Zlnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 20 Dienstag, den 29� Januar 1901 (Nachdruck vcrboteu.) Drv Rnstl vom �ollevbrön. 20Z Roman Von R. Von S e y d l i tz. Kasrl schüttelte den Kopf,— Hollcrbräu bin i Dank schuldig und bei'm Hollerbräu bleib i, so lang's an Hollcr- brau giebt. Meinst, i soll zu'm Konkurrenten Von'n Ebelein gehn, nur weil der mi vielleicht besser zahlt? Und mi an- schau'n lass'n vom Alten selber?" Und er schüttelte wieder den Kopf, Aber der Oheim zeigte eine neue Karte: „Könnt' auch leicht sein, daß's amal a neue Brauerei i£ München giebt.— I denk mer so, daß der Brauer in'n Tod froh war. wann er Di zum Bräunieister Hütt, leicht a no was Höheres." „Höheres?" „Na wärst endlich amal am Fleck, wo D' hing'hörst, mei Bua!" I dank Der schön, Ohm," erwiderte Kastl, ernstlich erfreut durch die gute Fürsorge.„Aber, schau, i wart's ab. Bei Lebzeiten vom Ebelein—" „Bist do' net verheirat't mit'n Alt'n l" „Und nach«— Du beim Hollcrbräu und i anderscht- wo—" „Wer sagt Der denn, daß i dableib?" Kastl sah erstaunt zum Oheim auf:„Ja, Ohm? Was kimmt Der denn an?" „Net, daß i durchaus fort möcht. Aber waun's amal dazu kommt i— weißt,— wann setz' der Hollerbräu heut zusperrt und aus is,— und Du und i, mir zwa, können zammpack'n— und's kam aner und sagt: Da geht's her, da giebt'S Arbet, für den oan' als Bräuineister, für'n andern als Verwalter. Oder glei noch mehr,'s kau» wer und sagt: Da schaugts her, da is a Geld, da is a HauS, da is all's, was dazu g'hört. Jcht bringt mer ihr zwa a Brauerei zamm, als eigne Brauherrn, nur daß i an G'winnanteil Hab, daß mei bisse! Gerschtl gut a'g'lcgt is: wos sagst nacha, Kastl—?" Kastl schwieg, aber eine leise Röte zog über seine Wangen! er sah ins eilende Wasser, und die Jsaruymphe bemerkte er- staunt, daß ein schwacher Blitz wie eine Erinnerung an frühere Zeit auS den Augen fuhr. Das wäre freilich etwa?.— Aber:„Hot Der decs tramt, Ohm?" „Kann sei'. Kann sei' a, daß mer aner davo' was g'sagt hat—" „Aner der's Geld hat?" „Der's Gerschtl hat! Und kann sei' a, daß i dabei a' mi denkt Hab und mei' Alte, und daß i a amal außi möcht zu waS Bess er'm; mei', i bin nimmer jung, und a geruh- sam's Alter war grab recht.— Also— was sagst nacha,— Herr Brauereidirektor?" Aber Kastl, der Malzmönch, schwieg lauge. Er war das Schweigen so gewohnt: der Plötzliche Eiubnich neuer Aussichten und Gefühle war ihm fast zu viel auf einmal. Zufällig war. wie er sich ein solches Direktordasein vergegenwärtigte, das erste der Gedanke an den Schlaf. Ausschlafen können— du lieber Himmel. er hatte das beinahe aus der Erinnerung verloren. Freilich, auch selbst Aufsicht führen. daL mußte sein. Aber in der Regel konnte der Herr Direktor doch ausschlafen. Und überall nachsehen jeden Tag. Mälzerei, Sudhaus, Gärkeller... ja l Das ging ja nicht. Denn er sah gleich: da reichte seine Erfahrung nicht hin. Und er sagte gleich ruhig: „Vom Gären versteh' i nix und vom Lagern." Der Ohm zerstreute all' solche Skrupel und sprach leb- hast in ihn hinein. Kastl hörte zwar zu, aber eine andre Vision tauchte Plötzlich in ihm auf: das schöne Leben dann! Denn ein Brauercibesitzer konnte in seinen Augen doch nur leben wie der Alte. Villa, Pferd und Wagen-- ja und— — Eine Frau? — Nur wenigstens keine solche Tochter wie Fräulein Vivi... Ningclmann sprach noch weiter. Endlich unterbrach er sich und fragte: „Wödran denkst denn, Kastl?" „I waß net.—. Ob dees grad a Glück wär für mi?" „Selber a Brauerei leiten?!— Ja Herrgott— wenn decs ka Glück net is für an'n wie Du,— nacha waß nix meh'."— „D' Arbet scho. Da feit si nix. Aber's Leb'n halt.— Sixt Ohm, Du thust Der leicht. Du hast Dei Wei' und all's... Aber i! I bleib' halt immer der einschichtige Bub. Vor mir that ja ka Mensch net an richtigen Respekt haben. Und so jung wiar i bin.— I wünscht' manchesmal, i war alt,— recht alt—." Jetzt sakramenterte der Oheim los. Was ihm einfiele mit solchen melancholischen Mucken!— Er schüttelte den Neffen bei der Schulter dabei und eiferte wie gegen einen Langschläfer oder Trunkenen, den er aufwecken wollte. Und er erschöpfte sich in einem Strom von Rede. Aber umsonst. Der Kastl glotzte ins Wasser und ließ das Reden über sich ergehen. Der Oheim ließ endlich erstaunt ab mit den Worten: „Kastl, i moan Du bist krank; i glaub all'weil. Du hast an innerliches Leiden." Kastl zuckte mit den Achseln.— Dann war's lange ganz still am Zaun, nur das Wasser gurgelte und zischte vorbei, Sonnenfunken blitzten wie helle, grüne Steine darin auf, und die Zweige nickten taktniäßig in die Flut. Stahlblaue Schwalben wischten wie Schatten dicht über der Fläche hin. „Kastl, mei' Bua", begann der Oheim endlich wieder, «kunnt's denn mögli sei', daß D' no immer an dees Mensch denkst, die Schlamp'n,—'s Agathl?" Kastl sah abseits, weiter stromauf und griff hinter sich nach denl Krug, um daraus zu trinken, aber er aut- wartete nicht. „Js's denn um Gott'swillen mögli', daß der ihre Schlechtigkeit Dir so's Herz abdruckt hat, so vergift't möcht mer sag'n?" Ja, war's deun möglich, daß in dem großen, schweren Körper so eine zimpferliche Seele wohnte, daß ein einziger Liebesgram sie für immer mit Trübsinn umhüllt, ihre Spann- kraft gebrochen hatte?