Anterhaltungsb Nr. 24 Sonntag. var»och keine Reuaissance-Wcinstnbe, in die er jetzt trat, es war ein bunt tapeziertes, schmales Lokal im alten Hanse, fränkisch von vorn bis hinten, aber nett und ehrbar. Und cm paar bunte Mützen hingen an den Haken, ein paar Zeitungen und Fuhchläne. Vnntbebändcrte junge Gäste sciszen vor hohen Gläsern mit Schorlemorle. Und— Frau Haas unterhielt sich mit ihnen von ihrem Coniptoir- tischchen aus. „Fron Haas, Grüß Gott I" rief Rmgelmann ungeniert wie ein Stammgast, und ging auf sie zu, gab ihr die Hand, übersah weltmännisch das Erstaunen und die Verwirrung der überrumpelten Frau, und legte ab. Dann zog er einen Stuhl nahe an ihren Sitz und überschüttete sie flugs mit einem Strom von Fragen.' ..Der Mann? In München, so.— Na. und die Kleinen? — Was, keine? Und's Geschäft? Zufrieden, kann mir's denken. — Dann ein feines Urteil über die Sorte, die er bestellt und die ihm die Kellnerin gebracht. Und Frau Haas hatte gar keine Zeit, nach dem Hollerbräu zu fragen— das heißt, sie hätte es ohnedies nicht gern geihan— und er wurde immer schärfer mit seiner Fragerei. (Forlsetzung folgt.) WlciPkcv Oelju. (Johannes Schlaf.) Es ist eigentlich eine wunderlich« Erscheinung, dah Schlafs Dichtung gerade jetzt von zwei Berliner Bühnen an zwei auf einander solgenden Tagen aufgeführt wird. Das naturalistische Drama ist zwar in der Praxis»och nicht nberwiinde», wenigstens nicht durch deutsche Leistungen, alicr kritisch ist es doch recht scharf nrilgenounnen und in seiner Unzulänglichkeit erkannt. Hier und da säugt man sogar schon an, hochnäsig zu werde» nnd den Natnraliömns zu behandeln, als hätte er nicht Thaten aufzuweisen, von denen»vir hente noch alle miteinander Gutes genießen. Das ist unangeuehni, ändert ober nichts an der Thatsache. daß der Naturalis- nius nun einmal im Niedergang ist. Sein begabtester Vertreter— Gerhart Hauptmann— ist insofern fahnenflüchtig geworden. als er über seine bisherige Knnstforni hinaus- strebt. Er hat sie ganz gewiß bisher noch nicht verlassen, aber es steht ebenso fest, daß sein guter Wille ihn nicht zurückhält. Wenn er in seinem nächste>l Dranra wieder naturalistisch fromm sein sollte, darf man vollkommen überzeugt sein, daß nur die Rot ibn so tugendhaft macht. Es erscheint also mertivürdig, daß man in diesen Tagen des iiawralistischen Herbstelns de»„Meister Qelze" ans der Gruft heranfruft, in die mnir ihn nndankbar genug ucr- senkt hatte. Es erscheint irni sy merkwürdiger, als Schlaf nicht durch spätere dramatische Leistungen die Notivendigkeit hervorgenise» hat, den.Fall Oelze" sozusagen einer Revision zu unterziehen. Die.neue Thatiache", die anä, im Neslhetischen für eine derartige Revision not- wendig ist, hat er nicht bciznvringcn vermocht. Wenigstens ich habe nie die Ueöerzeugung gewinnen können, daß nach seinein„Nkeister Oelze" auch inirgleickivertige Leistungen zu ermurtcn wären. So ist die Rennufführnng keine Erjcheinnng, die mit der allgenicinen Situation oder mit dem bc- sonderen Schäften des Dichters znsaninienhängt, sondern im letzten Grund ein Zufall, hervorgerufen durch den erfreulichen Umstand. daß im„Berliner Theater" nuter Lindau sich frisches Leven regte und daß man mich in der„Freien Volks- bühue" von der sonst genährten Verachtung der Buchdramen einigermaßen zurückgekommen ist. Beide Bühne" brauchten ein litte'rarijch interessmiles Stück, das in Berlin noch nicht viel gegeben wurde, und so griff man in beiden Thealern nach dem„Meister Oelze". Das soll keineSivcgs so etwas wie ein Vorwurf sein— wir sind von dem deutschen Querkopf» JdealiSmns. der ein gnteS altes Stück ablehnt, weil er ein gmcs neues Suick haben möchte, recht weit entfernt. Die Aufführung des„Meisler Oelze" rechnen wir beiden