Mnterhaltungsblatl des Horwüris AK. 27. Donnerstag, den 7 Februar 1901 lügen müssen. Die Sirene, die den Zttitiker auf diese Weise festhielt, war eine längst berühmte inid auch von uns oft charakterisiette Sängerin. Frau L i l l i Lehmann. Nicht, daß sie gerade diesmal besonders schön gesungen hätte. Im Gegenteil. Mag es nun eine äugen- blickliche Jndispofition oder aber ein allmähliches Sinken der früheren Frische gewesen sein: jedenfalls kamen an jenem Abend die höheren Töne nicht ganz mühelos und mit einein merklichen„Hinauf- ziehen" heraus. Und was wir schon immer über die Ausdruckskraft dieser Sängerin gesagt, brauchen wir nicht nochmal wiederholen. Für Lieder von einem Naturpathos wie Schuberts«Allmacht" oder für Lieder von einem Kunstpathos wie Beethovens„Adelaide" ist sie nicht so geeignet wie für Scherz-, Schalk- und Herzhaftes. Das Allerschalk- und Herzhasteste aber, das sie an diesem Abend vor- brachte, war der Bassist Emil Fischer, für altere Berliner Musik- freunde ein alter Bekannter. Seine echte Baßstimme ist in den tiefsten Lagen freilich nicht ganz voll und rund, vielmehr durch einige Rauhigkeit gestört, sonst aber von vorzüglicher Geschmeidigkeit und in einer sür Bässe seltenen Höhe(ich glaube mich eines g1 zu erinnern) von leichtestem Ansprechen. Unter den Duetten, die er mit seiner Partnettn sang, waren die von Cornelius eine besondere Freude; doch auch eines von R e i n h o l d L. H e r m a n— der wieder kunstvoll am Klavier begleitete— erfreute durch einen ernsten, ge- wichtigen, wirknngsvöllen Charakter. Solo trug der Sänger die Haydnsche Komposition von Schillers„Teilung der Erde" vor, ei,i anscheinend nicht abgeleiertes Stück. das den„Haydn-Vater" wieder in seiner hingebenden Größe zeigte. Hingebend— denn dieses Lied erweist aberinals, wie gern Haydn von dem viel jüngeren Mozart Anregung nahm. Mozarts„Hallen- arie" aus der Zanberflöte(1791) ist ersichtlich das Vorbild ge- Wesen, das Haydn hier selbständig verivertete. Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1795, die Kompösition wahrscheinlich ans der Zeit, da Haydn durch seine zwei großen Oratorien, von denen jenes Lied gleichsam ein Ableger ist, eine denkwürdige Altersblüte trieb. Außerdem sang Herr Fischer die, ivohl mit allen Preisworten nicht auszupreisende Ballade Loewes„Archibald Douglas"(Gedicht von Fontane). Welchem Coiicertsreimd ist nicht Guras Vortrag dieses Werks in Erinnerung I Und dazu hatten wir tags darauf das Glück, den „Douglas" abermals von einem andren Interpreten zu hören, vom Hofopernsänger Pank K n ü p f e r. Herr Fischer ist unter diesen dreien, obschon der Acltesle, doch der modernste AnSdruckssänger. Er bemüht sich, jede Silbe und sonst jede Einzelheit mit genau angepaßter Deklamation herauszuarbeiten; die Melodie, die hier eine so große Rolle spielt— ich meine besonders das Motiv der Erinnerung an die Jugendzeit— ist für ihn untergeordnet. Gura faßt das Lied inchr im ganzen und einheitlichen, iveniger zerfasert: schon daß er das Zeitmaß schneller und gleichmäßiger nninnt als Fischer, ist dafür charakteristisch; und jene Melodie läßt er inchr init der in ihr liegenden Eigenkraft wirken. Knüpfer hingegen nimmt den„Donglas" mehr sehnsüchtig, geheimnisvoll, weich; leider muß ihm die Weg- lassung der die Jugenderinnerungen hauptsächlich schildernden Stelle, ohne die der schlicßliche Ruf des Königs, wieder dahin zu reiten, seine Bedeutung größtenteils verliert, hart angeschriebeti werden. Alles in allem möchten»vir doch Herrn Gnra den Vorzug geben; seine erwähnte großzügige, Tarstellnng und dazu noch das Romantisch'.