— Nie hatte der Oheim seit jenen Tagen von dem durchgegangenen Frauenzimmer mit ihm gesprochen: wie es jetzt schien, war das verkehrt gewesen. In Kastls Herz stand noch als letztes Bild aus jener Zeit der Moment da, wo das Mädchen ihn» weinend und zornig in dieKüche entlaufen war: was seitdem geschehen, wußte er wohl gar nicht. Darum, und weil er einmal angefangen, beschloß er, es umgekehrt zu vcr> suchen, und jetzt dein Kastl alles zu erzählen, was er wußte. Auf jeden Fall mußte ihn die Sache aufmischcn, und das war vielleicht für ihn gut. Denn diese trübselige Versnnkenheit mußte aushören. „Uebrissens— weißt denn seit dera Zeit nix neu's von dem elendigen Weibsbild?" „Ohm!" rief Kastl dazwischen und lvandte sich, fast drohend, um. „Na, na: mer wird do no dervo rcd'n dürs'n?" „Red' was D' niagst von ihr: nur—" und hier faßte erbittend die Hand des andern:„weißt,— nenn' s' net so l Nenn' s' einfach mit Namen, aber schimpf net.— Wenn aner zum Schimpfen a Recht Hütt', na war's i; net Du, und neamand." Der Ohm erstaunte wieder: also saß das Mädel richtig dem Kastl noch„im Gilet".— „Vo' mir aus!" sagte er dann, und begann flugs seinen Bericht.— Haas hatte sie also geheiratet und sie waren in Würzburg, wo sie eine feine Weinstube hatten und recht glänzende Geschäfte machten. Frau Haas war dabei ohne Zweifel der Magnet, der die Studenten und Offiziere in ihr Lokal zog. Denn sie war eine stadtberühmte Schönheit ge- worden, voll und rund und glatt und blühend, wie sich's gehört für eine elegante Frau Wirtin. Es schien alles ganz in Ehren zuzugehen, und das machte die jungenGäste nur noch wilder und begeisterter. Haas war's zufrieden und hielt sich für den glück- lichsten Menschen, besonders da die Frau sich als unübertrefflich in Küche und Geschäftsleitung erwies,. so daß er nach Herzenslust den feinen Herrn spielen konnte und mit den Stammgästen kneipen und manchen Hausrausch crwcrbcn. Aber man sprach davon, daß er beabsichtige, später einmal zu brauen. Er war schon mehrfach deswegen in Dliinchen gewesen. Und(was der Oheim aber vorläufig nicht mit erzählte) er hatte offenbar mich Kapital hinter sich; wenn Haas sich beikommen ließe, in München eine Brauerei zu organisieren, so tväre Ringelmanns Plan für einige Jahre zum Teufel. „Kinder ham s' keine," schloß dann der Oheim seinen Bericht. Kastl erhob sich schwerfällig, und sagte, indem er sich zum Hans zurückivandte:»Wart a Weng. I bin glei zurück." Er stieg die Treppe zu seiner Kammer hinan, die er mit drei Burschen teilte, und ging in den Nebenraum, wo eine Reihe Koffer und Truhen das fahrende Gut der Burschen beherbergte. Behutsam schloß er dort seine Lade auf und grub mit den Häildcn in den Sachen herum. Endlich kam eine lederne Tasche zuni Vorschein. Er öffnete sie und zog ein Papier hervor, das, in länglich viereckiger Form gefaltet, ein kleines Paket enthielt. Ein fader Dust von einer getrockneten Rose stieg daraus auf; und eine zerrissene Ecke zeigte, daß auch eine Photographie dabei war. Er zögerte einen Moment, dann faßte er das Paket zwischen die Zähne, um beide Hände zum Zuschließen des Koffers frei zu haben, und sperrte sorgfältig ab, erhob sich und schritt wieder hinab. Das Pakctchcn hielt er jetzt fest in den schweren Fingern; als er unten im Durchgang an der Darrfeuerung vorbeikam, schlug er die eiserne Klappe ans und warf das Paketchen in die heftig wirbelnde Lohe hinein. Dann klappte er wieder zu und ging an dem Burschen vorbei, der an der Feuerung schaffte und der ihn verwundert ansah, zum Haus hinaus und zum Ohm ans Wasser. Er hatte begraben, was ihn äußerlich noch an jenes Mädchen gesesselt hielt. Aber er sah so ruhig drein, wie ein Nero, der soeben ein paar Dutzend Blutbefehle erteilt. Der Oheim freilich legte sich die Sache anders ans. Er meinte, der gute Kastl könne doch das Reden über sein Agathl noch nicht vertragen. Darum, als jetzt der Neffe zuriickkam, sprach er von allerlei andern Dingen, schilderte eine neue Maschine zum Einteigcn, die neulich beschafft worden war und sich sehr gut anließ, sowie eine äußerst wichtige Poliermaschine, die er vor kurzem bei einem andern Brauer ge- sehe», und die eine ganz enornie Ersparnis an Malzausschlag versprach: denn nun brauchte man den ganzen Staub, die Erd- und Strohbrocken und dergleichen nicht mehr mit in die Schrotmühle gelangen zu lassen, das heißt mit- zuversteuern. Das war nun auch für Kastl etwas Jnter- essantes. Und zuletzt, nachdem sie sich erhoben und