Theatern als ein Verdienst au und lvnnschen ans auf- richtigem Herzen, daß ihr Beispiel in entscheidenden Städten des Reicks Nachfolge finden möchte. Schlafs Dichtung muß nämlich»ach uufrkr Meimmg mit großem Respekt behandelt werden. Im Mittelpunkt steht der Tischlermeister- Franz Oelze. Seine Mutter lvar mit einem wohlhabende» Kleinbürger verheiratet und brachte damals den Franz mit in die Ehe. Beide haben einen Word auf dem Geiviffen— sie haben gemeinsam den ztveite» Ehemami umgebracht, weil sie fürchteten, er könne ein Testament zu ihren Gunsten doch schließlich zu Gunsten seiner leiblichen Tochter Pauline abändern. Die alte Mutter hat darüber den Verstand verloren und faselt in ihren irren Phantasien allerlei schauerliche Geschichten znsanniicn. Dann nnd wann gellen ihre wahnsinnigen Schreie durch das Hans. Der Sohn hält sich mit einer Art ver- biffcner Berbrccherhartnäckjgicir aufrecht. Den lieben Gott betrachtet er als eine Vogelscheuche,»in die dummen Spatzen aus den Kirsche» fernzuhalten. Macht haben und die andren treten— das ist's. Er glanbt nicht an eine Fortdauer nach dem Tode und zieht daraus mit Vcrbrccherlogik den Schluß, im Leben nach Lüsten ver- warfen handeln'zu können. In deni kleinen mitteldeutschen Marktflecken, in den, er lebt, meidet man ihn. Er will da« gar nicht anders. Er ist verschlossen, verbissen, cynisch und hämisch. Seine einzige Freude besteht in der Verachtung und Verhöhnung seiner Mitmenschen. Dazu kränkelt er, hüstelt und fängt auch schon an Blut zu speien— die Schwindsucht meldet sich und zwingt ihn, das Haus zu hüten. Natürlich geht es unter diesen Umständen mit der Tischlerei zurück. Da er wohlhabend ist, kümmert er sich nicht darum. Er läßt Geschäft Geschäft sein und lebt mir im Gedanken an seinen Sohn Emil, der die Tertia des Gymnasiums besucht. Emil soll „Pastor" werden— die haben am lvenigsten zn thun und verdienen das meiste Geld. Außerdem gewährt es dem alten Oelze eine cynische Freude, seinen Sohn im geistlichen Gewand zu denken. Sein Sohn wird Pastor von dem Geld, das er mit seiner Mutter durch Mord erworben hat— hähä l Franz Oelze freut sich. Da kommt eines TagS Pauline, die leibliche Tochter, ins Haus. Sie ist verheiratet und es geht ihr nicht besonders. Der Mann trinkt ein wenig, und das Geld will nirgends reichen. Armut am Morgen nnd Animt am Abend— eine andre Melodie kennt ihr Leben nicht mehr. Sie kommt in ihr altes Heini, in dem mm der Stiefbruder Franz herrscht, um sich ein wenig durchzufressen. Ihr kleines Tächterchen hat fie mitgebracht, damit es rote Backe» kriegt. Wenigstens erzählt sie, daß sie kommt, um einmal wieder bessere Tage zu sehen. In Wirklichkeit hat sie ihre besonderen Absichten, die Ivohl für sie die Hauptsache sind. Wie konnte der Vater so jäh sterben? Er soll einen Schlaganfall gehabt haben. Wahrhastig, der sah gerade ans, als ob ihn der Schlag rühre» könnte. Und wann« mnßie er gerade sterben, als er zu ihrer Hochzeit reisen wollte? Fürchtete man etwa, daß ihre Nähe ihn veranlassen könnte, das ungerechte Testament zu ändern? Diese und ähnliche Fragen verlassen Panline nicht mehr. Der Verdacht, daß ihr Vater keines natürlichen Todes gestorben sei. ist rege geworden und läßt sich nicht mehr beschwichtigen. Darum sucht sie das Hans ihres Sties- brnderS aus und alles, was sie hier sieht, bestätigt den Verdacht. Ans welchem Grunde ist die Alte wahnfinnig geworden? Wie kommt es. daß immer etwas von einem Mord in ihren Ivahnstnnigen Redereien spukt? lind dann der Franz, der hämisch nnd boshaft durchs Hans schleicht und ganz aussieht, als ob er einen Mensche» anS dem Wege räumen könnte I Der Verdacht erhebt sich fast zur Gelvibheü nnd Panline wird nun die Rächerin ihres Baters und die Peinigerin