- Heroische, das er dem Werke abgewinnt, scheinen diesem am meisten gerecht zu tverdeii. Mit den» Charakter eines Gesamtausdnicks statt eines Einzelausdrucks, mit den einfachen großen Zügen, mit der in Anschlag und Ausdruck stets eingehaltenen Milde, die alle» Versuchungen zu scharfen Spitzen und Einzeleffekten(im Finale von Beethovens.As-dur Sonate vielleicht zu sehr) ausiveicht, und mit dem Schlichten und- rührend Zarten(zumal im Variationensatz dieser Sonate, dem dann freilich ein kräftigerer Zug in einer Chopinschen Ballade zur Seite trat)— mit all' dem steht der Klavierspieler Eonrad Ansorge andern Klavicrnieistern individuell gegenüber. Mit„Polnischen Liedern" von Chopin(deren erstes übrigens an unser„Steh' ich in finstrer Mitternacht" crinnerl) und mit dem Militärmarsch von Schubert— einer Komposition. die zeigt, wie auch eine solche Klasse von Musik künstlerisch be- handelt werden kann— hatte Ansorge noch eine besonders glückliche Wahl getroffen. Das Konzert, in welchem wir diese verhältnismäbig neuen Ein- drücke genossen, war wieder eine der volkstümlichen Veranstaltungen des rührigen C. M e n g e w e i n; und wieder bereicherte uns dessen „Madrigal"- Vereinigung mit historischen Gaben. Wie inter- essant war doch der Sprung von jenem weltlichen Kunstlied der Renaissance zum„Jungen'Schäfer", einer Melodie aus dem 18. Jahrhundert, die uns bereits in die gegenwärtige Weise des Melodischen mit dienender Harmonie, des taktmäßig Metrischen und des mehr oder minder strophisch Gegliederten führte I Und schließlich noch ein solches Ensemble- Lied: Löwes„An der Marienkirche", in welchem so recht zu erkennen war, wie dieser und andre ältere Komponisten im stände sind, mit der Melodie zugleich Ausdruck zu geben, und wie sie dadurch über solchen stehen, die nur mit dem einen von beiden Faktoren oder auch mit beiden, aber getrennt wirken. In den gewöhnlichen Konzerten uusrer Gesangvereine bekommt man freilich vorwiegend mit Kompositionen zu thnn, die weniger durch Ausdruck und mehr durch Melodie— leider nieist durch ältliche, bestenfalls zierlich idyllische— wirken. So war es auch Sonntags in dem Konzert des Gesangvereins sur gemischten Chor, der den so gut klingenden Namen seines Gründers Ludwig E r k, des Schöpfers und Bearbeiters so vieler Volks- und Jngendlicder, an der Spitze trägt. Das Konzert galt dem Ldjährigen Dirigenten-Jubiläum des Vereinsleiters, Musikdirektors G. G a e b I e r. Drei Sätze aus einer Klavier- sonate desselben zeigten eine sympathische, doch sehr an die Welt einer Familienscligkeit erinnernde Koinposilionsart und wurden von R i ch. I. E i ch b e r g nicht eben durchaus beut- lich herausgebracht. Anlaß zum Besuch und zu einer kritischen Würdigung dieses Konzerts gab uns die Ein- fügung von S ch u in a n n S Märchen„Der Rose Pilger- fahrt" in daS Programm. Die