Hlnterhattttngsblatt des Horwärts 3!?. 25. Dienstag, den 5. Februar. 190t vie jetzt ohne Verzug Ebelein verkaufen müsse, wenn er überhaupt noch»»ach diesem bösen Eklat, den alle Welt lvissen maßte, einen annehmbaren Preis haben wollte.— und drang dann bis zum Alten selbst vor; die Frau ging mit ins Zimmer, und beide setzten dem Kranken hart zu. Er geriet abenuals in die ärgste Wllt; aber zuletzt antwortete er gar nicht mehr. Da gingen beide hinaus; Frau Ebelein war hoffnungsvoll gestimmt, denn sie wußte, wenn Ebelein auf vieles Zureden still wurde, überlegte er sich etivas. Ringelmann ging heim; er hatte getha»», tvaS er konnte. Morgen mußte»nan nun weiter sehen. Durch de»t Spektakel und die Entlassungen war so viel Verwirrung in der Brauerei, daß Ringelmann alle Hände voll zu thuu hatte. Kastl war noch ain selben Abend zum Ärapfeuivut gezogen und Toni und Lutz waren seit vor- gestern mittag überhaupt verschimlnden, ohne zu sagen»vohin. Da kain plötzlich eine Bombe in das ohnehin verstörte Gebäude geflogen: Ebelein schrieb,— er konnte nicht komnien, da die Aufregung ihn kränker als je gemacht habe, dem Coinptoir, daß er soeben, einem lange erlvogcncn Plan folgend— den Hollerbräu einer Bankfirma verkauft habe!... Bis hierher las Ringclinann mit Staunen,— aber jetzt cnt- fiel ihm das Blatt... Die Firma»var nicht Miudel- heimer u. Co., sondern Jakob Altstädter! Ringelmann»var völlig zu Boden geschlagen. Für»vas— für wen hatte er nun gearbeitet? l Mindelheimer mußte jetzt eben, auf der Börse, die Nachricht erfahren. Was»nußte er von ihm, Ringeliiuinn, denken?!-- Die nächsten Tage schlich er»vie ein Träumender herum; alles wuchs ihm über den Kopf. Kastl hatte sofort ein An- erbieten von einer angesehenen Brauerei in Erlangen er- halten; angenommen hatte er noch nicht;— das Konsortium I. Altstädter kimdigte dem gesainten Personal, also auch ihm, dem Buchhalter; Mindelheimer hatte ihn wütend angesehen im Vorbeigehen.... Toni und Lutz lumbten in der Stadt herum und erzählten vielleicht in der Trunkenheit Dinge, die sie nicht sollten.... Nur ein Trost ging ihn» auf: die Geschichte»nit Haas hatte sich zerschlagen; angesichts der Konsolidierung des iininer- hin noch gutrenoinmierten Hollcrbräu»nochten die andren Gründer ihr Projekt fallen gelassen haben. Dann kam»vieder etwas Neues: Ebelein bekam einen Schlagaufall, und die Verkaufsangelegenheit war nlit dem Halbgclähniten schtver durchzuführen. Knrz, es»varen vierzehn Tage voll hastiger Arbeit, voll neuer Umwälzungen und tausendfacher Verwirrungen für Ringelmann. Er hatte bisher sorgfältig vermieden, Mindelheimer zu sehen. Plötzlich aber trat niemand anders als der Gemiedene zu ihn» ins Coinptoir. Sie zogen sich in das kleine Ziminer zurück, das Ebelein als sein Schreibziminer verwandte, wenn er in der Brauerei war. Und dort gab's eine lange Unterhaltung, an deren Ende Ringelmann freude- strahlend ans dem Kabinett trat, hinter Mindelheiiner her. und diesen bis zun» Wagen begleitete. Dort schüttelten sie einander die Hände. Und dann stürzte Ringelmann zuin Krapfenlvirt. „Kastl"— schrie er beim Hcreintreten—„unsre Sach' is in Ordnung; Du bist Brällmeister und i bin Vertvalter—" „Vo was denn?" „Von» neuen Ludwigsbräu! Und der wird alles nieder- bügeln,»vas sonst in München is.— Frisch auf. Kastl, jetzt geht's Leben erst an. Die Ludwigsbraiterei soll leben — hoch l" V. Auf eigne Faust etwas airfangen,»venu auch iin Kleine»»- aber doch unbehelligt von der Rücksicht aus Vorgesetzte, ge- deckt durch hinreichendes Kapital, jung, unabhängig und ge- srind und vor allem mit zieinlicher Kenntnis und Erfahrung in allen Zweigen der Kilnst,— wenn solche Aussicht Kastl nicht völlig begeistert hätte, wäre er eben nicht der Kastl ge- Wesen. Und noch»veit mehr: alles»vas er nicht verstand, Buch- führung, Geschäftsroutine, Vertrieb und Ankauf— das verstand ja kein Mensch, so»veit die Braukunst bekannt ist, besser als der Oheim, der �unberablbare. vom Hiininel ihm eigens zugesandte Ohin Rmgclmann. Es»var zu schön, zu unbegreiflich schnell gekoininen. Aller- dings. das konnte er sich gestehen, lange genug hatte für seinen Ehrgeiz der„Wmter seines Mißvergnügens" gedauert, so lange, daß er sogar jahrelang draußen im Malzkloster auf alles verzichtet hatte. Aber jetzt brach auf eiiimal, da er gerade durch ein unerhörtes Ereignis seine Stellung, den Boden unter den Füßen und die Hoffnung dazu, verloren hatte, die Erfüllung herein wie Frühlingssturm, und sofort begann der alte Ehrgeiz in ihm wieder jäh aufzuschießen. Ringel- mann und er»varen in fieberhafter Thätigkeit, und Mindel- heimer, der niit andren Spekulanten, die von dein unsicheren Haas