ihres Bruders. Franz durchschaut ihre Absichten, aber immer wieder iveiß sie ihm klug zn entrinnen. Sie ist eine energische und starte Natur und daneben mit großer iveiblicher Verschlagenheit anSgerüstet. Sie spielt mit dem Bruder wie die Katze mit der Mails. Unter der Maske der Freundschaft bringt sie immer wieder das Gespräch ans den verstorbenen Vater, aus allerlei Spukgeschichten nnd auf die Mordphantasien der Alten. Es gelingt ihr schließtich auch, den Brnder durch ihr raffiiliertes System in eine so ivahnstiinige Erregung hineinzuhetzen, daß er einen Vtulsturz bekounnt. Im letzten Akt liegt er im Sterben, und mehr wie einmal ist er, geplagt von Todesangst, nahe daran, sein GeheinniiS preiszugeben. Aber immer wieder beißt er die Zähne zusammen nnd schweigt— nnd schweigend und mit trotzig zusammengebissenen Zähnen stirbt er schließlicv nnd betrügt Pauliiie so um die letzte Fracht ihres heimlichen Kriegs. Die Dichtung ist— wie fast alle dramatischen Leistungen deS Naturalisnius— eine Novelle. Ans dem Lager der Philister lvird wieder der Eunvand kommen, daß der Stoff so„quälend" iei. Falls aber wirklich in der Dichtung etivas'quälend wirke» sollte, ist der Stoff ohne jede Schuld. Im Bereich der Kunst liegt das Quälende nie im Stoff, vielinehr liegt eS ilnmcr und immer i m Mißverhältnis zwischen Kraft und Wollen. Laster und Verbrechen kö»»e» so dargestellt werden, daß mir«ustc helle Freude daran haben, weil mir die starke Kraft spüren, die in der Schildenmg wollet. Andrerseits kann ein Schwank- moüv uns in entsetzlicher Weise quälen, weil der Autor sich müht nnd müht nnd nie über Banalität nnd Dürftigkeit binans- koimut. Wenn in der Dichtung von Schlaf also wirklich etwas Quäleudes stecken sollte, bitten mir höflich, den Stoff in Ruhe zu laffcn. Wir möchten nicht, daß man wieder einmal die düsteren Stoffe verdächtigte,»nn dann so nebenher für die angeblich heiteren Schwänke deS Herrn Blmnenthal Reklame zu machen.— Erich S ch l a i k j e r. SolktttAgsplnndevei. Schon Schiller oder irgend ein andrer dichterisch«rwerbSthätigcr Mann hat einmal irgendwo gereimt: D rum soll der Sänger mit dem Slhutzmann geh'»; Deiiii beide stehen auf der Menschhert Höh'n. Für den genauen Wortlaut kann ich mich nicht verbürgen; denn ich eitlere nach der Bülolv-Rheiiibabenschen Klassiker-AnSgabe— mit der tiefgründigen Vorrede des Herrn v. Köller,— in der die teilweise veralteten Produkte auf das Niveau der modernen dentsche» Bundesrats- nnd Ministertische gebracht morden find. Möge» aber auch die beiden Verse nicht init antiquarischer Ge- nauigkeit lviedergegeben sein, man erkennt auf den ersten Blick, daß sie einer revolutionären Zeit cntstannnen, die keinen Sinn für Sub- ordination und Autorität hatte. Niemand würde heule wage», einen Schntzman», den Anssichlsrat Gottes ans Erden, ans die gleiche Höhe der Menschheit zn stellen ivie einen Künstler, der nicht einnial ei» Patent, einen Gewerbeschein oder auch nur ein Kvnirollbnch besitzt; selbst der Befähignngsnachweis ist ja in den allerseltcnsten Fällen erbracht. Allerdings gehören Sänger und Schutzinalm in gewisser Hinsicht ziljannuen, aber mir in der Weise, wie der Gefangeiien-Transporteur mit dem Einbrecher geht: der Schntzmaim ist von Amts wegen verpflichtet, mit dem Sänger zn gehe»,»m ihn auf Schritt und Tritt z» beaufsichtigen, ob er nicut irgendwie gegen Ordnung und Sitte, und überhaupt gegen die Gesetze des Landes vcrstöht. Ein Künstler ist der leibhaftige dolus eventualis, der jeden Augenblick hinreichend verdächtig ist, im Innerste» seiner schwarzen Seele die Absicht ge- wälzt zu haben, entweder die Grundlagen des Staats zu unter- graben, oder die Religio» zu schmähe», oder die Klassen gegeneinander aufzuhetzen oder das