Dichtung, die diesem Werk zu Grunde liegt, von Heinrich Moritz Horn stammend, dürfte trotz ihres' vergangenen Geschmacks zu den besten Kompositions- grundlagen gehören'; und die Musik ist. trotz ihrer ebenso wie bei i, Paradies und die Per!" störenden Gleichförmigkeit und Snßlichkeit, doch eine ganz bedeutende Leistung. Man»nißte dies auch bei der Aufführung in jenem Konzert' fühlen, die offen gesagt nicht auf besonderer Höhe stand. Schon die Ersetzung des Orchesters durchs Klavier war eine Enttäuschung; der Chor war nicht innncr rem, die Solisten nicht inimcr beisammen, und Frl. Jordan in ihren Tönen so»»fest, daß das Ohr des Hörers oft eine» Eindruck hatte, wie ihn ein Auge von flimmerndem Lichterhält. Frl. R n w a ck war passabel, und Herr Domsäuger Rolle erledigte seine zweite große Aufgabe an diesein Tage so gut ivie die erste in dcnr»enlich erwähnten„Gntcnberg". Diese vier Solisten hatten zusammen zehn Partien zu vertreten! Zu den Sängerinnen, denen man ein ihre Mangel, zumal die uns so oft plagende Unfestigkcit der Töne überwindendes Studium wünschen möchte, weil sie inr übrigen so gutes leisten, gehören auch die Holländerinnen I. D o m c I ä und V. v a» A n I u m. Ihre Duelt- und auch Solovorträge zeigten ein so crusics Streben, mit einem Zug ins Herbe, daß>vir sie gern als ständige und sich stets vervollkommnende Bercicherer unsres Konzertlebens begrüßen möchten. lieber die bereits in unsrem lokalen Teil gewürdigte D bette G u i l b e r t glaubte ich nicht erst ein specifisch musikalisches Urteil hinzufügen zu sollen; was mir jedoch von lnndiger Seite über sie be- richtet tvird, macht dieL trotzdem erforderlich. Danach versteht esdieseVor- tragSlünstlerin, auch durch ihre Stimme, die eigentlich wenig Klang be- sitzt, so zu fcffcln, daß man den Eindruck erhält, so müsse es sein. Der Charakter in ihrer Stimme, die Sicherheit des Tons und auch die Beweglichkeit, der.Stimme, verbunden mit der Natürlichkeit und Freiheit des Hcrvorströmcns des TonS, fallen jedenfalls auf. Den durch Kunst zur höchsten Natürlichkeit gesteigerte»(sogenannten „primäre») Ton könnte manche Sängerin von ihr lernen.— »2. Kleittes Feuilleton» — Die chinesische Schrift bildet eines der größten Hindernisse für das Eindringen abendländischer Ideen ins Reich der Milte. Denn da sie ideographisch ist, also durch jedes Schriftzeichen einen be- stimmten Begriff bezeichnet, und nicht phonetisch, so läßt sich darin alles, was den Chinesen bisher ferngelegen hat, immer nur recht unvollkommen ausdrücken. Fast ausnahmslos kann ein Chinese mit einem gedruckten Aufsatz über ihni fremde europaische Dinge gar nichts anfangen, sondern er muß sich pon jemand, der Bescheid weiß, eine gründliche Erklärung dazu geben lassen. Theoretisch ist die Schwierigkeit freilich spielend aus dem Wege zu räumen: die Chinesen brauchen ja nur ihre krausen Schriftzeichen alle mit ein- ander über Bord zu Iverfen und statt ihrer lateinische Buchstaben anzunehmen. Die alte Civilisatio» steht aber einer solchen Neuerung sehr im Wege, und es ist nicht abzusehe», wie das bald anders werden soll. Im einzelne» sind auf dem angedeuteten Wege schon gute Erfolge erzielt worden. Die Chinesen haben eine an Scheu grenzende Verehrung