abließen, sich verbündet hatte, feuerte sie täglich mehr an. Jhin ging alles nicht schnell genug, die Einrichtung der Brauerei in einer verkrachten Fabrik in der Au. die Ankäufe von Gerste, das Beschaffen des Personals, mußten so gut cS ging beschleunigt»verden, denn zum Herbst»nußte der erste Sud in die Psaui»e komnien; die Munchener sollten ein Juwel von einein Bier zu kosten haben und der Winter sollte den Rrif des jungen Unternehmens festigen. Am schwierigsten»var die Beschaffung eines LagerkellerS. Aber das Glück, das den Tapfern begünstigt, half auch hier: in den letzten Augusttagen, als noch keine Aussicht sich bot und das Konsortium Mindelheimer bereits er>vogen. ob man vorläufig einen Keller niieten sollte, stieß Kastl zufällig auf den Obermälzer voin Hollerbräu, der jetzt auch seinen Platz gelvechselt hatte— eine Dirmmheit Altstädters und Konsorten. die in Braukreisen belächelt»vurde l— und der sagte ihm so geinächlich nebenbei: „Warum kaufts denn net d'n Gasteig?eller? Der is do g'wih leicht zum hab'nl" Und den Beteiligten fiel's wie Schuppen von den Llugen: der alte Gasteigkeller, bequem gelegen, ein gutes altes Gewölbewerk am Aufstieg der Tegerirfeerlandstrafie,— mit großem altem schattigen Garten darüber, und fester, breiter, alter Halle— der einzige Fehler der, daß mau von oben keine Aussicht hatte, sondern mitten zwischen andren Kellern saß,— aber welcher Münchcuer Keller hat denn Aussicht'.— Und nun wuchs die Sache sich rasch aus. Die Fabrikgebäude waren ohnedies sehr klein; zur Mälzerei gebrachs an Raum: wie, wenn man die paar zwischen dem Keller und der Fabrik, also der neuen Brffuerei gelegenen kleinen Häuschen und Gärt- chen ankaufte und Verbindungsbauten ausfährte? Um über die Straße zu kommen, eine eiserne Brücke hoch in der Luft, vom Darrboden zum Dach der Brauerei? Das konnte keine Unsumme kosten! (Fortsetzung folgt.) Nns VionPknntinopel« Mitte Januar. Bon dem Meere da draußen dringt die kalte Nedelliist land- eiiNvärts. Die schmutzig- grauen Weften spüle» verdrossen um die Schiffe und gegen die Kaimauer. Hinter dem grauen Schleier hervor, der hier alle' Dinge mit der gleichen nordische» Ungeschlachtheit ve- hastet sein leiht und den Farbenglanz und die Fornischönheit der südlichen Landschaft unbarmherzig erstickt hat, tönen durcheinander die Dampferpfrifen»md die wilden Töne der Nebelhörner beängstigend, als ob«in Heer von Riesen der Vorwelt nn Anzug« wäre, uni diese» alten Herd menschlicher Kultur zu vernichten. Die menschliche„Kultur"— wie dürftig repräsentiert fie sich an diesem grauen Morgen am Kai von 5�onstantinopel! Man scheut sich ordentlich, diesen vollklingenden Namen in dieser Umgebung auszusprechen— ist das die Stadt Konstantins, die Königin der Städte, von der aus der Welt Gesetze gegeben wurde», die Pforte zum Orient, durch die sich materielle und geistige Schätze über das Abendland ergossen? Eine Reibe dürstiger Holzbaracken längst des Ufers, die Straßen im tiefsten Schmutz; von den Menschen viele, sehr viele in Lumpen gehüllt, von fahler Gefichtsfarbe, die der Hunger erzeugt hat und die selbst die Kälte nicht zu röten vermag Wenn mau die Augen ans das Häuscrnieer von Galata und Pera schivcifen läßt, findet man nicht einmal die billige Eleganz einer europäischen Provinzial- stadt, ganz zu schweigen von inoimmeiitaleu Bauten, die einen daran erinner» konnten, daß der Ort eine mehr als zweitauscndjnl> ge Geschichte besitzt. Meerlvärts zu sehen verhindert uns die Nebekmaner— wir sind also gezwungen, uns von dein Anblicke dieses schmutzig grauen Hänserhaufens hypnotisieren zu lassen, über den ein düsterer, nordischer Himmel sich herabsentt— ein Ort, wo wahre Lebens- frende erstorben sein müßte, wenn nicht die Bewohner so wenig Ansprüche machten auf ein menschenwürdiges Dasein. Schon längst hätte die internationale Sanitätskouunisfiou dort Wandel schaffen müssen, wenn nicht der Kommerzialismus, deffni Hochburg in der Levante jener unerquickliche Steinhaufen bildet, seinen Raubbau rückfichts- und gedankenlos betriebe, ohne sich viel dann» zu kümmern, Ivenn uicphitische Dünste sich in den enge» mittelalterliche» Gassen sammeln und die Abwässer ans den nicht ausgemauerten Kanälen an die Oberfläche der Erde trete«. Wahrhaftig, Stangen und Cooks Pflegebefohlene� würden heute nicht schlecht enttäuscht sein, wenn sie die türkische Hauptstadt, von deren Wunder ihnen der Prospekt der Gesellschaftsreise zu berichten wußte, in dieseni Zustande sähen. Die„Mutter der Welt" zeigt sich heute als das. was sie ist— eine Greisin, deren Antlitz fiebert und mit Runzeln bedeckt ist. Sie ist es satt, sich zu schmucken mid zu putzen und die Spuren des Verfalls