Schamgefühl gröblich zu ver- letzen oder Ehe und Familie anzugreifen. Daraus folgt, dah so ein Mensch iveit schlimmer und schtvierigcr zn beaufsichtigen ist, als etwa ein Raubmörder. Ein Mann des letztgenannte» Berufs läsit sich in der Regel mit einem oder höchstens zwei bis drei Fällen begnügen; merkt er dann, daß er doch nicht von der Polizei entdeckt wird, so giebt er das Handwerl auf, dieiveil es den Reiz der Spannung für ihn verloren hat; wenn er seine Schlauheit nicht mehr anzustrengen braucht, um de» Häschern zu entwischen, dann lohnt eS sich nicht mehr, rückfällig zu werde». Auch ein Raubmörder will nichts ohne Schweisi von den Göttern geschenkt erhalten. Wird so ein Kerl aber doch einmal versehentlich ertappt, vielleicht weil er seine Visitenkarte bei seinem Opfer zurückgelassen, so ent- schwindet damit für ihn die Möglichkeit überhaupt, sein Geiverbe fortzusetzen. Anders mit den Knnstthäteru. Da die moderne Hnmanitäts- dnselci es so weit gebracht hat, dag man diese Verbrecher weder auf Scheilerhaufen schickt, noch auf Lebenszeit ins Zuchthaus sperrt, sondern höchstens mal ein, zivei Jahre i»S Gefängnis bei reichlicher Rahnmg und guter Behandlung verbannt, so ist es klar, dasi sie Tag und Nacht mit frechem Hohn in fortgefetzten Rückfällen schivelgen. Das erschwert die Aufgabe des Schntzmauns ins lln- gemessene. Dann aber vermehrt ein fernerer Umstand die Schwierigkeiten der polizeilichen Kuustaussicht. Kein Schutzmann fühlt die Verpflichtung, einen Einbrecher davon zurttckzuhaltcu, dag er sein Werk ausführt. Erst nach vollendeter That erwacht das amtliche Interesse. Hingegen in Sachen künstlerischer Bethätigung ist der polizeiliche PflichtcnkrciS erweitert. Der Amlseid Und das Dienstreglcment des Schutzmanns zivingt ihn vor die Aufgabe, zn verhindern, dah verbrecherische Worte, Töne. Farben. Gesten überhaupt zur vollendeten That werden. Der Schutzmann muß unter allen Umständen die Abtreibung solcher Früchte bewirken. Zu diesem Zwecke wurde die diskrete An- stall gegründet, die mau C e n i n r nennt. _ Die unendlich schwierige Frage liegt darin, was„solche" Früchte sind. In der Dienstanweisung der Ccnsur heisit es einfach: „Die echte, wahre, sittliche Kunst ist gestattet— die niedrige, unsitt- liche Afterknnst ist verboten." Das sieht sehr klar ans, ist aber für den Schntznrann doch ein schweres Problem. Es ist unniöglich. das Amt der Knnstpolizci zur allgcmrmen Zufriedenheit auszuüben, >ve»u nia» keinen feste» Matzjlab hat, die richtige und die falsche Kunst zu scheide»; am Alexauderplatz in Berlin ist ja bieher kein Baum der Erkeiiulnis gewachsen, von dem man nur zn nascheil braucht, in» sehend zu werde». Im allgemeinen hat die angewandte Censnr-Aesthctik. bisher nur eine greifbare Regel festgestellt, die dahin geht:„Wahre Kunst ist, was angezogen ist". Leider kann aber diese durch ihre Bestimmtheit wvhlthnende Regel doch nur Geltung haben für das Reich der bildenden Kunst. Was soll»inn sich aber unter einem angezogenen Streichgunrtelt oder einer angezogenen Tragödie denken? Andrerseils ist es wieder klar, dah beispielsweise die doch nnudestens zu 25 Prozent ausgezogene Trikotkunst, wie sie im Cirkns oder im Wintergarten dargeboten wird, zur wahren Kunst gehört, was durch den einen Umstand hinlänglich bewiesen wird, das; Mitglieder des durch Leipziger Gerichlsbcschlnh festgestellte» ersten Standes im deiltsckxn Reiche. dosi Offiziere mit Andacht und Vorliebe an derartigen Stätten zn verweilen pflegen. Auch do« Kriterium genügt nicht, das; die innhre Kunst von bereits v e r st o r b e» e n Künstlern stammt, während die Erzengnisse der Lebende n unsittlich sind; der Dickster der Bnmtnacht und der römischen Elegien ist tot, nnd Laufs lebt! Also bleibt