für ihre Schriftzeichen. Die Verachtung, die sie gegen die Europäer hegen,. entspringt zum nicht geringen Teile daraus, daß sie ini Umgang mit Fremden fortwährend beobachten, wie sich diese so gar nicht um das Schicksal von weggeworfenem beschriebenem Papier kümmern. Das ist in ihren Augen einfach barbarisch. Sie selbst sammeln forgfältig die kleinsten Fetzen, worauf chinesische Schriftzeichcn stehen, um sie gelegentlich dem Feuergott zu überantworten. Reiche Leute glauben ein sehr gutes Werk zu thun, wenn sie auf ihre Kosten eigens Kulis durch die Straßen der Stadt schicken, um nachzu- sehen, ob auch irgeudlvo beschriebenes Papier liegt. In allen größeren Orten, ja' selbst im Chinesenviertel von Hongkong sind hier und da Kasten angebracht, worauf die Mahnung steht: Verehrt be- drucktcs Papier I In diese Kasten kann jeder, der vorbeikommt, Briefe oder andre Schriftstücke, deren er sich zu entledigen wünscht, hineinwerfen, und ist dann sicher, das; sie in Flammen aufgehen werden. Da die Schriftzeichen aus einer sehr verschiedenen Anzahl von Strichen bestehen, von einem bis zu niehr als zivanzig, so würde eine geschriebene oder gedruckte Seite einen höchst unsymmetrischen Eindruck machen, Ivenn' man de» einzelnen Teilen der zusammen- gesetzten Zeichen dieselbe Größe geben ivollte, wie den einfachen. Dem sucht jeder chinesische Lehrer nach Kräften entgegenzuarbeiten. Er sieht sorgfältig darauf, daß alle Schriftzeichcn gleichviel Raum einnehmen; die Schüler müssen also lernen, die komplizierten zu- saunnenzudrängen und die einfachen groß zu schreiben. Auf schöne und elegante Schrift wird im ganzen Reiche der Mitte viel gegeben. Gut geschriebene Schriftzeichen' iverden in mannigfachster Weise zu Verzierungen benutzt, weshalb Kalligraphen, die sich auf ihr Hand- werk verstehen, überall reichlichen Verdienst finde». Beinahe in jedem Laden sind die kahlen Wände mit Rollen von Papier ge- schmückt, ivorauf Verse ans den Dichtern oder geflügelte Worte aus den Klassikern stehen. Am beliebtesten sind die in antithetischer Form gehaltenen Aussprüche. Ferner läßt man sehr gern auf Porzellnnvasen kalligraphische Sprüche anbringen. Besonders schöne Schrift wird auch wohl in dicke Bambusstäbe eingeschnitten, die dann einen Zicrrat für die Wohnungen wohlhabender Leute ab- geben. Die vier zun: Schreibe» iiotwendigen Gegenstände werden „die vier kostbaren Tinge der Bücherei" genannt. Es sind dies Schreibpinscl, Tusche, Papier und Reibstein. Das beste Material für Schrcibpiusel gebe» die Haare von Zobeln und Füchsen ab; die Haare von Rehen, Katzen, Wölfen und Kaninchen benutzt man zur Herstellung von billigeren Pinseln. Die Halter Iverden aus Zweigen von einer bcsondern Art Bambus angefertigt, die man eigens für diesen Zweck anpflanzt. Gute Schreibpinsel müssen weich, aber dabei doch elastisch sein. Auch der Reibstein spielt durchaus keine unwichtige Rolle. Auf schlechten Reibsteinen liefert selbst die beste Tusche keine zusriedensiellende Flüssigkeit. Die meisten in China gebrauchten Reibsteine sind aus Thonschiefer(Argillit), wovon es sehr verschiedene Qualitäten gicbt. In der Art und Weise, ivie chinesische Knaben lernen müssen, die Schriftzeichcn ihrer schwierigen Sprache