zu verbergen. Galata l Das alte reiche gemiesische Galata mit seiner trntzigen Uinwnlluiig. seinen Vorrechten und Freiheiten, wo ist es hm- geschwunden? Oben auf der Höhe deS Bergs ragt noch der alte Wartturnr von Galata weit über Meer uud Land; hier und da cnt- deckt man noch einen Rest der Stadtmauer und emeu zerfallenen Wnlliiin»; aber nnter der Tnrkenherrschaft ist die nördliche Hälfte des OrtS wenigstens zu einem Sammelplatz für alles Gesindel der Levante herabgesnnkem Der Auswurf des christlichen Proletariats der Hauptstadt findet sich hier zusammen mit den unglückseligen Israeliten, die aus Rußland ausgestoßeii. hier gescheitert sind mid da sie Arbeit nicht finden konnten, vom Laster leben, das sie er- bannnngslos mid unter dem Schntze der hohen Obrigkeit exploitieren — mit den Vagabunden aus aller Herren Länder, die mit oder ohne krimineller Vergangenheit hier einen sicheren Zufluchtsort finden, wo sie sich imgescheut dem süßen Müßiggang oder dem Laster hingeben können. Die Saiiitätskoinmission, die ich oben erwähnte, hat vor allem den Zweck, über den Gesundheitszustand der Hauptstadt zu wachen und zu verhüten, daß Koiistaiitinopek ein Seuchenherd von Europa Iverde. Sie unterzieht auch die Wohnungen einer Kontrolle, be- schränkt sich aber dabei ans diejenigen der besitzenden Klaffe, während sie sich um die teilweise entsetzlichen Wohnstätten des Proletariats nicht im geringsten lümmert. Es stehen in Galata einige Häuser in der Nähe eines türkischen Friedhofs, der voll von Miasmen ist, die für jeden, der die Leistungen der türkischen Munizipalität von Pera beurteilen will, von einigem Interesse sein müssen. Schmutzigere, Übelriechendere Spelunken sind in ganz Europa nicht zu finden. Der Boden, auf dem sie stehen, ist vollständig durchseucht— die Gass« vordem Hause ist mir im Sommer trocken, da sonst bei dem winterlichen Regenivctter die von den Höhen Peras herabgeführtcn Schmutz- Wässer hier zur Stagnation kommen. Die steilen Straßen werde» nämlich nie gekehrt, sondern man überläßt es den Regengüssen, mit dem Straßcnkot mrfzuränme», der dann dort unten in der Straße der Pfcifeiiverfertiger(lulsäscüis sich aushäuft. Da eine municipale Statistik, wie jede andre, in der Türkei völlig fehlt, auch für staatSgefährlich angesehen würde, kann ich die Zahl der Bewohner der einzelnen Hänser nicht genau angeben. Sicher ist al'cr, daß jeder Quadratfnß bis aufs äußerste ausgenutzt wird. Di« Bewohner sind arme spanische Inden und Griechen. Das Eon plus ultra jedoch von Proletaricrivohnimgen kann man drüben in Stambul finden. Wie recht zum Hohn auf die Aermstcu der Armen, die i» ihnen Hansen müssen, liegen fie an einer Stelle, die ibrer Lage nach>vohl einzig schön i» Europa ist, am Strande des Marnrarameeres, von wo der Blick über das schöne südliche Meer auf die reizenden Priuzeninsclu uud die bithyuische Küste niit ihren ragenden Berggipfeln fällt. Hier in den alte» byzantinischen Scemanern, in den Türmen und Bastionen haben sich bunderte von armen Familicii eingenistet. Alz Baumaterial haben sie das Blech der russische» Petroleuinbehälter verwandt. Steine ans oltvyzantinische» Bauten, vom Meere an» geschivcmmtcs Holz und in den so eiustaiideneii nieisteus ein» rämnige» fenchd«, iiMricchendenLöchernIüßldie tiirkischeRegierung die Leute wohnen Mar kann sich vorstellen, was für ein Geruch dort herrschen muß, wo zivar das Meer recht nahe ist, aber eine Kauali- sation gänzlich fehlt. Man bekommt nur hier weniger vou dem Elend zu sehen; denn die türkische Armut ist bis zu einem gewissen Grade stolz und verschämt. Sie'liebt nicht die Ziirschaustelluiig des Elends; Ivo mir irgend so etwas wie eine Feusteröffimiig in den unglaublichen Konstruktionen angebracht ist. ist diese durch das neugierige Augen fernhaltende Holzgitter(Muschorabio) geschlossen. Aber man steht schon von außen genug— und riecht! Es giebt viele andre Quartiere in dem großen Dorfe Stambul, die ähnliche Greuel zeigen, wo der Typhus ein steter Gast ist und die Bevölkerniig decimicrt. Doch dei echte Muselmann darf sich dageßen nicht auflehnen— der Fatalismus ist eine herrliche Er- findung für faule Leute. »« » Es ist schon seit langem mit den, Abbruch de? stolzen türkischen WeltnrachtSgebäudes, das den Umfang deS oströniischen Reichs in seiner besten Zeit übertraf, angefangen worden. Seit 1879 fing die osmanische Bevölkerung an, alle die Gebiete zu verlassen, die ihre Ahnen siegestrunken, weltmachtsfreudig mit dem knmniien Schwerte erobert hatten. Von der Krim, von, Ufer der Donau, aus den» Balkan, vom Kaukasus ergoß sich eine wahre Völkerwanderung hinter die türkischen Grenzen. Wie alle Völkcrwaiiderungeii, vollzieht