die grohe verzweifelte Pilatnsfrage in all ihrer furchibarcn Ilngelöstheit bestehen: Was ist ivahre Knnst? Daraus folgt ferner, das; jeder fühlende Mensch tiefes Mitleid mit den opser- mutigen Brüdern von der Polizei haben muß. die nicht müde werden. miablaisig trotz der crioähnten geivaltigen Schwierigkeit immer von nciici» die Ivahre und die falsche Kirnst zn scheiden— in ihren edlen Bemühnngcn durch die Roheit der sogcnannteii öffentlicheii Mciiiiiiig gehemmt nnd höchstens durch geistig und sittlich höher stchciidc Organe, wie„Germania" nnd„Reichsbote" ein wenig ge- fördert. Es war fürwahr kein Heldenmut, als der amtsrichterliche Knnst« müllcr des deutschen LteichstagS dieser Tage im Parlament über di« angeblichen oder auch wirklichen Mißgriffe der Censiir lästerte. Auch Herr Müller von Meiniiigen scheidet ja zwischen Licht- und Schattenseiten der Knust. In welche Verlegenheit würde er selbst geraten, wenn er die Pflicht hätle, von Amts wegen die Lichtseiten freizugeben und die Echattenfeitrn zu streichen I Er würde den Sndermaiin dann sicher ans die Menschheit loslassen, während Leute mit nicht- müllerischem Geschmack ans vollständige Streichung dieses Autors plaidieren würde». Ganz mit Recht gerieten zwei lebendige Geheimräte ob der»n« berechligten Angriffe auf die hoch verdiente KimstreinignngSbehörde in lodernde» Zorn sittlicher Entrüstung. Jeder Menschenfreund, der es ernst mit dem Seelenheil des Volks nimmt, mutz in diese Ent- rüstimg einstimmen. Kann nicht wirklich auch ein Jodler zur falschen Kunst gehören nnd bedarf deshalb dringend der polizeilichen Korrektion? Ich wenigstens habe schon Jodler gehört. Jodler, Jodler, von denen ich ohne weiteres annehmen mußte, daß ein mit sittlich reinem Empfinde» begabter Schutzmann sich leicht sehr»in» saubere Dinge dabei hätte vorstellen können. Herr Müller hat sich die Sache sehr leicht gemacht. Er hat ein- fach die Beseitigung der Censur gefordert. Na. dann hat man's frei- lich nicht mehr nötig, sich in die tiessten Rätsel der Menschheit zn stürzen nnd polizeilich zu emiitleln, wo die wahre Kniist aufhöre nnd die falsche anfange. Herr Müller hat das Problem erwürgt, statt es zn lösen. Und doch glaube ich, gerade ei» Abgeordneter hätte bei einigeni Nachdenken eine vorzügliche Lösung finden und beantragen kömien. Zwar die Polizei hat bisher keine zivingenden Vorschriften zu ersinnen vermocht, wonach das Laster von der Tugend mit unfehlbarer Sicherheit geschieden werden könnte. Dagegen befitzt das Parlament bereits diesen Stein der Weisen. Der Reichstag weiß ganz genau, was sich schickt und Ivas sich nicht schickt, er beherrscht die Geheimnisse der Würde des Hauses und die Gesetze des Anstauds; denn er erfreut sich einer Geschäftsordnung und eines Präsidiums. Wir haben erst kürzlich mit Staniicn an einem merkwürdigen Fall die veredelnden Wirkungen des Parlaments wahrgenommen. Derselbe Herr v. Frege, der außerhalb des Hauses Socialdemokraten als grüne Jungen beschimpfte, ist durch den Präsideiitensessel so ver- feinert worden, daß er heftiges Seekciirciße» enipfmid, als unser Bebel den Stöcker, wenn auch nur in htzpothetischer Form, einen infame» Kerl nannte. So untrüglich leitet die parlainentarisch« Ord- innig zum Guten. Wohlan mau führe auch in der Kunst die parlamentarische Ordnung ein. Mau ersetze den Ceusor durcki den Präsidenten, der darüber wacht, daß keine in Schauspielen handelnde Person eine nnparlamrntarische Handlung oder Aeußcrnng begeht. Graf Ballcstreni richte in den nächsten Ferien zu diesem BeHufe eine Sckmlc parlauicntarischer Ordnimg ein, ans der dann die neuen Ceiisoren hervorgehen, die keine Mißgriffe mehr begehen sondern mit nie irrender Sicherheit feststellen'werden, was parlainentarisch