zu schreiben, zeigt sich eine unbegreifliche Perkennnng der Erfordernisse des praktischen Lebens. Statt nämlich die Schüler hauptsächlich Zeichen für Dinge lemen zu lassen, die ihnen im täglichen Leben vor die Augen kommen, gnält man sie mit Versen aus der Zeit der Tangdynastie(620 bis 807 ii. Chr.), so bald sie den Gebrauch des Schreibpinsels be- griffen haben. Und das sogar in Dorfschule» p Von der Bedeutung dessen, was sie schreiben, haben weder die Bauernjungen noch die stnabcn in den Städten die geringste Ahnung. Fragt man einen Chinesen nach dem Grunde für dieses in uns'rcn Augen geradezu verrückte System, so wird er antworten, das sei immer so gewesen. Die Poesie der Tangdhnastie sei hochbcrühmt, und deshalb könne kein Lehrer die althergebrachte Methode ändern, ohne sehr an An- sehen und an„Gesicht" z» verlieren. Die bösen Folgen des schlechten Shstems sind täglich mit Händen zu greifen. Hunderttausende von Schülern, die nur eine Elementarschule besucht haben, kennen bei ihrem Abgange größtenteils nur solche Schriftzeichen, die im prak- tischen Leben nicht zu gebrauchen sind. Daher die wunderliche Er- scheinnna, daß sie Verse, die mehr als tausend Jahre alt sind, aus dem Gedächtnis richtig aufschreiben, während sie bei der Abfassung des einfachsten Briefs oder bei der Aufnahme eines Inventars von Haushaltungsgegenständen die gröbsten Fehler machen.— („Köln. Ztg.") re. Tie Gctvi»«ni»g von Ahornzucker. Der amerikanische Zuckerahorir{Acer saccharinurn) mit seinen schönen rötlichen Blüten hat sich auch in Mittel-Europa in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr eingebürgert, aber eine Verbreitung hat die in dem Namen des Baums ausgedrückte Eigenschaft des' Zuckergehalts nur in dessen nordamerikanischer Heimat gefunden. Wegen der Billigkeit des Rohr- und Rübenzuckers liegt nicht gerade eine Notwendigkeit vor, die Zuckergewinnung aus dem Ahorn zu einer großen In- dustrie zu machen, aber in Kanada benutzen immer- hin viele Besitzer von ländlichen Grundstücken eine kleine Pflanzung von Ahornbäumen dazu, den Zucker für ihren Be- darf selbst zu bereiten. Jede Pflanzung oder wie man dort sagt, jeder Busch besteht gewöhnlich aus 4— 600, im Höchstfalle bis zu 1500 Bäumen' Jeder Baum liefert zwischen 450 und 1800 oder im Mittel etwa 1100 Gramm Zucker während eines JahrS. DaS erscheint recht wenig, aber es ist zu berücksichtigen, daß der Saftfluß, soweit er dem Baum ohne Schade» entzogen werden kann, nur 10 Tage bis höchstens drei Wochen anhält, in der Regel fällt er in die Zeit zwischen dem 10. März und dem 20. April. In der Pro- vinz Quebec besonders ist jeder Landwirt sein eigner Zuckerfabrikant, und er kann sogar leicht noch etwas von dem Erzeugnis verkaufen. Ahornzucker hat einen feinen und recht angenehmen Geschmack, der ein wenig an Honig erinnert. Die gesamte Menge dieses ZuckerS, die in Kanada gewonnen wird. läßt sich nicht angeben, ist aber jedenfalls nicht unbeträchtlich, da manche Landwirte bis zu 140 Tentner jährlich aus ihren Planznngen ziehe», llebrigens wird ein großer Teil des Safts nicht in eigent- lichen Zucker verivandelt, sondern einfach als Syrup verbraucht. Die Gewinnung des Zuckers ist sehr einfach: Es wird zu der bestimmten