sich auch diese in Schüben, die sich ans eine lange Reihe von Jahren verteilen und noch lange nicht zun, Abschluß gekommen finb. Heute ist wieder ein solcher Schub Einwanderer angekommen. Es scheint eine ganze Dorfgemeinde zn sein, von den Greisen, die an Krücken sich mühsam bewegen und sorgsam verschleierten alten ge« bückten Frnnche» augesangen, bis ans die Kinder, die mehrere Schichten Kleider üderciiiandcrtrageud eskimoartig eingehüllt sind und nur ihre echt nordischen, roten runden Wangen zeigen, und die Augeu, die voll melancholischer Neugier in de» grauen Nebel hinein« schauen, der ein rechtes Bild ihrer Zukunft ist. Die Frauen bewachen die Gepäckstücke, die soeben von dem rumänischen Dampfer gelandet worden find. Sie sind ärmlich ge« kleidet in lange, schmutzige Kaftaue. Was von ihren Gesichter» unter den dichten Schleiern sichtbar wird, läßt erkennen, daß fie den Man- nern im Schweiße ihres Angesichts in Hof und Feld zur Hand ge- gangen find. Eine alte Frau, deren Gesicht nichts wie Runzeln ist— sie nimmt sich nicht mehr die Mühe der Verschleierung— gesellt sich zu ihnen. Es scheint die weise Frau des Dorfs zu sein. Sie hat eine Ledertusche umgehangen, die den Koran cMhalten wird. Sie trägt ein Becken und eine Wafferkanne für die religiösen Ab- Ivaschiiiigen— in einem Säckchen trägt sie den Rest ihrer Habe. Die Männer haben den tatarischen Typus stark ausgeprägt— die hervortretenden Backenknochen und die etwas geschlitzten Augen. Ihre Vorfahren sind einst mit Tschingis Khan in die Krim ein- gezogen— ihre Väter haben sich auf' dem Boden der Dobrudscha niedergelaffcn und jetzt werden sie von der türkischen Regierung in Klein-Asten angesiedelt. Was treibt fie dazu, ihre alten Heimstätten zu verlassen und das Gewisie mit einer sehr ungewiffen Zukunft zn vertauschen? Ich glaube, es ist weniger religiöser Fanatismus— von Volkswirtschaft- lichen Gründen ganz zn schweigen— als das Unverniögen, nicht als Herreuvolk zn leben und llnterthanen zlveiten Grads unter sich zu haben. Die Türken find von unglaublicher wirtschaftlicher Sorglosigkeit; sie denken gar nicht daran, daß das türkische Lottcrreginwnt fie zu Grunde gehen lassen könnte, wie eS schon so vielen dieser Leute gegangen ist, die jetzt als Schuhputzer in Stamlnil ihr kümmerliches Brod verdienen müssen. Nur der eine Gedanke, daß jetzt die Giaurs nicht nur gleichberechtigt, sondern auch Herren über fie find, ist ihnen unerträglich. Sie können sich auch nicht vorstellen, daß eine Regierung nach europäischen Maxinien so edelmütig sein köniite, ihre Macht nicht zu mißbrauchen und den Besiegten fühlen zu lassen, daß die Stunde gekommen ist, wo alle erlittene Unbill am Volke des Islam gerächt werden soll. Das ist ihnen, nach den Begriffen, die sie von Polilil haben, ganz unfaßlich und darum ivondern sie ans, obgleich sie sich eigentlich durchaus nicht über politische Bedrückung weder in Rumä- nien, noch in Bulgarien beklagen können— d. h. sie werden nicht weniger bedrückt durch Blnt- und andre Stenern als die dortigen christlichen Bevölkerungen. Eine der schwersten Stenem, unter der die türkische Nation seufzt, ist die Blntsteuer. Sie lastet auf den Schultern der Mohammedaner allein und zivar ausschließlich auf denen der Besitzlosen, da die Be- sitzenden sich durch Stellung eines Ersatzmanns von der Wehrpflicht loskaufen können. Als Ersatzmann stellt man auch allerlei Krüppel und Gebrechliche ein. so daß die Provinzialtrnppen nur zu oft den Eindruck von Falstaffs Rekruten machen, zumal wenn n>an sie bar- füßig und in Unterhosen herumlaufen läßt. Nach der Hauptstadt schickt man jedoch symnietrisch gewachsene Leute, die sich dort eigner Hosen mid Stiefel ersrenen können, wenn fie auch für Sultan und Vaterland hungern nmssen. Vor einiger Zeit kamen verschiedene Rekrntentrnnsporte hier an, die eine ethnographische Mnster-Kolleklion der mobanunedanischen Bevölkerung repräsentierten, da die Leute noch alle in ihrer lleidsanic» Nalionallracht steckten Mau führte sie durch die Straßen, sie sollten einen Begriff be- kommen von dem Glänze der Hauptstadt, über die noch die Herbst- sonne schien. Bei der Gelegenheit jedoch verkrümelte sich ein starker Prozentsatz der Anserwählte». Sie hatten vielleicht unlerioegs Landslcnte gefunden, die ihnen Arbeit anböte», den begleitende» Unteroffizieren ein paar Medschidiethalcr zugesteckt, und waren so unsichtbar gelvorden— zum Heile des Compagnicchefs und Zahl- Meisters, die ihre Nationen den eignen znlcgei» konnten.