erlaubte und was«nparlanientarisch verbotene Knnst sei. Die Kunst selbst wird ans solcher Einführung der Parka- meutarischen Sittengesctze einen iiugeheiircn Ausschwuug entnehmen. Ein flüchtiger Blick in die Weltlitteratnr zeigt zur Geniige, daß all die traurigen Vorgänge, die in den Dickunngcn sich ereignen, diese inassenhafien Frevel wider das Strafgesetzbuch, in der Regel aus einem höchst nnparlanieutarischeii Verhalten der Personen zn einander ergeben. Würde hier rechtzeitig eingegriffen, würden die Per- soneu gehindert werden, sich zu beleidigen und zu beschimpfen, so würde in der Regel die enischeideude Ursache der uachfolgeudc» Verbrechen und damit diese selbst beseitigt werden. Würde es bei- spielsweise ein Kinistpräsident den beiden Heldinnen in den Nibelungen vcrwchri haben, sich so mordsmäßig imparlamentarisch aiisznstthrcn— viel Blut iväre erspart worden. Die ganze Kunst wird derart ein« hellere, sceniidUchcre Färbung erhalten, wenn man ihr die guten Sitten des demichen Reichstags zur Bedingung setzt. Um ein Beispiel ans der Praxis zn geben: Im ersten Teil des Faust trifft Äretchcns Bruder Valentin nächtlich vor Gretchons Fenster mit Faust und Mephistopheles zu- sanmicii. Bei Goethe tritt Valentin, als Mephistopheles seine Serenade gesimgen, wütend vor und schnaubt ihn an. „Wen lockst Du hier?" Beim Element!" Hier bereits muß der Kunstprästdeut seines Amtes walten und zu Valentin bemerken: Diese Flüche entsprechen nicht der Würde der Kunst; ich rufe Herrn Valentin zur Lrdmmg. Dicjcr fährt fort: „Vermaledeiter Rattenfänger!" Sofort springt der Kuustpräsident ein: Herr Valentin hat ein Mit- glied dieses fDrauias«inen vermaledeiten Rattenfänger genannt. Das ist ich zulässig. ich rufe den Sprecher abermals zur Orduniig. Ich bitte dringend, daß der verehrte Herr sich in seinni weiteren Aussiihrinigen mäßigt und mache ihn auf die geschäftsordmingsinäßigen Folgen eines nochmaligen Ordnungsrufs anfmerkiLm. Doch Valentin ruft uub«küiin»ert: „Zinn Teufel"— Da tönt schrill die Glocke des Präsidenten: Herr Valentin, Sie haben Iviedenmi ein kmistparlnmentarisch durchaus anstößiges Wort gebraucht. Ich rufe Sie deshalb zum dritteiiiuale zur Ordnung und entziehe Ihnen das Wort. Valentin darf iiifolge dessen incht weiter reden, er muß die Bühne verlaffen, wird mithin nicht tot gestochen nnd allcS kommt anders, besser, tugendhafter und erfreulicher... In dieser Richtung alio liegt die einzig mögliche Reform der Eensnr. Das hätte Hm' Müller fordern innssen.— .Joe. Nleines Feuilleton. ♦h. Eine Untrrhaltinig. Am Kottbuscr Thor hielt der Wagen noch«inmol. Es stiegen neue Passagiere ein, drei Damen. Die eine blieb ans dem Perron stehen, die beiden andern gingen in das Innere des Wagens hinein. Mutter und Tochter, gar nicht zu ver» k eniie», schr elegant, in Traner. Die Tochter lieb sich init eincin Seufzer ans de» Sitz gleiten.„So. das wäre geschafstl* Die Mutter nahm ihr gegenüber Platz:„Ja, is man gut, daß wir mitgekommen sind. Hab'ja aber gleich gesagt, Lotte, wir hätten soll'n'ne Droschke nehme», nach den Kirchhöfen is's nachmittags immer so voll." „Na, nun sitzen wir ja." Die Tochter strich an ihre» Hand- schuhen.„Aber Mieze wird frieren drauhen." Sie beugte sich vor und nickte der jungen Dame ans dem Perron zu. Die Mutter lächelte und nickte gleichfalls...