Jahreszeit ein Schnitt in die Rinde der Bäume gemacht und unter diesem ein Behälter befestigt, in den der Saft hineinfließt. Ein einzelner Mann kann dieses Geschäft au 600 Dänmen während eines Tages besorgen. Etwas umständlicher ist die Einsammlung des Saftes, da jeder'Baum zweimal täglich untersucht werden muß. ob eS nötig ist, das Gefäß niit dem Zuckersaft auszuleeren. Der gesamte Saft kommt schließlich in einen große» Behälter, wo man ihn zum ersten- male verdanrpfen läßt. Daraus entsteht der Syrup. erst bei einer zweiten Verdampfung entsteht der eigentliche Zucker, der aber nicht einen schönen weißen, aus kleinen Krhställchen zusammcugesctzten Körper darstellt, sondern eine unansehnliche, braune, lönüge Masse bildet.- Aus dem Ticrlebcn. Der Girlitz. Fritz Braun schreibt in der Wochen- schrift„Nerthns*: Kaum eine andre Vogelfonn hat sich so bildsam erwiesen, wie die des Finken. Hier ist aus der Grundforn» ein zier- sicher Zeisig, dort ein behäbiger Kreuzsckmabel oder gar ein sckmabel- gewaltiger Kirschkernbeißer geworden. Zu den beliebteste» Gestalten, in denen sich das Finkeugeschlecht den, Menschen zeigt, gehört der kleine, gelbgn'ine Girlitz(Fringilla sernius). DaS Vögclchen ist wie ein Eroberer von Südwesten her in unser Vaterland eingedrimgen; zu Beginn unsres Jahrhunderts war es selbst im Badiichen ein seltener Gast und bener zählt cS schon bei Danzig zu den häufigen Vrutvvgelu. Zu den auffällige» sicher, denn wo der kleine Gesell sich anfiedelt, da hört nian gar bald seine klirrende Weise, die fast dem Schwirre» einer Heuschrecke gleicht, da steht man gar bald auch ihn selber in seinem gewandten Zickzackflng von Bannuvipfel zu Bamnwipfel streichen. In seinem Landschaftsgeschmack ist der schmucke Gesell dein alt- klassischen, italischen Ideal tre» geblieben. DaS schaurig« Dunkel der Wälder, die kahlen Hänge der Berge meidet er, dort, wo die Natur.liebend und wiedergeliebt' an den freundlichen Menschen sich an- schließt, wo Baumgänge und Gärten. Feldstücke und Banmgruppen abwechseln, dort ist sein Revier. Da» Kind des Südens ist auch ein Freund der»vannen Sonne, an die höchsten Aeste der Bäninchen, die freieften Ziveige der hochstrebenden Tanne nestelt eS sich an, in der Lust sucht eS den Gegner, den Rivalen in kühnen Wendungen, in blitzschnellen Flugmanövern zu überbieten. Klatscht aber der Regen ins Laubiverk, ächzen die Ziveige unter dem Drange verspäteter Friihlingsstürm«, so scheint der lustige Vogel schier verschwunden zu sein und birgt sich in sicherem Versteck; ein solches Wetter ist nicht nach seinem Geschmack. Sein schmucke?, sorgfältig nach bester Finkemnanier gebaute» Nestlein wird der Sucher am ehesten finden, der den herkömmlichen Standort der Stieglitznester kennt, da der Girlitz ebenso wie jener bunte Harlekin in hohen Astgabeln mittelgroßer Bäume zu siedeln Pflegt. Fallen im Oktober kalte Siegen, legt sich nächtlicher Reif m» Baumast und Blattwerk, dann zieht es das Hirngritterl, wie der Schwabe unser Vöglein nennt, in wärmere Gaue. Wahrscheinlich streicht er mehr West- als südwärts; in Holland beispielsweise hat man den Girlitz nur im Spätherbst und Winter gefangen. I» neuester Zeit sind auch, allerdings sehr vereinzelte