— J. Seh. Kleines Feuilleton» ss. Das erste Lebenszeichen. Der Biologe AngnslnS Waller hatte bereits vor ttiva einem Vierteljahr die Pariser Akademie der Wissenschaften von einer bedeutsamen Entdeckung in Kcnnlnis gesetzt, der zufolge jeder lebendige Körper auf einen Reiz durch eine» elektrischen Strom eine gewisse meßbare Rückwirkung zeigt, die bei einem toten Körper niemals zu beobachten ist. Er bezeichnete diese Erscheinung als„das letzte Lebenszeichen" und ivies darauf hin, wie wichtig die Verwertung dieses Mittels }ur Feststellung des wirklich eingetretenen Tods und zu einer llnterscheidung von einem nur scheinbaren Tode sein nn'ißte. Er bat jetzt seine merkwürdige» Nnlerinchmigen erweitert mid sich in logi'cher Folge damit beschäftigt auch„das erste Lebenszeichen" ans ähnliche Weise feslznsteNe». Er sagte sich nämlich, daß sich auch das keimende Leben in seinen ersten Aeiißernngeu dein elektrischen Strom gegenüber ähnlich verholten dürfte. Zu seinen Untersuchungen benntzle er zivei Lebens- fornren, getvisse Schlcimpilze und Hühnereier. Das Vcr- halten der Schlcimpilze Ivnr»ach einer Richtung hin be- sonders beiner kensivert, weil dieie auf der Scheide zwischen Tier- und Pflanzenwelt stevcndeir Wesen einen eigentümlicher« Znstaiid durchzumachen fähig sind, während dessen sie völlig abgestorben zu sein scheinen. Dieser Znstaiid trirt er», wenn de» Pilze» jede Spur vo» Wasser entzöge» wird. Alsdan» vcr- halten sie sich gegen de» elellrilche» Strom völlig gleichgültig und siud von lebloser Materie nicht zu unterscheiden. Aus diesem Grunde lassen sich die Schleimpilze nicht wohl mit andren Lrga- nisme» vergleiche», weil sie die eigenartige Begabung besitzen, zeit- weise gewifferniaßcn ans Notwehr gegen ungünstige äußere Be- diirgungeu, ihr Leben scheinbar gänzlich anfzngeveu. Es ist dies aber kein Scheintod, sondern ein, wie die Wissenschaft sich ausdrückt, verborgenes oder latentes Lebcn. Waller dcnetzte nun solche an- scheinend in völliger Totenstarr« befindliche organische Stoffe mit etwas Waffer lmd beobachtete, daß die gelbliche Masse nach ein oder zwei Stunden auf den elektrischen Reiz mit einem schwache» Gegen- stroni antwortete. Es war ihni auf diese Weise gelungen, mittels der Elektricitnt genau den Zeitpunkt des Wiederauflebens zn erkennen. Noch inlereffairter waren seine Experirncirte mit Hühner- eiern, die er gleich nach dem Legen in einen Brutofen that. Zu- nächst gab keines der Eier ein auf die angegebene Art erkennbares Lebenszeichen von sich. Nach Verlauf vo» 24 Stunden dagegen begann sich daS Lebe» in dem Ei zu rege» und es' erfolgte' auf den elektrischen Reiz eine geringe, aber deutliche Rückivirkniig. Auch der Verlans dieses elektrischen Stroms innerhalb des Eidotters ließ sich genau feststellen. Nach 48 und 72 Stunden hatte sich entsprechend der fortgeschrittene» Eni- Wicklung des Lebens in den» Ei die Ernpfindlichkeit für den elektri- schen Strom verstärkt. Einige von den untersuchten Eiern gaben aber auch nach längerer Zeit trotz äußerlich frischen Aussehens und fehlerloser Pflege gar keine elektrischen Aeußernngen, und es wurde dann stets durch Oeffnung des Eies ennittelt, daß es entweder über- Haupt gar nicht befruchtet oder daß es in Fäulnis übergegangen war. Diese Erfahrungen, deren iveiterer Verfolg noch wichtige Neuigkeiten zu Tage fördern kann, genügen vorläufig zn dem Bervcis, daß man in der elektrischen Prüfung ein rnrfehlvares Mittel besitzt, von einem vorhandenen Leben sichere Kunde zn erhalten. Die bereits bei den Pilzen genannte Ausnahme ist allerdings höchst merkwürdig und zwingt uns, seires latente Leben nrrd den Scheintod scharf ans- einaiider zu halten. Bei dem Menschen z. B. würden die Gewebe in allen Fällen eine elektrische Reaktion zeigen, so lange noch ein Lebeiisfrmke, er sei noch so schwach, erhalten geblieben ist' Das Wallerschc Verfahren giebt also ein sicheres Mittel zur Urrterscheidnng von lebendiger und toter Materie. Das latente Leben jedoch, das jene Schlcimpilze und auch eine ganze Reihe niedriger Tiere, z. B. die Rädertierchen, ferner die Pflniizeiisameri bei Entziehnirg ihres eigent« lichen Lebeiisclemcnls, etrveder der Wänne oder des Wassers, zu führen im stände sind, ist dagegen ein ganz besonderer Zustand, der an sich dem völligen Tode durchaus gleicht, aber die Möglichkeit eines Wiederauflebens in sich schließt. Es iväre zrinächst von besonderem Werte, diese Nntersuchnngen auch auf den Soirmrer- bezw. Wirnerschlaf gewisser Tiere anszndehne» und zu ermitteln, ob fie während dieser Zeit einen Sweintod dnrchmachen, oder gleich den Pilzen jede Lebcusäiißeruiig völlig verlieren. Theater. Lessing- Theater. Die Sorma als M a r i k k e. Von den Berliner Schanspieleriinicn rührt Frau Sorma die Reklame« Ironimel am unerschrockensten. Daß ihre Lcistimgen in einem Mißverhältnis zn