-„Na sie hat ja ihren Pelzkragen um. und da wer'n ja mich schon Plätze leer. Komm her z» uns, Miezeken I" Das junge Mädchen vom Perron kam herein. Sie tnig einen Kranz, Lorbeer und tveiße Rose». Vorsichtig balancierte sie ihn bo� sich her und ließ sich neben der alten Dame nieder. „Onkel Fritz ist schon draußen?" „Mein Mann?" „Papa ist ja schon mit dem borvorigen Wagen mitgcko.nmeii,' sagte Lotte. „Is aber komisch, daß wir in>S hier getroffen haben." Lotte nickte:„Ja, so'n Aufall. Du. aber weißte, den braune» Pelz hättest Du eigentlich»ich nmmachen sollen, das sieht doch dumm aus zum Begräbnis." „Gott, is doch man'ne Cousine." Die alte Dame zuckte d'.e Achseln. Lotte kicherte:„Wie viel Schwänze nur das Dmg hat!" „Noch lange nicht so viel wie Dcins!" „Sieben Hab' ich ja nian." Lotte hob die einzelne» Enden ihres schwarzen Pelzkolliers in die Höhe." „Bierzehn." „I wo: sieben I" „Nee, vierzehn. Jeder Schtvanz is aus zwei Schwänze." „Na, wenn Du so rechnest, hast Du ztvanzig." Sie lachten beide. Die Mutter hatte indessen aus dem Fenster gesehen.„IS ja schon halb dreie." „Ach herrje, wann is denn's Begräbnis?" „Um dreie." „Denn kommen wir noch zeitig genug." Lotte niachte ein nachdenkliches Gesicht:„Der anne Felix, nun muß er schon in die Erde!" „Ja, es ist so plötzlich gekommen," die Mutter wiegte das Haupt—,„und Weihnachten lvar'n lvir noch so vergnügt zu« sainmen I" „Und Fastnacht wollte er noch mittanzen." „Die Quadrille, ach Jott ja! Ist denn Dein Kostüm schon fertig. Miezeken?" „Nee, Tante, nächste Woche erst. Aber fein wird'S, rosa StlaS Nlit Flitter«." „Ach ja. Du gehörst ja zur rosa Gruppe. Lotte trägt Hellblau mit Wachsperlen.' War Felix eigentlich blau oder rosa?" „Er wollte ja rosa gehen, weil Trude Bürger auch rosa geht." „Ja, der arme Felix 1 Aber eigentlich konnte er gar nicht tanzen." Lotte seufzte, dann richtete sie sich plötzlich auf:„Kinder, wißt ihr, ich habe aber schrecklichen Hunger." „Habe ich Dir ja gleich gesagt. Siehste!" Die Mutter machte ein strafendes Geficht.„Warum stehste zivei Stunden und brennst Dir die Haare? Hättest lieber mitessen sollen." „Na, ich hatte voch keine Zeit",— Lotte maulte—„aber Mama hat wirklich ordentlich gegessen, vier Eier und zwei Kotclelteu." „Besser, als ivenn ich hungere." Mieze gähnte:„Ich habe auch nicht gegessen, ich esse nachher draußen wo was. Oder ich fahre mit zu Lohmanns und trinke da Kaffee. Die haben auch immer so schönen Kncheir. Geht Ihr auch mit zu Lohmanns?" „Ich komme mit," sagte Lotte,„ich will noch was hören von Felix, und wie er gestorben is. Gott die anne Tante Lohmann I Nu so der einzige Sohn!" „Ja, sie soll ganz außer sich sein, Frieda hat eS mir erzählt. „Den ersten Tag tvar sie gar nicht zu beruhigen. Sie wird wohl auch nicht mit draußen sein. Na, grüßt sie nur von mir." „Kommst Du denn nicht mit hin, Tante?" „Maina hat sich ja»och nicht angezogen," sagte Lotte. „Ach soo— hent�abcnd für'» Verein! Kommt Ihr hin?" „Ja, natürlich!" Lotte lachte ivieder ins Muff, ihre Augen blitzten:„Ich will ja mit Doktor Rösler Knallbonbons ziehen. Du kommst erst später. Nicht wahr?" „Ja. wcnn's Konzert zu Ende ist. Du gehst tvohl gleich von Lohmanns aus? Willste denn aber so schivarz gehen?" „Is ja Seide." Lotte strich über ihren Rock. „Ich habe aber auch'» roten Sammetkragen in der Tasche, de» binde ich nur in der Garderobe noch um!" „Schivarz macht interessant," sagte die Mutter.„Was haste'n eigentlich für den Kranz gegeben, Miezeke»?" „Zwei Mark fufzig," das junge Mädchen hob das kostbare Gewinde in die Höhe. „Viel zu teuer, den hättest Du draußen viel billiger bekomme»." „Sind aber frische Blumen, Mama I Lotte hob die weiße» Rosen auf.- „Na Ivenn auch, draußen sind sie aber viel billiger. Ich kaufe erst draußen." „Ja, da kriegen wir schr schöne Kränze zu'ner Mark's Stück; neulich haben wir auch draußen gekauft, aber prachtvoll, sage ich Dir Mieze." „Na, und wenn man selbst zwei Groschen mehr geben muß, dann braucht man sich doch nicht damit zu schleppen." Die Mutter ivarf den Kopf zurück.