Ringel- mann gehen wollte, traten sie noch zu einem der Weichstöcke und sahen dem Gerstenregen zu, der sich ins Wasser ergoß. wobei beide, als Fachmänner, sich ein paar Körner fingen, sie zerbissen und mit der Beißfläche einen weißen Strich über den Handrücken machten._(Fortsetzung folgt.) Giuseppe Veedi. <9. Oktober 1813— L7. Januar 1901.) D>e geschichtliibe Entivicklnng der Musik seit den großen deulschen Klossikern hat in den etwa drei Meuscheiialtern, über die sie sich erstreckt, so viele und so verschiedeutliche Stufen durchlaufe», daß wir unL kaum in eine Persönlichkeit hineindenken könne», die das olles auch nur miterlebt, geschweige denn zum Teil reproduzierend mitgemacht und produzierend mitgeschaffen hätte. Eine solche Persön- lichkeit war vorher aus einen, andern, dem litterckrischen, Gebiete und in mehr regierender als mitfolgender Weise Goethe. Fnr die Musik des 19. Jahrhunderts ist es wohl nur einer geivescn, und dieser eine zwar keiner von den ureigen Schaffenden, ivohl aber eine Einzigkeitsnatur, die in sich allmählich eine gaiize Reihe alter und neuer Welten aufgenommen und selbständig verarbeitet hat. Verdi, der eben Verblichene. Und wie er diese fast hundertjährige Zeit- spanne begleitete, so hat er auch die Entwicklung der musikalischen Interesse» wohl eines jeden Musikfreundes von heute als eine Er- scheinung begleitet, deren wenigstens teilweise Kenntnis so sehr selbstverständlich schien ivie etiva die Kenntnis des Programms eines Weltpolitikers. Zu einem Stückchen ans„Eniani* liefen wir als Kinder herbei, wenn es in einem Bicrkonzcrt an die Reihe kam. Ms Halbreife schwärinte» und schwelgten wir mit dem.Troubadour" und ivaren todkränklich ver- liebt in die Sängerin der.Azncena" oder in den TcnorheroZ der Titelrolle(so ö non Verdi,& ben Trovatore— statt des bekannten se k non vero, e ben trovato, d. h.:»wenn's nicht wahr ist, so ist'S doch gut ersiinden"). Als Dreiviertelreife ent- rüsteten ivir uns über die Koloraturen, unter deren Gesang Traviata stirbt. Als Studenten sangen wir«nach Mitternacht und Verdi" und .mit nnbefiigter Benutzung einer bekannten Melodie" jenes schmier- volle„Rhcinschtväbische Miserere", dessen Text.Jatz aehmer nivwer haiin" und„Jetz bleitvemer aivwer noch'e bisle do" mit unendlichem Dacapo ans de» Figuren einer der leierndsten Arien hernmklettert. Als Wagnerianern schivoll uns der Kaum, noch um einige Bahrcnther Zoll höher. als wir hörten, Verdi sei zur Wagnerei übergegangen. Als Allcskritisierer fanden wir sein„Requiem"„zu opernhäft". Und als Kandidaten des Allcsverstchens erkannten wir in seinen kirch- lichcn AlterSwcrlcn den Musiker von gewaltigem Könne». Als Verdi seine Kindheit in dem parinesischcn Dorfe Roncole und dann seine Stndierzcit zu Mailand verlebte, da standen in Deutschland Beethoven und Schubert auf ihrer Höhe und bald auch an ihrem Lebensende; Mendelssohn begann als Wunderkind; und in Italien stiegen Rossini, Donizetti und Belli,» zu ihren Höhe» an, von denen mir noch die Douizettis vorläufig dauernd blieb, als Verdi mit einer jetzt vergangenen, an Belli,» erinnernden Oper im Mailänder Scala-Theater seinen ersten Erfolg errang. Das war vor mehr als 60 Jahren, 1839. Dann ging es rasch iveiter bergan; unter den damals folgende,, Opern haben.Nebnkadnezar" und „Ernani" vielleicht die größte Berühmtheit, gefunden und haben „Macbeth" und„Luise Miller" bereits das weitgespannte Interesse ihre? Komponisten für Schöpfungen der Weltlittcratur, besonders von Shakespeare, bewährt, das er noch als GreiS festhielt. Sonst aber gabs mannigfachen Mißerfolg, nnd erst in den Jahren 18S1 bis 1853 haben drei Werke seinen eigentlichen Ruhm begründet, die seither als Typen dieser spät-italienischcn Openimufik so populär ge- worden sind, daß kau», jemand ohne Begeisterung oder Abscheu oder wenigstens historische Anerlenniing an ihnen vorbei kann:„Riga- letto"..Troubadour" und.Traviata". Sie haben de» iängjt vor- handeiiei, und längst einflußreichen, bis in iinsrcö Lortzing Schaffen hercinreichende», italienischen Singsang nicht iwenvunden, aber ihn ergänzt durch eine Kraft des leidenschaftlichen Ausdrucks von Ge« mütsvewegungen. zumal von Sehnsnchtsstiiiininngen nnd Affekten. die bis dahin nicht eben gebräuchlich war und nicht so bald von einer neuen Tradition überwachsen werden konnte. Richard Wagner, ein paar Monate älter als Verdi, hatte damals zltnir bereits seine ersten praktischen und theoretische» Werke vors Publikum treten sehen; aber»och fehlte ein halbes Menichenalter bis zu seinen maßgebenden Erfolge», und einstlveilen lvarc» Gesäuge wie die der Zigeuner im.Troubadour"(.In unsre Heimal kehren wir wieder" u. dergl.) eine genug echte und zugleich der Hörerwelt einleuchtende Kunst, daß sie wie etwas Unbezweifel- bares und Un vergängliches ausgenomine» nnd wieder und wieder cingeschlürft werden