ihrem allzu lärmenden„Riihiri" stehen, war läiigst bekannt. Wer die Sornra für die beste Schauspielerin Berlins hält, keimt— mit Verlanb— die Verlincr Schaiispiclermuen nicht, oder sein Urteil ist durch die glänzende» Zeitiiiigsreklanie gefangen geiiviinne». Man muß aber wenigstens die Sonna für eine gute Schanspielcrin halten können, wenn man die grelle Reklame ertragen soll. Leider hat sie diese Annahme durch ihre Marikke außerordentlich erschlvert. Im Theater ivar freilich viel Händeklatschen und die Bühne prangte im Blumen- schmnck. Nichtsdesloiveniger aber war die Marikke der Sornia eine der farblosesten und schlcchlesten Leiftlinge», die mir je auf einer der großen Berliner Bübiien uorgekonnnen sind. Die Rolle ist von Herrn Suderman» geschrieben»iid macht also selbstverständlich ans dichterischen Wert keinen Anspruch. Jnmierhin aber rollt etivas mensch- liebes Blut in den Adern der Gestalt und eine gute Schanspieleri» kann uns wenigstens in den drei ersten Akten einen individuell geschautc» Menschen geben. Frau Sonna blieb leider alles schuldig. Sie löschte alle Farben ans und ertränkte die Rolle in einem säßen Gcncijch von Rühnmg und Niedlichkeit. Ach, wie war sie süß— süß als- Mic ilke, deren Wesen ans einen herben Grnndton gestimmt ist. Ach. ivie lvar sie niedlich— niedlich als Marikke, die, ei» Not- slandstind ist und Bast an den Händen hat. Süß lind niedlich, niedlich und süß— der Teufel hole das matte Zeug I Und mit dieser Rolle ist Frau Sornia im Ausland hausiere» gegangen und hat sich als die beste deutsche Schauspielerin feiern lassen. Wahr- hastig, dafür sind wir ihr zu Dank verpflichtet. In Wirklichkeit hat ihre Leislniig locder mit der deutschen noch über- Haupt mit der schnnspiclerischen Kunst etwas zu thu». Man sah keine individccelle Auffassung, kein Durchleben der Gestalt, keine initschaffeude Phiiniasie. man sah nicht einmal die Farben, die jede niittelniäßigr Schauspielerin der Gestalt gegeben hätte— alles lvar blaß und matt ivie imsgeivaschener Kattun. Frau Sorma hatte— sagen wir— drei effeltvolle Stellen— fertig I Wer aber glaubt, daß man durch drei effektvolle Stellen zur Schau- spielerm wird, muß sreimdlichst auch konsequent sei» und den Satz ausstellen, daß man mit drei effektvollen Aktschlüssen bereits ein Dra- Maliter ist. Die Vorgängerin der Sorma als Marikke war Frau Thsoldt. Man kritisiert die Sorma am besten,»»dem man sagt: „Hut ab, Frau Eysoldtl"— E.S. Freie Volksbühne: Meister Oelze. Jin großen und ganzen thnt man am beste», die Dichtung zu lesen. Bei der Auf- fiihriing ermüdet sie hier und da durch allzu große Breite und allzu geringe Kraft. Immerhin aber ist eS eine ehrliche Arbeit, die den Beifall verdient, den fie in der Freien Volksbühne fand. Wenn man an den verruchten Scenenschwindel der beliebten Theatraliker denkt, kann man„Meister Oelze" nicht tadeln oder kann es doch nur, ivenn man sein küiistlerisches Geivisscu verloren hat. Eine Theaterzlikunft allerdings kann mau der Dichtmig cbensoivenig prophezeien— dazu ist sie zu schwach, zu vergrämt, zu monoton. Sie ist mehr Studie als vollendetes Drama. Die Anfführuiig steht und fällt mit zwei Rollen— mit der Panline nnd dem Meister Oelze, vor allem mit der Pauline. Die„Freie Volksbühne" war so glücklich, für beide Partien angesehene Darsteller zn besitzen.— Frau Pank- Ste inert und' Adolf Klein. Frau Pank-Stein ert gehört zu den ausgewählten Schnuspieleriiliicn, die eigne Gestaltungskraft besitzen, sie ist mit andren Worten eine K ü>i st l e r i n. Und als Künstlerin Ivieder ist sie echt, seile n echt»nd liebt jene Stille und Ruhe, in der Tiefe und Seinhert möglich sind. Daß nian eine Schauspielerin von so hohem lang so wenig steht, ist ein hübsches Geaenbild zn den lärmenden Triumphen, die die Sorma als Marille feiert. Die Pauline war eine fein erfaßte und farbensatte Leistimg, mir daß vielleicht die Grausamkeit der Gestalt etivas diabolischer hätte zum Ausdruck lotmufit können. Advlf Klein wnv i» der Titeleolle.�clegenttich recht Sicherlich, brachte aber schliebkich doch die Partie z»r Gelt»»!,.