendig aber ist, von dem prachtvollen Restaurant abgesehen, alles nur eine einzige Riesenhalle. Zu den Zügen steigt man hinab, ans jeden Qnai mittels besonderer Treppen. Aber nicht allein die Reisenden gehen ab und zu, auch das Gepäck bewegt sich selbständig. Ein sogenannter„rollender Teppich" ist da, wie ein ähnlicher im„Magafin dn Louvre" den Kundschaften zur mühelosen Erreichung der oberen Etagen dient. Hier ist er aber nicht für die Menschheir, sondern für deren Bagage bestimmt. Ein Zug langt an, sogleich steigen da in langer Reihe Koffer und Kolli in' allen Größen empor. Das ist ein drolliger Anblick. Oben, in der Ausgangshalle an- gelangt, zerteilen sich die Gepäcksmassen auf zehn riesenlange Tische, die sofort ebenfalls zn rollen anfangen. 10 Tische deshalb, weil die Einrichtung getroffen ist, daß die Gepäcksansgabe in 10 Abteilungen geschieht, je nachdem die Nummer des Gepäckscheins mit der Ziffer 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 oder 0 endet. In einer Minute hat jeder seine Sachen.— Humoristisches. — Beim Antiquitätenhändler.„... Hier habe ich ein paar Strümpfe der unglücklichen Maria Stuart I" „Sind die Löcher in den Fersen h i st o r i s ch?"— — K n l t u r f o r t s ch r i t t. Städter:„Nim, seid Ihr in Eurem Dorfe auch mit der Zeit fortgeschritten?" Bauer:„Ja freili! Einer von lins hat sogar schon a'„ u n- v e r st a n d' n e" Frau!"— — Naiv. Junge(dessen Schlvester in der„Zauberflöte" als Statistin mitwirkt, zu einer ans dem Theater tretenden Sängerin): „Entschuldigen Sie, haben Sie meine Schlvester nicht gesehen?" Sängerin:„Ich kenne ja Deine Schwester nicht— was ist sie denn?" Junge:„An Assi!"-(„Flieg. Bl.") Notizen. — Die deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart giebt von Mitte Febniar ab eine Monatsschrift ,, Z e i t l e x i k o li" heraus. Jedes Heft wird 100 bis 125 Seiten Lexikonforinat stark sein und 1 M. kosten.— —„Die Gesellschaft" soll als„HeimatSorgan" nach M ü n ch e n verpflanzt werden.— — Rosa Berte ns scheidet mit Schluß dieser Spielzeit anS dem Ensemble des L e s s i n g- T h e a t e r s.— — Das Gastspiel des„Bunten Theaters" an der S e c e s s i o ii s b ü h n e wird über den 1. Februar hinaus ver- l ä n g e r t werden. Das Ensemble des S e c e s s i o n S t h c a t e r s wird während dieser Zeit im Belle- Alliance- Theater seine Vorstellungen geben.— — C a r I o t Gottfried Neulings Schauspiel„Der Netter" wird Mitte Februar im Schiller- Theater zur Erstaufführung gelangen.— —„Der blaue Stein", ein Einakter von Paul Alexander, wurde bei der Erstaussührmig im H a in b u r g e r Thalia-Theater freundlich anfgenominen.— — A u g n st B n n g e r t s„R a n s i k a a" geht Mitte Februar zum erstenmal im Dresdener Hastheater in Scene.— —„ A in e n ein einaktiges Operndrama von V r n n o Heydrich, wurde bei der Premiere im Stadttheatcr zu Halle a. S. srenndlich anfgenominen.— — Robert PlanquetteS Operette ,Q u a t v e s o u s" kommt im M ü n ch e n e r G ä r t n e r p l a tz- T h e a t e r zur Erst- auffnhrnng.— — P e r o s i S neues Oralorinin„Natale"(„Weihnacht") er- zielte bei der Erstanfführnng in R o in einen großen Erfolg.— — Die„Vollst ii m l i ch e n K n n st a u S st e l l u n g e n" im GewerkschnftShause werden beschicken: L. Corinth. O. Eck- mann, O. H. Engel, R. Engelinami, Otto Feld, Haus Hermann, Dora Hitz, Käthe Kollwitz, W. Leistikow, M. Liebcrmann, P. Meyer- heini, F. Skarbina. Auch einige Privatsammler haben hervorragende Werke aus ihrem Besitz für die Ausstellung zugesagt.— — Die R e u e r w e r b n ii g e n der Nationalgaleric werden dieser Tage im Cornelinssaal ausgestellt werden. Es sind Gemälde und plastische Kunstwerke, die für die Galerie ans der letzten Kimstnnsstellmig und der Pariser Weltausstellung angekauft wurden.— — Das KönigSberger B e r n st e i n- M n s e u m. das bisher im Privatbesitz war, wird vo.m Staat für 305 000 M. angekauft werden. Die einzelnen Stücke der Sammlung sollen nach Berlin, Danzig und Königsberg kommen.— — Bei der am 10. Januar stattgehabten internationalen wissenschaftlichen B a l l o n'f a h r t erreichte ein in Wie u aufgelassener, unbemannter Ballon, soiveit jetzt zu schätzen ist, 12000 Meter Höhe. Die tiefste Temperatur betrug circa— 70 Grab.— iin. Druck und Verlag von Altar Badiug in Berlin.