„Ja so für drei Mark will ich ja auch nehmen, das muß man doch schon anstandshalber, sonst wird nachher geredet." „Aussteigen,— lvir müssen ja aussteigen, Kinder",— Lotte sprang auf—„hier ist ja schon der Hermamiplatz!" „Herr Gott ja. der Herniannplatz I" Die beiden andern er« hoben sich gleichfalls. Die Mutter schoß durch den Wagen. Die Mädchen folgten ihr etwas langsamer." „Da drüben steht Papa!— Ach und Möllners sind bei ihm, jetzt haben sie uns gesehen." Lotte hob den Muff und winkte hinaus, dann gab sie der Cousine plötzlich einen Schubs:„Du, da drüben kommt auch Assessor Berger." Wo?" „Da, und mit'n Cylindcr." „Ujeh ja mit'ne Angströhre." Sie lachten beide lin die Muffen. Die Mutter, die schon halb auf dem Trittbrett stand, drehte sich um:„Aber Kinder, seid doch nicht so laut! Was sollen denn die Verwandten denken, wir sind doch hier in tiefer Trauer.— Humoristisches. — Das Höchste.„Sag', Hannes, Ivas würdest Du th»n, wen» Du der r e i ch st e Bauer im Dorfe warst?" .I', i' ivollt' Euch schon zeig'», was a' reicher Bauer is!... Verklag'« thät' i' d' ganz' G'meind' mitsamt'm Bürger- meister I"— „Gemütlich: Der Nachtzug der Lokalbahn fuhr in die Halte- stelle ein, die in abendlichem Herbstdunkel lag, und wollte eben mit unverminderter Schnelligkeit dieselbe am ander'» Ende des Bahnhofs wieder verlassen— als ans der Finsternis eine Stimme erscholl: „He! Anhalten! Mitnehmen!" Keuchend stand die Lokomotive. Das Zugpersonal lief zu- stimmen. Was gab es? Was war's?... Nun denke, ei» Mensch: Ein Passagier! Wahrhaftig ein Passagier, der hier einsteigen lvollte. „Ja, Ivas fällt Ihnen denn ein?" ruft der Zugführer entrüstet unter dem Beifall seiner Kollegen.„Das wär' doch noch das Höhere I Das nächste Mal brennen Sie gefälligst, wenn Sie mitwollen, ei» Zündholz an, damit man w e i ß, daß jemand da ist!"— In der ersten Freude. Junger Arzt(sf3 er nach wochenlangem vergeblichen Warten den ersten Paticuteu im Warte- ziuuner erblickst:„Hurra der erste Patient I... Der wird ver- soffen!"—(„Flieg. Bl.") Notizen. — Der diesjährige Vertretertag des Verbands deutscher Schriftsteller- und Jo u r nali st en vereine tvird in E i s e n a ch abgehalten.— —„Tragödien der Seele". Schauspiel von Roberto B r a c c o, deutsch von Otto Eisens chitz, erzielte bei seiner Erstaufführung im Wiener Volkstheater einen AchtungS- erfolg.— —„Die P r: n> a d o n n a", eine Operette von Müller- Norden, fand bei der Erstausführung im Wiener Karl» Theater eine freundliche Aufnahme.— — Eine d-moll-Siiifoiiie von H a» S Hermann hatte bei der Erstaufführung in Kassel einen starken Erfolg.— — Der Görlitzer Richard W a g u e r- V e r e i n, der seit zehn Jahren besteht, hat beschlossen, sich aufzulösen.— a. DaS Max Klinger-Werk„ V o m T o d e", das im Auftrage der„Verviudnug für historische Kunst" geschaffen tvird, soll noch in diesem Jahre vollendet werden.— — Die K ü n st l e r h a u s- A u S st e l l u n g bringt in diesem Monat u. a. ein noch nicht bekanntes Portrait vom Altmeister Menzel.— — Keller n» d R e i u e r schreiben drei Preise von 1000 M.. 600 M. und 400 M. für die besten E n t>v ü r f e zu eine in Speisezimmer aus. Die Entwürfe müssen bis zum 1ö. April 1901 eingeliefert sein.— — Das Leipziger Goethe-Denkmal, das den Dichter aus der Zeit seines Leipziger Aufenthalts als Student dar- stellt, lvird auf dem Naschmarkt aufgestellt werden.— — I d e e» v c r k ä u f e r. Die in Leipzig erscheinende„Litter. Praxis" bringt folgendes Inserat:„Originelle Ideen, auch bereits kapitclweise arrangierte Entwürfe zu Romanen, Novellen und Dramen offeriert älterer, akadem. geb. Schriftsteller. Nur bereits endgültig eingeführte Kollegen belieben Offerten unter E. V. 1900 franko, postlagernd AdlerShof-Berlin niederzulegen."— Percnitwortlicher Redacteur: Wilhelm Schröder in Mlinersdorf. Druck und Verlag von Max B ding in Berlm