— r.. s. Berliner Theater: M e i st e r Oclze. Lindau hat nun richtig den Theatcrskandal zn verzeichnen, den er durch sein litte- rarischcs Strebe» ehrlich verdient hat. Ein Teil des Publikums war entsetzt, daß es Naturen tvic Pauline giebt»ud versuchte die Bor- steltnng durch Getrampel zu unterbrechen. Die Majorität klatschte Beisall und so mußte ans der Bühne der alle Oclze seinen Todes- kämpf cinstiveilcu aussetzen, bis schließlich die Bcifallslnstigen den Sieg davongetragen hatten. Dann starb er wieder weiter. ES muß offen ausgesprochen iverden, daß die Opposition im Publikum sich pöbelhaft betrug. Mich hatte das Schicksal diesmal etivas ivcit nach hinten verschlagen, und so ivar ich in eine Gruppe hineingeraten, der auch die primitivsten Anstandsbegriffe zu fehlen schienen. Die jungen Weiber schnatterten wie die Gänse, man beachtete gar nicht,>vas auf der Bühne vorging, sondern unterhielt sich laut und machte einen reinen Genuß völlig unmöglich. Ablehnung ist eine ehrliche Sache, und ich an meinem Teil hätte gar nichts dagegen,»venn „Meister Oclze" etwa mit achtmigSvollein Schtveigen aufgenommen ivorden Ivüre. Dem Dichter aber ins Wort fallen, ist kciiicSIvegs ehrlich, sondern frech und ungezogen zugleich. Der anständige Teil des Publikums sollte dagegen einmal energisch Front machen und den Schreiern znm Bewußtsein bringen, daß wir immer noch in einem halbivegS eivilisiekte» Lande leben. Wenn innn von der F r a»l« n d o r f e r absieht, die ihre Rolle leider vergriff, tvar die Anfführnng im„Berliner Theater" glänzend— die beste, die ich seit langem dort erlebt habe. Herr C o>l» a r d hatte sich tief in den„Meister Oelze" hineingelebt und brachte es zn starker künstlerischer Wirkung. DaS kam einem besonders zum Be- iimßtsei». wenn mau Nlein in derselben RoNe sah. Da fehlte leider die Vertiefung. Eine ganz briüante Leistung bot Frl. D a s s o w als Rcse»uid Frl. Ruß tvar als hoffnungsvoller Tertianer einfach entzückend. Dazu kommt, daß auch die übrige» Mittvirkenden gut »vareit.— E. S. Mnsit. Schade, daß die„ G n t e n b e r g"- Anfsührung am neulichen Sonntag trotz ihrer verhältnismäßigen Zngänglichkeit nicht entsprechend reichlich besucht ivar! Hoffentlich tvird die Wiederholung dieses Konzerts am nächsten Mitttvoch sim„Deutschen Hof") noch mehr Aufmerksamkeit wecken: die Wahl des Stücks und seine Auf- fühnNig verdienen es Ivenigstens größtenteils. Allerdings hat der große Meister der Balladenkomposition Karl Löwe mit dem oben genannten Oratorium nicht eben sein Bestes gegeben. Schon der Text erweckt nicht viel Vertrauen, einerseits ob seiner ordinären Verse, andrerseits ob seiner Unfähigkeit, für die von ihm vor- geführten Vorgänge und Personen mcd Ideen zn erwärme». Es handelt sich um städtische Fehden zn Mainz in der Zeit kurz nach Erfindung des Buchdrucks. die damit schließen, daß der Kurfürst die Gesellen FaiistS, der dem Gntenberg seine Erfindung abgenommen, in die Welt hinausziehen und ihre Kunst verbreiten heißt. Ein Priester wendet ein:„Wehe, Du mehrst die verderblichen Essen. Welche den Aufruhr gestählt und geglüht!"— Der Fürst jedoch sagt:„Eine tvar es, die Gefahr be- reitet. Aber viele dämpfen die Gefahr", usw. Lvives Musik zn diesem Text geht in der Schlichtheit und Eintönigkeit etlvaS gar weit: eine gleichmäßige, getvöhnliche Rhythmik, ein— wenig selbständiger— Atischluß an klassische Kompositionsiveise und viel Formales erregen die Sehnsttcht nach kräftigerer Abtvechselnng. Indessen siird der schönen einzelnen Stellen immcrhin genug, daß sich schon ihretwegen das Hören lohnt: so namentlich Chöre ivie der„O stolze Mainz", dann der Ivnnderlieb schlichte Chor der Lehrlinge„Du tanfst das Kind im Traume", bei dem jene gewöhnliche Rhythmik eher als sonst paßt, und andres. Besonders crfrenlich ist die stark fiihlbare Steige- rung der KoinposttionSkraft gegen Ende zu: über ein QNartett „Traute Kunst, du brachtest dem Ersinder Geistesfreude mid Erdenleid", und über den Chor„Brechet mm anf, Träger des Lichts" schreitet die Komvosition iveiter zu einem abschließenden Ensemble mit kunstvoller Verarbeitung der Stimmen. Die Anfführnng durch den— über zahlreiche Mitglieder und über eine gute Routine verfügenden— Oratorien verein, unterstützt durch da? Berliner T o n k ü u st l e r- O r ch e st e r. ivar, zumal in Anbetracht einer ersichtlich kurzen Einstudierung. ver- hältnismäßig recht gut. Unter den Solisten ragte besonders Herr Rolle hervor, der die Titelpartie an Stelle eines indisponiert Ge- wordeneu übernommen hatte; er ist ein echter Baß mit volumiuöser Stimme, tvenngleich sein Baß auch nicht zu den eigentlich tiefe» zu rechnen ist und die Dicke seines Tons mehr nur in den höheren Lagen zu Tage tritt! in seinem Gesang liegt gute Schulimg, in seinem Ausdruck Wärme. Auch die Tenörc. der höhere des Herrn G. Funk lFaust) »md der etwas tiefere Tenor oder Tcnorbaryton des Herrn A. Cnrth (Kurfürst) waren mit Genuß anzuhören. Frau M. Wolff-Dreyer als Fausts Tochter Marie gab ihre» Part mit ernstem Bemühen imd ebenfalls mit Wärme; aNein entiveder sollte sie ihre Stimme noch fest schulen, oder eine so wichtige Partie mit einer»och voll- konimeneren Sängerin besetzt iverden.' Die Fünfzahl der in diesem Oratorium vorgeschriebenen Chöre zeigte tvieder(zumal am Ende der ztveiten Abteilung), wie dringend es wäre, die vorhandenen Kräfte so zn teilen, daß jede Gruppe nur einen Chor zn vertreten hätte. Diesmal wäret» tvenigstens— notgedrungen— die fünf Solopartien durch ebenso viel Sänger besetzt. sz. Humoristisches. — Zartfühlend. Zugführer:„M ehr.Schaf dürfen in den Wagen»immer'nein— zum Donnerwetter, das ist doch kein P e r s o n c n»vagen!"