konnten. Verdi selber kam vorerst nicht höher; doch wurde auch sein„Maskenball"<1859) beliebt nnd sein.Don Carlos"(1867) auerkauut. Nun aber kam eine politische Komödie von ganz einziger Art. die nicht ohne Ännstkomödie bleiben konnte. Zur Eröffnung des Suezkaiials 1871 arrangierte der Vicekönig von Aegypten ein Festtreiben, deffcn Milliardenlosten und Jmitationsglanz in de, intercsianten Buch von Prvfesser Bnigsch Pascha.Mein Leben" <1894) auf eine kaum glaubliche Weise z» Tage treten. Die modernen Aegypter mußte» nebe» ihren heimischen Tcnipeln und Insekten und ihren aus Paris vervollständigten Harems auch eine nationale Oper bekommen, und so wurde den» eine bei Verdi bestellt und mit der allerechteste» Ausstattung aufgeführt. Das Ivar die .Aida", ein Stück von jener Acgyptomanie, die seit dem ersten dazu gehörigen Roman dcS Georg Ebers<1864) und der.Afrikniieriu" des Mcyerbeer<1865) so ein bis zwei Jahrzehnte lang uiisre Theater, Salons und Kmistgefühle unsicher machte. Nach abermaligem Zwischenraum brachte Verdi 1887 nnd 1393 zwei wieder nach Shakespeare gedichtete Opern heraus,„Othello" und„Fatstaff", die ib» mi» als«inen zeigte», der trotz seiner 70 bis 80 Jahre noch Fortschritte machte— ob in WagnerS Geist oder nur in Wagners Gewand, mag hier uuerörtert bleiben. Welchen weiten Entwicklungsweg jedoch in Verdis Lebenswerk die Geschichte der Mnsit durchmessen hat, zeigten schließlich seine außerhalb der Operiibühue stehende» Leistungen, zumal wem, man sie mit srüheren italienische» Komp'ositionen wie etwa dem.Stabat Mater" von Rossini vergleicht. In, Jahre 1873 kam sein Streich- quartett in E-rnoII, uns res Wissens sein einziges derartiges Werk nnd unsrem im Augenblick nur dunklen Erinnern nach reich an In- halt; in deutsche» Konzerlen wird dieses Quartett oder wenigstens das Scherzo anS ihm nicht selten gespielt. Ein Jahr später wurde sein Requiem belannt, eine Komposition, die sich erst recht gut auf den, Konzertbode» hält, und deren, freilich«tlvas üppiger, Gehalt auf die Dauer nicht verkannt werden tanu. Auch ein„Stabat Mater", ein.Tedeuin" und dergleichen finden sich ebenfalls auf nnsien Konzertprogramme»; die Aufführung der.vier religiösen Stücke" durch den Philharmonischen Chor zu Berlin im vorige» Jahr ist wohl noch in guter Erinnerung der Hörer und erwies in diesen, mm doch wohl letzten Werk des Greises sein immer noch gesteigertes Können und Wollen. Seit langem hatte er sich, vor dem BegeisterungSjubel und neugierigen Selbstgefühl seiner .Landsleute aii keinem öffentlichen Ort mehr' sicher, in eine idyllische Abgeschlossenheit zurückgezogen; ein.Altersheim für Musiker" ist von ihm, der gewaltige Schätze erworben haben dürfte, vor vier Jahren begrünb-t worden. Am 21. Januar dieses Jahres traf ihn, an« sckieinend ohne vorherige Krankheit, in Mailand ein Schlaganfaw, dessen Nachwirkung ihm das Ende bereitete. Außer ihm hat Italien derzeit an großen geistesgeschichtlichen Besitztümern nicht eben viel zu verlieren.—• sz. Kleines �euillekon. fe. NilS dem Leben Ginseppe Verdis werden von seinen Bioflrophen zahllos« interessante Züge»nd Anekdoten berichtet Anziehend schildert besonders Arthnr Pougin die Fugend des verstorbenen Meisters. Die Eltern Verdis besaßen in Roncole eine klein« Gastwirtschaft. Der Knabe, der von seiner ihn vergötternden Mutter erzogen wurde, war schüchtern und in sich gekehrt; das einzige, was ihn aufzuregen vennochle und ihn in freudiges Eni- zücken versetzte, war die Musik. Von Zeit zu Zeit km» ein armer wandernder Geiger nach Roncole. dessen Spiel die höchste Be- Ivnndenmg des Knaben erweckte und in ihm den Wunsch wachrief, sein Leben der Musik zu widmen; sein Vater war jedoch dagegen. Eine Ohrfeige war es, die den Knaben mittelbar der Erfüllung seines Lieblingsivunsches näher brachte. Es war au einem Festtage. und der damals siebenjährige Verdi diente während der Messe als Chorknabe in der kleinen Kirche von Roncole. Die Messe wurde von der Orgel bc- gleitet; die Harmonien deS Instruments versetzten den Knaben so rn Entzücke», daß er alles andre vergaß. Da verlangte der Priester mit dem Worte„-Aqua," das Weihwasser; aber der Knabe hörte ihn nicht. Der Priester forderte noch einmal, und als er auch ein drittes - Mal mit seinem Ruf keinen Erfolg hatte, versetzte er dem kleine» Burschen einen heftigen Schlag, daß er die drei Stufen des Altars hinabstürzte. Der Fall war so heftig, daß das Kind ohnmächtig liegen blieb und nach der Sakristei gebracht werde» mußte. Aber als der Knabe wieder zu sich kam und zu seinen Eltern gebracht wurde, wiederholte er seinem Vater von neuem in de» rührendsten Ansdnickeu die Bitte, ihn Musil studieren zu lasse u. Diesmal vermochle der Vater nicht zn widerstehen und kaufte ihm bei einem alten Priester ein Spinctt, auf dem seine kleinen Finger sich üben konnten. Verdi hat