Beispiele seines Ueberwinterns im deutschen Quartier bekannt geworden. Der Lieb- haber, der unsren Freund in den finkenbelebten Flngkäfig setzt, wird an ihm sicher viel Freude erleben, namentlich ivenn er am Dach des geräumigen Behälter» eine Art Schaukel anbringt, um die berinn der Girlitz seine Flugkünste, sein« flederuianSartigen Zickzack- Wendungen üben kann. Rur darf man ihm nicht ungefiige, zänkische Gesellen geben, denn wem, da» Gntterl auch kühn»nd mutig ist, hinfällig bleibt eS doch, und ein einziger boshafter Biß kann uns leicht eines lieblichen Freunds berauben.— Aus de« Pflanzenleben. äs. Die künstliche Befruchtung der Pflanzen ist gelegentlich für den Gartenbau von größter Bedeutung. Man kann oft seitens der Blumenzüchter darüber klagen hören, daß es gar nicht gelingen ivill, von einem ausländischen GclvächS, das sie gern zu einer Gartenpflanze heranziehen möchten, Samen zu gewinne». Auch wenn aus Hunderten von Sänilingen die besten ausgeivählt und eine Befruchtung mit dem Blütenstaub einer minderwertigen Blume verhindert wird. so daß also ein ausgezeichneter Nachlvuchs gesichert wäre, bleibt oft zur Enttäuschung des Züchters die Samenenttvicklung ganz au». Ein Mitarbeiter der„Garteuflora" bringt diese' Thatsache mit Bezug auf einige bekannte auSländischc Pflanzen zur Sprache und giebt' gleich- zeitig das Mittel an, die Unfruchtbarkeit solcher Gewächse zu über- winden, so bei der kanadischen Flammenblume, bei einer südlichen Art des Kellerhalse», der virginischcn Palmenlilie(Yncca filarnentosa) und andre. Woran siegt c» nun. daß diese Pflanzen bei uns keinen Samen treiben 7 Die Natur ist darauf bedacht gewesen, dke Blüten vieler Pflanzen so zu gestalten, daß eine Selbstbeftuchtung vermieden wird und daß vielmehr die Befruchtung durch den Blütenstaub andrer Exemplare bewirft werden muß. Dazu find nun gewisse Zwischenträger nötig geworden, die den Blütenstaub von einer Pflanze auf die andre schaffen. Als solche dienen hauptsächlich der Wind und die Insekten. Wind ist ja überall vorhanden, aber die Insekten, die oft genug auf eine Pflanze besonders eingeübt sein müssen, um zur Narbe der Frucht zu gelaugeu. fehlen häufig, ivenn das Gewächs an einen neuen Standort verpflanzt wird. In diesem Fall nmß der Pflanzenzüchter zur künstlichen Befruchtung schreiten. Löbner beschreibt, welches Verfahren er dazu bei ver- schiedenen Blüten anwendet. Bei der kanadischen Flammenblume faßt er den Blütenstern in der Mitte und reißt ihn vorsichtig auseinander, bis er die zwei- oder dreifach übereinander sitzenden Staubbeutel bloßgelegt hat. Auf diese tupft er kräftig mit einem Pinsel, der sich dann mit gelbem Blütenstaub bedeckt, und geht damit zu andren Blüten derselben Art. die dem Verblühen nahe sind, reißt auch bei diesen die Röhre der Blnmenkrone bis auf den Grund auseinander, und betupft mit seinem Pinsel dort die Narbe dcS dreiteiligen Grissels. Am nächsten Tage ist diese Blüte gewöhnlich ivelk, das erste Zeichen, das die Befruchtung erfolgt ist. Mittels dieses Kunstgriffs ist es dem Pflanzeuzüchter gelmigen, Hunderte von Früchten dieser Pflanze zu ernten, die sich sonst bei uns nicht fortpflanzt. Noch lveit anziehender vollzieht sich die künstliche Befruchtung