— — Rücksichtslos. Buchhalter:„Meiner lieben Frau habe ich hellte einen neuen Hut gekauft I" Die verheirateten Kollegen(mürrisch):„Natürlich. da müssen>vir auch wieder d'ran glauben... S i e l e b e» ganz entschieden über u» s r e Verhältnisse. Herr 5lollcga l" Notizen. — Die S e c e s s i o n s b ü h n e bereitet noch in diesrin Monat einen C o n r t e l i» e- Abend vor. an welche»» B o u- b o»c r o ch e".„ B a d i n" ,md„Seil» Steckbrief" zur Anf- fühnmg gelangen.— —„Gekaufte Liebe", ein Schauspiel des Holländers W. G. van N o u h u g, deutsch von Else O t t e n, wird an» 9. Februar im Renen Theater die Erstaufführung erleben.— — Bon Auto n Tschechow sind zivei neue Einakter in deutscher. Uebersetzuug erschienen:„Ein Sommerfrischler" und„D a s S ch w a n e n l i c d des K o m i l c r s". Das erste Stück ist von Wolzogen für das„Bunte Theater" zur Anffühnmg erworben worden.— —„L es maris de Leontin e", eine Komödie von Alfred C a p n S, gelangt demnächst im Rejidenzthcater zur Aufführmig.— —„Schluck u n d Jan" von Gerhart Hauptmann tvird Mitte März in» Wiener B u r g t h e a t e r in Scene gehen.— — Albert Roderichs Lustspiel„Der LiebeS- k o n t r a k t" wird an» ö. d. M. in» Dresdener Hoftheater znm erstenmale aufgeführt werden.— — Auch die Wiener wollen ihr„ N e b e r b r e t t l" haben. sogar in» eignen Hause. das ihnen der junge Architekt L o o S bauen will.' Getauft foll das lliiternchnien anf den Rainen „Variöte der Moderne" Iverden.— — In der K»» u st a k a d e»n i e ist der Termin für die dieS- jährigen Bclverbnngen im» die akademischen R o in- P r e» s e anf de» 31. Mai verschoben ivorden. Die Zuerkeniunig wird infolgedessen erst»»» Monat Juni erfolgen. Zuin Wettbewerb stehen 1. die beiden Große»» Staats preise im Betrage voi» je 3300 M. für preußische Architckten»md Maler. 2. der Preis der Dr. Pank S ch»» l tz e- S t i f t»i n g in Höhe von 3000 M. für deutsche Bild- hancr. die ihren Studien ans den Unterrichtsanstalte» der Akademie noch obliegen, endlich 3. der Preis der ersten Michael Beersche» Stiftung für jüdische Bildhauer in Höhe von 2250 M.— — Der Franzose Gcrmer-Dnrand hat den Bogen der antiken Wasserleitung, ivelche Stadt und Burg von Jerusalem von Bethlehem her mit Wasser versorgte und das Thal Hinna über- brückt, genau»nitrrsncht»nid dabei eine Reihe von römischen In- schriften gefnnden, welche über den Bau des Aquädukts berichten. Aus diesen»st nunmehr festgestellt, daß das mächtige Bauwerk nicht, ivie man bisher annahm, von Pontins Pilatus oder König HcrodoS oder gar vom König Saloino herstammt, sondern erst im Jahr 195 i». Chr. unter Kaiser SeptiminS Severus gebaut ist anf Anordnung der Mlitäriilgenieiire der zehntel» Legion, die damals in Jcriisalen» stand.— — Die alte Bezeichnung für Gasthaus. Kretscham, stammt ans den» Wendischen»md hat sich in der dem Dentschen angepaßten Fom» in vielen Dörfern der Lausitz bis jetzt erhalten. In die Litteratnr ist das Wort durch Gerhart Hauptmanns Weber eingeführt worden. Wendisch lautete Kretscham eigentlich korcina. Bei de» Wenden und Sorben bildete der Kretscham ursprünglich die Gcrichtsstätte; dort iviirdei» die VolkSversanimlimge» abgehalten. Ilm die notwendigei» Nahriliigsbedürfnisse gleich zur Verfügniig zu habe», richtete man später in den Kretschamen Speise-»nid Schänkivirtschaften ein. Das Knigrecht in einem Erbkretschan» übte der Lchnschulze ans, der eS znw'eilen auch andren Ortsbewohner» überließ. Im 15. Jahrhiindert hieß der Gastlvirt auf dem Dorfe allgemein Kretschmar.— � Tieropfer in Rußland. In Tschlichloma, einer Stadt von 2200 Einivohner» im Gonverncment Kostroma. ivütcte in» Sommer 1900 unter dein Vieh die sibirische Pest. Die erschreckte Bcvölkerimg beschloß ein gründliches Mittel anzuluende», und um dem Viehsterbe» abzuhelfen, Ivurden zusammei» mit den gefallenen Pferden in Anivefenheit des Polizeimeistcrs zivei lebende Geschöpfe, ein Hund lind eine Katze, eingescharrt.—(„GlobuS".) c. Zwei Mark für das Wort, Nndyard Kipling erhält für den Abdruck semer Geschichte„Kim" in„CassellS Magazine" 26 000 M. Diese Summe beträgt fast 2 M. für das Wort. Der Dichter behält aiißerdem das Verlagsrecht,— Verantwortlicher Redacteur: B>t>hel,«i Schröder»n Wlmersdors. Druck und Verlag von Max Baving in Berlin.