dieses Jnslrniueut aufbewahrt. Der Organist in Roncole war sei» erster Lehrer; nach Verlauf von drei Jahren wurde der Knabe bereits Hilfsorganist.... In Mailand, wohin Verdi mit einem Stipendium und der Unterstützung seines väterlichen Freunds Varezzi, der später sein Schwiegervarer ivurde, zu seiner musikalischen Aus- bildnng ging, wartete seiner eine große Enttäuschung. Er nieldete sich zum Examen, um in das unter der Leitung Basilys stehende Konservatorium aufgeuoinmen zu werden und wurde kurziveg unter dem Vorwande zurückgewiesen, daß er— keinerlei musikalische Anlage» besäße: Verdi hatte bald Gelegenheit, sich an Basily zu rächen. Er nahm Unter- richt bei Lavigna, der das Talent seines Schülers sehr bald erkannte. Als Basily diesen eines AbendS besuchte und sich darüber beklagte, daß bei einem Wettbewerb von achtundzwauzig jungen Künstlern kein einziger das von ihm aufgegebene Thema korrekt zn entwickeln und die verlaugte Fuge daraus herzuleiten vermochte, nieiute Lavigna:.Das ist in der That unerhört. Da sieh' Dir Verdi an, der die Fuge seit ungefähr zwei Jahren studiert. Ich Ivette, daß er sie besser macht, als alle Deine Wettbewerber." „Meinst Du wirklich?" versetzte Basily etlvas verdrießlich.„Versteht sich... Du erinnerst Dich Deines Themas, nicht wahr? Schreib' es doch einmal auf I" Nachdem Bafily dem Wunsche Folge geleistet hatte, nahm Lavigna die Aufgabe und reichte fie Verdi.„Setz' Dich damit an jenen Tisch und bearbeite da§ Ding ein wenig," sagte er. Als- dann ftihren die beiden Freunde in ihrer Unterhaltung fort, bis Verdi mit seiner Arbeit fertig war und sie mit einem einfachen„hier ist sie" zurückgab. Basily nahm das Schriftstück, um dasselbe eincr sorg- fältigrn Prüfung zu unterziehen, und je weiter er las, desto lebhafter wurden dir Zeichen seiner Ueberrafchung. Als er seine Prüfung be- endet hatte, konnte er nicht umhin, Verdi wegen seiner Arbeit zn be- gkückwnnschcn.„Aber wie kommt es, daß Sie einen doppelten Canon zu meinem Thema geschrieben haben?" fragte er in Form einer Be- mcrknng. Verdi konnte eine etwas boshafte Antwort nicht unter- drücken:„Ich fand das Thema etwas michtern und wollte es ein Wenig ausschmücken". Basily biß stch auf die Lippen und sagte kein Wort mehr... Eine schwere Zeit für Verdi brachte das Jahr tlltO. Im Jahre vorher war seine Erstlingsoper„Obcrto di San-Bonifacio" in der Mai- ländcr Scala mit einer» ziemlich günstigen Erfolg ausgeführt worden. und Verdi hatte von dem Impresario Merelii ein für jene Zeit glänzendes Anerbiete» erhalten. Der Koniponist verpflichtete sich� von acht zn acht Monaten drei Opern zn schreiben und sollte für jede derselben 4000 östrcichische Lire erhalten. Ans Grund dieses Vertrags sollte Verdi für den Herbst 1840 eine komische Oper schreiben, für die ihm ein Text von Romani„Iln Giorno di regno" geliefcrt wurde. Da aber begann für den Künstler, der in, Jahre 1836 geheiratet hatte, eine Reihe der schwersten Unglücksfälle.„Im April," erzählte er selbst,„wurde mein kleiner Knabe krank; es gelang den Aerzte» nicht, die Ursache seines Leidens zu entdecken, und langsam dahinfiechend ver- starb der Kleine in den Armen seiner vor Schmerz fast wahnsinnigen Mutter. Einige Tage später erkrankte mein Töchtercheu, und auch fie raffte der Tod dahin!... Doch das war noch nicht alles: in den ersten Tagen des Juni wurde meine junge Frau selbst von einer heftigen Gehirnentzündung befallen und am 13. Juni 1840 trug man einen dritten Sarg aus meiner Wohmmg I Ich war allein... ganz allein I... In einem Zeitraum von etwa zwei Monaten hatte ich drei teure Wesen verloren; meine ganze Familie war da- hin!... Und in dieser furchtbaren Seelenqual mußte ich eine komische Oper schreiben I" ES ist zu begreifen, daß die unter solchen Umständen entstandene Oper leinen Erfolg hatte. Die schweren Schicksals- schläge drückten Verdi nieder; nach dem Mißerfolge glaubte er nicht mehr an seine Kunst und faßte den Entschluß, nie wieder z» kam- ponicrcn. Er verlangte von Mcrelli die Lösung seines Kontrakts. Dieser aber wollte ihn durchaus nicht aufgeben; er drängte ihm geradezu ei» Libretto von Solera auf. Verdi nahm es nut nach Hause; er las zufällig, als er das Mannskript aufgeschlagen hin- warf, einen Vers, der ihn ergriff, er durchflog die folgenden und wurde immer mehr gefesselt, und so sehr er sich auch dagegen sträubte, der Text.„Rabncco" betitelt, ging ihm fortwährend durch den Kopf. Er fand in der Nacht keinen Schlaf, stand auf und las das Libretto so oft, daß er es am andern Morgen auswendig wußte. Trotzdem wollte er seinen Vorsatz nicht ändern und brachte das Mannskript Mcrelli zurück.„Nun, schön! Nicht wahr?" fragte dieser.„Sehr schön."„Wohlan, so setze es in Musik!"