der virginischcn Palmenlilie, die ebenfalls bei uns niemals Samen ansetzt. Anfangs hatte Löbner damit keinen Erfolg, bis er sich darüber unterrichtete, wie in der Heimat der Pflanze deren natürliche Befruchtung erfolgt. Es giebt dort eine kleine Schmettcrlingsart, die sogenannte Avcca- Motte, deren Weibchen die«iiigcsammelten Pollen mit einer besonderen Vorrichtung am Rüssel zusammeubavt und sie dann auf einer andren Blüte durch die trilbterförmigc Vertiefung in die Spitze des Griffels hinunterslopft uud so die Befruchtung der Narbe ver- mittelt. Wie geivöbnlich stellt das Tier für seine Mühe eine Gegen- rechnung: Die Motte legt uämiich vorher ihre Eier in dem Frnckt- knoten ab, und die sich daraus entwickelnden Räupchen bedienen sich eines Teils der gewachsenen Samen zu ihrer ersten Nahrung. ES besteht hier also gewissermaßen zwischen Pflanze uud Tier ein fester Kontrakt von Leistung»nd Gegenleistung, uidcm jenes die Be- frucktung zu vollziehen, dieses dagegen einen Teil ihrer Nachkouimen- schaft aii die Nachkommenschaft dcö TierS abzugeben hat. Löbner hat nun diesen Vorgang nachgeahmt, indem er mit einer Messerspitze den Pollen in den Griffel der Blüte hineinstopft, gerade wie eS die Motte mit ihrem Rüssel thut, und auf diesem Wege hat er bereits Tausende von Samen der virginischen Palmenlilie gcerntet. öutnoriftiirtieS. — Vorsichtig. Bekannter:„Wie, Sie rasieren sich selbst; warum gehen Sie nicht zu dem Barbier, der bei Ihne» im Hause wohnt Heiratsvermittler:„Wissen Sie. das ist mir zu ge« fährlich... dem Menschen habe ich eine Frau besorgt I'— — Die Suppe. S chiffs kapitän:„Sagen Sie einmal Kellner, was ist denn das?" Kellner:„Bonillousuppe, Herr Kapitän." Schiffskapitän:„Suppe? Na, dann bin ich meiner Leb- tag auf lauter Bouillon gefahren."— Drastisch. Nichter fbci der Verhandlung nach einer Rauferei):„Der Angeklagte behauptet, er hätte Ihnen, als Sie da- lagen, nur zwei Fußtritte gegeben?" Kläger:„Js uet wahr, g'schuh Plattelt hat er auf mir!"—(„Meggend. huin. Bl."j Notizen. — Paul Lindau beabsichtigt, in der Zeil vom 1. bis 16. Mai mit dem Ensemble des Berliner Theaters in Budapest zu gastieren, wo Bjönisons„lieber unsre Kraft" l. uud U. Teil zur Ausführung gelangen soll. Falls das Stück in Wien von der Censnr freigegeben wird, soll das Gastspiel auch auf das Wiener deutsche Volks-Theater ausgedehnt werden. —„Da» Riesenkind", ein Schwank von Richard M a n z, erzielte bei der Erstaufführung im M ü n ch e n e r Gärtnerplatz-Theater einen Lachcrfolg.— — Eine französische Operette ngeselkschaft wird vom 20. Februar ab im Theater des Westens gastieren.— — S i d n e y Jones Operette„ S a ni Tay" geht am 16. Februar im Central-Theater zum erstenmal in Sccne. — MaScagni will seine Oper ,M äschere" in Pari« und Wien unter seiner persönlichen Direktion von einer italienischen Truppe aufführen lassen.— —„Auf neutralem Boden", eine Oper von G r a m m a n, wurde im Ha ni burger Stadttheater bei« fällig aufgenommen.— — Eine„Röntgen-BuSstellung" wird gelegentlich der 73. Naturforscher-Versammlung vom 22. bis 29. September in Hamburg stattfinden.— Verantwortlicher Rcdacteur: Wilhelm Schröder in Wilmersdorf. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.