„Nein, ich will nichts damit zn thnn haben." „Setze eS in Musik I sage ich Dir, setze es in Mufik!" Mit diesen Worten nahm Merelli das Heft, steckte es Verdi in die Taschen seines Neberziehcrs, nahm ihn bei den Schultern und schob ihn nicht nur ans seinem Kabmett, sondern schlug ihi» auch noch die Thür vor der Nase zu und verriegelte fie von innen. Verdi ging also nach Hause n t„Nnbucco" in der Tasche. Und er komponierte bald einen Vers, dann einen andern, und nach und nach wurde die Oper fertig. Am 9. März 1842 fand die erste Aufführung statt; die Oper errang einen noch nicht dagewesenen Erfolg mid niachte Verdi mit einem Schlage berühmt. Mit„Nabucco" begann nach Verdis eignen Worten in Wirklichkeit seine künstlerische Laufbahn.— Archäologisches. — Zwei bedeutsame Entdeckungen in Babylon sind von der Expedition Kolbe weh während der letzten Monate gemacht worden. Zuerst wurde die Prozessions st raße deS Gottes M a r d u k gefunden, gepflastert mit qnadrawietergroßen Kalkstcinplatten und kleineren Platten aus rotweißer Breccia, fast sämtlich nlit einer Inschrift Ncbnkadnezars versehen, welche die Bestimmung dieser Pflastersteine außer Ziveifel setzt. So« dann aber ist es ganz neuerdings zur Gewißheit geworden. daß das im Mai 1300 tief im Innern des TriinnnerhügelS Annan gefundene babylonische Gebäude kein andres ist als daS hoch« berühmte Nntionalheiligtum BabylonienS, der große Marduk« Tempel E s a g i l a. Viele Fragen betreffs der Topographie deS alten Babylon werden hierdurch entschieden; die Aufzeigrmg d«S Plans dieser gigantische» KultnSstattc, wie sie von den Herren Koldewey und Andrä zu erwarten ist, verspricht das höchste archäo« logische Interesse; und da noch der Zeitgenosse Alexanders des Großen, der Baalspricster Beroffos, ans den„nut vieler Sorgfalt" bewahrten llikunden des Archivs diescS Tempels geschöpft bat, so darf die Wissenschaft wichtige Funde mannigfacher Art zuversichtlich erhoffen, dieS um so mehr, als die den Tempel bedeckende Schutt» masse nach Dr. Koldewcys Bericht dem Eindringen moderner Ziegel« autiquitätemäuber bislang in wirksamster Weise gewehrt hat.— Physiologisches. is. Die Handschrist von Leonardo da Vinci hat eine Eigcntünilichkeit, über die man sich schon vielfach den Kopf zer« brochen hat. Der berühmte Maler, Naturforscher und Ingenieur schrieb nämlich nicht wie andre Menschen, sondern von rechts nach links»nd in sogenannter Spiegelschrift, bei der die Buchstaben sämt- lich verkehrt stehen und erst dann in ihrer richtigen Stellung er« scheinen, wenn man das beschriebene Blatt in einem Spiegel be« trachtet. Man hat lange Zeit geglaubt, daß Leonardo sich dieser Eigentümlichkeit absichtlich bedient habe, damit seine Entdeckungen, so weit er fie noch nicht kund geben wollte, mit größerer Sicherheit geheim zn halten wären. Diese Auslegung ist jedoch mit Bezug auf die Handschrift Leonardos ganz unwahrscheinlich, schon deshalb, weil die Spiegelschrist ganz leicht zu entziffern ist. Der wahre Grund ist viclniehr allein darin zu suchen, daß Leonardo liutsbändig ivar. Nach neuen Beobachtungen schreibt ein Kind von angeborener Linkshändigkeit Spiegelschrift mit der linken Hand, wenn es allein schreiben lernt, und es ist daher anzunehmen, daß die normale Schrift von Linkshändigen nur durch Belehrung und Uebung erreicht ivird. Daß Leonardo ein Linkshänder war, ist mit genügender Sicherheit festgestellt. Man weiß, daß er seine Zeichmingen niit der linken Hand anfertigte, wenn er fie schnell ent- warf, und daß er nach vorausgegniigcner sorgfältiger Ueberlegung auch mit der rechte» Hand zeichnete. Der Mathematiker Pacioli de Burgo, ein naher Freund Leonardos, hat es in einem seiner Werke. zu denen dieser die Jllustralionen geliefert hatte, geradezu aus- gesprochen, daß er niit der linke» Hand eine Schrift schreibe, die nur niit Hilfe eines Spiegels oder in der Art zn lesen war, wenn man das Papier umgekehrt gegen das Licht hielt. Auch hat Pacioli schon darauf Hingewiese», daß Leonardo da Vinci von Natur aus einfach deshalb verkehrt schrieb, weil er ein Linkser war, und daß jede andre Erklärung überflüssig sei.— Aus den» Pflimzenlebe». — Die Weyniouth skiefer. Durch ihre große Verbreitnng und Gebrmichsfähigkeit ist die Weymouthskiefer, Hnus strobus, der wichtigste Baum fiir die Holzindustrie Nordamerikas. Viel verbreiteter als der Name Wehmonth Pine ist dort die Bezeichnung White Pine, und auch in Deutschland fängt man an, fie Weißkiefer, hier und da auch Strobe zu nemien. Hauptsächliche Verbreitung findet sie im Secn�ebiet von Nordoinerika und von da auf einer Fläche von etwa 400000 englische Quadratmeile» bis an den Atlantischen Ocean. Sie erscheint soivohl in reinen Beständen als gemischt mit andren Nadelhölzern und mich Harthölzern. Die Weihkiefer ist seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts in Europa, allerdings nur spärlich, verbreitet. Namentlich muh man beklagen, daß der in mancher Beziehung vortreffliche Baun» in Deutschland selten ist, daß sein Nutzen für den Wald und die aus- gezeichneten Eigenschaften des Holzes selbst in vielen forstlichen Kreisen nicht oder nicht genug geivürdigt werden. Noch heute gicbt cö namhafte Forstschriftstellcr, die ihr Holz„das wertloseste' von allen Nadelhölzern" nennen,„daß sie in Deutschland überall ein harzarmeS, schwanimig- leichtes brüchiges Holz ohne be- sonderen Nutz- und Brennivert liefere". Neuerdings ist ein Wandel eingetreten. Namentlich ist eS der hannoversche Forst- direktor Bnrekhardt, der als Lobredner rmsrer Kiefer aufgetreten ist.„Gründlich untersucht." sagt er,„hat das Holz ivohl noch niemand; den forstlichen Versuchsstationen sei diese Frage empfohlen." In den letzten Jahren sind es siiddeutsche Forstmänner, die den ausgezeichneten Eigenschafte» der Strobe gerecht werden. Sie erträgt die größte Kälte, ist ansprmbslos in Bezug auf Boden und Klima, schat'tcnertragend und so raschwüchsig, daß sie in Bezug arif Massenerzeugurrg nur von der Pappel überboten wird. Ii» Stadtwalde z» Frankfurt a. M. ergab 1878 ein fünfundachtzig- jähriger Bestand für daS Hektar 21 Festmeter Derbholz' und 11,3 Fcstmcter Rcisholz bei der Durchforstimg. Im bayrischen Forstamt Trippstadt ergab kürzlich ein hnndertvicrjahrigcr reiner Bestand Söl Festmetcr für das Hektar, in Merfeld bei Dülmen fBezirk Münster) ein 48 Jahre alter, durch Pflanzung begründeter Bestand 10,2 Festmetcr im Durchschnitts- Zuwachs für Jahr und Hektar. Die Strobe ist in hohen, Grade bodenverbessernd, sturnr- und schneebrnchfest und in der Schaftform nur von wenigen Holzarten übertroffen. Man sieht sie auf sehr verschiedenen Boden gedeihen. Im ganzen der Kiefer vergleichbar, kann sie auch bei schlechterem und schwierigerem Boden gute Dienste leisten. Bei Aufforstung ver- ödeter Kalkberge ist sie oft erfolgreich, auch auf Moorboden und sogar auf ausgebautem Torfgrnnde. I» der dauernden dichten Beschattung und der starke» Nndeldccke liegt ihr bodenverbesserndes Wirke» und die Erscheinung, daß sie den Boden von lieber- ziige», auch von der MooSdecke frei hält. Das Brett der Weiß- kiefer ist leicht, in der Textur gleichmäßig, es schlviudet und reißt nicht, Ivirft sich auch nicht" Es ist auffallend stetig, astrein und leicht zu verarbeiten. Darum dient es dem Möbeltischler zu Blindholz, Schränken, Schubladen, dem Bautischler zu Wandbekleiduugen, Thür- und Fensterrahmen und besonders Fußböden, die haltbar und sehr dicht ohne Fugen bleiben. Zu Schiffsbekleidungen ist es beliebt, Iveil es Firniß und Oelfarbe leicht und reichlich aufnimmt. Für diese Zwecke wird viel Holz der Wcißkiefer in England eingeführt, auch deutsche Werften verbrauchen es. Nach Burckhardt halte» sich Zauulatten aus Wcißkiefer weit länger brauchbar, als Latten und Niegel von Fichtenholz, und Stangen auf Hausbödcn werden lnocheuhart. Harzreiche Strobe» werden als Grubenhölzer gern gekauft i Waggon- und Zngjalousien-Fabrikeu zahlen hohe Preise. Zu Äiiferarbciten ist es das beste von allem;„es sauft kein Wasser", sagt man in Süddeutschland. In der Möbelfabrikatio», wird aus Bayen, ge- schrieben, übertrifft es als Blindholz das Pappel- und das Tannen- holz, hat vor dem Föhren- und dem Fichtenholze den Vorteil ge- ringcren Gcivichts, leichlere BearbeitungSfähigkeit und größere Stetigkeit, vor dem Fvhrenholze außerdem den des Nichtblau>r«rdens voraus. Die Brennkraft ist gering wie bei Linde und Erle. Die Weißkiefer trägt bei uns häustg genug Zapfen, um die eigne Geiviuimng des Samens zn ermöglichen; unter drei Jahren ist regelmäßig ein ergiebiges. Der Same fliegt unregelmäßig ab, bei Wärme Mitte September, sonst anfangs November, manchmal auch erst im Frühjahr. Das Nahe» der Neife kündet die braungelbc Farbe der Zapfen und der harzige Ucberzug an. Sie werden mit einer langen, oben ein scharfes Stoßeifen und unten einen Haken tragende» Stange abgestoßen oder von den mit den» Haken herab- gebogenen Zweigen abgepflückt. Das Ausklengcn geschieht im Winter in Stuben auf Horden, die nebe» dem geheizten Ofen stehen. Getvöhulich wird aus Saat- und Pflanzenschulcn gepflanzt, da der Same selbst zu Mischsaaten zu teuer ist. Man pflanzt ein- bis zweijährige, die, aus dem Saatfelde entnommen, tvie die Kiefer auf gelockerten Boden versetzt werden, oder man verwendet geschulte Pflanzen. Diese werden ein- oder zweijährig auf das Pflanzenfcld gesetzt, wo sie zwei Jahre bleiben. Man besäet die Saatfelder zeitig, da der Same bis zum Aufgehen lange liegt. Die Pflanzung geht sicher von statten und wird in 1 bis 1,3 Meter Pflanzen- iveitc ausgeführt. In Mischpflanznugen, z. B. mit Kiefern, ist die Hauptholzart für den Verband maßgebend.— („Köln. Volksztg.") Physikalisches. b. Eine merkwürdige elektrische Entladung wurde von den» Direktor der Treptolv-Stcrmvarte vor kurzem beobachtet und in der Halbmonatsschrift„Das Metall" beschrieben. Jedermann keimt die schönen Lichterscheinungen, welche in den Geißlerschen Röhren beim Durchgehen elektrischer Entladungen auf- Verantwortlicher Redacicur: Robert Schmidt tn Bei treten: die verdünnte, in den Röhren enthaltene Luft gerät in leb« Haftes farbenprächtiges Leuchten. Bei der Auwendtmg eines sehr kräftigen Jnduktions- Apparats leuchteten Röhren, die nicht zu stark ausgepumpt»varcn, in einem schönen Purpurrot. Hierbei zeigte sich iu einer Röhre ein rotlenchtendcs Band in Form einer Schrauben- linie, die sich zugleich drehte, so daß die Schraubenlinie sich von einen» Ende der Röhre nach den» andre» hin fortzuschrauben schien. Der Druck in der Röhre,»velche diese merkivürdige Entladungsform zeigte, betrug 20 Millimeter Quecksilber. UebrigeuS tritt die Er- scheinung nur auf, lveun die Röhre vertikal steht, dagegen uicht, wenn sie horizontal gehalten lvird. Es scheint daher, daß sie mit den Luft- strönlungcn zusammeiihängt, die infolge von Erwärmung in spiraligcr Foru» aufsteigen.— HnmoriMsches. — Benutzte Gelegenheit.„Meusch, Sie haben ja Em- fälle wie ein altes HanS." „Äöimcu Sie mir da vielleicht'ne erste Hypothek darauf leihen?" — Das höchste der Gefühle.„Gelt, Großpapa, die Ein- tagSflicgc» leben bloß einen einzigen Tag?" „Jaivohl." „Da haben die's aber gut, da haben die ja ihr ganzes Leben lang Geburtstag."(„Liist. Bl.) — Gemein de wahl-Jdhllc n aus Württemberg. Aus Stuttgart wird der„Franks. Ztg." geschrieben: In» Württeni- bergischen Landtage machte in der Sitzung von, 25. Jaunar der Minister des Innern bei einer Besprechung der Gemcindcreform Mit- teilung über einige seltsaine Erscheinungen, die sich bei den Bürgeransschußivahleil gezeigt haben. So war in der Stadt Balingen bei der letzten Wahl nieuiand zur Wahl er- schienen, nicht einmal die Wahlkoinmission. I» Urach hatte sich ebenfalls niemand eingefnuden. Wahrhast kostbare Zustände aber herrschen in einer Geincinde dcS ObcramtS Rottenburg. Dort habe» die Bürger das schöne Recht, den BürgerauSschnß zu lvählen, seit Jahren— dem Polizeidiencr überlassen, der cS auch offenbar zu ihrer größten Zufticdenheit ausübt. Der Mann ver- fährt dabei sehr pfiffig: da er die Obliegenheit hat, die Biirger- ausschußniitglieder zu de» Sitzungen znsaminenznrnsen, so wählt er, un» sich seine schtveren Dienstpflichten zu erleichtern, grundsätzlich iiur solche, die iu unmittelbarer Nähe des Rathauses wohnen! In einen» andren Orte haben, während alle sonstigen Eiiuvohncr fern- blieben, die ortsauweseudcn Schneider gewählt und nun besteht der ganze Bürgerausschuß auS Schueideru!— Notizen. — Das Zeitschriften-Lesezimmer der königlichen Bibliothek»vird vom 1. Februar ab von S Uhr morgens bis 9 Uhr abends geöffnet sein.— — Halbes„Jugend" und die geistliche Theater- c e n s u r. Zur Geschichte des Aufführuugsverbots der Halbcschcn „Jugend" iu Wien gicbt Max Burckhard in der letzten Nummer der„Zeit" eine» überraschenden Beitrag. Er veröffentlicht das Gut- achte»» über die Znlässigkcit dieses Stücks,»velches er im»Jahre 1396 dem Statthalter von Niederöstreich auf dessen Wunsch erstattet hat. Darin»viderlcgt er die Bedenke», die gegen dieses Stück geltend ge- macht»vnrden, und bcsürivortct die Erlaubnis aufs wärinste. Wie aus dein genannten Artikel Dr. Burckhards ersichtlich, hat er als Direktor des Hofburg-ThcaterS daS Halbesche Stück später sogar er- tvorbeu und dann der Hofthcater-Bchörde in ähnliche»»» Sinne referiert. Aber die Antlvort darauf war seltsam genug. Burckhard teilt»»it. daß in seiner Antvesenheit die Snreguiia gegeben wurde, daS betreffende Referat dem— f ü r st e r z b i s ch ö f l i ch e n O r d i- n a r i a t zuznmitteln.— — S uppe's Burleske„Zwanzig Mädchen und kein Mann" lvird ain 1. Februar im Apollo-Theater in Scene gehen.— — Einen G l u ck- C y k l i» s. der an» 29. Januar beginnen und 7 Abende umfassen wird, veranstaltet das Deutsche Landes- t h e a t e r in Prag: u. a. komnit auch die seit 1770 uicht mehr auf der Bühne erschienene Reformoper„Paris und Helena" zur Aufführung.— — Leo S l e z a k ist für die Wiener Hofoper vom Jahre 1903 ab auf fünf Jahre engagiert tvorden.— — Eine in Ponipeji aufgefundene völlig versilberte Bronzefigur eines Jünglings von griechischer Arbeit ist dem Nationalniuscum in Neapel überwiesen worden.— — Der gegenwärtige Bestand an E l ch>v i l d in Ostpreußen dürfte etiva 350' Stück betragen.— — Kitt für Meerschaum. Man nimmt, schreibt der „Pr. Wegw.",' Würzburg, zu gleiche»» Teilen Gunimi arabicum und Kreide, beides fein pulverisiert,' und bildet einen dicken Teig, indem man ein wenig Wasser dazu gießt. Die zn präparierenden Gegen- stände müssen erwärmt werden, wenn mau sie miteinander ver- bindet.— — Die nächste Mode im Pelzwerk wird Schwarzfuchs und Blaufuchs sein.—_ [in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.